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Full text of "Der Kinder-Arzt = Kinderarzt - Zeitschrift für Kinderheilkunde (Sonnenberger) 9.1898"

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BOSTON 





































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Der Kinder-Arzt 

IX. Jahrgang. 1898. 


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Der Kinder-Arzt. 


Zeitschrift für Kinderheilkunde 


unter 


Mitwirkung hervorragender Fachärzte 


herausgegeben 


von 

Dr. med. Sonnenberger, 

Spezialarzt für Kinderkrankheiten in Worms. 


IX. Jahrgang. 1898. 


VERLAG DES * 




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B. KONEGEN. 


^ -Leipzig- ^ 

1898. 


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u.TALOGUED 

AP* 30 190« 

E. H. B. 


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Register 

zum Jahrgang IX des „Kinder-Arzt.“ 


Originalien: 

B aron , Petroleum Vergiftungen im Kindes¬ 
alter. 75. 

Baum, Theinhardt’s Kindernahrung und 
Hygiama. 7. 

Drews, Originalbericht über die Ver¬ 
handlungen der Abteilung für Kinder¬ 
heilkunde der 69, Vers, deutsch. Natur¬ 
forscher und Aerzte zu Braunschweig 
2 . 

Friedmann, Chronische Obstipation im 
Kindesalter. 193. 

Fürst, Wiederbelebung scheintoter Neu¬ 
geborener. 25. 

Klautsch, Eutrophia-Tablettten im 
Kindesalter. 49. 

Köppen, Ueber Orphol. 241, 266. 

Kühner. Ziegenmilch und Ziegenzucht. 
128 

— Ueber pädagogische Pathologie. 169. 

Liebmann, Ueber das Stottern. 96. 

S c h m e y , Originalbericht über den XVI. 
Kongress f. innere Medizin. 121. 

Sonnenberger, die verschiedenen 
Methoden zur Wiederbelebung schein¬ 
toter Neugeborener. 30. 

— Bericht über den 17. Kongress der 
deutschen Gesellschaft für Chirurgie. 
148. 

Whinna, Orphol, ein ideales Heilmittel 
bei diarrhoeartigen Krankheiten. 145. 

Zillessen, Originalbericht über die Ver¬ 
handlungen der Abteilung für Kinder¬ 
heilkunde der 70. Versammlung deutsch. 
Naturforscher und Aerzte zu Düsseldorf. 
244. 268. 

Referate: 

Abel, Bakteriologie der Stomatitis und 
Amgina ulcerosa. 253. 

Andriotaki, Nephritis. 84. 

Antonielli, Syphilis. 219. 


i d’Astros, Hydrocephalus. 210. 

- Herzpalpitationen bei Kindern. 264. 

B a b e a u , Rhachitis. 206. 

I Baginsky, Blutentziehungen, 186. 

, Baron, Barlow’sche Krankheit. 204. 
Bauermeister. Hydrocephalus. 5. 
Behla, Keuchhusten. 201. 

Belin, Diphtherieheilserum. 77. 
Bendix, Menstruation u. Lactation. 268. 
Berg, Diphtherieheilserum. 77. 
Bernard, Masern. 34. 

Berthold, Plötzliche Todesfälle. 97. 

B e z y , Hysterie. 86. 

Binz, Frostbeulen. 14. 

Bittner, Fremdkörper im Bronchus 258. 
Bla sch ko, Rötheln. 65, 

Bötticher, Diphtherieheilserum. 101. 
Bourdin, Tanaigen. 18. 

Brissand, De I’infantilisme myxoede- 
mateux. 14. 

Buch, Lakenabreibungen. 89. 

; B u s d r a g h i, Keuchhusten. 35. 

Bu s que t, Angina. 13. 

Ca^pitan und Croissier, Fettsucht. 
109. 

Carstens, Vor- und Nachteile d. sterili¬ 
sierten Milch. 247. 

Cattaneo, Obstipation. 184. 

C e r i o 1 i, Diphtherieheilserum bei Keuch¬ 
husten. 217. 

' C 1 e 8 s i n , Plötzlicher Tod. 102. 

C o m b e , Alkoholismus. 236, 

C o m b y , Schlaflosigkeit. 88. 

| — Tuberkulose. 133. 
j — Verdauungsfieber. 137. 

C o n t al, Infektionskrankheiten. 76. 

I Dan is, Schilddrüse und Wachstum der 
I Knochen. 110. 
j Desmon, Bronchopneumonie. 84. 
j D e z i r o t, Morbus Addisonii. 227. 
i D oll in g er, Angeborene Schenkelfraktur 
iß. 

| — Oberschenkelfrakturen 186, 
i Drews, Somatose. 19. 


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IV 


Eberson, Peronin. 18. | 

— Ichthyol. 234. i 

E i c h h o f f, Captol. 20. | 

Einhorn und Heinz, Orthoform. 65. ; 
Escherich, Röntgenverfahren. 229. 

— Bakterien als ätiologisches Moment bei i 

Darmkrankheiten der Säuglinge. 245. ' 

d ’ E s p i n e, Generalisierte Vaccine. 250. [ 
E v e , Kinderlähmungen. 232. 

Fajio, Antipyrin und Laktophenin. 234. 
Federici, Tuberkulose. 135. 

Feodoroff, Chorea. 61. 

Finger, Syphilis. 180, 202. 

Fischer, Pertussin. 257. I 

Fischl, zur Kenntnis der Encephalitis j 
beim Säugling 268, I 

—, Ueber die Anämien im frühen Kindes- j 
alter 277. I 

Folger, Masern. 55. 

Fournier, Diphtherieheilserum. 8. 

—, Erworbene Kindersyphilis 279. 

Freudenb erg, Nähr- und Genussmittel. 

113. | 

Freyberger. Fluidextrakt der Rhus i 
aromatica bei Incontinentia urinae. 254. j 
F u c h 8 , Posticuslähmung bei Diphtherie | 
nach Intubation 270. . 

Fürst, Influenza. 56. j 

— Geschwülste im Kindesalter. 246. 

Fuld, Stottern. 41. ! 

Galli, Gastroenteritis acuta 158. I 

Gisler, Tuberkulose. 83. 

Gregor, über eine künstliche Ernährung 
kranker Säuglinge. 251. 

Grosch, Tinctura Jodi simplex b. in- 
fectiösen Magendarmkrankheiten 283. | 

Grünfeld, Darmkatarrh. 136. ( 

G u i n o n , Colitis. 203. I 

Hammerschlag, Skrofulöse. 103. : 

Heermann, Adenoide Wucherungen, j 

220. I 

H e 1 f e r i c h, Okulare Antisepsis. 62. 
Hennig, Chronische Diphtherie. 196. ! 

Hirota, Kakke (Beriberi). 158. 

Hock, Catarrhe der Respirationsorgane. 1 
105. I 

Hörs ch elmann , Behandlung der Variola j 
mit Ichthyol. 252. > 

Hoffa, Gliederstarre. 230. i 

Huber und Blum enthal, Antitoxische ; 
Wirkung des menschlichen Blutserums. 
38. 

Jacubo witsch, Verdauungsfermente. 
184. 

Johanessen und Wang, Ernährungs- 
Physiologie. 224. 

Johnston , Hauttuberkulose. 37. 
Jürgensen, Masern. 80. 

Kaposi, Kriechkrankheit. 182. 
Kassowitz, Diphtherieheilserum. 197. ' 
Katzenstein, Syphilis. 218. I 

Keller, Eiweissüberernährung. 204. I 


— Kohlehydrate und Stoffwechsel der 
Säuglinge. 246. 

— über eine künstliche Ernährung kranker 
Säuglinge. 251. 

Klemm, Säuglingsernährung. 160. 
Knöpfelm acher, Zur Lehre v. d. Milch¬ 
verdauung 272. 

— Kuhmilch Verdauung 39. 

— Fett im Säuglingsalter. 62. 

— Verdauungsrückstände bei Kuhmilch¬ 
nahrung. 159. 

Köppe, Salzgehalt der Milch. 222. 
Koppen, Masern. 201. 

Körte, Exstirpation des persistirenden 
ductus omphalo-mesentericus. 112. 
Koplik, Masern. 155. 

Krau ss , Kufeke’s Kindermehl. 90. 
Kretz, Diphtherieheilserum. 154. 

K u ttn er , Störgn. d. Harnentleerung. 163. 
L aas er, Adenoide Wucherungen. 91. 
Landau, Somatose. 236. 

— Tannoform in der Kinderpraxis. 267. 
Lange, Myxoedem 278. 

—, Salaamkrampf. 6. 

— Soolbäderbehandlung. 112. 

—, Spondylitis 269. 

— Christen, Skoliose. 258. 

Laryngitis acuta. 48. 

Levy-Biedert, Tuberculose u. Kinder¬ 
sterblichkeit 279. 

Lewin, Pleuritis. 225. 

Lindemann, Patellar- und Olecranon- 
frakturen. 16. 

Lohnstein, Diphtherieheilserum. 8. 
Meyer, Künstliche Milch. 162. 
Mongour, Kinderdiarrhoe. 107. 

Monti, Diphtherieheilserum. 76. 

Miller und Manieatide, Magendarm¬ 
erkrankungen. 108. 

Moro, diastatisches Enzym. 224. 

M o s e 8, Unterleibstyphus. 36. 

Nannotti und Baciocchi, Peritonitis 
tuberculosa. 36. 

Niossen, Diabetes mellitus. 41. 

Nolen, Gonorrhoe. 136. 

Patry, choröa variable. 40. 

P ei per, Tierische Parasiten. 57. 
Perutz, Osteomyelitis. 156. 

Petersen, Laryngoskopie. 111. 
Pfaundler, Serodiagnostische Fragen in 
der Pädiatrie 271. 

— Ueber Lumpalpunction i. Kindesalter.277 
Pineies, Cerebrale Kinderlähmung. 105. 
Pollmann, Leukämie. 157. 
Pospischill, Scharlach. 102. 
Raczynsky, Lumbalpunktion. 136. 
Ranke v., Verknöcherung der Hand 

unter Röntgenbeleucutung 269. 
Raymond, Encephalitis diffusa. 38. 
Reinecke, Bromoformvergiftung. 236. 
Riether, Darm Verschluss. 59. 

Ritter, Skrophulose. 4. 


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— V - 


—, der Zopf in unserer Desinfections- 
praxis. 278. 

Rocaz, Tuberculöse Peritonitis. 134. 
Rüdinger, Diastasen d. linea alba 17. 
Sänger, Funktionelle nervöse Erkrank¬ 
ungen. 207. 

Schanz, Kongenitale Hüftverrenkung. 222. 

— Kongenitale Contrakturen, 233. 
Schenk, Öeschechtsverhältniss. 212, 

S ch illin g . Bronchiolitis. 104. 
Schlossmann, Impfschädigungen. 4. 

— Wohnungsdesinfektion mittels Glyko- 
formal. 247. 

Schmid-Monnard, Nahrungsmengen 
normaler Flaschenkinder. 251. 
Schmidt, Tanninhaltige Milchsomatose. 
185. 

Schmitz, Bauchfelltuberkulose 166. 
Schröder, Bad der Neugeborenen. 89. 
Schüppers, Tannigen. 19. 

Scbilleau, Ectopie des Hodens. 64. 
Sehwald, da Abnabeln und die Wieder¬ 
belebung Neugeborener. 255. 

Seifert, Adenoide Vegetationen. 208. 
Seitz, Scharlach. 81. 

Siegert, Ueber die Anämie im frühen 
Kindesalter. 273. 

— Ueber typische Osteomalacie im Kindes¬ 
alter 276. 

Slawyk, Diphtherieheilserum. 79. 

—, Masern. 179. 

Soltmann, Herzgeräusche im Kindes¬ 
alter. 1 2. 

— Herzdiagnose. 226. 

S o k o 1 o f f, Blennorrhoische Arthritis, j 
104. 

Stadelmann, Lumbalpunktion. 62. 
Starck, v., Nachteile der Milchsterili- I 
sirung. 248. 

Steffen, Ernährung im Kindesalter. 182. 
Steinbrügge, Mittelohreiterung. 106. 
Steiner, Anorexie. 60. 

Strisower, Masern. 200. 

Strübing, Laryngospasmus. 205. 

S u t i 1 s , Regelmässige Wägungen bei 
Kindern im frühen Lebensalter. 259. 
Szalardi, Syphilis. 82. 

Testloin. Gesichtserysipel. 203. 
Theodor, Spina bifida. 5. 

Thiry, Allgemeine progressive Paralyse. 

2H. 

Unikoff, Diazoreaktion. 61. I 

Var gas, Keuchhusten. 103. 

Vehmeyer, Diphtherie. 135. 

Vergely, Gastroenteritis. 84, 221. 

Villa, Subkutane Eiseninjektionen bei 
anämischen Kindern. 256. 

Wagner, Wundbehandlung. 41, j 

Walger, Serumtherapie. 9. 

W.e i n 1 e c hn e r , Schädelfrakturen. 15. 
Wirz, Thiol. 64. j 

Wolter8, Scabies. 219. | 


Woodhead, Postdiphtherische Lähm 
ungen. 253. 

Zappert. Degenerationen im kindlichen 
Centralnervensystem 275. 

Zimmermann, Pseudokroup. 220. 

Gesundheitspflege. 

Berger, Bedeutung des Wetters für 
die Infektionskrankheiten. 114. 

B o r e 1, Ueber die Dauer der Ansteckungs¬ 
fähigkeit d. Scharlach. 188. 

Formalin-Desinfektionsmethode. 91. 

K r e m s i c 8 . Zur Frage der Ueber- 
bürdung unserer Schuljugend, 67. 

L a a s e r, Einige schulhygienische Be- 

. trachtungen. 260. 

Lewy, Gefährliches Spielzeug. 213. 

Li6vin und Finger, Bekämpfung der 
Granulöse. 238. 

Macdonald, Geistesarbeit u. Atmung 
bei Schülern 21. 

Mendelsohn, Radfahren und Herz- 
thätigkeit. 139. 

Rosenfeld, Arbeitsschulen für Ver 
krüppelte. 260. 

Schlossmann, Ueber die Ursachen hoher 
Säuglingssterblichkeit. 42. 

Schmidt-Monn ard, Einfluss der Schule 
auf Körperentwicklung und Gesundheit 
der Jugend 284. 

Schulärzte in Königsberg. 146. 

Wagner, Unterricht und Ermüdung. 21. 

Zähne, Untersuchung ders. bei Schul¬ 
kindern in Wiesbaden. 164. 


Rezensionen. 

Arnold, Repetitorium der Chemie. 8 
Aufl, 117. 

Baldwin und Ort mann, die Ent¬ 
wickelung des Geistes beim Kinde und 
der Rasse 140. 

Bernheim, die Pathogenese u. Serum¬ 
therapie der schweren Rachendiphth#rie. 
214. 

B ö i n g, Neue Untersuchungen zur Pocken- 
und Impffrage. 141. 

C r o m e r, Grundriss der internen Therapie, 
239. 

Dolega, Zur Pathologie und Therapie 
der kindlichen Skoliose. 214. 

Dornblüth, Kochbuch für Kranke. 141. 

Freud, d. infantile Cerebrallähmung. 45. 

Freyberger, The Pocket formulary for 
the treatment of disease in children. 
19 °. 

G i 11 e t, Formulaire d’hygiöne infantile 
individuelle. 261. 

H a r n a c k , die Hauptthatsachen der 
Chemie. 2. Aufl. 23. 


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VI 


Jacobi-Reunert, Therapie des Säug¬ 
lings- und Kindesalters 285. 

de Jager, Verdauung und Assimilation 
des gesunden und kranken Säuglings i 
nebst einer rationellen Methode d. Säug- ' 
lingsernährung. 214. 

Kühner, die Hygiene. 22. 

Lange, Physiologie, Pathologie u. Pflege 
der Neugeborenen. 68. 

Lazarus, Krankenpflege. 262. 

Leistikow, Therapie d. Hautkrankheiten. 
141. 

Liebmann, Vorlesungen über Sprach¬ 
störungen 1. und 2. Heft. 238. 

Löwenstein, die Beschneidung im 
Lichte der heutigen med. Wissen¬ 
schaft 44. 

Lueddeckens, Ein Beitrag zur sicheren 
Behandlung von Diphtherie u. Scharlach 
ohne Serum. 93. 

Mantegazza, Physiologie des Weibes. 

4. Aufl. Uebers. von Teuschjer. 262. 

Meyer, Sport und Schule. 44. 

Michaelis, Belladonna als Heilpflanze. 
69. 

Monti, Kinderheilkunde in Einzeldar¬ 
stellungen. Heft 3—5. 285. 

Moritz, Grundzüge d. Krankenernährung. 
189. 

Neumann, Oeffentlicher Kinderschutz. 
140. 


i Otto, Anleitung zur Ausmittelung der 
Gifte. 7. Aufl. 23. 

Pfeiffer, Verhandlungen der 14. Vers, 
der Gesellschaft für Kinderheilkunde in 
Braunschweig 1897. 165. 

Piper, der kleine Sprachmeister. 239. 

Rosenfeld, die Diagnostik der inneren 
Krankheiten mittels Köntgenstrahlen. 22. 

Schill, Jahresbericht über d. Fortschritte 
der Diagnostik 1897. 4. Jahrg. 165. 

Schleich, Schmerzlose Operationen. 
3. Aufl. 92. 

Schumann und G i 1 g, das Pflanzenreich. 
69. 

Schwabe, Studien über die Neben¬ 
wirkungen des Diphtherieheilserums. 
115. 

Schwalbe, Grundriss d. spez. Pathologie 
und Therapie. 1. und 2. Lfrg. 117. 

Seifert, Gerhardt’s Lehrbuch d. Kinder¬ 
krankheiten, I. Bd. 5. Auflage. 69. 

Suchannek, Ueber Diphtherie d. oberen 
Luftwege. 116. 

Taussig, Ernährung und Pflege des 
Kindes bis zum Ende des 2. Lebens¬ 
jahres. 94. 

Vulpius, Aus d. orthopäd.-chirurgischen 
Praxis. 116. 

Ziehen, Leitfaden der physiologischen 
, Psychologie. 4. Aufl. 166. 
j Zuckerkandl, Atlas und Grundriss der 
| Chirurg. Operationslehre. 116. 


Sachregister. 


A. 

Abnabeln 255. 

Acetonurie bei Gastroenteritis 84. 
Addison’sehe Krankheit 227. 
Adenoide Wucherungen 91, 208, 220 
Alkalische Wasserdiät 167. 
Alkoholismus bei Kindern 236, 273. 
Alumnol 26. 

Anämie bei Kindern 256, 273. 
Anaestheticum, locales 24, 65, 150. 
Analepticum 192. 

Analgesie, lokale 150. 

Angina 13, 253 
Anorexie 60. 

Antipyrin 234. 

Antisepsis, oculare 62. 

Arbeitsschulen f. Verkrüppelte 260. 
Arthritis blennorrliagica 104. 
Arzneidosen f. Kinder 142. 

Ascites bei jungen Mädchen 46. 
Asepsis 148. 

Asphyxie der Neugeborenen 71. 


Asthma, nervöses bronchiales 71. 
Atelectasis 104. 

Atrophische Kinder 166. 

Autointoxication. intestinale 123. 

B. 

j Bacterien. Rolle ders. in der Aetiologie d. 
Darmerkrankungen der Säuglinge 215. 
Bad der Neugeborenen 90, 117, 118. 
Bäder, künstliche 70, ll'\ 

— heisse 122. 

Barlow’sche Krankheit 204. 

Belladonna 67. 

Beschneidung 44. 

Bierhefe bei Furunkulose 118. 

Bismutan 215. 

Blennorrhagische Arthritis 104. 

Blut, menschliches, antitoxische und thera¬ 
peutische Wirkung dess. nach Infections- 
krankheiten 38. 

— entziehungen in der Kinderheilkunde 
186. 

Brandwunden 65. 


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— vn - 


Bromoformvergiffcungen 235. 
Bronchektasie 94. 

Bronchitis 216, 263, 

Broncholitis 104. 

Bronchopneumonie 84. 

Bronchus, Fremdkörper in dems. 258. 

C. 

Calot’sches Verfahren 151. 

Camphoroxol 41. 

Captol 20. 

Caries 96. 

Carniferrin 70. 

Centralblatt f. d. Grenzgebiete d. Medizin 
u. Chirurgie 48. 

— nervensystem, Degenerationen in dems. 
275. 

Cerebrallähmung, infantile 45, 105. 
Chemie, Hauptthatsachen ders. 23. 

— Repetitorium ders. 117. 

China-Calisaya*Elixir 96. 

Chloasma 72. 

Chlorose 70, 122. 

Chlorose thyroidionne 95. 

Chorea 40, 61, 167. 

Cirrhose der Leber 71. 

Coecum, Axendrehung d. 152. 

Colitis 203. 

Congress, 16. f. innere Medizin 72, 122. 
Contracturen, congenitale multiple 233. 
Creosotal 144. 

D. 

Darmantisepsis 123. 

— catarrh 136, 144, 192 — einklemmung 
162. —einstülp ung 152. —erkrankungen 
der Säuglinge 215. — resection 153. 

— stenose 155. — Verschluss durch einen 
Rottumor 59. 

Dentition 95, 144. 

Desinfektion d. Fäces 264. 

— mittelst Formalin 91. 

— mittelst Glycoformal 247. 

— sverfahren, Zopf im 278. 

Diabetes mellitus 41, 48. 

Diagnostik, Jahresbericht über die Fort¬ 
schritte ders. in 1897 165. 

Diarrhoe der Kinder 107, 145, 167. 
Diastasen der linea alba 17. 

Diastatisches Enzym in Säuglingsstühlen u. 
Muttermilch 224. 

Diazoreaktion im Säuglingsharn 61. 
Difluordiphenyl 239, 240. 

Diphtherie 8, 46, 47, 70, 71. 76, 93, 94, 
96, 101, 115, 116, 119, 126, 135, 153, 
154, 192, 196, 197, 198, 214, 215, 253, 
262, 263, 270. 

— heilserum 8, 71, 76, 94, 101, 115, 119, 
153, 154, 167, 197, 198, 214, 215, 218, 
262. 

— tod 154, 197. 


— toxin 191. 

Ductus omphalo-mesentericus, Exstir¬ 
pation dess. 124. 

Duodenalgeschwüre bei Kindern 143. 
Duotal 144. 

Dural-Infusion 124. 

Dysenterie 48. 

E. 

Eclampsia infantum 168. 

Ectopie des Hodens 64. 

Eczem 94, 120, 240, 287. 
Eiweissüberernährung 204. 
Eiseninjektionen, subkutane bei anämisch. 

Kindern 256. 

Eisensomatose 48. 

Eiterung, chronische in dor Bekämpfung 
infectiöser Eiterung und localer tuber- 
culöser Processe 125. 

Empyem 152. 

Encephalitis 38, 268. 

I Endermol 219. 

Enteritis 144, 215. 

Enterorose 136. 

Eph.liden 72. 

Ermüdung bei Schulkindern, Messung 
ders. 21. 

— szustand der Schüler 67. 

Ernährung, künstliche kranker Säu'din<n> 

251. ' " 

—- sphysiologie des Säuglings 224. 
Erysipelas 47, 203. 

Eutrophiatabletten im Kindesalter 49. 
Exantheme nach Behandlung mit Diph¬ 
therieheilserum 198. 

F. 

Faeces, Desinfection ders. 264. 

Fett im Säuglingsalter 62. 

— necrose 151. 

— sclerem 62. 

— sucht, Fall von 109. 

Fissuren der Zunge 24. 

Fleischsaftpresse, Dr. Kloin’sche 240. 
Formalin, eine neue Desinfektionsmethode 

mittelst doss. 91. 

Fraktur des Oberschenkels 186. 

— des Patella u. d. Olecranon 16. 

— — Schädels, subkutane 75. 

— — Schenkels, angeborene 16. 
Frostbeulen 14. 

Furunkulose 118. 

G. 

Gastroenteritis 46, 84, 144, 158, 215. 

Geist, Entwicklung dess. beim Kinde u. 
d. Rasse 140. 

Geistesarbeit, Einfl. ders. auf die Atmung 
der Schüler 21. & 

Geschwülste des Kindesalters bis zum 
14. Jahre 246. 

Geschwüre 65. 




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— vm - 


Gifte, Anleitung zur Ausmittelung dors. 23. 1 
Gliederet arre, angeborene spastisclio 230. I 
Glycoformal. Wohnungsdesinfektion mit 
247. 

Gonorrhoe 136. 

Granulöse 28. 

Guajacotin 168. 

Guajakol 24, 240, 263. 


H. 

Haemoglobin Dr. Nardi 144. 

Hand, Verknöcherung ders. 269. 
Harnentleerung, Störungen ders. 163. 
Hautkrankheiten, Therapie ders. 141. 
Hernien 47, 153. 

Herzdiagnose 226. 

— geräusche im Kindesalter 2. 

— lähmung, beginnende 192. 

— palpitationen bei Kindern 254. 
Hoden, Ectopie dess. 64. 
Hüftverrenkung, angeborene 232. 
Hydrocephaius 5, 138, 210. 

Hydrops der Neugeborenen 119. 
Hygiama 6. 

Hygiene, die 22. 

— kindliche 261. 

Hyponomoderma 182. 

Hysterie, infantile 86. 

Hydrargyrum tannicum oxydulatum 48. 


i. J- 

Ichthyol bei Augenkrankheiten 234. 

— bei Erysipel 47. 

— bei Laryngitis 118. 

— bei Variola 233. 

Ileocöcalgegend, Cyste der 153. 
Immunisierung mit Diphtherieheilserum 

79, 119, 262. ! 

Impfmensur 288. j 

— messerchen 168. I 

- pocken, Verband bei 168. | 

— und -Pockenfrage, neue Untersuch¬ 
ungen zur 141. 

— Schädigungen 4. 

Incontinentia urinae 254. 

Infantilisme myxoedemateux 14. 
Infektionskrankheiten, antitoxisohe u. thera¬ 
peutische Wirkung des menschlichen | 
Blutes nach dens. 38. I 

— d. Kinder, Luftcur bei dens. 76. I 

- u. Wetter 14. I 

Infiltrationsanästhesie, Schleich’sche 150. | 

Influenza 56. t 

Intertrigo 120. I 

Intestinale Autointoxikation 123. i 


Intubation 70, 47. 

Jodipin 239, 240. 

Jodvasogen 287. 

Jugend, Einfluss der Schule auf Körper¬ 
entwicklung und Gesundheit ders. 284. 


K. 

Kakaophen 96. 

Kind, Ernährung und Pflege dess. bis zum 
Ende des 2. Lebensjahres 94. 

Kinder, atrophische 166. 

— heilkunde in Einzeldarstellungen 285. 

— jenseits d. Säuglingsperiode, Ernähr¬ 
ung ders. 184. 

— krankheiten, Lehrbuch ders. 69. 

— —, Taschenbuch f. d. Behandlung 
ders. 190. 

— lähmung, cerebrale 65, 105, 143. 

— — , Sehnentransplantation bei ders. 232. 

— schütz, öffentlicher 140. 

— Sterblichkeit und Tuberculose 279. 
Kochbuch für Kranke 141. 

Kohlehydrate, Einfluss ders. auf den Stoff¬ 
wechsel der Säuglinge 246. 

Kranke, Kochbuch f. 141. 

— nernährung, Grundzüge d. 189. 

— npflege 262. 

— npflegerzeitung, deutsche 216. 

Kufeke’s Kindermehl 90. 

Kuhmilch und Diphtherie 139. 

— Verdauung 39. 

— Verdauungsrückstände 159. 

Kyphose, lumbale 143. 


L. 

Lactophenin 234. 

Lähmungen, Sehnenüberpflanzung bei 142 
154, 232. 

—, postdiphtherische 253. 
Lakenabreibungen im Säuglingsalter 89. 
Laparotomie 36. 

— wunden bei Kindern 46. 

Laryngitis acuta 58, 118. 

Laryngoskopie bei Kindern 111. 
Laryngospasmus 192, 205, 216. 
Lebercirrhose 71. 

Leberthran, verbesserte Darreichungsweise 
dess. 24. 

Leukämie 157, 216. 

Linea alba, Diastasen ders. 17. 
Localanästhesie 24, 65. 150. 

Luftcur bei Infectionskrankheiten der 
Kinder 76. 

— wege, Diphtherie der oberen 116. 
Lumbalpunction 5, 63, 277. 

— kyphose 143. 

Lunge, Chirurgie der 152. 


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Lupus 47, 120, 164. 
Lymphdrüsen, scrophulöse 103. 


— IX — 


o. 


M. 

Magendarmkrauke Säuglinge, über die 
feineren Nervenzellenveränderungen bei 
dens. 108. 

— heiten, acute infectiöse 283. 
Malzextract 24. 

Mandelhypertrophie 287. 

Mastdarm Vorfall 96. 

Mehl, Schicksale dess. im Darm junger 
Säuglinge 287. 

Menstruation i. Lactation 268. 

Menthol 144, 264. 

Menthoxol 41. 

Milch 39, 222. 

— diät, Einfluss ders. auf die Ausscheid¬ 
ung der gepaarten Schwefelsäure 126. 

— der an Kakke leidenden Frauen 158. 

— künstliche 162. 

— sterilisirte, Vor- und Nachteile ders. 
247, 248. 

— somatose 120, 185. 

— Verdauung 27. 

Minderwertigkeiten, psychopathische im 
Kindesalter durch Abdominaltyphus 36. 
Morbilli 34, 55,80, 156, 179, 191, 200, 201. 
Morbus Basedowii 144. 

Mundwässer u. Lippeneczem 94. 
Myringitis chronica sicca 96. 

Myxoedem 144, 279. 


N. 

Nabelschnur, Rehandlung ders. nach der 
Geburt 117, 118. 

Nähr- und Genussmittel, neuere 113. 

Nahrungsmengen normaler Flaschenkinder 
251. 

Naphthalin 48. 

Naphthoxol 41. 

Nase, Scbutzwirkungen e. gesunden gegen 
Schädlichkeiten 125. 

Nephritis, primäre akute beim Kinde 84. 

Nervenzellcnveränderungen bei magendarm¬ 
kranken Säuglingen 108. 

Nervöse Erkrankungen im Kindesalter, 
functioneile 207. 

Neugeborene, Asphyxie ders. 71. 

—, Hydrops ders. 119. 

— Leukämie bei dens. 157. 

— Physiologie, Pathologie u. Pflege der¬ 
selben 68. 

—, scheintoter. Wiederbelebung ders. 25, 
30, 255. 

—, sollen dieselben gebadet werden? 90. 


Oberschenkelfractur 186. 

Obstipation 184, 193. 

Oculare Antisepsis 62. 

Oesophagoskopie 154. 

Oesopbagusstrictur 166. 

Operationen, schmerzlose 92. 

— sichre, chirurgische, Atlas u. Grundriss 
ders. 116. 

Ophthalmia granulosa 24. 

Orexintannat 60. 

Orphol 154, 241, 265. 

Orthoform 4, 65. 

Orthopädisch-chirurgische Praxis, aus der¬ 
selben 116. 

Osteomalacie im frühen Kindesalter 276. 
Osteomyelitis 96, 156. 

Otitis media purulenta 96, 106. 

Ozaena 96, 168. 


P. 

Pädagogische Pathologie 170. 

Pancreatitis hämorrhagica u. Fettnecmse, 
experimentell erzeugte 161. 
Parachlorphenol 120. 

Paralyse, allgemeine progressive 211. 
Parasiten, thierische 57. 

Pathologie, pädagogische 170. 

— u. Therapie, specielle, Grundriss ders, 
117. 

Pediculi 287, 

Peritonitis chronica non tuberculosa 150, 

— tuberculosa 36, 70, 134, 155. 

Peronin 18, 96. 

Pertussin 257. 

Pertussis 36, 95, 103. 167, 190 201 216 
218, 263. 

Petroleumvergiftungen im Kindesalter 72. 
Pflanzenreich, das 69. 

Phenocollum hydrochloricum 103. 
Pigmentflecke 24. 

Pilocarpin 192. 

Pilulae roborantes Seile 72. 

Pityriasis versicolor 72. 

Pleurahöhle, Chirurgie der 152. 

Pleuritis haemorrhagica 225. 

Pneumonie 287. 

Poliencephalitis 38. 

Posticuslähmung 270. 

Pseudocroup 220. 

Pseudoparalyse, osteochondritischo lu¬ 
etische 45. 

Psychologie, physiologische, Leitfaden der¬ 
selben 166. 

Punctio lumbalis 138. 




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- X 


R. 

Radfahren und Herzthätigkeit 139. 

Resorption und Infection, functioneile 150. 

Respirationsorgane, chronische Catarrhe 
ders. 105. 

Retropharyngealabscess 286. 

Rhachitis 206. 

Rheumatismus articulorum 168, 264. 

Rhinitis blennorrhoica 215, 288. 

Rhus aromatica bei Incontinentia urinae 
254. 

Röntgendurchleuchtungen d. Hand 269. 

— des Thorax 125. 

— strahlen bei Lupus 154. 

— —, Diagnostik innerer Krankheiten 
durch dies. 22. 

— verfahren bei Untersuchungen der 
Kinder 229. 

Rubeolae 55. 


S. 

Saccharin 122. 

Säuglingsernährung 39, 160. 

— Sterblichkeit 42. 

— u. Kindesalter, Therapie dess. 286. 
Srlaamkrampf 6. 

Salzgehalt der Frauen- u. Kuhmilch 222. 
Sapo viridis, Behandlung der Tuberculose 
mit ders. 83. 

Scabies 120, 219. 

Scarlatina 23, 81, 93, 102, 188, 
Schädelfracturen, subcutane 15. 

Scheintod Neugeborener, 25, 30, 255. 
Schenk’sche Theorie 212. 

Schilddrüse, Einfluss ders. a. d. Knochen¬ 
wachsthum 110. 

Schlaflosigkeit im Kindesalter 88. 
Schmerzlose Operationen 92. 

Schrunden der Hände 264. 

Schularztfrage 164. 

— hygienische Betrachtungen 260. 

— jugend, Ueberbürdung ders. 67. 

— Sanatorien, Davoser 265. 

Schule, Einfluss ders. auf Körperentwick¬ 
lung und Gesundheit der Jugend 284. 
—, u. Sport 44. 

Schultze’sche Schwingungen 104. 
Sclerodermie 144. 

Sclerose, multiple i. Kindesalter 142. 
Scoliose, Aetiologie ders. 258. 

— Pathologie und Therapie ders. 214. 
Scrophulose 4, 47, 103. 135, 144, 239. 
Sehnenüberpflanzung bei spastischer cere¬ 
braler Paraplegie 142. 

— bei Lähmungen 154, 232. 

Sehschärfe, herabgesetzte bei Kindern 46. 
Sepsis bei Masern 55. 

Serodiagnostische Fragen 271. 


Serumdiagnose, Widal’sche b. Typhus 47. 

— therapie 9. 

— — der Scrophulose 135. 

Sirolin 192. 

Solacetol 168. 

Somatose 19, 46, 48, 120, 185, 236. 
Soolbäderbehandlung 112. 
Sozojodolpräparate 95, 96, 240. 

Spielzeug, gefährliches 213- 
Spina bifida 5. 

Spiritusverbände 154. 

Spondylitis 269. 

Sport und Schule 44. 

Sprachmeister, der kleine 239. 

— Störungen, Vorlesungen über 238. 
Spucknäpfe, Füllung ders. 288. 
Sromanum, Voevulus d. 163. 
Staphylococceninfection des Blutes 215. 
Sterilisierte Milch 247, 248. 

Stiebelpreis 144. 

Stomatitis aphthosa 264. 

—, diphtheroide inpetiginöse 142. 

— ulcerosa 253. 

Stottern 41, 97. 

Streptococcen, Rolle ders. bei der Diph¬ 
therie 126. 

Streptotrichosis 122. 

Struma 144. 

■ Strychninum nitricum 192. 
j Synovitis fungosa 96. 

Syphilis 45, 48, 82, 125. 180, 202, 218, 
219, 239, 240, 279, 288. 


T. 

Tannalbin 23. 

Tannigen 18. 

Tannoform 70, 257. 

Tannon 144. 

Tetanus neonatorum 48. 

Theinhardt’s Kindernahrung 6. 

Therapie, Grundriss der internen 239. 
Thiocol 192, 

Thiol 64, 72. 

Thorax, Chirurgie. dess. 152. 

— Röntgendurchleuchtungen dess. 125. 
Thymusdrüse, grosse 109. 

Thyreoidin 144. 

Tinctura Jodi simplex bei Magendarm¬ 
krankheiten 283. 

Todesfälle, plötzliche der Kinder 87, 109. 
Trachom 238. 

Tuberculose 133, 144, 168, 240, 263, 279. 

— der Drüsen und Knochen 83. 

— der Haut 37. 

— locale 125. 

— des Peritoneum 36, 70, 134, 155. 

— der Parietallappens 190. 

Typhus abdominalis 36, 47, 123. 


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- XI - 


u. 

Ueberbürdung der Schuljugend 67. 
Unterricht, medicinisch-kliniecher 122. 
Urticaria 144. 


V. 

Vaccine, generalisierte 250. 

Variola 262. 

Verdauung und Assimilation d. gesunden 
und kranken Säuglings 214. 

— sfermente 184. 

— sfieber 187. 

—, 69. deutscher Naturforscher u. Aerzte, 
Section f. Kinderheilkunde 2. 

Verkrüppelte, Arbeitsschulen für 260. 

Versammlung des Vereins für öffentliche 
Gesundheitspflege 120. 

—, 70. deutscher Naturforscher u. Aerzte, 
Section f. Kinderheilkunde 216, 244, 268. 

—, 14. der Ges. f. Kinderheilkunde, Ver¬ 
handlungen ders. 165. 

Verstopfung, chronische 193. 


—, habituelle, Bauchmassage bei ders. 184. 
Vulvo-Vaginitis 216. 

W. 

Wägungen, regelmässige im frühesten 
Lebensalter 259. 

Wanderniere bei Mädchen 46. 

Wasserdiät bei acuter Gastroenteritis 168. 
—, alkalische 167. 

Wasser, sterilisiertes b, Kinderdiarrhoe 107. 
Weib, Physiologie dess. 262. 

Wetter, Bedeu’ung dess. für d. Infections- 
krankheiten 114. 

Widal’sche Serumdiagnose b. Typhus 47. 
Wohnungsdesinfection vermittelst Glyco- 
formal 247. 

Wundbehandlung 41. 

— schmerz 65. 

Z. 

Zähne, Untersuchung ders. bei Schul¬ 
kindern 164. 

Zahnen, 95, 144. 

Ziegenmilch und Ziegenzucht 128. 


Autoren-Register. 


Abel . . . 


253 


Berthold . . 


87 


Adebert . . 


119 


Bezy . . . 


86 


Albu . . . 


123 


Biedert . . 


95, 

279 

Andriotaki . 


84 


Binz . . . 


14 


Antonielli 


219 


Bion . . . 


215 


Arnold . . 


117 


Bittner. . . 


258 


d’ Astros . . 


210, 

254 

Blaschko . . 


55 


Audibert . . 


71 


Blumenthal . 


38, 

191 

Babeau . . 


206 


Böing . . . 


141 


Baciocchi 


36 


Bötticher . . 


101 


Baginsky . . 


185, 

215 

Bonnet . . 


263 


Baldwin . . 


140 


Borei . . . 


188 


Balz er . . . 


142 


Bornstein . . 


122 


Baron . . . 


73, 

204 

Bouget . . 


168 


Barth . . . 


154 


Bouilly . . 


46 


Bastard . . 


117 


Bourdin . . 


18 


Bauermeister 


5 


Bramann v. . 


153 


Baum . . . 


7 


Braun . . . 


150 


Behla . . . 


201 


Breitung . . 


167 


Belin . . . 


71, 

77 

Bresgen . . 


96 


Bendix . . 


5, 

268 

Brieger . . 


123 


Berg . . . 


198 


Brissand . . 


14 


Berger. . . 


114 


Brocq . . . 


118 


Beraard . . 


34 


Buch . . . 


89 


Bernheim. . 


214 


Bunge . . . 


149 



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- XII - 


Busdraghi 


135 


Fuld .... 

41 



Busquet 


13 


dalli .... 

158 



Capitan . . 


109 


Gaucher . . . 

144 



Capiton . . 


95 


Gerhardt . . . 

69 



Carstens . . 


247, 

250 

Gilg .... 

69 



Cattaneo . . 


184 


Gillet .... 

261 



Cerioli . . . 


217 


Gisler .... 

83 



Chateaubourg 


263 


Gluck .... 

46. 

127 


Churupert 


144 


Gottstein . . . 

150 



Cieglewicz 


118 


Graser .... 

153 



Clessin. . . 


109 


Gregor . . . 

251, 

252 


Combe . . 


236 


Griffon . . . 

142 



Comby . . 


46, 

88, 133, 137, 216 

Grosch . . . 

283 





263 


Grünfeld . . . 

136 



Contal . . . 


76 


Guinon . . . 

203 



Croissier . . 


109 


Hackenbruch 

150 



Crom er . . 


239 


Hacker v. . . 

153 



Ozajkowski , 


143 


Hackel .... 

153 



Czerny . . 


246, 

260, 252 

Hammerschlag . 

103 



Czerwenka 


118 


Harnack . . . 

23 



Danis . . , 


110 


Seemann . . 

220 



Desmons . . 


84 


Hegar .... 

70 



Dezirot . . 


227 


Heinz .... 

66 



Dolega . . 


214 


Helferich . . . 

62 



Dollinger . . 


16, 

186 

Hennig . . . 

46, 

196 


Döder]ein . . 


149 


Henoch . . . 

7 



Dornblüth 


141 


Heubner . . . 

215, 

249, 

272, 274,275, 

Doyen . . . 


154 



276 



Dreier . . . 


4 


Heymann . . . 

168 



Dreisch . . 


191 


Hilbert . . . 

126 



Drews . . . 


2, 

19 

Hildebrandt . . 

151 



Dührsen . . 


154 


Hirota .... 

158 



Eberson . . 


18, 

234 

1 Hochsinger . . 

3, 

6 


Ebstein . . 


166 


Hock . . . , 

105, 

144 


Eichhoff . . 


20 


, Hörschelmann . 

252 



Einhorn . . 


65 


Hoffa .... 

151, 

230 


Escherich. . 


229, 

245, 246, 250,252, 

Holwede v. . . 

4, 

6 




270, 

272, 274 

Howard . . . 

119 



d’Espine . . 


250 


Huber .... 

38 



Eulenburg 


142 


Huft .... 

47 



Eve .... 


232 


Jacob .... 

124 



Ewald . . . 


123 


Jacobi . . . 

285 



Fajio . . . 


234 


Jager de . . . 

214 



Falk . . . 


45 


Jakorsky . . . 

167 



Federici . . 


135 


Jaksch y. . . . 

121 



Feodoroff. . 


61 


Jakubowitsch 

184 



Finger . . 


180, 

202, 238 

Johanessen . . 

224 



Fischer . . 


144, 

257 

Johnston . . . 

37 



Fischl . . . 


246, 268, 269, 273, 274, 

Jordan . . . 

152 





277 


Jürgensen . . 

80 



Folger . . . 


55 


Kaposi . . , 

182 



Foumier . . 


8, 

46, 279 

Karewski . . . 

152 



Franklin . . 


286 


Kassowitz . . 

197 



Freud . . . 


45 


Katzenstein . . 

218 



Freudenborg. 


113 


Keller .... 

204, 

246. 

251, 252 

Freyberger 


149, 

254 

| Kissel .... 

71 



Friedmann 


193 


! Klautsch . . . 

49 



Friedrich . . 


149 


! Klemm . . . 

160 



Frühwald . . 


192 


Knöpfelmacher . 

39, 

62, 

159, 260, 272, 

Fuchs . . . 


270 



274 



Fürbringer 


123 


Königsschmied . 

70 



Fürst . . . 


25, 

56, 246 

Köppe .... 

222, 

250, 

274 


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- xni - 


Köppen . . . 

201, 

241, 

265 j Nachod . . 


47 



Körte .... 

112 


| Nanotti , 


36 



Kolcker . . . 

154 


j Neech . . . 


23 



Koplick . . . 

156, 

167 

! Neisser . . 


94 



Krause . . . 

96 


1 Neumann . . 


140 



Kraues .... 

90 


j Niesen v. . . 


126 



Kremsics . . . 

67 


I Niessen . . 


41 



Kretz .... 

154 


1 Nötzel . . . 


149, 

150 


Krönlein . . . 

153 


1 Nolen . . . 


136 



Krüger . . . 

154 


Orthmann 


140 



Kühner . . . 

22, 128. 169 Otto . . . 


28 



Kümmel . . . 

154 


| Patry . . . 


40 



Kuttner . . . 

163 


i Pedersen . . 


142 



Laaser .... 

91, 

260 

Peiper . . . 


57 



Landau . . . 

149, 

236, 

257 Perior . . . 


287 



Länderer . . . 

152 


| Perthes . . 


149, 

152 


Lange .... 

4, 

5, 6, 

68, 112, 250 Perutz . . . 


156 




279, 

277, 

278 1 Petersen . . 


111 



Lange Ohr. . . 

258 


Petruschky . 


122 



Langner , . . 

6 


Pfaundler 


271, 

277 


La quer . . . 

126 


Pfeiffer . . 


166 



Larger .... 

167 


Pineies . . 


105 



Lauenstein . . 

153 


Piper . . . 


239 



Lazarus . . . 

262 


Pollmann . . 


157 



Leistikow . . 

141, 

287, 

288 Pospischill 


102 



Lesn6 .... 

215 


Pott . . . 


3, 

6 


Levy .... 

279 


Powell . . 


71 



Lewin .... 

225 


Prutz . . . 


149 



Lewkowicz . . 

190 


Raczynski 


138 



Lewy .... 

213 


j Ranke v. . . 


250, 

269 


Liebmann . . 

97, 

238 

| Raymond . . 


38 



Li6vin .... 

238 


Rehn . . . 


98, 

272 


Lindemann . . 

16 


Reinecke . . 


235 



Löw .... 

154 


Reunert . . 


285 



Löwenstein 

44 


Riedel . . . 


150 



Lohnstein . . 

8 


Riether . . 


59 



Lorenz. . . , 

151 


Rinck . . . 


240 



Ludwig . . . 

154 


Ritter . . . 


4, 

246, 

277, 278 

Lüddeckens . . 

93 


Rocaz . . . 


134 



Macdonald . . 

21 


Römheld . . 


23 



Manicatide . . 

108 


R008 . . . 


48 



Mankiewicz . . 

150 


Rosenberger 


154 



Mantegazza . . 

262 


Rosenfeld . . 

, 

22, 

260 


Manz 

150 


Rosin . , 


122 



Mayer M. . . 

125 


Rubinstein 


150 



Meinert . . . 

246, 

250, 

274 Rüdinger . . 


17 



Mendelsohn . 

139 


Sänger . . 


126, 

207 


Merrill . . . 

262 


Salomon . . 


168, 

215 


Meyer , . . . 

162 


: Salzwedel 


154 



Meyer M. Th. . 

44 


Schanz . . 


232, 

233 


Michaelis . . . 

69 


! Schenk . . 


212 



Mikulicz . . . 

148 


Schill . . . 


165 



Miller .... 

108, 

216 

Schilling . . 


104 



Mongour . . . 

107 


Schleich . . 


92 



Monti .... 

76, 

285 

Schlesinger . 


48 



Moritz .... 

189 


! Schloffer . . 


149 



Moro .... 

224 


Schlossmann 


4, 

42. 247, 260, 276 

Moses .... 

36 




287 



Mosler .... 

216 


Schmey . . 


121 



Müller (Aachen) 

153 


i Schmidt . . 


185 



Müller (Marburg) 

123 


1 Schmidt-Monnard 

251, 

269, 

284 

Munck . . ! 

70 


j Schmitz . . 


155 




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— XIV - 


Schreiber . 


144 

Taussig . . . 

94 

Schröder . 


90 

Testloin . , . 

203 

Schüppers 


18 

Teuscher . . . 

262 

Schumann 


69 

Theodor . . . 

4, 5 

Schwabe . 


115 

Thimm . . . 

240 

Schwalbe . 


117 

Thiry .... 

211 

Sebileau . 


64 

Thomas , . . 

122 

Sehwald . 


255 

Tchernoff. . . 

70 

Seifert . . 


69, 208 

Unikoff . . . 

61 

Seitz . . 


81 

Vargas .... 

103 

Sevestre 


70 

Variot .... 

192 

Siegert 


251, 273, 275. 276, 277, 

Vehmeyer . . 

135 



279 

Vergely . . . 

84, 221 

Simmonds 


143 

Villa . . . . 

256 

Simon . 


168 

Vulpius . . . 

116, 151 

Slawyk 


76, 179 

Wagner . . . 

41 

Sokoloff . 


104 

Wagner L. . . 

21 

Soltmann . 


2, 4, 5, 6, 226 

Walger . . . 

9 

Sonnenberger 

30, 148 

Walzberg . . . 

152 

Sotiroff 


44 

Wang .... 

224 

Sprengel . 


152, 154 

Weichert . . . 

288 

Stadelmann 


63 

Weinberger . . 

190 

Starck v. . 


248, 250 

Weinlechner . . 

15 

Steffen 


3, 182 

Wells .... 

94 

Steiger 


46 

Whinna . , . 

145 

Steinbrügge 


106 1 

Winternitz . . 

239, 240 

Steiner 


60 

Wirz .... 

64 

Sterling . 


263 

Witthauer . . 

96 

Stetter. . 


95 ! 

Wittkamp . . 

216 

Stieglitz . 


142 

Wollstein . . . 

151 

Stieren. . 


164 

Wolters . . . 

219 

Stiller . . 


70 

Woodhead . . 

253 

Stoppato . 


166 

Woodruff . . . 

288 

Strauss 


123 

Zappert . . . 

275 

Strisower . 


200 

Ziehen .... 

166 

Strübing . 


205 

Ziemssen v. . . 

121 

Stubenrauch 

V. 

152 

Zillessen . . . 

244, 268 

Suchanek . 


116 

Zimmermann 

220 

Sutils . . 


259 

Zoöge-Manteuffel 

152 

Szalardi . 


82 

Zuckerkandl . . 

116 


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unter Mitwirkui^4f^$(Bee&g^nder Fachärzte 

\ herauagfi^ghep ^ J 

Ns 4{äk" a r1>/ 

Dr. med. Sonnötteerger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 97. Leipzig, 7. Januar 1898. IX. Jahrg. Heft I. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: 1 . Drews, Originalbericht über die Verhandlungen der 
Abteilung lür Kinderheilkunde der 69 . Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte zu Braunschweig IV.: Soltmann, Herzgeräusche (2). — Ritter, Scrophulose 
(4). — Schlossmann, Impfschädigungen (4). — Theodor, Spina bifida (5). — 
Bauermeister, Hydrocephalus ( 6 ). — Lange, Salaamkrampf ( 6 ). — 2 . Baum, 
Ueber den praktischen Wert von Dr. Theinhardt’s Kindemahrung und Hygiama 
(7). — Referate: Foumier, Diphtherieheilserum ( 8 ). — Lohnstein, Diphtherie¬ 
heilserum ( 8 ). — Walger, Serumtherapie (9). — Busquet, Angina (13). — 
Brissand, De l’infantilisme myxoedemateux (14). — Binz, Frostbeulen (14). — 
Weinlechner, Subkutane Schädelfrakturen (15). — Lindemann, Frakturen des 
Patella und des Olecranon (16). — Dollinger, Fraktur des Schenkels (16). — 
Rüdinger, Diastasen der Linea alba (17). — Eberson, Peronin (18). — Bourdin, 
Tannigen (18). — Schüppers, Tannigen (19). — Drews, Somatose (19). — Eich¬ 
hoff, Captol (20). Gesundheitspflege: Macdonald, Geistesarbeit und Athmung 
bei Schülern ( 21 ). — Wagner, Unterricht nnd Ermüdung (298). — Rezensionen: 
Hübner, Hygiene (22). — Rosenfeld, Diagnostik der inneren Krankheiten mittels 
Röntgenstrahlen ( 22 ). — Harnack, Die Hauptthatsachen der Chemie. 2 . Aufl. 
(23). — Otto, Anleitung zur Ausmittelung der Gifte und Erkennung der Blutflecken. 
7 . Aufl. (23). — Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft (24). 
— Reze ptformeln für die Kinderpraxis (25). — Kleine Mit¬ 

teilungen (25). 


Abonnements-Einladung. 

Mit dem vorliegenden Hefte des »DerKinder-Arzt« beginnt der 9. Jahr¬ 
gang unserer Zeitschrift und gestatten wir uns bei dieser Gelegenheit, 
zum Abonnement auf jene ergebenst einzuladen. Unser Programm, dem 
praktischen Arzte dasjenige aus dem Gebiete der Kinderheilkunde in 
gedrängter Uebersicht vorzuführen, was von praktischem Wert oder 
wissenschaftlichem Interesse ist, werden wir auch in Zukunft zu verwirk¬ 
lichen streben. Wer uns in diesen Bestrebungen seine Mitarbeiterschaft 
verleiht, wird uns auch weiterhin willkommen sein. Mächtig sind die 
wertvollen Fortschritte unseres Spezialfaches in der letzteren Zeit und 
nicht leicht ist es dabei, in unserer nur monatlich erscheinenden Zeitschrift 
unsere Aufgabe nach jeder Richtung hin zufriedenstellend zu lösen. Dafs 
uns dies aber eingermafsen gelungen ist, das beweisen uns die stets 
Oer Kinder-Arzt Heft 1. 1898. 


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2 


wachsende Verbreitung unserer Monatsschrift und unsere zahlreichen 
Mitarbeiter. Möge uns auch in Zukunft unsere Aufgabe gelingen! 

Die Redaktion. Der Verlag. 


Bericht über die Verhandlungen der Abteilung für Kinderheilkunde 
der 69. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Braunschweig. 

(20.—25. September 1897.) 

Von Dr. Drews, Hamburg. 

IV. 

am 22.—25. September 1897. 

1. Soltmann - Leipzig: Ueber den diagnostischen Wert 
der Herzgeräusche im Kindesalter. 

Es ist eine bekannte Erfahrungsthatsache, dafs das kindliche Herz 
weniger gegen Schädlichkeiten empfindlich ist, als das des Erwachsenen 
und diese gröfsere Widerstandsfähigkeit ist anatomisch und physiologisch 
begründet durch das Verhältnis beider Ventrikel zu einander (L : RV = 
6,2 : 6,5), durch die relativ abnorme Weichheit der grofsen Gefäfse 
und durch die relativ kräftige Muskulatur. Die Verschiedenheiten der 
anatomischen Verhältnisse des kindlichen Herzens sind noch nicht für 
die Diagnose verwertet worden, sondern immer nur die Lageverhältnisse 
(Spitzenstoss, Dämpfungsfigur) oder auch noch gewisse Thorax- 
deformitäten, die besonders durch Rhachitis, Spondylitis, Phthise oder 
Pleuritis bedingt sind. Hochsinger allein hat sich mit den Besonder¬ 
heiten der Auskultationsverhältnisse des kindlichen Herzens in dankens¬ 
werter Weise beschäftigt und seine Erfahrungen in einem Werke nieder¬ 
gelegt. In einer neuerdings erschienenen Arbeit hat Saupe auf die 
Schwierigkeit der Auskultation der herzsystolischen Geräusche auf¬ 
merksam gemacht. Nach Soltmann sind anämische Geräusche, wie 
auch Hochsinger hervorgehoben hat, in den ersten 4 Lebensjahren fast 
niemals vorhanden und selbst bis zum 8. Jahre selten, dagegen bilden 
sie zur Zeit der Pubertät bei Anämie und Chlorose die Regel. Diese 
Eigentümlichkeit beruht auf dem niedrigen Ventrikeldruck und den 
übermäfsig weiten Anfangsteilen der grofsen Gefäfse (Aorta und Pul- 
monalis), bei welchem Verhältnis natürlich keine Dissonanz entstehen 
kann. Da aber in der Pubertät die Verhältnisse umgekehrt liegen, das 
Herz im Maximum des Wachstums und die Gefäfsanfangsteile relativ 
eng (Herz: Gefäfse = 290 : 60) sind, so ist auch die Häufigkeit der 
anämischen Herzgeräusche in dieser Zeit erklärlich. Wo in den ersten 
Lebensjahren Herzgeräusche wahrnehmbar, handelt es sich um Druck¬ 
geräusche (vergröfserte Drüsen, Thoraxdeformitäten). Nimmt man bei 
älteren Kindern ein anämisches Geräusch an, so mufs eine unbeweis¬ 
bare Anämie vorhanden sein, akute Infektionskrankheiten müssen fehlen, 
das Geräusch am deutlichsten am Ostium pulmonale, jedenfalls deut¬ 
licher dort als an der Spitze rein systolisch, der zweite Pulmonalton 
nicht accentuirt und der Spitzenstofs in oder innerhalb der Mamillarlinie 
ohne hebenden Charakter sein und keine schnellende Erhebung des 
Pulses stattfinden. 

Für die sogenannten Herzlungengeräusche, die durch Uebertragung 


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3 


der Herzkontraktion und Herzlocomotion auf die Lunge entstehen, auf 
die übrigens auch Hochsinger als der einzige bisher aufmerksam ge¬ 
macht hat, und die eigentlich ganz physiologisch sind, gilt dasselbe wie 
für die anämischen Geräusche, sie finden sich nicht in den ersten 
Lebensjahren. Das Herzlungengeräusch ist meist systolisch (daher leicht 
zu verwechseln mit anämischen Geräuschen), synchron mit der Herz¬ 
aktion, diskontinuirlich, von verschiedenem Charakter, und dadurch 
differenziert, dafs er bei forcierter Atmung zunimmt und bei suspendirter 
aufhört. 

Die endocarditischen, systolischen Geräusche finden sich bei der 
Mitralinsufficienz und sind bisweilen der einzige Ausdruck für dieselbe. 
Dann kommt noch der hebende Spitzenstofs, während alle übrigen 
Symptome, wie wir sie sonst bei der Endokarditis akuta der Er¬ 
wachsenen finden, fehlen können: die Heizverbreiterung, der klaffende 
II. Pulmonalton, sogar die erhöhte Spannung der Pulmonalarterie, und 
ferner Stauungs- und Compensationsstörungserscheinungen. Erst nach 
jahrelangem Bestehen des endokarditischen Prozesses, meist zur Pubertät, 
bis zu welcher Zeit er meist übersehen wurde, treten beim Kinde die 
subjektiven Beschwerden auf und ändern sich die Verhältnisse in auf¬ 
fallender Weise, ähnlich wie beim Erwachsenen, und es findet sich dann 
neben dem systolischen Geräusch laute Accentuation des II. Pulmonal¬ 
tones, Verbreiterung des Herzens und eventuelle Compensations- 
störungen. 

Diskussion: Hochsinger ist sehr erfreut, alle seine Angaben 
durch Soltmann bestätigt zu sehen und bemerkt nur, dafs mit seinem 
Ausspruch, die Herzdiagnostik sei im Kindesalter leichter als in späteren 
Lebensjahren, nur die ersten Lebensjahre gemeint sind. Auch den Um¬ 
stand, dafs ein systolisches Herzgeräusch lange Zeit das einzige Symptom 
einer Endokarditis sein kann, hat er in seinem Buche über die Aus¬ 
kultation des kindlichen Herzens hervorgehoben. 

Pott hat auch bei den zweijährigen Kindern häufig systolische Ge¬ 
räusche gehört, besonders nach chronischen erschöpfenden Krankheiten 
(Pseudoleukämie, Leukämie, Rhachitiscachexie), und zwar nicht blos 
an der Herzspitze, sondern auch an der Pulmonalis, seltener an der 
Aorta, und hält diese Geräusche für anämische. Aetiologisch führt er 
sie zurück auf Abortivformen von Gelenkrheumatismus, wozu er auch 
den vulgären Schnupfen mit Gelenkschmerzen rechnet. Er weist gleich¬ 
zeitig auf die systolischen Herzgeräusche nach gonorrhoischer Arthritis 
bei Mädchen hin, die nach Jahren wieder verschwinden können, indem 
er zu einer Regeneration der mäfsigen pathologischen Veränderungen 
kommt. 

Steffen-Stettin hat feststellen können, dafs organische Herz¬ 
erkrankungen ohne Dilatation des kindlichen Herzens einhergehen; ist 
ein Geräusch ohne diese vorhanden, so kann keine organische Er¬ 
krankung vorliegen. 

Hochsinger betont Pott gegenüber, dafs er auch bei Leukämie, 
Pseudoleukämie und Rhachitis keine anämischen Geräusche gehört hat. 
Wenn systolische Geräusche Vorlagen, dann waren sie nicht anämisch 
accidentelle, sondern extrakardiale, z. B. Herzlungengeräusche oder 
Compressionsgeräusche, wie bei rhachitisch schwer deformirten Brust¬ 
körben. 


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4 


Soltmann bemerkt auf die Auseinandersetzungen von Pott und 
Steffen, dafs er nur von herzsystolischen Geräuschen gesprochen habe. 
Er habe auch das Vorkommen von sogenannten anämischen herz¬ 
systolischen Geräuschen bei der Pseudoleukämie beobachtet, diese 
Kinder unter 4 Jahren hatten aber Drüsentumoren, und die Geräusche 
waren also Druckgeräusche. Bei der Rhachitis handelt es sich um 
Herzlungengeräusche gerade bei den Herzdeformitäten, wo ja das Herz 
mit besonderer Energie seine Kontraktionsbewegungen auf die an¬ 
liegenden Lungenteile übertragen mufs. Sie verschwinden immer bei 
Atmungssuspensionen. Bei atrophischen kleinen Kindern sind sie myode- 
generativ, indem durch Dehnung eine relative Klappeninsufficienz ent¬ 
standen ist. Die Herzverbreiterung, die Steffen stets bei organischen, 
systolischen Geräuschen gefunden haben will, beruht auf Täuschung 
für den rechten Ventrikel, es handelt sich nur um Lageveränderung 
durch Verschiebung, der linke Vorhof, stark überfüllt, schiebt den Ven¬ 
trikel vor sich her, was eine Verbreiterung vortäuscht, worauf v. Noorden 
und Schmaltz schon besonders hingewiesen haben. 

Ritter - Berlin: Ueber die Behandlung skrophulöser 
Kinder. 

Ritter betont die Wichtigkeit möglichst langen Aufenthaltes in 
freier Luft, sowie die Bedeutung von frischem Gemüse, Salat, Obst für 
die Ernährung, und empfiehlt Leberthran, Lungengymnastik, methodische 
Abreibungen und Sonnen- und Sandbäder. 

Schlofsmann-Dresden: Wie kann sich der Impfarzt vor 
wirklichen und angeblichen Impfschädigungen schützen? 

Vortragender verlangt, dafs der Unterricht und die Prüfung in der 
Impf lehre dem Pädiater zufällt, dafs die Lymphe keimfrei sei, dafs die 
Impfung am möglichst sterilisierten Arm mit sterilen Instrumenten vor¬ 
genommen wird, dafs die Impfpustel vor sekundärer Infektion durch 
einen Verband (Borsäuremull) geschützt wird, dafs die Impfung nicht 
im Hochsommer statthaft, dafs die Zahl der Impflinge bei jedem Termin 
beschränkt ist, dafs ein extra ad hoc eingerichtetes Impflokal vorhanden 
ist, und dafs die Nachschau am 10—12. Tage stattfindet. 

Diskussion: Soltmann hält es für schwierig und auch nicht 
notwendig, dafs der Impfunterricht und die Prüfung über das Gebiet 
dem Hygieniker genommen und dem Pädiater übertragen wird. Impf¬ 
schädigungen hat er nie gesehen. Die Naehh^cirhticrung der Pustel ist 
notwendig bis auf den 10.—13. Tag zu verschieben. Im Sommer hält 
er einen Impfverband eher für schädlich als für nützlich. 

Lange verwirft den Impfverband und hält die Einwirkung grofser 
Hitze und des Schweifses auf die Impfpustel nicht für bedenklich. Er 
hat in den letzten 5 Jahren Impfschädigungen nicht gesehen. 

v. Holwede verwirft den Borsäureverband und empfiehlt trockene 
Pulververbände. 

Dreier bemerkt, dafs in Bayern im Sommer nicht geimpft wird. 

Ritter hält die Celluloidverbände für sehr geeignet. 

v. Holwede hat beobachtet, dafs gerade unter den letzteren Ver¬ 
bänden sich starke Feuchtigkeit entwickelt. 

Theodor glaubt, dafs der Verband bei Massenimpfungen zu zeit¬ 
raubend sei. 

Schlofsmann hält die Verbandfrage für noch nicht gelöst. Zur 


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5 


Herabsetzung der Impfschädigungen ist es notwendig, dafs nur eine 
mäfsige Zahl (20) von Kindern an einem Tage geimpft wird. Er ist 
Gegner der Impfung im Hochsommer. 

Theodor - Königsberg: Spina bifida mit vollständiger 
Doppelteilung. 

Es handelt sich um ein 2 Tage altes Kind, das mit einer kartoffel- 
grofsen, blutrot gefärbten, fluktuirenden Spina bifida in der Gegend der 
letzten Lendenwirbel zur Welt kam. Die Entleerung des Sackes ergab 
eine stark eiweifshaltige Flüssigkeit. Einspritzung von 0,02 °/ 0 Sublimat¬ 
lösung, sowie die Operation erwies sich als nutzlos. Am 15. Tage tot. 
Die Sektion ergab schon mikroskopisch eine starke Verbreiterung des 
Rückenmarkes und eine Zweiteilung des Rückenmarkcylinders in der 
Mitte in zwei gleiche Hälften. Diese Doppelteilung in zwei vollständig 
ausgebildete Rückenmarke begann in der Gegend des dritten Lenden¬ 
wirbels, um allmählich durch Zwischenlagerung irgend welcher Massen, 
deren Natur in diesem Falle noch nicht nachgewiesen, wieder zu einem 
Rückenmark zu werden. Das Rückenmark wurde in 1650 Schnitte zer¬ 
legt, nach Weigert gefärbt und untersucht. Die mikroskopische Unter¬ 
suchung, die durch ausgezeichnete Präparate demonstriert wird, be¬ 
stätigt den mikroskopischen Befund, dafs es sich um eine Verdoppelung 
des Rückenmarks handelt. Theodor hebt hervor, dafs diese angeborene 
Mifsbildung eine äufserst seltene ist, und dafs die Verdoppelung lediglich 
dadurch zustande kam, dafs die ursprünglich einheitliche Rückenmark¬ 
anlage gespalten und gleichmäfsig oder ungleichmäfsig (durch knorpelige 
oder ligamentöse Scheidewände) geteilt wird. 

Bauermeister - Braunschweig: Vorstellung eines durch 
Lumbalpunktion behandelten Falles von Hydrocephalus. 

Es handelt sich um ein circa 5 Monate altes Kind mit vor der 
Behandlung ausgeprägten Symptomen des Hydrocephalus, bei welchem 
in zeitlich getrennten Zwischenräumen kleine Mengen (15—30 g) von 
Lumbalflüssigkeit zu therapeutischen Zwecken entnommen wurden. 
Bauermeister glaubt sicher beobachtet zu haben, dafs nach 2 Flüssigkeits¬ 
entnahmen schon sowohl die Kopfkonfiguration des Kindes sich gebessert 
hat, sowie die Intelligenz erhöht wurde, und schlägt deshalb zur Be¬ 
handlung des Hydrocephalus die allmähliche Entziehung kleiner Mengen 
von Lumbalflüssigkeiten vor. 

Diskussion: Lange erwähnt, dafs scheinbare Besserungen des 
Hydrocephalus auch ohne Behandlung Vorkommen. 

Soltmann hat weder von der Lumbalpunktion noch von irgend 
einem andern Mittel Nutzen beim Hydrocephalus gesehen; im Uebrigen 
sei die Operation an und für sich auch bei der Entnahme von grofsen 
Flüssigkeitsmengen vollständig ungefährlich. 

Bendlx berichtet über einen in der Charitö circa 1 Jahr mit Jod¬ 
kali behandelten Fall von Hydrocephalus, der sich so gebessert hat, 
dafs das Kind, circa 3 Jahre alt, Steh- und Gehversuche macht, der 
Kopfumfang kleiner geworden, und das Gesicht gegenüber dem kolossalen 
Kopf mehr in den Vordergrund tritt. Die Intelligenz ist so weit ge¬ 
steigert, dafs das Kind einzelne Worte spricht, guten Tag sagt, nach 
der Uhr verlangt etc. 

Langner hat nach Lumbalpunktionen vorübergehende, aber nie¬ 
mals dauernde Besserungen gesehen. 


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Länge-Leipzig: Beitrag zur Lehre von Salaamkrampf. 

Lange hat in dem letzten Jahre 4 Fälle von Spasmus nutans be¬ 
obachtet, deren Krankengeschichten zunächst kurz mitgeteilt werden. 
Es handelt sich um 3 Mädchen und einen Knaben im Alter von 
8 Monaten, 2 Jahren, 7 Jahren und 11 Jahren. Bei dem Säugling heilte 
der Krampf unter Phosphorbehandlung innerhalb 3 Monaten ab, während 
er in den anderen Fällen 2, 5 und 8 Jahre bestand, jeder Therapie 
trotzend. Eigentümlich war bei 2 Kindern, dafs die Anfälle nur nach 
dem Erbrechen eintraten. Alle 3 älteren Kinder leiden, zum Teil erst 
seit kürzerer Zeit, an Epilepsie, dabei ist in 2 Fällen mehr oder weniger 
hochgradige Idiotie vorhanden, während das älteste Kind völlig intelligent 
ist. In 2 Fällen ist niemals Nystagmus bemerkt worden. Lange be¬ 
spricht die Pathogenese des Krampfes. Die in den Lehrbüchern als 
Accessoriuskrampf angeführte Affektion ist in Wirklichkeit gar keine 
solche, da die von N.accessorius versorgten Muskeln, stemaleidomastoideus 
und Cucullaris gar nicht beteiligt sind. Die Nickbewegungen werden be¬ 
wirkt durch clonische Kontraktionen der Mm. recti ant. capitis, des M. 
longus colli und bei fixirtem Rippenkorbe, der Scaleni. Es ist daher 
ein Krampf im Gebiet des Plexus cervicalis, resp. brachialis. In einem 
Fall waren die Mm. pectorales mitbeteiligt. Lange glaubt, besonders in 
Rücksicht auf die mit Epilepsie verbundenen Fälle, dafs es sich bei 
älteren Kindern meist um zentrale Störungen handelt, vielleicht auch bei 
Säuglingen, je nachdem, transitorischer oder dauernder Art. Vielleicht 
sind es direkt corticale Veränderungen. Der Name Accessoriuskrampf 
mufs daher fallen gelassen werden. 

Diskussion: Pott hält es für wahrscheinlich, dals bei manchen 
derartigen Krämpfen die Hysterie das aetiologische Moment bildet; für 
ein schweres cerebrales Leiden hält er sie nicht. 

Hochsinger betont, dafs abgesehen von den Fällen Lange’s der 
Nickkrampf stets mit Rhachitis in Verbindung steht Eine günstige Be¬ 
einflussung derselben durch Phosphor ist unverkennbar. 

Soltmann: Es giebt in der That einen essentiellen Salaamkrampf, 
der mit der Rhachitis nichts zu thun hat, doch hat Soltmann dabei 
Darmstörungen beobachtet. Der stete essentielle Krampf ist selten und 
fast immer unheilbar. Die Häufigkeit der morgendlichen Anfälle ist 
reflektorisch durch das Auftreten und Aufheben des Kindes aus dem 
Bett zu erklären. 

von Holwede bestätigt zugleich mit Hochsinger das Vor¬ 
kommen des Nickkrampfes bei Rhachitis. Ersterer macht noch auf 
Bewegungen der Kinder aufmerksam, die, charakterisiert durch das Hin- 
und Herbewegen des Oberkörpers, solchen von in Käfigen einge¬ 
schlossenen Thieren gleichen. Masturbation war bei den beobachteten 
Fällen ausgeschlossen 

Soltmann hält diese Bewegungen der im Bett sitzenden Kinder 
nicht für Krampf, sondern für instinktive Zwangs- oder Drangbewegungen, 
die darin ihren Grund haben, dafs die Kinder irgend etwas wünschen, 
sie hören meist sofort auf nach Erfüllung des Gewollten (Urindrang, 
Stuhldrang, Durstgefühl etc.). 

Lange giebt die Hysterie als aetiologisches Moment zu. Da 
fast alle Fälle in der Poliklinik rhachitisch sind, so darf die Rhachitis 
nicht als aetiologische Basis für jede Krankheit herangezogen werden. 


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Heflöch führt die von v. Holwede geschilderten Hin- und Her¬ 
bewegungen des Kindes auf Onanie zurück. Den cerebralen Sitz der 
Krankheit verlegt er deshalb mutmafslich in die Rinde, weil von 
französischen Autoren ein Nick^entrum nachgewiesen ist. 

D r e w s - Hamburg. 


lieber den praktischen Wert von Dr. med. Theinhardt’s Kindernahrung 

und Hygiama. 

Von Dr. H. Baum, Kinderarzt in Cöln a. Rh. 

Die günstigen Referate in medizinischen Fachzeitungen über Dr. 
med. Theinhardt’s Kindernahrung und Dr. med. Theinhardt's Hygiama 
haben mich veranlafst, diese beiden Präparate auch in meiner Praxis 
aufzunehmen. — 

Dr. Theinhardt’s Kindernahrung versuchte ich zunächst bei Säug¬ 
lingen, welche bei Soxhlet u. Heubner’schen Kuhmilchmischungen nicht 
gut fortkamen und bei schwächlichen Kindern, die diese Milchmischnngen 
überhaupt nicht vertrugen und konnte ich schon nach kurzem Gebrauch 
eine allgemeine Hebung der Kräfte und gute Gewichtszunahme konstatiren. 

Gestützt auf diese guten Erfahrungen habe ich denn auch keinen 
Anstand genommen, die Kindemahrung in Fällen von Verdauungsstörungen 
und Brechdurchfällen in Anwendung zu bringen und erzielte ich hier in 
kurzer Zeit überraschend gute Resultate. Die Kinder nahmen die nach 
Vorschrift der Fabrikanten zubereitete Suppe meist gern, die Nahrung 
wurde gut vertragen und das Erbrechen und die Durchfälle rasch sistiert. 
Dabei machte ich die Erfahrung, dafs die kleinen Patienten nicht so 
herunterkamen, wie dies sonst wohl der Fall ist, was sich meiner Ansicht 
nach dadurch erklärt, dafs in diesem Präparat so genügende Nahrungs- 
zufuhr geboten ist, dafs sie den raschen Verfall der Kräfte aufhält. 

In dem Kompendium von Dr. Dornblüth (siehe Seite 121) wird 
Dr. Theinhardt’s Kindemahrung bei Darmkatarrh und als sehr zweck- 
mäfsig für Kinder mit schwachem Magen vorzüglich geeignet empfohlen; 
ebenso empfiehlt Biedert in seiner neuesten 3. Auflage S. 204 ff. die 
Kindernahrung im Säuglingsalter und Heubner in seinem Buch über Säug- 
lingsemährung und Säuglingsspitäler die Dr. Theinhardt’s Kindernahrung 
in den vorliegenden Fällen warm. 

Meine Erfahrungen stimmen hiermit überein. Ich habe mit den 
älteren bekannten Kindermehlen solche gute Resultate kaum je erzielt 
und möchte deshalb ^n dieser Stelle meine Herren Kollegen auf dies 
zuverlässig wirkende Therapeutikum aufmerksam machen. — 

In schlimmen Fällen von Brechdurchfall empfiehlt es sich, die Nah¬ 
rung mit einem Abgufs von Reiswasser zu kochen. Hierzu wird gut 
ausgewaschener Reis mit einem genügenden Quantum kochenden Was¬ 
sers übergossen und etwa 5 Minuten lang aufgekocht, sodafs sich ein 
ganz leichter dünnflüssiger Schleim bildet. Derselbe wird durchgeseiht, 
mit dem für das Alter des Kindes vorgeschriebenen Quantum Dr. Thein¬ 
hardt’s Kindernahrung (siehe Ernährungstabelle, welcher jeder Dose bei¬ 
liegt) aufgekocht und so lange dem Kinde gereicht, bis die Stühle ge¬ 
regelt sind und das Erbrechen aufgehört hat. Soll dann der Nahrung 
wieder Milch zugesetzt werden, so mufs das vorsichtig, in anfangs ganz 


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kleinen Zusätzen geschehen und darf, bei Anwendung eines der gebräuch¬ 
lichsten Sterilisierungs-Apparate, die Milch, welche dem schon vorher 
aufgekochten Pulver beigegeben wird, nur höchstens zehn Minuten noch 
mitgekocht werden, wie auch v. Stark die Soxhlet’sche Kochvorschrift 
solchermafsen modifiziert verlangt (Vergl. Centralblatt für Kinderheilkunde 
No. 2 1896 pag. 69). — 

Das andere Präparat, Dr. Theinhardt’s Hygiama, welches nicht für 
Säuglinge verwendbar* ist, ist mir deshalb unentbehrlich geworden, weil 
es den Uebergang zur festen Nahrung sehr erleichtert und dem heran- 
wachsenden Kinde darin durch den hohen Gehalt an Eiweifsstoffen, Fett 
und namentlich auch an leicht resorbierbaren Nährsalzen eine durchaus 
rationelle Nahrung geboten ist. 

Ebenso hat Hygiama beim Erbrechen der Schwangeren selten den 
Dienst versagt; es wurde fafst ausnahmslos vertragen und hatte auf das 
allgemeine Wohlbefinden einen merkbar guten Einflufs. 

Was für den Arzt noch besonders Vertrauen erweckend sein dürfte, 
ist der Umstand, dafs beide Präparate einer ständigen Controlle ver¬ 
eidigter Chemiker unterworfen sind und die Analysen veröffentlicht 
werden. 


Referate. 

Diphtherie genöralisöe grave chez un enfant de six semaines; injec- 
tion de serum; guerison. Von Fournier. (Gazette des höpitaux 
1897, 121). 

Die Beobachtung zeigt, dafs in der That die Seruminjektionen bei 
schwersten, verzweifeltsten Fällen den einzigen Rettungsanker bilden. 
Sie zeigt ferner, dafs man, wenn die erste Injektion keinen Erfolg hatte, 
vor einer Wiederholung und Verstärkung der Injektionen nicht zurück¬ 
schrecken sollte. Bei dem Kinde von 6 Wochen waren 4 mal Injek¬ 
tionen erforderlich, ehe die Membranen begannen, sich abzustofsen. Als 
einzige Wirkung des Serums auf den Organismus konnte F. dabei nur 
eine Erythemeruption auf den ganzen Körper beobachten, welcher übri¬ 
gens sehr schnell wieder schwand. Selbst das früheste Kindesalter bildet 
keine Kontraindikation für die Serumanwendung. 

v. Boltenstern (Bremen). 

Kritisches über „Die Werthbemessung des Diphtherieheilserums und 
deren theoretische Grundlagen.“ Von Lohnstein. (Therap. 
Monatshefte Oktober 1897.) 

Verf. unterzieht die im Titel genannte Schrift Ehrlich’s, einen 
Sonderabdruck des „Klinischen Jahrbuches“, einer Kritik und gewinnt die 
Ueberzeugung, dafs die Fundamentierung des Gebäudes der Serum-Con- 
trolle eine höchst unsichere, von der angeblichen, mathematischen Exakt¬ 
heit der Dosirung des Diphtherieheilserums nicht die Rede sein kann. 
Als bleibendes Resultat der Publikation bezeichnet L. die Thatsache, 
dafs die Diphtherietoxine in ihrer Virulenz ungeheuer veränderlich sind, 
und dafs bisher kein konst mtes Testgift vorhanden ist. Zur Zeit giebts 
daher auch keine Grundeinheit für das Diphtherieheilserum, denn wie 
will man die Konstanz des Normalserums fesstellen, wenn man kein un- 


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veränderliches Testgift hat, von welchem immer gleiche Mengen durch 
jenes neutralisiert werden? v. Boltenstern (Bremen). 

Ueber Serumtherapie. Von Walger. (Vortr. geh. i. ärztl. Kreis- 
vers. zu Nidda a. 1. Nvbr. 1897. Nach e. Autoref. d. Correspon- 
denzbl. d. ärztl. Ver. d. Grofsh. Hess. No. ll. 1897). 

Wir befinden uns mitten in einer Reform der Medizin. Virchow 
hat sie begonnen durch die Einführung des cellularen Prinzips. Seine 
Cellularpathologie ist der erste und wichtigste Versuch, den uralten Streit 
zwischen den humoralen und solidaren (heuristischen) Schulen durch 
einen Vergleich zu schlichten und die gesamte medizinische Betrach¬ 
tungsweise auf den Punkt zu erheben, wo die Pathologie zu einem Zweig 
der Biologie wird. Gerade dies letztere betrachtet Virchow selber als 
den Schwerpunkt seiner Lebensarbeit. Noch einmal im August dieses 
Jahres hat er es bei dem internationalen medizinischen Kongrefs in 
Moskau gewissermafsen als ein wissenschaftliches Vermächtnis hinter¬ 
lassen, dafs die Entwickelung der Medizin zum rein biologischen Stand¬ 
punkt das Ziel aller Forschung sein und bleiben müsse. Virchow’s Rede 
richtete sich dabei wesentlich gegen seinen Antipoden Behring und 
die von diesem geschaffene Blutserumtherapie. In Behring sieht Virchow 
die längst überwunden geglaubte Humoralpathologie wieder ihr Haupt 
erheben. Hatte ja doch Behring selber kurz vorher auf dem diesjährigen 
Berliner Kongrefs für innere Medizin seine nahen Berührungspunkte mit 
den humoralen Schulen betont, und auf Behring’s Seite — darüber ist 
kein Zweifel — steht heute der gröfste Teil der Aerztewelt. Was hatten 
denn die ganzen Forschungen Virchow’s, trotz ihrer unwiderleglichen 
inneren Folgerichtigkeit, schliefslich an praktischem Nutzen für die 
Therapie, diesen wichtigsten Zweig der Medizin, hervorgebracht? Denn 
für uns praktische Aerzte bildet die Therapie die Krone unserer Kunst. 
Nur weil er Heilung verlangt und erhofft, kommt der Kranke zu uns. 
Nicht den Arbeiten Virchow’s sondern den Bakteriologen verdankt die 
Chirurgie den gewaltigen Aufschwung, der ihr aus der Antiseptik 
und Aseptik geworden. Nun war durch Behring’s Serumtherapie auch 
für die innere Medizin ein Erfolg gewonnen, der die weitesten Ausblicke 
auf eine noch erfolgreichere Zukunft eröffnete. Vielleicht ist es doch 
kein Zufall, dafs durch die ganze Geschichte der Medizin hindurch fast 
alle glücklichen Therapeuten ganz oder zum Teil Humoralpathologen 
gewesen sind. Seit Behring’s Auftreten, das dürfen wir gewifs behaup¬ 
ten, steht die innere Medizin unter dem Zeichen der Therapie. 

Und trotzdem kann man andrerseits bei einem Manne wie Virchow 
überzeugt sein, dafs er wichtige Gründe hat, wenn er seine warnende 
Stimme erhebt. 

Als Behring zuerst mit der grundlegenden Entdeckung hervortrat, 
wonach bei der Diphtherie, beim Tetanus und wahrscheinlich auch bei 
andern Infektionskrankheiten das Blutserum der Träger oder Vermittler 
höchst wichtiger Heilungsvorgänge ist, verzichtete er zunächst ausdrück¬ 
lich auf jede theoretische Erklärung seiner merkwürdigen Beobachtungen. 
Er lehnte jegliche Systemgründerei ab und stellte sich auf den Boden 
strenger Empirie. Aber bald mufste auch Behring einsehen, dafs es 
nicht möglich ist, von einem empirisch gefundenen Standpunkt aus auch 
nur einen erfolgreichen Schritt vorwärts zu thun, ohne durch eine klare 


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theoretische Erklärung der beobachteten Erscheinungen geführt zu werden. 
Allerdings bot hier bald die Hypothese von den Antitoxinen, die im 
Blute gebildet werden, und die die Toxine paralysieren, die hilfreiche 
Hand. Aber der trotzdem noch unerklärt übrig gebliebene Rest, der 
die schwierigen Probleme der Krankheitsdisposition, der erworbenen 
dauernden Immunität, ja noch vieler Erscheinungen des Heilungsvor¬ 
ganges selbst umfafst, ist wahrscheinlich gröfser als die Summe der Vor¬ 
gänge, die durch jene Hypothese erklärt wird. So sah sich schliefslich 
auch Behring gezwungen, das schwierige Gebiet der Hypothese immer 
weiter zu betreten. In seinen theoretischen Auseinandersetzungen auf 
dem Berliner Kongrefs für innere Medizin im Vorsommer dieses Jahres 
hat er unter anderem erklärt, dafs er sich in dem Satz »similia similibus« 
mit der Homöopathie begegne, und ferner, dafs es sich bei den Heilungs¬ 
vorgängen wahrscheinlich nicht oder wenigstens nicht immer um wirk¬ 
liche körperliche Antitoxine handle, sondern um eine antitoxische Kraft, 
die den Eiweifskörpern des Blutserums immanent sei, ähnlich wie beim 
Magneten die magnetische Kraft dem Eisen. Ueberlegt man sich solche 
Sätze genau, so drängt sich uns die Ueberzeugung auf, dafs Behring ein 
glücklicher Therapeur, aber keineswegs ein glücklicher theoretischer Denker 
ist. Wie kann man sich mit der Homöopathie in dem Satz > similia 
similibus« begegnen, wenn man Toxine durch Antitoxine, also Gifte 
durch Gegengifte bekämpft? Dafs Gift und Gegengift jedesmal als 
spezifisch gedacht werden müssen, kann doch wohl nicht entfernt an 
den Sinn des Satzes »similia similibus« erinnern. Schlimmer als dieser 
Denkfehler ist die Hypothese von der Antitoxinkraft. Mit diesem Wort 
ohne Begriff ist jeder feste Boden exakten Denkens verlassen und das 
Gebiet der Mystik betreten. Ebensogut könnte man z, B. auch die 
Verdauungsvorgänge durch eine dem Magen inne wohnende Verdauungs¬ 
kraft erklären wollen. Für das Verständnis der Heilungsvorgänge be¬ 
deutet es einen ungeheuren Unterschied, ob man es mit körperlichen 
Antitoxinen, also bestimmten und möglicher Weise auch bestimmbaren, 
chemisch wirksamen Stoffen zu thun hat, oder ob man sich eine unbe¬ 
stimmte Kraft vorstellt, deren Erkenntnis sich jeder Forschung entzieht. 
Wer es einmal versucht, sich chemische Prozesse vorzustellen — und 
um solche mufs es sich doch vorzugsweise handeln —, wird es merken, 
wie sehr es darauf ankommt, sozusagen körperlich zu denken, und nicht 
mit blofsen Kräften zu operieren. Unter diesen Umständen kann man 
es wohl begreifen, wenn Virchow, der — in medizinischen Dingen wenig¬ 
stens — stets gewufst hat, was er wollte, unter dem Eindruck von 
Behring’s Berliner Rede bald darauf in Moskau seine warnende Stimme 
erhob: »Wer den Verführungen der Serumtherapie Widerstand leisten 
kann, ist ein glücklicher Mann. Wer aber ganz nur mit dem Serum 
sich beschäftigen wird, der wird bald die regelrechte Strafse verlieren.« 

Für jeden, der gehofft hat, dafs nach Analogie des Diphtherieheil¬ 
serums auch für andere Infektionskrankheiten auf dem von Behring einge- 
schlugenen Weg eine neue Therapie gefunden werden müfste, ist denn 
auch eine gewisse Enttäuschung nicht ausgeblieben. Die bei Tetanus 
berichteten Heilerfolge besitzen keine überzeugende Kraft. Die Sache 
geht nicht mehr vorwärts, und bei einer Kritik der oben angeführten 
Rede Behring’s kann man den Gedanken nicht abweisen, dafs es an 
einer exakten theoretischen Grundlage fehlt. Irgendwo stecken trüge- 


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rische oder nur halb durchgeführte Schlüsse, und daher der Stillstand. 

Dafs dem so ist, hat sich in jüngster Zeit erwiesen, seit durch Klar¬ 
stellung eines dieser Trugschlüsse von ganz anderer Seite her ein neuer 
wichtiger Fortschritt in der Serumtherapie gelungen ist. Man war bisher 
der Meinung, dafs nur durch wiederholtes Ueberstehen einer Erkrankung 
die genügende Zahl von Antikörpern im Blutserum gebildet würde, um 
einen Heilerfolg oder eine Schutzkraft durch das Serum bewirken können. 
Mit dieser Anschauung war man selbsverständlich an das Tierexperiment 
festgebannt, da es doch nicht angängig ist, Menschen künstlich und 
wiederholt zu infizieren, und damit war natürlich auch der Zugang zu 
allen den Infektionskrankheiten verschlossen, deren Krankheitserreger wir 
noch nicht in impfbaren Kulturen besitzen, oder gegen die sich die 
Tiere immun verhalten. Wohl hatten es auch Einige versucht, mit 
menschlichem Blutserum von Rekonvaleszenten bei spezifischen Infektions¬ 
krankheiten Heilungen zu erzielen, aber alle diese Versuche hatten nie 
einen Erfolg gehabt. 

Es bedeutet einen aufserordentlichen Fortschritt, dessen Tragweite 
im Laufe der Zeit immer erkennbarer werden wird, dafs dieser Versuch 
nunmehr gelungen ist. Und gerade wir Landärzte dürfen mit Befriedi¬ 
gung darauf sehen, denn es ist einer aus unseren Reihen, nämlich mein 
Kollege Weisbecker in Gedern, dem die Wissenschaft diesen wichtigen 
Fortschritt verdankt. Weisbecker begann seine Versuche vor 2 Jahren 
mit den Masern, und gestützt auf ganz selbstständige, wenn auch der 
Oeffentlichkeit noch nicht vorgelegte theoretische Erwägungen, gelang es 
ihm, auch bald bei Scharlach, Pneumonie, Typhus, Diphtherie 
und Keuchhusten, also wie es die Praxis mit sich brachte, Erfolge 
zu erzielen, deren Eigenart in hohem Maalse bemerkenswerth ist. Die 
vorläufigen Veröffentlichungen darüber erfolgten im Juni 1896 und im 
März 1897 in der von v. Leyden und Andern herausgegebenen »Zeit¬ 
schrift für klinische Medizin«. 

Da ich selber seit über Jahresfrist an diesen Versuchen Weisbecker’s 
Teil nehme, so bin ich in der Lage, die von meinem Kollegen der 
Oeffentlichkeit vorgelegten Ergebnisse in vollem Umfang bestätigen zu 
können. Die Weisbecker’schen spezifischen Heilsera werden durch 
mäfsigen Aderlafs von Rekonvaleszenten gewonnen, die die betreffende 
spezifische Infektionskrankheiten soeben überstanden haben, die also von 
der Natur geheilt worden sind, und es macht keinen Unterschied, ob 
es sich um eine Erkrankung handelt, deren einmaliges Ueberstehen eine 
dauernde oder nur eine vorübergehende Immunität erzeugt. Dagegen 
kann die Auswahl der geeigneten Einzelfälle, sowie auch der Zeitpunkt, 
wann das Serum zu gewinnen ist, erhebliche Schwierigkeiten bereiten 
und nur demjenigen mit Sicherheit gelingen, der nach klarer theore¬ 
tischer Grundlage zu arbeiten in der Lage ist. Diese theoretische Ein¬ 
sicht ist selbstverständlich der Schwerpunkt der Sache, und hierin liegt 
auch die Ursache, warum Weisbecker's Vorgänger keine Erfolge bei 
ihren Versuchen gehabt haben. 

Bei den Arbeiten eines noch unberühmten jungen Landarztes ist 
es als ein günstiges Ereignis zu betrachten, dafs von anderer alle Autori¬ 
tätsbedürftigen gewifs befriedigender Seite her vor Kurzem eine Bestäti¬ 
gung der Weisbecker’schen Heilresultate erfolgt ist. Nachdem seine 
erste Arbeit über Masern im Juni 1896 erschienen war, hatte Weisbecker 


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seine zweite gröfsere Arbeit über Scharlach, Pneumonie und Typhus 
wenige Wochen später, im August 1896, an Herrn Geheimerat v. Leyden 
eingereicht, und der Abdruck dieses Aufsatzes erfolgte dann ebenfalls 
in der »Zeitschrift für klinische Medizin« im März dieses Jahres. Nun 
hat, 5 Monate nach dieser Veröffentlichung, die Berliner Klinische 
Wochenschrift am 2. August dieses Jahres einen Aufsatz von Huber 
und Blumenthal, Assistenten an der v. Leyden’schen Klinik gebracht, 
wonach diese Herren auf Anregung Leyden’s ebenfalls Heilversuche 
mit menschlichem Rekonvaleszentenblutserum bei Scharlach, Masern, 
Pneumonie und Erysipel angestellt haben. Wenn auch im Schlufs 
dieses Aufsatzes versucht wird, vieles vorher Gesagte abzuschwächen, 
so hat man doch die Resultate Weisbecker’s in der Hauptsache bestätigt 
gefunden. Es steht von nun an fest, dafs nach überstandenen Infektions¬ 
krankheiten dem menschlichen Blutserum Eigenschaften zukommen, ver¬ 
möge deren es gegen die spezifischen Krankheiten mit wichtigem Heil¬ 
erfolg veiwandt werden kann. Nur bei Erysipel hatte man in Berlin 
keine Erfolge zu verzeichnen. Hierüber lagen allerdings auch noch keine 
vorgängigen Arbeiten Weisbecker’s vor. 

Jeder Prioritätsstreit ist in dieser Sache überflüssig, weil sich die 
W.’schen Versuche auf ganz anderem Boden — trotz scheinbarer äusserer 
Aehnlichkeit — bewegen, als die der Leyden’schen Klinik. 

Was einige Details über die Wirksamkeit der Weisbecker’schen 
spezifischen Sera betrifft, so ist es in hohem Grade auffallend, dafs ihre 
Wirkung oft eine fast plötzliche, schon nach 5 bis 10 Minuten wahr¬ 
nehmbare ist. Während das Fieber und der anatomische Prozefs viel¬ 
leicht garnicht oder nur allmählig beeinflufst scheinen, zeigt sich in Be¬ 
zug auf das Allgemeinbefinden des Kranken oft eine ganz plötzlich ein¬ 
tretende Euphorie. In den ideal verlaufenden Fällen ist vom Augen¬ 
blick der Seruminjektion an das Krankheitsbild in geradezu den Arzt 
wie den Laien verblüffender Weise verändert. Die Schmerzen schwinden, 
der Gesichtsausdruck wird der eines Genesenden, Appetit und Schlaf 
stellen sich ein, kurzum das Krankheitsgefühl ist weggenommen. Wer 
derartiges gesehen hat, wird sich durch den Einwand, dafs es 
um psychische, suggestive Wirkungen handle, nicht beirren lassen. 
Diese Euphorie sieht man nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei 
ganz kleinen Kindern eintreten, die vor der Injektion z. B. im höchsten 
Fieber apatisch oder somnolent daliegen, seit 3 Tagen kein Spielzeug 
angerührt haben, und nach der Injektion sich im Bettchen aufsetzen, 
ihr Bilderbuch fordern, die von ihnen vorher verweigerte Nahrung gern 
annehmen und dergleichen mehr. Bet kleinen Kindern sind doch der¬ 
artige suggestive Wirkungen, noch dazu als Folge eines Einstiches mit 
der Spritze, ausgeschlossen. Uebrigens haben ja auch die Herren Huber 
und Blumenthal in einem ihrer Scharlachfälle die Schnelligkeit der ein¬ 
getretenen Euphorie erwähnt. 

Dafs diese Euphorie aber nicht immer so typisch, und namentlich 
in den schweren, erst spät zur Injektion gekommenen Fällen natürlich 
weniger charakteristisch auftritt, wird keinem Einsichtigen wundem. Es 
ist merkwürdig und wichtig genug, dafs es überhaupt Fälle giebt, in 
denen derartiges vorkommt. 

Dafs andrerseits das Fieber und der lokale Befund durch die In¬ 
jektion keineswegs weggeblasen werden, ist wohl selbstverständlich. 


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Was hierüber zu sagen ist, mufs den weiteren Veröffentlichungen Vor¬ 
behalten werden. Es genüge, dafs man bei rechtzeitiger Injektion, d. h. 
bei noch leistungsfähigem Körper, auf einen leichten Verlauf und guten 
Ausgang auch bei schwerer Erkrankung rechnen kann. 

Die fast immer ^ zu einem vollen Erfolg hinreichende Dosis des 
Serums beträgt etwa 10 ccm, und eine wiederhohe Injektion bei ein 
und derselben Erkrankung ist weder notwendig, noch würde sie einen 
Zweck haben. 

Es gehört zweifellos zum ausschliefslichen Eigentum Weisbecker’s, 
die Bedeutung des subjektiven Befindens gegenüber dem Verlauf des 
Fiebers und des anatomischen Prozesses erkannt und in einer Weise 
hervorgehoben zu haben, wie es vor ihm von keinem Kliniker geschehen 
ist, und zwar handelt es sich vor allem um das subjektive Befinden 
nach der Injektion. Vor der Injektion ist das Allgemeinbefinden gewifs 
keineswegs ein Mafsstab für Schwere und wahrscheinlichen Verlauf 
einer Infektionskrankheit. Wie oft haben wir alle schon Fälle von 
Diphtherie bei anfänglich gutem Allgemeinbefinden in Sepsis ausgehen 
sehen, und auch Pneumonie und Scharlach sind reich an solchen un¬ 
angenehmen Ueberraschungen. Nach der Seruminjektion aber ist die 
Gestaltung des Allgemeinbefindens für Beurteilung und Prognose des 
Falles von absoluter Zuverlässigkeit. 

Da wir es mit spezifischen Seren zu thun haben, so wird es ferner 
einleuchten, dafs wir zugleich wichtige diagnostische Hilfsmittel in ihnen 
besitzen. Nie wird man bei irrtümlicher Diagnose eine Einwirkung des 
Serums wahmehmen, umgekehrt ist die sofort wahrnehmbare Wirkung 
die sicherste Bestätigung der Diagnose, die es jemals geben kann. 

Irgend welche schädlichen Nachwirkungen haben die Sera nie und 
sind selbst im Fall irrtümlicher Diagnose nicht zu befürchten. 

Ich würde es nicht wagen, mit einer solchen Reihe blofser Be¬ 
hauptungen, wie ich in Vorstehendem gethan, ohne Beweise vor Sie hin¬ 
zutreten, wenn ich nicht hinzufügen dürfte, dafs zu seiner Zeit die 
Beweise in korrektester Weise erbracht werden können und sollen. 
Weisbecker’s Arbeiten haben eine grofse Menge neuer Gesichtspunkte 
zu Tage gefördert, sodafs die Heilserumfrage thatsächlich durch ihn in 
eine neue Bahn gelenkt ist, und wie noch hinzugefügt werden darf: 
irgend ein Gegensatz zu Virchow’s strengsten Forderungen liat sich 
dabei nicht ergeben. 

Du röle du froid dans le developpement des angines. Von P. Busquet. 

(Gaz. hebd. de med. et de chir. 1897. No. 85.) 

Welch geringe Bedeutung die sog. Erkältung bei der Entstehung von 
einfachen Anginen hat, beweist die Beobachtung des Verfassers. Auf dem 
Truppenübungsplatz waren 8 Kompagnien in Zelten, 1 in Baracken unter¬ 
gebracht. Zur Zeit als sehr starke Nachtfröste eintraten, wurden unter 
den 8 Kompagnien 3, in der 1 aber 11 Fä.le von Angina gezählt. Einen 
Beweis für die Infektiosität der Anginen findet Verf. in der Untersuchung 
des vom Fufsboden der Baracke gesammelten, in sterilisiertem Wasser 
geschüttelten Staubes. Unter dem Mikroskop zeigten sich zahlreiche 
Streptokokkenketten neben andern unbestimmten Mikroben. Bakteriolo¬ 
gische Untersuchungen sind nicht vorgenommen. Den Gang der Infek¬ 
tion denkt Verf. so, dafs der eingeatmete Staub direkt durch Entfaltung 


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der Wirkung der mitgeführten pathogenen Keime die Krankheit hervor¬ 
ruft oder indirekt die in der Mundhöhle stets reichlich vorhandenen 
latenten Mikroben wieder virulent macht. v. Boltenstern (Bremen). 

De r infantilisme myxoedemateux. Von E. Brissand. (Extrait de 
la nouveile iconographie de la Salpötriöre 1897.) 

In Frankreich ist vorzüglich jene Wachstumshemmung einer Er¬ 
örterung unterzogen, welche schliefslich zu einer Erhaltung kindlicher 
Formen, zum Ausbleiben sexueller Entwickelung über die Pubertätszeit 
hinaus führt. Dieser Infantilismus kann isoliert oder auch mit anderen 
kongenitalen Dystrophien, wie Zwerg- und Riesenwuchs, Rachitis, Fett¬ 
sucht und Muskelatrophie verbunden, auftreten. Eine besondere pathoge¬ 
netische Rolle spielt das Myxoedem. Da es sich nicht um eine Ent- 
wickelungs- sondern Wachsthumshemmung handelt, bleibt bei dem 
myxoedematösen Infantilismus der Organismus auf der körperlichen und 
geistigen Entwickelungsstufe wie zur Zeit des Eintritts der myxoedema¬ 
tösen Erkrankung, welche hervorgerufen ist durch eine spontane Thyreoi¬ 
deaatrophie. Eigene und anderweitige Beobachtungen mit Abbildungen 
sollen das verschiedenartige Bild des infantilen Myxoedems fesstefien 
und auch die Differentialdiagnose mit anderen Formen des Infantilismus 
und verwandten Erscheinungen. Den Ausdruck idiotie myxoedömateuse 
will B. nicht gelten lassen, da nicht unbedingt Myxoedem und Idiotie 
zugleich vorhanden sein müssen, gemäfs der ganzen Entwickelung der 
Krankheit. v. Boltenstern (Bremen). 

Ueber Behandlung der Frostbeulen. Von Binz. (Zeitschr. f. prakt. 
Aerzte 1897, No. 19.) 

Die meisten gegen Frostbeulen empfohlenen Arzneisubstanzen 
kommen nicht an den Ausgang und Sitz der Entzündung heran. Wenn 
man Lösungen oder Verreibungen von Gerbsäure, Bleisalzen, Zinksalzen, 
Alaun und ähnlichem auf der Oberfläche einer unter der Epidermis 
sitzenden Entzündung in der Weise einwirken läfst, wie dies heute beim 
Behandeln der Frostbeulen meistens geschieht, so mufs der Erfolg aus- 
bleiben» weil so gut wie nichts von jenen Stoffen die Epidermis durch¬ 
dringt. 

Anders wenn das Heilmittel flüchtig ist. Ein solches hat die 
Fähigkeit, durch die unversehrte Oberhaut hindurchzugehen und die ihm 
zukommende Wirksamkeit zu entfalten. Hierher gehört das Chlor, und 
zwar in der handlichen Form des Chlorkalks, das man nach beifolgendem 
Rezept verordnet: 

Rp. 

Calcar chlorat. 1,0 
Unguent. Paraffini 9,0 
M. f. unguent. subtilifs. 

D. in vitro fusco. 

Man läfst des Abends beim Zubettgehen davon erbsen- oder 
bohnengrofs, je nach der Ausdehnung etwa 5 Minuten lang in die ge¬ 
rötete und schmerzende Stelle einreiben und diese zum Schutze gegen 
zu rasches Verdunsten des Chlors und auch zum Schützen der Bett- 


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tücher durch einen einfachen Verband, am besten mittels eines schwer 
durchdringlichen Stoffes, und durch einen Strumpf oder Handschuh be¬ 
decken. Entzündung und Schmerz verschwinden in der Regel innerhalb 
einer Woche, wenn das Uebel nicht zu alt oder gar schon zur Ver¬ 
schwärung gekommen ist. 

Auch die starke Rötung der Nasenspitze sah B. einige Male durch 
Chlorkalksalbe heilen. 

Von gröfster Wichtigkeit ist die richtige Beschaffenheit der ver- 
ordneten Salbe. Sie darf nur dann zur Anwendung kommen, wenn sie 
einen deutlichen und kräftigen Geruch nach Chlorkalk hat. Der Chlor¬ 
kalk darf auch nur mit Paraffinsalbe verordnet werden, weil ihr wirksamer 
Komponent im Schweinefett und besonders im Lanolin zu rasch ver¬ 
schwindet. 

Schliefslich wird man beim örtlichen Behandeln der Frostbeulen 
die allgemeinen Anzeigen nicht vernachlässigen, also besonders Blutarmut 
und Kälteempfindlichkeit bekämpfen. In Bezug auf diesen Punkt hat 
B. gesehen, dafs man dem Entstehen der Entzündung Vorbeugen kann, 
wenn man den dazu Neigenden täglich ein kaltes Fufsbad nehmen läfst. 
Natürlich mufs man damit in der warmen Jahreszeit beginnen und dieses 
Bad in der kalten regelmäfsig fortsetzen lassen. Schnell-Egeln. 

Ueber die Folgen von subkutanen Schädelfrakturen in den ersten 
Lebensjahren. Von Weinlechner. Vortrag, gehalten in der Ge¬ 
sellschaft der Aerzte in Wien, S. Dezember 1897. 

Nach subkutanen Schädelfissuren und -Frakturen in den ersten 
Lebensjahren bilden sich Schädellücken mit Anlagerung des Gehirnes 
oder Meningocele, auch können beide Formen kombiniert sein. Am 
häufigsten betreffen solche Veränderungen den rechten Parietalhöcker. 
Die Knochenwände stehen hiebei höher, als die das Gehirn bedeckenden 
Weichteile. Bei stärkerem Drucke erhebt sich das Gehirn bis zum 
Rande der Lücke oder darüber hinaus. Eine Verwechslung mit ange¬ 
borenen Gehirnbrüchen, die sehr selten Vorkommen, ist leicht zu ver¬ 
meiden. Die Schädellücken bleiben dann stationär, verursachen an sich 
keine Beschwerden, doch ist eine Gefahr für das mangelhaft geschützte 
Gehirn vorhanden. 

Noch häufiger sind die Schädellücken mit falschen Meningocelen. 
Hier kommt häufig Verletzung der weichen Hirnhäute und des Gehirnes 
vor. Noch nach Jahren kann man Reste des Hämatoms nachweisen. 
Die Schädelfraktur erleidet bei den falschen Meningocelen eine Erweiterung, 
jedoch nicht so stark, wie bei den Schädelbrüchen mit Anlagerung des 
Gehirnes. Bei den falschen Meningocelen findet man eine auf der 
Schädellücke aufsitzende Geschwulst, welche bei den Fällen mit Gehirn¬ 
anlagerung nicht vorhanden ist. W. hat einen Fall beobachtet mit 
Kombination beider Formen. 

Solche Folgezustände von Schädelfrakturen werden nur in den 
ersten Lebensjahren beobachtet, später kommen sie nicht mehr vor. 

Bei den Ossifikationsdefekten des Schädels in den ersten Lebens¬ 
jahren wird eine Ausweitung und Vorwölbung des Schädels nicht be¬ 
obachte 

Therapeutisch sind die Erfolge in der antiseptischen Aera besser. 
Im Anfangsstadium läfst sich die falsche Meningocele durch Spaltung 


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der Geschwulst und Jodoformtamponade heilen. Bei älterer Erkrankung 
mufs die Geschwulst exstierpiert werden. Für die Deckung der Schädel¬ 
lücken käme Osteoplastik bezw. Heteroplastik mit Celluloidplatten in 
Betracht. Dr. Goldbaum-Wien. 


Ueber die Behandlung der Querbrüche der Patella und des Olecranon. 

Von Lindemann. (Deutsch, med. Woch. 1897, Nr. 40.) 

In der Klinik des Prof. J. WolfT in Berlin werden die Querbrüche 
der Patella und des Olecranon mit folgender Methode behandelt, die in 
sämmtlichen Fällen gute Resultate ergeben hat. 

Es wird gleich nach der Verletzung ein Gypsverband direkt auf 
dieH and angelegt. Handelt es sich um die Patella, so wird bei vollständig 
gestrecktem Bein ein Zeigefinger des Assistenten an der Basis, der andere 
an der Spitze der Patella unter spitzem Winkel aufgesetzt. Während 
die beiden Zeigefinger des Assistenten durch gleichzeitigen, fortdauernden 
krampfhaft festen Druck die Fragmente an einander bringen und direkt 
zusammengedrückt halten, legt der Operateur einen oben bis zur Leisten¬ 
beuge, unten bis zur Ferse reichenden Gypsverband an. Die Finger 
des Assistenten werden mit eingegypst, die Gypstouren in der Nähe 
des Zeigefingers verstärkt und fest angedrückt, so dafs sich ober- und 
unterhalb der beiden Fragmente ein fester Wall bildet, welcher dieselben 
zusammengedrückt hält und ihr Auseinanderweichen verhindert. Nach¬ 
dem der Gypsverband hart geworden, zieht der Assistent die Finger 
heraus. Nach IV 2 —2 1 / 2 Wochen wird der Verband abgenommen. In 
der Regel bleiben die Fragmente alsdann dauernd in ihrer einander ge¬ 
näherten Lage, so dafs ein neuer Gypsverband entbehrlich ist. Die 
Patienten fangen nun an umherzugehen. Gleichzeitig wird eine energische 
Massage und Faradisationdes Kniegelenkes und Quadriceps vorgenommen. 
Unter dieser Behandlung tritt alsdann die dauernde knöcherne Ver¬ 
einigung der Fragmente ein. 

Ganz analog wie bei den Patellarbrüchen wird bei der subkutanen 
Fraktur des Olecranon verfahren. Schnell-Egeln. 


Ueber angeborenen Schenkelbruch. Von Prof. Dollinger, (Vortrag ge¬ 
halten in der Gesellschaft der Aerzte zu Budapest am 24. XI. 97.) 
Therapeutische Wochenschr. No. 50 1897). 

D. demonstrierte einen ohne Verkürzung geheilten Fall von ange¬ 
borenem Schenkelbruch. Er wendete dabei je eine vordere und eine 
hintere feuchte Gypsschiene an, welche aus 8—10 Lagen Organtin be¬ 
standen und vom Nabel bis zu den Zehenspitzen reichten. Ueber die 
Schienen kommt eine Lage Watte, welche mit einer weichen Mullbinde 
fixiert wird. Die Extremität wird im Hüftgelenke bis zu 100°, im Knie- 
und Fufsgelenk bis zu 90° flektiert. Vorerst wird die vordere Schiene 
auf die redressierte Extremität gewickelt und in die Höhlung unterhalb 
der spina ant. superior hereingedrückt, hierauf die untere Schiene, welche 
an dem aufsteigenden Ast des Sitzbeines und der äufseren Fläche des 
absteigenden Schambeinastes eingedrückt wird. Die zwei Schienen 
müssen mittelst Mullbinde umwickelt werden. 18 Tage später waren 
dis Knochenenden bereits konsolidiert. 


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Die Schienen müssen täglich abgenommen und bei Durchnässung 
am Ofen getrocknet werden. Dr. H. Goldbaum-Wien 

Ueber Diastasen der Linea alba der Kinder mit Incarcerations- 
erscheinungen. Von Rüdinger. (Wien. klin. Wochenschr. No. 21, 
1897.) 

Nach Verf. unterscheiden sich die im späteren Lebensalter, ins¬ 
besondere bei Frauen, die öfters geboren haben, nach Operationen etc. 
vorkommenden Diastasen der Muse. rect. abdominis von den kindlichen 
Diastasen wesentlich durch ihren Sitz. Die kindlichen Diastasen be¬ 
treffen den oberen Teil der Bauchwand vom Process. xiphoid. bis zum 
Nabel oder etwas nach abwärts von demselben, wobei aber durchaus 
nicht gleichzeitig eine Nabelhernie zu bestehen braucht. Diese Lücken 
in den Muse. rect. abd. haben eine rautenförmige Gestalt, sind ange¬ 
boren und beruhen auf mangelhaftem oder vielmehr verspätetem Ver- 
schlufs der tiefen Schichten der Bauchwand. Diese kindlichen Diastasen 
können zu recht ernsten Beschwerden führen, welche zunächst in anfalls¬ 
weise auftretenden Inkarzerationssymptomen bestehen, im weiteren Ver¬ 
laufe aber zu tiefgreifenden Störungen im Gesammtzustande des Patienten 
Veranlassung geben, in welchen Fällen ein ungemein charakteristisches 
Krankheitsbild resultiert, das Verf. mit mehreren Krankengeschichten 
illustriert. Die kleinen Patienten bekommen bei dieser Affektion — wenn 
auch nicht in allen Fällen — nach schnellen Bewegungen und nach der 
Aufnahme von festen Speisen ganz plötzlich heftige Schmerzen von Sekun¬ 
den- und stundenlanger Dauer im oberen Teile des Bauches, werden 
dabei sehr blafs und verweigern mit der Zeit alle festen Speisen. Sie 
nehmen während der Schmerzen eine eigentümliche Stellung an, wo¬ 
durch sie sich ihre Beschwerden etwas erleichtern: sie ziehen den Bauch 
ein, neigen den Oberkörper vor und pressen öfters die Hände auf die 
Magengegend. Die Diastase der musc. recti ist nach B. wenigstens eben¬ 
so häufig wie der Nabelbruch. Oefters macht der Zustand allerdings 
gar keine Beschwerden, aber ein gegenteiliges Verhalten ist nicht gar 
so selten, es wird nur der Zustand verkannt, infolge dessen die Patienten 
solange an Magenkatarrh etc. behandelt werden, bis eine Spontanheilung 
eintritt, indem sich der Spalt verengert und endlich die Lücke schliefst. 
Die durch Diastase der musc. rect. veranlafsten Beschwerden treten meist 
erst vom 5. Lebensjahre ab auf, weil von dieser Zeit ab die Muskulatur 
am ganzen Körper, also auch am Bauche kräftiger zu werden beginnt 
und weil von da ab die Beschäftigungen der Kinder lebhafter werden, 
wobei während des Laufens, Spielens etc. genügende Gelegenheit zum 
Anspannen der Recti und Vordrängen des Bauchinhaltes gegeben ist. 
In einem Falle schien ein Traum mit dem Beginn der Beschwerden Be¬ 
ziehung zu haben. Höchst wahrscheinlich beruhen die Beschwerden der 
kleinen Patienten auf echten Inkarzerationerscheinungen, welche durch 
Entspannen der Bauchmuskulatur wodurch die Baucheingeweide zurück¬ 
gedrängt werden, beseitigt werden. Durch Anbringen eines einfachen 
Verbandes können die kleinen Patienten von ihren Beschwerden befreit 
werden, indem man fingerbreite Streifen aus amerikanischem Heftpflaster 
anlegt, welche sich dachziegelförmig deckend, die ganze vordere Bauch¬ 
seite umfassen, soweit der Spalt reicht. Die Beschwerden sind dann 
schon nach einigen Tagen gewichen. Verursacht das Heftpflaster Ekzem, 
so kann man statt dessen Salizylseifenpflaster nehmen. S. 


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Peronin, ein neues Sedativum. Von Eberson. (Terap. Monatsh- 
1897, Nr. XI.) 

E. versuchte das Peronin in 16 Fällen und kam dabei zu folgenden 
Resultaten: Es ist ein sehr brauchbares, hustenlinderndes Mittel, das 
im Stande ist, Morphium vollkommen zu ersetzen. In Fällen von akuter 
Bronchitis bringt es in kurzer Zeit vollständige Heilung. Es bessert den 
Zustand bei chronischen Bronchitiden und Tuberkulose der Lungen 
rasch und sicher; es mildert den Hustenreiz, bringt ruhigen Schlaf und 
erleichtert die Expectoration. Es beeinfluist in keiner Weise schädlich 
das Herz und den Digestionsapparat, so dafs es längere Zeit von diesen 
Organen gut vertragen wird. Ferner wirkt das Peronin lindernd beim 
Husten Hysterischer und bei Pertussis. 

Die Dosis beträgt bei Erwachsenen 0,01—0,02, 3—4 mal täglich, bei 
Kindern soviel Milligramm, als das Kind Jahre zählt Das Mittel wurde 
entweder in Siruplösung, Pulverform oder Tabletten, jedoch beide in 
Oblaten eingewickelt, verabreicht. 

Was das Verhalten der Expectoration anlangt, so scheint das 
Peronin dieselbe zu hemmen. Es erscheint also rationell, dort, wo 
Rasselgeräusche, speziell kleinblasige, das Feld beherrschen, das Peronin 
in einem Ipecacuanha-Infus zu verabreichen; in allen anderen Fällen kann 
es pur genommen werden, wobei es den erstgelösten Schleim am 
Herausbringen nicht hindert. Schnell-Egeln. 

Ueber den Einflufs des Tannigens auf die Gährungen im Darmkanal. 
Von Bourdin. (Südruss. Med. Wochenschrift, 1897 Nr. 10 und 
ii.) 

Verf. stellte im israelitischen Stadtkrankenhaus zu Odessa Versuche 
an, zur Beantwortung der Frage, ob die von sämmtlichen Klinikern 
bisher anerkannte günstige Wirkung des Tannigens bei Durchfallen ver¬ 
schiedener Art auf die antibakterielle oder gährungshemmende Eigen¬ 
schaft des Mittels zurückzuführen wäre. B. bediente sich der 
Baumann’schen Methode, indem er die vor und nach dem Gebrauch des 
Tannigens im Ham erscheinende Menge von Aether-Schwefelsäure 
quantitativ bestimmte. Die Untersuchungen wurden an 6 Patienten mit 
verschiedenen Krankheitsformen durchgeführt. Sämmtliche Analysen er¬ 
gaben, dafs nach der Einnahme des Tannigens stets eine Zunahme der 
Menge der Aether-Schwefelsäure im Harne auftritt, woraus sich ergiebt, 
dafs das Tannigen die Darmgährung nicht hemmt, sondern im Gegen¬ 
teil anregt und dafs die stuhlverstopfende Wirkung des Tannigens 
lediglich auf seine adstringierende Wirkung zurückzuführen ist, auf die 
Wirkung des im Darm abgespaltenen Tannins. Die vermehrte Aus¬ 
scheidung der Aether-Schwefelsäure sucht Verf. dadurch zu erklären, 
dafs durch die Beschränkung der Darmentleerung, welche durch die 
Darreichung des Tannigens erfolgt, die Eiweifskörper im Darm einer 
intensiven Fäulnis unterliegen und das dadurch auch eine intensive 
Bildung von aromatischen Produkten im Ham auftritt, indem nun das 
Tannigen die Resorptionsfähigkeit der Darmschleimhaut erhöht, erhöht 
sich auch die Gesammtmenge der im Harn ausgeschiedenen Aether- 
Schwefelsäure. D r e w s-Hamburg. 

Ueber die Anwendung des Tannigens in der Kinderpraxis. Von 
Schöppers. (Niederländ. Zeitschrift für Heilkunde 1897 Nr. 9.) 
Verf. bestätigt im allgemeinen die Angaben früherer Autoren. Er 


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wandte das Tannigen bei subakuten und chronischen Diarrhoeen an, sei 
es, dafs der Dünndarm allein befallen war, sei es, dafs gleichzeitig der 
Dickdarm in Mitleidenschaft gezogen war. Bei 2 Fällen von akutem 
Darmkatarrh wurde das Tannigen wieder erbrochen und deshalb von 
weiterer Ordination bei akuten Diarrhoeen Abstand genommen. Bei 
subakuten und chronischen Diarrhoeen war der Erfolg ein vollkommener. 
Das Tannigen wurde als Pulver mit Saccharun lactis gegeben und zwar 
Kindern bis zu 1 Jahr 3 Mal täglich 0,1—0,2, älteren nicht mehr als 
1,0 pro die. Zur Verhütung von Recidiven wurde das Tannigen auch 
noch nach dem Aufhören der Diarrhoeen einige Tage in kleinerer Dosis 
weiter gegeben. Verf. kommt zu folgenden Schlüssen: 1. Das Tannigen 
ist auch in gröfseren Dosen unschädlich. 2. Das Mittel wirkt bei sub¬ 
akuten und chronischen Diarrhoeen überaus prompt. 3. Die Kinder 
vertragen das Tannigen ausgezeichnet und auch bei längerem Gebrauch 
bleibt die Efslust ungestört. 4. Da das Tannigen seine Wirksamkeit 
erst im Dünndarm entfaltet, wirkt es zuverlässiger als andere Ad- 
stringentien. 5. Bei akuten Magen- und Darmkatarrhen ist die Anwendung 
des Tannigens nicht am Platze. Es bedarf keiner besonderen Be¬ 
tonung, dafs neben der Verordnung des Tannigens auch die Diät ent¬ 
sprechend geregelt werden mufs. Drews-Hamburg. 

Ueber die Anwendung der Somatose bei gesunden und kranken 
Kindern. Von Richard Drews. (Wiener therapeutische Wochen¬ 
schrift 1897 Nr. 22—23 Autoreferat.) 

Meine Resultate bei der Anwendung der Somatose bei gesunden 
und kranken Kindern waren folgende: 

1. Die Somatose enthält keinerlei nicht resorbierbare oder gährungs- 
fahige Stoffe, ist geruchlos und fast geschmacklos, enthält das für die 
Zellenbildung wichtige Kaliumphosphat, wirkt in kleinen (therapeutischen) 
Dosen nicht abführend und reizend auf den Darm, bewirkt eine fein¬ 
flockige Gerinnung des Kuhcaseins und wird selbst von einem sehr 
empfindlichen Magen und einem nicht ganz intakten Darmepithel leicht 
resorbiert und im Organismus, ohne weitere Veränderungen im Darm 
zu erleiden, im Eiweifshaushalt aufgenommen und zu Organeiweifs 
regeneriert. Sie bildet daher einen vorzüglichen Zusatz zur Ver¬ 
dünnung der Kuhmilch bei der Ernährung des gesunden Säuglings 
und bringt atrophische, in der Entwicklung zurückgebliebene sonst 
gesunde Säuglinge in kurzer Zeit auf den ihrem Alter entsprechenden 
Entwicklungszustand und auf das entsprechende Körpergewicht. 

2. Die Somatose ist für künstlich ernährte Säuglinge mit Erkrankungen 
des Verdauungsapparates, akuten und chronischen Dyspepsien, Gastro- 
und Enterokatarrh und Cholera infantum ein ausgezeichnetes diäte¬ 
tisches und tonisierendes Heilmittel. Sie bewirkt Aufhören der 
dyspeptischen Beschwerden, des Erbrechens und der Unruhe der 
Kinder, verhindert die abnormen Gährungen im Darmkanal, ver¬ 
mindert die Peristaltik des Darmes, so dafs die Stühle an Farbe, Zahl 
und Konsistenz normal werden. Die Somatose ist im Stande, auch durch 
kleine Mengen den Eiweifsbedarf des Kindes vollkommen zu decken 
und bietet demselben durch seine Albumosen, welche an und für sich 
in unveränderter Form leicht resorbierbar sind und zu Organeiweifs 
regeneriert werden, in einer solchen Form, welche es auch bei der 


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herabgesetzten Funktionsfähigkeit seiner Verdauungsorgane ermöglicht, 
die dargereichten kleinen Mengen vollständig auszunützen. Die Folge 
davon ist, dafs die Körpergewichtsabnahme während der Erkrankung 
nur eine geringe ist, oft aber auch während derselben z. B. bei Dys¬ 
pepsie eine andauernde Körpergewichtszunahme erfolgt und so auch 
die Widerstandskraft gegen die Krankheit gestärkt wird. 

3. Die Somatose wirkt günstig auf die Knochenbildung des Säuglings 
und auch auf sich entwickelnde Rhachitis ein. 

4. Die Somatose wirkt auch günstig auf die Funktionsstörungen der 
Verdauungsorgane älterer Kinder ein. 

5. Bei Kindern mit schweren akuten fieberhaften Erkrankungen wirkt 
die Somatose als ein sehr gutes diätetisches Nährmittel und als ein 
kräftiges Tonikum besonders auf das Herz. 

G. Bei Kindern mit erschwerter Nahrungsaufnahme gelingt es, mit Hülfe 
der Somatose dieselben über kritische Perioden hinweg zu bringen, 
da die Somatose für längere Zeit einen vollständigen Ersatz für die 
stickstoffhaltigen Nahrungsmittel bilden und so der erschöpfenden Wir¬ 
kung durch die mangelhafte Ernährung mit Erfolg entgegenzu¬ 
wirken kann. 

7. Bei Kindern in der Rekonvaleszenz von fieberhaften und erschöpfenden 
Krankheiten wirkt die Somatose als diätetisches Nährmittel auf den 
Appetit und das Allgemeinbefinden, sowie das Körpergewicht kräftig 
ein und bewährt sich aufserdem als ein sehr wirksames Heratorium, 
welches in günstigster Weise auf die Herzthätigkeit und die Puls- 
spannuug einwirkt. Die Kinder erholen sich bei der Somatose- 
darreichung viel rascher als ohne dieselbe. 

8. Da man die Somatose bei der vollständigen Ausnutzung der Albu- 

mosen zur Erreichung ihrer vorzüglichen Wirkungen nur in kleinen 
Mengen zu geben braucht, ist das Präparat bei der Verwendung ein 
so billiges, dafs es auch weniger Bemittelten ohne weiteres empfohlen 
werden kann. D r e w s-Hamburg. 

Ueber Captol, ein neues Antiseborrhoicum und medizinisch kos¬ 
metisches Haarmittel. Von Eich hoff. (Deutsch, med. W. 1897, 
No. 41.) 

Das Captol ist ein Kondensationsprodukt von Tannin und Chloral, 
das von den Farbenfabriken vorm. J. Bayer & Co. in Elberfeld, dargestellt 
wird. Es bildet ein dunkelbraunes hygroskopisches Pulver, welches sich 
in kaltem Wasser schlecht, in warmen Wasser und Alkohol leichter löst. 

Das Mittel hat weder die Nebenwirkungen des Tannins (Exantheme, 
Urticaria etc.), noch die häufig beobachtete Reizwirkung des Chlorals, 
dagegen eine diesen beiden Substanzen nicht so sehr prägnante, eigen¬ 
tümliche Wirkung auf die erkrankte behaarte Kopfhaut. Das Tannin 
ist bekannt als stark sekretionsmilderndes Mittel und wurde schon seit 
langer Zeit in Pomaden etc. bei Seborrhoe gebraucht; dem Chloral da¬ 
gegen kommt eine antiparasitäre Wirkung gerade als Bestandteil von 
Haarwässern zu. 

Bei den vielen praktisch angestellten Versuchen fand E. seine Ver¬ 
mutung hinsichtlich der Wirksamkeit des Captol bei Seborrhoea capitis 
nicht nur bestätigt, sondern die auf das Mittel gestellten Hoffnungen 
wurden bei weitem übertroffen durch die prompte und schnelle Wirkung 


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desselben, die in ganz anderer Weise zu Tage tritt als die Einzelwirkung 
der Einzelbestandteile des CaptoL 

Was die Anwendungsweise anlangt, so reiben die mit Seborrhoea 
capitis und Defluvium capillorum morgens und event. auch abends mit 
einem Haarwasser ein, das aus einer 1—2 °/ 0 alkoholischen Capto 1-Lösung 
besteht Nach kurzer Zeit, meist schon in den ersten 8—14 Tagen 
schwinden die dichtesten Schuppen und Schinnen der Kopfhaut und 
letzterer wird rein, die Sekretion der Talgdrüsen vermindert, und der 
Haarausfall wird allmählich weniger stark und hört nach einiger Zeit 
vollständig auf. 

Das Präparat ist auch prophylaktisch als kosmetisches Mittel zu 
gebrauchen. S chn el 1-Egeln. 


Gesundheitspflege. 

— Dr. Macdonald hat eingehende Untersuchungen über den 
Einflufs der Geistesarbeit auf die Athmung der Schüler an¬ 
gestellt. Er hatte beobachtet, dafs geistig angestrengte Kinder leicht 
an Anämie leiden. Experimentell konnte er daraufhin nachweisen — 
was übrigens ja bereits bekannt war —, dafs die Kinder, wenn sie ihren 
Geist lange anstrengen, weniger tief Athem holen und dafs die Ab¬ 
nahme der Sauerstoffzufuhr zum Blute in direktem Verhältnis zur 
Schwierigkeit der geistigen Arbeit steht. Lachen bildet hingegen nach 
Verf. eine der besten physiologischen Vorrichtungen, um den Lungen¬ 
bläschen Luft zuzuführen und daher die Lungen auszudehnen. Das¬ 
selbe gilt vom Gähnen, was bei Schülern viel öfters als der unwill¬ 
kürliche Ausdruck von O Hunger, als als Zeichen der Ermüdung und Teil- 
nahmlosigkeit aufzufassen ist. Aehnliche Resultate hat Binet erhalten. 
Nach ihm bewirkt kurze anstrengende Geistesthätigkeit z. B. Rechnen, 
eine Steigerung der Athemfrequenz mit oberflächlicherer Athmung und 
kürzeren Athempausen. Sobald die Arbeit vollendet ist, stellt sich nach 
einmaliger tiefer Inspiration der normale Rhytmus wieder her. Der 
Einflufs geistiger Arbeit auf die Herzthätigkeit zeigt sich in der Weise, 
dafs dieselbe zunächst rascher und kräftiger wird der Druck in den 
Capillargefafsen steigt, alsdann aber rapid sinkt. S. 

— Messung der Ermüdung bei Schulkindern. Unter dem 
Titel »Unterricht und Ermüdung« (Berlin, Reuter und Reichard) hat 
Dr. L. Wagner die Ergebnisse einer Reihe sehr bemerkenswerter Ver¬ 
suche veröffentlicht, in denen er den Ermüdungsgrad einiger Schüler 
aus verschiedenen Klassen und zu verschiedenen Stunden festzu¬ 
stellen sucht. Er legte dabei die sogenannte Griesbach’sche Methode 
zu Grunde, die nach seinen Ausführungen auf folgenden Thatsachen 
beruht: Setzt man über irgend einer Hautstelle (z. B. dem Jochbein) 
zwei Spitzen eines Zirkels unter mäfsigem Druck auf, so werden im 
allgemeinen auch zwei Spitzen empfunden, bei relativ geringem Spitzen¬ 
abstand unter Umständen aber nur eine, obwohl zwei Spitzen aufgesetzt 
sind. Das Sensorium vermag örtlich oder zeitlich nahe Eindrücke nicht 
voneinander zu trennen. Dies ist längst bekannt, neu aber ist die von 
Griesbach gemachte Entdeckung, dafs die Fähigkeit des Sensoriums, 


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A 



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zwei aufgesetzte Spitzen der Empfindung nach zu trennen, nicht blos 
von dem Abstand der Spitzen, sondern auch von dem Grade der Er¬ 
müdung des Empfindenden abhängt; ein ausgeruhter Mensch empfindet 
die Spitzen als zwei in viel geringerem Abstande, mit anderen Worten, 
der Tastsinn ist ein ziemlich genauer Gradmesser der Ermüdung über¬ 
haupt. Gemessen wurde im vorliegenden Falle nicht mit allmählich sich 
verringernden oder sich vergröfsernden, sondern mit wechselnden Spitzen¬ 
abständen, die nach Ansicht des Verf. ein zuverlässigeres Ergebnis liefern. 
Als geringster noch empfundener Abstand ergab sich 5 Millimeter, als 
gröfster nicht empfundener (bei einem Quartaner) 25 Millimeter, das 
arithmetische Mittel ergab 10 Millimeter. Interessant sind die Schluls- 
folgerungen, die der Verf. im Einzelnen zieht. Wir heben eine Tabelle 
über Stoffwirkung hervor, wonach die einzelnen Fächer in folgender 
Reihenfolge ermüdend wirken: Mathematik, Latein, Griechisch, Turnen, 
Geschichte, Geographie etc., am wenigsten ermüdete die Religion. Wir 
heben ferner noch folgende Thatsachen hervor: Sehr aufmerksame 
Schüler sind mehr ermüdet als unaufmerksame, begabte Schüler weniger 
als unbegabte; auswärtige und nervöse Schüler beginnen am Morgen 
häufig mit grofser Ermüdung, erholen sich aber vielfach wieder; Turn- 
und Spielstunden wirken nicht weniger ermüdend als andere, wenigstens 
nicht für diejenigen Schüler, die sich eifrig daran beteiligen; der Vor¬ 
mittags-Unterricht hat grofse hygienische Vorteile vor dem Nachmittags- 
Unterricht, der auch pädagogisch wegen starker Ermüdung der Schüler 
fast wertlos ist. So bestätigt auch'?’dieser Versuch Ansichten, die aus 
praktischer pädagogischer Erfahrung heraus vielfach geäufsert worden 
sind. (Frankf. Generalanzeiger). 


Rezensionen. 

Die Hygiene. Von Dr. A. Kühner, Leipzig, C. G. Naumann, 1897. 
Preis 5 Mk. 

Der bekannte hygienische Schriftsteller und Chefredakteur der 
Zeitschrift „Gesundheit“ will mit dem vorliegenden Werke dem Arzte 
und allen, welche die Aufgabe der Hygiene herausfordert, auf kleinen 
Raum zusammen gedrängt das vorführen, was die Hygiene in so reich- 
gestaltiger Weise fordert, ferner ihre Beziehungen zur Meteorologie, 
Klimatologie, Pathologie, Epidemiologie und zur Technik darstellen. Alle 
diese Verhältnisse führt uns Verf. nicht allein vom Standpunkte des 
Wissens, sondern auch des Könnens vor: es wird in dem Buche auch 
gelehrt, was der Arzt, was der Einzelne im öffentlichen Leben, in Fabrik, 
Schule, Haus und Familie zur Abwehr von Krankheiten vermag. Inso¬ 
fern als auf letzteren Umstand hauptsächlich Rücksicht genommen ist, 
füllt das Werk hauptsächlich ein Stück aus. Die Darstellung ist eine 
für jeden Gebildeten verständliche, dabei sehr klar und frisch gehalten. 
Von besonderem Wert sind die zahlreichen Litteraturangaben. 

S. 

Die Diagnostik innerer Krankheiten mittelst Röntgen¬ 
strahlen. Zugleich Anleitung zum Gebrauche von Röntgen-Appa¬ 
raten. Von Dr. G. Rosenfeld. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1897. 
preis 2 Mk. 50 Pf. 


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Wie mächtig das neue diagnostische Hilfsmittel der Röntgen¬ 
photographien auch in der inneren Medizin im letzten Jahre in seinen 
Leistungen vorgeschritten ist, davon giebt uns das R.’sche Werkchen 
zahlreiche Belege. In übersichtlicher Darstellung ist darin alles Beachtens- 
werthe auf diesem Gebiete zusammengefafst. Aufserdem sind darin 
technische Anleitung zum Gebrauche des Röntgen-Apparates gegeben. 

S. 

Die Hauptthatsachen der Chemie. Für das Bedürfnis des Me¬ 
diziners sowie als Leitfaden für den Unterricht zusammengestellt 
von Prof. Dr. E. Harnack. II. Aufl. Hamburg und Leipzig, 
Leopold Vofs, 1897. Preis 2 Mk. 50 Pf. 

H. bezeichnet den praktischen Arzt ohne chemische Kenntnisse — 
und wie mangelhaft sieht es bei dem jetzigen Studiumgange leider in 
vielen bei uns oft aus! — in seiner Thätigkeit am Krankenbett oder in 
der Gesundheitspflege im figürlichen Sinn als einen »einarmigen«. Dafs 
schon im Gymnasialunterricht mehr, als es bisher geschehen, insbeson¬ 
dere aber während der ersten Studiensemester genügende Rücksicht 
hierauf genommen werde, das kann nicht laut genug gefordert werden. 
Um dem Arzte das Studium der Chemie zu erleichtern, hat Verf. das 
in 2. Auflage erschienene Werkchen verfafst, welches den Zweck hat, 
die chemischen Fundamentalbegriffe dem Studierenden der Medizin als 
unverlierbares Eigentum zu übermitteln. Auch der bereits in Thätig¬ 
keit stehende Arzt kann sehr viel aus dem Werkchen des berühmten 
Hallenser Chemikers erlernen. S. 

Anleitung zur Ausmittelung der Gifte und Erkennung der 
Blutflecken bei gerichtlich-chemischen Untersuchungen. 
Von Prof. Dr. R. Otto. 7. Aufl. Braunschweig, Friedr. Vieweg u. 
Sohn, 1896. 

In 2 Bänden ist in dem bereits in 7. Auflage erschienenen Werke die 
Ausmittelung der flüchtigen und alcalischen, tosou der metallischen Gifte 
und der Blutflecke eingehend dargestellt. Ist das Werk daher vorzugs¬ 
weise für solche bestimmt, die mit der gerichtlichen Medizin in Ver ¬ 
bindung stehen, so ist darin doch auch vieles zu finden, was dem prak¬ 
tischen Arzte von Werte ist. Wir verweisen insbesondere auf die 
interessante Da»Stellung des Kapitels, das von den pflanzlichen und 
tierischen Alkaloiden handelt. S. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Die Dauer der Infektiosität bei Scharlach ist nach 
Neech mit den üblichen 6 Wochen zu kurz bemessen. Mindestens 8, im 
Maximum 13 Wochen, sind festzuhalten. (Brit. Med. Assoc. 97). 

Spiegelberg. 

— Zur therapeutischen Verwertung des Tannalbins. Von 
Roemheld. Verf. teilt aus der Heidelberger Kinderklinik mit, dafs Kinder, 
welche nach Darreichung von Leberthran Durchfalle bekamen, bei 
gleichzeitiger Verordnung von 2—3 g Tannalbin pro die sofort normale 
Stühle hatten. Der Leberthran konnte auf diese Weise bei Kindern, 
welche ihn ohne Tannalbin nicht vertragen, ohne Schaden monatelang 
gegeben werden. Das Gleiche gilt vom Phosphorleberthran; dabei 


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konnte R. beobachten, dafs Kinder, die anfangs Phosphorleberthran 
durchaus nicht vertragen konnten, schliefslich nach längerer gleich¬ 
zeitiger Darreichung von Tannalbin den Phosphorleberthran auch ohne 
Tannalbin vertrugen. Weniger bewährte sich das Tannalbin bei Kreosot¬ 
durchfällen und bei Quecksilberintoxikation. Dagegen hat die Kom¬ 
bination von Kalomel mit Tannalbin als Antisyphiliticum in der Kinder¬ 
praxis gute Erfolge gegeben. (Münch, med. Wchschr. 97). 

D r e w s - Hamburg. 

Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 

Rp. 

Orthoform. pulv. 2,0—4,0 
Lanolin- 15,0 

Vaselin 5,0 

Mf. ungt. DS. äufserlich. 

Localanaestheticum. 

(bei Rhagaden, Ulcerationen, Ver¬ 
brennungen allen Grades, 

(Münch, med. Wchschrft.) 

Rp. 

Acid. carbol. 1,5 
Tinct. Jod. 5,0 
Glycerin 15,0 
MDS. zum Bestreichen. 

Zungenfissuren. 

(Monatsh. f. Dermatol.). 

Rp. 

Guajacol. 1,0 
Glycerin. 100,0—200,0 
DS. zum Einträufeln. 

Ophthalmia granulösa. 

(Rev. de th6rap.) 

Kleine Mitteilungen. 

- - Ein wertvolles Nahrungs- und Kräftigungsmittel, insbesondere 
für schwächliche und in der Entwickelung zurückgebliebene, blutarme, 
skrophulöse, rhachitische Kinder, ist das Malzextrakt der Nieder¬ 
rheinischen Malzextrakt-Brauerei C. Schröder in Lack¬ 
hausen. 

Sein Alkolgehalt ist ein sehr niedriger — 1,87°/ 0 —, was ja für 
Kinder sehr erwünscht ist; hingegen ist es besonders wichtig für die¬ 
selben, dafs sein Phosphorgehalt ein verhältnismäfsig hoher ist, was ja 
für die Blut- und Kochenbildung, sowie für die Kräftigung der kind¬ 
lichen Nerven von grofsem Belang ist. Da der Geschmack des Prä¬ 
parates ein süfslicher ist, so wird es von den Kindern sehr gerne 
genommen. Ebenso ist auch seine Bekömmlichkeit eine sehr gute. 

Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


Rp. 

Ol. Jecor. Asell. 100,0 
Saccharin 0,4 

Aeth. acet. 2,0 

MDS. tägl. einige Kaffeel. voll. 
Verbesserte Darreichungs¬ 
weise des Leberthrans. 
(Med.-chirurg. Rundsch.). 


Rp. 

Hydrargyr. bichlorat. 0,5 
Sacch. 15,0 

Album ov. un. 

Succ. citr. 80,0 

Aq. destillat 150,0 

MDS. Morgens aufzutragen und 
eintrocknen lassen. 
Pigmentflecke. 

(Medic.). 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

herausgegeben 

▼on 

Dr. med. Sonnenberger m Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 98. Leipzig, 4. Februar 1898. IX. Jahrg. Heft 2. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Fürst, Die Wiederbelebung scheintoter Neugeborener. (25). 

— Die verschiedenen Methoden zur Wiederbelebung scheintoter Neugeborener. (30). 

— Referate: Bemard, Masern. (34) — Busdraghi, Keuchhusten. (35). — Moses, 

Unterleibstyphus. (36). — Nannoti und Baciocchi, Peritonitis tuberculosa. (36). — 
Johnston, Tuberculose der Haut. (37). — Huber und Blumenthal, Antitoxische und 
therapeutische Wirkung des menschlichen Blutserums. (38). — Raymond, Encephalitis 
diffusa. (38). — Knöpfelmacher, Kuhmilchverdauung. (39). — Patry, choröa 

variable. (40). — Fuld, Stottern. (41). — Niessen, Diabetes mellitus. (41). — 
Wagner, Wundbehandlung. (41). — Gesundheitspflege: Schlossmann, Ueber 
die Ui Sachen hoher Säuglingssterblichkeit und Massregeln gegen dieselbe. (42). — 
Rezensionen: Meyer, Sport und Schule. (44). — Löwenstein, Die Beschneidung 
im Lichte der heutigen medicinischen Wissenschaft. (44). — Freud, Die infantile Cere¬ 
brallähmung. (45). — Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft (45). 

— Rezeptformeln für die Kinderpraxis (47). — Kleine Mitteilungen. (48). 


Die Wiederbelebung scheintoter Neugeborener. 

Von Sanitätsrat Dr. L. Fürst (Berlin), 

Spezialarzt für Kinderheilkunde. 

Schon durch Vesal, Harvey, Moriceau und d’Outrepont haben 
wir eine Kenntnis von den Folgen erhalten, welche die Unterbrechung 
des Fötal-Kreislaufs auf das Kind ausüben kann. Die Lehre vom Schein¬ 
tode der Neugeborenen beruht, was ihre Theorie anbelangt, auf den 
Forschungen der oben Genannten. Nach der klinischen und praktischen 
Seite hin herrschte aber noch bis in die neueste Zeit eine gewisse Un¬ 
klarheit, die sich erst mit dem Erkennen der Bedeutung des Atmungs¬ 
zentrums in der Medulla oblongata und der Abhängigkeit seiner Er¬ 
regbarkeit von der Beschaffenheit und Bewegung des Blutes erhellte. 
Nachdem die experimentelle Physiologie gerade auf diese Punkte schärferes 
Licht geworfen hatte, waren esCazeaux (1850) und B. S. Schultze (1859), 
denen wir die wichtigsten Aufschlüsse über das Verhältnis gestörter 
intrauteriner Atmung zur Asphyxie und über die Abhängigkeit der 
zentralen Erregung von der Plazentar-Atmung verdanken. Die Indikationen 
bei den verschiedenen Formen der Asphyxie, die Kritik der Methoden, 

P$r Kl*4*r-Ar;t. Heft g. 1998, 


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26 


zu deren Verbesserung er selbst wesentlich beitrug, hat Schultze un¬ 
ermüdlich, seit fast 40 Jahren, zum Gegenstände seiner Studien gemacht. 
Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dafs er der Vater der 
modernen Lehre von der Wiederbelebung scheintoter Neugeborener, zu 
der er eine grofse Reihe wertvoller Beiträge geliefert hat, geworden ist. 

Schon das reife, normal geborene Kind leidet in der kurzen Spanne 
Zeit zwischen Lösung der Plazenta, Aufhebung der Plazentar- und Eintritt 
der Lungen-Atmung an einem je nach der Geburtsdauer geringeren 
oder stärkeren Grad von Asphyxie, jedoch nur einer rasch vorüber¬ 
gehenden, leichten Form derselben. Dafs jene Uebergänge nicht immer 
zeitlich ganz zusammenfallen, ist bekannt. Zum Glück ist aber diese 
Zeit-Differenz nicht so grofs, um die Erregbarkeit des Atmungs-Zentrums 
wesentlich abzuschwächen. Leichte periphere Reize (die umgebende, 
kühlere Luft, ein Schlag auf die nates u. dergl.) genügen meist, um 
selbst bei solchen Kindern, deren Atmung momentan stockt, diese unter 
einer starken Inspiration und einem lauten Schrei dauernd in Gang zu 
bringen und zugleich den Herzpuls in regelmässigem Rhythmus zu er¬ 
halten. Durch den normal erfolgenden Verschlufs der fötalen Blutbahnen 
werden alle pathologischen Zustände, welche aus diesem Stadium der 
Umwandlung in den bleibenden Kreislauf herrühren könnten, ver¬ 
mieden. 

Anders liegen die Verhältnisse, wenn der Plazentarkreislauf vor 
oder während der Geburt längere Zeit behindert oder stark beschränkt 
war, wenn abnormer Wehendruck, Compression der Nabelschnur, vor¬ 
zeitiger Wasserabgang, zu frühe Lösung der Plazenta, akute schwere Er¬ 
krankung der Mutter und dergl. den Zusammenhang des fötalen und 
mütterlichen Kreislaufs schon aufgehoben, die Versorgung der kindlichen 
Medulla obl. mit sauerstoffhaltigem Blute unterbrochen haben, ehe die 
Lungenatmung des Neugeborenen eingeleitet werden konnte. Hier sehen 
wir eine schwerere Störung auftreten, welche man richtig als Dysapnoe 
bezeichnet hat, im Gegensätze zu der gewöhnlichen, kurzen Apnoe des 
normal Geborenen. Es fällt uns zunächst weniger die Pulslosigkeit 
(Asphxyie) ins Auge, die sogar fehlen kann, als die Unterdrückung der 
Respiration über längere Zeit hinaus und die Schwierigkeit ihrer Selbst¬ 
regulierung. Schon intrauterin und intra partum äufsert sich hier eine 
ernste Störung der Zirkulation und der Reflexerregbarkeit des ver¬ 
längerten Markes durch den plötzlichen Sauerstoffmangel. Der Puls 
sinkt ganz bedeutend, Meconium geht ab und das Kind macht vorzeitige 
Atembewegungen, aspiriert Fruchtwasser, Blut etc. und wird so dem 
Erstickungstode ausgesetzt. Es kann in Folge der verfrühten Reizung 
oder Lähmung des Atmungs-Zentrums zu Grunde gehen, noch ehe es 
geboren ist. Venöse Stasen im Gehirn, Hirndruck durch Blutergüsse 
können während einer länger dauernden, zumal operativen Geburt hin¬ 
zutreten, sodafs das Neugeborene stark soporös ist, keine oder nur 
schwache, schnappende, aussetzende Atmung zeigt, obwohl der Herz¬ 
puls noch nicht völlig erloschen ist. Ebenso wenig kann man dies in 
vielen Fällen vom Atmungs-Zentrum sagen, dessen Erregbarkeit oft nur 
stark herabgesetzt ist. In noch schwereren Fällen sinkt nach der Ge¬ 
burt diese Erregbarkeit immer mehr, zumal dann, wenn der Sauerstofif- 
gehalt des noch nicht zum Stillstand gekommenen Blutes dauernd an 
die Gewebe abgegeben und aus diesen Kohlensäure aufgenommen wurde, 


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27 


das Blut also immer irrespirabler geworden ist. Immer enger schliefst 
sich nun dieser Circulus vitiosus, zumal wenn die Lungenatmung durch 
aspirierte Massen behindert ist. Der Herzpuls wird schwächer, das 
Ueberwiegen des arteriellen Druckes über den venösen gleicht sich aus, 
der verlangsamte Kreislauf kommt in den grofsen Gefäfsen und in den 
Capillaren zum Stillstand und da kein Reiz mehr das Atmungszentrum 
trifft, erlischt seine Erregbarkeit vollständig. Es tritt der Tod ein. 

Ja selbst, wenn sich bei asphyktisch geborenen Kindern die 
Störung anfangs wieder spontan ausglich, kann doch, falls das Atmungs- 
Zentrum und die Lebens-Energie schon vor der Geburt zu stark ge¬ 
litten hatten, noch nachträglich und allmählich während der ersten Lebens¬ 
stunden eine Asphyxie eintreten, indem die Erholung eine unvollständige 
bleibt, Herzpuls und Atmung nicht zu einem dauernden Rhythmus ge¬ 
langen und ein Offenbleiben fötaler Blutbahnen in Folge unergiebiger 
Lungenatmung besteht. In einzelnen Fällen gehen Kinder noch an 
solcher, man könnte sagen sekundärer Asphyxie zu Grunde. 

Zwei Arten oder Grade der Asphyxie sind scharf zu sondern, die 
A. livida und die A. pallida; aus der ersteren, leichteren, kann sich in 
kurzem Zeiträume bisweilen die zweite, schwerere entwickeln, doch bleiben 
beide Formen meist deutlich getrennt. Die livide Form zeigt uns ein 
Kind mit blutstrotzendem Getäfssystem; auch Nabelschnur und Schädel¬ 
höhle bieten Blutüberfüllung dar. Der Puls ist verlangsamt und voll. 
Der Muskeltonus ist erhalten, wie u. A. die Darmperistaltik zeigt. Bei 
günstiger Wendung kommt allmählich die Atmung in Gang, während zu¬ 
gleich der Druck in den Nabelarterien sinkt. Auch ein Schrei kommt 
zu Stande, nach und nach regulieren sich Cirkulation, sowie Respiration. 
Die blasse Form hingegen gewährt ein ganz anderes Bild, das man mit 
dem der Paralyse vergleichen könnte. Das bleiche, schlaffe Kind zeigt 
keinen Muskeltonus, keine Darmperistaltik mehr. Die Reflexe der Bulbi 
sind ebenfalls erloschen. Der Herzpuls ist schwach und unregelmäfsig, 
die Füllung der Nabelarterien ist gering, und wenn auch Atemzüge er¬ 
folgen, so sind sie doch weder andauernd noch tief genug, um der in 
ihrer Erregbarkeit dem Erlöschen nahen Medulla oblongata sauerstoff¬ 
haltiges Blut zuzuführen. Selbst wenn die Herzaktion das Sistieren der 
Atmung überdauert, kann sie doch, falls es nicht gelingt, die zentrale 
Erregbarkeit indirekt, also durch Atmung wieder herzustellen, den töd¬ 
lichen Ausgang nicht verhindern. 

Es ist einleuchtend, dafs die A. livida eine günstigere Prognose 
bietet, als die A. pallida und dafs die Vorhersage von dem Grade, sowie von 
der Einwirkungsdauer der Ursachen abhängt. Treten d ese bereits längere 
Zeit vor Vollendung der Geburt auf, compliziert sich das Befinden durch 
starke intrauterine Aspiration, durch Schluck-Pneumonie, Atelektasen der 
Lunge oder Läsionen der Nervenzentren, so mufs sie sich naturgemäfs 
verschlechtern. 

In die Stellung der Indikation hat Schultze’s Verdienst Klarheit 
gebracht, so dafs Zweifel über dieselben z. Z. kaum noch bestehen können, 
während man noch vor wenigen Jahrzehnten wähl- und kritiklos zwischen 
den therapeutischen Massnahmen schwankte. Wir besitzen jetzt scharf 
präzisierte Gesichtspunkte. Grundbedingung ist, dafs alle Versuche rasch, 
energisch und genügend lange durchgeführt werden, dafs man sie nicht 
genau der vorliegenden Asphyxe-Form, sondern auch dem jeweiligen 


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28 


Stadium anpafst, das unter Umständen schnell wechseln kann. Das 
nächste Ziel mufs sein, Atmung (Lungenventilation) und Zirkulation (Herz¬ 
puls) in Gang zu bringen, aber auch in regulärem Gange zu erhalten. 
Liegt A. livida vor, so wird man den Schwerpunkt auf die Erregung 
des Atmungs-Zentrum durch Reflexreize zu legen haben. Man nabelt 
das Kind nicht zu früh ab, beginnt aber dann alsbald mit peripheren 
Reizen, wobei man natürlich gleichzeitig die Luftwege von einge¬ 
drungenem Wasser befreit. Im Gegensätze hierzu besteht bei der A 
pallida die Indikation der in ersten Linie die Atmung und Herzaktion 
wieder herzustellen, um die gesunkene Reflexerregbarkeit der Medulla 
durch Hebung des arteriellen Drucks und des Kapillar-Kreislaufs, durch 
Zufuhr oxygenierten Blutes vor völligem Erlöschen zu bewahren. Bei 
dieser Form des Scheintodes ist das Atmungs-Zentrum Reflexreizen an 
sich allein nicht mehr zugänglich, es hat gewissermafsen schon in seiner 
Ernährung gelitten und mufs erst für solche Reize wieder empfänglich 
gemacht werden. Die künstliche Atmung ist der einzige Weg, auf 
welchem man zu diesen Ziele gelangen kann. 

Die Behandlung der A. livida kann nach alledem zunäehst nur 
darin bestehen, die Abnabelung nicht zu früh vorzunehmen (ob man ca. 
einen reichlichen Efslöffel Blut aus der durchschnittenen, strotzenden 
Nabelschnur wieder ausfliefsen lassen soll, darüber sind die Meinungen 
geteilt.) Nach der Unterbindung beginnt man sofort mit kiäftigen Reflex¬ 
reizen. Am ergiebigsten und raschesten wirkt rasches Eintauchen in 
kaltes Wasser für ein ; ge Sekunden, wobei das Kind bei noch nicht zu 
stark gesunkener Erregbarkeit bald die Beine in die Höhe zieht und zu 
schreien beginnt. Das Verfahren ist, wenn das Kind alsbald in ein ge¬ 
wärmtes Laken eingewickelt wird, unschädlich. Ist das erste Eintauchen 
noch nicht von ergiebigem Erfolg, so kann man es einige Male wieder¬ 
holen. Es wirkt rascher als das Begiefsen mit Wasser und erzeugt 
promptere, kräftigere Reflexe als die rhythmischen Zungen-Traktionen, 
welche Laborde und Pcronne (1893—94) angegeben haben und welche 
nicht selten unangenehme, auch dem Saugen hinderliche Verletzungen 
der Zunge zurücklassen. Bei der A. pallida handelt es sich vor allem 
darum, die Herzaktion und Atmung energisch wieder an;;uregen. Weder 
das Lufteinblasen, das im günstigen Falle die Lunge nur mit kohlen¬ 
säurehaltiger Luft autblähen, leicht aber auch aspirierte Massen noch 
tiefer treiben würde, hat hier einen Zweck, noch die 1863 von Pemice 
angegebene Elektrizität, deren Anwendung in der Privatpraxis viel zu 
zeitraubend und umständlich wäre, auch allenfalls eine starke Inspiration, 
aber keinen Wechsel zwischen dieser und der Exspiration, keinen Atmungs¬ 
rhythmus bewirken kann. Das Einzige, was eine methodische künstliche 
Atmung, damit eine Hebung der Stase im Gefäfssystem und einer 
Wiedererweckung der einschlummemdon zentralen Erregbarkeit erwirken 
kann, sind die mechanischen Methoden, um deren Ausbildung sich 
Spiegelberg, Olshausen und Schultze besonders verdient gemacht 
haben. Dafs die für Erwachsene berechnete Methode von Mars hall-Hall 
(1856) bei der Weichheit und dem Elasticitätsmangel des Thorax neu¬ 
geborener Kinder für diese nicht angebracht ist, wird wohl heute all¬ 
gemein angenommen. Ebenso allgemein aber sind die von Schultze 
angegebenen »Schwingungen« anerkannt und vielfach in Gebrauch. Da 
deren Technik an jeder geburtshülflichen Klinik gelehrt und überdies 


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29 


vom Autor mehrfach (Jenaische Zeitschr. 1865 II. H. 1, Wiener med. 
Blätter 1885. 1 und 2, Zentralbl. für Gyn. 1890. 6 und 1893, 3, sowie 
Ztschr. für pr. Ärzte 1896, 15) beschrieben worden ist, so bedarf es 
hier keines Eingehens auf die bekannte Technik. Nur so viel sei ge¬ 
sagt, dafs man sich in jeder Beziehung, speziell auch bezüglich der Hand¬ 
griffe, genau nach des Verfassers Anweisungen richten mufs, weil man 
durch Abweichungen, durch unvorsichtige oder zu heftige Ausführung 
dem Kinde Schaden (Excoriationen, Suggillationen, innere Haemorrhagien, 
selbst Frakturen) zufügen kann. Nach 8—10 Schwingungen (1 Min. 
höchste Dauer) bringt man das Kind sofort in das warme Bad und 
kontroliert die Expektoration, die Atmung und Herzkontraktion, den 
Muskeltonus, sowie die Capillar-Cirkulation. Wenn nötig, \iederholt man 
dann die Schwingungen wieder in gleicher Weise, abwechselnd mit dem 
Bade, so dafs pro Stunde im Maximum 150 Schwingungen erfolgen. 
Ist überhaupt das Zentrum erregbar, so zeigen sich, wenn man die nötige 
Geduld hat, doch noch eine Anregung der Herzpumpe, eine Lungen¬ 
ventilation und im Anschlufs an den regelmäfsigen Rhythmus der Dila¬ 
tation und Kompression des Thorax spontanes Atmen. Dieses ist das 
Zeichen dafür, dafs man mit dem Schwingen aufhören darf, denn nun¬ 
mehr zeigen sich bald die Aufhebungen der Stagnation in dem Kapillar¬ 
system, die Herabsetzung der Stauung im Gehirn, der kräftigere, regel- 
mäfsige Herzpuls, die promptere Wirkung der Reflexe und das Wieder¬ 
eintreten des Muskel-Tonus. Eine Erkältung des Kindes ist bei diesem 
Verfahren so gut wie ausgeschlossen. Die Bäder verhindern eine zu 
starke Abkühlung. Frakturen kommen bei korrekter Ausführung auch 
nicht vor und vorhandene (Clavicula, Humerus) bilden an sich keine 
Contra-Indikation, obwohl Ungeübte alsdann durch Fraktur-Enden Ver¬ 
letzungen der Weichteile bewirken könnten. 

Für solche Fälle hat N. Rosenthal (Berlin) eine Modifikation 
mechanischer Anregung der künstlichen Atmung angegeben, die für 
weniger Geübte ganz praktisch ist. Verschiedene andere Methoden haben 
doch die Schultze’schen Schwingungen nicht mehr entbehrlich machen 
können, die sich für jeden Geburtshelfer als zuverlässiges Hülfsmittel 
erwiesen haben. 

Da die Schultze’schen Schwingungen auch recht gut die Expektora¬ 
tion aspirierter Flüssigkeiten unterstützen, so ersetzen sie auch sehr 
wohl die Aspiration mittels elastischen Katheters, die Scheel (1798) und 
Hueter (1863) angegeben haben, obwohl diese Methoden (sei es Aspira¬ 
tion mit dem Munde oder mit einer Spritze) ganz zweckmäfsig sind 
und sich, da b ü Scheintod keine Reaktion durch Glottis-Verschlufs er¬ 
folgt, auch nicht zu schwer ausführen lassen. 

Das man nach erfolgter Wiederbelebung scheintoter Kinder diese 
noch stundenlang überwachen mufs, weil manchmal noch nachträglich 
Rückfälle eintreten können, die unter Umständen sogar tötlichen Aus¬ 
gang zu einer Zeit verursachen, in welcher man ihn nicht mehr erwartet, 
sei nur beiläufig bemerkt. 


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Dir verschiedenen Methoden zur Wiederbelebung scheintoter Neugeborener. 

Im Anschlufs an den vorstehenden Aufsatz, den wir dem »Kal. 
f. Frauen- u. Kinderärzte für 1898« (herausgegeben von Eichholz und 
Sonnenberger) entnehmen, wollen wir die verschiedenen Methoden zur 
Wiederbelebung asphyktischer Neugeborener — abgesehen von den 
einfacheren Manipulationen, wie dem Bade, den Frottierungen etc. — einer 
kurzen Besprechung in Bezug auf ihre Ausführung, ihre Wirksamkeit etc. 
unterziehen. Wir halten uns dabei im Allgemeinen an die Darstellung des vor 
Kurzem erschienenen vorzüglichen Buches von Privatdozent Dr. M. Lange in 
Königsberg »Physiologie, Pathologie und Pflege des Neugeborenen«. — 
Die wirksamste und bekannteste Methode zur Wiederbelebnng Neuge¬ 
borener sind die nach ihrem Entdecker benannten Schultze’sehen 
Schwingungen. Sie bezwecken eine energische künstliche Atmung, 
wie überhaupt alle Methoden behufs Wiederbelebung bei Asphyxie höheren 
Grades darauf ausgehen, durch künstliche Ventilation der Lungen das 
Blut soweit arteriell zu machen, dafs das Atmungszentrum wieder reflek¬ 
torisch erregbar wird, was bei den leichteren Graden der Asphyxie 
(A. livida) schon mit dem Eintauchen in ein kaltes Bad, den Haut¬ 
frottierungen etc. zu geschehen pflegt. Die Ausführung der Schultze’- 
schen Schwingungen geschieht nach den Angaben von Schultze 
folgendermafsen: Nach der Abnabelung wird der im Rachen befindliche 
Schleim mit einem Finger ausgewischt und dabei die Zungenwurzel nach 
vorn gedrückt, um den Kehldeckel nach aufwärts zu stellen. Dann wird 
das Kind so gefafst, dafs in jede Achselhöhle von hinten her ein ge¬ 
krümmter Zeigefinger eingedrückt wird und die Daumen ganz lose auf 
der Vorderfläche, die 3 letzten Finger auf der Rückenseite zu liegen 
kommen. Der Kopf wird durch die Handwurzeln gestützt. Darauf stellt 
man sich mit leicht gespreizten Beinen hin, hält mit abwärts gestreckten 
Armen das Kind einen Augenblick vor sich und schwingt es nach vorn 
und aufwärts. Sobald das Kind über die Horizontale gelangt, reguliert 
man die Kraft des Schwunges so, dafs das Beckenende des Kindeskörpers 
unter Beugung der Lendenwirbelsäule langsam nach der jetzt uns zuge¬ 
wendeten Bauchseite übersinkt. Bei dieser Stellung des Kindes wird 
der Thoraxinhalt sowohl durch das nach der Brusthöhle hin dislocierte 
Zwerchfell als auch durch die Thoraxwandungen komprimiert, es entsteht 
also eine Exspiration. Nachdem das Beckenende vollständig nach 
vorn übergesunken ist, wird das Kind nach abwärts geschwungen bis 
zwischen unsere gespreizten Beine, wobei der Daumen wiederum nur 
ganz lose, ohne zu komprimieren, dem Thorax anliegt, wodurch der 
Kindeskörper gestreckt wird. Der Thorax, von jedem Drucke befreit, 
dehnt sich wegen seiner Elasticität wie durch das Herabsinken der Bauch¬ 
eingeweide und des Zwerchfells aus, es entsteht also eine ausgiebige 
Inspiration. Nach einigen Sekunden wird das Kind noch 6—8 Mal 
auf- und abwärts geschwungen und hierauf in ein warmes Bad gebracht. 
Während desselben wischt man dem Kinde den Rachen aus, da durch 
die Schwingungen gröfsere Mengen Schleim nach oben gebracht werden. 
Dabei merkt man zugleich, ob die Reflexerregbarkeit wiedergekehrt ist. 
So lange keine spontanen Athembewegungen zu bemerken sind, kann 
man während des Bades die mechanische Reizung des Herz¬ 
muskels nach Oehlschläger vornehmen, deren belebender Einflufs auf 


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die Herzthätigkeit asphyktischer Neugeborener meist von unverkennbarer 
Wirkung ist. Man komprimiert dabei den Thorax in der Herzgegend 
rhytmisch (ca. 130 mal in der Minute). Man soll nach Winter kein Kind, 
welches ohne Herzschlag geboren wurde oder dessen Herzschlag während 
der künstlichen Atmung verschwand, als tot bei Seite legen, ohne diese 
rhytmischen, schnellen Compressionen der Herzgegend versucht zu haben. 
Ist das Kind im Bade gut erwärmt, so macht man wieder einige 
Schwingungen, wieder ein Bad und die rhytmischen Compressionen der 
Herzgegend. Wird zu der gehörigen Erwärmung der Kinder ein längerer 
Aufenthalt im Bade nötig, so wechselt man am besten ab mit der Com- 
pression der Herzgegend und der künstlichen Atmung nach Silvestre 
(s. unten), — welche von der Hebamme ausgeführt wird —, denn bei einem 
langen Aussetzen der Zufuhr sieht man den Herzschlag trotz Reizung des 
Herzmuskels schlechter werden. So fährt man mit den Sch.’schen Schwing¬ 
ungen und Wiederbelebungsversuchen im Bade fort, bis die Reflexerregbar¬ 
keit wiederkehrt, worauf die Therapie des ersten Grades der Asphyxie 
zur Anwendung kommt, also kalte Übergiessungen im warmen Bad, 
Eintauchen in kaltes Wasser etc. Die Sch.’schen Schwingungen venti- 
liren die Lunge so energisch, dafs man die Luft durch die Stimmritze 
meist ein- und austreten hört. Ist dies nicht der Fall, so überzeuge 
man sich, ob die Zungenwurzel und mit ihr der Kehldeckel nicht nach 
hinten zurückgesunken sind. Ist aber der Weg durch den Kehlkopf 
frei, und bessert sich nach 4—5 Serien der Schwingungen der Herzschlag 
nicht, so nimmt man die Katheterisation der Luftröhre bis in die 
Gegend der Bifurcation vor und saugt mit dem Munde kräftig an. Hier¬ 
durch entfernt man mehr Schleim, als wenn man einen Ballonkatheter 
benutzt. Beim Einführen des Nölaton’schen Katheters achte man darauf, 
dafs derselbe nicht in den Oesophagus gerät. Dies wird dadurch vermieden, 
dafs man die Spitze des Katheters, sobald sie in die Höhe des Kehl¬ 
kopfeingangs gelangt ist, mit dem Zeigefinger der linken Hand nach 
vorn drückt, indem mit der rechten das Instrument genau in der Mittel¬ 
linie vorgeschoben wird. Sind die fremden Massen ganz oder zum Teil 
aus der Luftröhre entfernt, so haben die Wiederbelebungsversuche oft 
in kurzer Zeit sichtlichen Erfolg. Gewöhnlich ist aber bei Anwendung 
der Sch.’schen Schwingungen der Katheterismus der Trachea nicht nötig, 
da dieselben in der Regel grofse Mengen von Schleim heraufbringen. 

Von anderen Methoden der Wiederbelebung schwer asphyktischer 
Neugeborener sollen einige hier nur angeführt, ohne näher geschildert 
zu werden, da sie aus verschiedenen Gründen dem Praktiker nicht an¬ 
zuraten sind; dahin gehören: das Einblasen von Luft von Mund zu Mund, 
das Einblasen von Luft durch den Trachealkatheter, die Faradisation 
der Phrenici, die künstliche Atmung nach Marshall Hall, Howard’s 
»direkte Methode« der künstlichen Atmung, das Schwenken des Kindes 
n ich Lahs, die verschiedenen Arten der künstlichen Atmung nach Laza- 
rewitsch. Als brauchbar und erfolgreich sollen hier nach 3 Methoden 
näher geschildert werden: Die künstliche Atmung nach Silvestre, die 
Prochownik’sche Methode und die rhytmischen Zungentraktionen nach 
Laborde. 

Die künstliche Atmung nach Silvestre (in nebensächlicher 
Weise abgeändert von Pacini, Bain und Behm) wird von Ahlfeld 
mit Vorliebe während des warmen Bades gemacht. Bei Rückenlage des 


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32 


Kindes werden dessen Schultern erhöht (im Bade durch eine unterge¬ 
schobene Hand des Geburtshelfers, aulserhalb des Bades durch eine zur 
Rolle zusammengelegte, grofse Windel). Die Arme werden in der Ellen¬ 
bogengegend ergriffen und abducirt, bis sie sich senkrecht neben dem 
Kopf befinden (Inspiration). Durch die folgende Adduktion bis an die 
Seiten des Thorax wird die Exspiration bewirkt. Der Luftwechsel inner¬ 
halb der Lungen ist bei dieser Methode nach manometrischen Versuchen 
ungefähr ebenso grofs, wie bei den Sch.’schen Schwingungen und be¬ 
deutender als bei den anderen Arten der künstlichen Atmung. Nur 
macht sich bei Anwenduug dieser Methode der Übelstand bemerkbar, 
dafs während der künstlichen Atmung der Abfluss der aspirirten Massen 
behii dert ist. In Verbindung mit den Sch.’schen Schwingungen, resp. 
bei abwechselnder Anwendung beider Methoden leistet die Silvestre’sche 
künstliche Atmung, wie oben schon erwähnt, oft Vorzügliches. 

Die Prochownik’sche Methode besteht darin, dafs das Kind 
an den Beinen suspendirt und dessen Thorax rhytmisch komprimirt 
wird. Das Halten an den Beinen wird entweder von der Hebamme oder 
von dem Arzt selbst besorgt, in welch letzterem Falle man nur eine 
Hand zu der Compression frei behält. Bei diesem Verfahren ist einer¬ 
seits die Herausbeförderung von Schleim aus den Luftwegen leicht und 
ausgiebig, andrerseits bildet die durch die Haltung des Kindes bedingte 
Hirnhyperämie einen Reiz für das Atemzentrum. Obgleich die P.’sche 
Methode nur wenig auf den Luftwechsel und die Zirkulation einwirkt, 
so ist der Gesammteffekt dieser Methode nach der Erfahrung einer Reihe 
von Geburtshelfern im Ganzen so gut, dafs sie von denselben in Fällen, 
in welchen man die Sch.’schen Schwingungen nicht machen kann (so 
z. B. bei Schlüsselbein- und anderen Knochenbrüchen), jeder anderen Me¬ 
thode vorgezogen wird. 

Ein gewisses Aufsehen, namentlich in Frankreich, erregte die von 
L'iborde erfundene Methode, Asphyktische aller Art durch r h y t - 
mische Zungentractionen wieder zum Leben zu bringen. In 
seinem 1897 in 2. Aufl. erschienenen Buche, das er mit dem etwas 
renommistischen Titel »le traitement physiologique de la mort« belegt, 
nennt er seine Methode »un moyen rationel et le plus puissant de 
ranimer la fonction respiratoire de la vie«. Die zahlreiche interessante 
Casuistik, die in diesem Werk niedergelegt ist, beweist denn thatsächlich, 
dats die Laborde’sche Methode ein sehr gutes Mittel zur Wiederbelebung 
Asj »hyktischer aller Art ist, und auch bei asphyktisch Neugeborenen ver¬ 
dient sie recht oft angewendet zu weiden. Die L.’sche Methode wird 
so ausgeführt, dafs man nach Freimachen der ersten Luftwege die 
Zungenspitze mit den Fingern ergreift und 40—50 Mal in der Minute 
emrgisch hervorzieht. Durch Benutzung eines Stückchens Gaze oder 
eines Taschentuchzipfels wird ein Abgleiten der Zunge vermieden. Den 
Eintritt spontaner Atmung nach einer mehr oder weniger grofsen 
Zahl von Zungentractionen führt L. darauf zurück, dafs durch Reizung 
gewisser Zungenschlundnerven, besonders des N. glossopharyngeus und 
des laryngeus superior, die motorischen Nerven der Atemmuskeln reflek- 
tonisch erregt würden. Wenn auch theoretisch gegen die Methode einzu¬ 
wenden ist, dafs, wenn vom Rachen aus der Würgreflex, wie dies bei der 
A. pallida der Fall ist, nicht mehr hervorgerufen werden kann, die Aus¬ 
lösung eines anderen Reflexes von derselben Stelle aus sehr auffallend 


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ist, so wird doch die L.’sche Methode von den Franzosen und Ameri¬ 
kanern — in Deutschland nur von Knapp — so sehr gelobt, dafs an ihrer 
Wirksamkeit wohl nicht zu zweifeln ist. Beachtenswert bleibt es aber, dafs 
Knapp einige Male durch das L’sche Verfahren nur oberflächliche 
Atmung erzielen konnte, und dafs ausgiebige Atembewegung und Schreien 
erst nach Sch.'sehen Schwingungen eintraten. 

DieD&uer der Wiederbelebungsversuche hat sich bis zum 
Zeitpunkt des Eintritts vollständiger Lebensfrische der Kinder oder des 
Aufhörens des Herzschlages zu erstrecken. Die Zeichen der Lebens¬ 
frische sind: rosige Hautfarbe, anhaltendes und lautes Schreien, lebhafte 
Bewegung der Extremitäten, kräftige Herzaktion, normale Atmung und 
das Aufschlagen der Augen (letzteres nach Runge ein besonders wert¬ 
volles Symptom). Es müssen alle diese Zeichen vorhanden sein, ehe 
man die Wiederbelebungsversuche beendet. Die Atmung soll nicht nur 
regelmäfsig, sondern sie mufs auch frei sein. Inspiratorische Einziehungen 
am Thorax dürfen nicht vorhanden sein. Alle diese aufgestellten Forder¬ 
ungen beziehen sich nur auf Kinder aus dem letzten Schwangerschafts¬ 
monat, bei früher Geborenen verhindert die Lebensschwäche eine tadel¬ 
lose Wiederbelebung. Wird das Kind zu früh sich selbst überlassen, so 
wird es in kürzerer oder längerer Zeit wieder asphyktisch und ist ohne 
Kunsthilfe dem Tode verfallen. Die Forderung, ein asphyktisches Kind erst 
mit dem vollständigen Aufhören des Herzschlages verloren zu geben, ist 
durch die Erfahrung begründet, dafs scheinbar verlorene Kinder nach 
stundenlangen Bemühungen noch gerettet werden. Neuhans beschreibt 
einen Fall, und ähnliche ereignen sich sicher öfters, in welchem eine 
merkliche Besserung des Herzschlages erst nach 1 Stunde, der erste 
Atemzug erst nach l 3 / 4 Stunde eintrat. 

Bei der Nachbehandlung asphyktisch geborener und wiederbelebter 
Neugeborener ist vor Allem darauf zu achten, dafs jedes Kind, elches tiefer 
asphyktisch gewesen ist, nach Stunden hindurch aus der Luftröhre Schleim 
heraufbringt, welcher regelmäfsig aus Mund und Rachen zu entfernen ist. 
Auch ist dringend zu empfehlen, das Kind auf die Seite und seinen Kopf 
recht tief zu legen, durch welche letztere Mafsregel zugleich einer 
Himanämie in Folge wiederkehrender Herzschwäche vorgebeugt werden 
kann. In der ersten Zeit nach der Wiederbelebung mufs nach dem Kinde 
regelmäfsig stündlich gesehen werden (am besten ist doch wohl ständige 
Beaufsichtigung derselben, wenn durchführbar!) Bei Anzeichen wieder¬ 
kehrender Asphyxie müssen sofort Hautreize und ein warmes Bad an¬ 
gewendet werden. In nicht seltenen Fällen mufs das Bad nach weiteren 
3 bis 4 Stunden wiederholt werden. Das beste Prophylakticum gegen die 
Schluckpneumonie oder gegen ausgedehnte Atelectase ist, abgesehen 
von einer Wiederbelebung bis zu vollständiger Lebensfrische, die Er¬ 
neuerung des Bades nach 5—6 Stunden. In demselben mufs das Kind 
durch Hautreize zu energischem Schreien veranlafst werden. Nach 
schwerer Asphyxie ist diese Mafsregel durchaus notwendig, auch wenn 
noch keine Verschlechterung in dem Verhalten des Kindes eingetreten ist. 

—S 


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Referate. 

Die Masern im Kinderhospital von Paris im Jahre 1896 . Von Löon 
Bernard. (Sitz. d. Acad. de möd. zu Paris. La mdd. moderne 
Nr. 60 1897). 

Im Jahre 1896 waren im Masernpavillon 4 ; 3 Kinder aufgenommen, 
von denen 25 wegen falscher Diagnose im Spital waren, wovon 2 Fälle 
mit Masern infiziert wurden und 2 Fälle mit Bronchopneumonie, von 
denen ein Fall starb. 

Von den 483 Kindern starben 104 = 21,5 °/ 0 , davon 77 an 
Bronchopneumonie, die anderen an anderen Komplikationen und nur 
11 Fälle an schweren Masern. 

Die Kranken standen am häufigsten im 1—5. Lebensjahre, die 
meisten waren 2 Jahre alt. Die Schwere der Krankheit vermindert sich 
mit zunehmendem Alter und ist am gröfsten bei Säuglingen. Das 
Geschlecht macht keinen Unterschied. Das Maximum der Frequenz 
betraf die 6 ersten Lebensmonate. 

Besondere Rücksicht wurde bei der Beobachtung der Masern auf 
folgende 3 Symptome gerichtet: den Zahnfleischrand, die Diarrhoe und 
die peripheren Drüsenschwellungen. Die von Comby beschriebene 
Veränderung des Zahnfleischrandes zeigte sich fast bei allen im Beginne 
der Eruption zur Beobachtung kommenden Fällen. Ferner wurde die 
Diarrhoe in ihren Beziehungen zur Bronchopneumonie beobachtet. 

Marfan hatte die Frage aufgestellt, ob sie nicht durch die Ver¬ 
schluckung des Auswurfes erzeugt werde, musste aber diese Hypothese 
fallen lassen gegenüber den Fällen, welche bewiesen, dafs sehr häufig 
die Diarrhoe der Bronchopneumonie vorhergeht; es scheint vielmehr, dafs 
die Diarrhoe die Folge eines gasrointestinalen Exanthems ist. 

Die Drüsenschwellungen in der cervikalen, axillaren und inguinalen 
Gegend sind fast stets bei Masern vorhanden; da sie gleichzeitig 
mit der Eruption auftreten, sind sie unabhängig von Komplikationen, 
und man kann sehr oft die allmähliche Vergrösserung der Drüsen parallel 
mit der Entwickelung der Krankheit verfolgen. Sie ist also durch die 
Masern selbst bedingt. 

Es wurden 212 Fälle von komplizirten Masern beobachtet. Unter 
den Komplikationen waren am häufigsten die absteigenden Infektionen, 
besonders die Bronchopneumonie, woran 116 Fälle litten, von denen 
77 starben, die Frequenz war also 24°/ 0 , die Mortalität 66,3°/ 0 . 

Die Masern traten oft sekundär zu anderen Krankheiten z. B. 
Keuchhusten, der die Disposition zur Komplikation mit Bronchopneumonie 
ergiebt, zu Varicellen, Scarlatina und Diphtherie, welche die Prognose 
nicht verändern, und endlich zur Tuberkulose, wobei die Prognose sehr 
ungünstig wird. 

Die Behandlung muss sich besonders gegen die Komplikationen 
richten und ist daher eine Krankenhausbehandlung, wo man die Kinder 
mit Komplikationen isolieren kann, das Beste. Eine Isolierung sämtlicher 
Masernkinder erhöht die Mortalität, während eine Isolierung im Spital, 
wo eine partielle Isolierung stactfindet, die Zahlen vermindert. 

Die von Renault empfohlene Behandlung mit heifsen Bädern hat 
gute Resultate ergeben und bei der Bronchopneumonie die Mortalität 


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vermindert, präventiv angewandt vermindert sie die Erkrankung an 
Bronchopneumonie und die Schwere der ausbrechenden Komplikation. 

Discussion: Sevestre ist nicht absolut derselben Meinung wie 
Bernard in Bezug auf die Frequenz und Schwere der Masern in den ver¬ 
schiedenen Lebensaltern. Nach seiner Ansicht fällt die gröfste Schwere der 
Krankheit in das 1.—2. Jahr, während die Krankheit im ersten Jahre 
relativ gutartig ist, wo sie auch wenig häufig ist. Er beobachtete eine 
Amme, die, trotzdem sie an Masern erkrankte, ihr Kind weiter stillte, 
ohne dafs dieses die Krankheit bekam. 

Benda ist der Ansicht, dafs alle über die Masern veröffentlichten 
Statistiken nicht richtig sind, da sie sich nur auf Hospitalfälle beziehen. 
In der Stadt würde die Statistik ganz anders ausfallen, wo die Masern 
viel weniger schwer sind und Benda niemals ein Kind sterben sah. 
Im Hospital ist die Krankheit deshalb eine schwere, weil sich die Kinder 
gegenseitig infizieren und die Zeit ist nicht fern, wo man alle mit 
Masern im Hospital aufgenommenen Kinder sterben sah. 

Marfan findet den Unterschied in den Resultaten in dem Hospital 
und in der Stadt einmal in der Anhäufung der Kinder im Spital und 
zweitens in dem schlechten Gesundheitszustand der Kinder zu der Zeit, 
wo sie an Masern erkrankten, da die meisten an Verdauungsstörungen 
leiden und rhachitisch sind. 

Buquoy hat beobachtet, dass die Masern, in der Familie schwerer 
werden, wenn sie von einem Kind auf das andere übergehen, das Virus 
scheint sich zu verstärken. Bei Hauspatienten ist die Krankheit ebenso 
schwer, wie im Hospitale. — Biclöre hält ebenso wie Bernard die 
Drüsenschwellungen für ein konstantes Svmptom bei Masern und sieht 
hierin nicht ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Masern und Röteln. 

Lemoine hat auch wie Marfan und Biclöre bei Masernepidemien 
diese konstant vorhandene cervicalen Drüsenschwellungen beobachtet, hält 
sie aber nicht für ein spezielles Symptom der Masern oder Röteln. Die 
Schwellung der suboccipitalen Drüsen dagegen, welche oft der Eruption 
vorausgeht und in der Rekonvaleszenz verschwindet, scheint ihm 
ein spezielles Symptom für Röteln zu sein, wenigstens hat er es nicht 
bei Masemkranken beobachtet. Die Ursache dieser Schwellung ist 
unbekannt. 

Marfan bemerkte, dafs die Drüsenschwellungen bei Masern 
folgenden Charakter haben: sie sind konstant vorhanden, erscheinen mit 
der Eruption und verschwinden mit derselben, sie betreffen alle Drüsen, 
besonders die Inguinaldrüsen. Sie sind beschrieben von Moussons. 
Die Schwellung der hinteren Halsdrüsen scheint auf einer Verletzung 
der Kopfhaut zu beruhen, wie Lemoine beschreibt, der darauf geachtet 
hat bei Kindern, denen er die Kopfhaut rasiren liefs. 

Galliard spricht ihnen einen diagnostischen Wert zu. Grisolle 
beobachtete, dafs Kinder über 7 Jahre nicht sterben, sondern die 
jüngeren Kinder. Das Alter spielt also bei den Masern eine grosse 
Rolle. Dr e w s, Hamburg. 

Rationelle Behandlung des Keuchhustens. Von J. B. Busdraghi 

(Wiener med. Blätter 1898 No. 1). 

B. erzielt bei einer rationellen Therapie des Keuchhustens mehr 


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Erfolge als von irgend einem der so zahlreichen gerühmten Spezi- 
ficis, u. z. sind es drei Gesichtspunkte, die er dabei beobachtet: 

1. Desinfektion. 

2 . Beruhigung des Nervensystems. 

3. Erhaltung der Körperkräfte. 

Die Anforderung der Desinfektion erfüllt man am wirksamsten 
durch Zerstäubungen, 2°/ 0 iger Carbollösung, die täglich einmal 10 Minuten 
lang vorgenommen werden müssen. 

Zur Beruhigung des Nervensystems ist es für ein kleines Kind das 
Beste, ihm einen ruhigen, dauernden und stärkenden Schlaf zu ver¬ 
schaffen. Dazu eignet sich am besten Trional, u. z. je nach dem Alter 
in Dosen von 0,1 bis 0,5 Gramm. Erzielt man in hartnäckigen Fällen 
keinen Schlaf, so fügt man noch einen Löffel voll von einer l°/ 0 igen 
Chloralhydratlösung bei. Irgendwelche Unzuträglichkeiten haben sich 
dabei nicht herausgestellt. 

Der dritten Indikation, nämlich Erhaltung der Körperkräfte, mufs 
man durch Zufuhr einer gesunden, leicht verdaulichen Nahrung zu ent¬ 
sprechen suchen. Hier leistet der Gebrauch der Somatose Ausgezeich¬ 
netes. .Man giebt den Kindern, je nach dem Alter, 3 bis 4 mal täglich 
1 / 4 bis J /2 Theelöffel des Präparates in Milch gelöst. Die Somatose wird 
von den Kindern gern genommen und gut vertragen. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Über den Einfluss des Unterleibstyphus auf die Entstehung psycho¬ 
pathischer Minderwertigkeiten im Kindesalter. Von J. Moses. (Zeit¬ 
schrift für Schulgesundheitspflege No. 11 1897). 

Verf. teilt seine Erfahrungen über die Veränderungen der kind¬ 
lichen Psyche mit, die er während einiger Typhusepidemien beobachtet 
hat; eigentliche Geisteskrankheiten kommen nicht vor. Die beobachteten 
Schwächezustände auf psychischem Gebiete rechnet M. den psycho¬ 
pathischen Minderwertigkeiten zu. Die Veränderungen im intellektuellen 
Verhalten der Kinder bestanden in einer deutlichen Verlangsamung im 
Ablauf der Ideenassoziationen, mangelhafter Sammlung der Gedanken, 
grofser Vergefslichkeit, Zerstreutheit u. a. m. Auf affektativem Gebiete 
zeigten sich die Störungen^ wesentlich als Launenhaftigkeit und weh¬ 
leidiges, weinerliches Wesen. Die beobachteten Störungen hielten über 
die Rekonvaleszenz hinaus an; ein deutlicher Zusammenhang zwischen 
denselben und der Schwere der vorausgegangenen Erkrankung bestand 
nicht. Die Prognose dieser Zustände ist im Allgemeinen, wenn here¬ 
ditäre Belastung fehlt, nicht ungünstig. Mit Recht hebt der Verf. 
hervor, dafs für eine günstige Prognose von der Wiederherstellung der 
Körperkräfte abgesehen auch alle diejenigen Mafsnahmen während des 
Schulbesuches erforderlich sind, welche die Hygine des Geistes vor¬ 
schreibt. Dr. Bayerthal—Worms. 

Ueber den Einflufs der Laparotomie auf die Peritonitis tuberculosa. 
Von Nannotti und Baciocchi. (Annal. del Univers. Tose. Vol. XX.) 

Die Verf. haben an einer Reihe von Versuchstieren den Einflufs 
der Laparotomie auf die Peritonitis tubercul. studiert und gelangten zu 
folgenden Schlufsfolgerungen: 1) Durch die Laparotomie wird unzweifel¬ 
haft ein günstiger Einflufs, auch bei Tieren auf den Verlauf der tuber- 


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kulösen Peritonit. ausgeübt. 2) Operierte Kaninchen zeigen häufig grofse 
Besserung in ihrem Befinden. Dieselben bleiben bedeutend länger am 
Leben als die Kontroltiere. Jedoch konnte nie eine vollständige Heilung 
nachgewiesen werden. 3) Bei Hunden hingegen tritt nach der Laparo¬ 
tomie fast immer vollkommen oder fast vollständige restit. ad integr. ein. 
4) Die Rückbildung findet derart statt, dafs die Tuberkelknötchen ent¬ 
weder resorbiert werden oder eine bindegewebige Schrumpfung der¬ 
selben eintritt. 5) Durch diese bindegewebige Schrumpfungen werden 
öfters Verwachsungen zwischen den Bauchorganen, besonders den einzelnen 
Darmschlingen herbeigeführt, wodurch wieder neue Krankheitserschei¬ 
nungen entstehen können. 6) In seltenen Fällen mufs die Operation 
mehrere Male wiederholt werden, ehe man zu einem günstigen Resul¬ 
tate gelangte. 7) Obgleich eine Rückbildung der Tuberkelknötchen 
nach der L. schnell vor sich geht, so bleibt doch ein oder der andere 
Herd zurück, der sehr langsam sich zurückbildet; man sei also mit den 
Ausspruch, die Kankheit sei völlig geheilt, sehr vorsichtig, auch wenn 
alle klinischen Symptome verschwunden sind. 8) Wenn nach der L. eine 
Ausspülung der Peritonealhöhle mit sterilisiertem Wasser oder mit antisep¬ 
tischen Lösungen vorgenommen wird, so scheint die Heilung nicht 
schneller vor sich zu gehen, als wenn man diese Ausspülungen unter- 
läfst. Dieselben sind also nicht anzuempfehlen. 9) Die L. verhindert 
meistens das Auftreten secundärer tuberkulöser Herde, wie sie sonst 
sich bei vorgeschrittener Perit. tubercul. fast immer einstellen. 10) In 
Folge der L. findet eine entzündliche Reaktion der Serosa mit stark 
gesteigertem Resorptionsvermögen derselben statt. 11) Durch diese 
Vorgänge findet bei der Perit. tub. eine Zerstörung des Toxins der Tuber¬ 
kulose, Degeneration der zelligen Elemente, Neubildung von Bindege¬ 
webe, Vaskularisation der Tuberkelknötchen und Resorption und binde¬ 
gewebige Schrumpfung derselben statt. S. 

Über Hauttuberkülose im Kindesalter. Uon J. B. Johns ton. (Amerik. 

Joum. of the med. scienc. No 11. 1897. Nach e. Ref. d. Mediz. 

d. Gegenw.) 

Man hat nach Verf. zu unterscheiden zwischen tuberkulösen und 
paratuberkulösen Hautaffektionen. Zu den tuberkulösen gehören: der 
Lupus vulgaris in seinen verschiedenen Modifikationen; Scrofuloderma, im 
subkutanen Gewebe gelegen und von Krankheitsherden der Nachbar¬ 
schaft ausgehend; Tuberculosis vera, tuberkulöse Geschwürsbildungen, 
an den Uebergangsstellen von Schleimhaut zu Haut; Tuberculosis verru¬ 
cosa, Warzenbildungen, Leicheninfektionen; Miliartuberkulose der Haut 
(Leichtenstern). Sehr häufig im Kindesalter ist der Lupus vulgär., er 
entsteht durch direkte Einimpfung oder auf dem Wege der Lymph- 
infektion. Tubercul. vera und verrucosa werden stets direkt eingeimpft. 
Sie kommen selten vor. Hereditäre Momente scheinen nicht mafs- 
gebend zu sein. Bei allen diesen Affektionen werden Tuberkelbazillen 
gefunden. Die Prognose ist ernst, teils wegen der Hartnäckigkeit des 
Leidens, teils weil dasselbe Ausdruck eines schweren Allgemeinleidens 
sein kann. Die Behandlung hat alles Krankhafte möglichst zu entfernen 
durch Excision, Curettement, Skarifikation, Kauterisation, Elektrolyse. 
— Als paratuberkulöse Hautaffektionen bezeichnet Verf. Erkrankungen, 
bei denen Toxine als ätiologisches Momente in Betracht kommen sollen. 


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Er führt folgende auf: Skrophuloide (kleines pustulöses S., grofses pustu- 
löses S., eitrige Folliculitis); Tuberkulide (Lichen scrophulosorum, 
Acne cachecticorum, Erythema scrophulosorum); Hyperchromie, eine 
Hyperpigmentation, die sich bei Tuberkulose, wie bei anderen zehrenden 
Krankheiten findet. Die paratuberkulösen Hauterkrankungen sind selten 
und werden Tuberkelbazillen dabei in den Herden nicht gefunden. S. 

Über die antitoxische und therapeutische Wirkung des menschlichen 
Blutes nach überstandenen Infektionskrankheiten (Scharlach, Masern, 
Pneumonie und Erysipel). Von O. Huber und F. Blumenthal. 
(Vortr. geh. i. d. Ges. d. Charite-Ärzte zu Berlin v. 1. Juli 1897. 
Berl. klin. Wochenschr.. No. 31 1897). 

H. u. B. kommen auf Grund ihrer Versuche zu folgenden Resultaten: 
Durch die von uns angewandte Methode können bei Diphtherie und 
Pneumonie, sehr wahrscheinlich auch bei Scharlach und Masern aus dem 
Blut von Rekonvaleszenten spezifisch antitoxische Stoffe in einer Lösung 
gewonnen werden. Die Concentration derselben ist da, wo Controlver- 
versuche möglich sind, fast ebenso stark wie die des gewöhnlichen 
Serums, die Menge aber etwa doppelt so grofs. Die therapeutische An¬ 
wendung der Filtrate ergiebt bei Scharlachkranken in einigen Fällen 
eine auffallend günstige Beeinflussung des Krankheitsverlaufs, im Durch¬ 
schnitt aber eine wesentliche Abkürzung und günstigen Verlauf der 
Krankheit. Auch bei Masern glauben wir damit Erfolge erzielt zu 
haben, obgleich dieselben nicht so ausgesprochen sind. Bei Pneumonie 
sind experimentell im Tierversuch Schutzstoffe in unseren Flüssigkeiten 
nachgewiesen. Praktisch haben dieselben oft eine spezifische temperatur¬ 
herabsetzende Wirkung und günstigen Einfluss auf das Allgemeinbefinden, 
scheinen aber nicht concentriert genug, um den Eintritt der definitiven 
Krise herbeizuführen und den anatomischen Prozefs wesentlich beein¬ 
flussen zu können. Bei Erysipel wurde ein heilender Einfluss auf 
den Krankheitsverlauf vermifst, abgesehen von einigen lokalen Wirkungen. 
— Beim Rückblick auf diese über 1 Jahr fortgesetzte Untersuchungsweisen 
wollen wir nur noch ausdrücklich betonen, dafs die vielleicht anfangs 
möglichen optimistischen Hoffnungen auf ein ganz allgemein und sicher 
wirkendes Heilmittel gegen die akuten Exantheme sich leider nicht er¬ 
füllt haben. Ein »Heilserum« gegen Scharlach, Masern, Pneumonie und 
Erysipel haben wir nicht entdeckt, trotzdem aber spezifisch heilwirkende 
Faktoren erfunden, deren therapeutische Verwertung bei Scharlach und 
Masern und, falls es uns gelingen sollte, sie zu concentrieren, auch bei 
Pneumonie noch in schweren Fällen jedenfalls ohne jeden Schaden für 
den Patienten deutliche Erfolge erwarten läfst. S. 

Über Encephalitis diffusa resp. Poliencephalitis des Kindes. Von E. 
Raymond. (Aus dem Züricher Kinderspital von Prof. O. Wyfs.) 
Jahrb. f. Kdhlkde, Bd. 44. Hft. 2, 1897). 

Nach eingehender Schilderung eines Falles von sog. cerebraler 
Kinderlähmung s. Poliencephalitis bespricht Verf. die Diagnose und 
Behandlung derselben. Im Anfänge ist es schwer, eine Encephalit. acut, 
von anderen Erkrankungen des Gehirns im Kindesalter zu unterscheiden. 
Wo traumatische Einwirkungen stattgefunden haben, wo Herzaffektion, 
Tuberkulose vorhanden ist, mufs man natürlich hierauf Rücksicht nehmen. 


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Eklamptische Anfälle im Beginn fieberhafter Krankheiten, bei Ver¬ 
dauungsstörungen etc. sind gewöhnlich vorübergehend. Zur Unterschei¬ 
dung von Poliomyelitis acuta beachte man namentlich Folgendes: Für 
den cerebralen Ursprung der Erscheinungen sprechen die anhaltenden 
rezidivierenden Konvulsionen, die oft nur einseitig sind, dann die Halb- 
seitigkeit der Lähmungen, mit Beteiligung des Fazialis, seltener der 
Augennerven auf derselben Seite, auf der die Extremitäten ergriffen 
sind. Die hemiplegische Form ist selten bei der spinalen, die mono- 
plegische selten bei der cerebralen Kinderlähmung. Beteiligung des 
Facialis ist selten bei der Poliomyel. acut. Bei E. acut, sind die höheren 
Grade die oberen, bei Poliomyel. die unteren Extremitäten mehr be¬ 
fallen. Die Sehnenreflexe sind bei der cerebralen Form meist ver¬ 
stärkt oder jedenfalls vorhanden, bei der spinalen abgeschwächt oder gänz¬ 
lich fehlend. Spastische Zustände sind bei den cerebralen, schlaffe bei 
der spinalen Form vorhanden. Die Kontrakturen der oberen Extremi¬ 
täten kommen mehr bei der cerebralen Form vor. Wachstumshemmung und 
Atrophie entwickeln sich bei den spinalen Formen schneller und im 
höherem Mafse als bei den cerebralen. Entartungsreaktion tritt bei spi¬ 
nalen Formen sehr rasch ein, bei der cerebralen Form bleibt die elek¬ 
trische Erregbarkeit erhalten. Erscheinungen seitens der Psyche z. B. 
Epilepsie, Chorea sind nach der cerebralen Form häufig, bei der spinalen 
kommen sie nicht vor. Kinder, die an Cerebrallähmungen litten, ent¬ 
wickeln sich nur sehr selten normal, während dies bei denen, die an Poliomyel. 
erkrankt gewesen, die Regel ist. Stirbt ein Kind sehr rasch an Encephal. 
acut., so ist eine Difterentialdiagnose mit Poliomyel. sehr schwierig. — 
Die Behandlung hat das Fieber zu bekämpfen, ferner bewirkt man an 
gegen die Himhyperämie von Blutentziehung durch Blutegel an dem, 
proc. mastoid. der entgegengesetzten Seite, entleert den Darm reichlich 
bekämpft die Konvulsionen durch Chloralklystiere. Hat sich das Kind 
von den stürmischen Erscheinungen erholt, so halte man jede Schädlich¬ 
keit fern, regele die Darmthätigkeit aufs Strengste und behandele die 
Lähmung mit Applikation des galvanischen Stromes durch den Kopf 
(4—5 Sitzungen im Laufe der Woche); ferner wende man die Ortho¬ 
pädie, Massage, gymnastische Uebungen und wenn nötig Sprechübungen an. 

S. 

Ueber Kuhmilchverdauung und Säuglings-Ernährung. Von Knöpfel- 
macher. (Vo trag geh. in der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien. 
Klinisch-therapeut. Wochenschrift No. 2, 1898.) 

Die künstliche Ernährung scheitert der Hauptsache nach an bak¬ 
teriellen Momenten, welche man durch Sterilisierung zu beseitigen trachtet, 
doch werden durch die gewöhnlichen Sterilisierungsmethoden die Ptomaine 
nicht ganz zerstört und ruft die Sterilisierung nicht erwünschte chemische 
Umwandlungsprozesse hervor. Weiter ist die Differenz zwischen Frauen¬ 
milch und Kuhmilch in Betracht zu ziehen, letztere ist reicher an Ei- 
weifs und Salzen, ärmer an Zucker und Fett. Man war nun bestrebt, 
durch Verdünnungen und Zusätze die Kuhmilch der Frauenmilch ähnlich 
zu machen.. Biedert hat den Nährwert der verdünnten Kuhmilch durch 
Rahmzusatz gesteigert, Gärtner seine Fettmilch durch Centrifugierung 
hergestellt. Doch werden dadurch nicht alle Differenzen zwischen Frauen- 
und Kuhmilch ausgeglichen. Das Eiweifs der Kuhmilch ist weit reicher 
an Kasein, welches mit Kalksalzen innig verbunden, schwerer verdaulich 


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ist, als das Frauenmilchcasein. K. hat Versuche angestellt und fand, 
dafs in den Faeces der mit Kuhmilch genährten Kinder ungefähr 120 
mal soviel organisch gebundener Phosphor enthalten ist, als in den 
Faeces der mit Frauenmilch genährten Kinder. Ein 5 monatliches Kuh¬ 
milchkind erhält 1 Liter Nahrung entsprechend 15 gr. Kasein (13 cg. 
Phosphor), davon wird 1— D /2 ctgr.. mit den Faeces entleert, so dafs 
das Kind 8—12°/ 0 der Nahrung unverwertet mit den Faeces abgiebt; 
der organisch gebundene Phosphor wird in Form von Pseudonuklein 
ausgeschieden, welches an Phosphor viel reicher ist, als das Kasein. Es 
ist also nachgewiesen, dafs ein Abspaltungsprodukt des Milch-Eiweifses bei 
der künstlichen Ernährung mit den Faeces ausgeschieden wird und dem¬ 
nach für die Ernährung verloren geht. Hinsichtlich der für den Aufbau 
des Körpers hochwichtigen Phosphor-Aufnahme ist das Kuhmilchkind 
weit ungünstiger gestellt, als das Frauenmilchkind, weil die Frauenmilch 
an organischem Phosphor (in Kasein, Lecithin, Nuclein) weit reicher ist, 
als die Kuhmilch. 

Man hat verschiedene Verfahren versucht, um die Kuhmilch ei¬ 
weifsreicher und kaseinärmer zu machen. Hierdurch würde jedoch die 
Eisenzufuhr leiden, weil das Kasein der einzige eisenhaltige Stoff der 
Kuhmilch ist. Man hat auch versucht, den phosphor- und eisenreichen 
Eidotter als Ersatz hinzuzusetzen. 

Man mufs die künstliche Ernährung so gestalten, dafs auch dem 
weniger resistenten Kinde Alles für den Aufbau und Bestand seines 
Organismus Notwendige in möglichst assimilierbarer Form zugeführt werde, 
durch Verdünnung, Milchzucker- und Eidotterzusatz. Ein solcher Ersatz 
käme hinsichtlich der quantitativen Zusammensetzung der Frauenmilch 
am nächsten, wobei allerdings die Differenz der beiden Kaseinarten nicht 
zu beseitigen ist. Dr. Goldbaum, Wien. 

De la chor^a variable ou polymorphe. Von G. Patry. (Gaz. hebd. 
de möd. et de chir. 1897, No. 93.) 

Chorea variabilis nennt Verf. eine Form der Krankheit, welche mit 
der chronischen Chorea die Symptome vollauf teilt, aber durch die Un¬ 
gleichförmigkeit der Erscheinungen, die Unregelmäfsigkeit der Entwicke¬ 
lung, die Inkonstanz der Dauer sich unterscheidet. Nur physisch oder 
psychisch degenerierte Individuen leiden daran und dieser Umstand giebt 
ihr den speziellen Charakter. Hauptfaktor der Pathogenese ist die ner¬ 
vöse Heredität, obwohl auch andere Ursachen gelegentlich einwüken, wie 
Infektionskrankheiten. Körperliche Degeneration (Infantilismus, Mikro- 
cephalie u. a.) und geistige (Hysterie, Hallucinationen u. a.) ist der 
Boden, sie rufen die besonderen Symptome hervor. Den Anfallen gehen 
gewöhnlich unbestimmte Schmerzen im Kopf oder auch anderen Körper¬ 
teilen voraus. Der Verlauf mit seinen Remissionen und Beruhigungen 
sichert die Diagnose im Gegensatz zur chronischen Chorea. Die Dauer 
der Krankheit ist nicht näher zu bestimmen. Sie hat ihr Ende erreicht, 
wenn nicht die geringsten Veranlassungen mehr einen Anfall auslösen. 
Die Prognose ist demnach nicht schlecht. Es handelt sich nur darum, 
die Patienten psychisch zu beeinflussen, vor allem sie der Umgebung zu 
entziehen, in welcher und durch welche die Krankheit entstanden ist. 

v. Boltenstern, Bremen. 


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Über das Stottern. Von A. Fuld. (Zeitschrift für prakt. Ärzte No. 23 
1897). 

Verf. teilt seine Anschauungen über die Pathogenese und Therapie 
des Stotterns mit. Im Gegensatz zu der bisher herrschenden Ansicht, 
wonach das Stottern als spastische Coordinationsneurose zu betrachten 
ist. (Kussmaul u. a. m.), betont Verf. die ataktische Natur des 
Leidens. Das plötzliche Auftreten eines Hindernisses beim Übergang 
von einem Laut zum nächsfolgenden, wie es beim Stottern der Fall ist, 
ist psychisch bedingt; der psychische Vorgang beruht auf der plötz¬ 
lich auftauchenden Vorstellung, über einen bestimmten Laut nicht 
hinweg zu können. Da die definitive und komplette Heilung des Übels 
»nicht so häufig ist, wie oft verkündet wird«, ist die Prophylaxe wichtig. 
(Leider führt der Verf. keine prophylaktischen Winke an; Ref. ist der 
Ansicht, dafs diese in einem, wenn auch nur kurzen, so doch für prak¬ 
tische Ärzte (Hausärzte!) geschriebenen Aufsatze nicht fehlen sollten.) 
Bei der Therapie spielt nicht eine bestimmte Methode die Hauptrolle; 
eine individualisirende und hauptsächlich den psychischen Faktor in 
Berücksichtigung ziehende Behandlung hat sich F. am besten bewährt; 
»die stereotypen Atmungs- Stimm- und Artikulationsübungen sind da¬ 
gegen überflüssig, manchmal sogar schädlich«. 

Dr. Bayerthal, Worms. 

Kasuistische Beiträge zur Heredität des Diabetes mellitus. Von 

W. Ni essen. (Therapeut. Monatsh. Oktober 1897.) 

Verhältnifsmäfsig selten sind die Fälle, in welchen Kinder in jünge¬ 
ren Jahren an Diabetes mellitus erkranken, während die Eltern noch ganz 
gesund erscheinen, und erst Jahre lang später Zucker im Urin dieser 
nachgewiesen wird. In den beiden in Kürze mitgeteilten Fällen handelt 
es sich um jugendliche Individuen, welche zuerst erkrankten, ohne dafs 
sonst in den Familien, wenigstens wissentlich, eine Diabeteserkrankung 
vorgekommen ist, oder andere ätiologische Momente (Lues, nervöse 
Leiden) einen Anhaltspunkt gewährt haben. Im ersten Falle wurde bei 
einem 13jährigen Knaben nach Scharlach und Typhus abdominalis Zucker 
im Urin gefunden, während der Nachweifs beim Vater erst nach jahre¬ 
langen, häufigen, negativen Untersuchungen gelang. Im zweiten Falle 
erfolgte die Erkrankung des 18jährigen Sohnes ohne besondere Veran¬ 
lassung. Zwei Jahre später wurde bei dem Vater, dessen Urin bis^dahin 
vergeblich untersucht war, nach einer schweren Influenza die gleiche 
Erkrankung konstatiert. v. Boltenstern Bremen. 

Die Wundbehandlung mit Menthoxol, Camphoroxol und Naphthoxol. 

Von Wagner. (Deutsch, med. Wochenschr. 1897, No. 45). 

Die 3 neuen, von der chemischen Fabrik C. Raspe, Weifsensee 
hergestellten Desinfektionsmitteln: Menthoxol, Camphoroxol und Naph¬ 
thoxol enthalten als wesentlichen Bestandteil Wasserstoffsuperoxyd in 
3% Lösung, verbunden mit Menthol 1 °/ 0 , Campher 1 °/ 0 oder Naphthol 2°/ 0 
und Alkohol38%, bei Campher 32°/ 0 , Die chemische und bakteriologische 
Untersuchung ergab, dafs die neuen Mittel allen Anforderungen im vollsten 
Mafse genügten. Durch alle 3 Flüssigkeiten wurden Milzbrandsporen 
in unverdünnter Lösung in 3 Stunden, in 10°/ 0 Lösung in 6 Stunden ab- 


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42 


getötet. Bei der Prüfung der Haltbarkeit der Lösungen zeigte sich, 
dafs dieselben innerhalb 3 Monaten nur ganz geringe Mengen ihres 
Wasserstoffsuperoxydgehaltes eingebüfst hatten und dafs ihre desin- 
ficierenden Eigenschaften in keiner Weise durch die Länge der Zeit 
beeinträchtigt wurden. 

Die Mittel wurden zunächst angewandt bei Phlegmonen, Abscessen, 
Geschwüren und granulierenden Wundflächen in 10% Lösung, die jedes¬ 
mal vor dem Gebrauch frisch hergestellt wurde. Kleine sterile Gaze¬ 
tupfer wurden stark mit den Flüssigkeiten durchtränkt und auf die 
Wundflächen aufgelegt, resp. in die Wundhöhlen eingeführt und mit 
sterilem Verbandmaterial bedeckt. Solche Verbände blieben meist 2 
Tage liegen. Die Wunden reinigten sich aufserordentlich schnell; die 
Eitersekretion wurde geringer, es bildeten sich niemals Verhaltungen, es 
fand nie eine Zersetzung des Sekrets statt. — Auf die Granulations¬ 
bildung scheinen die Mittel entschieden einen günstigen Einfluss auszu¬ 
üben. Auch wirken sie ausserordentlich desodorierend. Sie besitzen 
einen angenehm erfrischenden Geruch und vermögen, ohne aufdringlich 
zu sein, auch schon ziemlich intensive Fäulnis Vorgänge zu verdecken. 
Besonders das Menthoxol zeichnet sich durch seinen leicht prickelnden, 
etwas an das Menthol erinnernden Geruch aus, ohne die Schärfe des 
reinen Menthols zu besitzen. 

Schädliche Wirkungen irgend welcher Art wurden niemals beobachtet. 
Niemals geriet eine Wunde in Reizzustand, die umgebende Haut wurde 
nie affiziert, niemals entstand ein Ekzem, wenn auch stark durchfeuchtete 
Verbände zuweilen länger als zwei Tage liegen blieben. Niemals wurde 
durch die Behandlung die Sekretion vermehrt oder gar eine Nekrose 
des Gewebes veranlagst. Schnell, Egeln. 


Gesundheitspflege. 

UeberdieUrsachen hoher Säuglingssterblichkeit und Mafs- 
regeln gegen dieselbe spricht sich Dr. Schlofsmann zum Schlüsse 
einer gröfseren Arbeit »Studien über Säuglingssterblichkeit« (Ztschrft. f. 
Hyg. u. Infektionskrankheiten Bd. 24. 18U7) folgendermafsen aus: 

Die Säuglingssterblichkeit, das wieder zu Grundegehen kaum er¬ 
blühten Lebens, ist in Deutschland, vornehmlich auch in Sachsen, noch 
auf einer Höhe, die die energischsten Präventivmafsregeln herausfordert. 
Als primäre Ursache dieser hohen Sterblichkeit der Säuglinge sehen wir 
vor allem soziale Verhältnisse mitspielen, jedoch weniger bei den Kindern, 
die in den ersten Tagen und Wochen des extrauterinen Lebens zu 
Grunde gehen als vielmehr bei denen, die in späteren Monaten des 
ersten Lebensjahres sterben. Demzufolge ist die Verhütung des vor¬ 
zeitigen Absterbens der Säuglinge auf verschiedenen Wegen anzustreben. 
Die Herabsetzung der Sterblichkeit der ersten Lebenszeit wird durch 
alles mitgefördert werden, was die gesamte Widerstandskraft unseres 
Volkes hebt, was vor allem der Weiter Verbreitung der chronischen In¬ 
fektionskrankheiten und einer Zunahme des angreifenden Einflusses 
unseres modernen Kulturlebens gegenübertritt. Hier gelten die Worte 
Buchner’s: Der Degeneration müssen wir eine Regeneration gegenüber¬ 
setzen. 


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48 


Die Sterblichkeit der Kinder in den späteren Monaten des ersten 
Lebensjahres ist vor allem durch soziale Mafsnahmen zu bekämpfen, in 
erster Linie durch Zurückdrängen des Weibes aus dem Kampfe ums 
tägliche Brot an ihren natürlichen Platz, in den Schoofs ihrer Familie, 
ferner durch Hebung des gesamten nationalen Wohlstandes. Des Weiteren 
haben wir bei hygienischen Präventivmafsregeln daran zu denken, dafs 
es nicht nur die Städte, sondern im gleichen und noch erhöhtem Grade 
die ländlichen Bezirke sind, in denen zahlreiche Menschenleben unmittelbar 
nach der Geburt zu Grunde gehen. Wir haben auch bereits darauf hin¬ 
gewiesen, wie besonders d ; e ländlichen Gemeinden in mancher hygie¬ 
nischer Beziehung hinter den vorwärtsschreitenden Grossstädten zurück¬ 
geblieben sind und wie man dieselben durch Schaffung grofser hygienischer 
Verbände in ihren Assanationsbestrebungen unterstützen kann und mufs. 
Im Weiteren konnten wir beweisen, dafs die Einflüsse der erhöhten 
Temperatur in doppelter Hinsicht gewissen Gesetzmäfsigkeiten unter¬ 
liegen. Erstlich, indem Kinder in den Bezirken mit an und für sich hoher 
Sterblichkeit schon zu allen Zeiten so gefährdet sind, dafs durch das 
Hinzutreten eines weiteren den Tod befördernden Moments, das 
ist die Sommerhitze, die Sterblichkeit relativ nicht so stark beein- 
flufst wird, als in den Gegenden, wo die Mortalität der Säuglinge im 
Durchschnitte geringer ist. Zweitens, indem die verschiedenen Lebens¬ 
monate in verschiedenem Grade durch erhöhte Temperatur beeinflufst 
werden. Je jünger das Kind ist, desto besser verträgt es die Sommer¬ 
hitze, desto weniger wird es durch dieselbe gefährdet. Die relative Ge¬ 
fahr, während des Sommers zu sterben, wächst succesive bis ans Ende 
des ersten und Anfang des zweiten Lebenshalbjahres, um alsdann lang¬ 
sam wieder abzufallen. Wir haben weiter gesehen, dafs der Tod der 
Säuglinge sekundär durch die Schädigungen, die durch eine falsche oder 
verunreinigte Ernährung erfolgen, herbeigeführt wird. Hier bietet sich 
für Hygiene und Kinderheilkunde ein ausgiebiges Feld zu gemeinsamer 
Thätigkeit: Erforschung aller bei der Säuglingsernährung in Betracht 
kommenden Fragen durch zielbewufste Arbeit, Belehrung der weitesten 
Schichten über das, was dem Kinde nutzt und frommt, Beschaffung einer 
in jeder Beziehung für unsere Säuglinge geeigneten Milch durch Ent¬ 
seuchung unseres Viehbestandes, geeignete Fütterung und Wartung der 
Tiere, rücksichtslose Durchführung einer peinlichen Stallhygiene, Schaffung 
geeigneter Transportgelegenheit und strengster Kontrole aller Phasen, 
die die Milch vom Produzenten bis zum Konsumenten zu durchlaufen hat. 

Dies sind in aller Kürze die wichtigsten Punkte, auf die wir zu 
achten haben werden, wenn wir hoffen wollen, auch der Säuglings¬ 
sterblichkeit gegenüber ähnliche Erfolge zu erzielen, wie sie unsere Wissen¬ 
schaft auf anderen Gebieten erreicht hat. Eine grofse Reihe schwer 
durchführbarer Forderungen ist es, die wir hier nur angedeutet haben. 
Wenn wir es aber bewerkstelligen könnten, sei es auch nur einen Teil 
von all den vielen Kindern, die einem frühzeitigen Tode zum Opfer fallen, 
den Ihrigen und der Allgemeinheit zu erhalten, so darf uns kein Weg 
zu mühselig und zu steil sein, der zu diesem Ziele führt. 


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44 


Rezensionen. 

Sport und Schule. Von H. Th. Matth. Meyer, Seminarlehrer in 
Hamburg. Bielefeld, A. Helmich’s Buchhandlung, 1897. Einzel¬ 
preis: 60 Pf. 

Mit Sympathie erweckender Wärme und mit guter Sachkenntnis 
in den einschlagenden Verhältnissen tritt Verf. für die Verbreitung des 
Sports an den Schulen ein. In dem interessanten Abrifs, den er über 
die Geschichte des Sports liefert, weist er mit Stolz auf die vielen Namen 
deutscher Männer hin, die am Ende des vorigen und Anfang unseres 
Jahrhunderts für die Ausbreitung von Turnen und Spielen unter der 
Jugend erfolgreich gekämpft haben. Mit Überlegenheit weist er die Ein¬ 
würfe derjenigen zurück, die das Gute dann nicht anerkennen wollen, 
wenn es aus dem Auslande kommt. Sein kräftiges Eintreten für die 
Grundidee, dafs noch weit mehr als bisher bei unserer Jugend die 
körperliche Erziehung gegenüber der geistigen gewürdigt werden mufs, 
wird jeder Einsichtige mit Freuden begrüfsen. Dafs aber der eigentliche 
Sport, zu dem das Training und der Rekord gehören, in die Schule 
pafst, davon hat uns Verf. um so weniger überzeugen können, als die 
beim Ruder- und Radfahrsport jugendlicher Individuen gemachten Er¬ 
fahrungen recht schlechte waren. Dreyer, Köln. 

Die Beschneidung im Lichte der heutigen medizinischen 
Wissenschaft. Von L. Löwenstein, Trier, Kommissionsverlag 
von H. Stephanus, 1897. Preis l Mark 80 Pf. 

Die rituelle Cirkumzision wird unter den Israeliten aller Länder 
noch heute im weitesten Umfange geübt und, gleichgültig, ob man sie 
vom religiösen und menschlichen Standpunkt billigt oder verwirft, hat 
man ein gutes Recht, vom ärztlichen Gesichtspunkte einfach mit der 
Thatsache, dafs diese Ceremonie von Tausenden geübt wird und einen 
operativen Eingriff am zarten Organismus des Neugeborenen, noch dazu 
von Laienhänden vollführt, darstellt, zu rechnen und sie als Arzt für 
Ärzte zu beleuchten. In dieser Weise ist die Arbeit L.’s, ein Sonder¬ 
abdruck aus dem Archiv für klinische Chirurgie (Band 5 f.), mit Dank 
zu begrüfsen, sie zeugt von eben so grofser Sachkenntnis, als von vielem 
Fleifs und Scharfsinn. Man kam Verf. von jedem Standpunkte aus, auch 
von orthodoxesten, gern in der Forderung, dafs der Beschneider ein 
Examen vor Ärzten abgelegt habe, bevor ihm erlaubt ist, seinem Ge¬ 
schäfte obzuliegen, zustimmen. Dafs dieser Prüfung ein sachverständiger, 
alles umfassender Unterricht vorausgehen mufs, ist wohl selbstverständ¬ 
lich. Dafs der Prüfung eine periodische Kontrole der Thätigkeit des 
Beschneiders und des Fortbestandes seiner Fähigkeiten folgen soll, ist 
vernünftig und durchführbar. Dagegen ist die Führung eines Amtsjournals 
wohl unnötig, es genügt vollkommen, wenn der Beschneider nach dem 
Muster der Hebammenordnungen zu streng aseptischer oder (für den 
Laien doch sicherer zu handhabenden) antiseptischen Vornahme des Ein¬ 
griffs und entsprechender Nachbehandlung verpflichtet ist und im Falle 
der Zuwiderhandlung, ebenso im Falle des Unterlassens des Herbei- 
schaftens von ärztlicher Hilfe bei regelwidrigem Zustand oder Verlauf 
riskirt, seinen gewinnbringenden Beruf durch Polizeimandat zu ver¬ 
lieren. 


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45 


* Bedauerlich ist, dafs man freilich über die Möglichkeit, dafs sich 
der Staat dieser Kulturaufgabe annehme, pessimistisch zu denken Ur¬ 
sache hat. R. Land an, Nürnberg. 

Die infantile Cerebrallähmung. Von S. Freud. (IX. Band II. 
Teil, II Abteilung der speziellen Pathologie und Therapie von Noth¬ 
nagel.) Wien, Alfred Hölder’s Verlag, 1897. Preis 8 Mark. 

Das vorliegende ausführliche Buch war eine literarische Notwendig¬ 
keit. Bisher mufste man beim Studium der infantilen Cerebiallähmung, 
einem so sehr dehnbaren Begriffe, aus den verschiedensten Jahrbüchern 
und Separatabhandlungen sich das Nötige zusammen suchen. Ein über¬ 
sichtliches Sammelwerk, welches den ganzen Stoff monographisch be¬ 
handelt und in dem Wirrsal zugleich als Leitstern Licht verschaffte, 
fehlte neuerdings. Die sehr schwierige Aufgabe, welche er sich gestellt, 
hat F. glücklich gelöst, so weit das zur Zeit möglich ist. F. fafst den Be¬ 
griff infantile Cerebrallähmung weit. Nicht nur die Fälle mit wirklicher 
Lähmung in Folge von Gehirnerkrankung, sondern auch Krankheitszu¬ 
stände, in welchen die Lähmung zurücktritt gegen oder ersetzt wird 
durch Muskelparese und spontane Muskelunruhe rechnet er dahin und 
solche, die ohne Lähmung verlaufen, bei denen nur periodische Krampf¬ 
anfälle (Epilepsie) auftreten. Das gesamte Material teilt F. in Fälle 
von hemiplegischer und diplegischer infantiler Cerebrallähmung. Nach 
eingehender Behandlung der klinischen Krankheitsbilder und der patho¬ 
logischen Anatomie des Leidens bespricht der Verf. die Einheitsbe¬ 
strebungen in diesem Krankheitsgebiete, zu welchen er im Lauf 
seiner Arbeit gekommen ist und unter diesen namentlich die Sonder¬ 
stellung der Little sehen Krankheit, die er nicht als solche gelten lassen 
will, sondern zu den Fällen von infantiler Cerebrallähmung hinzurechnet, 
wenn er auch den Namen beibehalten will. Die übrigen Fälle sucht 
F. unter zwei Hauptgruppen zu bringen: A. pathologisch-anatomische 
Einheiten mit den Krankheitsbildern der atrophischen Sklerose, Poren- 
cephalie, hypertrophischen Sklerose, Meningoencephalitis, Encephalitis 
und Agenesia corticalis; B. aetiologische Einheiten mit Einteilung a) in 
kongenitale Geburtslähmungen und erworbene Fälle, b) infektiöse und c) 
luetische Aetiologie. Anhangsweise werden dann in zwei besonderen 
sehr ausführlichen Kapiteln noch die familiären und hereditären Formen 
der cerebralen Lähmungen besprochen, sowie das Verhältnis der infantilen 
Cerebrallähmung zur Epilepsie und Idiotie. Ein ausführliches Literatur¬ 
verzeichnis schliefst das Werk. R. Wichmann, Ilmenau. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Falk will einen Fall spinaler Kinderlähmung bei einem 15 Tage 
alten Säugling beobachtet haben, die beiderseits Arme und Unterschenkel 
betraf, ohne Fieber verlief und spontan innerhalb 4 Wochen völlig ab¬ 
heilte. — (Es handelt sich zweifelsohne — aufser And. nachweisbare 
Epiphysen-Schwellung! — um eine osteochondritische (luetische) 
Pseudoparalyse. Ref.) (Münch, med. Wochenschr. 1897.) 

Spiegelberg. 


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46 


— Nach durch Steiger während eines Zeitraumes von 3 Jahren 
an 12000 Augen 6—7jähriger Kinder angestellten Prüfungen zeigen 
13,1% herabgesetzte Sehschärfe, für die in der Hälfte der Fälle 
der Astigmatismus verantwortlich zu machen ist. (Correspondenzbl. 
f. schweizer Ärzte.) Spiegelberg. 

— Beitrag zur Kenntnifs der Diphtherie. Von Hennig. 
Verf. betont unter Vergleich zweier aus der Vorheilserumzeit 
herausgegriffenen Epidemien — 1890/91 in einem Dorfe bei Tübingen 
und 1893/94 in T. selbst, — bei deren ersterer unter weitaus 
günstigeren Lebensbedingungen in 41,4 Prozent der Familien mehrere 
Emrankungen vorkamen, gegen 11 Prozent bei der letzteren mit 
schlechten Aufsenbedingungen und scgar höherer Mortalität —, wie 
vorsichtig man bei der Beurteilung von Schutzimpfungsversuchen 
durch Diphtherieantitoxin sein muss. Die Immunisirungsfrage 
ist namentlich bei der kurzen Dauer des angeblichen Impfschutzes für 
Wohnhäuser mit einem »non liquet« zu beantworten. (Münch, med. 
Wochenschr. 1897.) Spiegelberg. 

— In einem »Vorschlag« bespricht und empfiehlt Gluck die 
offene Behandlung der Laparotomiewunden bei Kindern 
mit tuberkulöser Peritonitis, Perityphlitis, Invagination etc. unter 
permanenter antiseptischer Irrigation. 

Spiegelberg. 

Bouilly macht, gestützt auf eine gröfsere Zahl von Laparotomie¬ 
befunden, darauf aufmerksam, dass ein von Andern als idiopathisch 
bezeichnet er, langsam unter Anämie entstehender, durch die kegelige 
Form des Abdomens differential - diagnostisch interessanter Ascites 
bei jungen Mädchen in der Pubertätsentwickelung in überwiegender 
Häufigkeit eine von tuberkulöser Salpingitis ausgehende Peritonitis chron. 
tuberc. sei, ohne dafs unzweideutige Momente für die Diagnose vor¬ 
liegen. — (Propr. med. 1897.) 

Spiegelberg. 

— Comby berichtet in der Pariser Soci6tö m6Jicale dafs er 
in einigen Monaten 6 Fälle von Wanderniere bei Mädchen 
im Alter von 1 Monat bis zu 14 Jahren gefunden habe. Die 
Mehrzahl der Kinder litt seit langer Zeit an Verdauungsstörungen 
infolge von Magenerweiterung, Gallenstauung und Ptosis der Unterleibs¬ 
organe, zwei von ihnen schnüren sich, mit Corset resp. Gürtel. Bei zwei 
hereditär-syphilitischen Mädchen, von denen das eine 33 Tage, das 
andere 3 Monate alt war, ergab die Sektion Beweglichkeit beider Nieren, 
hier liegt also offenbar ein congenitaler Zustand vor. In der Diskussion 
bemerkt Mattieu, dafs die Wanderniere am häufigsten zwischen dem 
25. und 30. Jahre vorkommt. Als häufigste Ursache beschuldigt er die 
Compression der Nieren durch das Corset. 

Guinon hat 2 Fälle von Wanderniere bei Kindern im Alter von 
4—5 Jahren beobachtet. (Ann. med. 97.) 

Schmey. 

— Fournier hatte Gelegenheit, mehrere an acuter Gastro¬ 
enteritis leidende Säuglinge mit Somatose bei Ausschlufs jeder 
anderen Ernährung zu behandeln und konnte die ausgezeichnete Wirkung 
dieser Methode konstatieren. Er beginnt mit minimalen Dosen, 1 dgr. 
einfach aufgelöst in etwas kochendem Wasser unter Zusatz von etwas 


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47 


Zucker. Wird dies gut vertragen, wird die Gabe auf 3 g täglich erhöht. 
Die Durchfälle werden gleichzeitig mit Tannigen behandelt. (Aerztl. 
Rundschau 1897). Schn eil-Egeln. 

— A case of strangulated hernia in an infant 5 months old. 
Von Arch. Huft. Im vorliegenden Falle handelt es sich um eine an¬ 
geborene Inguinalhemie, welche unter dem Einflüsse starken Hustens plötzlich 
gröfser, und durch die Mutter nicht mehr reparierbar wurde. Ver¬ 
stopfung und andauerndes Erbrechen nicht fäculenter Massen stellten sich 
ein. Taxis wurde vergebens versucht, selbst in der Narkose und bei 
Hochlagerung der Beine. Dann wurde die Operation vorgenommen. 
Es zeigte sich eine sehr enge Einklemmung am Bruchsackhalse und 
eine starke Verfärbung mehrerer Dünndarmschlingen. Die Reposition 
des Darmes gelang. Die Radikaloperation wurde angeschlossen und 
führte zur vollen und glatten Heilung. Während der Operation soll vor 
allem den Kindern der gröfstmöglichste Schutz vor Abkühlung gewährt 
werden, indem nur das Operationsfeld selbst unbedeckt und unbekleidet 
bleibt, alle anderen Teile der Umgebung, so weit angängig, in warmer 
Umhüllung gehalten werden. (Brit. med. Journ. 97). 

v. Boltenstern-Bremen. 

— Im Vereine deutscher Aerzte in Prag demonstrierte Dr. Nachod 
am 29. Oktober d. J. ein 15 jähriges Mädchen, welches im Juli mit voll¬ 
ständigem Defekt der Uvula und Infiltration an beiden Gaumenbögen 
mit kleinen Knötchen in der Nachbarschaft auf die Klinik kam. Mit 
Rücksicht auf die Tendenz dieser Affektion zur Ausheilung mit Narben¬ 
bildung und Fortschreiten der Krankheit mit Knötchenbildung an der 
Peripherie, wurde die Diagnose Lupus gestellt. Sonst zeigte Patientin 
deutliche Zeichen der Skrophulose. 

Die Behandlung bestand in Pinselung mit 30°/ 0 Milchsäure, der 
Erfolg ist ein sehr guter, da die Krankheit im Verlaufe von sechs 
Wochen abheilte. 

Ferner berichtete in derselben Sitzung N. über einen Fall 
von Decubitus des Pharynx im Anschlüsse an In¬ 
tubation wegen Diphtheritis mit darauffolgender Narben¬ 
stenose. Das Kind wurde dreimal tracheotomirt und die Stenose 
wird durch systematisches Bougieren erweitert. 

Ferner berichtete N. über die Anwendung der WidaTschen 
Serumdiagnose bei an Typhus erkrankten Kindern und 
erörtete den Wert dieser Methode zur Sicherstellung der Diagnose. 
Er hebt dabei hervor, dafs es ihm gelungen ist, in vielen Fällen 
Typhus auszuschliefsen, bei welchen ohne diese Methode der Ver¬ 
dacht auf Typhus bestanden hätte. (Nach Therapeutische Wochen¬ 
schrift 1897). Dr. Goldbaum-Wien. 

Rezeptformeln für die Eiinderpraxis. 


Rp. 


Rp. 

Ferr. jodat saccharat 

1,0 

Ichthyol. 5,0 

Pulv. rad. Rhei 

0,4 

Aeth. sulf. 

Sacch. alb. 

2,0 

Glycerin, aa. 20,0 

Div. in part. aequal. 

No. X. 

MDS. äufserlich. 

DS. tgl. 3 P. z. m. 


Ery sipelas. 

Scrophulose. 




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'48 


Rp. 


Natr. salicyl. 

5,0 

Aq. destillat. 

20,0 

Elixir. Aurant. compos. 

4,0 


MDS. den Tag über zu verab¬ 
reichen, nach einigen Tagen 
etwas weniger, später wieder 
steigen. 

Diabetesmell i t us (10 jähr.Kind). 


Rp. 

Chloral. hydrat. 

Kal. bromat. aa 1,0 

Extr. Ergot. liquid. 2,5 

Glycerin. 10,0 

Aq. destillat. ad 30,0 

MDS. 2—3 stdl. 1 Theel. 
Tetanus neonatorum. 


Rp. 

Hydragyr. tannic. oxydulat 

0,01—0,03 

Op. pur. 0,001 

Sacch. alb. 0,5 

Mf. pulv. DS. tgl. 2—3 P. 
Heredosyphilis. 


Rp. 

Naphthalin. 5, 

Ol. Olivar. 200,0 
DS. zu Klysmen 

Dysenterie. 


A n m. Die vorstehenden Rezepte sind dem „Lehrb. d. Kinderkrankheiten“ von 
Prof. Gerhardt, neu bearbeitet von Privatdozent Dr. Seifert (Tübingen, M. Laupp, 1897) 
entnommen. 


Kleine Mitteilungen. 

— Unter der Redaktion des Privat-Docenten Dr. W. Schlesinger in 
Wien erscheint im Verlage von G. Fischer demnächst eine neue Zeit¬ 
schrift, nämlich das Centralbatt für die Grenzgebiete der 
Medizin und Chirurgie. Das Blatt wird ausschliefslcich referieren¬ 
der Natur sein und dabei die innere Medizin gleichsam den Mittel¬ 
punkt bilden, um welchen herum sich die Nachbarfächer gruppieren. 
Es wird demzufolge die ganzen Grenzgebiete der inneren Medizin gegen¬ 
über der Chirurgie, Gynäkologie, Dermatologie, Urologie, Pädiatrie, 
Ophthalmologie und Otiatrie pflegen. Zahlreiche bedeutende Mediziner 
haben dem wichtigen Unternehmen ihre Mitarbeit zugesagt. Die Zeit¬ 
schrift erscheint monatlich im Umfange von 3—4 Druckbogen. Der 
jährliche Abonnementspreis beträgt 16 Mk. 

— Die Eisensomatose — Somatose, die etwa 20 gr. Eisen 
in organischer Bindung enthält — ist nach Versuchen von Roos u. A. 
ein vortreffliches Nährpräparat, insbesondere für schwächliche und 
chlorotische Mädchen, das in Dosen von 5—10 gr. pro die, in be¬ 
liebiger Flüssigkeit der täglichen Nahrung aufgelöst, vorzüglich ver¬ 
tragen wird und die vielfach anerkannte kräftigende Wirkung der 
Somatose und die eines guten Eisenpräparates in zweckmäfsiger Weise 
in sich vereinigt. 


Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Kinder-Arzt 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

htrauigegeben 

von 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 

Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf M einz. Hefte 1 Mark. *— Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 

Heft 99. Leipzig, 4. März 1898. IX. Jahrg. Heft 3. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Klautsch, Ueber die Verwendbarkeit der Eutrophia- 
Tabletten im Kindesalter. (49). — Referate: Folger, Masern. (56) — Blaschko, 
Rötheln. (65). — Fürst, Influenza. (56). — Peiper, Thierische Parasiten. (57). — 
Akute Laryngitis. (58). — Riether, Darmverschluss. (59). — Steiner, Anorexie. (60) 

— Feodoroff, Chorea. (61). — Unikoff, Diazoreaktion. (61). — Knöpfelmacher, 
Fett im Säuglingsalter. (62). — Helferich, Oculare Antisepsis. (62). — Stadel¬ 
mann, Lumbalpunction. (63). — Sebilleau, Ectopie des Hodens. — Wirz, Thiol. (64) 

— Einhorn und Heinz, Orthoform. (65). [— Gesundheitspflege: Kremsics, 
Zur Frage der Ueberbürdung unserer Schuljugend. (67). — Rezensionen: Lange, 
Physiologie, Pathologie und Pflege der Neugeborenen. ( 68 ). — Gerhardt-Seifert, 
Lehrbuch der Kinderkrankheiten. 1. Bd. 5 . Aufl. (69). — Michaelis, Belladonna 
als Heilpflanze. (69). — Schumann und Gilg, Das Pflanzenreich. (69). — Kurze 
Notizen aus der Praxis und Wissenschaft (70). — Reze ptformeln für 
die Kinderpraxis (72). — Kleine Mitteilungen. (72). 


(Aus dem St. Elisabeth-Haus zu Halle a. S.) 

Ueber die Verwendbarkeit der Eutrophia-Tabletten im Kindesalter. 

Von. Dr med. A. Klautsch, Arzt der Anstalt. 

Ueber die Notwendigkeit neben den eigentlichen Heilmitteln für 
die Behandlung kranker oder geschwächter Organismen, Präparate, 
welche die Ernährung des geschwächten Körpers zu heben und damit 
die allgemeine Vitalkraft in gewissem Sinne zu regenerieren im Stande 
sind, sogenannte Nährpräparate anzuwenden, herrscht heute kein 
Zweifel mehr. 

Die Ernährungsphysiologie hat unter anderen Errungenschaften 
in den letzten Jahren, hauptsächlich durch eingehende Versuche von 
Voit und Lehmann, eine totale Umwälzung in der Ansicht von dem 
Werte der sogenannten Genufsmittel hervorgebracht. Während früher 
die Genufsmittel von dem Emährungstheoretiker mehr oder weniger über 
die Achsel angesehen wurden, und nur die eigentlichen vier Nährstoff- 
Kategorien, Eiweifs, Fett, Kohlehydrate und Salze, für die Zwecke 

D«r KMsr-Arat. Heft 8. 1898. 


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50 


der Ernährung in Betracht zu kommen schienen, als diejenigen 
Nährstoffe, denen der menschliche Organismus allein seine Kräftezufahr 
verdanke, ist dies nunmehr ganz anders geworden, seitdem man erkannt 
hat, dafs mit der Aufnahme, der Resorption von guten, von konzen¬ 
trierten, von gehaltreichen Nährstoffen in den Körper noch gar nichts 
gethan ist; dafs vielmehr der Wert der genossenen Nahrung nur besteht 
in, und erst beginnt mit der Ausnutzung, der Assimilation durch 
die betreffenden Organe. 

Diese Ausnutzung selbst aber hängt zwar einerseits von der 
Natur der aufgenommenen Nahrung, andererseits — und dies haupt¬ 
sächlich — von dem Vorhandensein und Funktionieren der ausnutzenden, 


also verdauenden Körpersekrete, das heifst namentlich Speichel, Magen- 
und Pankreasaft ab. Diese Verdauungssäfte werden nun aber erst auf 
eine entsprechende Anregung hin secerniert, eine Anregung, welche die 
Nährstoffe in chemisch i einer Form zu geben absolut ungeeignet sind, 
eine Anregung, die aber wohl durch die Art der Zubereiung der ge¬ 
nossenen Speisen oder durch in ihnen enthaltene oder ihnen beige¬ 
mischte spezielle Genufsmittel gegeben wird. 

In die Kategorie solch er Nährmit tel welche durch nebenher vor¬ 
handene Stoffe auf die^V^^^i^SSäfite stimulierend wirken, ist 
ein grofser Teil dej/^efnaiidQiQr^^iig^ngepriesenen diätetischen 
Präparate zu setzen. /Q) -jr\ 

Eine zweite Kat*gorie^(|^^pn^A|etetCfelsondere, für den Ausbau 
oder die Umbildung Väs Körpers oder eiiys seiner Teile wichtige 
Nährsalze, zumeist Eis^^röparälfc > ttfni' danir/uch Phosphate dar. 

Eine diitte KategorK^^ip^^-^V^pd^aiese steht den eigentlichen 
Heilmitteln schon am nächsten^=*^soll in den Fällen eingreifen, in 
welchen von einer anregenden Wirkung auf die Sekretionsorgane der 
Verdauungssäfte um deswegen nichts zu erhoffen ist, weil durch irgend 
welche krankhafte Störungen eine Sekretion dieser für das Bestehen 
und Weiterfunktionieren des Organismus so überaus wichtigen Säfte 
eben nicht mehr oder doch nur in unzureichender Menge erfolgt. In 
diesen Fällen verabreicht man die mangelnden Sekrete, zumeist das 
Ferment des Magensaftes, selbst als Ersatz. Hierher gehör^ die grofse 
Menge der pepsinhaltigen Gemische und Solutionen. 


Ein Nährpräparat, welches nun nicht nur allen drei soeben ge¬ 
schilderten Kategorien angehört, sondern gleichzeitig zum mindesten 
dasselbe wie die besten irgendwo bestehenden diätetischen Präparate 
einer der drei Kategorien zu leisten befähigt ist, ist das von A. Schlöftel 
in Leipzig hergestellte und unter dem Namen »Eutrophia-Tabletten« 
in den Handel gebrachte Präparat. Diese Tabletten bestehen aus zwei 


verschiedenartigen Kompositionen, deren erste mit feinem Kakao ge¬ 
mischt, abgesehen von einem besonders eireisreichen, verdaulich ge¬ 
machten konzentrierten Nährstoffe in erster Linie einen erheblichen 


Prozentsatz an Kola enthält, welches letztere ja als ganz besonders 
wertvolles Nährmittel und Tonikum bekannt und geschätzt ist. So 
schreibt Ewald in seiner Arzneimittellehre unter anderem: »Kola, vor¬ 
zügliches Herztonikum, daneben Diuretikum, und wegen seines Tannin¬ 
gehaltes auch bei chronischer Diarrhoe, Magen- und Darmentzündungen 
empfohlen; die richtigste Anwendung der Kolanufs ist jedenfalls die¬ 
jenige als nährendes und stimulierendes Mittel.« Aufserdem ist dieser 


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Komposition noch ein besonderes, leicht verdauliches bezw. resorbier¬ 
bares Phosphat, sowie als Eisenpräparat das fiir die Assimilation 
anerkanntermafsen hervorragend geeignete Ferrum albuminatum 
in entsprechender Menge beigemischt. Alles dies ist in die Form einer 
jeden Geschmack zusagenden Chokolade gebracht, der eine nicht uner¬ 
hebliche Menge Kakaobutter zugesetzt ist, um hierdurch einen auch 
für den geschwächten Organismus besonders leicht ausnutzbaren Fett¬ 
körper darzubieten. Diese hohe Verdaulichkeit des Kakaofettes ist 
durch eingehende Versuche bezw. Selbstversuche von Weigmann und 
Zuntz (Therapeutische Monatshefte 1896, Oktober) erwiesen worden 
und schreibt unter Bezugnahme hierauf König (Chemie der menschlichen 
Nahrungs- und Genufsmittel). »Man kann daher z. B. Patienten in Form 
einer wohlschmeckenden Chokolade eine ziemlich bedeutende Menge 
eines leicht verdaulichen Fettes zuführen.« 

Aufserdem enthält das Präparat noch in einer No. 2 zu verabreichenden 
Tablette Pepsin und dann Weinsäure, um dasselbe wirksam zu machen, und 
schliefslich Papayotin, alles in Mengenverhältnissen, welche sich bei den ein¬ 
zelnen Tablettabschnitten in den Grenzen der üblichen Einzelgaben halten. 

Schon seit längerer Zeit ist man darüber einig, dafs bei 
schweren Störungen oder gänzlichem Darniederliegen des Verdauungs¬ 
apparates nicht blos das Fehlen von Säure und Pepsin im Magensaft, 
sondern vielleicht ebenso häufig ein Nichtfunktionieren der Pankreas¬ 
verdauung eine Rolle spielt, d. h. ein Fehlen bezw. eine ungenügende 
Sekretion des Pankreatins statthat. 

Dem entsprechend ist denn schon seit'einiger Zeit neben der 
Darreichung von Pepsin diejenige von tierischem Pankreatin mehr und 
mehr üblich geworden, und Kinkead und Long empfehlen Pepsin und 
Pankreatin zusammen genommen als besonders vorzüglich wirkendes 
Digestionsmittel. Aber leider hat sich gezeigt, dafs die erhoffte Wirkung 
des verabreichten Pankreatins zumeist ganz oder wenigstens zum gröfsten 
Teil ausblieb und zwar deswegen, weil das Pankreatin schon durch sehr 
geringe Mengen von Säure zersetzt bezw. seiner fermentativen, eiweifs- 
verdauenden Wirkung beraubt wird und dieser seiner Empfindlichkeit 
daher fast immer schon im Magen zum Opter fällt, ohne Zeit und Ge¬ 
legenheit zu haben, sich günstig äufsern zu können, insbesondere wenn 
gleichzeitig Pepsin verabreicht wird, welches letztere ja nur in saurer 
Lösung wirken kann. 

Diesem recht fühlbar gewordenen Uebelstande hilft das als 
Papayotin bezeichnete Enzym aus dem Safte der grünen Früchte 
des Melonenbaumes, Carica papaya, ab, welches gegen Säure fast un¬ 
empfindlich ist und daher nicht nur im Magen ungestört seine energisch 
milchkoagulirende und die eiweisverdauende Kraft (1. Teil Papayotin 
(Merck) verdaut 200 Teile Eiweifs) beweisen, sondern auch ohne Ge¬ 
fahr einer vorzeitigen Zersetzung zusammen mit Pepsin und der für 
letzteres nötigen, zumeist gleichzeitig gegebenen Säure verabreicht 
werden kann ohne seine volle Wirksamkeit zu verlieren, (cfr. pharma¬ 
zeutische Zeitung 1894, No. 37.) In den Eutrophia-Tabletten ist nur 
das Papayotin in pulverförmiger Form enthalten, da Ewald bei schwachen 
Papayotin-Lösungen die Wirkung mangelhaft findet, und defshalb die 
Anwendung des Pepsins vorzuziehen bleibt. 


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52 


Die Eigenartigkeit dieser »Eutrophia-Tabletten« ist nun darin be¬ 
gründet, dafs durch dieselben eine Verabreichung von anregenden 
Stoffen, von konzentrierten Nährmitteln und von Verdauungsfermenten 
erreicht wird bei absoluter Sicherheit, dafs eine vorzeitige Um¬ 
setzung der den Nährmitteln zugehörigen Eiweifsstoffe mit den Fer¬ 
menten unbedingt ausgeschlossen ist durch Verabreichung von 
2 Portionen, so dafs sowohl die Nährstoffe wie auch die Fermente 
erst im Körper ihre Wirksamkeit entfalten können, während bei Ver¬ 
abreichung in einer Masse eine vorzeitige Zersetzung besonders bei 
längerem Lagern sich kaum vermeiden liefse. 

Was nun die verdauende Kraft dieser Eutrophia-Tabletten anbe¬ 
langt, so geht aus einem mir vorliegenden Gutachten des Nahrungs¬ 
mittelchemikers Dr. A. Röhrig in Leipzig hervor, dafs durch die in den 
Tabletten enthaltenen Fermente in alkalischer Lösung (DarmVerdauung) 
circa die 4 fachen, in saurer Lösung (Magenverdauung) circa die 
7 fachen Mengen der Tabletten an weichem Eiweifs veidaut werden. 

Vor einiger Zeit stellte mir nun die Fabrik ein gröfseres Versuchs- 
Quantum dieser Eutrophia-Tabletten zur Verfügung, welche ich, um 
ihre Verwendbarkeit im Kindesalter zu erproben, fünf Kindern, welche 
ich aus dem Bestände eer Anstalt eigens dazu auswählte, während eines 
Zeitraumes von 5 Wochen (vom .'*0. Oktober bis 4. Dezember 1827) 
verfütterte Ich bemerke, dafs diese 5 Kinder sich schon längere Zeit 
vor Beginn der Versuche in der Anstalt befanden, und dafs 2 von ihnen 
an Rhachitis und Anämie, 2 an Broncho- und Intestinalkatarrh und 1 an 
hochgradiger Anämie litt, Gesundheitsstörungen, bei denen eine An¬ 
regung auf den Verdauungstraktus und eine Erhöhung der assimilierten 
Nährstoffmengen anzustreben unsere Aufgabe ist. Während der Ver¬ 
suchszeit verblieben dieselben in denselben Lebensverhältnissen und 
erhielten die gewohnte Nahrung wie früher, ohne dafs neben den 
Tabletten noch eine andere innere Medikation vorgenommen wurde. 

Ich lasse vorerst die näheren Angaben über die betreffenden 
Kinder folgen: 

1) Rudolph Str. aus Naumburg, geboren am Mai 1894, befindet 
sich seit 5. Mai lb95, seinem ersten Lebensjahre ab, also ca. 2 x / 2 Jahre 
in der Anstalt. Derselbe leidet an hochgradiger Rhachitis und ist in 
seiner ganzen Entwicklung noch sehr zurückgeblieben; der Appetit war 
stets ein schlechter. Das Körpergewicht betrug: 

am 30. Oktober . 

„ 6. November 


„ 4. Dezember 

In den 5 Wochen der Ernährung mit Eutrophia-Tabletten erfuhr 
das Körpergewicht eine Steigerung um 575 gr; der Appetit war in der 
ganzen Zeit ein ganz ausgezeichneter und die Verdauung war voll¬ 
kommen in Ordnung, das Allgemeinbefinden des Kindes hatte sich nicht 
unwesentlich gebessert. 

2 ) Martha P.-M. aus Oebisfelde, geboren am 27. Oktober 1895, 


8650 

8700 

8950 

9100 

9150 

9225 


g r 


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53 


befindet sich seit dem 10. Januai 1897 in der Anstalt und ist in Folge 
öfter auftretender Durchfalle und Erbrechen nur ein sehr schwach ge¬ 
nährtes Kind. Die in der Versuchszeit gewonnenen Gewichte waren: 


30. Oktober. 

.... 9050 

g f 

6 . November .... 

.... 9150 

J» 

13. „ .... 

.... 9300 

» 

20 . „ .... 

.... 9350 

»J 

27. „ .... 

.... 9475 

» 

4. Dezember .... 

.... 9550 



Das Körpergewicht erfuhr in diesem Falle während der 5-wöchent- 
lichen Versuchszeit eine Zunahme von 500 gr; der vorher diarrhoische 
Stuhl nahm allmählich eine dickbreiige Konsistenz an und erfolgte täg¬ 
lich nur 1—2 Mal, und das Kind gewann ein verhältnifsmäfsig 
kräftiges Aussehen. 

3) Otto L. aus Polleben, geboren am 14. November 1895, wurde 
im Alter von Monat am 1. Februar 1896 aufgenommen und befindet 
sich ca. l«/ 4 Jahr in der Anstalt. Dasselbe ist ein mäfsig kräftig ge¬ 
nährtes Kind, dessen Schleimhäute die Zeichen hochgradiger Anämie 
darbieten. Die wöchentlich vorgenommene Körperwägung lieferte 
folgendes Ergebnis: 


am 

30. Oktober. 

.... 7700 

g r 

j' 

b. November .... 

.... 7850 

»J 

>» 

13. .. 

.... 7900 

»* 

»> 

20 . „ .... 

.... 8100 


» 

27. ,, .... 

.... 8150 


M 

4. Dezember .... 

.... 8300 



Der Knabe nahm in den 5 Wochen an Körpergewicht um 600 gr 
zu. Das Aussehen desselben hatte sich merklich gebessert: er bekam 
»etwas Farbe«. Appetit und Stuhlgang liefsen nichts zu wünschen übrig. 

4) Otto Schn, aus Halle a. S., geboren am 21. Februar 1896, 
befindet sich seit dem 4. Juli 1897 in der Anstalt. Derselbe litt an 
Broncho-Katarrh und erbrach öfters. Von Zeit zu Zeit traten bei ihm 
Diarrhöen auf ohne nachweisbare Ursache, sein Appetit war sehr un- 
gleichmäfsig entwickelt. Sein Körpergewicht betrug: 


am 30. Oktober 


6 . November 


13. 


>» 


20 . 


>» 


27. 

4. 


*» 

1 » 


8550 gr 
8700 „ 
8850 „ 
8900 „ 
8950 „ 
9000 „ 


Das Gesamtergebnis war auch in diesem Falle ein recht zufrieden 
stellendes, da die dyspeptischen Erscheinungen mit dem Gebrauch der 
Tabletten nachliessen; der Darmkatarrh besserte sich mehr und mehr 
die Stuhlgänge erfolgten seltener und wurden konsistenter, wenn auch 
das Körpergewicht in den ganzen 5 Wochen nur eine Zunahme um 
450 gr erfuhr. 

5) Frieda Kr. aus Halle a. S., geboren am 30. März 1896, befindet 
sich seit 29. Juli 1897 in der Anstalt und litt öfters an Bronehokatarrh 


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84 

mit Erbrechen und Durchfall. Sie ist ein schwächliches, stark 
anämisches, mäfsig genährtes Kind. Dieselbe wog: 


am 

30. Oktober. 

.... 8000 

g r 

»t 

6 . November .... 

.... 8050 


» 

13. „ .... 

.... 8250 

11 

» 

20 . „ .... 

.... 8300 

11 

»1 

27. „ .... 

.... 8400 

1 » 

11 

4. Dezember .... 

.... 8550 

>1 


Auch in diesem Falle hatte die Fütterung mit Eutrophia-Tabletten 
wie in den vorhergehenden nur einen wohithätigen Einflufs auf das 
Aussehen und das Allgemeinbefinden des Kindes ausgeübt und eine 
Vermehrung des Körpergewichtes um 550 gr bewirkt. 

Soviel über die Wägungsresultate: Wenn ich nun aus diesen 
meinen Beobachtungen, welche sich allerdings auf kein allzugrofses 
Material erstrecken, dafür aber den Vorzug besitzen, durchweg an 
Anstaltskindem, welche einer genauen Kontrolle unterliegen, angestellt 
worden zu sein, über die Zweckmäfsigkeit der Eutrophia-Tabletten zu 
einem diätetischen Präparate in der Kinderpraxis, mir ein allgemeines 
Urteil erlauben darf, so lantet dasselbe folgendermaafsen. Durch Verab¬ 
reichen der Eutrophia-Tabletten am zweckmäfsigsten nach der Mahlzeit, 
der denselben beigegebenen Gebrauchsanweisung entsprechend, erfährt 
das Körpergewicht ein regelmäfsig kontinuierliches 
Ansteigen, eine Thatsache, die ich in meinen Fällen in der 
Versuchszeit bei sämtlichen Kindern zu konstatieren in 
der Lage war. Unterschiedslos wurden die Tabletten die ganze Zeit 
über gleich gern genommen, ohne dafs sich nach dem Einnehmen der¬ 
selben irgendwie geartete subjektive Beschwerden, wie Uebelkeit, Er¬ 
brechen, noch sonstige unangenehme Störungen der Magen- oder Darm¬ 
verdauung eingestellt hätten. Im Gegenteil war gerade in den Fällen, 
in denen dyspeptische Störungen oder Darmkatarrhe bestanden, die 
Fütterung der Tabletten von der wohlthätigsten Wirkung. Sie wirkten 
auf eine mäfsige Diarrhoe verstopfend ein, ohne jedoch einen normalen 
Stuhlgang nennenswert zu obstipieren. Der Appetit erfuhr eine ent¬ 
schieden günstige Beeinflussung und dementsprechend hob sich das 
Allgemeinbefinden, und das Aussehen der Kinder besserte sich. Die 
Eutrophia-Tabletten besitzen also alle Eigenschaften, welche man von 
einem die Verdauung zu hebenden und infolgedessen das Körpergewicht 
zu erhöhen befähigt sein wollenden Nährpräparate zu fordern berechtigt 
ist. Sie bilden somit eine ganz wertvolle Bereicherung der Zahl unserer 
diätetischen Präparate. Gelegenheit zu ihrer Anwendung im Kindesalter 
wird häufig genug gegeben, einmal bei Schwächezuständen nach lang¬ 
andauernden Krankheiten, ferner bei Atrophie, Rhachitis und Anämie, 
Skrophulose, bei Störungen der Verdauung, also kurz, überall da, wo 
es darauf ankommt, die Ernährung des geschwächten Körpers zu heben 
und damit die allgemeine Vitalkraft in gewissem Sinne zu 1 egenerieren. 


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5 & 


Referate. 

Ueber Sepsis bei Masern. Von Folger. Aus der k.-k. Universitäts- 
Kinderklinik des Prof. v. Widerhofer in Wien. (Jahrb. f. Kinder- 
heilk. Bd. XLVI Heft 1 u. 2, 1*97.) 

Im Gegensatz zum Scharlach sind Todesfälle bei Masern, so lange 
sich denselben nicht eine der bekannten Complikationen hinzugesellt 
hat, aufserordentlich selten. Solche Fälle werden von Demme, Tobritz, 
v. Jürgenseft u. a. auf die deletäre Wirkung des Maserngiftes zurückge- 
fiihrt. Da wir jetzt durch die Untersuchungen von Löffler, A. Fränkel, 
Freudenberg, Raskin u. A. wissen, dafs in den meisten der rapid 
zum Tode führenden Scharlacherkrankungen eine Misckinfektion mit 
Streptokokken den bösartigen Verlauf bedingt, so lag es nahe, bei den 
rapid verlaufenden Masernfällen ähnliche Verhältnisse anzunehmen. 

Bei zwei auf der Kinderklinik vorkommenden Fällen wurde, obgleich 
weder klinisch noch patologisch - anatomisch eine complicierende Sepsis 
angenommen werden konnte, dieselbe doch durch die bacteriologisch- 
mikroskopische Untersuchung mit Sicherheit festgestellt. In dem ersten 
Falle handelte es sich um einen elf Monate alten Knaben, bei dem 
weder das Exauthem noch die Untersuchung der inneren Organe irgend 
einen Anhaltspunkt für die schwere Complikation bot. Die Symptome 
waren so gering, dafs man von dem am 4. Tage auftretenden Tode ganz 
überrascht wurde. Beim zweiten Falle, einem 2 x / 2 jährigen Knaben, er¬ 
folgte der Tod erst am fünften Tage nach dem Ausbruche des Exanthems. 
Auch hier fehlten die der Sepsis zugehörigen Symptome; der Verlauf 
war anfangs derjenige, wie ihn die schwersten Formen der uncompli- 
cierten Masern darzubieten pflegen. Während dieselben aber schliefslich 
doch meistens mit Genesung enden, trat hier unter zunehmendem Collaps 
und Sinken der Herzkraft der Exitus ein, ohne dafs sich eine der ge¬ 
wöhnlichsten Complikationen nachweisen liefs. 

In beiden Fällen wurde wenige Stunden nach dem Tode sowohl 
aus dem Herzen als auch aus einer Vena mediana je eine Bouilloncultur 
angelegt, in welcher sich 24 Stunden später Reinculturen von Strepto¬ 
coccen vorfanden. Als Eintrittspforte für die Mikroben konnten die 
Tonsillen nachgewiesen werden, obwohl in dem ersten Falle wenigstens 
weder während des Lebens noch bei der Section irgend welche patho¬ 
logischen Veränderungen wahrzunehmen waren. 

Schnell, Egeln. 

Ueber Röteln und deren Behandlung. Von B 1 a s c h k o. (Th. M. 
Dec. -97). 

Die Diagnose auf Röteln ist zu stellen, wenn Kinder zur Zeit einer 
Masemepidemie leicht fiebern und einen rötlichen mit Erhöhung der Haut¬ 
papillen auftretenden Ausschlag ohne Augenschmerzen, ohne Nasen- und 
Luftröhrenkatarrh bekommen, das Allgemeinbefinden, der Appetit nicht 
darniederliegen, nach einigen Tagen die Röte abblafst, die Haut wenig 
oder gar nicht abschilfert, das Kind Masern bereits überstanden hat. — 
Ansteckungen anderer Kinder sind in den Familien selten (? Ref.), zumeist 
werden nur einzelne befallen, Epidemieen wie bei Scharlach und Masern 
kommen höchst selten, nur in Pensionaten, Waisenhäusern vor. 


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66 


Complicationen und Nachkrankheiten sind bei Röteln nicht beob¬ 
achtet worden. 

Die Behandlung ist eine exspectative. Man läfst die Kinder einige 
Tage das Bett hüten, beobachtet eine blande Diät, läfst sie erst nach 
8 Tagen ausgehen, nach 14 Tagen die Schule ieder besuchen. — Eine 
Isolation in den Familien erscheint nicht notwendig, die Geschwister sind 
vom Schulbesuch nicht fernzuhalten. 

Nach absolvierter Krankheit werden lauwarme Waschungen, Ab¬ 
reibungen mit aufgeschwemmter Mandelkleie, zuerst lauwarm, dann kalt 
angeordnet, um die meist unsichtbaren Abschilferungen und Infektions¬ 
keime zu entfernen. 

Gegenüber der von anderen Autoren ausgesprochenen Ansicht, dafs 
Röteln eine Krankheit sui generis sind, hält B. daran fest, dafs sie nur 
als milde Abart der Masern zu betrachten sind. 

Schnell- Egeln. 

Ueber Kinder-Influenza. Von B. Fürst. (Dtsch. Med.-Ztg. N. 78. 1897). 

Vert. berichtet über die von ihm eingeschlagene Behandlungsweise 
bei Influenza der Kinder, die ihm während verschiedener Epidemieen 
seit 1890 sehr Erspriefsliches geleistet hat, sehr eingehend. Er läfst 
das Kind isolieren, zu Bett bringen und verabreicht, wenn nötig, ein leichtes 
Laxans. Milch, leichte Schleimsuppen bilden die Diät. Gegen den 
Rachenkatarrh soll man wegen der Schwellung, Sekretion und Unweg¬ 
samkeit vorgehen und hat sich ihm die örtliche Anwendung des ver¬ 
dunsteten Ol. Terebinth. rectif.oder einer 1—2% Menthol-Alkohollösung 
bewährt. Aufserdem Gurgelung von Borsäure und Kochsalzlösungen, 
gegen Kehlkopfkatarrh dasselbe zerstäubt als Inhalation, gegen den 
Bronchialkatarrh Expektorantien. Bezüglich der inneren Medikation hat von 
allen in Betracht kommenden Mitteln keines eine so gleichmässige, prompte, 
von unangenehmen Nebenerscheinungen freie Wirkung ergeben als das 
Salipyrin. Wenn F. jeden influenzverdächtigen Katarrh sofort damit 
behandelte, gelang es ihm oft, die Krankheit zu coupieren. Er schreibt 
in Uebereinstimmmung mit v. Mosengeil, Moncowo, Hennig u. A. dem 
Mittel einen bei der Krankheit fast spezifischen Einflufs zu; Complikati- 
onen von Seiten der Lunge und Nieren sind seltner, die Katarrhe bleiben 
mäfsig, die unangenehmsten Symptome (Fieber, Kopfschmerz, Benommen¬ 
heit), wurden im Entstehen unterdrückt, die Tendenz der Katarrhe, in 
die Tiefe zu wandern und hier den Anstofs zu Bronchitis oder Pneu¬ 
monie zu geben verschwindet. Man mufs aber das S. sofort und in 
nicht zu kleinen Dosen verabreichen: Kinder bis zu 5 J. 0,25, K. von 
5—10 J. 0,5, K. von 10—15 J. 1,0 pr. dos., 3 mal tgl. in einem leicht 
schweifstreibenden Thee z. n. Nach 2 Tagen kann man meist auf zwei 
Tagesdosen zurückgehen, womit man nach 3—4 Tagen nach der be¬ 
ginnenden Rekonvaleszenz fortfahrt. Dabei bleiben die Kinder noch 
streng zu Bett. Rezidive traten dann nicht auf und die Schwäche¬ 
zustände — gegen die man nötigenfalls etwas Alkohol verabreicht — sind 
bald geschwunden. Später sollen die Kinder allmählich und in ratio¬ 
neller Weise abgehärtet werden, da sie sonst zu Rezidiven neigen und 
durch das einmalige Ueberstehen der Krankheit gegen dieselbe keines¬ 
wegs mit Sicherheit immun sind. S. 


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57 


Zur Symptomatologie der tierischen Parasiten. Von Peiper. (Deutsch, 
med. Wochenschr. 1897, Nr. 48.) 

P. berichtet zunächst über den Fall eines 10jährigen Mädchens, bei 
dem er anfangs die Diagnose auf Meningitis stellte und bei dem nach 
Verabreichung von Ricinusöl und Santonin, wonach zahlreiche Spulwürmer 
mit einer reichlichen Defacation entleert wurden, rasche Besserung und 
Heilung eintrat. Dafs die meningitischen Erscheinungen von der An¬ 
wesenheit der Spulwürmer abhingen, ist m*t grosser Wahrschein ichkeit 
anzunehmen. Schwere nervöse Erscheinungen, convulsivische Anfälle der 
verschiedensten Art sind schon wiederholt durch den Abgang von Spul¬ 
würmern bezw. von anderen menschlichen Parasiten geheilt worden. 

Von den meisten Autoren wurden die nervösen Symptome als re- 
flectorische aufgefafst. Seitdem durch mannichfache Beobachtungen dar- 
gethan ist, dafs in den tierischen Parasiten ein Gift enthalten sein kann, 
oder dafs die Parasiten durch ihren Stoffwechselumsatz Substanzen pro¬ 
duzieren, welchen giftige Eigenschaften zukommen, liegt jedoch der Ge¬ 
danke nahe, gewisse, bei der Helminthiasis hervortretende krankhafte 
Erscheinungen auf die Giftwirkung der Helminthen zurückzuführen. 

Was zunächst die Ascariden anbetrifft, so dürfte aus vielfachen 
Beobachtungen mit Sicherheit zu schliefsen sein, dafs sich öfters in oder 
an denselben ein Giftstoff befindet, ebenso naheliegend aber auch der 
Gedanke, dafs jener Stoff, vom Darm aus resorbiert, Allgemeinerschein¬ 
ungen, speciell Störungen seitens der nervösen Organe hervorzurufen im 
Stande ist. Warum jene Substanz nicht in jedem Falle von Ascariasis 
gebildet wird oder warum nicht in jedem Falle die toxischen Wirkungen 
auf das Nervensystem zur Auslösung kommen, entzieht sich zunächst der 
Beurteilung. Vielleicht kommt hierbei die Länge der Erkrankung, die 
Zahl und Lebensfähigkeit der Parasiten in Betracht. 

Was die Bandwürmer anbelangt, so ist P. der Ansicht, dafs die 
bei manchen Bandwurmwirten beobachteten Erscheinungen, besonders 
die nervösen, wie Cephalalgie, Pruritus, Gesichts-, Gehörsstörungen, My- 
driasis, ferner das allgemeine Schwächegefühl, die Anaemie, Müdigkeit 
etc. nicht ohne Weiteres als Folge der Helminthiasis zu betrachten sind. 
Auch hier wird die Entscheidung des ursächlichen Zusammenhanges 
davon abhängen, ob die Symptome erst nach der Acquisition der Para¬ 
siten aufgetreten und mit der Abtreibung derselben wieder zurückge¬ 
treten sind. 

Weiterhin beanspruchen besonderes Interesse der Botriocephalus 
und die Botriocephalusanämie. Ein Zweifel an dem Causalconnex 
zwischen Botriocephalus und dem Zustandekommen der pernieiösen 
Anämie besteht wohl jetzt kaum noch. Die vom Bandwurm ausgehende 
Schädigung wird jedenfalls durch ein von diesem produziertes Gift be¬ 
wirkt, welches eine Zerstörung der roten Blutkörperchen bewirkt. Auch 
bei der Ankylostomiasis läfst sich ein Protoplasmagift annehmen, das 
von den Ankylostomen produziert wird. 

Ferner sind in der Echinococcenflüssigkeit unzweifelhaft toxisch 
wirkende Substanzen enthalten. So sieht man nach der Punktion eines 
in der Abdominalhöhle befindlichen Echinococcus peritonitische Reizung 
trotz aller Vorsichtsmafsregeln auftreten. Es kann dies erfolgen, ohne 
dafs auch nur die geringste Trübung oder gar Vereiterung des Inhaltes 


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58 


des Sackes Vorgelegen hat. Ein nicht seltenes Vorkommnis ist nach 
der Punktion oder spontanen Ruptur das Auftreten von Urticaria. Auch 
Fieber, Singultus, Uebelkeit, Gelenkschmerzen, Herpes etc. wurden danach 
beobachtet. 

Wahrscheinlich kommt eine Giftwirkung auch den Trichocephalen 
zu. — Auch durch die Anwesenheit von Oxyuren können nervöse Er¬ 
scheinungen unzweifelhaft hervorgerufen werden. 

In vielen Fällen von Trichinose treten schon wenige Stunden nach 
dem Genüsse des trichinösen Fleisches sehr intensive Störungen auf: 
Unbehagen, Uebelkeit, Aufstofsen, Erbrechen, Schwindel, Eingenommen¬ 
heit des Kopfes etc. Mitunter beginnt die Erkrankung unter dem Bilde 
eines Brechdurchfalls. Zu einer Zeit also können sich schon schwere 
Symptome bemerkbar machen, in welcher unmöglich die Ingression der 
Parasiten nennenswerte anatomische Störungen verursacht hat. Wahr¬ 
scheinlich ist vielmehr, dafs eine toxische Substanz hier resorbiert wird. 

Die Annahme, dafs die tierischen Parasiten des Menschen durch 
Giftstoffe einen unter Umständen sogar deletären Einflufs auf den Or¬ 
ganismus ausüben können, wird unterstützt durch Experimente und Be¬ 
obachtungen aus der Pathologie unserer Haustiere. 

P. kommt nach alledem zu dem Resultat: Es ist sehr wahrschein¬ 
lich, dafs die tierischen Parasiten Giftstoffe enthalten oder ausscheiden, 
welche besonders schädigend auf das Nervensystem wie auch auf die 
Blutbereitung wirken können. Nur bei einer Quote der Parasitenträger 
kommen dieselben klinisch zur Geltung. 

Schnell, Egeln. 

Behandlung der akuten Laryngitis des Kindesalters. (Le Momde m6d. 
No. 1. 1898.) 

Die beste Behandlung der akuten Laryngitis besteht bei leichteren 
Fällen in Wasserdampfinhalationen, in Einpinselung des Halses mit Jod 
und Watte - Umhüllung. Aufserdem ordne man ein Fufsbad mit 
Senfmehl an. Ist der Husten sehr häufig und schlafstörend, so giebt 
man je naoh dem Alter des Kindes 2, 4, 6 Kaffeelöffel Kodeinsyrup. 
Bei schweren Fällen lasse man an der Vorderseite des Halses öfters zu 
erneuernde und mit heifsem Wasser imbibirte Schwämme auflegen. 

Ist die akute Laryngitis aber mit Spasmen kompliziert, so können 
diese nur wirksam bekämpft werden, wenn das Kind in einem mit Wasser¬ 
dampf geschwängerten Zimmer gehalten wird, da der Wasserdampf die 
Schleimansammlungen verdünnt und so die Herausbeförderung derselben 
erleichtert. Im Spitale wird der Wasserdampf folgenderweise erzeugt: 
An einer spanischen Wand befindet sich ungefähr in der Höhe des Bettes 
die Mündung der Dampfleitung, welche in das Zimmer fortwährend 
Wasserdampf strömen läfst, der durch einen geschlossenen Kochtopf 
aufserhalb des Krankenzimmers erzeugt wird. In der Privatpraxis erzeugt 
man folgenderweise den Wasserdampf: Das Bett wird mit einer Decke oder 
einem Bettuch überspannt. Neben dem Bette ist ein Becken mit kochendem 
Wasser angebracht. Das Wasser wird durch eine Spirituslampe im Sieden 
erhalten. Der Wasserdampf sammelt sich nun unter der Decke an und 
sättigt die Luft, welche das Kind einathmet. Dabei mufs man aber be¬ 
achten, dafs der Patient nicht zu sehr zugestopft und zu warm ein- 


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59 


gehüllt ist, da sonst die Athmung statt erleichtert, beschwerlicher wird. 
In dem freien Intervallen gebe man dem Kinde 3 mal täglich einen Kaffee¬ 
löffel von folgender Mixtur: 

Rp. Kal. bromat 1,0 
Syr. aether. 

Syr, cort. aurant. 

Aq. destil. aa. 20,0 

Abends legt man ein Suppositorium ein von 

Rp. Extr. belladon. 0.05 
Glyc puriss. 2,0 

Auch kann man täglich ein lauwarmes Bad nehmen lassen, indem 
man dem Badewasser zusetzt: 

Extr. belladon. 1.0 

flor. et fol. Til. 50.0 

Aq. bollent 1000.0 

Nach dem Bad bringt man das Kinp wieder ins Bett zurück und 
wickelt ihm die Füfse mit Watte ein. 

Statt Bromkali kann man den Kindern Codein geben u. zw. bei 
Kindern unter 1 Jahre 0,01 g pr. die, bei Kindern über 3 Jahren 0,02 g 
pr. die und zwar giebt man nur 1 Kaffeelöffel und, wenn innerhalb einer 
Stunde kein Schlaf erfolgt, so läfst man einen zweiten Kaffeelöffel davon 
nehmen. 

Wenn alle Mittel fehl schlagen und das Kind an Erstickungs¬ 

anfällen leidet, Cyanose des Gesichtes eintritt und der Pulsus paradoxus 
eine Herzschwäche anzeigt, so schreite man zu chirurgischen Eingriffen: 
Tubage oder Tracheotomie, und zwar ist im Spitale die Tubage, in der 
Privatpraxis die Tracheotomie vorzuziehen, weil im Spitale der Patient 
unter steter Ueberwachung eines Arztes sein kann. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Darmverschluss durch einen Rothtumor bei einem drei Tage alten 

Kinde. Von Ri et her (Wien. klin. Wochenschr. No. 9. 1898. 

R. behandelte ein Kind vom 3. Lebenstage an durch 6 Tage iu 
der Wiener niederösterreichischen Landes-Findel-Anstalt an Coprostase, 
deren Ursache die Sektion erst aufklärte. 

Das Kind wurde am 29. November v. J. aufgenommen und einer 
Amme übergeben, Am 30. November gab die Amme an, dafs das 
Kind nicht trinken wollte, aber mehreremale reichlich grüne Massen 
erbrochen habe. Das Kind, 3040 gr schwer, liegt ruhig auf dem 
Rücken. Das Gesicht blafs. An den Organen nichts Bemerkenswertes. 
Dagegen ist das Abdomen stark aufgetrieben. Die Haut auffallend 
glänzend und blafs und von erweiterten Venen durchzogen. Der Nabel 
eingetrocknet, zum Teile bereits abgestofsen, der sichtbare Teil der 
Nabelwunde granulierend. Der Bauch stark gespannt und sehr empfind¬ 
lich. Die Perkussion überall tympanitisch, bei der Auskultation zeitweise 
ein Gurren oder Kollern wahrnehmbar. Die Temperatur im Rektum 
37,4°. Therapie: zwei hohe Clysmen, ohne dafs Stuhl erfolgt wäre. 


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Am 1. und 2. Dezember war der Zustand derselbe, nur sank 
das Gewicht auf 2970 gr. Das Kind bekam mehrere Clysmen 
und intern Inf. Chamomill. und Aq. laxt. Vieneus. aa. Trotz¬ 
dem erfolgte kein Stuhl. — 3. Dezember. Körpergewisht 2900 g. 
Kind nimmt keine Nahrung, die erbrochenen Massen haben eine 
dunkelgdbe Färbung und riechen sauer, aber nicht faeculent. Nach 
Verabfolgung einer Darmausspülung erfolgte ein ganz spärlicher, schmierig¬ 
brauner Stuhl, der Menge nach ein Kaffeelöffel voll. Dieser rührte offenbar 
aus dem Darmstücke unterhalb des Verschlusses her. — 4 . Dezember: 
Gewicht 2800 g. Zustand derselbe. Ol. Ricini per os et per anum. Kein Stuhl. 
— 5. Dezember: Gewicht 2720 gr. Kind erbricht häufig reichlich braun 
gefärbte, fäkulente, flüssige Massen. Puls kaum fühlbar. Abends Temp. 
39,0°. — 6. Dezember: Gewicht 2600 gr. Temp. 36,5°. Vollständiger 
Kollaps. 9 Uhr früh: Exitus letalis. 

Die Sektion ergab: Abdomen stark gespannt und ausgedehnt An 
den Organen des Halses und der Brusthöhle nichts Ungewöhnliches, 
nur das Zwerchfell hoch hinaufgedrückt und dadurch die Unterlappen¬ 
ränder beider Lungen atelektatisch. — Magen und Därme stark ausge¬ 
dehnt. Dünndarm durch Gase auf Daumendicke gebläht, der Dickdarm 
durch im coecum, colon ascendens und transversum dickbreiige, im 
colon descendens und in der flexura sigmoidea harte, braune Kothmassen 
auf zwei- bis drei fingerdicke erweitert. Rectum contrahirt, leer, seine 
Schleimhaut etwas gerötet. Die Serosa des Dickdarms bräunlich ver¬ 
färbt, die des Dünndarms durch Injektion gleichmässig gerötet. — 

Diagnose: Paralysis intestini ecoprostasa. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber Anorexie bei Kindern und deren Behandlung mittelst Orexin- 
Tannates. Von F. Steiner. (Wiener med. Bl. No. 47. 1897.) 

Das Orexintannat ist ein gelblichweilses Pulver ohne Geruch 
und besonderen Geschmack, ist unlöslich in Wasser, löst sich aber leicht 
in verdünnten Säuren, namentlich Salzsäure (Magensaft). Mit Eisen¬ 
präparaten darf es nicht in Berührung kommen, sonst schwärzt es sich 
und nimmt tintenartigen Geschmack an S. hat auf der Kinder-Ab- 
teilung des Dozenten Dr. Frühwald an der Wiener allgemeinen Poli¬ 
klinik Versuche mit dem Mittel angestellt und über 100 Fälle von 
Anorexie mit demselben behandelt. Die erzielten Resultate waren bis 
auf wenige Ausnahmsfalle erfolgreich. Schon nach einigen Tagen kehrte 
der Appetit bei Kindern, die früher trotz Zwang nicht afsen, auf längere 
Zeit wieder zurück. Das Orexintannat wurde grösstenteils bei Kindern 
von 3—12 Jahren in x / 2 g Dosen in Oblaten oder mit etwas Zucker 
oder Wasser zwei Stunden vor dem Mittag- oder Abendessen verordnet. 
Kindern, welche sich weigern, Medikamente einzunehmen, werden Choco- 
ladentabletten zu 0,25 Orexintannat verabreicht, von denen je zwei 
Stück einer einzelnen Dosis entspricht. Es hat sich auch praktisch 
erwiesen, das Medikament vorerst durch fünf Tage täglich zweimal zu 
verordnen, dann ein paar Tage auszusetzen, und wenn der Appetit sich 
wieder verminderte, neuerdings durch zehn Tage zu verwenden. In der 
Regel wurde das Mittel nach 2—3 Wochen entbehrlich. Besondere 
Diät war nicht erforderlich. Der geringste Effekt wurde bei anato- 


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mischen Magenleiden, acutem Fieber, vorgeschrittener Phthise und bei 
habitueller Stuhlverstopfung erzielt. Um so befriedigender waren die 
Erfolge in der Rekonvalescenz nach Infektionskrankheiten, bei Chlorose 
und Anämie, bei atonischen Zuständen des Magens und insbesondere 
bei beginnender Tuberkulose und bei Skrophulose. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Behandlung der Chorea mit Massage. Von M. J. Feodoroff. (Oboz- 
renje Psychiatr. No. 4. 1898.) 

F. hat die Massage in 10 Fällen von Chorea bei Kindern im 
Alter von 7—14 Jahren angewendet. Erbeginnt mit leichter Effleurage 
des Stammes und der Extremitäten, übergeht dann allmählich zu einer 
energischen Massage, zu welcher dann, sobald die Kranken genügend 
beruhigt sind, passive Gymnastik in Form von rhytmischen Flexions¬ 
und Extensionsbewegungen des Kopfes und der Extremitäten hinzu¬ 
gesellt werden. Der günstige Einflufs dieser Behandlung macht sich 
schon am 3. oder 4. Tage geltend und nach einer Woche ist die 
Besserung eine ausgesprochene. Die günstige Wirkung der Massage 
bei Chorea erklärt sich F. durch die Beruhigung, welche dieselbe auf 
das Centralnervensystem ausübt, sowie durch seine stimuliiende Wirkung 
auf die Ausscheidung der im Organismus angehäuften Toxine. 

Goldbaum (Wien). 

Die Diazoreaktion im Harn der Säuglinge. Aus dem Loborat. des 
Kais. Findelhauses in St. Petersburg. Von Nersess Unikoff 
(Jb. f. Kinderheilk. 46. Bd. Hft. 1 u. 2. 1897). 

U. hat bereits früher durch zahlreiche Untersuchungen festgestellt, 
dafs die Diazoreaktion im Ham gesunder Säuglinge nie auftritt und nur 
dem pathologischen Harn eigentümlich ist. In vorliegender Arbeit berichtet 
er über diesbezügliche Untersuchungen des Harns an Diphtherie, Wind¬ 
pocken, Masern und anderen Krankheiten leidender Säuglinge. Die er¬ 
langten Resultate sind folgende: 

1. Die Diazoreaktion tritt nie im normalen Harn der Säuglinge auf; 
sie ist nur dem pathologischen Ham eigenthümlich. 

2. Hohe Körpertemperatur hat auf das Zustandekommen der Reaktion 
keinen Einflufs. 

3. Akute, wie chronische Pneumonie giebt keine Dizaoreaktion. 

4. Dieselbe wird durch Diphtherie und Windpocken nicht begünstigt. 

5. Wahrscheinlich ebenso wenig durch Otitis, Coryza, Lymphadenitis, 
Omphalitis, Bronchitis acut., Pleuritis, Colitis, Syphilis cong., Ekzem 
und Erythem. 

6. Erysipel und Masern geben die Reaktion fast stets. 

7. Sie ist um so ausgeprägter, je heftiger die Erysipel- bez. Masern¬ 
erkrankung ist; mit Abnahme der Krankheitserscheinungen geht 
auch die Intensität der Diazoreaktion im Harn zurück. In tödtlich 
verlaufenden Fällen bleibt die Diazoreaktion im Harn bis zum Tode 
intensiv ausgeprägt. 

8. Sie tritt meist 1—2 Tage vor dem Tode auf, ganz abgesehen von 
der . Art der Erkrankung. 


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P. Sie kann bei der Prognosenstellung sehr wichtig sein, da bei inten¬ 
siver Diazoreaktion des Harns man einen schlechten Ausgang immer 
be Fürchten mufs. 

10. Sie tritt zuweilen schon im Prodromalstadium auf. 

Verf. stellt weitere Mitteilungen in Aussicht auf über das Auf¬ 
treten der Reaktion bei anderen akuten Infektionskrankhen und die 
Natur des Körpers, welcher die Reaktion bewirkt. 

Schill-Dresden. 

Untersuchungen über das Fett im Säuglingsalter und über das Fett- 
sclerem. Von W. Knöpfelmacher. (Aus d. Carolinen-Kinderspit. 
d. Krankenanst. Rudolfsstiftung in Wien. Jahrb. f. Kdhkde. Bd. 45. 
Hft, 2 u. 3. 1897.) 

Verf. gelangt auf Grund seiner eingehenden klinischen und 
chemischen Untersuchungen über das Fett im Säuglingsalter und das 
Fettsclerem zu folgenden interessanten, teilweise neuen Resultaten: 
1) Der Oelsäuregehalt im Fette des Neugeborenen beträgt 43,3 %. Die 
bisher (z. B. v. Langer) angegebenen Werte sind zu hoch. 2) Der 
prozentische Oelsäuregehalt des Hautfettes nimmt im Säuglingsalter 
allmählich und ziemlich regelmässig zu und erreicht schon bei dem zwölf 
Monate alten Kinde den für den Erwachsenen geltenden Wert. Dieser 
ist ebenfalls viel niedriger als seither angegeben wurde; er beträgt 65%. 

3) Die Untersuchung des Hautfettes eines abgemagerten und eines 
gleichaltrigen fettreichen Kindes ergab, dafs das Fett dös abgemagerten 
Kindes ärmer an Oelsäure ist, als das Fett des gutgenährten Kindes. 

4) Das Hautfett des Neugeborenen und Säuglings ist nicht an allen 

Stellen gleich zusammengesetzt. Das Fett der Fersenhaut hat einen 
viel höheren Oelsäuregehalt als das Brust- und Rückenhautfett. 5) Die 
Ursachen für das Fettsclerem sind: a) Flüssigkeitsverlust, b) Temperatur¬ 
erniedrigung, c) der hoch liegende Erstarrungspunkt des kindlichen Fettes. 
Dieser wird durch seinen Reichtum an hochschmelzenden Fetten bedingt, 
das Fett des Säuglings erreicht mit zwei Monaten einen so hohen Oel¬ 
säuregehalt, dals die Entwicklung eines Fettsclerems in diesem Alter 
nur noch selten möglich wird. Nach sechs Lebensmonaten erscheint 
das Zustandekommen eines Fettsclerems in Folge des in diesem Alter 
bereits hohen OelSäuregehaltes als ausgeschlossen. 6) Das Hautfett der 
Scleremkinder zeigt die der betreffenden Altersstufe schon normaler 
Weise zukommende Zusammensetzung. S. 

Ueber einige für den praktischen Arzt wichtige Massnahmen der 
ocularen Antisepsis. Von H e 1 f e r i c h. (D. ärztliche Praktik. 
No. 13. 1897.) 

Aus der sehr instruktiven Abhandlung des Verf. greifen wir das 
heraus, was er über die Antisepsis catarrhalisch - ekzematöser Erkrankungs¬ 
zustände des Auges jugendlicher u. speziell kindlicher Individuen schreibt, 
bei welchen Zuständen zufolge einer ungenügenden Antisepsis sich sehr bald 
eine schwere Schädigung des Auges ergiebt. Diese Zustände sind da¬ 
durch charakterisiert, dass bei ihnen eine sehr starke Schwellung der 
Schleimhaut mit reichlicher, eiterartiger Secietion neben einer anfänglich 
häufig leicht erscheinenden ekzematösen (phlyctänulären) Erkrankung 
der Binde- und Hornhaut entsteht. Ist die Epitheldecke der Homhaut- 


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phlyctäne zur Abstossung gekommen, so ist damit eine Eingangspforte 
für die Infektion geöffnet und es kommt dann oft bald zunächst zu 
einer allgemeinen rauchigen Trübung des Hornhautepithels und weiter 
zur Ausbildung kleinerer oder grösserer eitriger Infiltrate, welche durch 
Zerfall und Ausstossung des Gewebes sich in tiefgreifende Geschwüre 
verwandeln können. Oft ist in solchen Fällen auch an den Lidern, der 
Gesichtshaut und der Nase eine Ekzemeruption nachweisbar, die ihrer¬ 
seits zur Ansiedelung und Entwickelung pathogener Keime ein Wesent¬ 
liches beiträgt. Der geschilderte Gesammtzustand findet sich gewöhn¬ 
lich bei Individuen, welche deutlich die Zeichen der skrophulösen Dia- 
these zur Schau tragen und bei denen die Körper- und Reinlichkeits¬ 
pflege sehr vernachlässigt wird. Therapeutisch resp. prophylaktisch ist 
nun in solchen Fällen in erster Linie nicht das Ekzem, sondern vielmehr 
der intensiv katarrhalische Zustand und die abnorme eiterartige 
Sekretion der Schleimhaut dadurch zu bekämpfen, dass täglich 1—2 Mal 
nach Umstülpung der Lider und gutem Abschlüsse der Hornhaut die 
Conjunctiva palpebrarum und fornicis mit einer 1 °/ 0 Lösung von Arg. 
nitr. bespült wird. Eine weitere Aufgabe in solchen Fällen ist die, das 
Auge durch fleissiges Auswischen des Sekretes aus der Lidspalte 
möglichst rein zu halten und den Bindehautsack durch häufiges Ein¬ 
bringen eines antiseptischen Mittels, am besten einer Sublimatvaselin¬ 
salbe (0,003 Sublimat: 10,0 Vasel. americ alb..) zu desinfizieren. Daneben 
muss das Ekzem der verschiedenen anderen obengenannten Lokalitäten 
sorgfältig behandelt werden. Zeigt trotzdem der Ekzemherd der Horn¬ 
haut eine progressiv sich gestaltende Infektion, so dürfte eine klinisch¬ 
augenärztliche Behandlung nicht zu entbehren sein. Der Schwerpunkt 
dieser Erkrankung liegt also darin, dass sie eine Mischform zweier 
Krankheitsarten, des eitrigen Katarrhes und des Ekzems der Horn- 
und Bindehaut darstellt, bei welchen durch den trsteren einer an sich 
gewöhnlich harmlosen Hornhautaffektion gegenüber eine stete grosse 
Infektionsgefahr gegeben ist. S. 

Klinische Erfahrungen mit der Lumbalpunktion. Von E. Stadel¬ 
mann. (Mittlgn. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. Bd. II. H. 3 u. 4. LS97. 

Die Lumbalpunktion wird von verschiedener Seite als ein leichtes 
operatives Verfahren dargestellt, das sich auch in der Privatpraxis in Anwe- 
dung bringen lässt, eine Ansicht, vor welcher Verf. entschieden warnt. Nach¬ 
dem er die Technik der Operation geschildert, kommt er auf Grund 
seiner und anderer Erfahrungen zu folgendem Resume über die 
Quincke’sche Lumbalpunktion: 1) Die Quincke’sche Lumbalpunktion hat 
eine therapeutische und eine diagnostische Bedeutung. 2) Therapeutisch 
zu verwenden ist sie in allen Fällen, in denen Erscheinungen von Hirn¬ 
druck vorhanden sind, besonders bei Hydrocephalus, Meningitis serosa. 
Encephalitis satumina, Chlorose mit Hirnerscheinungen, Tumor cerebri, 
Meningitis tubercul., Uraemie, Apoplexia sanguinea, akuten Infektions¬ 
krankheiten mit schweren Hirnerscheinungen. 3 ) Diagnostisch ist weder 
das spez. Gewicht, welches unabhängig von dem Eiweissgehalt ist, noch 
der Zuckergehalt der Flüssigkeit von Werth. 4) Ein vermehrter Ei¬ 
weissgehalt der Flüssigkeit (über 1 pr. mil.) deutet auf bestehende ent¬ 
zündliche Prozesse. 5) Die normale Lumbalflüssigkdt ist vollkommen 
klar, wasserhell. Trübungen deuten auf bestehende entzündliche 


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Prozesse. 6) Aus der Stärke der Eiterbeimengungen kann ein be¬ 
stimmter Schluss auf der Natur des Ki ankheitsprozesses nicht gezogen 
werden. 7) Nur aus positiven, niemals aus negativen Ergebnissen der 
Lumbalpunktion sind sichere Schlüsse zu ziehen. 8) Für bestehende 
eitrige Meningitis kann mit Sicherheit nur der Befund von Bakterien 
(Diplococ. Fränkel, Staphylococ., Streptococ., Meningococ. intracelull. 
von Jäger-Weichselbaum) als beweisend angesehen werden, da sich 
Eiterbeimengungen, sowohl bei Meningit. tubercul. als auch bei 
Hirnabszess gelegentlich finden. 9) Für Meningit. tubercul. ist der 
Befund von Tuberkelbazillen absolut beweisend. Fehlen derselben 
schliesst Bestehen der Meningit. tubercul. nicht aus. 10) Blutige 
Cerebrospinalflüssigkeit wird erhalten durch zufällige Beimengungen 
von Blut bei der Punktion, durch Bestehen meningeulärer oder ventri- 
culärer Blutungen. Ersteres ist auszuschliessen, wenn mehrfache Punk¬ 
tionen stets gleich bluthaltige Flüssigkeit zu Tage fördern. S. 

Zur Behandlung der Ectopie des Hodens. Von P. Sebileau. (Gaz. 
medic. No. 4. 1897. Nach e. Referat d. Jahrb. f. Kdhlkde.). 

Verf. stellt bezüglich des verspäteten Herabsteigens des Hodens 
in das Scrotum und der hieraus hervorgehenden Symptome, welche zu 
einem chirurgischen Eingriff auffordern, folgende Grundsätze auf: a) Bei 
einem Kinde im frühesten Kindesalter ist von jedem Eingriff abzusehen, 
b) Bei einem Kinde von 2—4 Jahren ist die Massage, das methodische 
Streichen des zurückgebliebenen Hodens indiciert. Man mufs dies aber 
geduldig während einiger Wochen fortsetzen. Nach einer Pause soll 
dann nieder angefangen werden, c) Bei einem Kinde von fünf Jahren 
und mehr soll mit dem methodischen Streichen begonnen werden. Hat 
dies nicht zum Ziele geführt nach einigen Monaten, so soll man den 
Hoden fixieren und die Radikalkur der Hernien anschliessen; hat das 
methodische Streichen aber den Erfolg, dafs sich der Hoden langsam 
senkt, so soll man ihn ruhig seinen Weg gehen lassen und sich mit der 
künstlichen Schliessung des Inguinalkanals nicht beeilen, da die natür¬ 
liche Obliteration sich oft von selbst einstellt. Sollte dies nach ge¬ 
nügend langem Zuwarten nicht eintreten, so lasse man einige Monate 
lang eine gut passende Pelotte tragen. Führt dies nicht zum Ziele, so 
soll ohne Zögern die Radikalkur der Hernien gemacht werden, d) Bei 
einem der Geschlechtsreife nahen Kinde soll der Hoden fixiert und die 
Radikalkur der Hernien angeschlossen werden, e) Bei einem Erwachsenen 
ist die Radikalkur mit Wegnahme des Hodens anzuempfehlen. S. 

Praktische Mitteilungen über Thiol. Von Wirz. (Deutsch, medic. 

Wochenschr. No. 27. 18u7.) 

Verf. wendet seit 1 Jahr in sehr zahlreichen Fällen das Thiol 
— Ammon, sulfothiolic., aus dem Gasöle des Handels dargestelltes Gemenge 
geschwefelter Kohlenwasserstoffe, das schliefslich sulphonirt und mit 
Ammoniak neutralisiert wird — anstatt des Ichthyol an und ist der An¬ 
sicht, dafs wir in demselben seiner Geruchlosigkeit, Billigkeit und grofsen 
Wirksamkeit halber ein sehr wertvolles Arzneimittel besitzen. Vor 
allem erscheint T. seiner Geruchlosigkeit halber bei Affektionen im Be¬ 
reiche des Gesichts als sehr willkommen. Bei Entzündungen aller Art 
ist die schmerzlindernde Wirkung des Mittels selbst bis in die Tiefen 


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der Gewebe überraschend. Infiltrationen sieht man bei seiner Anwen¬ 
dung bald, ohne dafs es zur Eiterbildung kommt und ohne dafs man 
Inzisionen zu machen braucht, resorbiert werden. Falls sich schon Eiter 
gebildet hat, wird derselbe auf eine Stelle zusammengedrängt und der 
spontane Durchbruch derselben befördert. Bei schweren Carbunkeln 
vermag es, nach Auspressen des Eiters rund herum auf die infiltrierten 
Stellen dick aufgetragen, die Entzündung sehr zu beeinträchtigen, die 
Schmerzhaftigkeit hört bald ganz auf. Dies gilt für alle entzündlichen 
Prozesse. Lymphangitiden bis zur Schwere der Phlegmone, verursacht 
durch Panaritien, Insektenstiche, Ursachen aller Art bilden sich in wenigen 
Tagen zurück. Entzündungen des Gesichts, hervorgerufen durch kariöse 
Zähne, erisypelatöse Infiltationen der Kopfhaut und des Gesichts, schwere 
Infiltrationen der ganzen Halsgegend, bei welchen wegen Glottisödems Ge¬ 
fahr für das Leben drohte, wichen allmählich konsequenten Thioleinreibungen. 
In einem Falle von allgemeiner Furunkulose bei einem Kinde liefs W. 
jeden Furunkel mit dem Mittel bestreichen und erlebte bald völlige Ge¬ 
nesung. In einem Falle von Typhlitis liefs er 2 mal täglich die ganze 
schmerzhafte Bauchdecke mit Thiol einreiben; nach 8—10 Tagen trat 
Genesung ein. Man soll dabei den Leuten die Einreibung immer zuerst 
selbst vormachen. Am besten wirkt das Mittel in jenem dickflüssigen 
Zustand, wie es aus der Fabrik selbst kommt, und nicht wie es 
von den Apothekern aus T. sicc. mit Wasserzusatz hergestellt wird. 
(Verf. hatte bei Parametrit, und Phlegmas, alba dolens ebenfalls aus¬ 
gezeichnete Erfolge von dem Mittel und läfst nach Geburten zur Prophy¬ 
laxe von puerperalen Erkrankungen (?) die schmerzhaften Stellen mit 
Thiol einzureiben.) — Viele Fälle von Otit. extern, behandelte W. mit 
trefflichem Erfolge mit Thioltampons. Wenn man dabei den Tragus 
und Antitragus, sowie die Teile der Wangen, welche dem Ohr am 
nächsten liegen, mit Thiol einreibt, so erzielt man völlige Schmerz¬ 
losigkeit innerhalb 15 Minuten. Kein Mittel leistete ihm so gute Dienste 
gegen die heftigen Rückenschmerzen bei Influenza als das T. Emphysema- 
tiker mit hochgradiger Dyspnoe wurden sofort nach Einreibung der 
Brust mit T. erleichtert, die Schmerzen in der Thoraxmuskulatur schwanden, 
der Husten wurde lose, die Dyspnoe, der Katarrh besserten sich. Bei 
Pleuritis exsudat. sowie bei Pneumon. croup. leistet das T. allein, sowie 
auch in Verbindung mit Veratrinjodkalisalbe (0,1:30,0) gegen die 
Schmerzen in der Seite vorzügliche Dienste und versicherten verschie¬ 
dene Kranke, letztere Salbe hätte sie mehr in ihrem Allgemeinbefinden 
und in ihrer Schwäche gehoben wie Coffein, Campher, Somatose, Häma¬ 
togen und dergl. (Eine Hauptindikation des T. hat Verf. in seinem 
Aufsatze vergessen, nämlich das Ekzem, das besonders von Heller 
gegen dasselbe dringend anempfohlen wird. Ferner werden Thiol- 
einpinselungen und Bedeckung mit Watte von Frau Dr. Nageotte-Wilbu- 
schewicy gegenVerbrennungen sehr empfohlen. Ref.) S. 

Orthoform. Ein Lokalanaestheticum für Wundschmerz, Brandwunden, 
Geschwüre etc. Von Einhorn und Heinz. (Münch, med. Wochen¬ 
schrift 1897, No. 34.) 

Ein Lokalanästhcticum, das durch Wunden, Geschwüre, Ver¬ 
brennungen, Rhagaden, Excoriationen etc. verursachte Schmerzen be- 


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heben soll, mufs erstens völlig ungiftig, zweitens langsam resorbierbar 
sein. Cocainsalze erfüllen diese Bedingungen nicht. 

Den beiden Verff. ist es nach mehrjährigen Bemühungen gelungen, 
eine Substanz aufzufinden, die bei gänzlicher Ungiftigkeit lokal vollkommen 
anaesthesiert, letzteres dadurch, dafs sie als schwer löslicher Körper an Ort 
und Stelle liegen bleibt und so beständig zur Einwirkung gelangt. Es 
ist dies ein p-Amido-m-Oxybenzoesäuremethytester, kurz Orthoform 
genannt, ein weifses, leichtes, ziemlich voluminöses Krystallpulver ohne 
Geruch und Geschmack. Dasselbe ist in Wasser nur wenig und lang¬ 
sam löslich. — Das salzsaure Orthoform ist in Wasser sehr leicht lös¬ 
lich, die Lösung reagiert sauer, es anaesthesiert ebenso wie der 
freie Ester. Aber wegen der sauren Reaktion sind Lösungen von salz¬ 
saurem O. nicht überall anwendbar: sie sind zu vermeiden an empfind¬ 
lichen Schleimhäuten (Auge), wie an dem Körpergewebe; für subkutane 
Injektionen ist es daher nicht verwendbar. 

Das Orthoform wirkt überall da, wo es Gelegenheit hat, mit bloss¬ 
liegenden Nervenendigungen in Berührung zu kommen. Es wirkt da¬ 
gegen nicht auf Entfernungen in die Tiefe, durch die Haut oder derbe 
Schleimhäute hindurch. Es ist daher z. B. ungeeignet, dafsselbe auf 
eine durch die Naht geschlossene Wunde zu bringen. Wo kein Hautverlust 
vorliegt (z. B. bei Verbrennungen 1. Grades) ist eine Wirkung von vorn¬ 
herein unmöglich. Ueberraschend ist dagegen die Wirkung des Mittels bei 
Verbrennungen 3. Grades, die sich hier auch in Beschränkung der Secre- 
tion äufsert. Ebenso in die Augen springend ist die Wirkung bei 
schmerzhaften Geschwüren. 

Das Orthoform besitzt noch die weitere Eigenschaft, dafs es ener¬ 
gisch antiseptisch wirkt. Es verhindert Fäulnis und Gährung, bezw. sistiert 
bereits eingetretene Fäulnis. Diese bakterienfeindliche Wirkung macht, 
verbunden mit der austrocknenden und secretionsbeschränkenden Wirkung 
des Orthoforms, dieses zu einem ausgezeichneten Wundmittel. Als solches 
hat es sich u. a. bewährt bei Fuss- und Unterschenkelgeschwüren, ferner 
bei Verletzungen, bei Rhagaden (der Lippe, der Mamma, des Afters), 
bei Exkoriationen, bei schmerzhaften nässenden Stellen, bei Zungen- und 
Lippengeschwüren etc. Ein sehr dankbares Anwendungsfeld findet das 
Orthoform bei Kehlkopfgeschwüren. 

Das Orthoform ist auch innerlich zur lokalen Anaesthesierung bezw. 
zur Schmerzstillung an Magen- und Darmschleimhaut verwertbar. Es 
wirkt überall da, wo es mit den blofsliegenden, schmerzhaft gereizten 
Nervenendigungen in Berührung kommen kann: beim runden Magen¬ 
geschwür wie beim exulcerierenden Magencarcinom. Für die innere Be¬ 
handlung ist das lösliche salzsaure Orthoform in gleichem Mase an¬ 
wendungsfähig. 

In wie weit das Orthoform resp. das salzsaure Orthoform zur Anaesthe¬ 
sierung der Schleimhaut des Mundes, der Nase, des Rachenraumes, so¬ 
wie des Genitalapparates verwendbar ist, werden weitere Beobachtungen 
lehren. 

Was die Dosierung des Mittels anbetrifft, so können selbst auf 
gröfste Wund- oder Geschwürsflächen beliebige Mengen appliciert werden. 
Für den inneren Gebrauch sind */ 2 bis 1 g des Mittels mehrmals täglich 
zu verabreichen. Schnell Egeln. 


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Gesundheitspflege. 

In der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift« veröffentlicht 
Oberlehrer Dr. Krem sics weitere Ergebnisse seiner vor längerer Zeit 
mit Hilfe physiologischer Mefsverfahren begonnenen Untersuchen zur 
Frage der Ueberbürdung unserer Schuljugend. Jene Versuche 
bezweckten bekanntlich, ein möglichst genaues Bild von dem Ermüdungs- 
Zustande unserer Schüler in verschiedenen Zeitlagen zu erhalten, und 
waren hauptsächlich auf die Beurteilung der Güte und des Umfanges 
von Rechenarbeiten, der Arbeits- Geschwindigkeit und der Muskel- 
Leistung gegründet. Es ergaben sich daraus als Forderungen der Schul- 
Gesundheitspflege die Verkürzung der Unterrichtsstunden für gewisse 
Lebensalter, sowie ihre zweckmäfsigere Verteilung auf den Schultag, 
ferner die Absonderung des Turnunterrichts von den übrigen Schulstunden. 
Die neuen Ergebnisse, die K. in der Zwischenzeit erhalten hat, 
lassen sich nun im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen: 1. Als die 
besten Arbeitstage der Woche liefsen sich der Montag und Dienstag, 
ebenso aber auch sonst jeder erste und zweite Tag nach einem Ruhe¬ 
tag festellen. K. meint, dafs sie sich besonders zur Vornahme 
von Prüfungsarbeiten eignen. Da aber die am Sonntag erworbene 
körperliche und geistige Frische vielfach nur bis zum Dienstag Nach¬ 
mittag anhält, so empfiehlt er, entweder den Mittwoch beziehungsweise 
Donnerstag an höheren Schulen stark zu entlasten oder noch einen 
vollen Ruhetag in die Mitte der Woche einzuschieben. (Diese Einrichtung 
besteht an der österreichischen Volksschule; der Donnerstag ist dort 
schulfrei.) 2. Die beste Arbeitszeit des Tages sind die beiden ersten 
Lehrstunden: für sie zeigte der Arbeitsmesser die gröfste körperliche Frische 
und die beste seelisch-geistige Arbeitsfähigkeit bei der Mehrzahl der 
Schüler an. Es eignen sich daher diese Stunden besonders für die 
schwierigeren Lehrgegenstände. Als besonders anstrengend erwies sich 
dagegen bei der physiologischen Prüfung der zu Berlin vielfach bestehende 
dreistündige Nachmittags-Unterricht. 3. Zwischenstunden von längerer 
Dauer erscheinen nach den ersten zwei Unterrichtsstunden, sowie nach 
jeder folgenden Einzelstunde nötig. Die Untersuchungen ergaben, dafs 
ein Drittel der Schüler die beste Leistung nach zweistündigem Unterrichte 
schon erreicht hat. Nach jedem Hochstand erleidet nämlich die Arbeits¬ 
güte einen starken Abfall; ein Drittel arbeitet sich allerdings noch ein¬ 
mal hinauf, ein anderes Drittel aber erfährt zunächst einen Tiefstand, 
dem erst später eine zweite Erhebung folgt. Nach dreistündigem 
Unterrichte ist die Lage weiter zum Ungünstigen verändert; die Hälfte 
der Schülerzahl hat den Hochwert überschritten, ein Fünftel hat ihn 
noch nicht erreicht, drei Zehntel nähern sich zum zweiten Male der 
besten Leistung. Nach vierstündigem Unterrichte haben bereits zwei 
Drittel der Schüler den ersten oder zweiten Hochstand hinter sich, und 
nur ein Drittel ist jetzt noch fähig, sich abermals hinaufzuarbeiten. 
K. hält es für zweckmäfsig, an dieser Stelle den Unterricht für 
elf- bis dreizehnjährige Schüler abzubrechen. 4. Ferien üben zwar eine 
kräftigende Wirkung aus, doch sind die Folgen meistens nur noch vier 
Wochen lang nachweisbar. Aus diesem Grunde erscheint daher eine 
öftere Einschiebung von Ruhetagen in die Arbeitszeit wünschenswert. 


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5. Es ist zu erstreben, dafs der Unterrichtsplan die Stunden nach ihrem 
Ermüdungswerte ordne, u. zw. mit dem Ziele, eine gewisse Ausgleichung 
beginnender Ermüdung herbeizuführen. Hierfür giebt K. eine Zu¬ 
sammenstellung, worin die einzelnen Lehrfächer folgende Reihe bilden: 
1. Turnen. 2. Mathematik. .‘».Fremdsprachen. 4. Religion. 5. Deutsch. 

6. Naturwissenschaften. 7. Geschichte. Zur näheren Erläuterung wird 
bemerkt, dals die beiden anstrengendsten Gegenstände, Turnen und 
Mathematik, in der Regel einen grofsen Unterwert, die fremden Sprachen 
gewöhnlich einen kleinen Unter-, seltener einen Oberwert ergeben, während 
sich Religion umgekehrt wie diese verhält. Deutsch, Naturwissenschaften 
und Geschichie ergaben stets einen Mehrwert der Arbeitsfähigkeit. 
Singen und Zeichnen stehen aufserhalb der Reihe, da sie sich ganz ver¬ 
schieden verhalten, je nachdem die betreffenden Schüler sich Mühe geben 
oder nicht. Bei sich anstrengenden Schülern ist das Ergebnifs ein 
grofses Minder, bei den anderen ein Mehr an Leistungfähigkeit. 6. In 
späteren Zeitlagen läfst sich nach den Feststellungen die Arbeitsgüte 
durch verlangsamtes Arbeiten erhalten. 7. Es läfst sich nach Ansicht 
von K. einrichten, dafs auf Schüler, die besonders leicht er¬ 
müden, im Unterrichte weitgehende Rücksicht genommen wird. 8. Als 
besonders geeignete physiologische Arbeitsbedingungen bezeichnet 
K. ausreichenden Schlaf, Bäder und Spaziergänge; durchaus unge¬ 
eignet für geistige Arbeit ist dagegen eine vorhergehende körperliche 
Ermüdung, wie sie u. a. durch das Turnen herbeigeführt wird.— Die 
nähere Begründung der obigen Sätze nebst ausführlicherer Darstellung 
beabsichtigt K. in einer demnächst erscheinenden besonderen Abhandlung 
über »Ermüdungs-Messungen an Schülern« zu geben. 

Frkft. Generalanz. 


Rezensionen. 

Physiologie, Pathologie und Pflege der Neugeborenen. Von 
Privatdocent Dr. M. Lange. Leipzig, C. G. Naumann, 1897. Preis 
2 Mark 50 Pf. 

Das Lange’sche Werk bildet Nr. 107—111 der »medicinischen 
Bibliothek für praktische Aerzte«, auf welche wir hier wiederholt als ein 
litterarisches Unternehmen hinweisen wollen, das in den ärztlichen Kreisen 
rasch grofse Verbreitung gefunden hat. 

Verf. verfolgt mit seinem Buche nicht den Zweck, jede normale 
oder krankhafte Lebensäufserung zu besprechen, wie dies der Titel 
vermuten lassen könnte. Er berücksichtigt in demselben nur diejenigen 
Erscheinungen und Krankheiten, welche bei Neugeborenen entweder 
ausschliefslich oder unter besonderer Form beobachtet werden; es ist 
also prinzipiell alles ausgeschlossen, was sich nicht allein auf die ersten 
Lebenstage bezieht. Gestützt auf reiche eigene Erfahrung und unter 
eingehendster Berücksichtigung der Litteratur — wobei es besonders 
wertvoll erscheint, dafs Verf. die benutzten Quellen zitiert — ist es 


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69 


L. gelungen, uns ein so klares und ausführliches Bild über die Schä¬ 
digungen, die die Neugeborenen in den ersten Lebenstagen betreffen, 
zu geben, wie dies seither nicht existierte. Das Buch füllt daher eine 
bisher bestandene Lücke in möglichst vollkommener Weise aus. 

S. 

Lehrbuch der Kinderkrankheiten. Von Dr. C. Gerhardt, neu 
bearbeitet von Privatdocent Dr. O. Seifert. 1. Bd. V. Aufl. Tü¬ 
bingen, H. Laupp, 1897. Preis 8 Mark. 

Seit dem Jahre 1881, in welchem die 4. Aufl. des bekannten und 
beliebten Gerhardt’schen Lehrbuches der Kinderkrankheiten erschien, ist 
dasselbe nicht neu bearbeitet worden. Nachdem Seifert hierzu der Auf¬ 
trag geworden, ist dasselbe unter Zugrundelegung seines eigenartigen 
Charakters völlig neu gestaltet worden, entsprechend den grofsartigen 
Fortschritten, die seitdem die gesamte Medicin, und nicht zum wenig¬ 
sten die Kinderheilkunde, aufzuweisen hat. Der vorliegende erste Band 
enthält einen allgemeinen Teil, die Krankheiten der Neugeborenen, die 
Infectionskrankheiten und die Krankheiten der Circulationsorgane. Das 
Buch reiht sich den in letzter Zeit erschienenen Handbüchern von He- 
noch, Baginsky, Vogel-Biedert u. A. in würdigster Weise an und darf 
als eines der besten seiner Art betrachtet werden. S. 

Belladonna (Atropa Belladonna) als Heilpflanze. Eine botanisch¬ 
medizinische Studie von Dr. A. Michaelis. Berlin, Pionier A. G., 
1897. Preis 1 Mark. 

In 6 Kapiteln schildert Verf. in eingehendster Weise die für den 
Heilschatz so wichtige Belladonna, von der er sagt: »Ihre grofsen Heil¬ 
kräfte können uns mit ihrer Giftigkeit versöhnen.« Es ist eine inter¬ 
essante und lehrreiche Abhandlung, deren Lektüre einen grofsen Genufs 
gewährt und uns manches Neue und Schätzenswerte über diese Heil¬ 
pflanze kennen lehrt. S. 

Das Pflanzenreich. Ein Handbuch für den Selbstunterricht für alle 
Pflanzenfreunde, Von Prof. Dr. K. Schumann und Dr. E. Gilg. 
Neudamm, J. Neumann, 1897. Preis 6 Mk. 

In leicht verständlicher, aber doch durchaus wissenschaftlich ge¬ 
haltener Darstellungsweise führen uns die Verff., von den niedersten Pflanzen¬ 
formen ausgehend, unter Zugrundelegung des. natürlichen (Engler’schen 
Systems) schrittweise durch alle nur einigermafsen wichtigen Pflanzen¬ 
familien bis zu den höchststehenden Repräsentanten der Pflanzenwelt. 
Dabei sind nicht nur rein systematische Details besprochen, sondern es 
werden sehr oft auch pflanzenphysiologische Thatsachen berührt und 
erläutert. Eine besonders ausgiebige Berücksichtigung haben die Kultur- 
und Medizinalpflanzen erhalten. 6 sehr schöne Farbendrucktafeln und 
480 Abbildungen im Text bilden einen hervorragenden Schmuck des 
Werkes und erleichtern den Selbstunterricht wesentlich. Jedem Ge¬ 
bildeten, insbesondere aber dem Arzte, der gerade in der Botanik meist 
so sehr viel von dem Gelernten vergifst, wird das Werk eine sehr 
willkommene Anleitung zum Selbstunterricht in der Botanik sein. 

S. 


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70 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Nach Munck erweist sich dasTannoform in folgenden Fällen 
von Nutzen: 1. Bei frischen nicht umfangreichen Wunden und bei ober¬ 
flächlichen Geschwüren. 2. Bei nässenden Ekzemen, Intertrigo und 
Exkoriationen. 3. Bei Fufsschweifsen durch kein anderes Mittel zu 
ersetzen. 4. Bei gewöhnlicher Ozaena und Rachenkatarrhen. 5. Bei 
Diarrhoen, Darmblutungen und Hämorrhoidalknoten. 

(Wien, ärztl. Ctrlanz. 97.) 

— Hegar empfiehlt zur Diagnose der Peritonitis tuber- 
c u 1 o s a die Untersuchung per vaginam oder per rectum. Man fühlt an der 
hinteren Uterusfläche, im Douglas’schen Raum, längs der Articul. sac- 
roiliaca, längs der Douglas’schen Falte und im paravaginalen Gewebe 
kleine, oft zahlreich vorhandene Knötchen von der Gröfse eines Hanf- 
komes, einer Erbse, Bohne oder noch gröfser, die sich zuweilen auf 
ihrer Unterlage verschieben lassen. Sie sitzen entweder am Bauchfell 
auf, oder sie befinden sich im Bindegewebe und gehören dann geschwellten 
Lymphdrüsen an. (Dtsch. med. Wochenschr. 97.) 

— Carniferrin ist eine leicht resorbierbare Verbindung von 
Eisen mit Fleischextrakt, welches in Pulverform gerne genommen und 
rasch resorbiert wird, nach den Erfahrungen von Königsschmied. Tages- 
Dosis für Kinder 0,2—0,3 in Wasser aufgelöst und auf 3—4 Teile 
geteilt. (Wien, ärztl. Ctrlanz. 97.) 

— Nach Tschernoff ist die Chlorose bei Kindern eine Folge 
sehr verschiedener Ursachen; in erster Linie kommen Störungen des 
Digestionstraktus in Betracht, sodann anatomische oder funktionelle 
Läsionen der Leber, der Milz und Nieren; auch nervöse Reizbarkeit 
oder Ueberreiztheit spielen eine Rolle in der Entstehung der Chlorose. 

(Jahrb. f. Kdhlkde. 97.) 

— Stifler kommt in einem auf der Baineolog. Versammlung 
gehaltenen Vortrage zu dem Schlüsse, dafs künstliche Bäder nur 
in sehr beschränktem Mafse ein Ersatz für die natürlichen Heilbäder 
sind. Die technischen, ökonomischen und hygienischen Schwierigkeiten 
lassen gewöhnlich nur einen aushilfsweisen Gebrauch zu. Zu einer for¬ 
mellen Kur eignen sich künstliche Bäder nicht. Spiegelberg. 

— Statistik der Diphtherie im Pariser Kinderhospital im 
Jahre 1^96. Von Sevestre. Diese Statistik umfafst alle im Laufe des 
Jahres 1896 in den Diphtherie-Pavillon des Trousseau-Hospital mit Diph¬ 
therie oder auf Diphtherie verdächtig aufgenommenen Kinder, von denen 
eine grofse Zahl nicht an Diphtherie wirklich erkrankt war, wie sich 
nach einigen Tagen durch die bakteriologische Untersuchung und die 
klinische Beobachtung ergab. Die Mortalitätszahlen umfassen alle Kinder, 
welche entweder an Diphtherie oder an Bronchopneumonie, Masern, 
Scarlatina, Keuchhusten oder Tuberkulose starben. Es wurden auf- 


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71 


genommen 833 Kinder und starben 147, davon 99 innerhalb der ersten 
24 Stunden, es ergiebt sich also eine Gesamtmortalität von 17,24% 
und eine reduzierte von 12,29%. Hierbei sind mitgezählt die später 
als nicht diphtheritisch erkannten Anginen: 140 Kinder von d?n 26 = 
18,56 % starben. 

Die Kroupfälle betrugen 388, von denen 145 nicht operiert wurden 
und 14 starben = 9,65 %. Von den 218 Intubierten starben 71 = 32,56% 
Mortalität. Die übrigen 25 wurden tracheotomirt, und starben 71 = 68 %. 
(La m6d. mod. 97.) Drews (Hamburg). 

— Hepatic cirrhosis of childhood; intercurrent 
typhoid fever death from acute yellow atrophy. VonPowell. 
Bei einem 6-jährigen Kinde entwickelte sich im Anschlufs an 
eine bestehende Lebercirrhose, deren Ursache nicht angegeben, akute 
gelbe Leberatrophie. Bei Entstehung dieser bildete ohne Zweifel ein 
interkurrenter Typhus eine wesentlichen Faktor. Die Atrophie der vor¬ 
her vergröfserten Leber war 10 Tage vor dem Erscheinen des Ikterus 
und 37 Tage vor dem Tode nachweisbar. (The Brit. med. Journ. 97). 

v. Boltenstern (Bremen). 

— Das Peronin ist nach Eberson ein sehr gutes Ersatzmittel des 
Morphiums, welch’ ersteres nie Intoxikationserscheinungen erzeugt. Man giebt 
Kindern soviel Milligramm, als sie Jahre zählen. Zur Korrektur des 
bitteren Geschmacks giebt man es in Syruplösung, Pulverform oder 
Tabletten, letztere beide in Oblaten gefüllt. (Ther. Mtsh. 97). 

— Audibert hat bei der Asphyxie der Neugeborenen be¬ 
sonders gute Resultate gesehen, wenn er mit der künstlichen Athmung 
die subkutane Injektion einer halben Pravaz’schen Spritze Aether verband. 

(La sem. m6d. 97). 

— Bel in berichtet von der Strafsburger Kinderklinik, dafs die 
Serumtherapie auf die Mortalität diphtheriekranker Kinder daselbst 
sehr günstig eingewirkt hat. Dabei wurden ernstlichere Schädigungen 
durch das Serum nicht konstatiert. Seine Einwirkung auf die Nieren 
ist nicht von Bedeutung. Hingegen meint er, dafs seit Einführung der 
Serumtherapie postdiphtherische Lähmungen und Rezidive häufiger 
geworden seien. (Münch, med. Wochenschr. 97). 

— Fünf Fälle von nervösem, bronchialem Asthma bei 
Kindern. Von KIssel. Verfasser kommt nach Beschreibung von 
fünf typischen Fällen und nach kritischer Besprechung der Litteratur zu 
dem Resultat, dafs das Asthma bronchiale auch bei Kindern eine rein 
nervöse Krankheit sei und weder mit Rachitis in Zusammenhang stehe, 
noch, wie vielfach angenommen werde, mit Erkrankung und Vergröfserung 
der Bronchialdrüsen. (Arch. f. Kdhlkde. 98). 

Klautsch (Halle a. S.). 


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/ 



72 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 

Arzneiformen für das Thiol: 
Rp. Thiol. liquid. 

Aq. destillat. aa 15,0 
DS zum Aufpinseln. 

Rp. Thiol. sicc. pulv. 25,0 
DS zum Aufstreuen. 

Rp. Thiol. liquid. 20,0 
Glycerin. 10,0 
DS zum Aufpinseln. 

Rp. Thiol sicc. pulv. 5,0 
Amyl. Tritic. 20,0 
Tale. ppt. 5,0 
MDS Streupulver 
Rp. Thiol. liquid 5,0 
Adip. suil. 45,0 
Mf. ungt. 

Rp. Thiol. liquid. 5,0—10,0 
Vaselin 20,0 
Lanolin 70,0 
Mf. ungt. 

Rp. Thiol. sicc. pulv. 5.0 
Collod. 95,0 
solv. 

DS äusserlich. 

Kleine Mitteilungen. 

— Der 16. Congrefs für innere Medicin findet unter dem 
Vorsitz von Geh. San.-Rat Prof. Dr. Moritz Schmidt vom 13.—16. April 
d. J. in Wiesbaden statt. Folgende Themata sollen zur Verhandlung 
kommen: 1) Am 13. April: Ueber den medicinisch-klinischen Unterricht. 
Referenten: Prof. Dr. v. Ziemssen-München und Prof. Dr. v. Jaksch- 
Prag; 2) am 15. April: Ueber intestinale Autointoxicationen und Darm- 
Antisepsis. Referenten: Prof. Dr. Müller-Marburg und Prof. Dr. Brieger- 
Berlin; 3) über den gegenwärtigen Stand der Behandlung des Diabetes 
mellitus. Referent: Prof.Dr. Leo-Bonn. — Aufserdem sind noch eine Reihe 
von Vorträgen und Demonstrationen aus dem Gebiete der inneren Medicin 
angemeldet Weitere Anmeldungen von Vorträgen, ferner von Apparaten, 
Instrumenten, Präparaten u. s. w., soweit sie für die innere Medicin von 
Interesse sind — dieselben werden zu einer Ausstellung vereinigt wer¬ 
den — nimmt der ständige Sekretär des Congresses, San.-Rat Dr. Emil 
Pfeiffer, Wiesbaden, Parkstr. 9 b , entgegen. 

— Unter dem Namen Pilulae roborantes Seile werden durch 
Apotheker Seile in Kosten Pillen aus dem Blute und Fleischsaft von 
Rindern hergestellt, von welch’ ersteren 3 Stück die Salze von 2 g Blut und 
1 g Muskelfleisch enthalten. Nich Zacharius wirken diese Pillen vortrefflich 
bei acuter und chronischer Anaemie, bei Chlorose und allgemeinen 
Schwächezuständen (für Erwachsene 3 mal tgl. 3 Stück). 

Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


Rp. Chloral. hydrat 10,0 
Acid. carbol. 

Tct. jod. aa 5,0 
MDS mittels einer weichen 
Bürste aufzutragen. 
Chloasma, Epheliden. 
(Ctrbl. f. d. ges. Ther.) 
Rp. Sublimat, corros. 1,0 
Sapon. virid. 80,0 
Ol. Lavandul. 4,0 
Spir. Lavandul. 200,0 
MDS auf die kranken 
Hautpartien einzureiben, 
ohne Abtrocknen. Nach 
3 Tagen ist ein Bad zu 
nehmen. 

Pityriasis versicolor. 
(Rev. int. de th6r. et 
pharm.) 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

heriusgegeben 

▼om 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 100. Leipzig, I. April 1898. IX. iahrg. Heft 4. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Baron, Zur Casuistik der Petroleumvergiftungen im 
Kindesalter. (73). — Referate: Contal, Infektionskrankheiten. (76). — Monti, 
Diphtherieheilserum. (76). — Belin, Diphtherieheilserum (77). — Slaryk, Diphtherie¬ 
heilserum. (79). — Jürgensen, Masern. (80). — Seitz, Scharlach. (81). — Szalardi, 
Syphilis. (82). — Gisler, Tuberkulose. (83). — Desnen, Bronchopneumonie. (84). — 
Vergely, Gastroenteritis. (84). — Adriotaki, Nephritis. (84). — Bezy, Hysterie. (86). 
— Berthold, Plötzliche Todesfälle. (87). - Comby, Schlaflosigkeit. (88). — Buch, 
Lakenabreibungen. (89). — Schröder, Bad der Neugeborenen. (90). — Kraus, Kufeke’s 
Kindermehl. (90). — Laaser, Adenoide Wucherungen. (91) — Gesundheitspflege: 
Neue Desinfektionsmethode. (91). — Rezensionen: Schleich, Schmerzlose 

Operationen. 3 . Aufl. (92). — Lueddeckens, Ein Beitrag zur sicheren Behandlung 
von Rachendiphtherie ohne Serum. (93). — Taussig, Ernährung und Pflege 
des Kindes bis zam Ende des 2. Lebensjahres. (94). — Kurze Notizen 
aus der Praxis und Wissenschaft (94). — Rezeptformeln für die 
Kinderpraxis (95). — Kleine Mitteilungen. (96). 


Beitrag zur Kasuistik der Petrolumvergiftungen im Kindesalter. 

Von Dr. med. C. Baron, Kinderarzt in Dresden. 

Ueber Petroleumvergiftungen bei Erwachsenen giebt es bereits eine 
verhältnismälsig grofse Zahl von Beobachtungen, aus* denen hervorgeht, 
dafs die Symptome, unter welcher die Intoxikation verläuft, einesteils 
abhängig sind, von der Art und Weise, durch welche das Erdöl dem 
Körper einverleibt wurde (ob durch Einatmung, durch Aufnahme durch 
die Haut oder durch den Mund), andrerseits aber ganz wesentlich auch 
von der Qualität des Petroleums, d. h. davon, ob dasselbe einen gröfseren 
oder geringeren Gehalt an »leichten« oder »schweren« Oelen hatte. 
Eine verhältnismäfsig untergeordnete Bedeutung scheint die Menge des 
aufgenommenen Oeles zu haben. Die nach Einatmung von Petroleum¬ 
gasen, namentlich wenn dieselben bei mangelhafter Zufuhr von 

Qfr Klntffr-Arst Heft 4. 18»8. 


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74 


frischer Luft sehr konzentriert waren, auftretenden Erscheinungen 
ähneln nach Lewin denen bei Leucht- und Grubengasvergiftungen; sie 
beginnen mit einer gewissen Euphorie, führen aber bald unter Cyanose, 
Schwindel, Kopfschmerz und Erbrechen zu Bewufstlosigkeit. Nach einer 
energischen Einreibung mit Petroleum, die ein Mann zur Beseitigung 
der Krätze vorgenommen hatte, sah Lassar ausgedehnte Oedeme der 
Haut, Ascites und Albuminurie auftreten, welche Erscheinungen bis zu 
dem 4 Mon. später erfolgten Tode anhielten. Nach innerlich ge- 
nommmenen Gaben traten bei den verschiedenen Kranken teils gastro¬ 
intestinale, teils nervöse resp. cerebrale Symptome auf, deren Schwere 
und Zahl jedoch mehr von einer gewissen Idiosynkrasie und der Qualität 
des genossenen Oeles als von der Quantität abhängig zu sein schienen. 

Was nun die Fälle von Petroleumvergiftungen bei Kindern anlangt, 
so sind bisher nur einige wenige beobachtet worden. Ausführlich be¬ 
richtigt über eine solche Johannessen. d*e ein 2 jähr. Mädchen betraf, 
das unter zunehmender Somnolenz und starken Respirationsbeschwerden 
wenige Stunden nach Aufnahme einer unbekannt gebliebenen Menge 
Petroleum zu Grunde ging. Die Autoskopie ergab eine ausgedehnte 
Atelectase der Lungen, sowie Hyperämie der Bronchien, aber »keine 
pathologisch-anatomische Veränderungen, von denen man annehmen 
konnte, dafs der Tod durch sie herbeigeführt worden sei«. Im Anschlufs 
an diese Veröffentlichung teilt Conrad eine Beobachtung mit, bei welcher 
ein nicht ganz 2 jähr. Knabe ebenfalls nach dem Genüsse einer un- 
kontrollierbaren Quantität Erdöl mit Benommenheit, erhöhter Atemfrequenz, 
herabgesetzter Temperatur und beschleunigter Herzthätigkeit erkrankte, 
welche Erkrankung aber nach wenigen Tagen mit Genesung endete. 
Anknüpfend an diesen Fall hat Conrad die in der Litteratur niederge¬ 
legten Veröffentlichungen zusammengestellt und noch 5 derartige Fälle 
gefunden, die sämtlich Kinder im Alter von 11 Monaten bis 2 x / 2 Jahren 
betrafen und alle mit Heilung endeten. Ich bin heute in der Lage diesen 
6 Fällen einen neuen hinzuzufügen und lasse in Kürze die betr. Kranken¬ 
geschichte folgen: 

Am 5. Februur d. J., wurde ich Nachmittags zu dem 5 / 4 Jahre alten 
Kinde Erna B. gerufen, welches, nachdem es tags zuvor eine unbekannte 
Menge Tinte getrunken hatte, am Morgen des betr. Tages eine ca. 50 gr be¬ 
tragende Quantität amerikanischen Petroleums aus einer defekten Nacht¬ 
lampe genossen hatte. Das Mädchen hatte darnach viel gehustet und 
längere Zeit tief dunkelblaurot ausgesehen. Die von den Angehörigen 
unternommenen Versuche das Kind durch Darreichung von lauer Milch, 
warmen Oel, Salzwasser und schliefslich Seifenlösung zum Brechen zu 
bringen, waren lange ohne Erfolg geblieben und erst gegen 3 Uhr Nach¬ 
mittags erbrach es eine geringe Menge stark nach Petroleum riechender 
Flüssigkeit. Auf einen Einlauf hin waren kurz nach 3 Uhr 3 nicht mit 
Petroleumgeruch behaftete Stühle erfolgt. 

V4 5 Uhr sah ich das Kind und konnte folgenden Status aufnehmen: 
Mittelgrofses, kräftig gebautes Kind von gutem Panniculus. Deutlich 
cyanotische Hautfarbe. Sensorium benommen. Pupillen mittelweit, träge 
auf Licht reagierend. Im Mund und Rachen keine sichtbaren Ver¬ 
änderungen. Atem exquisit nach Petroleum riechend, stertorös und 
stark beschleunigt (58 p. m.) Ueber den Bronchien mittel- und fein- 


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75 

blasiges Rasseln. Puls 162, unregelmäfsig hinsichtlich Zahl und Stärke 
der Schläge. T. i8.5 in ano. 

Die Therapie bestand zunächst in ausgiebiger Auspülung des 
Magens, welche durch mehrmaliges Erbrechen unterbrochen wurde. Erst 
nachdem reichlich 4 Liter durchgelaufen waren, konnte man in der Spül- 
flüsssigkeit keinen Petroleumgeruch mehr wahmehmen. Kurz nach dieser 
Mafsnahme wurde ein warmes Bad mit nachfolgender Ganzpackung ver¬ 
abfolgt, sowie starker schwarzer Kaffe und Kampher c. Acid. Benz, aa 
0.025 erst stündlich, später zweistündlich verordnet. 

Um 6 Uhr Abends war bereits das Bewufstsein klarer, der Puls 
jedoch noch unregelmäfsig 156 p. m. Der Atem roch noch stark nach 
Petroleum; die Respiration war aber nicht mehr so sehr beschleunigt (45). 
Ein während meiner Anwesenheit nach Klysma entleerter Stuhl zeigte 
charakteristischen Petroleumgeruch. T. 38.9. 

Abends 10 Uhr T. 39.1. Allgemeinbefinden besser. Puls ziemlich 
regelmäfsig. Auch die Flatus deutlich nach Petroleum riechend. 

6. /2. Vorm. 10 Uhr. Das Kind hat leidlich geschlafen. T. 37.2. P. 132, 
kräftig und regelmäfsig. Atem noch riechend und noch etwas beschleunigt 
(40). Der heute morgen gelassene Urin war klar, roch nicht nach 
Petroleum und zeigte Spuren von Eiweifs. Die früh 1 j 2 8 Uhr entleerten 
Faeces hatten noch charakteristischen Erdölgeruch. 

Nachm. 6 Uhr. Das Kind ist noch matt, aber bei klarem Bewufst- 
sein. T. Puls und Atmung wieder normal. Das Kind hat zu essen ver¬ 
langt und das anscheinend mit Appetit Genossene auch bei sich be¬ 
halten. Ordination: laues Bad mit folgender Leibpackung. 

7. Februar. Bei meinen Besuche kam mir das Kind an der Hand der 
Mutter entgegenlaufen. Es hat vorzüglich geschlafen, spielt wieder und 
der heute morgen entleerte Stuhlgang zeigt wieder normalen Geruch. 
Appetit gut. Atmung und Herzthätigkeit normal. 

Ca. 8 Tage später besuchte ich das Kind nochmals; es war völlig 
gesund. 

Dieser Fall gleicht in vielen Punkten sehr dem von Conrad be¬ 
richteten, namentlich auch was die Beschleunigung und Erschwerung der 
Respiration anlangt. Ob jedoch diese Erscheinungen als eine spezifische 
Wirkung des Petroleums auf die Lunge, und zwar als Folge einer durch 
dasselbe verursachten Hyperämie des Lungengewebes anzusehen sind, 
wie es Conrad thut, oder ob sie nicht ungezwungener aus der bekannten 
Wirkung des Petroleums auf das Centralnervensystem, spez. auf das 
Atemcentrum, zu erklären sind, und ob die Hyperämie nicht als sekun¬ 
däre Erscheinung zu deuten ist, möchte ich z. Z. noch unentschieden lassen. 

Auf der anderen Seite zeigt unser Fall, dafs die Resorption des 
Petroleums vom Magen resp. Darm aus nur ziemlich langsam erfolgt. 
Dafür spricht einerseits der Umstand, dafs noch verhältnismäfsig grofse 
Mengen desselben durch die Magenausspülnng entfernt wurden, andrer¬ 
seits aber auch die Thatsache, dafs der 7 Stunden nach Genufs des 
Erdöls entleerte Stuhl noch keinen Petroleumgeruch zeigte. Schneller 
scheint das Gift in die Blutbahn aufgenommen und durch die Lungen 
ausgeschieden zu werden. Ob sich einzelne Petroleumsorten hinsichtlich 
der Resorptionsverhältnisse verschieden verhalten ist bisher nicht nach¬ 
gewiesen, scheint mir aber nach dem verschiedenen Ausgangle unseres 


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*6 


Falles und dem von Johannessen (dieser ereignete sich in Kopenhagen) 
nicht ganz undenkbar. 

Immerhin wird man aus dieser Erfahrung die Vorschrift entnehmen 
können, auch in solchen Fällen, in denen schon längere Zeit seit dem 
Genüsse des Petroleums vergangen ist, noch den Versuch zu machen, durch 
reichliche Ausspülung des Magens den schädlichen Inhalt zu entfernen und 
damit die Möglichkeit einer baldigen Wiederherstellung zu erhöhen. 


Referate. 

Über die Luftkur bei Infektionskrankheiten der Kinder. Von Contal. 

(Thöse de Paris 1897 — Nach e. Refer. d. Therap. Wochenschr.) 

Angeregt durch die günstigen Erfolge, welche Prof. Hutinel mit 
dem systematischen Gebrauch der Luftkur bei Infektionskrankheiten der 
Kinder erzielt, hat C. diese Idee weiter verfolgt und ist dabei zu fol¬ 
genden bemerkenswerten Resultaten gelangt: Die Luftkur ist für alle 
langsamen und subakut verlaufenden Infektionen des Kindesalters geeig¬ 
net: hereditäre Lues, Atrophie, Keuchhusten, lange sich hinziehende 
Masern, langdauernde Bronchopneumonie, chronische Magendarminfek¬ 
tionen, Rhachitis usw. Die Technik ist sehr einfach. Sobald die schöne 
Jahreszeit beginnt, etwa von Mai ab, werden die Kinder der Luft aus¬ 
gesetzt. Des Morgens werden sie in ihrem Bettchen in den Garten 
gebracht und bis gegen 6 Uhr Abends daselbst gelassen. Hier bleiben 
sie im Schatten, vor zu grellem Licht und reflektiver Wärme geschützt. 
An den Bäumen werden auf Eisendrähten Vorhänge angebracht, welche 
gewissenmafsen ein nach oben offenes Zimmer abgrenzen. Für ungün¬ 
stigere Witterung werden sogar nach vorn offene, nach oben bedeckte 
Leinwandzelte hergestellt. Die wichtigsten Resultate dieser Behandlung 
sind: Zunahme der Milchmenge, welche die Kinder zu sich nehmen, 
Zunahme des Körpergewichts und Verschwinden des Fiebers. So fiel 
z. B. bei einer nach Morbil. aufgetretenen Bronchopneumonie die Tem¬ 
peratur, welche sich am 24. Krankheitstage noch auf ca. 39° hielt, am 
1 . Tage der Luftkur auf 37°. Bemerkenswert ist aufserdem die Beob¬ 
achtung bei einem 3 jähr. cachektischen und anämischen, der Tuberkulose 
verdächtigen Kinde, welches in weniger als 3 Monaten nach einander 
Bronchopneumonie, Keuchhusten und Masern bekam; trotzdem wurde 
es unter dem Einflüsse der Luftkur dauernd geheilt. S. 

Heilerfolge des Heilserums bei Diphtherie^ Von Monti. (Archiv f. 

Kinderheilkunde. 24. Bd., I. u. II. Heft.) 

M. unterscheidet drei verschiedene klinische Krankheitsbilder und 

zwar: 

1 . die fibrinöse Form, bei welcher die Diphtherieprodukte auf der 
Schleimhaut blofs aufgelagert sind; 

2. eine Mischform, auch phlegmonöser oder diphtherischer Croup 
genannt, bei welcher die fibrinösen Exsudate sowohl auf die Schleimhaut 
anfgelagert, als in deren Gewebe eingelagert sind, wo eine reichliche 
Jnvasion von sehr virulenten Löffler'sehen Bazillen stattgefunden hat 


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77 


3. die septische, gangränöse Form, bei welcher eine fibrinöse Pseu¬ 
domembran tief ins Gewebe der Schleimhaut eingelagert ist, wo die 
Nekrose des Gewebes und die Durchmischung der abgestorbenen Ge- 
websteile mit den diphtherischen Produkten das Wesen des Prozesses 
darstellen, wobei massenhafte sehr virulente Löffler’sche Bazillen gleich¬ 
zeitig mit zahlreichen zur Sepsis führenden Bakterien auf die Schleimhaut 
wirken. 

Von 249 von M. mit Heilserum behandelten Fällen gehörten 140 
der ersten, 88 der zweiten und 21 der dritten Form an. 

Eei der ersten Form betrug die Mortalität 5,7 Proz. — Wird bei 
derselben das Serum in genügender Menge angewendet, so beobachtet 
man konstant ein Abfallen der Temperatur, eine Besserung des Allge¬ 
meinbefindens, rasche Lösung des Membranen und eine wesentliche 
Abkürzung der Krankheitsdauer. Seitdem M. grössere Mengen Anti¬ 
toxineinheiten und in kurzen Zwischenräumen an.endet, stellen sich die 
Resultate bei der fibrinösen Diphtherie auch in schwereren Fällen bei 
Mitergriffensein des Larynx günstiger. 

Nicht so günstig gestalten sich die Resultate bei den Fällen der 
zweiten Gruppe, bei denen die Mortalität 19,2 Proz. betrug. Wohl kann 
man durch das Heilserum, wenn es in genügend grofsen Gaben ange¬ 
wendet wird, den Krankheitsverlauf beeinflussen und damit günstigere 
Erfolge erzielen als durch jede andere Behandlungsmethode; allein die 
Krankheitsdauer wird hierbei stets eine längere sein, die Folgezustände 
werden, wenn vielleicht auch in geringerem Masse als bei anderen Be¬ 
handlungsmethoden, doch eintreten und eine gewisse Mortalität bedingen. 

Gelangen solche Fälle möglichst frühzeitig zur Behandlung, so mö¬ 
gen auch günstige Resultate zu erzielen sein, kommen sie aber erst nach 
2 —3 Tagen zur Beobachtung und hat bereits die Einwirkung der Toxine 
und Streptokokken auf den Organismus stattgefunden, so mufs der Ein- 
flufs des Heilserums sich geringer gestalten. Bei dieser Form der Diph¬ 
therie wird die Mortalität sich immer auf einer gewissen Höhe erhalten, 
wiewohl auf einer geringeren als vor der Serumtherapie. 

Am ungünstigsten sind die Ergebnisse der Heilserumtherapie bei 
der septischen Form. Es starben 76 Proz. Man mufs hier mit einem 
bescheidenen Heilungsprozent zufrieden sein, da solche Fälle eben erst 
zu einer Zeit in Behandlung kommen, wo sämtliche Erscheinungen der 
Sepsis bereits entwickelt sind. 

Prophylaktisch hat M. in 25 Fällen 500—600 Antitoxineinheiten 
verwendet und hat in keinem Falle eine nachträgliche Erkrankung an 
Diphtherie beobachtet. 

Die üblichen Zufälle bei der Serumbehandlung, v ie Exantheme, 
Albuminurie, werden, wie aus M.’s Versuchen hervorgeht, nicht durch 
das Antitoxin bewirkt, sondern sind nur Folge der Einwirkung der im 
Pferdeserum enthaltenen Eiweifskörper. Schnell, Egeln. 

Über die Serumtherapie bei Diphtherie. Von Bel in. (Aus der Strals- 

burger Kinderklinik von Prof. Dr. Kohts. Münch, med. Wochenschr. 
1897, 42.) 

Aus der gröfstenteils statistischen Arbeit wollen wir das Wich- 


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tigste hervorheben. Je nach der Schwere und der Lokalisation werden 
4 Gruppen von Diphtherieen unterschieden: 

1. Leichte Fälle, in denen vorzugsweise Mandeln, weicher Gaumen 
und hintere Rachenwand, einige Male auch die Nase ergriffen waren, die 
aber ohne wesentliche Störung des Allgemeinbefindens verliefen. 

2. Mittelschwere und schwere Fälle mit Lokalisation in Nase und 
Rachen und mehr oder weniger schweren Allgemeinsymptomen. 

3. Schwere, septische Diphtherieen. 

4. Diphtherischer Croup. 

Als Serum wurde ausschliefslich das Behring’sche verwendet, als 
Injektionsstelle wurde anfangs der Oberschenkel, in letzter Zeit die seit¬ 
liche Brustwand gewählt. Gespritzt wurde mit der Roux’schen Spritze. 
Bei der ersten Gruppe wurde meist No. I oder II verwendet, bei der 
zweiten fast ausschliefslich No. III, bei der dritten 1500—2500 J.-E., bei 
der vierten bis zu 4000 J.-E. 

Eine Wirkung der Seruminjektionen in günstigem Sinne war un¬ 
verkennbar. Trotzdem jede lokale Behandlung unterblieb, liefs sich oft 
schon 10—12 Stunden nach der ersten Injektion ein Stillstand des 
Krankheitsprozesses konstatieren. In relativ seltenen Fällen war eine 
zweite und dritte Injektion nötig, um dies Resultat zu erreichen. Je 
früher im Allgemeinen die Diphtherieen in Spitalbehandlung kamen und 
je beschränkter die lokale Affektion war, desto früher liefs sich die 
Abstofsung der Beläge warnehmen. Beim diphtherischen Croup gingen 
die stenotischen Erscheinungen entschieden schneller zurück als früher. 
Hand in Hand mit dem Stillstand der lokalen Affektion geht die Bes¬ 
serung des Allgemeinbefindens, die oft auffallend schnell eintritt. Bei 
mittelschweren und schweren Nasen- und Rachendiphtherieen, in denen 
Apathie, Somnolenz, völlige Anorexie in den Vordergiund des Krank¬ 
heitsbildes traten, war es überraschend, wie oft schon nach 12 Stunden 
solche Patienten munter, mit klaren Augen und spielend im Bette safsen 
und nach Milch verlangten. Dabei konnte noch hohes Fieber (bis 39,5) 
weiterbestehen. 

Trat innerhalb der ersten 12—18 Stunden keine wesentliche Än¬ 
derung im Befinden ein, so wurde zum zweiten, event. auch dritten Male 
injiziert. Wenn nach 48 Stunden und wiederholten Injektionen keine 
wesentliche Besserung eingetreten war, so war die Prognose in der Regel 
schlecht. Nicht in gleich günstiger Weise schienen Fieber und Puls 
beeinflufst zu werden. In vielen Fällen war allerdings Abfall der Tem¬ 
peratur ein kritischer, meist aber bestand noch während 3 oder 4 Tagen 
Fieber bis 38,5, das dann langsam bis auf das Normale sank. Ebenso 
liefs sich dann erst eine Verlangsamung der Pulsfrequenz feststellen. 

Vollständig versagt haben die Injektionen eigentlich nur in Fällen 
schwerster Sepsis. Hier ist eine Heilung nur dann wohl nicht ausge¬ 
schlossen, wenn die Serumtherapie rechtzeitig einsetzt. 

Der Verlauf der beobachteten Albuminurieen war ein gutartiger. 
Die Dauer betrug in den leichten Fällen durchschnittlich 3—4, in den 
schweren 10—14 Tage, in 5 Fällen 14 Tage bis 4 Wochen, in einem 
Falle, wo hämorrhagische Nephntis auftrat, etwa 4 Monate. 

Postdiphtherische Lähmungen und Recidive haben seit der Serum¬ 
periode erheblich zugenommen. Schnell, Egeln. 


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Ober Immunisierung kranker Kinder mit Behring’s Heilserum. Von 
Slawyk. (D. m. W. 1898, 6.) 

Während Hausinfektionen mit Diphtherie in früheren Jahren auf 
der Kinderklinik des Charite - Krankenhauses zu Berlin trotz aller Vor- 
beugungsmafsregeln immer wieder auftraten, sind dieselben völlig ver¬ 
schwunden, nachdem vom Jahre 1895 ab regelmäfsige Schutzimpfungen 
aller Kinder mit Behring’s Heilserum durch den Leiter der Klinik ein¬ 
geführt wurden. Da die Beobachtung bald ergab, dafs der Immunisier¬ 
ungsschutz für die Verhältnisse eines Krankenhauses etwa 21 Tage 
vorhält — die dem Heilserum beigegebenen Gebrauchsanweisungen ent¬ 
halten noch immer die unrichtige Angabe, dafs 200 Immunisierungsein¬ 
heiten auf 8 Wochen Diphtherieschutz verleihen — wurden vom Januar 

1896 ab die Kinder einer 3 wöchentlichen Wiederimpfung unterzogen. 
Die Methode hat sich seit nunmehr 2 Jahren bewährt; Hausinfektionen 
mit Diphtherie sind nicht wieder aufgetreten. Dieser positive Beweis 
für die Schutzkraft des Heilserums ist um so einwandsfreier, als keinerlei 
hygienische Veränderungen, welche die Übertragungen hätten verringern 
können, in der Beobachtungszeit vorgenommen wurden. Da die Zahl 
der Aufgenommenen auch nicht geringer als in früheren Jahren, und die 
Schwere der Fälle die gleiche gewesen ist, so besteht die Annahme nicht 
zu Recht, dafs die diphtheritischen Erkrankungen in den letzten Jahren 
viel leichter geworden seien und hieraus die Abnahme der Diphtherie¬ 
mortalität zu erklären sei. Dafs es in der ganzen Zeit gelang, die Klinik 
seuchenfrei zu erhalten trotz der stets darin vorhandenen schweren 
Diphtheriefälle, ist sehr wahrscheinlich den regelmäfsigen Immunisierungen 
zu danken. 

Um zu beobachten, ob die angebliche »Milde« des jetzt waltenden 
Genius epidemicus die Klinik auch ohne Immunisierungen verschont 
lassen werde, und ob fortlaufende Immunisierungen aller Krankenhaus¬ 
insassen für entbehrlich zu halten seien, wurden von Anfang Oktober 

1897 an die prophylaktischen Immunisierungen der Kinder auf der nicht 
infektiösen Abteilung der Klinik ausgesetzt. Aber schon Anfang November 
erkrankte ein idiotisches herz- und nierenkrankes Kind der Hauptstation 
an der sogen, larvierten Form der Diphtherie und bald darauf die beiden 
in den Nachbarbetten des zuerst erkrankten Kindes untergebrachten 
Kinder, welche an einer tuberkulösen Lungenaffektion litten. Eine vierte 
Erkrankung betraf ein Kind der Masemabteilung, welches nicht rechtzeitig 
nach 21 Tagen neu immunisiert worden war. Bei allen 4 Kindern hat 
es sich um Diphtherie gehandelt, was bei Fall 1 und 4 neben dem 
kulturellen Verfahren auch durch die Obduktion und das Tierexperiment 
sichergestellt werden konnte. Nachdem diese 4 Fälle mit Aufhören der 
Versuche wieder vorgekommen waren, wurden sofort die Schutzimpfungen 
wieder vorgenommen mit dem Erfolge, dafs bis jetzt seit 2*/ 2 Monaten 
keine Diphtherieübertragungen wieder vorkamen. Seit Einführung der 
3 wöchentlichen Einspritzungen sind rund 500 Kinder h74 mal in dieser 
Weise geimpft worden und kein einziges ist an Diphtherie erkrankt. 
Es sollten daher in Heilanstalten, in denen Diphtherieübertragungen nicht 
sicher zu verhüten sind, die Kinder vor diesen durch Schutzimpfungen 
bewahrt werden mit einer Heilserumdosis von 200 Immunisierungsein- 
heiten = 0,8 ccm. Nachteilige Wirkungen sind bei diesen kleinen 


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Mengen nicht zu befürchten. Jugendliches Lebensalter oder schwere 
Erkrankungen, ausgenommen kurz sub finem vitae, geben keine Kontra¬ 
indikation ab. Kl aut sch, Halle a./S. 

Die Hydrotherapie der Masern. Von Jürgensen. (Monatsschrift für 
prakt. Wasserheilkunde 1897, 11.) 

Eine systematisch durchgeführte antipyretische Behandlung ist für 
die Mehrzahl der Fälle nicht geboten. Unter Umständen ist sie er¬ 
forderlich. 

1. Man muls eingreifen, wenn bei rasch einsetzenden, hohe Werte 
erreichenden Temperatursteigerungen schwerere Hirnerscheinungen sich 
zeigen: Unbesinnlichkeit, Delirium, Krämpfe. Man wählt am besten eine 
Begiefsung mit kaltem Wasser — nicht über 15° C. — von kurzer Dauer, 
etwa x / 2 —2 Minuten. Besonders ist Kopf und Nacken zu bedenken. 

Bessern sich die Hirnerscheinungen nicht, so gebe man jüngeren 
Kindern Bäder von 20—25° C., älteren etwas kühlere, zunächst nur von 
etwa 5 Minuten Dauer; gegen das Ende des Bades lasse man eine 
kurzdauernde Begiefsung des Kopfes und des Nackens mit möglichst 
kaltem Wasser folgen. Der Körper des Badenden ist stark zu frottieren; 
dem beendeten Bade läfst man eine kräftige trockene Abreibung folgen. 
Vor und nach dem Bade ist die Darreichung von Wein sehr anzuraten. 

2. Eingreifen ist geboten, wenn neben höheren Temperaturen aus¬ 
gedehnte Bronchitis vorhanden ist. Hier kann man durch die der Höhe 
der Körpertemperatur angepafsten Wärmeentziehungen, denen aber immer 
kalte Begiefsungen des Rückens und der Brust hinzuzufügen sind, schöne 
Erfolge erzielen. Die Behandlung braucht nur so lange durchgeführt zu 
werden, wie das Fieber sich auf der Höhe hält. 

3. Erleichterung gewähren Bäder bei leichtem Verlaufe der Masern 
dem Fiebernden in den Abendstunden. Man giebt sie von 28° bis 
höchstens 33° C. und von 10—lö Minuten Dauer. Danach wird der 
Schlaf ruhiger und auch wohl der Hustenreiz etwas gemildert. 

Von gröfserer Bedeutung ist die Behandlung der Erkrankungen der 
Luftwege. Bei heiserem, bellenden Husten ist der Kopf des Kranken 
höher zu lagern; man giebt warme Milch, schleimige Abkochungen zum 
Gurgeln, die Nasenhöhle mufs frei gehalten werden; man mufs den 
Dampfgehalt der Zimmerluft erhöhen. Daneben ist der Priefsnitz’sche 
Halsumschlag mit warmem Wasser zu empfehlen, welcher höchstens 
3 mal im Laufe von 24 Stunden zu wechseln ist. — Steigern sich die 
Beschwerden, dann läfst man ein 15—20 Minuten langes warmes Bad 
nehmen und reibt die Haut des darin Verweilenden kräftig. Bei stär¬ 
keren stenotischen Erscheinungen ist die einmalige Anwendung des 
Brechmittels, und falls dieses versagt, die Operation geboten. 

Der beginnenden Bronchitis capillaris ist bei höherem Fieber mit 
den erwähnten Mafsregeln entgegen zu treten. Sinkt die Körperwärme 
unter die Norm, darf natürlich keine Wärmeentziehung stattfinden. Aber 
tiefe Atemzüge müssen ausgelöst werden. Man begiefst mittels eines 
nur zentimeterdicken Strahles möglichst kalten Wassers den Hinterkopf 
in der Gegend, wo die Medulla oblongata liegt, nach unten von der 
Spina occipitis externa. Das ist — jede Begiefsung soll nur wenige Se¬ 
kunden dauern — in Zwischenräumen von 15—20 Sekunden höchstens 


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10 mal zu wiederholen. Dabei darf kein gröfserer Abschnitt der Brust 
oder des Rückens mit dem Wasser in Berührung kommen. Gelingt es, 
die Kranken über die äufserste Gefährdung zu bringen, dann wird man 
später ausgiebigere Begiefsungen in einem dem Stande der Körperwärme 
angepafsten Vollbade anwenden können. 

Kann man die erwähnten Manipulationen nicht anwenden, mufs der 
kalte Umschlag aushelfen. Die Arme sind dabei freizulassen. Wickelt 
man den ganzen Rumpf ein, so mufs man die Abkühlung der Füfse durch 
Einhüllung in warme Tücher etc. verhüten. Gewöhnlich sind die stark 
ausgerungenen Leintücher alle halbe Stunden zu erneuern. Läfst die 
Häufigkeit der Atmung nach, fühlen sich die Stirn und der Bauch nicht 
mehr brennend heifs an, tritt Schlaf ein, dann ist die Wiederholung so 
lange aufzuschieben, bis diese Erscheinungen aufs neue sich zeigen. 

Was die Hautpflege während der Rekonvalescenz anbetrifft, so 
läfst J. täglich ein warmes Bad nehmen, bis das Bett verlassen ist. 

Schnell, Egeln. 

Über Scharlach. Von C. Seitz. (Münch, med. Wochenschr .1898, 3.) 

Auf Grund einer zusammenfassenden Betrachtung des Beobachtungs¬ 
materials an Scharlach aus den letzten 10 Jahren der Universitätskinder¬ 
poliklinik im Reisingerianum zu München empfiehlt Verf. in Betreff der 
dabei auftretenden, klinisch so vieigestaltigen Halsaftektionen, die noch 
häufiger als Nierenerkrankungen der Ausgangspunkt deletärer weiterer 
Komplikationen sind, folgende Behandlungsmethoden. Da die sogen. 
Scharlachdiphtherie mit der ächten Diphtherie nichts zu thun hat, so ist 
auch die allgemeine Anwendung der Serumtherapie bei scarlatinösen 
Rachenbelägen nicht zu befürwoiten. Verf. legt grofses Gewicht von 
Anfang der Krankheit an, gleichviel, ob Beläge im Rachen sind oder 
nicht, auf regelmäfsige Reinigung der Rachenhöhhle in 2—3 ständigen 
Intervallen durch Gurgelungen oder Spülungen mit indifferenten Mitteln 
(Salzwasser, Borax etc.) besonders auch bei fieberhaften und soporösen 
Kranken. Sind in den ersten Tagen Beläge im Rachen sichtbar, so em¬ 
pfiehlt es sich, dieselben mit dem Wattepinsel, natürlich ohne jede Ge¬ 
waltanwendung, wegzuwischen und die betreffende Stelle dann mit 3—5- 
proz. Karbolwassei gleichfalls durch Wattepinsel zu behandeln. Kündigen 
übelriechende Ausflüsse aus Nase und Mund das Vorhandensein ernsterer 
Affektionen in Nase und Rachen an, so sind gleichfalls Spülungen auch 
der Nase indiziert, zur Entfernung der Massen, zur Freimachung der 
Luftwege, weiter helfen sie aber nicht. 

Wenn die Streptokokken von den ursprünglichen Ansiedelungsstätten 
in Rachen und Nase zu den Hauptdrüsen vorgedrungen sind, so bedrohen 
sie alsbald mit einer Invasion die verschiedensten Organe des Körpers, 
vor allem die Blutbahn. Zur Bekämpfung dieser deletären Komplikation 
hat Heubner das ursprünglich von Taube empfohlene Verfahren der 
methodisch fortgesetzten Karbolinjektionen in das Gewebe der Tonsillen 
und des weichen Gaumens in die Praxis eingeführt und damit sehr be¬ 
achtenswerte Erfolge erzielt. Auch Verf.’s Beobachtungen stimmen mit 
diesen Erfahrungen überein. Unverkennbar trat in allen Fällen ein symp 
tomatischer Effekt insofern auf, als bald nach der ersten Injektion eine 


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auffällige Erleichterung der Schluckbeschwerden für mehrere Stunden 
resultierte, aus der anästhesierenden Wirkung der Karbolsäure. Meistens 
schon nach der zweiten Injektion begann das vorher kontinuierlich hohe 
Fieber zu remittieren, und die Empfindlichkeit und Schwellung der Kie- 
ferwinkellymphdrüsen ging oft überraschend schnell zurück, damit ein¬ 
hergehend successive Besserung des Allgemeinbefindens. Eine Gefahr 
für dis Nieren resultiert nicht. Verf. macht bei bestehender Nephritis 
Ka< bclinjektionen, wobei der Eiweifsgehalt täglich zurückging. Zuweilen 
sieht man Karbolham; die Erscheinung zessiert jedoch mit Aussetzen 
der Injektionen. Die Einspritzung verursacht keine anhaltenden Schmer¬ 
zen. Die Ausführung der Injektion erheischt keine weitere Assistenz als 
die der Mutter oder Pflegerin. Zweckmäfsig verwendet man dazu die 
schon von Taube angegebene Spritze mit 6 cm langer anzuschraubender 
Kanüle, welche etwa 1 / 2 cm unterhalb der Spitze eine kleine Scheibe 
aufgelötet trägt, um tieferes Eindringen (Gefäfsverletzung) zu verhüten. 
Es wird täglich eine Injektion von 1 ccm 3proz. Karbolsäure gemacht, 
diese jedoch auf mehrere Einstichstellen verteilt; die Einspritzungen 
werden so lange fortgesetzt, bis die Temperatur sich nicht viel mehr 
über die Norm erhebt und die Drüsenschwellungen zurückgehen; dieses 
geschieht zumeist in 3—8 Tagen. Die Ausheilung des lokalen Prozesses 
im Rachen erheischt längere Zeit und erfordert event. noch Spülungen 
und Gurgelungen. Die Indikation zum Beginn der Injektionen ist gegeben, 
wenn am Ende der ersten Woche das Fieber hoch bleibt, bezw. wieder 
ansteigt und die zunehmende Anschwellung der Halslymphdrüsen den 
Sitz der Ursache anzeigt; auch in Fällen der zweiten Woche noch lassen 
sich schöne Erfolge erzielen, so lange nicht Entzündungen der Lunge und 
serösen Häute eine allgemeine Streptokokkeninvasion vermuter lassen. 

Klautsch, Halle a./S. 

Die Behandlung der Syphilis congenita in Findelhäusem. Von M. 

Szalardi. (Wiener klin. Rundsch 1898, 9.) 

Bekanntlich ist Syphilis hereditaria bei Säuglingen eine sehr schwere 
Erkrankung, welche bei künstlich ernährten Kindern unbedingt tötlich 
ist. Dem Verf. ist es gelungen, einen grofsen Prozentsatz dieser Kinder 
am Leben zu erhalten. 

Im Landesfindelhause zu Budapest werden Kinder nur mit ihren 
Müttern aufgenommen und in seltenen Fällen (auf der Strafse gefundenen 
Kinder, Kinder schwer kranker Mütter) ohne die Mütter. Jede Mutter 
stillt im Institute nur ihr eigenes Kind. Die Frauen kommen gewöhnlich 
8—10 Tage nach ihrer Entbindung in die Anstalt und bleiben daselbst 
durchschnittlich, wenn sie und ihr Kind gesund sind, 3 Wochen. 

In der Anstalt ist die post - konzeptionelle Lues congenita selten. 
Es kommen meistens nur solche Fälle vor, wo der Vater luetisch war 
und die Mutter durch die Schwängerung eines luetischen Kindes nicht 
infiziert, sondern nur gegen Lues immun wurde. Die geborenen Kinder 
sind also schon zur Zeit der Konzeption infiziert worden und die Krank¬ 
heit dauert bei ihnen schon 8—9 Monate. Die Erscheinungen, die das 
Kind bietet, entsprechen auch den Symptomen der acquirierten Syphilis 
in dieser Krankheitsperiode. Einige Tage nach der Geburt findet man 
bei genauer Beobachtung, dafs die Kinder elend entwickelt sind, rhachitisch, 


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blutarm, wachsgelb und trotz genügender Nahrung Stagnation des Ge¬ 
wichts. Es treten auch hartnäckige Erytheme, Seborrhoe auf. Tertiäre 
Erscheinungen, wie Hautabschilferungen an den Sohlen, Fingern und 
Zehen, Rhagaden an den Lippen, Papeln an verschiedenen Theilen des 
Körpers* kupferrote rundliche Geschwüre an den Extremitäten, Pemphigus, 
Psoriasis an der Sohle und Handfläche sind hier eben so selten, wie 
in dieser Periode bei der acquirierten Syphilis. Diese Erscheinungen 
treten manchmal erst nach Monaten, ja sogar erst nach Jahren auf, ohne 
dafs jemals sekundäre Erscheinungen beobachtet worden wären. Das 
Kind hat eben die sekundäre Periode im Mutterleibe überstanden. 

Das einzige Heilmittel der Syphilis congenita ist wie bei der ac¬ 
quirierten Syphilis: Die Schmierkur, täglich 1 g ung. einer. In seltenen 
Fällen, namentlich dort, wo diese nicht vertragen wird, Sublimat-Bäder 
und intern 0,01 Calomel. 

Sind die Kinder an der Brust, so vertragen sie Merkur sehr gut 
und ein grofser Prozentsatz wird relativ geheilt. 

Sind alle Symptome geschwunden und erfolgt eine tägliche Ge¬ 
wichtszunahme, so wird es mit der Mutter in die Kolonie gesendet, wo 
die Mutter das Kind weiter stillt. Die Mutter erhält monatlich 10 fl. 
Unterstützung und mufs alle 14 Tage das Kind in der Anstalt vorstellen. 
Hat nun eine luetische Mutter ihr Kind lange genug gestillt, so wird 
dasselbe entwöhnt und sie erhält ein anderes luetisches Kind zum 
Stillen. 

Szalardi hat nachgewiesen, dafs die Muttermilch im Laufe der 
Stillungszeit sich qualitativ nicht ändert, so dafs einer einjährigen Amme 
ein achttägiges Kind zum Stillen übergeben werden kann, und umge¬ 
kehrt ein sechs Monate altes Kind von einer achttägigen Amme gestillt 
werden kann, vorausgesetzt, dafs die Quantität der Milch genügend ist. 

Auf solche Weise ist es möglich, luetische Kinder, deren Mütter 
zum Stillen ungeeignet sind, mit Ammen zu versorgen. 

Dr. Goldbaum-Wien. 

Die Behandlung der Tuberkulose in specie der Drüsen- und Knochen¬ 
tuberkulose mit Sapo viridis. Von Gisler. (Vortr. geh. in der 
med. Ges. zu Basel. — Correspondbl. f. Schw. Aerzte. N. 20/1897. 
Nach e. Ref. der Therap. Wchschr.) 

G. hat im Ganzen 115 Fälle von Tuberkulose mit Sapo viridis 
behandelt, und zwar mit 32,2 °/ 0 Mifserfolg, 49,1 °/ 0 Besserung und 
28,9 °/ 0 Heilungen. Durchschnittlich kamen auf einen Ungeheilten 51, 
auf einen gebesserten 92, auf einen Geheilten 102 Einreibungstage. Die 
Fälle von Knochentuberkulose heilten durchschnittlich rascher als die 
der Weichteiltuberkulose. Man beobachtet während der Behandlung 
Hebung des Allgemeinbefindens, insbesondere Besserung des Appetits, 
Zurückbildung der Drüsenschwellungen, Schmelzung ohne Zerfall, Deutlicher¬ 
werden einzelner Drüsenpackete, Zurückbildung von tuberkulösen Ge¬ 
lenkschwellungen, Versiegen und Heilung kariöser Fisteln, Resorption 
pleuritischer oder peritonitischer Exsudate, in einigen Fällen Zurück¬ 
bildung von Lungeninfiltrationen. Das Verfahren besteht darin, dafs ein 
kastaniengrofses Stück Salbe in etwas lauem Wasser jeden Tag an 
einer anderen Körperstelle eingerieben und nach einer halben Stunde 


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abgewaschen wird. Man benutzt Sap. virid., Sap. kalin. venal., event. 
auch Schmierseife, hergestellt durch ein tierisches Fett, an Stelle der 
offizinellen Ol. Lin., z. B. Leberthran. An Stelle der Einreibung kann 
man auch Priefsnitzumschläge mit Spirit, saponato.-kalin. machen. Was 
die Wirkungsweise betrifft, so ist nicht an eine Erhöhung der Blut- 
alkalescenz zu denken, eher aber an die günstige Wirkung der Massage, 
unterstützt und gefördert durch die Resorption bewirkende Eigenschaften 
der Schmierseife, sowie an die durch die Einreibung hervorgerufene 
Hautreizung und dadurch bewirkte Beeinflussung der Wärmeregulierung, 
Blutverteilung und Drüsensekretion. S. 

Traitement de la broncho-pneumonie des enfants. Von Desmons. 
(Gaz. des höpit. 1898 N. 2l). 

Die Anwendung heifser Bäder (85°), ev. auch Senfbäder empfiehlt 
Verf. bei Bronchopneumonien; selbst während schwerster Masern- und 
Keuchhustenepidemien konnte er eine nicht unerhebliche Herabsetzung 
der Mortalität unter dieser Behandlung beobachten. Das Hauptgewicht 
legt er auf möglichst frühzeitige Verwendung von zwei- bis dreistünd¬ 
lichen Bädern je nach der Schwere des Falles. Er sah nicht allein Er¬ 
krankungen eine abortive Form, sondern auch die schwersten, fast aus¬ 
sichtslosen Fälle einen günstigen Verlauf annehmen. Einen besonders 
schweren Fall erörtert Verf. eingehend. Masempneumonie: sehr hohe 
Temperaturen (41,6°) äufserst beschleunigte Respiration, Delirien, Cyanose, 
Unfähigkeit, irgend welche Nahrung zu nehmen. Stündliche Senfbäder 
schafften, zuerst geringer und weniger anhaltend, Besserung: Sinken der 
Temperatur, Verlangsamung der Respiration, Rückkehr des Bewufstseins. 
Nach dem 4. Bade zweistündliche Fortsetzung der Medication. Nach 
2 Tagen Rekonvalescenz. v. Boltenstern, Bremen. 

La gastro-entörite avec acetonurie chez les enfants. Von Vergely. 
(Gaz. d. höpit. 1898 N. 2.) 

Digestionsstörungen gehen bei Kindern o r t mit Bildung von Aceton, 
Acetessigsäure und /?-Oxybuttersäure einher, welchen eine besondere 
prognostische Bedeutung abgeht, solange von Seiten anderer Organe, 
wie Leber, Niere, Lunge, Nervensystem keine schweren Symptome 
bestehen. Die Substanzen verdanken ihre Entstehung vielleicht der Ein¬ 
wirkung von Mikroorganismen auf Eiweifs- oder Zuckerstoffe der Nahrung 
in Darm oder dem Uebertritt von albuminoiden Substanzen und Fett 
in das Blut bei leerem Darm durch Autophagie. Solche Digestions¬ 
störungen mit Acetonurie bei Kindern verlangen Vermeidung von Fleisch¬ 
nahrung, dagegen Verabreichung von Kohlehydraten, vorzüglich in akuten 
Perioden. Zudem sind entleerende Mittel, Purgantien und Emetika, Alkalien, 
Glyzerin etc. indiziert, wenn es sich um diabetische Erscheinungen 
handelt. v. Boltenstern, Bremen. 

Primäre akute Nephritis beim Kinde. Von Andriotaki. (La 
medicine moderne No. 7. — Allg. Wiener medic. Wochenschrift. 
No. 6. 1898). 

Verf., der durch 4 Jahre in verschiedenen Spitälern Griechen¬ 
lands und in Konstantinopel als Zahnarzt thätig war, hatte Gelegenheit, 


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eine Anzahl von kranken Kindern mit primärer akuter Nephritis zu 
beobachten. Durch seine auf der Insel Halki bei Rhodos gesammelten 
Erfahrungen hält er sich in Uebereinstimmung mit Comby zu dem Aus¬ 
spruch berechtigt, dafs die akute primäre Nephritis im Kindesalter eine 
gutartige Krankheit ist, die in den allermeisten Fällen einen günstigen 
Verlauf nimmt. 

Die infantile Nephritis kommt häufig vor und ist unschwer zu 
diagnostizieren; sie befallt die Kranken zumeist in voller Gesundheit, 
ohne dafs eine Infektionskrankheit vorangegangen wäre und verdient da¬ 
her mit Recht den Namen: Nephritis acuta genuina s. primitiva. A. 
beobachtete 12 Fälle dieser Krankheit, acht Knaben und vier Mädchen 
im Alter von 2—10 Jahren. Viermal unter diesen Fällen hatte die 
Krankheit mit einer Pharyngitis oder einem Nasenrachenkatarrh be¬ 
gonnen, bei den anderen acht Kranken haben felgende Symptome die 
Aufmerksamkeit auf diese Krankheit gelenkt: Aufgedunsenes Gesicht 
und Oedeme der unteren Extremitäten. Was das ätiologische Moment 
betrifft, beschuldigten die Angehörigen der Patienten stets eine Er¬ 
kältung. 

Vom ärztlichen Standpunkte aus mufs die Erkältung nur als ein 
Moment angesehen werden, das eine Schwächung des Organismus be¬ 
wirkt, insbesondere dessen Widerstandskraft gegen die Mikroorganismen 
vermindert, die sich stets in der Mundhöhle in Ueberzahl vermindern 
und deren Virulenz, wie wir wissen, sich steigern kann, wenn der Orga¬ 
nismus aus irgend einer Veranlassung oder in Folge irgend eines Ein¬ 
flusses in seiner Resistenz geschwächt wird. Vor langen Zeiten hat 
unser unsterblicher Hippokrates die Aeusserung gemacht: »Der Mensch 
ist krank von seiner Geburt an.« 

Bei der acuten primären Nephritis mufs man die Entstehung der 
Krankheit der schädlichen Einwirkung der Mikrorganismen zu schreiben, 
die in der Mundhöhle in aufserordentlich grofser Anzahl Vorkommen. 
In der Mundhöhle mufs man also den Ursprung der pathogenen Mikro¬ 
organismen und der Entzündung der Nieren suchen. 

Die Symptome, die A. in allen Fällen fand, waren: Aufgedunsenes 
Gesicht, Oedeme der Extremitäten, spärlicher Urin, dunkle Färbung 
desselben und Eiweifsgehalt des Harns. Die Kranken klagten über 
Kopfschmerz, über anderweitige Schmerzen, die sie nicht zu localisiren 
wufsten, Schlaflosigkeit, allgemeines Uebelbefinden, welches die Um¬ 
gebung stets schreckte. 

Eine streng durchgeführte Behandlung führte stets zu einer stufen¬ 
weise erfolgenden Abnahme sämmtlicher Symptome. A. hat vor allen 
anderen eine gewöhnliche Desinfektion des gastro-intestinalen Schläuches 
vorgenommen. Nachdem er den Organismus durch ein Abführmittel 
von den Toxinen befreit hatte, verschrieb er Benzonapthol, Salol, Natr. 
bicarbonicum. Als locales revulsives Mittel verwendete er trockene 
Schröpfköpfe in der Lumbalgegend die er manchmal wiederholte; 
äufserlich liefs er Balsam. Fierranti einreiben, 2—3 mal täglich. Gegen 
die Anurie verordnete er Bäder. 

Dank dieser Medication und der absoluten Milchdiät, sowie Bett¬ 
ruhe verschwand die Albuminurie rasch, in derselben Zeit auch die 
anderen Symptome und die völlige Genesung trat in weiterer Folge ein. 


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A. hatte Gelegenheit, die Kranken noch lange nach ihrer 
Entlassung aus der ärztlichen Behandlung zu beobachten. Ungeachtet 
der ungünstigen Lebensverhältnisse aller dieser Kranken trotz der ganz 
unpassenden Ernährung konnte A. in keinem Falle ein Rezidiv nach- 
weisen. 

Der Autor führt aus seinen Beobachtungen besonders einen Fall an, um 
zu zeigen, dafs trotz sehr ungünstiger Bedingungen die Krankheit dennoch 
einen guten Ausgang nehmen kann. Der Fall betraf einen fünfjährigen 
Knaben, der alle Erscheinungen einer akuten primären Nephritis auf¬ 
wies. Die von A. angeordneten Vorschriften, als Milchdiät, ruhiges Ver¬ 
halten etc. wurden nicht befolgt. Das kranke Kind ging herum, wieder¬ 
holt begegnete ihm A. bei seinen Gängen in Halki. Nach einigen 
Tagen bringt man das Kind wieder zu ihm. Ungeachtet aller mangeln¬ 
den Pflege und Alltagskost waren die Oedeme verschwunden und bestand 
keine Albuminurie mehr. Das Kind war zu seinem gröfsten Erstaunen 
genesen. 

A. schliefst seine Mitteilung mit den Worten: Die primäre acute 
Nephritis ist eine gutartige und bei strenger Einhaltung der gehörigen 
Behandlungsvorschriften leicht heilbare Krankheit. In den allermeisten 
Fällen hinterläfst die Krankheit keinerlei üble Folgen. — 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Infantile Hysterie. Von Bezy. (Congrös frangais des m6dicins aliö- 
nistes ä Toulouse August 1897. La möd. moderne 1897 No. 63.) 

Die infantile Hysterie zeigt sich in drei Formen: als konvulsive 
Hysterie, als nicht konvulsive Hysterie und als Hysterie, welche mehr 
oder weniger spezielle Krankheiten vortäuscht. 

Die konvulsive Hysterie kann charakterisiert sein durch Anfalle, 
die bald bei einem Kinde auftreten, dessen hysterische Natur man kennt, 
bald bei einem, welches man für gesund hält; in dem letzteren Fall 
sind diese Anfalle das erste Zeichen der nervösen Erkrankung. Bei 
einer grofsen Anzahl von Fällen können die konvulsiven Erscheinungen 
partiell und beschränkt sern, z. B. bei der Chorea electrica, der Tussis 
convulsiva, dem Stottern und Schnüffeln etc. 

Die nicht konvulsive Hysterie verrät sich durch verschiedene Er¬ 
scheinungen, von denen einige oft Vorkommen, wie Paralysen, Kontrak¬ 
turen und hysterische Krämpfe, psychische Störungen, Somnambulismus 
etc., und andere selten sind, wie Anorexie, Zittern, Hämorrhagien, Pseudo¬ 
angina pectoris etc. 

Die hysterischen Paralysen können von Muskelatrophie begleitet 
sein. Sie beginnen im Allgemeinen im 9. oder 10. Jahre und befallen 
verschiedene gleichmäfsige Teile des Körpers (Hemiplexie, Paraplexie) 
c der ungleichmäfsige und erscheinen oft früher als alle anderen hysteri¬ 
schen Symptome. 

Die Kontrakturen sind oft auch von Atrophie begleitet, die plötz¬ 
lich und häufig auftreten und oft das einzige Symptom der infantilen 
Hysterie bilden. Sie können auftreten nach einem Trauma und es be¬ 
steht dann eine Beziehung des Punktes, der das Trauma erlitt und 
dem Sitz der Kontraktur, aber niemals eine Beziehung zwischen dem 
Moment des Traumas und dem Zeitpunkt des Erscheinens der Kontrak- 


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tur. Bei den Kontrakturen sind die Spasmen oft undeutlich lokalisiert 
und zuweilen wenig sichtbar wegen ihres anatomischen Sitzes (Globus 
hystericus, Tetanie, partielle Kontrakturen des Abdomens). 

Die psychischen Störungen bei der infantilen Hysterie bestehen in 
einer mehr oder weniger deutlichen Veränderung des Charakters und 
einer steten Tendenz zur Verstellung und zur Lüge, die im Wachen 
und in der Hypnose durch eine Suggestion herbeigeführt werden kann. 
Das Zeugnis eines der Hysterie verdächtigen Kindes darf nur mit grofser 
Reserve aufgenommen werden, Die Steigerung der psychischen Störungen 
kann zu einer delirirenden Form der Hysterie führen und in seltenen 
Fällen zum hysterischen Wahnsinn mit maniakalischer Excitation. 

Der Somnambulismus ist immer ein Zeichen von offenbarer Hyste¬ 
rie bei Kindern und kann auftreten bei Kindern ohne irgend ein Zeichen 
von Hysterie (natürlicher Somnambulismus) oder bei Kindern mit hyste¬ 
rischen Symptomen (hysterischer Somnambulismus). Bei der letzteren 
Form kann dem somnambulen Anfall ein konvulsiver Anfall vorhergehen. 

Die infantile Hysterie täuscht oft andere Krankheiten vor, wie 
Hüftgelenkentzündung, Malum Potti, Skoliose, Meningitis, infantile Para¬ 
lyse, Tabes etc. 

Die Hysterie tritt gewöhlich sowohl bei Knaben wie bei Mädchen 
zwischen dem 8.—15. Jahre auf, oft zwischen 5 und 8 Jahren und manch¬ 
mal vor dem 5. Jahre. Die ersten Erscheinungen der Krankheit sind 
oft sehr deutlich und genügend, um die Aufmerksamkeit des Arztes zu 
erregen: konvulvise Anfälle, können aber auch undeutltch sein und in 
allgemeinem Unwohlsein, Schwindel, Nasenbluten, Erbrechen, Globus 
hystericus, Delirien, Pseudokeuchhusten, Schluckauf etc. bestehen. Die 
Hauptursache der infantilen Hysterie ist die Erblichkeit, ferner Gemüts¬ 
erregungen, Erziehung und Ansteckung. Traumen scheinen mehr lokale 
Hysterien zu erzeugen. Infektionskrankheiten können bei Kindern eben¬ 
so wie bei Erwachsenen in gewissen Fällen Hysterie erzeugen. 

Die Diagnose der Hysterie, welche beim Erwachsenen durch den 
Nachweis von Stigmata (hysterogene Zonen, anästhetische und hyper¬ 
ästhetische Zonen, Einengung des Gesichtsfeldes) erleichtert ist, ist bei 
Kindern schwierig. Die Untersuchung der Sensibilität, welche eine ge¬ 
wisse Intelligenz voraussetzt, giebt hier unsichere Angaben. Die Unter¬ 
suchung des Gesichtsfeldes ist viel schwieriger als bei einem Erwachse¬ 
nen und die hypnotische Suggestion kann nur in seltenen Fällen ange¬ 
wandt werden. Ausserdem zeigt die infantile Hysterie oft nur ein 
Symptom, sodass man gezwüngen ist, hiernach die Diagnose zu stellen. 
Die Diagnose ist hier sehr schwer. 

Die Prognose ist im allgemeinen günstig, da die Hysterie bei 
Kindern leicht erkennbar und daher rechtzeitig zu behandeln ist. Weniger 
günstig ist die Prognose, wenn das Kind stark erblich belastet ist. 

Die Behandlung beschränkt sich auf strenge Prophylaxis, Hygiene, 
Isolierung, Hydrotherapie, Valeriana und besonders Suggestion im Wachen. 

D r e w s - Hamburg. 

Ueber plötzliche Todesfälle der Kinder spez. der Säuglinge.* Von 
Berthold. (Archiv f. Kinderheilkunde 24. Bd. H. 3 u. 4.) 

Verf. bespricht zunächt diejenigen Fälle, in welchen eine idio- 


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pathische Thysmushypertrophie die Ursache des plötzlichen Todes 
wurde, und erwähnt im Anschlufs an die Fälle früherer Autoren, welche 
teilweise durch die Sektion sichergestellt worden sind, einige eigene, 
allerdings Mangels der Obduktionsbefunde nur bedingungsweise zu ver¬ 
wendende Beobachtungen. In therapeutischer Beziehung ist bemerkens¬ 
wert, dafs bei einem Kinde von Rehn eine vergröfserte Thymusdrüse 
intra vitam diagnosticirt und nach Eröffnung des Mediastinum anticum 
teilweise exstirpirt wurde, wndurch sofort die drohende Suffokation be¬ 
seitigt wurde. Aufser der idiopathischen Thymushypertrophie trägt 
aber auch der sogenannte Status lymphaticus die Schuld an plötzlichen 
Todesfällen, bei welchen sich neben Blässe der rfaut und reicher Fett¬ 
entwickelung, Schwellungen der Lymphdrüsen, der Milz und der Thymus¬ 
drüse vorfinden; hierbei spielt aber die Hauptrolle eine übergrofse Sen¬ 
sibilität des Nervensystems, shockartige Erregungen, die sich bis zur 
Syncope steigern können. 

Bei Säuglingen kann aber aufserdem ein plötzlicher Erstickungstod 5 
eintreten durch eine sehr starke Beugung des Kopfes und Halses nach 
hinten (z. B. im Bett) wodurch die Trachea vollkommen — in ver¬ 
hängnisvollen Fällen bis zum völligen Verschlufs — abgeplattet werden 
kann. Klautsch, Halle a. S. 

Behandlung der Schlaflosigkeit im Kindesalter. Von Comby. (M6d. 

mod. N. 32. 1897. Nach e. Ref. d. Corresp. f. Schw. Aerzte No. 15, 08). 

Wenn Säuglinge schlecht schlafen, weil sie schlecht ernährt sind 
und an Verdauungsstörungen leiden, so hat man in der Regelung 
der Diät und Behandlung der Dyspepsie die besten Mittel zur 
Beseitigung der Schlaflosigkeit und kann die Hypnotica völlig ent¬ 
behren. Ebenso beruht bei gröfseron Kindern, welche bereits an den 
gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilnehmen, die Hauptbehandlung der 
Schlaflosigkeit in der Regelung der Diät. Zu verbieten sind vor allem 
Wein, Liqueure. Kaffee und Thee. Als Getränk soll das Kind Milch 
und Wasser erhalten und zwar höchstens 200—250 g pro Mahlzeit. 
Die Abendmahlzeit soll leicht sein: eine etwas dicke Suppe mit einer 
Tasse Milch oder Wasser genügt. Einige Kinder schlafen schlecht, weil 
man ihnen zu viel Fleisch giebt; Fleisch soll nur einmal täglich zum 
Mittagessen gestattet werden. In anderen Fällen wieder essen die 
Kinder zu viel und zu oft; die Zahl der Mahlzeiten ist auf 3 zu 
reduzieren und zu verbieten Kuchen und Backwerk zum Abendessen. 

Besteht trotz tadelloser Diät die Schlaflosigkeit weiter, so ist eine Heilung 
durch nervöse Sedation anzustreben. Zunächst sind die physikalischen 
Heilmittel zu versuchen, insbesondere die lauwarmen Bäder von 34° C 
und 15—20 Minuten Dauer. Diesen Bädern können Kleie, Stärke oder 
Lindenblüten zugesetzt werden. In andern Fällen wirken kurzdauernde, 
frische Bäder, kalte Waschungen, selbst Douchen günstig. Endlich bei 
vorhandener, wohlcharakterisierter, zentraler Ueberreizbarkeit, bei Kindern 
von 3—5 Jahren, werden nasse Einpackungen von 2 Stunden Dauer, 
zweimal täglich, gute Dienste leisten. 

•Erst falls diese Mafsnahmen versagen sollten, hann man zu den 
Schlafmitteln seine Zuflucht nehmen. Als anodyne Schlafmittel sind zu 
nennen: Infuse von Lindenblüthen, Orangeblüthen uno namentlich das 


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Destillat derselben, die Aqua Naphae; Dosen von 20—60 g dieses 
Mittels, abends gegeben, bewirken häufig einen die ganze Nacht an¬ 
dauernden Schlaf. Diese Mittel sind aber nicht immer zuverlässig. 
Opium in fraktionirten Dosen ist nur in den Fällen anzuwenden, wo 
die Schlaflosigkeit durch Husten, Koliken, Darm- und Bauch¬ 
schmerzen verursacht ist. Die Bromalkalien sind am Platze bei Neu¬ 
rosen mit cerebraler Ueberrzeizung, wie Chorea, Hysterie, Epilepsie. 
Sie sind in Dosen von 0,1 g pro Altersjahr in Milch oder Zuckerwasser 
zu geben. In ähnlicher Weise und in gleichgrofsen Dosen ist auch das 
Antipyrin zu verordnen. Will das Kind die verordneten Mittel nicht 
schlucken, so sind sie per Klysma zu verabreichen. Aqua Laurocerasi 
(10 gtt. pro Altersjahr) Syrup. oder Tct. Belladonnae (lg des ersteren, 
2 gtt. des zweiten pro Altersjahr) können gleichfalls versucht werden. 
Das zuverlässigste Hypnotikum ist indefs das Chloral: in mässigen Dosen 
(0,05 g pro Altersjahr) ist es ungefährlich; in grolsen Dosen beobachtet 
man eine deprimirende Wirkung auf das Herz. In den Fällen von 
Schlaflosigkeit toxischen oder infektiösen Ursprungs eignet sich Chloral 
nicht. Es kann in Mixtur, Klysma oder Suppositorium verordnet werden. 

Kl autsch, Halle a. S. 

Ueber Lakenabreibungen im Säuglingsalter. Von B. Buch. Bl. f. kl. 

Hydrother. 1897. 

B. tritt der Ansicht Buxbaums, Abreibungen seien bei Säug¬ 
lingen unmöglich, entgegen, Er führt sie in folgender Weise aus: Ein 
kleines Laken (ev. Windel) wird in Wasser von der erwünschten Tem¬ 
peratur getaucht und je nach Indikation ganz nafs oder ausgerungen 
auf das durch Gummi oder Wachstuch geschützte Bett gebreitet. Man 
fafst dann das Kind mit beiden Händen, die Daumen nach vorn ge¬ 
kehrt, die übrigen Finger auf den Rücken des Kindes, so dafs die 
Aermchen an den Leib gedrückt sind (bei ganz kleinen Säuglingen, 
welche den Kopf noch nicht zu halten vermögen, wird auch dies mit 
den Fingern unterstützt) und legt es auf den linken Rand des feuchten 
Lakens so hoch hinauf, dafs der Kopf nicht mit hineingewickelt wird 
und rollt zuletzt das Kind in das Laken hinein. Die nach der Ein¬ 
wickelung zufällig oben liegende Seite wird nun warm gerieben und das 
Kind umgedreht. Die auf dem Bett aufliegende Seite ist gewöhnlich 
auch ohne Abreibung schon ganz warm geworden, weshalb Verf. vor 
dem Abreiben noch etwas Wasser nachgiefst, was ev. auch öfter wieder¬ 
holt werden kann. (In einem Fall setzte B. das Begiefsen und 
Warmreiben der vordem und hintern Körperhälfte abwechselnd 10 Min. 
lang fort, bis sich zeigte, dafs das Laken sich nur langsam erwärmte. 
Es war dieses ein Kind von l 3 / 4 Jahr mit heftigem Durchfall, bei 
welchem die Temperatur lange zwischen 40 und 41,5° schwankte und 
ein glücklicher Ausgang ausgeschlossen schien. In Folge der Abreibung 
sank die Temperatur auf 38,3 und stieg in der Folge nicht wieder über 
39,5°. Die Abreibung wurde täglich einmal, aber kürzere Zeit wieder¬ 
holt. Das Kind genafs.) Wenn die Abreibung vollendet ist, hebt man 
den äufseren Rand des Lakens in die Höhe und läfst das Kind vor¬ 
sichtig aus dem Laken herausrollen. Es wird dann in ein schon vorher 
fertig ausgebreitetes wollenes oder grobes Leinentuch in derselben Weise 


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wie in das Laken eingerollt und abgetrocknet. So kann man die Ab¬ 
reihung an den kleinsten Patienten ohne Schaden ausführen und hervor¬ 
ragende Erfolge sah B. bei Rhachitis und Durchfällen, sowie bei In¬ 
fektionskrankheiten, bei welchen die Abreibung antipyretisch wirkt. 

Schill, Dresden. 

Sollen Neugeborene gebadet werden. Von Dr. Th. Schröder. (Berl. 

klin. Wochenschr 1898. 8. 

In einem in der Hufeland’schen Gesellschaft zu Berlin gehaltenen 
Vortrage »Ueber ein Uebermafs in der Säuglingsbehandlung« befürwortet 
Neumann, bis zum Abfall des Nabelschnurrestes beim gesunden Neu¬ 
geborenen von dem bisher allgemein üblichen, täglichen Bade abzusehen, 
weil dasselbe den Heilungsverlauf dieser physiologischen Wunde wesent¬ 
lich in ungünstigem Sinne beeinflufst. Da N. zur Begründung 
dieses seines Vorschlages keine eigenen Untersuchungen oder Erfahr¬ 
ungen beibringt, sondern sich nur auf die in der Litteratur nieder¬ 
gelegten Veröffentlichungen stützt, so berichtet Verf. über das Ergebnis 
der in dieser Richtung in der Kgl Universitäts-Frauenklinik zu Halle a. S. 
in der Zeit vom 16. Feb. bis 12. Juli 1896 an 150 Neugeborenen an- 
gestellten Untersuchungen, welche bereits in der Inaugural-Dissertation 
von Anthes (Halle a. S. 1896) eingehender veröffentlicht worden sind. Verf. 
kommt im Gegensatz zu N. zu dem Ergebnis, dafs das Baden auf den 
Stoffwechsel nicht hemmend einwirke, und dafs das Badewasser an den 
Nabelinfektionen ebenso unschuldig ist, wie an der Uebertragung von 
Augenentzündungen. Wenn ängstliche Gemüter zum Baden abgekochtes 
Badewasser verwenden zu müssen glauben, um die Haut ihrer Neu¬ 
geborenen, und sei es auch nur die Umgebung der Nabelwunde, steril 
zu erhalten, so ist dagegen nichts einzuwenden. Es würde aber sehr 
bedauerlich sein (mit Recht! Ref.), wenn nunmehr den Neugeborenen 
und Säuglingen, denen bisher selbst in den ärmeren Volksschichten ein 
etwas regeres hygienisches Inreresse, wenigstens in Bezug auf die Haut¬ 
pflege, traditionell entgegengebracht wird, diese so kurze Zeit noch ver¬ 
kürzt werden sollte. Denn darüber mufs man sich klar sein: fängt man 
erst einmal an, für den ersten Tag das Bad zu verbieten, so ist die 
Folge ein sehr viel weiter gehender Schlendrian von Seiten der Heb¬ 
ammen und des Laiehpublikums. Kl autsch, Halle a. S. 

Ueber die Verwendbarkeit von Kufekes Kindermehl bei der künst¬ 
lichen Ernährung und bei Verdauungsstörungen der Kinder. 

Von E. E. Kraus (Allg. medic. Ztg. N. 10. i898). 

K. hat bei 12 Kindern Versuche mit Kufekes Kindermehl an¬ 
gestellt u. z. waren 8 Kinder im Alter von 3—5 Monate und 4 waren 
schon nach der Abgewöhnung und bekamen das Mehl als Zusatz zur 
Milch. In allen Fällen zeigte sich das Präparat als leicht verdaulich 
und die abgesetzten Kothmassen zeigten breiige Konsistenz und normale 
Farbe. Die Kinder waren bei Darreichung dieser Nahrung ruhig und 
wurden nicht von Kolik gequält. Eine zweite Serie von Kindern, bei 
denen Kraus das Kufeke’sche Mehl erprobt hatte, waren solche Kinder, 
die beim Genüsse von frischer Kuhmilch oder anderen Surrogaten der¬ 
selben, erhebliche Verdauungsstörungen und Ernährungsanomalien auf- 


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wiesen, also Kinder, bei denen eine Zersetzung der Milch im Darm 
durch Bakterien stattfand und es in Folge dessen angezeigt erschien, 
die Milchnahrung auszusetzen. Da zeigte sich die einfache nach Drews 
zubereitete Mehlsuppe*) von augenfällig günstiger Wirkung. Die Ver¬ 
dauung regeln sich bald und die krankhaften Symptome verschwanden. 
Es waren dies Fälle von subakutem und chronischem Magen-Darm- 
katarrh und von Enteritis follicularis chronica. 

In zwei prägnant ausgesprochenen Fällen von Fettdiarrhoe, in 
welchen es sich darum handelte, das Fett in der dargereichten 
Nahrung soviel als möglich herabzusetzen, hat sich das Kufeke-Mehl 
bestens bewährt, indem durch dasselbe in relativ kurzer Zeit der Aus¬ 
gleich in dieser Ernährungsstörung herbeigeführt wurde. Auch bei 
der gestörten Verdauung älterer rhachitischer Kinder, die bekanntlich 
stets zu Darmkrankheiten hinneigen, hat K. mit dem Kufekemehl als 
diätetisches Nährmittelgünstige Resultate erzielt. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Zur Operation der adenoiden Wucherungen. Von L aas er. (Allg. med. 
C.-Zeitung 1898 N. 12.) 

Vf. erörtert die zahlreichen zur Entfernung der adenoiden Wucher¬ 
ungen empfohlenen Instrument und kommt zu dem Schlüsse, daiS das 
Ideal der Operationen zum gröfsten Teil erreicht wird durch das nach 
dem Prinzip der Ringmesser gearbeitete Pharyngotonsiljotom von Schütz. 
In Verbindung mit dem Kirstein sehen Ringmesser leistet es dem prak¬ 
tischen Arzte für alle Fälle genügende Dienste. Vf. empfiehlt sodann 
ehne Narkose zu arbeiten und sie nur als Notbehelf bei äufserst stör¬ 
rischen Kindern anzuwenden. Nach der Operation wird der Nasen¬ 
rachenraum mit einer schwachen Kreolinlösung berieselt. Alsdann 
gurgelt das Kind mit einer kalten wässrigen Lösung von Kalium chloricum. 
Zu Hause wird das Kind sofort ins Bett gesteckt, darf nur flüssige 
Speisen ziemlich kühl geniefsen und mufs fleifsig gurgeln. Nach zwei 
Tagen wird der Nasenrachenraum wieder ausgespült. Neben dieser 
lokalen Behandlung leitet Vf. auch stets noch eine allgemeine Behand¬ 
lung ein. Dr. Schmey, Beuthen O.-S. 


Gesundheitspflege. 

Eine neueDesinfektionsmethode mittelst ga s förmige nF or- 
malins beansprucht eine hohe Wichtigkeit insbesondere für die häusliche 
Desinfektionspraxis. Diese Methode beruht auf den von Trillat und Aronson 
gleichzeitig (1892) entdeckten antiseptischen Eigenschaften des Formalde¬ 
hyds in Form des Formaldehydgases. Einfache, leicht zu handhabende 
Apparate, die von der ehern. Fabrik auf Akt. vorm. Schering konstruiert 
und in denen feste Formalin-(Paraformaldehyd)-Pastillen in der Weise vergast 

*) Drews bereitet diese Mehlsuppe folgendennassen: Ein gehäufter Esslöffel 
(ca. 32 g) Kufeke Mehl wird mit ein wenig warmen Wasser angerührt, bis keine 
Klümpchen mehr entstehen und dann soviel Wasser zugemischt, bis 1 Liter Flüssigkeit 
vorhanden ist. Diese Mischung wird vom Aufwellen an gerechnet 15—20 Minuten 
gekocht. Es entsteht eine dünne Suppe von würzigem Gerüche und sehr angenehmen, 
schwach süssem Malzgeschmack. 




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werden, dafs ganz gleichmäfsige selbstthätige Verteilung des gasförmigen 
Formalins erreicht werden mufs, sind imStande, zur Desinfektion sowohl von 
kleineren als auch gröfseren Wohnräumen und ganzen Wohnungen aus¬ 
reichende Menge von Formalingas zu entwickeln. Durch eine Anzahl einwand¬ 
freier Beobachtungen bedeutendef Bakteriologen ist festgestellt, dafs durch 
diese Methode nicht allein Diphtherie-Typhus- und Tuberkelbazillen, 
Streptokokken, Staphylokokken etc., sondern auch die widerstands¬ 
fähigsten Formen der Milzbrandsporen völlig vernichtet werden. Die 
Versuche haben ergeben, dafs es für die Desinfektion von Wohnräumen 
nebst frei aufgehängten Kleidern, Stoffen, Portieren etc. — für Betten, 
Matratzen und ähnliche Gegenstände bleibt der Wasserdampf stets vor¬ 
zuziehen — keine Methode giebt, die auch nur entfernt an Sicherheit 
und Einfachheit mit der Formaldehydgasdesinfektion konkurrieren kann. 
Dabei ist noch ein grofser Vorteil darin zu finden, dafs man die Zimmer 
bei der Desinfektion nicht auszuräumen braucht — ein Punkt, der in 
der Privatpraxis nicht gering anzuschlagen ist —, indem Möbel, 
Stoffe, Metallgegenstände, Farben etc. in keiner Weise durch das 
Formaldehyd angegriffen werden. Für kleinere Wohnräume und für 
Abtötung der weniger widerstandsfähigen Krankheitskeime z. B. bei 
Diphtherie, Typhus, Tuberkulose etc. (ebenso zur Desodorierung von 
Räumen) genügt der kleinere Apparat, die Formalin-Desinfektions-Des- 
odorier-Lampe >Hygiea« (Preis 3 Mark). Der gröfsere Apparat, der 
Formalin-Desinfektor (Preis 7 Mark), dient für die Zwecke der Grofs- 
desinfektion, zur vollkommenen Desinfektion und Sterilisation gröfserer 
Räume, ganzer Wohnungen und ihres Inhalts, sowie zur durchgreifenden 
Desinfektion einzelner Zimmer, bei denen es erwünscht ist, auch die 
widerstandsfähigsten Sporen abzutöten. Pro cbm nimmt man 1—2 
Pastillen, so dafs für eine durchgreifende Desinfektion für ein mittel- 
grofses Zimmer von ca 80 cbm Inhalt die Verwendung von 100—150 
Formalinpastillen genügt. Für den kleinen Apparat genügen ca. 30—40 
Pastillen. (Eine Schachtel mit 100 Pastillen kostet 3 Mark). S. 


Rezensionen. 

Schmerzlose Operationen. Von Dr. Schleich. 3. verbesserte und 
vermehrte Auflage. Berlin, Jul. Springer, 1898. Preis 6 Mark. 

Noch ist seit Erscheinen der zweiten Auflage genannten Werkes 
kein Jahr verstrichen und bereits liegt dasselbe in dritter Anflage vor. 
Dies kann indessen nur den wundern, der die hohe Bedeutung der 
v< n Schleich uns geschenkten Methode örtlicher Schmerzbetäubung, 
der Infiltrations-Anästhesie, noch nicht erfafst hat oder erfassen 
will. Die rasche Folge ist vielmehr ein Beweis dafür, dafs die Er¬ 
kenntnis der in allen bzgl. Veröffentlichungen betonten Notwendigkeit 
des Besitzes dieses Buches für den ausübenden Praktiker sich immer 
weiter Bahn gebrochen hat. 

Das Buch hat gegen die frühere Auflage in einzelnen Kapiteln ent¬ 
sprechende Erweiterungen erfahren, der bekannte Standpunkt des Ver¬ 
fassers zur Allgemein-Narkose leuchtet überall durch. 


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Aus dem ersten Hauptabschnitt: »Die allgemeine Narkose oder 
die Inhalationsanästhesie« sei nur kurz auf die Betrachtungen über Ge¬ 
fahren der Narkose, Kritik der Statistik, Physik der Narkose und die 
Mitteilung eines (leider in Deutschland noch wenig versuchten) neuen, 
ungefährlicheren Verfahrens zur allgemeinen Narkose hingewiesen, ferner 
auf die sehr interessanten Ausführungen über Psychophysik des Schlafes. 
Für die Ausübung des von S. ausgebildeten Verfahrens der Infil¬ 
trationsanästhesie— nach Mikulicz (Centralbl. f. Chir. 1898 No. 8) der 
»einzigen Methode der lokalen Schmerzbetäubung, welche in aus¬ 
gedehntem Mafse innerhalb bestimmter Grenzen die Inhalations- 
Anästhesie vollkommen zu ersetzen vermag« — giebt der zweite Haupt¬ 
abschnitt eingehende Belehrung und klarste Anleitung. 

Ref. ist in der angenehmen Lage, nach obigem die Anschaffung 
des Buches, das auch, von der praktischen Seite ganz abgesehen, eine 
Fülle von Anregungen bietet, hier aufs Neue wärmstens empfehlen zu 
können; zweifellos kann auch der vorliegenden dritten Auflage nur ein 
kurzes Dasein auf dem Büchermärkte beschieden sein! 

Dr. Briegleb, Worms. 


Ein Beitrag zu einer sicheren Behandlung von Rachendiphtherie 
und Scharlach ohne Serum. Von F. Lüddeckens. Mit einem 
Titelbild. Leipzig, W. Engelmann, 1897. Preis 1 Mk. 

In der vorliegenden Broschüre, welche einem Artikel der Therap. 
Monatsh. Nov. 1896 die Entstehung verdankt, will Verf. durch populäre 
Darstellung über die Diphtherie und vor allem über die durch Vernach¬ 
lässigung drohenden Gefahren aufklären, im Laienpublikum ein Ver¬ 
ständnis der ärztlichen Anordnungen anbahnen und die Ueberzeugung 
bringen, »dafs seine Krankheiten (soll ohl heifsen: Kranken) nirgend 
besser aufgehoben sein können, als in der Hand wissenschaftlicher und 
vorurteilsfreier Aerzte, die jeden Fortschritt auf medizinischem Gebiete 
mit Interesse folgen und es mit ihren Patienten gut meinen.« Diesen 
ohne Zweifel recht lobenswerten Zweck zu erreichen ist die Broschüre 
nicht im Stande. Detaillierte Schilderungen von Behandlungsmethoden 
gehören ganz und gar nicht vor das Forum des Laienpublikums, welches 
sich hierdurch nur zu schlecht angewandter Selbsthülfe sogar angeleitet 
fühlen wird, da es selbst einer individualisierenden Beurteilung der Er¬ 
krankungen unfähig ist. Aufser diesem Grundmangel einer populären 
Abhandlung bietet das Schriftchen freilich manche kurze, wohlbeachtens¬ 
werte Ausführungen, vor allem über die Prophylaxe. Was die Methode 
selbst betrifft, so mag sie in einer Zeit, wo die Serumtherapie als höchstes 
Ziel ärztlicher Kunst bei Infektionskrankheiten gilt, unmodern erscheinen. 
Und doch wollen wir nur wünschen, dafs sie von recht vielen Kollegen 
eingehend geprüft werden möge. Da die Frage der Serumtherapie 
keineswegs völlig spruchreif ist, verdient auch nach des Ref. jahrelanger 
Erfahrung die allerdings der Homöopathie entstammenden Behandlungs- 
methodej mit Cyanquecksilber innerlich und Eisenchlorid lokal, 
vor allen anderen durch die günstigeren Erfolge entschieden den Vorzug. 

v. Boltenstern, Bremen. 


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Ernährung und Pflege des Kindes bis zum Ende des zw eiten 
Lebensjahres. Von Dr. Taussig. Wien u. Leipzig, Wilhelm 
Braumüller 1897. Preis: 60 kr. = 1 Mk. 

Das allgemeinverständlich geschriebene Buch wird sich unter 
Laien und Aerzten zahlreiche Freunde erwerben. Der Mutter wird es 
ein trefflicher und umsichtiger Führer sein auf dem mühseligen Wege, 
welchen sie zur zweckmäfsigen Emähiung ihres Lieblings beschreiten 
mufs. Der Arzt wird in dem Büchlein einen Freund finden, welcher mit 
überzeugenden Worten gegen Ammenmärchen und gegen den Einflufs 
von Grofsmüttern, Basen und Muhmen in der Kinderstube predigt. 

Dr. Loewy, Bunzlau. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Report of five cases of diphtheria, four of which were 
treated by injections of antitoxin. Von W. H. Wells. 

Die bakteriologische Untersuchung stellte bei 5 nacheinander er¬ 
krankten Mitgliedern einer Familie echte Diphtherie fest. Während die 
Grofsmutter, eine Frau von 65 Jahren, welche gleichzeitig an Pylorus- 
carcinom litt, die Behandlung mit Heilserum verweigerte, wurde sie bei 
den 4 Kindern mit günstigem Erfolge angewendet. Die beiden zuerst 
Erkrankten wiesen einen schweren Verlauf auf. Dagegen war dieser bei 
den später erkrankten Kindern trotz ernster Initialsymptome leicht, woh. 
in Folge frühzeitiger Einleitung der spezifischen Therapie. (The Philad 
Polycl. 98). v. Boltenstern (Bremen). 

— Tra item ent de la dilatat ion des bronches chez lez enfants 
Von Sotiroff. 

Chirurgische Intervention kann in der Behandlung von Bronchek- 
tasie, wie sie häufig bei Kindern an Bronchopneumonie sich anschliefst, 
nur in Betracht kommen, wenn der ganze Heilapparat medikamentöser 
und hygienischer Mafsnahmen (Revulsiva, Expektorantia, Balsamica, 
Terrainkuren, Landluft u. s. w.) erschöpft ist. Genaue Indikationsstellung 
für operative Eingriffe ist erforderlich. Manchmal reichen die physi¬ 
kalischen Hilfsmittel (Perkussion, Auskultation, Punktion) nicht aus, die 
Diagnose der Bronchektasie vorzüglich beziehentlich ihres Sitzes zu sichern. 
Hier mufs als letztes Untersuchungsmittel die Skiographie Platz greifen. 
(Gaz. des höp. 98) v. Boltenstern (Bremen). 

— Lippen-Ekzeine und Mundwässer. Von Neisser. 

Verf. bespricht zunächst die Erkrankung eines Kindes, das seit 
Monaten an einem squamösen, die Mundöfifnung umgebendeu Ekzem litt. 
Lange war kein therapeutischer Erfolg zu erzielen, bis endlich die Mutter 
des Kindes auf die Idee kam, dafs am Ende des als Mund und Zahn¬ 
wasser gebrauchte Odol in irgend einem ursächlichen Zusammenhänge 
mit dem Leiden stände. In der That verschwand das Ekzem sofort mit 
dem Aussetzen des Odols. Verf. hält die in dem Odol enthaltenen 
ätherischen Oele für die Krankheitsursache. Verf. hat seitdem noch 
mehrfach Gelegenheit gehabt, den ursächlichen Zusammenhang zwischen 
den in Mundspülwässern und Zahnpulvern vorhandenen ätherischen Oelen 


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95 


und solchen Lippen- und perioralen Dermatitiden zu konstatieren. (Ther. 
Monatsh. 98) Dr. F. Schmey, Beuthen O.-S. 

— La chlorose thyroidienne. Von Capiton. 

Bei Chlorotischen findet man häufig eine Vergröfserung der Schild¬ 
drüse. Es handelt sich dabei entweder um weiche, nicht pulsierende, 
oder um harte, stark pulsierende Kröpfe. Bei den Fälllen der zweiten 
Kategorie sind anch deutliche Symptome des Morbus Basedowii vor¬ 
handen, sodafs es sich einfach um eine Kombination von Chlorose und 
Morbus Basedowii handelt, resp. die Chlorose nichts weiter ist, als ein 
Symptom der Schilddrüsenintoxikation. Wenn man kropfbehafteten Chloro¬ 
tischen, die lange erfolglos behandelt sind, eine stark jodhaltige Arznei 
oder Thyreoiden-Tabletten verabreicht, so sieht man sehr bald auffällige 
Besserung und nach wenigen Wochen völlige Genesung. (Sem. med. 97) 

Dr. Schmey. 

— Das Zahnen. Von Biedert. 

Trotz einiger spärlicher gegenseitiger Erfahrungen bleibt immer 
noch der alte Satz zu Recht bestehen, dafs das Zahnen des Kinder an 
sich keine Beschwerden macht, sondern das dasselbe nur beschwerlich 
gemacht werden kann durch hinzutretende äufsere (infektiöse) Ursachen 
oder innere schädigende Umstände, wie besondere Reizbarkeit des Kindes, 
ungünstige Stellung des Zahnes, der Verhältnisse im Kiefer u. dergl. 
Für jetzt mag als recht gelten, wenn Guaita in einem offenen Briefe an 
Somma nach Befragen von 1650 Müttern leichte örtliche Beschwerden, 
Reflexstörungen, unruhigen Schlaf, Verdauungsstörungen etc. als Folge 
des Zahnreizes einräumt, aber sich im übrigen auf den Standpunkt von 
Kassowitz stellt: die Dentitionskrankheiten sind in der Mehrheit der Aus¬ 
druck irgend eines anderen pathologischen Vorganges. (Aerztl. Rundsch. 98). 

Klautsch-Halle a. S. 

— Zur Retention und definitiven Heilung der einfacheren 
recidivierenden Mastdarmvorfälle hat sich Rehn folgende Be¬ 
handlungsmethode als aufserordentlich wirksam erwiesen. Er läfst in 
Pausen von etwa 5 Tagen den analen Schleimhautrand mit Argent. 
nitric.-Stift betupfen, und die Momentätzungen in der Regel etwa 5—8 
M al wiederholen. Bei diesen Aetzungen handelt es sich um einen 
Moment - Effekt, welcher sofort eine energische Kontraktion des 
Sphinkter aaslöst. (Die ärztliche Praxis 98.) 

Klautsch-Halle a. S. 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Rp. Peronin 0,08 

Decoct. Alth. 90,0 
Syr. Alth. 10,0 
MDS. S mal tgl. 1 Kaffeel. voll. 
Pertussis (4jähr. Kind). 

(Ther. Monatsh.) 


Rp. Acid. sozojodolic. 0,25 
Alcohol. absolut. 1,0 
Ol. Ricin. 10,0 

MDS. 2 mal tgl. in die Ohren zu 
träufeln. 

Myringit. chronic, sicc. 

(Stetter.) 


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90 


Rp. Hydrargyr. sozojodolic. 1,0 
Glycerin, pur. 8,0 
Gi. arabic. pulver. 4,0 
Aq. destillat. 88,0 
MDS. alle 3- 4 Tage 1,0—4,0 
einzuspritzen. 

Caries, Synovitis fungosa, 
Osteomyelitis. (Witthauer.) 

Rp. 

Rp. Natr. sozojodolic. pulv. subtil. 

0,7—2,0 

Flor, sulfur. 4,0 
DS. zum Einblasen. 
Diphtheritis. 


Rp. Zinc. sozojodolic. pulv. 2,0 
Tale, venetian. 20,0 
Mf. pulv. DS. äufserlich. 

Otit. med. pur ul. (Krause.) 


Zinc. sozojodolic. 1,0—2,0 
Jodol. 10,0 

DS. zu Einstäubungen in die 
Nase. 

Ozaena. (Bresgen.) 


Kleine Mitteilungen. 

— Das von Albert C. Dung in Freiburg i. B. hergestellte China- 
Calisaya-Elixir enthält die löslichen Bestandteile bester China- 
Calisaya-Rinde — 1 Efsl. voll a 15 gr. enthält 0,5 der löslichen Stoffe 
der Rinde —, daneben als Geschmackscorrigens einen Zusatz 
von wohlschmeckenden, unschädlichen Gewürzen. Das Dung’sche 
Elixir ist ein gut wirkendes, wegen seines angenehmen Geschmackes 
auch von Kindern gerne genommenes Tonikum und wird in vielen Fällen, wo 
ein derartiges Mittel indiziert ist, insbesondere bei mancherlei Verdauungs¬ 
störungen, Appetitlosigkeit, bei Schwächezuständen nach schweren Krank¬ 
heiten mit Vorteil angewandt werden können. Kinder erhalten 3 Mal 
tgl. 1 Kaffee- bis 1 Kinderlöffel voll, bei Appetitlosigkeit, Schwächezu¬ 
ständen 1 Std. vor, bei Verdauungsbeschwerden 1 Std. nach den Mahl¬ 
zeiten z. n. — 

Ein durch seine glückliche Zusammensetzung sehr bekömmliches 
und gehaltvolles Nährpräparat ist das von der Firma Ad. Siebert in 
Cassei hergestellte Kakaophen. Es besteht aus einer Mischung von 
dextriniertem Reismehl, Leguminosenmehl und reinem Kakao. Hier¬ 
durch ist das günstige Resultat erzielt worden, dafs das K. einen Fett¬ 
gehalt von nur 12,17 °/ 0 , also noch nicht die Hälfte wie reiner Kakao 
— der 26 bis 31 °/ 0 enthält — aufweist, andrerseits aber an Gehalt von 
Eiweifsstoffen (ca. 26 °/ 0 Protein) keine Einbufse erleidet. Auf diese 
Weise ist eine leichtere Verdaulichkeit im Gegensätze zum reinen Kakao 
erzielt worden. Durch seinen angenehmen Geschmack ist das K. als ein 
sehr brauchbares Nährpräparat auch für die Kinderpraxis zu betrachten und 
haben wir uns überzeugen können, dals es von Kindern sehr gern ge 
nommen wird. Es verdient deshalb als sehr nahrhaftes, leicht bekömmliches 
Kakaopräparat alle Empfehlung für die Kinderstube und ist .besonders 
auch für blutarme, schwächliche, appetitlose Kinder und solche die an 
schwacher Verdauung leiden, ein sehr beachtenswertes Nährmittel. 

Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

herauigegeben 

▼Ott 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis fttr das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. S8S6) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 101. Leipzig, 6. Mai 1898. IX. Jahrg. Heft 5. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tanchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Liebmann, Ueber das Stottern (98). — Referate: 
Bötticher, Diphtherieheilserum (101) — Pospischill, Scharlach (102). — Vargas, 

Keuchhusten (103). — Hammerschlag, Skrofulöse (103). — Sokoloff, Blennorhoische 
Arthritis (104). — Schilling, Bronchiolitis (104). — Hock, Katarrhe der Respirations¬ 
organe (106). — Pineies, Cerebrale* Kinderlähmung (106). — Steinbrügge, Mittelohr- 
eiterung (106). — Mongour, Kinderdiarrhoe (107). — Miller u. Manicatide, Magen¬ 
darmerkrankungen (108). — Clessin, Plötzlicher Tod (109). — Capitan u. Croisier, 
Fettsucht (109). — Danis, Schilddrüse u. Wachstum der Neugeborenen (110). — 
Petersen, Laryngoskopie (111). — Körte, Exstirpation des persistierenden Ductus 
omphalo-mesentericus ( 112 ). — Lange, Soolbäderbehandlung ( 112 ).— Freudenberg, 
Nähr- und Genufsmittel (113). — Gesundheitspflege: Berger, Ueber die Bedeutung 
des Wetters für die ansteckenden Krankheiten (114). — Rezensionen: Schwabe, 
Studien aus der Praxis für die Praxis über die bisher beobachteten unerwünschten 
Nebenwirkungen des Diphtherieheilserums (115). — Zuckerkandl, Atlas u. Grundrifs 
der chirurgischen Operationslehre (116). — Vulpius, Aus der orthopädisch-chirur¬ 
gischen Praxis (116). — Suchannek, Ueber Diphtherie der oberen Luftwege (116). 
— Schwalbe, Grundrifs der speziellen Pathologie und Therapie mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Diagnostik. 2. Auf!., 1 . u. 2 . Lfg. (117). — Arnold, Repetitorium der 
Chemie. 8 . Aufl. (117). — Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft 
(117). — Rezeptformeln für die Kinderpraxis (120). — Kleine Mit¬ 
teilungen ( 120 j. 


Ueber das Stottern. 

Von Dr. Alb. Liebmann, 

Arzt für Sprachstörungen zu Berlin. 


Das Stottern besteht darin, dafs meist zu Anfang eines Wortes 
die Rede durch inkoordinierte Bewegungen der Atmungs-, Stimm- oder 
Artikulationsorgane unterbrochen wird. Während ein Teil der Autoren, 
besonders Gutzmann, alle diese Bewegungen für wirkliche Spasmen, 
d. h. für unwillkürliche halten, erklären andere, besonders Denhardt, 
sie für völlig willkürlich, von dem Patienten mit voller Absicht unter¬ 
nommen, um über vermeintliche Schwierigkeiten hinwegzukommen. Ich 
selbst habe durch zahlreiche Beobachtungen festgestellt, dafs sowohl 
willkürliche wie unwillkürliche inkoordinierte Bewegungen beim Stottern 
Vorkommen. 

Der KMer-Arzt Heft 6. 1898. 


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1 


98 

Auch über den eigentlichen Kern des Stotterübels gehen die Mein¬ 
ungen auseinander. Denhai;dt hält das psychische Moment, die Vor¬ 
stellung, gewisse Laute nicht herausbekommen zu können, für das 
Primäre, auf das er alle übrigen Symptome zurückführt. Heymann 
schliefst sich ihm im Wesentlichen an. Coen und Gutzmann stellen 
die falschen Atmungsbewegungen in den Mittelpunkt und halten die 
psychischen Symptome für wenig bedeutend. Tr eitel wiederum legt 
zwar auf die psychische Seite grofses Gewicht, ohne sie aber für die 
Wurzel des ganzen Uebels zu halten. Ich selbst betrachte als den eigent¬ 
lichen Kern des Stotterns die teils willkürliche teils unwillkürliche Ueher- 
treibung des konsonantischen Elements zu der Sprache, zu 
dem aufser den eigentlichen Konsonanten auch die beiden sog. Stimm¬ 
ansätze, der feste (spiritus lenis der Griechen, Verschlufslaut der Stimm¬ 
bänder z. B. in den Worten: aber, und, eben u. s. w.) und der gehauchte 
(unser h, spiritus asper, Reibungslaut der Stimmbänder, z. B. habe, hund, 
heben, hin u. s. w.) gehören. Die psychischen Momente und die Atmungs¬ 
störung halte ich für sekundär. Die Vorstellung, gewifse Laute nicht 
sprechen zu können, die Angst vor dem Sprechen überhaupt, die dauernde 
Verstimmung und Schüchternheit sind nach meiner Ansicht nicht primär, 
sondern entstehen erst nach häufigen Mifserfolgen, bei Kindern besonders 
infolge der Spöttereien der Kameraden und des falschen Verhaltens der 
Umgebung, die das Uebel durch »Strenge« zu beseitigen sucht. Die 
falschen Atmungsbewegungen führe ich teils auf die psychische Erregung 
des Stotterers, teils auf den abnormen Widerstand zurück, den die fest 
zusammengeprefsten Artikulationsorgane oder Stimmbänder der Aus¬ 
atmungsluft entgegensetzen. 

Den Beweis für meine Behauptung, dafs das Stottern im Wesent¬ 
lichen in einer Uebertreibung der Konsonanten besteht, sehe ich 
darin, dafs erstens diejenigen Sprecharten dem Stotterer fliefsend ge¬ 
lingen, bei denen die Vokale verlängert werden müssen (Singen, deut¬ 
liches Flüstern, pathetische und pastorale Sprache) und dafs zweitens 
jeder Stotterer im Stande ist, mit gedehnten *) Vokalen fliefsend zu 
sprechen. 

Das konsonantische Element der Sprache kommt nämlich dadurch 
zu Stande, dafs an den sog. Thoren (Lippen, Zähne, harter Gaumen, 
Stimmritze) der Ausatmungsluft ein stärkerer Widerstand entgegenge¬ 
stellt wird, durch dessen Ueberwindung ein Geräusch (der Konsonant) 
entsteht. Bei den Vokalen hingegen strömt die Luft ohne besonderen 
Widerstand durch die Stimmritze und die Mundhöhle. In der normalen 
Sprache nun werden die Vokale länger gehalten als die Konsonanten; 
wir sprechen also vorwiegend mit relativ geringstem Widerstande. Beim 
Stottern hingegen praevaliert gerade die Zeit des starken Widerstandes, 
indem durch zu starke oder mehrmals wiederholte Artikulaticnsbeweg- 
ungen die Dauer des konsonantischen Elements übertrieben wird. 

Das Stottern wird meist von allerlei seltsamen Bewegungen des 
übrigen Körpers begleitet; besonders häufig sind Kopfnicken, Grimassen, 
Rumpfbeugen, Stofsen mit Händen und Füfsen, Vorwärtstaumeln. Ein 

*) Unter der Dehnung der Vokale verstehe ich hier eine zeitliche Verlängerung 
derselben wie beim Singen, ohne dass die sog. kurzen Vokale in die sog. langen aber¬ 
gehen. 


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99 


12 jähriger Knabe, den ich behandelte, machte vor dem Sprechen erst 
mehrere sehr tiefe Verbeugungen, dann sprach er fliefsend. Gutzmann fafst 
alle diese Bewegungen als Mitbewegungen d. h. als unwillkürlich auf. Man 
kann jedoch von sehr vielen Stotterern hören, dafs sie diese Beweg¬ 
ungen absichtlich hervorbringen, in der Meinung, die Sprache auf diese 
Weise zu fördern. 

Nachweisbare anatomische Veränderungen liegen dem Stottern nicht 
zu Grunde. 

In der Aetiologie des Stotterns spielen Infektionskrankheiten (Masern, 
Scharlach, Diphtherie, Influenza, Typhus), Kopfverletzungen, Ansteckung 
durch stotternde Kameraden, Heredität eine grofse Rolle. 

Gutzmann weist darauf hin, dafs bei vielen Stotterern eine Inko r 
haerenz zwischen Denken und Sprechen besteht. Manche Patienten 
sprechen so schnell und hastig, dafs sie ihre Gedanken gar nicht recht 
zu Ende denken können; infolgedessen korrigieren sie sich fortwährend, 
wodurch die Koordination der Sprachbewegungen erheblich gestört wird. 
Anderen Stotterern wieder gehen die Gedanken durch. Ihre Sprach- 
organe können gar nicht so schnell arbeiten, wie die stets neu hervor¬ 
sprudelnden Gedanken es erfordern. Auch so kommt es zu inkoordi- 
nirten Bewegungen. 

Bekannt ist, dafs unter den Stotterern weit mehr männliche Indi¬ 
viduen sind als weibliche. Der Grund liegt wohl nicht, wie Gutzmann 
meint, in dem verschiedenen Atmungstypus der Geschlechter, sondern 
in der gröfseren Geläufigkeit der weiblichen Zunge, wie ja auch sonst 
die Muskulatur des Weibes, obwohl an Kraft hinter der männlichen 
zurückstehend, dieselbe an Geschicklichkeit und Grazie übertrifft. 

Die Diagnose des Stotterns ist im Allgemeinen leicht. Vom 
Stammeln unterscheidet sich das Stottern dadurch, dafs bei letzterem die 
Kontinuität der Rede unterbrochen wird, während bei ersterem die Laute 
durch andere ersetzt oder verstümmelt werden. Der Stotterer spricht 
also »k—appe« oder kkkkappe«, »f—ade« oder ffffade«, »s—uppe« oder 
»ssssuppe«. Der Stammler hingegen sagt für kappe: »tappe«, für fade: 
»pade«, für Suppe: »duppe« oder er steckt beim s die Zunge zwischen 
die Zähne etc. 

Differentialdiagnostisch kommen noch Poltern, Abulie und Aph' 
thongie in Betracht. 

Der Polterer überstürzt seine Rede und in der Hast verspricht 
er sich fortwährend, indem er Silben und Worte durch Auslassung und 
und Umstellung verstümmelt Vom Stottern unterscheidet sich das 
Poltern dadurch, dafs es durch langsames Sprechen vermieden wird. 

Bei der Abulie*) der Sprache handelt es sich um eine Störung 
des Willens auf neuropathischer Basis. Während beim Stottern das 
Zustandekommen der Sprache durch inkoordinierte Atmungs-, Stimm¬ 
oder Artikulationsbewegungen verhindert wird, werden bei der Abulie 
überhaupt keine Sprachbewegungen hervorgebracht. Ich habe nur zwei 
reine Fälle von Abulie der Sprache gesehen (vgl. Dtsch. Med. Ztg. 
1895 No. 50). Bisweilen tritt die Abulie als Komplikation zum 
Stottern hinzu. Ich habe einen solchen Fall in dieser Zeitschrift 1896 


*) Vgl. Th. Ribot; der Wille, 


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100 


beschrieben. Es handelte sich um einen 5jährigen Knaben, der anstatt 
zu sprechen, nur minutenlang mit den Zähnen klapperte, ohne eine wirk¬ 
liche Sprachbewegung auszuführen. Solche Fälle sind Kunstprodukte, 
hervorgerufen. durch das »strenge« Verhalten der Umgebung. 

Die Aphthongie ist eine seltene Affektion (vgl. Kussmaul: »Stör¬ 
ungen der Sprache«). Es treten bei jedem Sprechversuch eigentümliche 
Schluckkrämpfe auf, die das Zustandekommen der Sprache absolut ver¬ 
hindern. Während die Sprachbehinderung beim Stottern nur vorüber¬ 
gehend ist, kann bei der Aphthongie überhaupt nicht gesprochen werden. 
Auch treten bei der Aphthongie immer dieselben Schluckkrämpfe auf, 
während beim Stottern die inkoordinierten Bewegungen immer an der 
Artikulationsstelle des betreffenden Lautes auftreten. 

Für den Verlauf des Stotterns ist es ungemein wichtig, wie sich 
die Umgebung zu dem Patienten verhält. Wird das Kind, wie es leider 
die Regel ist, wegen seiner Sprache von böswilligen Kameraden ver¬ 
höhnt und von Eltern und Lehrern gescholten und geschlagen, so wird 
das Uebel immer mehr und mehr verschlimmert. Besonders falsch ist 
es, die Patienten darauf aufmerksam zu machen, dafs sie immer bei be¬ 
stimmten Lauten Schwierigkeiten haben, wodurch gerade die Vorstellung 
gezüchtet wird, diese Laute nicht herausbekommen zu können. Die 
Patienten machen dann nämlich gerade bei diesen Lauten ganz besondere 
Kraftanstrengungen, wodurch die Laute erst recht nicht zu Stande kommen. 

Die Therapie des Stotterns ist aufserordentlich schwierig. Ich 
stimme mit Tr eitel darin überein, dafs man mit verschiedenen Methoden 
zum Ziele kommen kann. Ich selbst verzichte bei der Therapie des 
Stotterns auf die hergebrachten Atmungs-, Stimm- und Artikulations¬ 
übungen. Diese Uebungen werden in der irrigen Voraussetzung unter¬ 
nommen, dafs der Stotterer nicht im Stande sei, die richtigen Sprech¬ 
bewegungen auszuführen. Das ist aber gar nicht der Fall, denn fast alle 
Stotterer sprechen, wenn sie allein sind, ganz fliefsend. Nach meiner 
Ansicht kommt es erstens darauf an, dafs der Patient wieder Vertrauen 
zu seiner Sprechfähigkeit bekommt und dafs er zweitens lernt, das richtige 
Zeit Verhältnis zwischen Vokalen und Konsonanten in der Sprache herzu¬ 
stellen, nämlich kürzere Konsonanten und längere Vokale zu sprechen. 
Beides erreichte ich dadurch, dafs ich den Patienten schon in der ersten 
Sitzung ohne alle hergebrachten Uebungen Sätze mit kurzen Konsonanten 
und verlängerten Vokalen sprechen lasse. So spricht jeder Stotterer 
schon beim ersten Male eine grofse Reihe von Sätzen ganz fliefsend. 
Der psychische Erfolg dieser Methode ist immens. Man kann häufig 
schon beim ersten Male, sonst nach wenigen Tagen zu einer völlig nor¬ 
malen Sprache übergehen. Meist erreiche ich schon in wenigen Tagen 
eine bedeutende Besserung. Die Heilung nimmt bei dieser Methode 
nur einen Monat in Anspruch, während Gutzmann bei seiner Methode 
2—3 Monate fordert. 

Die Vorteile meiner Methode sind: 1) eine erhebliche Abkürzung 
der Dauer der Behandlung. 2) die Erreichung einer durchaus natür¬ 
lichen Sprache, welche die Patienten ohne aufzufallen anwenden können, 
während bei anderen Methoden abnorm starke Atembewegungen, „leiser* 4 
und „unbestimmter“ Stimmansatz u. a. der Sprache leicht dauernd an- 


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haften. 3) Meine Methode ist auch bei jungen Kindern anzuwenden, 
denen man sicher nicht, wie Gutzmann es verlangt, die für das 
Sprechen nötigen Bewegungen bewufst-physiologisch einüben kann. 


Referate. 

Weitere Erfahrungen über die Wirksamkeit des Behring’schen 
Diphtherie-Heilmittels. Von Bötticher. (Aus der chirurgischen 
Universitäts-Klinik in Giessen. Deutsch, med. Wochenschrift 1898 
1 bis 3. 

B. berichtet in Fortsetzung einer Publikation von Prof. Bose vom 
J. 95. über 200 weitere Fälle. 

Was zunächst die Dosis anbelangt, so wurde das Hauptgewicht 
auf eine frühzeitige Applikation möglichst starker Heilserumgaben ge¬ 
legt. An dem von Behring aufgestellten Grundsätze, man müfste bei 
der Wahl der Dosis für den Einzelfall stets sich daran erinnern, dafs 
ein Ueberschufs von Antitoxin im Blute des Kranken niemals Schaden 
stiften, eine zu klein bemessene Anfangsdosis dagegen den Erfolg der 
ganzen Behandlung in Frage stellen könne, wurde nach wie vor festge¬ 
halten. Daher wurde die Serumsorte No. I niemals injiziert, No. II selten 
und meist nur bei Kranken, welchen bereits 150J I. E. eingespritzt 
waren und bei denen der Verlauf der Erkrankung eine abermalige Injek¬ 
tion, aber eines kleinen Quantums wünschenswert erscheinen liefs. Sonst 
wurden sämmtlichen Kranken, auch den jüngsten, No. III, vorzugsweise 
III D injiziert, letzteres besonders deshalb, weil man dabei eine viel kleinere 
Flüssigkeitsmenge, nämlich 3 statt J 5 ccm, einzuspritzen braucht und 
weil auch die darin enthaltene Karbolsäuremenge geringer ist als bei 
No. III. Eine einmalige Serumdosis No. III oder III D im Beginn ver¬ 
ordnet, wirkt ungleich prompter als die Verabfolgung mehrerer kleiner, 
verzettelter d. h. auf 2 mal 24 Stunden oder noch länger verteilten Gaben, 
mögen sie auch insgesammt einen wesentlich grölseren Antitoxingehalt 
besitzen. 

Als Ort der Einspritzung wurde in letzter Zeit durchgängig die 
Aufsenseite eines Oberschenkels gewählt. Die Injektion selbst erfolgte 
unter antiseptischen Kautelen vermittels einer mit regulierbaren Asbest¬ 
kolben versehenen, auskochbaren Spritze. — 

Erheischte der Zustand des Kranken die Tracheotomie, so wurde 
diese in möglichst abgekürzter Chloroformbetäubung, bei sehr elenden 
Kindern in Halbnarkose ausgeführt. In drei Fällen trat an Stelle des 
Luftröhrenschnittes die Intubation. 


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102 


Neben den Seruminjektionen unterblieb jede lokale Behandlung mit 
Ausnahme der Inhalation von Dämpfen einer schwachen Salicylsäure- 
lösung. Daneben war die Behandlung eine symptomatische, besonders 
auf Erhaltung und Hebung des Kräftezustandes bedachte. 

Von den 200 Fällen echter Diphtherie sind im Ganzen 16 ge¬ 
storben. Der Prozentsatz der Gesammtmortalität bei Diphtherie hat 
unter der Serumbehandlung eine Herabsetzung um etwa 36 °/ 0 erfahren. 
Insbesondere ist die Sterblichkeit bei den tracheotomierten Kranken 
insgesamt von 58,2 auf 10,1 °/ 0 , bei den tracheotomierten im 1. und 
2. Lebensjahre stehenden Kindern von 75,6 auf 24,3 °/ 0 herabgedrückt 
worden. Bei den eingelieferten Fällen wurde die Tracheotomie im Ver¬ 
gleich zu früher in einem Drittel der Fälle vermeidbar. Bereits be¬ 
stehende Larynxstenose ging unter der Serumwirkung in 17 °/ 0 der 
Fälle wieder zurück. Das Serum verhütete in allen Fällen eine diph¬ 
therische Infektion der Tracheotomiewunde. Schnell-Egeln. 

Zur Klinik der schweren Scärlatina. Von D. Pospischill. Aus der 

Universitäts-Kinderkl. von Prof. v. Wiederhofer in Wien. (Jahrb. f. 
Kinderheilk. 46. Bd. 1. u. 2. Heft. 1897). 

In diesem sehr lesenswerten Aufsatz sind insbesondere folgende 
Bemerkungen, die Verf. über Prognose und Behandlung des schweren 
Scharlach macht, von praktischer Bedeutung: Jene Fälle von schwerstem 
Scharlach, weiche bei starken Intoxikationserscheinungen (Sopor, Coma, 
Pupillenstarre und Differenz, Blässe, Cyanose) frei von Ausschlag sind 
oder ein erst im Entstehen begriffenes, blafsbläulichrotes, in spärlichen 
Stippchen angeordnetes Exanthem zeigen, geben eine absolut letale 
Prognose. Desgleichen jene mit reichlich entwickeltem, aber dunkel¬ 
violettrotem Exanthem, subicterischem Kolorit, kalten Extremitäten und 
benommenem Sensorium. Fälle mit lebhaft rotem Exanthem, noch 
gutem Pulse, warmen Extremitäten, nur leicht gelblichem Kolorit, 
Sopor, Delirien gestatten eine dubiöse Prognose. — Auch der Bronchitis 
und Pneumonie mufs als ominöses Symptom gedacht werden. Dabei 
sieht Verf. ab von der Bronchitis und Pneumonie, die als zufällige 
Komplikationen auftreten oder welche eine Teilerscheinung im Bilde des 
späten, marastischen Endes sind. Er meint hier die Bronchitis und 
Pneumonie, welche, oft schon in den ersten Tagen auftretend, als Aus¬ 
druck schwerer Infektion zu nehmen sind. Verf.’s derartige Fälle 
endeten sämtlich letal. — Wenn die Serumtherapie uns das Mittel 
bieten wird, die septische Infektion zu bekämpfen, dann werden wir 
nicht nur bei jenen Fällen von S. mit lebhaft aufgeschossenem Exanthem, 
hohem Fieber, leichter Benommenheit, nächtlichen Delirien — von welchen 
wir nicht wissen, ob nicht schon am nächsten Tage Cyanose, Ikterus 
und Benommenheit den Eintritt septischer Infektion anzeigen werden —, 
injizieren, sondern, obgleich wir an der Spezifität des unbekannten Er¬ 
regers festhalten und auf diesen die Scharlachnephritis direkt oder in¬ 
direkt zurückführen, alle Scharlachfälle dieser Behandlung unterziehen. 
Auszunehmen wären vielleicht jene Formen leichtesten (reinen) Scharlach, mit 
ephemerem Fieber, geringer Angina, ohne Exsudate, fehlender Drüsen¬ 
schwellung und fast ungestörtem subjektiven Wohlbefinden, wenn sie 
unter ärztlicher Kontrole stehen, ferner die im Stadium der Schuppung 


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103 

zur Beobachtung kommenden Fälle, wenn sie fieberlos sind, der Rachen 
blafs und rein und keine Drüsenschwellung vorhanden ist. S. 

Ueber die Behandlung des Keuchhustens mit Phenocollum hydro- 
chloricum. Von Martinez Var gas. (Aerztl. Rundsch. 1898 N. 12). 

Verf. wandte das Mittel von Februar 1894 bis Juni 1895 im ganzen 
bei 42 Fällen an und zieht aus seinen Beobachtungen folgende Schlüsse: 
1. sämtliche therapeutische Mafsnahmen gegen den Keuchhusten waren 
dahin gerichtet, die durch den Husten bedingten mechanischen Störungen 
im Herzen und in den grofsen Gefäfsen zu verhindern, da dieselben der 
Ursprung der Gehirn-, Lungen- und Darmkomplikationen sind. 2. Unter 
den verschiedenen lokalen, sedativen, hypnotischen, bakteriziden oder 
toxischen Mitteln, welche Verf. im Laufe der Zeiten versuchte, hat 
keines aufser dem Phenocoll die Intensität und Frequenz der Anfälle so¬ 
wie deren Komplikationen herabgesetzt. 3. In allen 42 Fällen machte 
sich die Wirkung schon in den ersten 12 Stunden geltend; in manchen 
Fällen fiel die Zahl der Anfälle erst am nächsten Tage ab. 4. Selbst 
bei Kindern in sehr zartem Alter und in den komplizierten Fällen hat 
das Mittel weder Uebelkeiten, noch Erbrechen, noch Kollaps noch irgend 
welche anderen unangenehmen Störungen verursacht. Die geeignetste 
Verabreichungsweise ist eine versüfste, wässerige oder Gummilösung in 
der Menge von 1—2 g täglich. Die Resorption des Mittels ist eine 
sehr rasche; seine Ausscheidung beginnt nach 20 Minuten und ist nach 15 bis 
20 Std. beendet. 5. Die Wirkung des Phenocoll scheint sich auf die Ab¬ 
nahme der Zahl und Intensität der Anfälle zu beschränken. Nach Verf.’s 
vorläufig nur hypothetischer Annahme handelt es sich dabei nicht um eine 
bakterizide Wirkung, sondern um einen sedativen Einflufs auf den Trige¬ 
minus und den n. laryngeus superior. 6. Die Luftbehandlung des Keuch¬ 
hustens ist wegen ihrer Unwirksamkeit und Gefährlichkeit zu verwerfen, 
da er einmal alle Reizmomente begünstigt, welche zur Auslösung der 
Hustenanfalle beitragen, ferner den Kranken Temperaturänderungen und 
schweren Lungenkomplikationen aussetzt, und schliefslich die Isolation 
der an Keuchhusten Leidenden unmöglich macht. 

Klautsch, Halle a. S. 

Eine rationelle Behandlung skrophulöser Lymphdrüsen. Von Hammer¬ 
schlag. (Deutsch, med. Wochenschr. 1897 No. 52,) 

Führten bei den skrophulösen Lymphdrüsen des Halses die ver¬ 
schiedenen klimatischen, hydrotherapeutischen, hygienischen Mafsnahmen, 
interne und lokale Therapie nicht zum Ziele, so mufste entweder durch 
Incision der Eiter entleert oder zur Exstirpation geschritten werden. In 
beiden Fällen blieb eine verunstaltende Narbe zurück. 

Neuerdings hat man bei denjenigen Lymphdrüsen, welche abs- 
zedierten, Injektionen von Jodoformemulsion (5 oder 10 prozentig) an¬ 
gewandt. Man sticht hierbei in die fluktuierende Stelle eine Kanüle 
ein, entleert den Eiter und injiziert die Emulsion. Dabei erzielt man 
eine Heilung, ohne dafs die Cutis noch nach Jahren Spuren davon 
auf weist. 

Demselben Verfahren hat nun H. auch Drüsen unterzogen, bei 
welchem es zur Eiterung noch nicht gekommen ist oder bei welchen 


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eine Vereiterung trotz jahrelangen Bestehens der Tumoren überhaupt 
nicht zu erwarten ist. 

H. teilt 7 Fälle mit, aus denen hervorgeht, dafs diese Behandlungs¬ 
art bei grofszelligen hyperplastischen Lymphdrüsen, als eine rationelle 
zu bezeichnen ist. Seine Technik ist folgende: Das Operationsgebiet 
wird gründlich rasiert, mit Seife, Alkohol desinfiziert. An der Einstich¬ 
stelle wird oberflächlich und in der Tiefe mit Schleich’s Lösung anäs¬ 
thesiert, welche ebenso wie die Jodoformemulsion vorher sterilisiert wird. 
Zur Injektion wählt man die dominierende gröfste Drüse oder diejenige, 
welche ihr nicht sehr nachsteht, wenn sie etwas höher liegt. Die In¬ 
jektion, zu der man 1—2 ccm verwendet, macht man mit der gröfsten 
Vorsicht, wöchentlich ungefähr einmal. 

H. meint, dafs in manchen Fällen vielleicht die periglandulären 
Injektionen ebenso zum Ziele fuhren wie die intraglandulären, was je¬ 
doch nur gröfsere Kliniker entscheiden könnten. Schn eil-Egeln. 

Fall von blennorhagischer Arthritis bei einem Neugeborenen. Von 
Sokoioff. (Journal clinique et de therapeutique, 1898 No. 9. — 
Allgem. Wiener med. Zeitung No. 19, 1898). 

Der Fall betrifft ein neugeborenes Kind einer Primipara, die fünf 
Tage vor ihrer Niederkunft eine schwere blennorrhagische Arthritis des 
linken Kniegelenkes aufwies, die nach Ablauf von vier Monaten noch 
nicht gänzlich geheilt war. Fünf Tage später, als diese Aftektion bei 
der Frau aufgetreten war, wurde sie eines kräftigen Kindes männlichen 
Geschlechts entbunden. 

Das Kind war mit einer beiderseitigen purulenten Ophthalmie be¬ 
haftet, einige Tage später bemerkte man bei dem Kinde eine An¬ 
schwellung und Oedem der linken oberen Extremität, hauptsächlich im 
Handwurzelgelenke und an der Schulter. Das Handwurzelgelenk ist 
durch ein Exsudat ausgedehnt, passive Bewegungen sind sehr schmerz¬ 
haft. Aktive Bewegung ist beinahe ganz unmöglich. Am 9. Tage nach 
der Geburt konstatiert man eine Kontraktur der linken untern Extremität. 
Der Oberschenkel ist gebeugt und gegen den Unterleib beinahe in einen 
rechten Winkel angezogen. Der Versuch einer Reduktion verursacht 
grofse Schmerzen, der linke Schenkel ist sichtlich geschwollen und man 
konstatiert ein Exsudat in der Articulatio coxofemoralis. Temperatur 
37.5. Die höchste Temperatur, die im Vorlaufe der Afifektion beobachtet 
wurde, war 38.2. Allgemeinbefinden gut. Das Kind genas von seinen 
vielfachen Leiden nach vier Monaten, nur Reste der Ophthalmie blieben 
zurück. Dr. Gold bäum, Wien. 

Die Behandlung der Bronchiolitis, Atelectasis etc. kleinster Kinder 
mittelst Schultze’sher Schwingungen. Von Schilling. ^München, 
med. Wochenschrift 1898. No. 11.) 

Verf. ist bei der capillären Bronchitis, der Atelectase der Lungen 
und bei verwandten, nicht selten Gefahr bringenden Zuständen kleinster 
Kinder, denen der Arzt bisher recht machtlos gegenüberstand, und bei 
der Behandlung im Grossen und Ganzen einen exspektativen Stand¬ 
punkt einnehmen mufste, manuell vorgegangen, und hat zu diesem 
Zwecke, die gegen die Asphyxie der Neugeborenen gerichteten Schultze’- 


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sehen Schwingungen in Anwendung gezogen. Er wandte dieselben mit 
günstigem Erfolge in 7 Fällen bei Kindern im zartesten Alter von zwei 
Tagen bis 15 Wochen an, sämtlich schwere Fälle von Dyspnoe und 
Asphyxie, wo die Insuffizienz der Lungen und Respirationsmuskeln 
das Sekret in den Atmungswegen stauen läfst. Er ging dabei, um üble 
Zufalle bei der Manipulation des Schwingens (wie Knochenbrüche, 
Luxationen, Blutungen innerer Organe, Rupturen der Leber etc.) nach 
Möglichkeit zu vermeiden, sehr vorsichtig und schonend zu Werke; in 
einer Sitzung wurden nie mehr als 10—12 Schwingungen, und nach 
jeder einzelnen Schwingung eine kleine Pause gemacht, während welcher die 
Atmung beobachtet und der Schleim eventuell manuell entfernt wurde. 
Verf. giebt dann den Rat, die kleinen Patienten mehrmals täglich zu 
besuchen und oft längere Zeit bei ihnen zu verweilen, bis die richtige 
Atmung wieder hergestellt ist. Der Erfolg lohne die aufgewendete 
Mühe. Klautsch, Halle a. S. 

Behandlung der chronischen Katarrhe der Respirationswege im Kindes¬ 
alter. Von Hock. (Wiener med. Blätter No. 10, 1898). 

H. empfiehlt das Kreosot bei chronischen Katarrhen und zwar: 

Rp. Kreosoti 1.0 

Ol. jec. asell. 100.0 
Saccharin 0.05 

DS. 2—3 Kaffeelöffel täglich. 

Im weiteren Verlaufe wird das Kreosot durch 3—5°/ 0 Kreosotal- 
lösung ersetzt. Ist der Appetit gut, so kann man sofort mit 3% Kreo- 
sotallösung anfangen und bis zu einer 5%-Lösung steigen. Bei 150 
derart behandelten Fällen wurde im Verlaufe von 10—14 Tagen ekla¬ 
tante Besserung, nach 3—6 Wochen Heilung erzielt. Nach dem Schwinden 
der Symptome mufs das Kreosotal noch durch einige Zeit in absteigenden 
Dosen fortgegeben werden. Heftiger Hustenreiz wird am besten durch 
Codein bekämpft. Bei akuten Exacerbationen des Bronchialkatarrhs be¬ 
währt sich bei Kindern unter zwei Jahren das Antipyrin in der Dose von 
0,05—0,1 g. 3—4 mal täglich als Antispasmodikum. Weiter ist auf 
Aufenthalt in frischer Luft und entsprechende Ernährung — neben 
Albuminaten auch reichliche Zufuhr von Fett (Butter) und Kohle¬ 
hydraten — Gewicht zu legen. Dr. Goldbaum, Wien. 


Cerebrale Kinderlähmung. Von Pineies. Nach einem Vortrage im 
Wiener medizinischen Klub vom 9. März 1898. (Klinisch-therapeut. 
Wochenschr. No. 10., 1898). 

P. stellte zwei Patientinnen mit cerebraler Kinderlähmung vor. 
Die eine Patientin ist 15 Jahr alt, sie litt im 2. Lebensjahre wiederholt 
an Fraisen, später traten Zitterbewegungen im linken Arme und Beine 
ein, die bis zum heutigen Tage anhalten; eine vorausgegangene Lähmung 
ist nicht zu eruieren. Die linken Extremitäten zeigen in der Ruhe 
eigentümliche Krampfbewegungen, welche eine Mischform von chorea¬ 
tischen und Zitterbewegungen darstellen und bei intendierten Bewegungen 
sehr heftig werden. Links besteht Steigerung der Reflexe, kein Spasmus. 
Nach Marie gehört dieser Fall zum 2. Typus der cerebralen Kinder- 


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lähmung, der durch choreatische und athetotische Bewegungen bei Fehlen 
von Atrophien charakterisirt ist. 

Der zweite Fall betrifft ein 27 Jahre altes Mädchen, bei dem sich 
im 4. Lebensjahre schüttelnde, in der Ruhe cessierende Bewegungen in 
der rechten Hand einstellten, das rechte Bein wurde nachgeschleift. Im 
13. Lebensjahre traten schüttelnde Bewegungen und bald vorübergehende 
Schmerzen in der rechten unteren Extremität auf. Im 22. Lebensjahre 
wiederholten sich die Schmerzen in beiden rechten Extremitäten und 
steigerten sich bei den Schüttelbewegungen zu unerträglicher Stärke. 
Nach einer am Arme vorgenommenen blutigen Nervendehnung sistierten 
die Schmerzen und Schüttelbewegungen durch 1 Jahr, worauf sie wieder¬ 
kehrten. Vor 2 Jahren wurde auf Wunsch der Patientin eine Durch¬ 
schneidung der Plexus brachialis vorgenommen, weshalb der linke Arm 
atrophisch ist. Das rechte Bein ist atrophisch, um o cm verkürzt, zeigt 
hochgradige Kontrakturen und Krampfzustände ähnlichen Charakters, 
wie im 1. Falle; manchmal athetotische Bewegungen der Zehen, an¬ 
haltende Schmerzen. Die Sensibilität ist an der befallenen Extremität 
gestört, Lagevorstellungen bei passiven Bewegungen fehlen. Der Fall 
wäre dem 1. Typus der cerebralen Kinderlähmung (Kontrakturen und 
Krämpfe mit Atrophie) zuzurechnen. Die Schmerzen werden durch 
Zerrung der Sehnen und Gelenke erklärt, doch sprechen viele Fälle da¬ 
für, dafs dieselben auf andere Weise erklärt werden müssen. Die 
Atrophien sind keine Inaktivitätsatrophien, sondern ein selbständiges 
Symptom der Aftektion, dessen ätiologische Faktoren noch unbekannt 
sind. Bei Obduktionen ähnlicher Fälle wurden im hinteren Teile des 
Sehhügels und des hintersten Abschnittes der inneren Kapsel Veränder¬ 
ungen gefunden. Dr Goldbaum, Wien. 

Zur Behandlung der Mittelohr-Eiterungen. Von Steinbrügge. (Zeit¬ 
schrift f. prakt. Aerzte 1898 No. f>). 

S. empfiehlt angelegentlichst die Bezold’sche Methode der Borsäure- 
Applikation. Sie hat den Vorzug, dafs man durch sie niemals schaden 
kann, dafs sie sich für akute Eiterungen sowohl wie für chronische 
eignet, dafs sie sich bei Entzündungen des äufseren Gehirnganges wie 
für die perforativen Mittelohreiterungen in gleicher Weise empfiehlt. 
Die Borsäure-Behandlung mufs nur, soll sie ihren Zweck erfüllen, richtig 
ausgeführt werden. Das Ohr mufs mit einer 2 1 / 2 —3 prozentigen Bor¬ 
säurelösung mit einer nicht zu kleinen Gummiballonspritze (No. 4) gut 
ausgespritzt werden. Das Wasser mufs gekocht haben, damit es mög¬ 
lichst keimfrei zur Anwendung kommt, und wird auf den Wärmegrad 
abgekühlt, welcher dem Patienten beim Spritzen am angenehmsten ist. 
Beim Spritzen mit zu kühlem Wasser tritt am leichtesten Schwindelge¬ 
fühl ein. Danach wird der Gehörgang mit Watte ausgetrocknet, und 
Borsäurepulver mittels eines Pulverbläser oder zur Not mittels eines 
Gänsekieles in denselben eingeblasen. Wird der Gehörgang durch ein¬ 
maliges Blasen nicht genügend angefüllt, so mufs man dasselbe wieder¬ 
holen. 

Bei hartnäckigen Eiterungen hat S. aufserdem gute Wirkung von 
dem Eingiefsen einer warmen Lysollösung gesehen, welche, je nach der 
Empfindlichkeit der Gehörgangshaut, in der Stärke von ! / 2 —1 °/o zwischen 


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der Borsäure-Spülung und Einpuderung etwa 3 Mal wöchentlich in den 
Gehörgang gegossen wird, während der Kranke seinen hopf 5 Minuten 
lang auf die Seite legt. — In anderen Fällen erweist sich das von 
Jankau empfohlene Natrium tetraboricum zur Abwechslung von Nutzen, 
da dasselbe in konzentrierterer Lösung ^ngewendet werden kann als die 
einfache Borsäure, Schnei 1-Lgeln. 

Behandlung der Kinderdiarrhoeen mit systematischer Anwendung von 
sterilisirtem Wasser. Von Ch. Mongour. (Bull. med. No. 20. 
Klinisch-Therapeutische Wochenschrift No. 12 . 1898). 

Die bisherigen Untersuchungen bei Säuglingen, die an Gastro- 
Enteritis leiden, haben ergeben, dafs im Darm derselben Bakterien mit 
gesteigerter Virulenz sich befinden, welche auf Kosten der Ernährungs¬ 
produkte abnorme Gährungen hervorrufen, deren Folgen eine Säurever¬ 
giftung ist. Daraus ergeben sich zwei formelle Indikationen: 1 ) den 
Darm so rasch als möglich von den Gährungsstoffen zu befreien; 2) ohne 
die allgemeine Ernährung zu beeinträchtigen, den Nährboden fortwährend 
zu erneuern und dessen Antisepsis zu sichern. Der ersten Indikation 
genügt man durch Anwendung von Abführmitteln. Diese sind jedoch 
nicht immer wirksam und können aufserdem nicht kontinuirlich bei den 
ohnehin durch Wasserverluste geschwächten Kindern fortgegeben werden. 
Was die Antisepsis betrifft, so beweist die grosse Zahl der Darmanti- 
septica an sich die Unwirksamkeit derselben. Viel leichter ist es, den 
Nährboden häufig zu erneuern, zumal es ja nachgewiesen ist, dafs die 
Kinder weniger an Mangel an Nahrung, als an Wassermangel leiden. 
Nun ist das Wasser der schlechteste Nährboden, den man in den 
Magen einführen kann, ohne den Organismus zu schädigen. M. 
hat Versuche mit continuirlicher Zufuhr von aseptischem Wasser an¬ 
gestellt und sehr günstige Resultate erzielt. Er behandelte im Spitale 
15 Kinder im Alter von l */ 4 bis 2 Jahren. Zwei von diesen Kindern 
starben in den ersten Stunden nach ihrem Eintritte ins Krankenhaus, 
nachdem sie schon monatelang krank waren. Von den 13 anderen, die 
zum Teil Temperaturen von 38—40° hatten, genasen sechs innnerhalb 
2 Tagen, 3 innerhalb 4, 2 innerhalb 5, 1 in 1 und 1 in 6 Tagen. In 
allen Fällen hörte das Erbrechen sofort auf. Das Wasser wurde in 
Fläschchen auf 150° sterilisiert, die Tagesmenge betrug 300—400 gr. 
Keines von den 13 Kindern erhielt auch nur das geringste Medikament. 
Nach Aufhören der Diarrhoe und Abfall der Temperatur wurde die Milch¬ 
ernährung langsam wieder aufgenommen u. z. am 1. Tage mit l j 3 sterilisierter 
Milch und % ebensolchen Wassers, am 2. Tage mit Milch und Wasser 
zu gleichen Teilen und am 3. Tage mit sterilisierter Milch. In der Privat¬ 
praxis empfiehlt sich folgendes Vorgehen: Man füllt ein mit einem gut 
schliefsenden Deckel versehenes Thongefäfs vom Inhalte eines Wasser¬ 
glases mit Wasser und läfst dieses wenigstens x / 4 Stunde hindurch 
kochen. Das erste Wasser wird weggeschüttet und das zweite läfst man 
zweimal je x / 4 Stunde mit einem Zwischenräume von einigen Minuten 
kochen. Das ausgekühlte Wasser dient als einzige Nahiung. Es em¬ 
pfiehlt sich, in das Glas, aus welchem das Kind trinkt, nur die für ein¬ 
mal notwendige Menge zu entleeren und das Gefäfs mit dem sterili¬ 
sierten Wasser vorsichtig aufzudecken und nur so lang als erforderlich 


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mit der äufseren Luft in Berührung zu lassen. Am besten wäre es 
natürlich, kleine Gefäfse zu gebrauchen, von denen jedes nur die für 
den einmaligen Gebrauch erforderliche Menge enthält. Dieselbe Be¬ 
handlung wurde bei 12 ambulatorisch behandelten Kindern angewendet. 
Das erste, 40 Tage alte Kind starb einige Stunden nach der Vorstellung 
im Ambulatorium, die andern befanden sich im Alter von 2—21 Mon. 
Mit Ausnahme von 2 wurden alle künstlich genährt. Trotz der nicht 
sehr genauen Beobachtung der vorgeschriebenen Behandlung wurden die 
Kinder alle innerhalb 3 Tagen geheilt. Von 27 in der Privatpraxis im 
Laufe des vorigen Sommers so behandelten Kindern, von denen 5 sich 
bereits in einem sehr jämmerlichen Zustande befanden, starb kein 
einziges. Mit Ausnahme eines einzigen Falles wurde die Wasserbehand¬ 
lung nicht länger als 6 Tage fortgeführt und selbst in den schwersten 
Fällen sofortiges Aufhöien des Erbrechens erzielt. M. glaubt, 
dafs keine einzige Methode gegenwärtig ähnliche Resultate aufweisen 
könne. — Dr. Gold bäum, Wien. 

Ueber die feineren Nervenzellenveränderungen bei magendarmkranken 

Säuglingen. Von Miller und Manicatide. (Deutsche medicin. 

Wochenschr. 1898. No. 9.) 

Die Verfasser haben die Zellen des Zentralnervensystems bei 
7 Säuglingen des Säuglingspavillons der Berliner Kinderklinik (Heubner) 
untersucht, welche nicht älter als 3 Monate waren; 5 von diesen Kindern 
hatten in den letzten Tagen ihres Lebens mehr oder weniger hohes 
Fieber, während 2 vollkommen fieberfrei waren. Der Krankheitsverlauf 
war bei 4 Kindern ein kurzer — 2—6 Tage —, die 3 anderen, unter 
diesen ein fieberloser Fall, waren längere Zeit krank. Die Sektionen 
wurden schon, um postmortale Veränderungen nach Möglichkeit zu ver¬ 
meiden, 2—6 Stunden post mortem ausgeführt. 

Bei allen 7 Kindern fanden sich Veränderungen, sowohl in den 
Zellen des Gehirns, wie in denjenigen des Rückenmarkes. In den 
einzelnen Fällen sind die Läsionen verschieden stark ausgeprägt: in 
denjenigen mit hochgradigen Veränderungen finden sich neben den weit¬ 
gehend ergriffenen Zellen auch solche, welche nur geringe Abweichungen 
von der Norm darbieten, und man kann an diesen Zellen sehr deutlich 
den Beginn der Veränderungen erkennen. Dazwischen sieht man zahl¬ 
reiche Uebergangsformen. Die Veränderungen bestehen in der leichtesten 
Form in einer unregelmässigen Anordnung der Nissl’schen Körperchen. 
Dieser folgt eine allmählige Auflösung derselben, welche sich entweder 
über den ganzen Zelleib gleichmässig verteilt oder auch mehr die 
Partieen um den Zellkern, oder diejenigen an der Zellperipherie be¬ 
vorzugt. 

Häufig tritt die. Auflösung auch ohne bestimmte Lokalisation mehr 
partiell auf. Im Allgemeinen geht mit dieser Auflösung eine Ver¬ 
kleinerung und ein verschwommenes, blafses Aussehen der Körperchen 
einher; hin und wieder sind dieselben jedoch vergrössert, erscheinen 
dunkler, abgerundet und haben ihre polygonale Gestalt verloren. 
Weiterhin verschwinden die Körperchen gänzlich und an ihrer Stelle 
sieht man ein Netz feiner Fibrillen und in den Maschen derselben eine 
ungefärbte Substanz. Schliefslich verlieren die Zellen ihre Gestalt, ihre 


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Grenzen werden undeutlich und die Fortsätze verschwinden oder sind 
nur noch auf kurze Strecken zu verfolgen. 

Soweit sich Kernveränderungen erkennen lassen, finden sich häufig 
Verlagerungen der Kerne in den Zellen, als auch der Nucleoli in den 
Kernen selbst In den stark veränderten Zellen sind die Kerne fast 
konstant dunkler als gewöhnlich und uniform gefüllt; die Nucleoli er¬ 
scheinen vergrössert. 

Die Veränderungen im allgemeinen sind in 4 Fällen stark aus¬ 
geprägt, während sie sich in den übrigen 3 Fällen auf die beiden 
leichtem Grade beschränken. Weder das Fieber noch die Schwere oder 
Dauer der Erkrankung haben einen erkennbaren Einflufs auf den 
Grad und die Form der Läsionen. Diese Veränderungen gleichen den¬ 
jenigen, welche schon früher bei experimentell erzeugten Intoxikationen 
und Infektionen beschrieben worden sind. Kl autsch, Halle a. S. 

Plötzlicher Tod durch grosse Thymusdrüse. Von CI es sin. (Münchn. 
med. Wochenschr. 1898. No. 11.) 

Verf. erörtert im Anschlufs an einen Fall aus eigener Beobachtung 
über plötzlichen Tod eines mitten in voller Gesundheit stehenden zwei 
Monate alten Kindes, in welchem die Sektion eine Thymushypertrophie 
mit Kompression der Luftröhre ergab, die Frage, ob eine hyperplastische 
Thymusdrüse krankhafte Erscheinungen bedingen könne. Derselbe 
kommt zu dem Resultate, dafs, wenn wir auch keinen näheren Einblick 
in die natürlichen Vorgänge haben, doch jetzt soviel feststeht, dafs eine 
grosse Thymusdrüse durch Trachealkompression den Tod herbeiführen 
kann. Doch darf nicht jede grofse Thymus, die sich bei einem plötz¬ 
lichen Todesfälle vorfindet, für diesen verantwortlich gemacht werden. 
In vielen Fällen wird die Ansicht Paltauf s iu Recht bestehen, dafs eine 
grofse Thymus neben Hyperplasie lymphatischer Elemente Symptom 
einer lymphatisch - chlorotischen Natur sei, bei der es infolge Herz¬ 
schlages leicht zu plötzlichem Tod komme. Auch Friedleben’s Er¬ 
klärung hat etwas für sich, dafs plötzlicher Tod im ersten Akte des 
Laryngismus, und zwar gleich im ersten zur Beobachtung gekommenen 
Anfalle eintreten könne. Wo aber ein Zusammenhang zwischen Tod 
und Thymus behauptet wird, mufs sich derselbe an der Leiche nach- 
weisen lassen; zur Führung dieses Beweises kommt es allein auf die 
Sektionsmethode an. Es dürfte sich daher empfehlen, in allen Fällen, 
in denen sich eine Einwirkung der Thymus vermuten läfst, entweder 
nach Paltauf (quere Eröffnung der freigelegten Trachea oberhalb des 
Sternums) oder der von Weigert (Entfernung des Sternums und Heraus¬ 
nahme der Thymus im Zusammenhänge mit der Luftröhre) zu ver¬ 
fahren. Klautsch, Halle a. S. 

Ein Fall von Fettsucht bei einem 4-jährigen Kinde. Von Capitan 
und Croisier. (Med. moderne N. 78 1897. — Wiener allgem. 
medizin. Zeitung N. 7, 1898). 

Verff. haben anläfslich einer eigenen Beobachtung die merkwürdigsten 
in diesem Jahrhundert publizirten Fälle von Fettsucht bei Kindern ver¬ 
glichen, um jene Umstände herauszufinden, welche als die Ursache jener 
Abnormität angesprochen werden könnten. Jedenfalls war es in fast 


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allen Fällen möglich, solche Umstände nachzuweisen. In erster Reihe 
steht die Art der Ernährung. Nach ihr kommen der Mangel an Be¬ 
wegung, ferner die Gegend, in der die betreffende Person lebt. 

Oft schliefst sich die abnorme Zunahme des Fettpolsters an die 
Heilung einer akuten Erkrankung an. Endlich spielt die Heredität auch 
hier eine entscheidende Rolle, arthritische Diathese, Syphilis oder auch 
eine akute Infektion bei Vater oder Mutter vor der Zeugung können die 
Ursache zur Fettsucht abgeben. 

Die Symptome, die an den einzelnen Beobachtungen besonders auf¬ 
fallen , beziehen sich auf die Ernährung. Sie stehen einander ganz 
widersprechend entgegen. Einzelne dieser enorm fetten Kinder essen 
sehr viel, andere sehr wenig. Die meisten trinken enorm viel Wasser. 
Eine Reihe von Erscheinungen, die gemeinsam bei vielen Vorkommen, 
sind mechanischer Natur, wie die erschwerte Athmung und die er¬ 
schwerte Lokomotion. Während bei einem Teil der Fälle Hyperidrosis 
zu konstatieren war, war bei anderen die Haut trocken. 

Sehr variabel erwies sich die Intelligenz. Sie macht alle Ab¬ 
stufungen durch, von der für das Alter des betreffenden Individuums 
relativ hoch entwickelten Intelligenz bis zur kompleten Idiotie. 

Die schon erwähnte eigene Beobachtung bezog sich auf ein Kind 
von 4 Jahren mit 1,8 m Bauchumfang, welch letzterer innerhalb dreier 
Monate um 7 cm zunahm. Die linken Extremitäten waren merkwürdiger 
Weise ohne nachweisbare Ursache umtangreicher. Der linke Ober¬ 
schenkel z. B. 61 cm Umfang, der rechte 60 cm. Die Höhe des Kindes 
betrug 1,8 m, war also dem Bauchumfang gleich. Dieses Kind hatte bei 
seiner Geburt ein normales Gewicht, nahm vom Anfang an immer viel 
Nahrung, war nie krank und wies auch zur Zeit durchaus normale Funk¬ 
tionen auf. Milz und Leber sind leicht vergröfsert. 

Der Gang erfolgt leicht, doch kann das Kind nicht laufen, ermüdet 
überhaupt leicht. 

Was diesen Fall besonders von den bisherigen unterscheidet ist 
die auffallende Verbreiterung der Herzdämpfung in querer Richtung, 
ferner der Gesichtsausdruck, der durch Intelligenz dem Antlitz das Aus¬ 
sehen eines Erwachsenen verleiht, und endlich der Mangel jeder nach¬ 
weisbaren Ursache der abnormen Fettentwicklung. Die Verff. halten 
den Zustand dennoch für eine obesitas idiopathica, die auf eine schwere 
Störung des Stoffwechsels zurückzuführen wäre. — 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber den Einfluss der Schilddrüse auf das Wachstum der Knochen 

Von Danis. (These de Lyon 1896. Gaz. med. No. 9. 1897.) 

Nach Verf. wird die Thatsache, dafs die Schilddrüse auf das 
Knochenwachstum einen grofsen Einflufs ausübt, bewiesen durch: 1) die 
klinische Beobachtung, 2) das Tierexperiment, 3) die therapeutischen Erfolge 
bei Verabreichung der Thyreoidsubstanz. Ad 1) a. Die klinische Be¬ 
obachtung beweist, dafs idiotische Myxödematöse, bei denen die Schilddrüse 
fehlt oder unvollkommen entwickelt ist, immer Zwergbau haben, b. Ende¬ 
mische Cretins, bei denen die Schilddrüse zwar vergrössert, aber funk¬ 
tionell zerstört ist, zeigen immer Wachstumshemmungen des Knochen¬ 
gerüstes. Je näher die Schilddrüsenhypertrophie der Geburt liegt, desto aus- 


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gesprochener ist der Zwergwuchs, c. Wenn man, wie dies früher ge¬ 
schah, die Totalexstirpation der Schilddrüse bei Kindern vornahm, so 
blieben dieselben im Wachstum Stillstehen, d. Die an Morb. Basedow, 
leidenden Patienten haben alle Knochen Wachstumsstörungen; verursacht 
sind dieselben teilweise durch zu grofse Thätigkeit der Schilddrüse, 
e. Während des Wachstums ist die Schilddrüse besonders umfangreich 
und nimmt ab, wenn das Wachstum beendet ist. Ad 2) Durch Tier¬ 
experimente ist von Hofmann und Eiseisberg konstatiert worden, dafs 
Wachstumsstillstand eintrat, wenn man den betreffenden Tieren die 
Schilddrüse entfernte. Ad 3) Durch Ueberfütterung von Thyreoidsub- 
stanz wird bei Myxödematösen, Cretins und Kindern, deren Wachstum 
durch Rhachitis und andere Stoffwechselstörungen gehemmt ist, eine 
beträchtliche Zunahme der Körperlänge erzielt. — Man darf sich die 
Wirkung der Thyreoidsubstanz auf die Knochenentwicklung wohl so 
vorstellen, dafs die Schilddrüse eine Substanz secemiert, welche die 
Produkte der Dissimilation neutralisiert und so deren nachteiligen Ein- 
flufs auf die trophischen Centren hindert. — Nach Verf. soll man sich 
bei Darreichung der Thyreoidsubstanz, um Misserfolge zu vermeiden, 
vorher versichern, ob das Wachstum bei Myxödematösen und Cretins noch 
möglich ist, d. h. ob die Knorpel noch nicht verknöchert sind. — 
Poncet und mit ihm der Verf. geben der Verfütterung der frischen 
Schafschilddrüse den Vorzug vor allen anderen Formen der Schilddrüsen¬ 
darreichung. S. 

Die Laryngoskopie bei Kindern. Von Petersen. (Therap. Monats¬ 
hefte 1898, März). 

Da die gewöhnliche laryngoskopische Spiegeluntersuchung bei 
Kindern in der gröfsten Mehrzahl der Fälle selbst den geübtesten Prak¬ 
tikern trotz der gröfsten Mühe und Geduld wenig günstige Resultate 
ergiebt, so giebt Verf. ein Verfahren an, welches derselbe seit etwa 
V 2 Jahre in der Poliklinik von Dr. Herzfeld-Berlin anzuwenden Gelegen¬ 
heit hatte, und mit welchem er ohne langes Einüben, ohne grofse Ge¬ 
duldsproben zum Ziele gelangte, wenn auch nicht immer gleich 
beim ersten Eingehen, so doch beim zweiten oder dritten Versuche, 
jedenfalls aber immer in der ersten Sitzung. Derselbe benutzt zu dem 
Zwecke den gracilen und leicht gebauten Zungentraktor von Mount 
Bleyer, den auch Moritz Schmidt empfiehlt. Da derselbe einige Male 
noch zu grofs erschien, so liefs er den vorderen Haken um etwa 5 mm 
verkürzen, und die Ecken und scharfen Kanten noch mehr abschleifen 
und schliefslich den Winkel zwischen Stiel und eigentlichem Spate! noch 
etwas stumpfer machen. Für ganz kleine Kinder liefs er ein ent¬ 
sprechend kleines Instrument anfertigen. Um nun ein Kind zu laryn- 
goskopieren, wird dasselbe von einem Erwachsenen auf den Schoofs 
genommen, Arme und Beine und der etwas hinten übergelegte Kopf 
fixiert, genau in derselben Stellung wie zur Operation der adenoiden 
Vegetationen, und dann wird der Haken in die Mundhöhle eingeführt. 
Derselbe gleitet dann unter ganz geringem Drucke an den Zungen- 
rändem entlang bis zur Basis und dem Lig. glosso-epiglotticum. Hier 
wird er in die fossa epiglottica eingesetzt und dann die Zunge nach 
vorn und etwas nach oben zart vorgezogen. Geht man dann mit dem 


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Kehlkopfspiegel schnell ein und wartet auf die nächste Inspiration, so 
erhält man in den meisten Fällen ein ausreichendes Bild, auch wenn 
sich die kleinen Patienten noch sehr sträuben. Irgend welche Nachteile, 
Verletzungen oder Blutungen sind durch diese Art der Untersuchung, 
die keineswegs roh und gewaltsam erscheint, nicht bedingt Diese 
Untersuchungsmethode verdiente daher vielmehr als bisher Gemeingut 
aller Laryngologen zu werden. Kl aut sch, Halle a. S. 

Ein Fall von Exstirpation des persistierenden Duktus omphalo- 
mesentericus. Von Körte. (Deutsch, medizin. Wochenschr. 
1898 No. 8). 

Da die Kinder, die an einer derartigen Entwickelungsstörung leiden 
(Deschin fand dieselbe bei 1,8 Prozent der daraufhin untersuchten Kinder¬ 
leichen), einmal der sehr ernsthaften Gefahr des Darmvorfalles und der 
Einklemmung ausgesetzt sind, oder aber ständig in der Gefahr schweben, 
dafs der Strang, der durch die freie Bauchhöhle geht, zu Abschnürungen 
führen kann, so ist es sehr wünschenswert, diese Affektion in dem¬ 
jenigen Stadium zu beseitigen, in welchem es noch nicht zu diesen be¬ 
drohlichen Erscheinungen gekommen ist. Die einzige entschieden rich¬ 
tige und der neueren Chirurgie allein entsprechende Methode der Be¬ 
seitigung ist die von Barth angegebene, die darin besteht: den Nabel 
zu umschneiden, die Bauchhöhle zu eröffnen, dadurch den persistierenden 
Dottergang freizulegen, an seiner Insertion am Dünndarm abzubinden, 
darüber abzutragen, und den Stumpf dann durch Uebernähung zu sichern. 
Der geschilderte Eingriff ist nicht mit erheblichen Gefahren verbunden; 
die Blutung ist sehr gering, die Bauchhöhle kann alsbald nach dem Vor¬ 
ziehen des Ductus samt der dazu gehörigen Dünndarmschlinge durch 
Gaze abgeschlossen werden, sodafs die weitere Operation aufserhalb der 
Bauchhöhle verläuft. Bei sehr schwächlichen Kindern ist allerdings erst 
abzuwarten, ob es nicht durch geeignete Pflege gelingt, den Kräfte¬ 
zustand zu heben, ehe man an die Operation geht. 

Kl aut sch, Halle a. S. 

Beitrag zur Soolbäderbehandlung. Von Lange. (Deutsch. Med. 
Wochenschr. 1898 No. 5. 

Aus diesem Aufsatz ist für den Kinderarzt folgendes hervorzuheben: 

Die Wirkung eines Soolbades beruht der Hauptsache nach in einer 
Reflexsteigerung des Cirkulationsapparates. Naturgemäfs mufs diese 
Reflexsteigerung bei einem starken Soolbade höher sein als bei einem 
schwachen, vorausgesetzt, dafs bei beiden die Salzmengen im Wasser 
gleich gut gelöst sind. Denn nur das vollständig gelöste Salz ist im 
Stande, die Haut mit ihren Poren so zu imbibieren, dafs die Irritation 
der Hautgefäfse und die dadurch bedingte Reflexwirkung auch noch 
nach dem Bade und nach dem Abtrocknen des Körpers viele Stunden 
hindurch anhält. 

Darin beruht eben der grofse Unterschied zwischen einem natür¬ 
lichen Soolbade und einem solchen, welches durch Auflösen eines Bade¬ 
salzes künstlich hergestellt ist. Bei letzterem wissen wir nicht genau, ob 
und wieviel Salz sich wirklich ganz im Wasser aufgelöst hat. Nur die 
sorgfältige Zubereitung^ eines solchen künstlichen Soolbades, vor allem 


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die Verwendung eines chemisch möglichst reinen Badesalzes, nicht eines 
beim Abraum gewonnenes und durch erdige Bestandteile entwerteten 
und verunreinigten Steinsalzes hilft diesem Uebelstande ab. 

Für den Gebrauch der Soolbäder ist die Vormittagszeit von 
7—11 Uhr die geeignetste, weil einmal der Körper am Vormittag eine 
bessere Reaktionsfähigkeit besitzt und die Hauptmahlzeit auf den Mittag 
fallt. Auf diese Weise kann nach genügender Bettruhe, der durch das 
Bad gesteigerte Appetit am besten gestillt werden. Im Anfänge läfst 
man schwächliche Personen einen Tag um den andern baden und setzt 
auch späterhin einen Tag mit dem Bade aus. 

Erethische und zarte Kinder sollen mit schwachen Soolbädern be¬ 
ginnen, die ersten Bäder nicht stärker als 1—1 1 / 2 °/oi die Temperatur 
des Bades sei 2*.—29 °R; die Badezeit, im Anfang 8—10 Minuten, 
steigt allmählich auf 15—25 Minuten. Die Dauer einer solchen Kur er¬ 
streckt sich auf 6—8 Wochen und mufs öfter wiederholt werden. 

Von gröfster Wichtigkeit ist ferner eine jedesmalige 1—2 stündige 
Bettruhe nach dem Bade. Die sich an jedes Soolbad anschliefsenden 
Regenerationsvorgänge vollziehen sich nur sicher und ungestört bei Bett¬ 
ruhe und mäfsige Bettwärmer. 

Kontraindikationen giebt es für die Soolbäder so gut wie keine. 
Ausgenommen sind natürlich alle mit Fieber einhergehenden acuten 
Erkrankungen, wo der Stoffwechsel ohnehin gesteigert ist. 

Mit Nutzen wird man die Bäder in der Kinderpraxis anwenden 
bei langdauemden chronischen Erkrankungen, bei verzögerter Rekon¬ 
valeszenz nach Infektionskrankheiten u. dgl., bei lang bestehenden Haut¬ 
ausschlägen und skrophulösen Drüsenbildungen. Eine gleichzeitige inner¬ 
liche Behandlung mit Ol. jecor. und Syrup. ferri jodat. oder beides in 
der Form des Jodeisen-Leberthrans, sowie eine zweckmässige Ernährung 
wirken natürlich als beste Unterstützungsmomente mit. Ferner bilden 
alle anderen skrophulösen Erkrankungen, die Rachitis mit ihren sommer¬ 
lichen Komplikationen der Eclampsia infantilis uud dem Spasmus glottidis, 
Mittelohreiterungen und Schwellungen im Nasenrachenraum, Exsudate 
aller Art, Knochenfisteln und die verschiedenen Formen der hereditären 
Lues ein geeignetes Material für die Soolbäderbehandlung, 

Schnell-Egeln. 

Neue Nähr- und Genufsmittel. Von Freudenberg. (Der Frauen¬ 
arzt, 1898 N. 1.) 

Verf. hatte zwei neue Nähr- resp. Genufsmittel klinisch geprüft, 
nämlich Eutrophia und Fortin. Von ihnen hat namentlich das Fortin 
eine gewisse Bedeutung für die Kinderpraxis. Das Fortin, welches von 
der Firma Fortagen Nachf. in Dresden-Blasewitz in den den Handel ge¬ 
bracht wird, besteht aus nichts anderem als aus frischen Eiern, feinstem 
ungarischem Weizenmehl und Zucker, die in reiner Butter zu einem 
festen Kuchen gebacken und alsdann zu einem feinen Pulver vermahlen 
werden. Durch den Prozefs des Backens werden die Bestandteile des 
Mehles in hohem Grade aufgeschlossen und zur Assimilation geeignet 
gemacht. Das Präparat enthält somit in Verbindung mit Milch alle Be¬ 
standteile in leicht verdaulicher Form, deren der Organismus zu seinem 
Aufbau bedarf. Für Säuglinge kocht man am besten ein gewisses Quan- 


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tum Fortins mit Milch auf, in der es sich bei seiner feinen Staubform 
nach kurzem Umrühren völlig auflöst. Es empfiehlt sich für jede Flaschen¬ 
darreichung eine frische Abkochung Fortins herzustellen, um den Ge¬ 
schmack nicht zu verschlechtern. Für Kinder von 1—4 Monaten würden 
4 Efslöffel gekochtes Wasser, 2 Efslöffel gekochte Milch ein gestrichener 
Efslöffel Fortin zusammen 5 Minuten lang gekocht und alle 2 Stunden 
gegeben. Später vermindert sich allmählig der Wasserzusatz zur Milch 
und erhöht sich der Fortinzusatz. 

Dr. F. Schmey, Beuthen O.-S. 


Gesundheitspflege. 

— In der Abteilung für Hygiene und Bakteriologie der 69. Vers, 
deutscher Naturforscher u. Aerzte in Braunschweig hielt Dr. H. Berger 
einen Vortrag über »die Bedeutung des Wetters für die ansteckenden 
Krankheiten«, dem wir nach einem Bericht des »Monatsbl. f. öffentl. 
Gesundheitspfl.« Folgendes entnehmen: Nachdem die moderne Bakterio¬ 
logie ihren Triumphzug durch die medizinische Welt angetreten hatte, 
glaubten viele anfangs damit allein die Aetiologie der ansteckenden 
Krankheiten klar gelegt zu haben und die alten Ideen über das Zu¬ 
standekommen ansteckender Krankheiten bei gewissen äufseren Einflüssen 
wurden bei Seite geworfen. Schon Hippokrates wies auf die Wichtigkeit 
atmosphärischer Einflüsse hin, und diese alte Lehre wird nicht unbeachtet 
gelassen werden dürfen. Von vielen Bakteriologen wird die Bedeutung 
anderer Faktoren neben den Krankheitserregern als nebensächlich an¬ 
gesehen. Der Bazillus allein ist nicht imstande, die Krankheit zu erklären, 
zwischen ihm und dem gesunden Menschen ist noch ein weiter Weg, 
und diesen zu erforschen ist gewifs ebenso wichtig als die Erforschung 
der letzten Krankheitsursache. Unter den allgemeinen örtlichen und 
zeitlichen Verhältnissen, welche hier Einflufs ausüben, fiel am meisten 
der Faktor auf, den man in seiner Gesamtheit als Wetter bezeichnet. 
Man kann dabei im allgemeinen 4 meteorologische Hauptfaktoren unter¬ 
scheiden: 1) Luftdruck, 2) Temperatur, 3) allgemeinen Witterungscharakter, 
als Bewölkung und Niederschläge, und 4) Bewegung der Luft. Diese 
4 Faktoren hat Verf. bei seinen Untersuchungen berücksichtigt. Die In¬ 
fektionskrankheiten, auf welche sich dieselben erstreckten, waren Diph¬ 
therie, Scharlach, Masern und Unterleibstyphus. Seine Untersuchungen 
fanden an gleichartigem Material statt und erstreckten sich auf 4 Jahre. 
Bei Beurteilung des Zusammenhangs zwischen Wetter und Krankheit ist 
vor allem das Inkubationsstadium zu beachten, indem der Tag der In¬ 
fektion der mafsgebende ist. B. legte hierbei Mittelwerte zugrunde 
und nahm für Diphtherie 4, für Scharlach 5, für Masern 10, für Typhus 
14 Tage an. Im allgemeinen gelangte er zu folgenden Resultaten: 
1) Diphtheritiserkrankungen kommen sowohl bei Schulkindern, als auch 
bei nicht die Schule besuchenden Personen in den Wintermonaten am 
häufigsten, in den Sommermonaten am wenigsten vor; Juni und Juli 
weisen die wenigsten, Dezember, Januar und Februar die meisten Er- 


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krankungen auf. 2) Scharlach tritt ebenfalls hauptsächlich in den 
Wintermonaten auf; Dezember und Januar zeigen die höchste, März bis 
Juli die niedrigste Erkrankungsziffer. 3) Masernerkrankungen kommen 
ebenfalls mehr in den Wintermonaten als im Sommer zur Beobachtung. 
4) Unterleibstyphus tritt am meisten im August, am wenigsten von 
November bis Februar auf. (Allerdings ist die beobachtete Zahl bei 
Typhus klein und wird nicht geeignet sein, definitive Schlüsse daraus 
ziehen zu lassen.) 

Der Umstand, dafs das Zustandekommen und die Weiterverbreitung 
der ansteckenden Krankheiten vorzugsweise auf gewisse Jahreszeiten 
beschränkt ist, weist darauf hin, dafs bestimmte Witterungsverhältnisse 
nicht ohne Einflufs sein können, wobei Verf. nicht bestreitet, dafs noch 
andere Faktoren, wie das Zusammengepferchtsein in Stuben während 
der kälteren Jahreszeit, Wohnungsverhältnisse, Kleidung usw, vielleicht mit 
in Betracht zu ziehen sind. Was den Einflufs der Luftbewegung betrifft, 
so treten bei Westwind die meisten Erkrankungen auf, die wenigsten 
bei Nordostwind. — Man mufs also die Thatsache anerkennen, dafs das 
Zusammentreffen von gewissen Infektionskrankheiten mit gewissen Wetter¬ 
verhältnissen ein so auffallendes ist, dafs ein blofser Zufall wohl ausge- 
stofsen werden kann. Von gröfster Wichtigkeit ist der allgemeine Witterungs¬ 
charakter, und zwar scheinen Niederschläge von gröfster Bedeutung zu 
sein. Die WiedereinVerleihung der Bakterieen in den Organismus auf 
mechanischem Wege durch Niederschläge ist nach Flügge’schen Unter¬ 
suchungen sehr leicht verständlich. — In der Diskussion wurde u. a. von 
Blachstein und Finkler betont, dafs gerade die Erkältung ein sehr 
wichtiger Faktor bei Erkrankungen der besprochenen Art sei. Finkler 
bemerkt, dafs der schnelle Wechsel der Temperatur, welcher 
Erkältungen hervorrufe, die Disposition und damit die Erkrankungen 
begünstige. Es werde noch nicht genug gewürdigt, dafs greller Wechsel 
Erkältungen hervorrufe. Der Disposition müsse man eine grofse Be¬ 
deutung für die Entstehung der Krankheit zumessen. S. 


Rezensionen. 

Studien aus der Praxis für die Praxis über die bisher 
beobachteten unerwünschten Nebenwirkungen des 
Diphtherie - Heilserums. Von Kreisphysikus Dr. M. E. 
Schwabe. Leipzig, Verlag des Reichs-Med.-Anz. B. Konegen, 
1898. Preis 2 Mk. 40 Pf. 

Bei dem Kampfe, der immer noch in Bezug auf die Nebenwirkungen der 
Diphtherie-Heilserumbehandlung besteht, war es ein dankenswertes Unter¬ 
nehmen des Verf.’s, einmal alles zusammenzustellen, was über die bisher beo¬ 
bachteten ungünstigen Nebenwirkungen des Mittels bekannt geworden ist. 
S. hat mit grofsem Fleifse alles gesammelt, was hierüber veröffentlicht ist, 
seine eigenen reichen Erfahrungen hinzugethan und prüft dann alles mit der 
kritischen Sonde eines scharfen Beobachters, wobei nicht verschwiegen 
werden darf, dafs er, wie die meisten Aerzte, ein begeisterter Anhänger 


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der Heilserumbehandlung ist. Letzteres hindert ihn aber nicht, in der 
Beurteilung der ganzen Frage sich möglichst objektiv zu verhalten. Das 
Werkchen dürfte jedem Arzte eine hochwillkommene Lektüre sein. 

S. 

Atlas und Grundrifs der chirurgischen Operationslehre. 
Von Privatdozent Dr. Otto Zuckerkand 1. Mit 24 farbigen Tafeln 
und 217 Abbildungen im Text. Bd. XVI von Lehmanns medicin. 
Handatlanten. München, J. F. Lehmann, 1897. Preis 10 Mk. 
Vorliegender Atlas und Grundrifs der Operationslehre ist dazu 
bestimmt, dem elementaren Unterricht in dieser Disziplin zu dienen, 
weshalb diejenigen Gruppen von Operationen, deren Uebung an der 
Leiche das Fundament des praktischen Unterrichts bildet, ausführlich 
erörtert und in ihren markanten Phasen bildlich dargestellt sind. Hin¬ 
gegen sind die sonstigen Operationen, die lediglich dem Chirurgen vom 
Fach anheimfallen und deren Uebung an der Leiche minder wichtig 
erscheint, kürzer behandelt. Der illustrative Teil des Buches ist 
mit gröfster Mühe und Sorgfalt hergestellt, wie wir dies ja an dieser 
Sammlung von Handatlanten gewöhnt sind. Der Text erläutert knapp 
und klar die Art des operativen Vorgehens. Das Werk ist demnach 
ein in jeder Hinsicht empfehlenswertes. S. 

Aus der orthopädisch-chirurgischen Praxis. Von Privatdozent 
Dr. O. Vulpius. Mit zahlreichen Abbildungen im Text. Leipzig, 
Veit & Co., 1898. 

Verf. bespricht in dem vorliegenden Werkchen auf Grund frischer 
Eindrücke und Erlebnisse, die er seit Jahresfrist an seiner orthopädischen 
Anstalt zu machen Gelegenheit hatte, eine Reihe von Fragen und Auf¬ 
gaben der modernen Orthopädie, die sämtlich für den praktischen Arzt 
von Wichtigkeit sind, so z. B. die seitliche Rückgratsverkrümmung, die 
Heilung der angeborenen Hüftverrenkung, den angeborenen und erwor¬ 
benen Kiumpfufs. Die einzelnen Kapitel sind in anregender und klarer 
Weise abgefafst. Das Werkchen wird sicher dazu beitragen, das 
Interesse an der von Seiten des praktischen Arztes leider so lange ver¬ 
nachlässigten Spezialwissenschaft der Orthopädie zu vermehren. Für die 
Pädiatrie ist dieselbe ja von ganz hervorragender Wichtigkeit. 

S. 

Ueber Diphtherie der oberen Luftwege. Von Dr. Suchannek. 
Bresgen’s Sammlung. Halle, Carl Marhold, 1898. Einzelpreis 2 Mk. 
Verf. behandelt die Erkrankung der Nase und im Anschlufs daran 
die der Nebenhöhlen, dann die der Mundrachenhöhle und des Kehlkopfs, 
wobei nach dem Vorschlag Heubners’s eingeteilt wird in leichte, mittel¬ 
schwere und schwere Fälle; zu den leichten Rachendiphtherien Heubners 
werden gerechnet die katarrhalische und die leichte kroupöse Diphtherie. 
Nach Schilderung der örtlichen folgt eine Besprechung der Allgemein- 
erscheinungen, und der Lähmungen und endlich die bakteriologische Seite 
der Diphtherie. Die zweite Hälfte enthält die Prophylaxe und Therapie 
der Krankheit. Von Nasendouchen rät Verf. ab. Am Schlüsse der 
ausführlichen Besprechung der gesammten in Betracht kommenden 


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Therapie giebt der Autor den beherzigenswerten Rat, bei Lähmungen 
die Patienten zu äufserster Bettruhe anzuhalten, denn bei den sprung¬ 
weisen Auftreten der Lähmungen bringen manchmal schon die gering¬ 
fügigsten Bewegungen, selbst einfaches Aufrichten im Bett, den Tod. 

Beyer-Neustadt. 

Grundrifs der speziellen Pathologie und Therapie mit be¬ 
sonder Berücksichtigung der Diagnostik. Von Dr. Jul. 
Schwalbe. 2. Aufl. Lieferung 1. u. 2. Stuttgart, F. Enke, 1897. 
Preis der Lfg. 3 Mk. 

Das S/sche Kompendium der inneren Medizin wurde bei seinem 
ersten Erscheinen von der gesammten Fachpresse warm empfohlen und 
auch in unserer Zeitschrift wurde dasselbe sehr günstig rezensiert. Die vor¬ 
liegende 2., in 4 Lieferungen erscheinende Auflage ist entsprechend den 
Fortschritten der Wissenschaft sorgfältig durcbgearbeitet und weist nament¬ 
lich an vielen Stellen eine eingehendere Berücksichtigung der Diagnostik 
und Therapie auf. Auch ist die Zahl instruktiver Abbildungen ver¬ 
mehrt. Der S/sche Grundrifs sei auch in seinem neuen Gewände allen 
Kollegen aufs angelegentlichste empfohlen. S. 

Repetitorium der Chemie. Mit besonderer Berücksichtigung der 
für die Medizin wichtigsten Verbindungen sowie des »Arzneibuches 
für das deutsche Reich« und anderer Pharmakopoen namentlich 
zum Gebrauche für Mediziner und Pharmazeuten bearbeitet von 
Prof. C. Arnold. 8. Aufl. Hamburg und Leipzig, Leop. Vofs, 1898. 
Preis 6 Mk. 

Vorliegendes in 8. Auflage erscheinendes Repetitorium ist in erster 
Linie für Studierende der Medizin zur Vorbereitung auf die natur¬ 
wissenschaftliche Prüfung bestimmt, enthält aber zugleich in kleinerem Druck 
alles Uebrige aus dem Gebiet der Chemie, das zum Verständnis und 
zur Ergänzung für die Praxis nötig erscheint. Dementsprechend sind 
auch alle physiologisch und therapeutisch wichtigen Verbindungen auf 
Grund neuester Forschungen kurz besprochen. Bei der immer gröfseren 
Rolle, zu welcher die Chemie für die Medizin berufen erscheint, dürfte 
das Buch als Nachschlagewerk in der Praxis bzw. zur Orientierung in den 
die Chemie betreffenden medizinischen Fragen in ganz besonders 
hohem Grade geeignet erscheinen. S. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

Contribution ä l’ötude du traitement du cordon ombilical 
apres la naissance. Action des bains. Von Bastard. 

Seit 1891 hat Pinard in seiner Klinik darauf verzichtet, die Neu¬ 
geborenen täglich baden zu lassen. Verf. hat nun die Vorteile dieser 
Methode statistisch festzustellen unternommen, und wurden zu dem 
Zwecke 2 Serien von je 110 Neugeborenen, die spontan zur Welt ge¬ 
kommen waren und sämtlich über 3000 gr. wogen, mit einander ver- 


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glichen; die eine Serie war täglich gebadet worden, die andere hatte 
nur unmittelbar nach der Geburt ein Reinigungsbad erhalten und wurde 
dann nicht mehr gebadet. Bei den nicht gebadeten Kindern erfolgte 
nun der Abfall des Nabelschnurrestes durchschnittlich nach 5 4 / 10 , bei 
den gebadeten nach 7 4 / l0 Tagen; pathologische Störungen, wie perium- 
bilicales Erythem, Eiterungen etc. traten bei ersteren in 6,3°/ 0 , bei 
letzteren in 19% auf: Zahlen, die dafür sprechen, die Neugeborenen 
erst nach Vernarbung des Nabels zu baden. (Thöse de Paris 97.) 

Klautsch, Halle a. S. 

Das Baden der Neugeborenen in Beziehung zur Nabel¬ 
pflege und zum Körpergewicht. Von Czerwenka. 

Durch Untersuchungen an 400 Säuglingen, von denen die eine 
Hälfte gebadet, die andere hingegen nicht gebadet wurde, stellte Verf. 
zunächst fest, dafs eine Beeinträchtigung des Mumifikationsprozesses am 
Nabelschnurrest durch das Baden nicht stattfindet; abgestossen hatte 
sich der Nabelschnurrest von den gebadeten Kindern bei ca. 80 Proz. 
von den ungebadeten bei ca. 94 Proz. bis zum 7. Tage. Die Infektions¬ 
gefahr durch das Bad hält Verf. für nicht so grofs, als meist ange¬ 
nommen wird, die Morbidität in Folge Nabelinfektion betrug nur O,5°/ 0 . 
Bezüglich des Körpergewichtes ergab sich, dafs bei den gebadeten 
Kindern die durchschnittliche Zunahme ohne Rücksicht auf die Er¬ 
nährungsweise gröfser war als bei den nicht gebadeten. Infolgedessen 
ist Verf. dafür, das Baden bei den Neugeborenen beizubehalten. (Wien, 
klin. Wochenschr. 98.) Klautsch, Halle a. S. 

— Bierhefe bei Furunkulose. Von Brocq. B. lobt die 
Wirkung der Bierhefe bei Furunkulose gelegentlich der Vorstellung eines 
Kindes in einer seiner Vorlesungen und hebt hervor, dafs diese Sub¬ 
stanz bei allen eitrigen Dermatosen: Impetigo, Acne, namentlich aber 
bei Furunkulose von grofsem Nutzen ist. Entsprechend verabreicht, ver¬ 
mochte die Bierhefe mit Sicherheit in etwa 8 Tagen die Furunkulose 
zum Stillstand zu bringen. Die Schwierigkeit liegt nur darin, eine frische 
Hefe zu bekommen, da nur eine solche günstig wirkt. Man verabreicht 
2 oder 3 Kaffeelöffel in etwas Wasser zu Beginn der Mahlzeit, kann 
aber diese Dosis ohne Nachteil auch erhöhen. Wenn man keine Bier¬ 
hefe bekommen kann, so kann man diese auch durch Prefshefe ersetzen, 
die aber weniger gut vertragen wird. Wegen ihrer Wirkung auf ober¬ 
flächliche Eiterungen wäre es vielleicht angezeigt, die Bierhefe auch bei 
Gonorrhoe zu versuchen. (Journ. de M6d. 98). 

Dr. Goldbaum, Wien. 

— Das Ichthyol bei akuten Larynxkatarrhen. Von 
Cieglewicz. C. wendete bei akuten L'irynxkatarrhen das Ichtyol 
mit glänzendem Erfolge an. Er liefs nämlich in mehreren Fällen von 
Larynxkatarrhen und Pseudokroup der Kinder 2% kalte Ichtyollösung 
mittelst eines Richardson’schen Zerstäubers einatmen. Die Einatmung 
wurde je nach der Schwere der Krankheit 1—2 mal täglich je 3—5 Minuten 
vorgenommen. Die Patienten gewöhnen sich leicht an Geschmack und 
Geruch derselben, Der Husten und die Heiserkeit schwanden rasch. In 


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manchen Fällen war die Wirkung so überraschend, dafs schon das 
Ichthyol während eines Hustenanfalles in Form von Einatmung appliziert, 
den Anfall koupierte. Schädliche Nebenerscheinungen wurden nicht be¬ 
obachtet. (Praeglad lekarski 98). Dr. Goldbaum, Wien. 

— Auf der Heubner’schen Kinderklinik der Charite in Berlin werden 
seit 1895 regelmäfsig Schutzimpfungen aller Kinder mit Behring’s 
Heilserum vorgenommen. Da die Beobachtung ergeben hat, dafs der 
Immunizierungsschutz etwa 21 Tage vorhält, so werden die Kinder einer 
3 wöchentlichen Wiederimpfung unterzogen. Es sind bis jetzt rund 
500 Kinder 874 mal in dieser Weise geimpft, ohne dafs ein Kind an 
Diphtherie erkrankt ist. Technische Schwierigkeiten liegen nicht vor, 
da die benötigte Dosis Heilserum (200 J. E. — 0,8 ccm.) bequem mittels 
einer Pravaz’schen Spritze einverleibt werden können. Nachteilige Wirk¬ 
ungen sind bei dieser kleinen Menge nicht zu befürchten. Serum¬ 
exantheme wurden selten und nur in leichter Form beobachtet. 

Da Heilanstalten, in denen Diphtherieübertragungen nicht sicher 
zu verhüten sind, ihre Insassen vor dieser bewahren müssen, so sind 
Schutzimpfungen, wie sie von Heubner eingeführt sind, in denselben 
geboten. (Deutsch, med. Wochenschr. 1898 No. 6.) 

Schnell, Egeln. 

— Die Ursache des allgemeinen Hydrops der Neuge¬ 
borenen. Von Adebert. Verf. schlielst sich unter Berücksichtigung 
der einschlägigen Litteratur und genauen Beschreibung eines selbst 
beobachteten Falles der allgemein gültigen Meinung an, dafs der allge¬ 
meine Hydrops der Neugeborenen meist auf syphilitischer Grundlage 
beruhe. A. macht dabei zur Eruierung derselben auf einen Punkt auf¬ 
merksam, welcher bisher noch zu wenig Beachtung gefunden hatte, d. i. 
das Vorhandensein einer abnorm grofsen Placenta; regelmäfsig, wenn 
mit derselben allgemeiner Hydrops koinzidiert, aber in den übrigen 
Organen des Neugeborenen, Gefäfsen oder Eingeweiden, keine Zeichen 
von Syphilis vorhanden sind, wird es gelingen, die Spuren derselben bei 
einem der Erzeuger zu finden. (Rev. mens. d. mal. de Penf. 97.) 

Klautsch, Halle a. S. 

— Einflufs der Kuhmilch auf die Verbreitung der 
Diphtherie. Von W. T. Howard. Bei einer in Ashtabula herrschenden 
Diphtherieepidemie gelang es, die Infektionsursache auf die Milch zurück¬ 
zuführen. Dieselbe entstammte einer Farm, auf welcher einer der Be¬ 
schäftigten an Diphtherie erkrankt war und trotzdem die Milchbesorgung 
weiter führte. Durch genaue bakteriologische Untersuchungen, Verfolg 
der einzelnen Zweige der Epidemie etc. ist der strikte Beweis für die 
Uebertragung und Verschleppung durch die Milch erbracht. (Amer. 
Joum. of the med. scienc. 97). Klautsch, Halle a. S. 


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Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Rp. Acid. salicyl. 1,0 
Zinc. oxydat. 5,0 
Lanolin. 30,0 
Mf. ungt. DS. äufserlich. 

Rp. Ungt. diachyl. Hebr. 25,0 
Lanolin. 5,0 
Hydrargyr. oxydat. flav. 0,25 
Mf. ungt. DS. äufserlich. 

Ekzema capitis infantum. 

Rp. Amyl. 10,0 
Vaselin. 

Lanolin, aa 15,0 
Acid. pyrogallic. 0,25 
Mf. ungt. DS. äufserlich. 
Eczema faciei infantum. 


Rp. Acid. boric. 0,25 
Lanolin 25,0 

Vaselin. 5,0 
Mf. ungt. DS. äufserlich. 

Intertrigo. 

Rp. Lanolin 
Vaselin 
Amyl. 

Parachlorphenol, aa 10,0 
Mf. ungt. DS. äufserlich. 
Lupus. 

Rp. Flor, sulfur. 5,0 
Kal. carbonic. 2,5 
Lanolin 30,0 
Mf. ungt. DS. äufserlich. 

Scabies. 


(Die vorstehenden Rezeptformeln sind einer in Berlin 1898 er¬ 
schienenen Rezeptsammlung zur Behandlung der wichtigsten Hautkrank¬ 
heiten entnommen.) 


Kleine Mitteilungen. 

Die diesjährige Jahresversammlung des deutschen Ver¬ 
eins für öffentliche Gesundheitspflege wird vom 14.—17. Sep¬ 
tember in Köln stattfinden. Es sind folgende Verhandlungsgegenstände 
auf die Tagesordnung der Versammlung gesetzt: 1. Deutsches Seuchen¬ 
gesetz. 2. Ueber die Notwendigkeit einer regelmäfsigen Beaufsichtigung 
der Benutzung der Wohnungen und deren behördliche Organisation. 
3. Die bei der Reinigung der Abwässer in Anwendung kommenden 
Methoden. 4. Die öffentliche Gesundheitspflege im Eisenbahnbetrieb. 

Die Milch-Somatose ist ein der gewöhnlichen Fleisch-Somatose 
ähnliches Albumosenpräparat, nur ist dieselbe nicht aus Fleisch, sondern 
aus Milch hergestellt; aufserdem sind derselben 5°/ 0 Tannin in chemischer 
Bindung zugesetzt. Sie zeichnet sich aufser den Vorzügen, welche 
dem Milch-Eiweifs an und für sich zukommen, auch dadurch vor der 
Fleisch-Somatose aus, dafs sie noch etwas salzfreier ist als diese und 
aufserdem wegen des Tanninzusatzes nicht so leicht Diarrhoe verur¬ 
sacht. S. ist nach den Versuchen von Adolf Schmidt auf der medi¬ 
zinischen Klinik zu Bonn ein völlig reizloses, leicht adstringierendes 
Nährpräparat, das sich bei Patienten mit geschwächten resp. erkrankten 
Verdauungsorganen gut bewährt hat. Sie wird besonders bei Magen- 
und Darmaffektionen, bei den Diarrhoen der Typhuskranken und Phthi¬ 
siker mit Vorteil angewandt werden können und ist insbesondere auch 
bei Kindern sehr gut verwendbar. Ihre Dosierung und Verordnungsweise 
ist dieselbe wie bei der Fleisch-Somatose. 

Diesem Heft liegt ein Prospekt der Chemischen Fabrik von Heyden in 
Radebeul bei Dresden bei, worauf wir unsere geehrten Leser noch ganz besonders 
aufmerksam machen. 

Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

heraasgegeben 

vom 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 


Ersebeint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauseubezahlender Preis für das ganze Jabr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Bachhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 8836) sowie auch die Verlagsbachhandlang jederzeit gern entgegen. 


Heft 102. Leipzig, 3. Juni 1898. IX. Jahrg. Heft 6. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tanchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Schmey, Originalbericht über den XVI. Kongrefs für 
innere Medizin (121). — Kühner, Ziegenmilch und Ziegenzucht (128). — Referate: 
Comby, Tuberkulose (188). — Rocaz, Tuberculöse Peritonitis (134). — Federici, 
Skrophulose (135). — Vehmeyer, Diphtherie (135). — Nolen, Gonorrhoe (136). — 
Grünfeld, Darmkatarrh (136). — Comby, Verdauungsfieber (137). — Raczynski, 
Punctio lumbalis (138). — Gesundheitspflege: Mendelssohn, Radfahren und 
Herzthätigkeit (139). — Rezensionen: Baldwin u. Ortmann, Die Entwicklung 
des Geistes beim Kinde und bei der Rasse (140). — Neumann, Oeffentlicher Kinder¬ 
schutz (140). — Leistikow, Therapie der Hautkrankheiten (141). - Dornblüth, 
Kochbuch für Kranke (141). — Böing, Neue Untersuchungen zur Pocken- und 
Impffrage (141). — Kurze Notizen aus der Praxis und Wisse nschaft (142). 
— Reze ptformein für die K inderpraxis (144). — Kleine Mitteilungen (144j. 


Bericht Aber den 16. Kongress für innere Medizin zu Wiesbaden, 
vom 13.-16. April 1898. 

Von Dr. F. Schmey (Beuthen O.-S.) 


Als ich mich anschickte, in diesem Jahre zur Teilnahme am sech¬ 
zehnten Kongrefs für innere Mission nach Wiesbaden zu reisen, ersuchte 
mich der Redakteur dieses Blattes, für dasselbe aus den Kongrefs- 
verhandlungen alles für die Kinderheilkunde Wichtige zu berichten. 
Dieser Aufforderung komme ich gern nach. Der Kongrefs wurde am 
13. April vormittags durch Prof. Moritz Schmidt (Frankfurt a. M.) er¬ 
öffnet. Aus seiner geistvollen Eröffnungsrede hebe ich nur zwei Punkte 
hervor. Zunächst stellte er fest, dafs, abgesehen von einigen kleinen 
inselförmigen Bezirken, die Serumtherapie der Diphtherie sich in Deutsch¬ 
land allgemeiner Anerkennung erfreue. Sodann sprach er davon, dafs 
jetzt ein Damenkreuzzug gegen die Vivisektion eröffnet würde: »Wenn, 
sagte er, jetzt tausende von Frauen und Jungfrauen, die ihre Hunde und 
Katzen lieb haben, zum Kampfe aufgerufen werden, gegen die Tierver¬ 
suche der Aerzte, so können wir zur Verteidigung tausende von Müttern 
herbeiziehen, deren Lieblinge vor einem qualvollen Tode an Diphtherie 

Dar KMor-Arst Htft 5. 1898 . 


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nur durch Heilserum errettet würden, dessen Entdeckung ohne Tierver¬ 
suche undenkbar war«. Lauter Beifall der zahlreichen Versammlung 
belohnte diese treffenden Ausführungen des Redners. Die Vormittags¬ 
sitzung wurde sodann ausgefüllt durch das Referat der Proff. v. Ziemssen 
(Münehen) und v. Jaksch (Prag) über den medizinisch-klinischen 
Unterricht. Aus dem Vortrage v. Jaksch’s, der selbst einige 
Jahre Kinderkliniker war, hebe ich nur die Behauptung hervor, dafs er 
die Kinderheilkunde nicht für ein selbständiges Fach ansehen könne 
und darum auch den Besuch einer Kinderklinik den Studenten nicht 
vorschreiben möchte. Dieser Ansicht traten in der Diskussion noch 
mehrere andere Dozenten bei. Ich möchte meine Stellung zu dieser 
Frage in folgendem klarlegen. Die Praxis der gewöhnlichon praktischen 
Aerzte ist zum weit überwiegenden Teilen Kinderpraxis. Die praktischen 
Aerzte müssen daher eigentlich sämmtlich Spezialärzte für Kinderheil¬ 
kunde sein. Ich halte daher das intensivste Studium der Kinderheilkunde, 
den Besuch einer Kinderklinik und die Prüfung der Kinderheilkunde im 
Staatsexamen für den angehenden Arzt für unbedingt erforderlich. 

Aus der Nachmittagssitzung des ersten Tages hebe ich nur den 
Vortrag von Rosin (Berlin): »Ueber die Behandlung der Chlorose 
mit heifsen Bädern« hervor. R. empfiehlt die Behandlung der Chlorose 
durch heifse Bäder von 32 0 R. von J / 2 — 3 / 4 Stunden Dauer. Zum Schlufs 
soll eine kurze, kalte Begiefsung gemacht werden. — Die Vormittags¬ 
sitzung des zweiten Tages bekam für die Kinderheilkunde erst Interesse 
durch die Diskussion über den Vortrag von Bornstein (Landeck): 
Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung des 
Saccharins. B. kam auf Grund seiner experimentellen Untersuchungen 
dem Resultate, dafs eine genaue Beobachtung der Saccharin nehmenden 
Diabetiker in Bezug darauf nötig sei, ob etwaige Dispepsien nicht auf 
Conto des Saccharin zu setzen seien und trat für den schon von Salkowski 
und anderen vorgeschlagenen Deklarationszwang bei Versetzung von 
Nährmitteln etc. mit dem für die Ernährung im besten Falle wert¬ 
losen Saccharin ein. In der Diskussion hob Thomas (Freiburg) hervor, 
er habe den Versuch gemacht, appetitlosen Kindern die Nahrung 
durch Zusatz kleiner Mengen Saccharin schmackhafter zu machen; er 
habe jedoch nach dieser Richtung hin keinen Erfolg erzielt. Weiter 
bemerkt Wyhs (Zürich), dafs er seit langer Zeit in der Kinder¬ 
praxis Saccharin in ganz kleinen Dosen von höchstens 1 centigramm gern 
und erfolgreich verwende ; erstens um die Einnahme schlecht schmeckender 
Medikamente zu erleichtern, zweitens um bei chronischen Diarrhöen die 
fermentativen Prozesse im Darm günstig zu beeinflussen. 

Aus der Nachmittagssitzung des zweiten Tages ist nur ein Vortrag 
von Petruschky (Danzig) hervorzuheben, der bei einem kränklichen, seit 
Jahren an Lungenkatarrh leidenden Schulmädchen, dessen Eltern an 
Lungenleiden verstorben waren durch Untersuchung des Auswurfes 
Streptotrichosis diagnostizierte. In der Diskussion berichtet v. 
Ziemssen über eine junge Dame, die seit zwei Jahren alle paar Monate 
einmal Anfälle von Bluthusten bekommt und dabei auch in Schleim ein¬ 
gebettete rundliche kleine Körperchen auswirft. Es gelang Büchner aus 
diesen Körperchen den Streptotrix zu isolieren und rein zu kulti¬ 
vieren. Es ist noch nachzutragen, dafs der von P. in dem er- 


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J 



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wähnten Falle von Streptotrichosis gefundene Pilz in seinen Kulturen 
Gelatine verflüssigt, was der von P. in seinem Falle gefundene Strepto- 
trix nicht that, dafs es also augenscheinlich mehrere pathogene Spiel¬ 
arten des Streptotrix giebt. 

Die fünfte Sitzung des Kongresses brachte mit Prof. Müller 
(Marburg) als Referenten und Brieger (Berlin) als Correferenten eine Be¬ 
sprechung der intestinalen Autointoxikation und der Darm¬ 
antisepsis. Die Wichtigkeit dieses Themas grade für die Kinderheil¬ 
kunde erhellt aus der von Müller hervorgehobenen Thatsache, dafs ge¬ 
wisse hier in Frage kommende Gifte auf den jugendlichen, den kind¬ 
lichen Organismus viel stärker und gefährlicher einwirken, als auf den 
erwachsenen Menschen. Als gesichertes Resultat der beiden Referate 
sowohl, als auch der sehr ausgedehnten Diskussion, aus der ich nament¬ 
lich die Beteiligung von Ewald (Berlin) hervorheben möchte, geht her¬ 
vor, dafs das Vorkommen intestinaler Autointoxikationen und Auto¬ 
infektionen, für welche namentlich das Bacterium coli verantwortlich ge¬ 
macht werden mufs, als allgemein anerkannt betrachtet werden kann, 
während diese Lehre, wie einer ihrer Vorkämpter, Albu (Berlin) hervor¬ 
hob, noch vor Kurzen als ein Phan^asiegebilde betrachtet wurde. Diese 
Anerkennung der intestinalen Autointoxikation hat für die Praxis und 
die Therapie den allergröfsten Wert, da die häufig aufserordentlich 
schweren Erscheinungen, wie sie durch Autointoxikationen, sei es vom 
Magen, sei es vom Darm aus, erzeugt werden, sich mit grofser Sicher¬ 
heit und Schnelligkeit durch Entleerung, Auspülung des Magens resp. 
des Darmes beseitigen lassen. Magen- und Darmausspülungen sind 
auch nach Ansicht der beiden Referenten als die besten Antiseptica für 
Magen und Darm aufzufassen; sowohl die beiden Referenten, als auch 
die meisten der in der Diskussion zu dem Thema sprechenden Herren 
brachen in der entschiedensten Weise den Stab über die sogenannte 
Darmantisepsis, sodafs es zunächst schien, als ob jeder Versuch einer 
arzneilichen Darmantisepsis völlig thöricht und aussichtslos sei. Erst 
zum Schlufs wandte sich das Blatt wenigstens ?u Gunsten des ältesten der 
arzneilichen Darmantiseptika, desCalomels. Zunächst schrieb Straufs (Berlin) 
auf Grund von Versuchen dem Calomel eine deutlich desinfizierende 
Wirkung auf den Darminhalt zu. Er vermochte in den, nach kleinen 
Dosen Calomel erhaltenen deutlich gefärbten Calomel-Stühlen gröfsere 
Mengen, bis zu zwei Dritteln des eingeführten Calomels wieder zu finden ; 
wenn er nun solche Calomel-Stühle in den Brütschrank einbrachte, so 
erwiesen sie sich nach einigen Stunden als steril. Auch Fürbringer 
(Berlin) hat sich von der Nützlichkeit des Calomels als Darmantiseptikum, 
namentlich beim Abdominaltyphus überzeugt. 

Ich selbst habe Gelegenheit gehabt, mich von der Wirksamkeit 
des Calomels beim Darmtyphus zu überzeugen, bei Gelegenheit einer 
grofsen Typhusepidemie, die in meiner Heimat von Anfang Mai 1897 
bis etwa Ende Januar 1898 herrschte. In dieser Zeit wurden amtlich 
1408 Typhuserkrankungen gemeldet, die Zahl der thatsächlich Erkrankten 
war aber natürlich bei weitem gröfser. Unter diesen 1408 amtlich ge¬ 
meldeten Typhusfallen befanden sich 358 Kinder. Von diesen 358 Kindern 
starben 8 = 2,23°/ 0 . Von den 1050 Erwachsenen starben 64 = 6,09 °/q. 


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Ich habe nun bei allen meinen ziemlich zahlreichen Typhusfallen 
Calomel gegeben, zuerst in der Hoffnung, dadurch vielleicht einmal 
einen Typhus koupieren zu können, was um so mehr indiziert erschien, 
als man bei der im Verlauf einer grofsen Epidemie so ungemein er¬ 
leichterten Diagnose thatsächlich viele ganz frische Fälle zu Gesicht be¬ 
kam. (Ich mache bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam, dafs Nasen¬ 
bluten in unserer Epidemie ein charakteristisches Frühsymptom der 
Erkrankung war). Die Hoffnung, einen Typhus zu koupieren, hat sich 
mir allerdings nie erfüllt, dagegen habe ich stets die Beobachtung ge¬ 
macht, dafs die Typhus-Patienten, denen ich im Beginn der Erkrankung 
einige Tage hindurch ganz kleine nicht abführende Dosen Calomel gab, 
eine selbst für unsere, nicht sehr schwere Epidemie auffallend leichte 
Erkrankung durchzumachen hatte. Ich habe nun allmählich die Praxis 
herausgebildet, meinen Patienten mehrere Tage hintereinander alle zwei 
Stunden 0,01—0,02 Calomel zu geben. Trat hierbei bei Kindern eine 
leicht abführende Wirkung hervor, so war das eine sehr erwünschte 
Nebenwirkung, da bekanntlich an Typhus erkrankte Kinder häufig an 
Verstopfung, und als Folge davon an heftigen Leibschmerzen leiden, 
welche sofort verschwinden, wenn eine reichliche Entleerung erfolgt. 

Auf Grund meiner Erfahrungen mufs ich meine Ueberzeugung da¬ 
hin aussprechen, dafs ich das Calomel für ein sehr wirksames, nahezu 
spezifisches Mittel in der Behandlung des Typhus abdominalis nament¬ 
lich bei Kindern halte. Zur Erklärung der günstigen Wirkung des 
Calomels im Typhus möchte ich nicht so sehr die erst neuerdings, wie 
bemerkt, von Straufs nachgewiesene desinfizierende Kraft des Calomels 
hervorheben, sondern vornehmlich ein anderes, meines Wissens nach 
nicht betontes Moment in den Vordergrund rücken. Es ist bekannt, 
dafs bei tötlichen Quecksilbervergiftungen sich Entzündungen, ja sogar 
Geschwüre, besonders an den Teilen des Darmes finden, die als Lieb¬ 
lingssitz der typhösen Geschwüre bekannt sind. 

Es scheint mir also, dafs den Quecksilberverbindungen eine ge¬ 
wisse Affinität gerade zu den Teilen des Darmes innewohnt, die auch 
durch den typhösen Prozeis mit Vorliebe assiziert werden. Ich lasse 
dabei durchaus dahingestellt, ob es sich, was der Anschauung Virchows 
entsprechen würde, um ein rein mechanisches Phänomen, oder um 
spezifisch sekretorische Vorgänge handelt 

Aus der Nachmittagssitzung des dritten Kongrefstages hebe ich 
einen Vortrag von P. Jacob (Berlin) über Dural-Infusion hervor. 

Bekanntlich hat Quincke die Methode der Lumbalpunktion bei 
Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks, sowohl zu diagnostischen, 
als auch zu therapeutischen Zwecken angegeben. Die Lumbalpunktion hat 
sich thatsächlich in geeigneten Fällen als ein gutes diagnostisches 
Hilfsmittel erwiesen, therapeutisch aber in Stich gelassen. Um die 
Methode auch therapeutisch wirksamer zu gestalten, hat J. die einfache 
Punktion zu einer Auswaschung der Subarachnoidealraumes ausgestaltet 
und diese Methode der Kürze wegen Duralinfusion genannt. Diese neue 
Methode hat für die Kinderpraxis meines Erachtens wegen der Häufig¬ 
keit und Schwere der akuten, manchmal epidemisch auftretende Ent¬ 
zündungen des Centralnervensystems eine grofse Bedeutuug. Wenngleich 
auch J. noch keine glänzenden therapeutischen Resultate erzielt hat. 


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so meine ich doch, dafs seine Methode einen Weg anzeigt, den weiter 
i*u verfolgen gewifs erspriefslich wäre. 

Am Abend dieses dritten Kongrefstages wurde noch eine Demon¬ 
strationssitzung abgehalten, in der v. Ziemssen in aufserordentlich ge¬ 
lungener Weise mit Hilfe eines von der Fabrik Voltohm-München ge¬ 
lieferten Apparates Röntgendurchleuchtungen des Thorax zeigte. 
Besonders klare Bilder ergaben sich bei der Durchleuchtung eines jugend¬ 
lichen Torax. Für eine sehr wertvolle Verbesserung der Methode halte ich 
den von Ziemssen angegebenen biegsamen Fluoreszenz-Schirm, der sich 
den Kontouren des Körpers anschmiegt. Der letzte Kongrefstag brachte 
noch eine Reihe von Vorträgen, die für die Kinderheilkunde eine grofse 
Bedeutung haben. Zunächst sprach Sänger (Magdeburg) über die 
Schutzwirkung einer gesunden Nase gegen Schädlichkeiten, 
welche in der Inspirationsluft enthalten sein können. Dieses Thema 
hat für die Kinderheilkunde eine grofse Bedeutung, weil sich, wie 
S. hervorhob, im kindlichen Alter Abnormitäten der Nase recht 
häufig finden, so fand S. bei einer amtlichen Enquete unter 264 Schul¬ 
kindern 63 mit abnorm weiten Nasenhöhlen. Die Schädlichkeiten, 
welche mit der Inspirationsluft in die Luftwege hineingelangen können, 
sind allzukalte und allzutrockene Luft, Staub und krankmachende Mikro¬ 
organismen. All diesen Schädlichkeiten beugt die normale Nasenathmung 
vor, da sie die Einatmungsluft vorwärmt, in genügender Weise durch¬ 
feuchtet und von den Mikroorganismen filtriert. Die Behandlung der 
abnormen Enge der Nasenhöhlen ist bekannt und im Wesentlichen 
operativ, zur Beseitigung der abnormen Weite der Nasenhöhle hat 
Sänger einen kleinen, bequem zu tragenden Apparat angegeben, den er 
Nasen-Obturator nannt. 

Sodann demonstriert v. Niesen (Wiesbaden) den von ihm gefundenen 
Erreger der Syphilis. Es handelt sich um Kokken, die in den 
vorgezeigten Präparaten kettenförmige Anordnung zeigten und sehr 
schön mit Karbolfuchsin und nach Gram gefärbt waren. Ich hebe her¬ 
vor, dafs v. N. seinen Syphilokokkus im Knochenmarke hereditär¬ 
syphilitischer Kinder in Reinkultur gefunden. Er hat mit Reinkultur 
von seinen Kokken Schweine und Kaninchen geimpft und an den Impf¬ 
stellen Indurationen erhalten. Er hat dann solche Kaninchen sich mitein¬ 
ander paaren lassen, von 10 danach geworfenen Jungen waren 3 totfaul 
und hatten alle Kennzeichen hereditärer Lues. Es folgte der Vortrag 
vonMoritz Mayer (Simmem): Chemische Eiterung in der Bekämpfung 
infektiöser Eiterung und lokaler tuberkulöser Prozesse. M. 
hat sehr günstige Heilungsresultate erzielt bei Aktinomykose und bei 
verschiedenen tuberkulösen Prozessen, bei kalten Abszessen, bei Drüsen¬ 
eiterungen, bei fungösen Prozessen am Knochen und Gelenken, bei 
fungösen Geschwüren durch Tamponapplikation sterilisierter, verdünnter 
pyogener Mittel in breiter Fläche sowohl auf künstlich gesetzte glatte 
Zusammenhangstrennungen des Gewebes als auf Abszefs-Membranen. Als 
solche pyogene Mittel kommen in Betracht Resina Elemi, Tinctura 
benzoes com., Copaivabalsam und namentlich Perubalsam und Terpentinöl. 
M. erklärt seine sehr schönen, durch gelungene Photographien er¬ 
läuterten Heilungsweisen derart, dafs er annimmt, es werde durch die 
genannten Mittel eine chemische Eiterung erzeugt, welche die infektiöse 


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Eiterung und lokale tuberkulöse Prozesse wirksam bekämpfen. Auf der 
Erzeugung einer solchen chemischen Eiterung scheint M. die innere und 
die Inhalationstherapie der Balsamica zu beruhen. 

Wenngleich ich mit dieser Erklärung durchaus nicht einverstanden bin, 
vielmehr den Balsamicis, speziell dem Perubalsam und seinem wirksamen 
Agens derZimmtsäure eine energische bakterizide Kraft vindiziere, so haben 
mich doch die Resultate des von M. bei der Behandlung lokaler 
tuberkulöser Prozesse mit «Perubalsam ganz aufserordentlich interessiert 
und erfreut, da ich seit Jahren für die Behandlung der Tuberkulose mit 
Perubalsam resp. Zimmtsäure eintrete. Nach jahrelangen Bemühungen, 
den Perubalsam in eine Form zu bringen, welche einerseits seine inner¬ 
liche Anwendung leicht ermöglicht, andrerseits Nebenwirkungen, nament¬ 
lich auf den Magen ausschliefst, ist es mir endlich gelungen, in dem 
Perukognak eine Form zu finden, die allen Ansprüchen auf angenehme 
und leichte Einnehmbarkeit und Freiheit von Nebenwirkungen genügen 
dürfte. Der Perukognak ist eine alkoholische Lösung von Perubalsam, 
aus der durch ein besonderes Verfahren die den Magen belästigenden, 
sonst unwirksamen Harze entfernt werden, sodafs nur die wirksameren 
Bestandteile Zurückbleiben. Ein Liter Perukognak, der in der be¬ 
kannten chemischen Fabrik Dallmann & Co. in Gummersbach hergestellt 
wird, enthält die Wirksamkeit von 25 g Perubalsam. 

Während ich aber bisher nur bei Lungen- und Kehlkopftuber¬ 
kulose den Perukognak innerlich und in Form von Inhalationen an¬ 
gewandt habe, werde ich nun, angeregt durch den Vortrag und die Er¬ 
folge von Mayer den Perukognak auch lokal in Form flächenhafter 
Tamponapplikationen bei lokalen tuberkulösen Prozessen, z. B. tuber¬ 
kulösen Geschwüren, anwenden. Bei den glänzenden Resultaten, die ich 
bei der internen Behandlung der Lungentuberkulose mit Perukognak er¬ 
zielt habe, zweifle ich namentlich auch nach den Resultaten M.’s nicht 
an einer günstigen Beeinflussung lokaler tuberkulöser Prozesse durch 
lokale Applikation des Perukognaks. Es ist selbstverständlich, dafs neben 
der Darreichung des Perukognaks die hygienisch-diätetischen Mafsregeln, 
wie sie namentlich durch Brehmer und Dettweiler mit so grofsem Er¬ 
folge in die Therapie der Phthise eingeführt wurden, nicht aufser Acht 
gelassen werden dürfen. 

Ich möchte bei der Gelegenheit noch hervorheben, dafs auch die 
Behandlung der Skrophulose, welche zwar eine Krankheit sui generis 
ist, aber doch in so verhängnisvoller Weise die Disposition zur Tuber¬ 
kulose schafft oder verstärkt, mit Perukognak mir sehr aussichtsvoll zu 
sein scheint. Der Perukognak wird am zweckmäfsigsten in Milch nach 
dem Essen gereicht. 

In der Folge sprach Laquer (Wiesbaden) über den Einflufs 
der Milchdiät auf die Ausscheidung der gepaarten Schwefel¬ 
säure. Er fand durch Stoffwechseluntersuchungen, dafs die bei Milch¬ 
diät gefundene Herabsetzung der gepaarten Schwefelsäure auf dem Ge¬ 
halt der Milch an Kasein beruht. Sodann besprach Hilbert (Königsberg) 
die Rolle der Streptokokken bei der Diphtherie. Fälle von 
reiner Diphtherie, d. h. solchen, wo sich in Membranen nur der Diph¬ 
therie bazillus findet, sind sehr selten, meist beteiligen sich Streptokokken bei 
der Bildung der Beläge, sie steigern die Giftproduktion der Diphtherie- 


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bazillen und in einem Teil der Fälle wird ihre eigne Virulenz durch 
das Zusammenwuchem mit den Diphtheriebazillen derart erhöht, dafs 
sie in den Körper eindringen, um daselbst Entzündungen innerer Organe 
oder Septikämie verursachen. Das Auftreten der letzterwähnten Kom¬ 
plikation kann durch frühzeitige Injektion von Heilserum verhütet werden. 
In der Diskussion hob Petruschky hervor, dafs es doch häufiger eine 
reine Diphtherie gäbe, als es nach den Mitteilungen von Hilbert zu sein 
scheine. Solche Fälle von reiner Diphtherie zeichnen sich durch eine 
geringe Temperatursteigerung unter 39°, dagegen durch aufserordentliche 
Pulsbeschleunigung, bedenkliche Herzschwäche und sehr grofse Infek¬ 
tiosität aus, wie denn überhaupt folgende 3 Eigenschaften die verhängnis¬ 
volle Wesenheit der Diphtheriebazillen bilden. 1. Neigung zur Nekrosen¬ 
bildung, 2. Bildung von Toxinen, welche das Herz schwer schädigen, 
3. Neigung zur epidemischen Verbreitung. 

Gluck (Berlin) hob hervor, dafs es von enormer Wichtigkeit sei, 
Diphtherie-Rekonvaleszenten so lange streng zu isolieren, als sie noch 
Diphtheriebazillen im Rachen hätten, selbst wenn die Beläge schon völlig 
geschwunden. Erst seit diese Regel im Kaiser- und Kaiserin Friedrich- 
Kinderkrankenhause in Berlin, dessen chirurgischer Abteilung Redner 
vorsteht, auf Anordnung von Baginsky ganz streng befolgt werde, kämen 
Hausepidemien von Diphtheriekranken nicht mehr vor. 

Damit waren die Kongrefsverhandlungen erschöpft, soweit sie für 
die Kinderheilkunde Interesse haben. Schon aus diesem kurzen Abrifs 
läfst sich erkennen, wie arbeits- und inhaltsreich diese Tagung des 
Kongresses gewesen ist. Wünschen wir der nächsten Sitzung, die auf 
einstimmigen Beschlufs der Mitglieder in Karlsbad tagen wird, ein gleiches 
glänzendes Gedeihen. 

Der Nachmittag des vierten Kongrefstages vereinigte infolge einer 
Einladung der Höchster Farbwerke noch etwa 100 Teilnehmer des 
Kongresses zu einer gemeinschaftlichen Fahrt nach Höchst zum Zwecke 
der Besichtigung des Institutes zur Gewinnung von Diphtherieheilserum. 
Sanitätsrat Dr. Libbertz, der bekanntlich das Heilserum darstellt, 
übernahm in liebenswürdigster Weise die Führung und Erläuterung der 
Einrichtungen. Ich hebe nur hervor, dafs sich in den Ställen der Anstalt 
80 Pferde befinden, die zur Serumgewinnung dienen. Herr L. 
zeigte auch neben dem gewöhnlichen in den Verkehr gelangenden 
flüssigen Heilserum ein festes Heilserum vor, welches noch nicht zur 
Ausgabe gelangt ist. Dieses feste Heilserum wird dadurch gewonnen, 
dafs das flüssige Heilserum bis auf den zehnten Teil seines Volumens 
bei niedriger Temperatur eingedampft wird; es soll unbegrenzt haltbar 
sein. Auf eine Anfrage erwiderte Herr L., dafs auch das flüfsige 
Heilserum nur in den ersten zwei Monaten bis etwa zu 20% an Wert 
verliere, dann aber konstant bleibe; er hätte nicht die geringsten Be¬ 
denken gegen die Verwendung älteren Heilserums, eine geringere Opaleszenz 
des Serums sei bedeutungslos; auch Abscheidung von Flöckchen haben 
nichts zu bedeuten, wenn der darüberstehende Teil des Serums klar sei. 
In Gegenwart der Kongrefsteilnehmer wurde auch einem immunisierten 
Fferde in der zur Serumgewinnung üblichen Weise Blut entzogen. 

An die Besichtigung des Seruminstitutes schlofs sich dann noch 
ein Rundgang durch die eigentlichen Farbwerke und ein Mahl an, 


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welches die Teilnehmer bis zur Abfahrt des Extrazuges in angenehmer 
Weise zusammenhielt. Damit schlofs der durch keinen Mifsklang ge¬ 
trübte sechzehnte Kongrefs für innere Medizin in Wiesbaden. 


Ziegenmilch und Ziegenzucht 

Von Dr. A. Kühner, Koburg. 


Seit den ältesten Zeiten bildete die Milch fast bei allen Völkern 
der gemäfsigten Erdzonen bis weit in die kalten und heifsen Gegenden 
hinein ein Hauptnahrungsmittel. Wohl kein Gegenstand berührt so tief 
und umfangreich die öffentliche Gesundheitspflege, keiner erregt und 
unterhält so mächtig und allgemein das Interesse vom Kinderarzt 
als die Milch. Es ist eine tiefbegründete Einrichtung der Natur, dafs 
der Mensch und die ihm am nächsten verwandten Tiere für den ersten 
Abschnitt ihres Lebens auf diese Art der Nahrung angewiesen sind, 
welche in bewunderungswürdiger Weise alle jene Substanzen enthält 
welche der Chemiker und Physiologe als notwendig erachtet, um dem 
Körper Wachstum und Gedeihen zu ermöglichen, denselben zur Auf¬ 
nahme und Verdauung anderer Nahrungsmittel und damit zugleich zur 
gröfseren Selbständigkeit geschickt zu machen. Fafst alle Völker haben 
sich daher die Milch gezähmter kräuterfrefsender Säugetiere — Kühe, 
Ziegen, Schafe, Esel, Stuten, Kameel, Dromedar, Zebu und Büffelkuh 
— zu verschaffen gewufst und teils rein, teils in gewifser Weise ver¬ 
arbeitet, oder mit anderen Nahrungsmitteln vermischt als tägliche Speise 
und Trank für jedes Lebensalter benutzt*) 

Von den Wurzeln im landwirtschaftlichen Betrieb angefangen bis 
zum Verbrauch in Haus und Familie, vom Euter des Muttertieres bis 
zum Munde von Kindern und Erwachsenen fordert die Milch, je nach 
landwirtschaftlichem Betrieb, Weidegang, Fütterung, Haltung, Wartung, 
Pflege, Alter, Individualität, Gesundheitszustand der Nutztiere, je nach 
Jahreszeiten, Witterung, je nach zufällig oder absichtlich stattgefundenen 
Veränderungen ihrer Qualität und Quantität eine so vielseitige Berück¬ 
sichtigung, dafs eine erschöpfende Betrachtung aller dieser vielfache 
Kombinationen und Komplikationen bietenden Fragen sich auf die ver¬ 
schiedenartigsten Berufsarten verteilt* Wir werden uns daher auf die 
Besprechung der Bedeutung der Ziegenmilch und Ziegenzucht im 
nachfolgenden beschränken. 

Die Kuh des kleinen Mannes hat man die Ziege genannt, weil 
sie diesem bei kleinem Anlagekapital, bei geringen Ansprüchen an 
Fütterung, Stallung, Pflege, den täglichen Bedarf an Milch, selbst Butter 
und Käse zu decken vermag. Bedenkt man ferner, dafs das Fleisch der 
Tiere, wenn sie nicht gar zu jung sind, sehr schmackhaft und preiswert 
ist, auch die Felle junger und alter Tiere stets nutzbar zu verwerten 
sind und hoch im Preise stehen, so können wir mit Bestimmtheit be¬ 
haupten, dafs eine rationelle Ziegenzucht grofse Vorteile bietet 

*) Dornblüth, Friedr. Schale der Gesundheit. Karlsbad. Hans Feiler p. 192. 


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in ganz hervorragender Weise zur Hebung und Besserung der 
wnr&chaftlichen Lage der breiteren Schichten der Bevölkerung beiträgt. 
Oer Landarzt wird daher die Bedeutung der Ziegenhaltung für den 
fefefnen Mann anerkennen; die Milch der Ziege bietet aber gegenüber 
der volkstümlichen gebräuchlichen Kuhmilch so erhebliche Vorzüge für 
die Kinderernährung, dafs man mit demselben Recht, als die Ziege 
die Kuh des kleinen Mannes genannt wird, sie als die beste Amme 
bezeichnen kann, 9odafs der Kinderarzt allenthalben, wo die Gelegenheit 
beschafft werden kann, auf die Haltung einer frischmilchenden Ziege 
dringen soll. Man bedenke, dafs bei der Ernährung durch die Ziegen¬ 
milch im eigenen Stall jede absichtliche und unabsichtliche Fälschung 
der Milch ausgeschlossen bleibt, man erwäge ferner, dafs jeder Ersatz 
der Frauenmilch durch Surrogate für das Gedeihen des Kindes grofse 
Gefahren bietet, dafs unter allen diesen Ersatzmitteln die Ziegenmilch 
das rationellste und billigste, ein Vorteil, der nicht hoch genug anzu¬ 
schlagen, wenn man ermifst, dafs bei der künstlichen Ernährung haupt¬ 
sächlich die armen Volksklassen in Betracht kommen, welche auch die 
geringste Verteuerung nicht vertragen können. 

Die Mildr bildet bekanntlich das vollkommenste Nahrungsmittel; 
sie enthält alle für die Ernährung notwendigen Elementarbestandteile. 
Bezüglich deren Analyse bei den verschiedenen Nutztieren verweisen wir 
auf die in den üblichen Hand- und Lehrbüchern vorfindlichen Tabellen*) 
Ganz in Uebereinstimmung mit unserer Ansicht von der hohen Be¬ 
deutung der Ziegenmilch für die Kinderernährung sagt Fürst**) »Es ist 
leicht verständlich, dafs ein Kind, welchem die Milch seiner Mutter ver¬ 
sagt ist, ohne Amme nur dann in der rechten Weise ernährt werden 
kann, wenn das der Frauenmilch an chemischem Wert gleiche Ersatz¬ 
mittel auch in seiner Form und seinem physiologischen Nährwert der 
Frauenmilch möglichst nahe kommt,« und räumt sogleich der Ziegen¬ 
milch unter den Ersatzmitteln der Frauenmilch eine hervorragende 
Stelle em. Die Nahrhaftigkeit einer Milch ist nach ihrem verschiedenen 
Gehalt an Kasein, Butter und Salzen zu bemessen. Auch kommt dabei 
noch sehr viel auf die Beschaffenheit des Käsestoffes und des Fettes 
an, ob der erstere zu einer festeren oder mehr lockeren Mafse gerinnt, 
und ob das letztere ein flüfsigeres oder ein festeres Fett ist. Fassen 
wir alle diese Eigenschaften zusammen, so müssen wir die Ziegenmilch 
als «in sehr nahrhaftes und leicht verdauliches Kindernährmittel 
bezeichnen. Hierzu kommt der Vorteil, dafs man den Kindern die 
Milch der Ziege im frischgemolkenen, ungekochten Zustand verab¬ 
reichen kann, ohne eine Uebertragung von Krankheitserregern zu be¬ 
fürchten, da diese Nutztiere weit weniger als die Kühe zur Tuberkulose 
und anderen Krankheiten, deren Keime in die Milch übergehen können, 
veranlagt sind. Ueber die Vorteile der ungekochten Ziegenmilch als 
Nahrungsmittel für Kinder hat sich Schwartz auf der vorjährigen 
Naturforscherversammlung geäufsert. Bekanntlich wird in neuerer Zeit 


*) Vgl. Saalencyklopädie Art. Auffütterung, Halliburton-Kayser, Lehrbuch 
der chemischen Physiologie und Pathologie. Heidelberg. Karl Winter 1893. Art. Milch. 
Fernst 'die oafelreiöhen Kompendien über Kindespflege, insbesondere Fürst, Das Kind 
und »we ine Pflege im gewunden rnnd tanteen Zustande. Leipzig. J. J. Weber. 

**) A. A. 0. p. 08. 


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die Kuhmilch, die Tuberkelbazillen und Keime anderer infektiöser Tier¬ 
krankheiten enthalten kann, den Kindern nur in gekochtem Zustande 
verabreicht in der Voraussetzung, dafs durch Hitze eine Abkochung der 
Keime herbeigeführt und einer Infektion durch die Milch vorgebeugt 
werde. Ohne auf die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Voraus¬ 
setzung einzugehen, weist Schwartz darauf hin, dafs die Milch nach den 
in den letzten Jahren insbesondere von vielen englischen Aerzten ge¬ 
machten und von Starck bestätigten Erfahrungen durch das 
Kochen resp. Sterilisieren eine für die Blutbildung und Ernährung der 
Kinder nachteilige Veränderung erfährt. Letztere soll nach Starck so¬ 
gar so bedeutend sein, das Kinder, die mit einer im Soxhlet’schen 
Apparat gekochten Milch ernährt werden, sehr häufig auch unter den 
günstigsten Verhältnissen an Rhachitis erkranken. Nach weiteren Be¬ 
obachtungen können auch leicht andere Krankheitserscheinungen (Bar- 
low’sche Krankheit) sowie Geschwüre am Gaumen auftreten, speziell in 
der späteren Säuglingsperiode, von dem letzten Viertel des ersten Lebens¬ 
jahres bis ungefähr in das Ende des zweiten. 

Der Vorschlag Starcks, die Dauer des Kochens von den Soxhlet’¬ 
schen 45 auf 10 bis 15 Minuten herabzusetzen, wird diesem Uebelstand 
sicherlich nicht abhelfen. Hingesehen auf die Thatsache, dafs alle in 
neuester Zeit empfohlenen Methoden, die Milch zu konservieren und zu 
sterilisieren, trotz sorgfältiger Bemühungen immer noch unvollkommen 
geblieben, wird man es vorziehen, die Milch überhaupt nicht abzukochen, 
sondern sie frisch gemolken den Kindern zu verabreichen. Um aber 
eine Infektion durch die Milch zu verhüten, wird man überhaupt nach 
einer gesunden Milch suchen müssen. Als solche steht die Milch der 
Ziegen obenan, da diese zur Tuberkulose und zu anderen Krankheiten, 
deren Keime in die Milch übergehen können, weit weniger disponiert sind 
als die Kühe. Ganz in unserem Sinne sagt Sonnenberger,*) der 
Schriftleiter des vorliegenden Blattes, hingesehen aut die gegenwärtige 
bakteriologische Beleuchtungsphase der gesamten Medizin, dafs die an 
und für sich eminent verdienstvollen Forschungen Soxhlets, deren Ueber- 
tragung aus dem Laboratorium heraus auf die Praxis der künstlichen Er¬ 
nährung der Kinder in ihrer Einseitigkeit den Nutzen, den sie gestiftet, 
vielleicht eben durch diese Einseitigkeit wieder völlig paralysiert habe. 

In südlichen Ländern, namentlich in Italien werden bekanntlich die 
im Freien geweideten Ziegenheerden morgens und abends in die Städte 
und Dörfer getrieben, dort an geeigneten Plätzen aufgestellt und die 
frisch gemolkene Milch unmittelbar an die Konsumenten verkauft, wo¬ 
durch die Ziegenmilch ein allen Bevölkerungsklassen leicht zugängliches, 
die Fleischnahrung ersetzendes Nahrungsmittel geworden ist, während 
sie in Deutschland als Nahrungsmittel für Kinder ohne irgendwelche 
Begründung vernachlässigt und von der Kuhmilch verdrängt worden ist. 
Ob die Wäfsrigkeit der Milch durch künstlichen Wasserzusatz oder 
durch schlechte, übermäfsig wäfsrige Fütterung verursacht ist, läfst sich 
in sehr vielen nicht Fällen bestimmen; jedenfalls wird eine derartige Milch, 
zumal sie noch nach der Vorschrift des Hebammenlehrbuches für den 

*) Ueber Intoxikationen durch Milch. Zugleich ein Beitrag zur Lehre von der 
Aetiologie und Pathogenese der Verdauungsstörungen im frühen Kindesalter. Verhandlgn. 
der Ges. f. Kinderheilkde. XIII. 


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Säugling tüchtig mit Wasser verdünnt wird, auf die Entwickelung des 
Kindes verderbend wirken. Dagegen pflegt die Ziege wäfsriges Futter 
hartnäckig abzulehnen und ist ihre Milch dadurch gleichmäfsiger und 
nahrhafter, abgesehen davon, dafs die Milch bei der Art der Defäkation 
des Tieres und bei seiner Schwanzbildung viel leichter reinlich zu er¬ 
halten ist, als die der Kuh. 

Wenn wir uns weiterhin den höheren Wert der Ziegenmilch gegen¬ 
über der Kuhmilch klar machen wollen, so soll uns diese Bedeutung 
veranschaulichen ein Beispiel nach Cäsar Rhan, der sich um die Bedeutung 
der Ziegenmilch und Ziegenzucht mehrfach durch Abhandlungen ver¬ 
dient gemacht hat, ein Beispiel, das uns zugleich den Uebergang bilden 
mag von der Milch der Ziege zur Bedeutung von deren Zucht. Nehmen 
wir die gewöhnliche Felderbse und stellen wir ihr eine feine Garten¬ 
früherbse gegenüber. Die chemische Zusammensetzung beider ist eine 
wenig veränderte, und doch sind sie im Geschmack ungemein ver¬ 
schieden. Man ersieht, dafs es nicht allein auf das Vorhandensein der 
gleichen Grundstoffe ankommt, sondern dafs doch noch etwas anderes 
mitwirken mufs. Sowie wir im Fleisch, im Gemüse bei gleichen Grund¬ 
stoffen ungemein grofse Unterschiede im Geschmack haben, ebenso 
haben wir sie in der Milch. Milch bildet nach Halliburton eine der 
vollkommensten Emulsionen. Die Fetttröpfchen laufen niemals zu 
gröfseren Tropfen zusammen, sondern bleiben immer in dem albuminösen 
Milchplasma in isoliertem Zustande suspendiert. Läfst man Milch stehen, 
so sammelt sich ein grofser Teil der Fettkügelchen an der Oberfläche 
an und bildet den Rahm, ein Vorgang, der durch Zentrifugieren beträchtiich 
schleunigt werden kann Der Rahm ist ebenfalls eine Emulsion, aber 
reicher an Fetten als die gewöhnliche Milch. Auch in Bezug auf die 
Feinverteilung dieser Emulsion bietet die Ziegenmilch das edlere Material. 
Die die nährende Kraft zum gröfsten Teil enthaltenden von einer fein- 
wandigen Kaseinhaut (Halliburton) umgebenen Fettkügelchen finden sich 
in der Ziegenmilch in weit vollkommenerer Emulsion und vollkommenerer 
Verteilung vor, als in der Kuhmilch und dürfte diesem Umstande die 
höhere Bekömmlichkeit für die Kinder zuzuschreiben sein. 

Der höhere Wert der Ziegenmilch geht noch aus dem Umstande 
hervor, dafs eine Ziege zur Erzeugung von 1 Kilo Milch wesentlich 
mehr Nährstoffe gebraucht, sie dadurch auch konzentrierter liefert, als 
die Kuh. Nachstehende Zahlen zeigen dieses: 

Nach Kühn braucht Nach Stohmann braucht 
1 k Lebendgewicht 1 k Lebendgewicht 
der Kuh: der Ziege: 

Trockensubstanz 20,0—33,5 g 42,3—44,7 g 

verdauliches Eiweifs 1,5— 2,4 g 6,2— *' •,8 g 

» Fett 0,4— 0,7 g 1,3— 1,4 g 

verdaul. stickstofffreie Substanz 12,0—14,0 g 20,7—20, g 

Hingesehen auf diese grofsen Vorzüge der Ziege ist deren Ver- 
nachläfsigung als Nutztier in Deutschland für Grofs und Klein sehr zu 
bedauern. Menge und Beschaffenheit der Milch unterliegen bekanntlich 
je nach Jahreszeit, Alter, Fütterung, Pflege des Muttertieres, Haltung im 
Stall, Bewegung im Freien grofsen Verschiedenheiten. Vor allem ist 
aber die Race des Nutztieres von der gröfsten Bedeutung für dessen 


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Milchproduktion. Auch in Bezug auf Veredelung der Züchtung ist 
die Ziege in Deutschland sehr vemachläfsigt worden. Während der 
Landwirt bei Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen die Bedeutung der 
Race zn würdigen weifs und sich bemüht, mit geringen Mitteln den 
gröfstmöglichen Erfolg zu erreichen, liegt die Ziegenzucht sehr im. Argen. 
Diese Vemachläfsigung ist umsomehr zu beklagen, als gerade die 
herdenweise Haltung der Ziegen und das Austreiben derselben vom 
Frühjahr bis zum Herbst bei gehöriger Beaufsichtigung in den 
Gemeinden allgemeineren Anklang verspricht. Wer das Landleben 
kennt, weifs, dafs die Ziege nur von allgemeinerem Nutzen und nur da 
zu dulden, wo Ziegenheerden und Hirten gehalten werden, die dafür 
verantwortlich sind, dafs den Ackererträgnissen keine Einbufse geschieht. 
Die Einzelhut wird mit Recht von den Grofsbauem geschmäht Die 
Ziege, sagen sie, ist der Dieb, welchen der Kleinhäusler hinausschickt, 
um sich von uns ernähren zu lassen. Man sehe sich nur um an den 
Rändern und Aeckem, überall geht die Ziege vorbei und frifst den 
Eigentümern Hafer, Korn, Weizen weg. Sie kann alles brauchen^ was 
gesäet worden; sie erntet für den Hinterhäusler* was. er nicht gß- 
säet hat. 

Dafs aber die heerdenweke Haltung der Ziege eine wesentliche 
Verbesserung bedeutet, erweifst die Thatsachej dafs sich durch geeignete 
Kreuzung der Race die Menge der erzielten Milch um das Vierfache 
vermehren und deren Beschaffenheit sich wesentlich verbessern, läfst 
Während man indefs zur Veredelung des Pferdematerials sich nach 
Ungarn, England, Dänemark u. s. w. wendet, in dieser Beziehung auch 
in Deutschand schon viel geschehen ist, bildet das Land der Berge, 
die Schweiz, die Stätte für die Verbesserung der Ziegenzucht. Unter 
vielen Bestrebungen, die in dieser Hinsicht von dem schönsten Erfolg 
gekrönt worden, nennen wir den Ziegenzuchtverein zu Pfungstadt, 
den Kommerzienrat Ullrich ins Leben gerufen hat. Der Versand von 
hier aus geht nach allen Teilen des Deutschen Reiches und, die Nach¬ 
frage ist erfreulicher Weise so stark, dafs den Anforderungen kaum 
Genüge geleistet werden kann. Während im Jahre 1^93 150 Stück 
Böcke, Ziegen und Lämmer im Werte von 7500 Mfc zum Versand ge¬ 
langten, betrug dieser schon im Jahre L895 747 Stück im Betrage von 
34,354 Mk. Es ist daher ein Gebot der Notwendigkeit hei der Haltung 
dieser nützlichen Haus- und Wirtschaftstiere ihre Veredelung anzustreben, 
in Anerkenntnis, dafs diese in hervorragender Weise zur Hebung und 
Verbesserung der unteren Stände beitragen wird. 

Die Eingangs erörterten Vorzüge der Ziege vor der Kuh machen 
endlich das Bestreben geltend, in grofsen Städten, wo gute, unver¬ 
fälschte, unschädliche Milch schwer zu beschaffen, bei der Einrichtung 
von Milchkuranstalten die Ziege nutzbar zu machen, Ziegenkur- 
anstalten zu errichten. 

Von Wichtigkeit ist die nur in solchen Anstalten durchzuführende 
strenge Trockenfütterung. Aus den Beobachtungen von H. Auer¬ 
bach*) ergiebt sich, dafs in Weidemilch und anderer landwirtschaftlicher 
Milch mit Grasfütterung, je nach Umständen in beschränkterem oder 


*) Berl. klin. Woch$nschr, 1898, N. 14. 


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ausgedehnterem: Prozentsatz den sterilisierten Proben Zersetzungen auf- 
treten, welche bei guter Trockenfütterungsmilch nicht beobachtet werden, 
dafs in dieser ein Mikroorganismus — wie wir jetzt wissen, der von 
Botkin beschriebene Bazillus butyricus —nicht gefunden wird, welcher 
ia landwirtschaftlicher besonders im Sommer sich sehr häufig aufhält 
und, soferne man ihn als Bewohner des Säuglingsdarmes in s Auge fafst, 
bedenkliche Eigenschaften besitzt. 

Was. endlich das eigentümliche Aroma der Ziegenmilch betrifft, so 
kana ich aus eigener Erfahrung versichern* dafs. man sich an dieses 
rasch gewöhnt 


Referate. 

liehet* Tuberkulose iia Kindesalter.. Von Dr. Comby. (Vortrag, ge¬ 
halten im 4 französischen: Kongrefs für innere Medizin zu Montpellier 
am 12.—16. April 1898. Nach einem Referate in der klinischr 
therapeut. Wochenschr. No. 17, 1898.) 

ühter 235. Bändern im Alter von 0—2 Jahren, welche zur Obduktion 
kamen, waren 28 (= 12 °/q) tuberkulös, darunter befand sich jedoch 
kein Kind unter 3 Monaten. 

Die weitere Statistik zeigt, dafs die Häufigkeit der Tuberkulöse 
mit fortschreitendem Lebensalter zunimmt und im 2. Lebensjahre ihren 
Höhepunkt erreicht. Diese Statistik spricht gegen die Heredität und 
für die Bedeutung der Kontagion. Das Kind, welches bereits zu gehen 
vermag, ist der Gefahr, bazillenhaltigen Staub einzuatmen, in weit höherm 
Mafse ausgesetzt, als der Säugling in der Wiege. Die nahezu konstant 
Vorgefundene Verkäsung der tracheo-bronchialenLymphdrüsen im Vergleich 
mit dem relätiv jungen Datum der Organtuberkel weist auf erstere als 
Eingangspforte der kindlichen Tuberkulose hin. Ein Kind wird durch 
dfe* Atmungswege, nicht durch den Verdauungstrakt tuberkulös. Von 
dteir 28 1 Obduktionen von tuberkulösen Kindern in den ersten zwei 
Lebensjahren wurde bei sämtlichen Verkäsung der tracheo-bronchialen 
Lymphdrüsen nachgewiesen, 21 mal fanden sich die Lungen infiziert, 
darunter 7 mal Kavemenbildung Die Tuberkulose dbs Kindesalters zeigt 
meist raschen Verlauf und es kamt binnen wenigen Wochen Kavernen¬ 
bildung eintreten. Man kann folgende 3 Formen der kindlichen Tuber- 
kulose unterscheiden: 

1) Di<e apy re tische mit den* Erscheinungen der akuten Miliar¬ 
tuberkulose oder mit Kavernenbildüng. Hier stehen die dyspeptischen 
Erscheinungen im Vordergründe. 

2) Die* febrile Form, manchmal mit Hyperthermie; das 
üramMieitabild' bietet Aehnlichkeit mit Pneumonie, Typhus oder Me¬ 
ningitis, 

3) Die gewöhnliche ulceröse Phthise, relativ selten. 

Bei Säuglingen richtet die Erkrankung im Laufe von Wochen 
Verheerungen an, wie sie sonst erst im Laufe von Jahren zu Stande 
kommen*, ea besteht ausgesprochene Tendenz zum Auftreten generalisierter 
Mütartuberkulose. Unter den Kinderkrankheiten sind; es namentlich 


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Masern, Keuchhusten, Grippe und Diphtherie, welche den Verlauf der 
Tuberkulose ungünstig gestalten und beschleunigen. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Behandlung der chronischen, tuberkulösen Peritonitis der Kinder. 

Von Rocaz. (Nach einem Referate der allg. Wiener medizin. 

Zeitung 1898, No. 18.) 

Seitdem die chirurgfsche Behandlung der chronischen tuberkulösen 
Peritonitis der Kinder in Anwendung gekommen ist, wurde die interne 
Behandlung in zweite Reihe gerückt. Indefs sollte letztere keineswegs 
vernachlässigt werden, weil sie, richtig durchgeführt, die Krankheit der 
Genesung zuführt. Sie sollte im Beginn stets ins Werk gesetzt werden; 
sie kann überdies in jenen Fällen, wo sich die Laparotomie als nötig 
erweist, nur unterstützend und fördernd einwirken. 

Die medizinische Behandlung der tuberculösen Peritonitis kann in 
drei wichtige Abschnitte getrennt werden: Die Hygiene, die Ernährung 
und die medizinische Behandlung, sowohl die interne, als auch die 
externe. 

1. Hygiene. — Kinder, die an chronischer tuberkulöser Peritonitis 
leiden, sollen die möglichste Ruhe beobachten, es ist dabei nicht not¬ 
wendig und nicht angezeigl, die Kinder im Bette zu halten, aufser dann, 
wenn akute Anfälle der Krankheit eintreten; allein das Herumgehen und 
körperliche Spiele mufs man solchen Patienten untersagen. 

Wo es nur halbwegs möglich, schicke man solche Kinder aufs 
Land; man mufs sich nicht fürchten, sie den ganzen Tag im Freien zu 
lassen, denn Tuberkulöse brauchen viel Luft. Man lasse die Kinder 
ruhig auf schattigen, trockenen Plätzen, auf einem Ruhebette oder einer 
Hängematte liegen. Bei den apyretischen Formen kann der Aufenthalt 
an der Meeresküste günstig wirken. Allein beim ersten Auftreten von 
Fiebererscheinungen zögere man nicht, das Klima zu wechseln. 

2. Die Ernährung spielt in der Behandlung der tuberkulösen 
Peritonitis eine sehr wichtige Rolle, nur mufs man sorgsam in Acht 
nehmen, dafs man die Digestionswege nicht schwäche. Milch, Eier und 
gebratenes Fleisch, werden im Allgemeinen in allen Fällen am Platze 
sein. R. wendet am liebsten rohes Hammelfleisch an, das von den 
Kindern viel leichter genommen wird. Das Fleisch wird fein gehackt, 
mit Zucker gemischt und in Form von Fleischklöfschen, die mit ein 
wenig Rum versetzt werden, gereicht. 

3. Behandlung, u. z. a) äufserlich: Ein rationelles Verfahren, um 
bei der tuberkulösen Peritonitis revulsiv auf das Abdomen einzuwirken, 
ein Verfahren, das die besten Resultate ergiebt, besteht darin, den 
Unterleib mit Jodtinktur einzupinseln, indem man Sorge trägt, die 
Umbilikalregion zu verschonen und darüber eine dichte Lage von elastischen 
Kollodium aufzutragen, das den Zweck hat, gegenüber der revulsiven 
Action der Jodtinktur eine kompressive Wirkung zu verbinden. Die 
Einpinselungen können alle 8 Tagen wiederholt werden. 

b) Die interne Behandlung richtet sich vor Allem gegen die 
Komplikationen von Seite des Darmes. Die Konstipation bekämpfe man 
mit leichten Abführmitteln (Rizinusöl, Magnesia). Die Diarrhoe wird man 


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mit Magist. Bismuthi und Bismuth. salicyl. in Gemeinschaft mit anti¬ 
septischen Mitteln bekämpfen. Auch Benzonaphtol ist zu empfehlen. 

Ist Fieber vorhanden, so wende man Antipyrrin und Phenacetin an. 

In der Hauptsache besteht die Medikation in der Anwendung der 
Tonica und Jodtannin-Präparate. 

Während der ganzen Krankheitsdauer vergesse man nicht, dafs die 
chronische tuberkulöse Peritonitis von Natur aus die Tendenz zur Heilung 
hat, indem eine fortschreitende fibröse Transformation des pathologischen 
Zustandes vor sich geht. Nur in manchen, wenn auch sehr selten vor¬ 
kommenden, Fällen kann diese zum Exzefs sich fortentwickelnde Sclero- 
sierung eine Gefahr an und für sich bedingen (Fibro-adhäsive Form) 

Man mufs sich also mit den chirurgischen Eingriffen nicht gar zu 
sehr beeilen, wenn nicht eine ganz spezielle Indikation hierzu besteht. 
Man mufs zuwarten, indem man zu der eben geschilderten Behandlung 
seine Zuflucht nimmt. Dr. Gold bäum (Wien). 

Die Serumtherapie der Skrophulose. Von Federici. (Nach einem 
Referate der klinisch-therapeutischen Wochenschr. N. 14, 1898.) 

F. hat in einer Reihe von Fällen skrophulöser Erkrankung das von 
Maragliano angegebene Tuberkuloseheilserum angewendet, u. z. nur bei 
solchen Kranken, bei denen durch positive Reaktion auf Tuberkulin 
Einspritzung die Natur des Leidens mit Sicherheit festgestellt werden 
konnte. Er ging nämlich von der Vorstellung aus, dafs Skrophulose 
und Tuberkulose ihrem Wesen nach identisch sind. Injiziert wurde 
täglich 1 cm des Serums mit gelegentlichei mehrtägiger Unterbrechung. 
Durch die Behandlung wurde konstante Zunahme des Körpergewichtes, 
wesentliche Besserung des Allgemeinbefindens, vollständiges oder fast 
vollständiges Verschwinden der tuberkulösen Lymphdrüsentumoren er¬ 
zielt. Bei Knochenerkrankungen vermochte die Serumtherapie, falls die¬ 
selben präexistent waren, keine gröfseren Erfolge zu erzielen, doch zeigte 
es sich, dafs dieselle im Stande ist, beginnende Knochenaffektionen 
vorteilhaft zu beeinflussen und dieselben sogar zum Stillstände zu 
bringen. Auch in zwei Fällen von tuberkulöser Lungenerkrankung bei 
kindlichen Individuen leistete die Serumbehandlung seht gute Dienste. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Zur Behandlung der Diphtherie. Von Vehmeyer. (Medico 1898. 
No. 16). 

Die Erfolglosigkeit des Serums bei verschleppten Diphtheriefällen 
beruht auf der Unwirksamkeit desselben nicht gegenüber dem Diphtherie¬ 
gifte, sondern gegenüber den Sekundärinfektionen, deren Zustande¬ 
kommen hier, wie bei jeder Gewebssnekrose und Wunde ermöglicht ist. 
Bleibt die Serumanwendung erfolglos, dann empfiehlt Verf. neben der 
exzitierenden Allgemeinbehandlung folgendes Verfahren, welches ihm bei 
3 Kindern im Alter von 2, 3 und 7 Jahren ein recht befriedigendes Resultat 
ergab. Da die erste, gleich hochwertig gewählte, Serumdosis ebensowenig 
wie die nach ungefähr 48 Stunden wiederholte Injektion einen Erfolg 
hatte, so wurden die Kinder ihrem Alter entsprechend abwechselnd mit 
frisch hergestellten wässrigen Pilokarpin- (0,02—0,0 i : 10,0) und Sub¬ 
limat-Injektionen (0,03—0,05: 10,0) behandelt; über je 3 Injektionen 


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täglich wurde nicht hinausgegangen. Im «Ganzen erhielten die Kinder 4 Ws 
8 Doppelinjektionen. Daneben erhielten sie 'bei eingeschebeften 
leichten Opiaten, reichliche Flüssigkeitsmengen. Sähon mn Abend des 
zweiten Tages lösten siclh die Beläge, die Atmung wurde freier «und das 
Fieber ging zurück; die Kinder sind genesen. 

Kl autsch, Halle S. 

Die 'Gonorrhoe bei jtmgen Mädchen. Von Nolen. fWeekbfed vtm 

hact Nederlandsch Tijdschrift voor Geneeskunde N. 4. 1898). 

Verf. beobachtete 8 Fälle von gleichzeitig auftretender Gononfeee 
bei kleinen Mädchen, welche im Alter von 8 bis 9 Jahren Standen, im 
Kinderspital zu Leiden. Die Uebertragung war aller Wahrscheinlichkeit 
nach gewifs von einem infizierten neunjährigen Kinde durch den gemein¬ 
samen Gebrauch von Schwämmen beim Wasdhen erfolgt, fn vier Füllen 
trat initiales Fieber, bei zweien ein fleckiges Exanthem «üf. Noch 
5 Monate nachher waren bei Allen Gonokokken nachweisbar, nachdem 
die sparsame vaginale Sekretion durch Einspritzen von destilliertem 
Wasser wieder abundant geworden war. Als weitere Komplikationen traten 
auf: Gonorrhoische Arthritis und Tendovaginitis, Abszessbildung mit 
Gonokokkeneiter, allgemeine und zirkumskripte Peritonitis. Traurig «St 
die völlige Machtlosigkeit jeder Therapie bei dieser Affebfckm. Verf. 
schliefst sich der Meinung Epsteins an, dafs manche im frühen Kindes- 
alter durch indirekte Uebertragung entstandene Vulvovaginitis gonorrhoica 
als ein chronischer Katarrh bis in die späteren jungfräulichen Jahne 
dähmschleicht. Kl aut sch, Halle a. S. 

Ueber die Behandlung von Darmkatarrhen mit Bnterorose. Von 

Grünfeld. (Wiener mediz. Blätter No. 6. 1898.) 

Verf. bemerkt, dafs die Enterorose zum Unterschiede von 
den üblichen Nährpräparaten den Vorteil hat, dafs sie *em diätetisches 
Nährprodukt und Heilmittel zugleich ist. Die Indikation «für die Ver¬ 
wendung der Enterorose sind die akuten und chronischen mit Diarrhoe 
einhergehenden Enteritiden, die Heilwirkung des Mitteils besteht in der 
Stillung der Diarrhoe ohne Anwendung der Styptica. Zufolge der amt¬ 
lichen Analyse enthält die Enterorose: Wasser 6,7°/o, Eiweifsstoffe 17,9°/ 0 , 
Fett 16,0%, Kohlenhydrate 58,5%, Cellulose 0,9%, Nährsalze 3,8%. 
Die stickstoffhaltigen und stickstofflosen Nährkörper sind als© in dem 
Verhältnisse von 1 :3,4 enthalten; es besteht demnach in dieser Be¬ 
ziehung die vollständigste Analogie mit der Milch, obwohl 4ie fintero- 
rose kein Milchpräparat darstellt. Ist also die Enterorose einerseitB 
ihrer chemischen Zusammensetzung nach das Prototyp der »«gesmischteti« 
Nahrung, die ja dem Organismus am zuträglichsten ist, so ermöglicht 
anderseits ihre Darstellung die vollständigste Ausnützung und Resorption 
der in ihr enthaltenen Nährstoffe. Von allen bisher bekannten Nähr¬ 
präparaten ist die Enterorose das einzige, welches bei den mit Durch¬ 
fall verbundenen Enteritiden überhaupt in Frage kommen kann, da die¬ 
selben, in etwas grösserer Quantität genommen, ausnahmslos Diarrhoe 
erzeugen. Wir besitzen daher in der Enterorose ein styptisdi wirkendes 
Nährpräparat, welches, ohne auch nur im geringsten den Daranfferalft m 
reizen, den Organismus im Kampfe gegen die Krankheit m&eätmfk 


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unterstützt, (indem es nicht nur die vorhandenen Stöi ungen beseitigen 
hilft und die Darmfunktion reguliert, sondern auch ein die Körperkräfte 
sparendes Mittel in des Wortes bester Bedeutung ist, welches den 
Kranken vor Erschöpfung schützt. Gegeben wird die Enterorose per os 
oder per clysma, je nach dem Grade der Diarrhoe u. z. bei Kindern 
über 2 Jahre 2 Kinderlöffel, bei Kindern unter 2 Jahren 1 Theelöffel 
ein- bis dreistündlich. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Das Verdauungsfieber bei Kindern. Von Comby. (Med. mod. No. 14. 

1898. — Klinisch-therapeutische Wochenschrift No. 14. 1898.) 

C. beschreibt unter diesem Namen einen Krankheitszustand, der in 
intermittierend auftretendem Fieber besteht, welches durch die Ver¬ 
dauungsprodukte bedingt ist. Die Krankheit befallt Kinder gewöhnlich 
im Alter zwischen 3 und 10 Jahren. Alle oder fast alle diese Kinder 
sind habituelle Dyspeptiker. Die Mehrzahl wird künstlich genährt und 
ist rhachitisch. Frühzeitig werden die meisten einer mangelhaften Er¬ 
nährung ausgesetzt, essen viel und ohne Wahl und trinken noch mehr. 
Häufig findet man bei diesen Kranken die Symptome der atonischen 
Dyspepsie, der Magenerweiterung u. s. w. Der Einflufs der Jahreszeit 
scheint kein besonderes wahrnehmbarer zu sein. Vielleicht begünstigt 
die Sommerhitze das Auftreten der Erscheinungen dadurch, dafs die 
Kinder mehr als gewöhnlich trinken. Nach Grasset sollen 80 °/ 0 der 
Fälle in den Monaten Mai bis Juli auftreten. Auch glaubt er, dafs die 
Knaben öfter betroffen werden als die Mädchen. Das Krankheitsbild ist 
folgendes: Ohne eine bestimmte Erkrankung aufzuweisen, fühlt sich das 
Kind nicht wohl, ist blafs, appetitlos, ohne Kraft und Leben und be¬ 
kommt allabendlich einige Stunden nach der Mahlzeit einen Anfall von 
gewöhnlich mäfsigem Fieber. Das Kind schläft schwer ein, ist aufge¬ 
regt, seine Wangen röten sich, der Körper wird mit Schweifs bedeckt, 
die Haut fühlt sich feucht an, die Nacht ist schlecht, der Schlaf von 
schweren Träumen unterbrochen. Des Morgens erwacht das Kind ohne 
Fieber, bleibt aber blafs und schlecht aussehend. Die Anfälle können 
täglich oder mit mehr oder weniger langen Unterbrechungen auftreten. 
Das Fieber ist gewöhnlich mäfsig und erreicht die Höhe von 38 bis 
38,5°, zuweilen aber ist der Anfall sehr stark (40—41°) und dauert 
einige Tage. Diese schweren Anfälle treten jedoch nur in grofsen Inter¬ 
vallen auf. Leber und Milz sind unverändert, sodafs man Malaria aus- 
schliefsen kann, aber die Verdauung läfst viel zu wünschen übrig. Es 
besteht gewöhnlich Verstopfung, öfter Appetitlosigkeit als Gefräfsigkeit, 
fast immer Polydipsie, zweilen foetide Entleerungen. Die Zunge ist ge¬ 
wöhnlich belegt. 

Erkennt man den Krankheitszustand bald, so kann man durch 
geeignete Behandlung den Kranken ziemlich rasch heilen. Uebersieht 
man aber den Zustand, so verschlimmern sich die Verdauungsstörungen, 
es tritt mehr oder weniger schwere Gastro-Enteritis oder Enteritis muco- 
membranacea auf. Die Hauptsache der Behandlung ist die Regelung 
der Diät. Chinin und alkoholische Tonika verschlimmern den Zustand. 
Der Gebrauch von Wein und reizenden Speisen, Gewürzen, Säuren, 
Süfsigkeiten, Kräutern mufs untersagt werden, da derselbe die abnorme 


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Gährung im Darmkanal begünstigt. Angezeigt ist vielmehr ein vor¬ 
wiegend vegetabilisches Regime: geröstetes Brod, dicke Suppe, Gemüse 
in Puröeform, Eier, gekochte Früchte etc. Nur einmal des Tages darf 
man zartes Fleisch verabreichen: Hirn, Kalbs- oder Lammkotelettes, 
Huhn, Tauben u. s. w. Die Zahl der Mahlzeiten darf drei nicht über¬ 
schreiten. Die erste leichte zwischen 7 und 8 Uhr früh, die zweite 
reichlichere zwischen 11 und 12 Uhr Mittags und die dritte weniger 
reichliche zwischen 6 und 7 Uhr Abends. Die Getränke müssen auf 
ein Minimum reduziert werden. Mehr als höchstens 200 gr Flüssigkeit, 
Milch oder Wasser, zu jeder Mahlzeit dürfen nicht gestattet werden. 
Die Verstopfung soll womöglich nicht mit Abführmitteln oder Clysmen, 
sondern durch geeignete Diät bekämpft werden. Man lässt daher etwas 
Spinat, Pflaumen, Aepfelmarmelade u. s. w. nehmen. Höchstens giebt 
man einige Tage hindurch eine kleine Dosis Magnesia oder Rheum mit 
etwas antiseptischen und eupeptischen Substanzen. C. lässt 8—10 Tage 
hindurch folgende Pulver nehmen: 

Rp. Natr. bicarb. 0,30 
Magn. calc. 0,75 
Benzonaphtol 0,20 
Pepsin 0,10 

Pulv. nuc. vomic. 0,02—0,03 
Mfp. d. tal. dos. Nro. XX. 

DS. 2 Pulver täglich vor den Mahlzeiten zu nehmen. 

Rp. Natr. bicarb. 0,20 
Magn. calc. 

Pulv. rhei aa 0,15 
Pancreatin 0,05 
Pulv. nuc. vomic. 0,02 
Wie oben. 

Ist Diarrhoe vorhanden, so ersetzt man in diesen Formeln die 
Magnesia und das Rheum durch Bismuthum salicylicum. Hat das Kind 
eine belegte Zunge, so giebt man Calomel in fraktionierten Dosen, 
3—4 Tage hindurch zweistündlich 0,01—0,02 Calomel auf 0,5 Sacchar. 
lact. Bei hartnäckiger Obstipation eignen sich am besten kleine Gly¬ 
zerinklysmen. Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber den Lendenstich (Punctio lumbalis) bei chronischem Hydro- 
cephalus. Von J. Raczynski. (Wien. klin. Rundschau No. 8 1898). 

Die Punctio lumbalis nach Quincke lieferte in 17 Fällen von 
progressivem primärem, idiopathischem Hydrocephalus direkt negative 
Resultate. Eine Besserung oder gar Heilung konnte nicht konstatiert 
werden. Wohl machte es in einigen Fällen den Eindruck, als ob das Kind 
freier, sein Blick weniger wild sei, als ob es den Kopf leichter erheben 
könne, aber Alles war nur vorübergehend. Meist im Verlauf einer Woche 
hatte der Schädelumfang die früheren Dimensionen erreicht oder sogar 
überstiegen. In mehreren Fällen wurde die Punktion fünfmal in Zwischen¬ 
räumen von einigen Tagen wiederholt. — In 4 Fällen von stationärem, 
primärem Hydrocephalus brachte die Punktion zwar keinen Schaden und 
keine Gefahren, doch auch durchaus keinen wesentlichen Nutzen. Nach 
der Flüssigkeitsentziehung waren die Reflexe wohl weniger gesteigert, 


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die Gelenke weniger steif, doch eine Besserung des Gehens trat nicht 
ein, weil das unverhältnifsmäfsig grofse Gewicht des Kopfes bei der 
gleichzeitigen Muskelatrophie der unteren Extremitäten daran hinderte, 
aufrecht zu stehen. — Die besten Resultate erzielte die Lumbalpunktion 
in 5 Fällen von Hydrocephalus entzündlicher Natur. 4 Mal folgte der 
Flüssigkeitsentleerung eine Abnahme der von dem gesteigerten, intra¬ 
kraniellen Druck herrührenden Beschwerden. Die Schmerzen, die Un¬ 
ruhe, das Erbrechen schwanden. Aber auch hier dauerte die Wirkung 
kaum einige Tage an. Alsbald kehrten die früheren Symptome wieder. 
Im günstigstem Falle kann man demnach durch die Quincke sehe Lumbal¬ 
punktion gewisse Symptome für kurze Zeit beeinflussen. 

v. Boltenstern, (Bremen). 


Gesundheitspflege. 

Ueber das Radfahren und die Herzthätigkeit sprach sich 
Privatdozent Dr. M. Mendelssohn gelegentlich einer Diskussion über 
den hygienischen Wert des Radfahrens im Verein für innere Medizin in 
Berlin in folgender beachtenswerter Weise aus: »Von gröfster Be¬ 
deutung ist die Einwirkung, welche das Radfahren auf den Blutdruck 
und damit auf das Herz haben kann. 

Aus meiner eigenen Praxis sowie aus der von Prof. Oertel habe 
ich schon früher eine ganze Anzahl von Beobachtungen angeführt, in 
denen der ungünstige Einflufs der Ueberanstrengung des Herzens durch 
das Radfahren sich an der Erschlaffung und funktionellen Schwäche des 
Herzmuskels deutlich erkennen liefs, und zu den plötzlichen Todesfällen 
beim Radfahren, die ich damals anführte, gesellen sich seither immer 
mehr und mehr derartige beklagenswerte Unfälle, deren Zusammenhang 
mit der Ueberanstrengung des Herzens heute aufser allem Zweifel steht. 
In der soeben erschienenen Nummer der »Zeitschr. f. Medizinalbeamte« 
findet sich ein Gutachten von Prof. v. Ziemssen, welcher für einen 
während des Radfahrens erfolgten plötzlichen Todesfall ebenfalls eine 
Ueberanstrengung des Herzens bei diesem als Todesursache feststellt 
und ausfuhrt, wie sehr beim Radfahren der Blutdruck gesteigert und 
dadurch die Kraft des Herzens in höherem Mafse in Anspruch ge¬ 
nommen wird; entsprechende Beobachtungen häufen sich in der 
neueren medizinischen Litteratur ja nur allzusehr. Und das kann gar 
nicht anders sein, so lange selbst bei Medizinern der Enthusiasmus für 
diese Sportsübung überwiegt über die ruhige und wissenschaftliche Be¬ 
trachtung der physiologischen Rückwirkungen der Körperübung und 
über die objektive Erwägung ihrer möglichen schädlichen Folgen. Ich 
habe vor 2 Jahren, soviel mir bekannt, zum ersten Male ausgesprochen, 
dafs die Ermüdung des Herzens beim Radfahren darum so gefährlich 
sei, weil sie subjektiv nicht wahrgenommen werde. Jede Muskelan¬ 
strengung ist natürlich mit einer stärkeren Inanspruchnahme des Herzens 
verbunden; aber keine körperliche Anstrengung kann in dem gleichen 


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Mafse gefährlich und verhängnisvoll für das Herz werden wie das Rad¬ 
fahren, weil bei diesem allein das Mafs der Ermüdung und Erschöpfung 
des Herzens den ausübenden Personen nicht zum Bewusstsein kommt, 
weil beim Radfahren das Ermüdungsgefühl des Herzens subjektiv nicht 
wahrgenommen wird. Nur daher kommt es, dafs gerade diese Körper¬ 
übung eine so starke Schädigung des Herzens zur Folge hat.« — 

Als weitere Warnung gegen das allzueifrig betriebene Radfahren — 
insbesondere im Entwickelungsalter — dienen die Beobachtungen, 
welche man in Frankreich gelegentlich der diesjährigen Rekrutenaus¬ 
hebungen gemacht hat Dieselben gingen dahin, dafs ein grofser Prozent¬ 
satz derjenigen Rekruten, welche das Radfahren eifrig betrieben, als 
militäruntauglich erklärt werden mufsten, indem eine Anzahl derselben 
an krankhaften Veränderungen des Herzens litten, bei anderen sich 
erhebliche Veränderungen der Wirbelsäule, des Thorax etc. ausgebildet 
hatten. S. 


Rezensionen. 

Die Entwickelung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse. 
Von Dr. J. M. Baldwin, ins Deutsche übers, von Dr. Ortmann. 
Berlin, Reuther & Reichard, 1898. Preis 8 Mk. 

Ist das vorliegende Buch hauptsächlich auch für den Psycho¬ 
logen von Fach von Bedeutung, so entbehrt dasselbe doch keineswegs 
des pädiatrischen Interesses. Namentlich die Psychiatrie ~ wie Ziehen 
in seinem sehr sympatisch gehaltenen Vorwort zur deutschen Ausgabe 
hervorhebt — »verlangt einen Abrifs des normalen kindlichen Seelen¬ 
zustandes, um die Abweichungen des kranken festzustellen und ver¬ 
stehen zu können«. B. hat das grofse Verdienst, zuerst einen solchen 
Abrifs geschaffen zu haben, so weit es überhaupt auf Grund des bis 
jetzt vorliegenden Materials möglich war. Denn auf dem Gebiete der 
Psychologie des Kindes als einem noch sehr jungen Zweige wissen¬ 
schaftlicher Forschung harren noch viele Fragen ihrer Lösung. Wenn 
daher Ziehen Väter, Mütter und Lehrer (weil an diesen Ergebnissen be¬ 
teiligt) zur Mitarbeiterschaft einlädt, so möchten wir aus demselben 
Grunde bei dieser Einladung last but not least die Kinderärzte nicht 
übergangen haben. Es ist unmöglich, an dieser Stelle auf Einzelheiten 
des interessanten B.’schen Werkes einzugehen. Wer wie Ref. von der 
Notwendigkeit psychologischer Bildung für eine innerlich befriedigende 
Thätigkeit als ärztlicher Praktiker überzeugt ist, kann allen Kollegen 
das eingehende Studium des genannten Werkes auf das angelegentlichste 
empfehlen. Bayerthal, Worms. 

Öffentlicher Kinderschutz. Von Privatdocent Dr. H. Neumann. 
VII. Bd. 2. Abtlg. d. Handbuch der Hygiene von Dr. Th. Weyi 
Jena, Gustav Fischer, 1896. Preis 7 Mk. 

Obgleich die Pflicht der Erzeuger, für ihre Kinder selbst zu sorgen, 
im allgemeinen grundsätzlich anerkannt ist, so besteht schon seit den 


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141 


ältesten Zeiten kein Zweifel mehr darüber, dafs in gewissen Fällen die 
verschiedenen Gemeinschaften nicht nur das Recht, sondern auch die 
Pflicht haben, sich der Kinder an Eltemstatt anzunehmen. Diese Ver¬ 
pflichtungen kommen nach den verschiedensten Richtungen hin in dem 
N.’schen Werk zur Erörterung und werden insbesondere Aerzte, die in 
staatlichen oder kommunalen Diensten stehen, sehr viele Anregungen aus 
dem Buche schöpfen können. Die einzelnen Kapitel sind mit eminentem 
Fleifse bearbeitet und zeigen uns den Verf. als in der diesbezüglichen 
Litteratur des In- und Auslandes aufs gründlichste orientiert. Sehr 
wertvoll sind die genauen Litteraturangaben. S. 

Therapie der Hautkrankheiten. Von Dr. L. Leistikow. Ham¬ 
burg und Leipzig, Leop. Vofs, 1897. Preis 6 Mk. 

Verf. giebt in seinem Werke eine genaue Schilderung der moder¬ 
nen Therapie der Hautkrankheiten, welche die Mittel und noch mehr 
die Applikationsweise derselben bis ins kleinste Detail hinein indi¬ 
vidualisiert Daher kommt .es wohl, dafs sehr oft bei der Aufzählung 
der einzelnen gegen die verschiedenen Krankheiten angewandten Mittel 
ein wahrer embarras de richesse stattfindet. Im grofsen ganzen sind 
die Unnaschen Methoden festgehalten, die ja auch bei vielen Haut¬ 
krankheiten sich bewährt und Bürgerrecht erworben haben. Auch be¬ 
züglich der Einteilung und Anordnung des Stoffes ist das histopatho- 
logische System nach U. gewählt, das ohne Rücksicht auf die Klinik 
der Hautkrankheiten geschaffen ist. Für den praktischen Arzt wird das 
Buch eine reiche Fundgrube für sein Wissen und Können bilden. 

S. 

Kochbuch für Kranke. Von Dr. Otto Dornblüth. Leipzig, 
H. Hartung und Sohn (G. H. Herzog), 1897. Preis 3 Mk. 

Das vorliegende Werkchen geht davon aus, dafs es bis jetzt noch 
an einem Buche fehlte, das für Jedermann verständlich die Grundsätze 
einer vernünftigen Ernährung im allgemeinen und für den Kranken vom 
Standpunkt des Arztes aus vorlegte. Verf. ist in langjähriger Thätigkeit als 
Anstalts- und Nervenarzt mit den Schwierigkeiten der Beköstigung 
empfindlicher Patienten völlig vertraut geworden und hat es daher ver¬ 
standen, seine Aufgabe sehr gut zu lösen. Das Buch wird auch dem 
Arzt sehr oft ein treuer Ratgeber in Frage der Ernährung seiner Patienten 
sein. S. 

Neue Untersuchungen zur Pocken- und Impffrage. Von Dr. 
H. Böing. Berlin, S. Karger, 189^. Preis 5 Mk. 

Obgleich B. ein Impfgegner und das Buch daher vom impf¬ 
gegnerischen Standpunkte aus geschrieben ist, so könnte es doch eben¬ 
sogut von einem eifrigen Anhänger der Vaccination verfafst sein, denn 
auf Grund einer streng wissenschaftlichen Methodik kommt B. zu dem 
Schlüsse, dafs die Entdeckung Jenners eine grofse Wohlthat für die 
Menschheit und die Kultur ist. Das hindert ihn nicht, als Endergebnisse 
seiner sehr lesenswerten Arbeit folgende Sätze aufzustellen: 1. Der 
Impfzwang in seuqhefreien Zeiten fällt fort. 2. Er tritt ein beim Aus- 


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142 


bruch der Pocken in den verseuchten Orten und bei den gefährdeten 
Personen. 3. Die fakultative Impfung bleibt bestehen. S. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Eine einfache Methode zur Bestimmung der Arznei¬ 
dosen für Kinder besteht nach Pedersen darin, dafs man die für die 
Erwachsenen übliche Dosis durch die Zahl 20 dividiert und mit der 
Zahl der Jahre des Kindes multipliziert. In den meisten, besonders in 
allen denjenigen Fällen, in denen wegen Giftwirkung besonders Vorsicht 
geboten ist, erhält man mit Hülfe dieser Methode ziemlich genau die 
für Kinder vorgeschriebene Dosis. (New York med. Joum. 98). 

Klautsch, Halle a. S. 

— Ueber diphtheroide, impetiginöse Stomatitis. Von 
Balzer und Griffon. Sevestre und Gaston beschrieben unter dem Namen 
diphtheroider Stomatitis eine Gruppe von verschiedenen Affektionen, 
welche durch Staphylokokken verursacht waren, und welche klinisch 
der Diphtherie ähnlich, ätiologisch jedoch von derselben verschieden 
sind, und von welchen eine Unterart die impetiginöse ist Verff. teilen zwei 
Fälle derselben Affektion mit, welche durch Streptokokken verursacht 
und gleichzeitig von Impetigo des Gesichtes resp. des behaarten Kopfes 
begleitet waren. Verff. sind daher der Ansicht, dafs diese Mund- ebenso 
wie die Hautaffektion vor Allem nur durch die zuletzt genannten Mikro¬ 
organismen hervorgerufen und die Staphylokokken nur als nebensächliche, 
zufällige Befunde anzusehen sind. (Rev. mens, des mal. de l’enf. 98). 

Klautsch, Halle a. S. 

— Multiple Sclerose im Kindesalter. Von Stieglitz. Verf. 
vermehrt die in der Litteratur beschriebenen 35 Fälle von multipler 
Sclerose bei Kindern, von denen 14 eine vorausgehende infektiöse Er¬ 
krankung aufwiesen, während 8 hereditär neuropathisch belastet waren, 
um weitere 3 Fälle, welche Mädchen im Alter von 9, 11 und 15 Jahren 
betrafen. Bei zweien derselben waren Erysipel und Scharlach bezw. 
Influenza vorausgegangen. Der Verlauf der Krankheit ist ein ziemlich 
charakteristischer mit progressiven und retrogressiven Schwankungen, 
während die Lähmungszustände stationär bleiben. Ein Hauptsymptom 
ist Atrophie des Optikus. Die Differentialdiagnose mit hereditärerAtaxie 
(Friedreich) und cerebraler Kinderlähmung verursacht manchmal ziem¬ 
liche Schwierigkeiten. (The americ. Joum. of the med. scienc 98). 

Klautsch, Halle a. S. 

— Zur Therapie der Kinderlähmungen. Sehnenüber¬ 
pflanzung in einem Falle spastischer cerebraler Paraplegie 
(sogen. Little’scher Krankheit). Von Eulenburg. 

Vor 16 Jahren hat zuerst Nicoladeni das Verfahren der Sehnen¬ 
oder richtiger Muskelüberpflanzung an den gelähmten Gliedmafsen 
empfohlen, welches aber leider wenig beachtet wurde. Erst in der 
neueren Zeit ist dasselbe von Drobnik, Felix Francke und Vulpius mit 


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143 


Erfolg zur Behandlung der paralytischen Fufsdeformitäten wieder ein¬ 
geführt wurden. Es läfst sich, wie der mitgeteilte Fall beweist, dieses 
Verfahren auch auf die spastischen Formen der cerebralen Kinderlähmung 
übertragen. Verf. erklärt die durch die Operation erzielte Beeinflussung 
der spastischen Innervation und der Zwangsstellung durch einen auf 
zentripedalen Wege angeregten interzentralen Auslösungsvorgang in den 
die antagonistisch-tonische Innervation beherrschenden Grofshirnrinden- 
gebieten. (Dtsch. med. Wchschr. 98). Klautsch, Halle a. S. 

— Ueber Duodenalgeschwüre bei Kindern. VonSimmonds. 

In diesem in der biologischen Abteilung des ärztlichen Vereines zu 
Hamburg gehaltenen Vortrage weist S. auf die grofse Seltenheit der 
Duodenalgeschwüre im Kindesalter hin und demonstriert sodann zwei 
derartige Präparate. 1. 8 jähriger Knabe, an Nephritis nach Pneumonie 
gestorben. Im Duodenum multiple bohnengrofse flache Geschwüre. 
Mikroskopisch im Grunde des Geschwüres, welches an einer Stelle bis 
unter die Serosa geht, kleinzellige Infiltration und massenhafte Mikroben. 
Vortragender läfst es unentschieden, ob es sich um ein mykotisches Ge¬ 
schwür gehandelt habe. 

2. 4 jähriges Mädchen, 11 Tage nach Verbrennung des Oberkörpers 
gestorben. Im Duodenum mehrere kleinere und ein Zehnpfennigstück- 
grofses, tiefes Ulcus, welches das Pankreas freigelegt hat und durch 
Arrosion eines kleinen Gefäfses zu mächtiger Blutung Veranlassung ge¬ 
geben hat. Mikroskopisch am Rande des Geschwürs zahlreiche, mit 
hyalinen Thromben erfüllte kleine Gefäfse. 

Die Geschwürsbildung ist durch die GefäfsVerstopfung und durch 
Verdauung des seiner Blutzufuhr beraubten Gewebes bedingt. Vortragender 
weist sodann im Gegensatz zu den Angaben der Handbücher auf die 
Seltenheit der Duodenalgeschwüre bei Verbrennung hin. Er hat bei 
50 Sektionen Verbrannter erst zweimal diesen Befund angetroffen. 
(Münchn. med. Wochenschr. 18). Klautsch, Halle a. S. 

— Fall von Lumbalkyphose behandelt nach der Methode 
von Calot. Von Czajkowski. 

C. berichtet über einen Fall von Lumbalkyphose bei einem zwei¬ 
jährigen, abgemagerten Kinde, welches kaum gehen konnte, da es an 
Schmerzen litt. Die Kyphose safs in der Gegend des zweiten Lenden¬ 
wirbels, dessen Prozefsus spinosus einen Winkel von 55—60° bildete. 
Bei Extension in senkrechter Stellung und bei horizontaler Lage wird 
die Kyphose nicht geringer; bei Druck an dieser Stelle Schmerzhaftigkeit. 
Die Operation wurde in Narkose ausgeführt, wobei gleich nach der 
Operation der prominierende Wirbel unter den andern verschwand; noch 
in Narkose wurde ein Gypskorsett angelegt, in welchem Patient zwölf 
Wochen verblieb. Er konnte aber nach einigen Monaten wieder unter¬ 
sucht werden, wobei fast gänzliches Verschwinden der Kyphose und 
eminente Besserung des allgemeinen Gesundheitszustandes konstatiert 
werden konnte. Verf. äufsert nur Bedenken, ob der Zustand lange an- 
halten und nicht rezidivieren wird. (Gaz. lekarsk. 98). 

Dr. Goldbaum, Wien. 


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144 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Rp. Tyreoidin. sicc. Rp. 

Natr. bicarb. aa. 0,1—0,3 
Compr. f. tabul. 

DS. tgl. 1—2 St. z. n. 
Myxoedem, Struma, Morb. 
Basedow., Sclerodermie. 

Rp. *Tannon 0,2—0,5 

D. dos. VHI. DS. tgl. 3—4 P. 

(E. Schreiber.) Rp, 
Enteritis acuta u. chronica, 
Gastroenteritis. 

Rp. Cocain, mur. 0,15 
Chloroform 1,0 

Glycerin 20,0 Rp. 

Ol. Rosar gtt. IV. 

MDS. mehrere Mal tgl. das Zahn¬ 
fleisch zu bepinseln. 

(Churupert.) 
Störungen bei der ersten 
D e n t i t i o u. 


*) Enthält 87 % Tannin und 13 °/ 0 
Urotropin. 


Menthol. 5,0 
Chloroform. 

Aether. 

Spir. camphorat. aa. 15,0 
MDS. zu Waschungen. (Die be¬ 
netzten Stellen sind mit Reis¬ 
puder einzupudeml) 
Urticaria. (Gaucher.) 

Duotal. 0,1—0,5 
(Guajacolcarbonat.) 

DDS. 3 Mal tgl. (mit 0,1 an¬ 
fangend und täglich ansteigend 
bis 0,5.) 

Creosotal 3,0—5,0 
Ol. jecor. asell. 100,0 
Saccharin. 0,05 

MDS. für Kinder unter 1 Jahr tgl. 
1 Kaffeel. der 3 °/ 0 Mixtur an¬ 
steigend bis 2 Kaffeel. der 5% 
Mixtur; für grössere Kinder 
2—6 Kaffeel. der 5% Mixtur 
Tuberculose, Scrophulose. 

(Hock, Fischer.) 


Kleine Mitteilungen. 

DieSenkenbergische Stiftung hat denStiebelpreis, der alle 4 Jahre 
für die beste Arbeit auf dem Gebiete der Kinderheilkunde oder Ent¬ 
wickelungsgeschichte erteilt wird, dem Oberamtsarzt Dr. Camerer 
in Urach für sein Buch »der Stoffwechsel des Kindes von der Geburt 
bis zur Beendigung des Wachstums« erteilt. 

Das Hämoglobin Dr. Nardi ist ein wirksames, dabei wohl¬ 
schmeckendes Eisenpräparat. Dasselbe wird aus Tierblut absolut bak¬ 
terienfrei gewonnen und enthält 0,3745% Eisen*=93,63% Hämoglobin. 
Es soll nach den Urteilen besonders italienischer Kliniker und Aerzte 
auch bei schwerer und hartnäckiger Anämie und Chlorose, bei denen 
andere Mittel versagten, noch wirksam sein. Dabei ist es leicht ver¬ 
daulich und wird auch von dem schwächsten Magen noch vertragen. 
Kindern verabreicht man es am besten in Form von Chokoladepastülen 
mit je 0,25 Hämogl. mehrere male tgl. (Erwachsene können es in Pulver¬ 
form nehmen). Den General-Verkauf für Deutschland hat die Firma 
Ritter & Schmidt in Berlin W. 50 übernommen. 


Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

herausgegeben 

▼o* 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 8836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 103. _ Leipzig, I. Juli 1898. IX. Jahrg. Heft 7. 

Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tanchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Whinna, Orphol (Betonaphthol-Bismuth), ein ideales 
Heilmittel bei diarrhöartigen Erkrankungen (145). — Bericht über den 17. Kongrefs 
der deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin (148). — Referate: Kretz, 
Diphtherieheilserum (164). — Koplik, Masern (155). — Schmitz, Bauchfelltuber- 
kulose (156). — Perutz, Osteomyelitis (156). — Pollmann, Leukämie (167). — Hirota, 
Kakke (Beriberi) (158). — Galli, Gastroenteritis acuta (158). — Knöpfelmacher, 
Verdauungsrückstände bei Kuhmilchnahrung (159). — Klemm, Säuglingsemäh- 
rung (160). — Meyer, Künstliche Milch (162). — Kuttner, Störungen der Harnent¬ 
leerung (163). — Gesundheitspflege: Untersuchung der Zähne von Schulkindern 
in Wiesbaden (164). — Schulärzte in Königsberg (164). — Rezensionen: Pfeiffer, 
Verhandlungen der 14. Versammlung der Gesellschaft für Kinderheilkunde in Braun¬ 
schweig 1897 (165). — Schill, Jahresbericht über die Fortschritte der Diagnostik im 
Jahre 1897. 4. Jahrgang (166). — Ziehen, Leitfaden der physiologischen Psycho¬ 
logie. 4. Auflage (166). — Kurze Notizen aus der Praxis und Wissen¬ 
schaft (166).— Rezeptformeln für die Kinderpraxis (168). — Kleine 
Mitteilungen (168j. 


Orphol (Betanaphtol-Bismuth) 
ein ideales Heilmittel bei diarrhoeartigen Krankheiten. 

Von E. G. Whinna, M. D. Philadelphia, 

Arzt an dem Philadelphia-Heim für Kinder. 
Uebersetzt aus „The Hahnemannian Monthly“ No. 3. 1898. 


In meiner Stellung als Arzt an dem Philadelphia-Heim für Kinder 
wurde meine Aufmerksamkeit während der letzten fünf Jahre häufig auf 
die Aetiologie und besonders die Behandlung diarrhoeischer Krankheiten 
bei Kindern hingelenkt. In einem Institut dieser Art, wo eine grofse 
Anzahl Kinder zusammen leben mufs, bedeutet die Verhütung und 
Behandlung solcher Krankheitserscheinungen eine Sache von besonderer 
Wichtigkeit. 

Die Kinder werden in dem Alter von drei Monaten bis zu drei 
Jahren in dem Heim aufgenommen, und bei der Mehrzahl der Fälle 

0«r KMtr-Arzt Htft 7. 1898. 


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146 


stofsen wir auf das Problem der künstlichen Ernährung, das gelöst 
werden mufs, da nur bei sehr wenigen die mütterliche Nahrung weiter 
gegeben werden kann, aus dem Grunde, weil die Mutter entweder tot 
ist oder autserhalb ihren Lebensunterhalt suchen mufs. Man kann 
daraus ersehen, dafs wir mit diesen Fällen zu kämpfen haben gerade 
zu der Zeit (Entwöhnung) und dem Alter (drei Monate bis zwei Jahre), 
wo die Kleinen für diese gastroenteritischen Krankheiten am empfäng¬ 
lichsten sind. Dem einfachen Entwöhnen, wenn es plötzlich geschieht, 
folgt fast mit Sicherheit ein Diarrhoe-Anfall. 

Wir können die Ursachen der diarrhoeartigen Krankheiten 
bei Kindern einteilen in solche, die in der Disposition liegen 
und in solche, die durch Reizung entstehen. Unter die Rubrik 
derjenigen der Prädisposition rechnen wir das Alter (unter drei 
Jahren), ungeeignete hygienische Zustände, eine schwache oder ent¬ 
kräftete Konstitution und jede durch ungeeignete Ernährungsweise oder 
die Verabreichung ungeeigneter Nahrungsmittel verursachte Verdauungs¬ 
störung. Die durch Reizung entstandene Ursache ist eine Erscheinung, 
für deren Aetiologie zweierlei wesentlich ist, Hitze und künstliche 
Ernährung. Je länger ich praktiziere, desto mehr komme ich zu der 
Ueberzeugung, dafs die verursachenden Elemente bei der grofsen Mehr¬ 
zahl der diarrhoeartigen Erkrankungen eine oder die andere der ver¬ 
schiedenen Bakterien-Arten oder die sich aus ihnen ergebenden Produkte 
sind. — Wie uns die hl. Schrift sagt, müssen wir »einen Grund geben 
für den Glauben, der in uns wohnt«, und dies zu thun, will ich mich 
jetzt bemühen. — Gewöhnlich treten diese Krankheiten epidemisch auf 
bei warmem Wetter, bei einer Temperatur über 60° F., da dies die 
Temperatur ist, bei der die Zersetzung beginnt und die Bakterien sich 
reichlich vervielfältigen. Mangel an körperlicher Reinlichkeit, Mangel an 
Sauberkeit der Nahrung oder der Flaschen, welcher, wie wir alle wissen, 
eine Erzeugungsursache des Durchfalls bildet, ist ebenfalls ein wirksames 
Mittel für die Verbreitung der Bakterien. Bei dem vielen Manipulieren 
der Milch von der Milchkammer bis zur Flasche finden die Bakterien 
leicht Eintritt in dieselbe, und oft steht die Milch stundenlang bei einer 
Temperatur, die hinreichend hoch ist, um das Wachstum der Bakterien 
zu veranlassen. Die normalen Entleerungen aus den Gedärmen eines 
Kindes enthalten eine Anzahl von Bakterien, von denen die wichtigsten 
das bakterium lactis aerogenes und das bacterium coli commune sind. 
Das erstere lebt in dem oberen Teil des Darmes und verursacht den 
Gährungsprozefs der Milch, das letztere wird meistenteils in dem unteren 
Teil des kleinen Eingeweides und in dem Kolon gefunden und hat 
einigen Einflufs auf die Verdauung. Bei Durchfall ist die Anzahl der in 
den Stühlen gefundenen Bakterien enorm, sogar bis zu vierzig ver¬ 
schiedene Arten wurden darin festgestellt. Es giebt keine Krankheiten, 
zu deren Verhütung so viel beigetragen werden kann, wie die des gastro¬ 
intestinalen Traktus. Angesichts dieser Ueberzeugung sollte man die 
Kinder so viel wie möglich aus der Stadt an die See oder in Land- und 
Bergluft bringen, oder falls dies unausführbar ist, kurze Ausflüge mit 
ihnen nach nahen Flüssen machen; selbst der Aufenthalt am Ufer eines 
Flusses am Abend wird eine wohlthuende Wirkung auf sie ausüben. 
Die Eltern oder Wärterinnen sollten nicht in Unkenntnis sein über die 


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147 


Wichtigkeit der regelmäfsigen Ernährung, die Gefahr des Ueberfütterns 
und die Wirkung, die eine geeignete Kost bei den Kindern hervorruft. 
Peinliche Sorgfalt erfordern der Versandt und Verkauf der Milch; alle 
Keime müssen durch Sterilisation der Milch und skrupulöseste Reinlich¬ 
keit der Flaschen oder Pfropfen ausgeschlossen und zerstört werden. 

Bei warmem Wetter sollte die feste Nahrung vermindert und an 
deren Stelle mehr Wasser zu trinken gegeben werden. Auf jede Un¬ 
ordnung der Gedärme, wie unbedeutend sie auch erscheinen mag, sollte 
man die gröfste Aufmerksamkeit verwenden. 

Die diätetische und hygienische Behandlung dieser Krankheiten ist 
so wichtig wie der Gebrauch der Medikamente. Jede vernünftige Be¬ 
handlung wird mit einer Ergründung der Entstehungsursache beginnen. 
Findet man, dafs dieselbe von Falscher Ernährung oder unrichtiger 
Ernährungsweise herrührt, so mufs diesen Uebelständen unbedingt ab¬ 
geholfen werden. Ist dies geschehen, dann tritt gewöhnlich spontane 
Besserung ein und man wird nicht zu lange Zuflucht zu der Medizin 
nehmen müssen, während bei dem Fortbestehen dieser Uebelstände 
selbst bei der sorgfaltigst gewählten Medizinierung die Krankheit fort- 
dauem wird. Man darf durchaus nicht vergessen, dass während des 
akuten Durchfall-Stadiums die Verdauung thatsächlich stockt. So lange 
der Brechreiz dauert, mufs dem Säugling die Brust vorenthalten und der 
Durst durch Gersten- oder Brotwasser gestillt werden. Wenn dann der 
Magen acht bis zehn Stunden lang ruhig geblieben ist, kann man 
allmählich mit dem Stillen wieder beginnen, indem man die Zwischen¬ 
pausen länger und die Dauer des Säugens kürzer macht wie gewöhnlich. 
Bei gerade entwöhnten Kindern ist dieselbe Enthaltsamkeit durchzuführen 
und, wenn möglich, die Brust wieder zu reichen. Bei Flaschenkindern, 
für die eine Amme zu beschaffen nicht möglich ist, mufs man sich 
bemühen, die für den einzelnen Fall am meisten zuträgliche Ernährung 
herauszufinden. So lange das akute Stadium anhält, ist an Stelle von 
Milch Fleischbrühe oder Eiweifswasser zu verabreichen. 

Die medizinische Behandlung besteht in Folgendem: 

Das erste ist, den Magen und die Gedärme von den gährenden 
Bestandteilen, welche die Erkrankung verursachen, zu befreien. Beim 
Kinde bewirkt gewöhnlich das Brechen die Entleerung des Magens; wo 
jedoch das Brechen unzulänglich ist und nur wenig auf diese Weise 
abgesondert wird, mufs das Auswaschen des Magens versucht werden. 
Das Entleeren der Gedärme ist auf jeden Fall angezeigt und kann durch 
Purgirmittel (Ricinusöl oder Calomel) bei den kleinen Eingeweiden und 
durch Einspritzungen in das Kolon bewirkt werden. Der nächste Schritt 
ist die Bekämpfung des Zersetzungsprozesses durch innere Antiseptika 
und durch eine geeignete Ernährung. 

Seit einiger Zeit neigt sich die herrschende Meinung dem Gebrauche 
von Heilmitteln zu, welche das Wachstum der Bakterien aufhalten. Die 
Heilmittel, welche die Zersetzung in dem unteren Ileum und dem Kolon 
zuverlässig beeinflussen sollen, müssen unlöslich sein. 

Die einzigen Mittel, welche diesen Ruf geniefsen, sind Naphtol 
und Bismuth. Ich habe in dem Heim und in meiner Privat-Praxis 
verschiedenartige Heilmittel mit wechselndem Erfolg versucht; aber erst 
kürzlich ist meine Aufmerksamkeit auf ein Präparat hingelenkt worden, 


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welches, wie ich zu meinem Erstaunen und Entzücken zu finden Gelegen¬ 
heit hatte, fast in dem Mafse wie ein Spezificum in diesen Fallen wirkt 
wie es nur irgend ein Heilmittel thun kann. Ich spreche von Beta- 
naphto 1-Bismuth (Orphol). 

Dieses Präparat enthält 80 °/ 0 Bismuth-Oxyd in chemischer Ver¬ 
bindung (nicht einfach eine Mischung) mit 20% Betanaphtol. 

Es ist ein hellbraunes, beinahe geruch- und geschmackloses, nicht 
ätzendes und im Wasser unlösliches Pulver. In dem Darm spaltet sich 
diese Verbindung in Naphtol und Bismuth. Der gröfste Teil des 
Naphtols wird durch die Nieren entfernt, während der Rest mit dem 
Bismuth sich durch die Därme ausscheidet. 

Die therapeutische Wirkung ist eine zweifache: erstens eine anti¬ 
septische, das Wachstum der Bakterien verhindernde, und zweitens eine 
adstringierende. 

Die Dosis variirt je nach dem Alter des Patienten und der Schwere 
des Anfalls. Erwachsene können täglich 1,5 bis 6 g in Dosen von 0,8 
bis 0,7 g nehmen. Für Kinder beträgt die Dosis 0,2 bis 0,8 g, die am 
besten in kaltem Wasser oder einfachem Syrup zu vei abreichen und 
so oft als nötig zu wiederholen ist. 

Einer der grofsen Vorzüge dieses Präparates ist der, dafs es niemals, 
selbst bei dem reizbarsten Magen, Erbrechen hervorruft; in der That 
scheint es eher ein Beruhigungsmittel (Sedativ) für die Nerven und den 
Magen zu sein. 

Allerdings ist der Gebrauch von Bismuth bei den Durchfallskrank¬ 
heiten fast so alt wie die Medizin selbst, und doch zögere ich nicht, 
die Behauptung auszusprechen, dafs von allen jetzt im Gebrauch befind¬ 
lichen Bismuth-Präparaten keines sich mit dem Orphol auch nur an¬ 
nähernd messen kann. Wir sind in unserem Heim so vollständig von 
seinem Werte überzeugt, dafs wir es immer als das erste und gewöhnlich 
einzige Heilmittel bei Diarrhoe verordnen. Auch seine Wirkung bei 
den Durchfalls-Erscheinungen der Schwindsüchtigen schien mir eine 
äufserst günstige zu sein, insofern als nach seiner Verabreichung die 
häufigen dünnen Entleerungen aufhören, wodurch die Entkräftung des 
schon geschwächten Organismus vermindert und dem armen Kranken 
entschieden Erleichterung verschafft wird. In diesen Fällen sind aller¬ 
dings häufig grofse Dosen erforderlich, manchmal bis zu 5 g täglich. 
Da das Medikament durchaus keine schädlichen Nebenwirkungen hervor¬ 
ruft, kann seine Anwendung eine dauernde sein. 


Bericht über den 17. Kongress der deutschen Gesellschaft für Chirurgie 
in Berlin (13.—16. April 1898). 


In Kürze berichten wir in Nachfolgendem über denjenigen Teil 
der Verhandlungen des diesjährigen Kongresses der deutschen Gesell¬ 
schaft für Chirurgie, der für die Kinderheilkunde von Interesse ist. 
Der erste Verhandlungsgegenstand betraf die Asepsis in der 
Chirurgie. Mikulicz (Breslau) sprach über die jüngsten Bestrebungen, 


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149 


die aseptische Wundbehandlung zu verbessern. Mullmasken, die Mund 
und Nase des Operateurs bedecken, verhindern, dafs beim Sprechen, 
Husten, Niesen Bakterien in die Wunde gelangen. Operationshand¬ 
schuhe aus Zwirn verringern die Gefahr einer Infektion durch die Hände 
des Operateurs, antiseptische Imprägnation des Nahtmaterials mit Jodo¬ 
formäther, völliger Abschlufs der Wunde durch Naht und Desinfektion 
der umgebenden Haut durch Einreibung einer Zink- oder Airolpaste 
schützen vor sekundärer Infektion. — Landau (Stuttgart) spricht über 
die Ursachen des Mifslingens der Asepsis. Er warnt vor Nervosität in 
Bezug auf die Gefahren der Wundinfektion und glaubt, dafs sich 
gewisse Störungen in Bezug auf die Wundheilung — Stichkanaleiterung 
und etwas Wundsekret — auch heute noch nicht ganz vermeiden lassen, 
dieselben doch im Vergleich zu dem, was wir unter der Carboiantisepsis 
gesehen haben, recht unbedeutend sind. Vorbereitende 1 °/ 0 Formalin¬ 
umschläge um das Operationsgebiet, Heifswasser-Alkohol-Desinfektion 
der Hände, häufiges Waschen derselben während der Operation haben 
ihm gute Wundresultate ergeben. Trockene Verbände bleiben fast stets 
steril, bei feuchten nimmt der Keimgehalt zu, je länger sie liegen. Ein¬ 
schränkung der Drains, da das in ihnen befindliche Sekret starken Keim¬ 
gehalt zeigt. — Perthes (Leipzig) empfiehlt wasserdichte Handschuhe 
aus Seidentrikot oder Gummi anstatt der gewebten, da sich ergeben 
hat, dafs die letzteren, sobald sie feucht werden, Infektionskeime über¬ 
tragen können. — Döderlein (Tübingen) berichtet, dafs bakteriologische 
Versuche ihm ergeben haben, dafs die gewebten Operationshandschuhe 
keinen Schutz gegen Wundinfektion gewähren. Er empfiehlt einen aus 
Gummi hergestellten Handschuh. Im Allgemeinan empfiehlt er Des¬ 
infektion der Hände nach den bisher gütigen Prinzipien. — Bunge 
(Königsberg) und Prutz (Königsberg) heben den Wert des Alkohols 
für die Desinfektion der Hände hervor. — Friedrich (Leipzig) betont, 
dafs die Infektion frischer Verletzungen in den ersten 6—8 Stunden 
nur als eine Erkrankung der Wundoberfläche angesehen werden könne 
und wir sind wohl im Stande, durch Anwendung von Antisepticis die 
Aufnahme von pathogenen Keimen in den Kreislauf zu verhindern. 
Man kann die Weiterentwicklung der Infektion verhüten, wenn man 
innerhalb sechs Stunden die Wunde anfrischt und näht. Obgleich kein 
Mittel im Stande ist, eine infizierte Wunde gänzlich zu desinfizieren, so 
leisten hierin doch Sublimat, Jodoform und Xeroform vieles. Infizierte 
Wunden sind offen zu halten und auszustopfen; die Antiseptika können 
nur dann wirken, wenn sie möglichst in alle Teile der Wunde ein- 
dringen können. — Noetzel (Königsberg) bestätigt die Untersuchungs¬ 
ergebnisse Schimmelbusch’s, nach denen von einer frischen Wunde aus 
sehr rasch eine Resorption der Bakterien stattfindet. Diese in den 
Körper übertragenen Bakterien gehen aber in den allermeisten Fällen 
ohne Schaden für den Organismus zu Grunde und gewährt diese Selbst¬ 
resorption sogar einen Schutz gegen die Infektion; die Hauptgefahr 
bedingt der lokale Prozefs. — Schloffer (Prag) berichtet über Ver¬ 
suche, welche die Bakterien und das Wundsekret bei der Heilung ohne 
Eiterung betreffen. Er konnte fast immer Bakterien im Wundsekret 
feststellen, dabei aber auch konstatieren, dafs das Wundsekret selbst 
baktericide Kraft besitzt, welche aber bei einer Sekretansammlung in der 


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Wunde verloren geht, die Kokken vermehren sich alsdann, es tritt 
Fieber, Eiterung ein. — Ueber lokale Analgesie bei Operationen 
und seine Erfahrungen mit dieser Methode seit dem Jahre 1895 be¬ 
richtete Hackenbruch (Wiesbaden). Er empfiehlt besonders für 
Zehen- und Fingeroperationen die zirkuläre Analgesierung mittelst 
zweier diametral gegenüberliegender Einstichstellen dicht oberhalb der 
unempfindlich zu machenden Partie. Er injiziert eine 1 / 2 % Cocain- 
Eucamlösung (frisch herzustellen durch Auflösung einer Cocain-Eucain- 
tablette aa 0,05 : 10,0 Aq. destil.) rings um das Operationsfeld herum, 
das womöglich durch Umschnürung einer Gummibinde blutleer gemacht 
worden ist. — Braun (Leipzig) hat experimentelle Untersuchungen 
über die Schleich’sche Infiltrationsanästhesie angestellt und 
speziell die anästhesierende Wirkung des Verfahrens geprüft Es kommen 
drei Faktoren dabei in Frage: Temperatur, osmotische Spannung der 
Lösung und die spezifischen Eigenschaften der in der Lösung befind¬ 
lichen Körper. Morphiumzusatz hält er nicht für zweckmäfsig, in Frage 
für die Anästhesierung komme nur Cocain und Eucain B. Die Indikation 
der lokalen Anästhesierung ist ganz besonders auch auf gewisse 
Operationen auszudehnen, wo die Narkose von ungünstigem Einflufs 
sein könnte. Bei Kindern wird sie oft wegen des psychischen Ver¬ 
haltens unmöglich gemacht. Für die Exstirpation maligner Tumoren, 
für Phlegmonen pafst sie nicht. Für Finger und Zehen ist die regionäre 
Cocainanästhesie der Schleich’schen vorzuziehen. — Rubinstein (Berlin) be¬ 
richtet über lokale Anästhesie, besonders gröfserer Gelenke. 
Er hebt die Behandlung der Gelenke mit den von Schüller angegebenen 
Jodoform-Guajacol-Injektionen hervor, die sich mit Lokalanästhesie stets 
schmerzlos ausfuhren lassen. —Mankiewicz (Berlin) tritt für die Ver¬ 
bindung von Cocain mit Morphium ein. — Gott stein (Breslau) spricht 
sich auf Grund der Erfahrungen auf der Klinik von Mikulicz sehr 
günstig über die Erfolge der Schleich’schen Methode zur schmerzlosen 
Ausführung gröfserer Operationen aus. — Manz (Freiburg) berichtet 
über Versuche, die lokale Anästhesierung auf gröfsere Körperabschnitte 
auszudehnen. — Riedel (Jena) spricht über Peritonitis chronica 
non tuberculosa. Von dieser erst in den letzten Jahren erkannten 
Krankheit hat R. 20 Fälle gesehen. Sie besteht in der Ausbildung 
schwieliger Verdickungen namentlich im Mesenterium, wodurch Ver¬ 
zerrungen und Abknickungen des Darmes und Verlagerungen der Nieren 
zu Stande kommen. Die Behandlung mufs bei ausgedehnten schwieligen 
Verdickungen am Darm eine wesentlich innere medizinische sein, 
während die durch die genannte Erkrankung bedingte Form der Wander¬ 
niere für eine operative Heilung ein günstiges Feld bietet. Operatives 
Vorgehen ist nur bei circumscripten Prozessen indiziert, bei diffusen 
bilden sich immer neue Verwachsungen. — Noetzel (Königsberg): 
Ueber funktionelle Resorption und Infektion. Er hat experi¬ 
mentelle Untersuchungen über die Resorptionskraft des Bauchfelles und 
das Verhalten des letzteren bei Peritonitis gemacht und kam dabei zu 
dem Schlüsse, dafs das Peritoneum gegen Infektion aufserordentlich 
widerstandsfähig ist. Alle Bedingungen, die die Resorption dabei auf- 
heben, begünstigen die Infektion. Die rasche Wegschaffung der Toxine 
ist für die Schutzwirkung von besonderer Bedeutung. Es kommt nicht 


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allein die Resorption in Betracht, sondern es kommt dem Peritoneum 
selbst eine schützende Kraft zu, es findet in loco eine Abtötung der 
Keime statt. — Hildebrandt (Berlin) berichtet über Experimente 
am Pancreas zur Erzeugung von Pancreatitis hämorr¬ 
hagica und Fettnecrosen. Bisher wurde als Ursache der Pancreatitis 
hämorrhagica eine Verätzung der Drüse mit ihrem Safte angenommen; 
nach Mafsgabe seiner Versuche ist es indefs nicht ausgeschlossen, dafs der 
Magensaft, speziell die in ihm enthaltene HCl diese Erscheinung hervor- 
rufen kann. Die Fettnecrose ist wohl zu erklären durch Einwirkung des 
im Pancreas selbst erzeugten Trypsins, das sich unter gewissen Verhält¬ 
nissen z. B. bei Duodenalkatarrhen nicht entleeren kann. — Besonderes 
Interesse für die Kinderheilkunde boten die Verhandlungen über das 
Calot’sche Verfahren dar. Dasselbe besteht bekanntlich in dem 
von Calot angegebenen forcierten Redressement der bucklig verkrümmten 
Wirbelsäule. H o ffa (Würzburg) giebt zunächst seine Erfahrungen kund, 
die er mit der Calot sehen Methode bei Spondylitis tuberculosa gemacht 
hat. Im allgemeinen hat H. den Eindruck, dafs das gewaltsame Ein¬ 
drücken des Buckels ein gefährlicher Eingriff ist. Es sind 14 Todes¬ 
fälle nach Anwendung der Methode (Tod in Narkose, Wirbelfraktur, 
Quetschung des Marks, Tuberculosis universal., Meningitis etc.) bis jetzt 
bekannt geworden. Jahrelanges Bestehen des Buckels, ein hoher Grad 
desselben, das Vorhandensein von Abszessen sind Kontraindikationen 
für die Methode. Lähmungen sind keine Kontraindikationen, gehen viel¬ 
mehr oft schnell zurück. Leichte Gibbi bei beginnender Spondylitis 
jugendlicher Personen sind zur Redression geneigt, wenn eine Extension 
an Kopf und Beinen ohne Narkose eine Abflachung des Buckels ergiebt. 
Tritt diese nicht ein, dann bestehen Verwachsungen, und das Verfahren 
ist nicht geeignet. Man soll aber kein gewaltsames Eindrücken nach 
C. vornehmen, sondern bei Suspension an Kopf und Fufs wird die 
Redression der Eigenschwere des Kopfes überlassen und dann die 
lordotische Einstellung der Wirbelsäule im Gypsverband fixiert. Die 
Ausheilung der Spondylitis tuberculosa dauert 2—3 Jahre, so lange ist 
die Fixation im Gypsverband, später vielleicht in einem Korsett fort¬ 
zusetzen In der Zukunft ist der Gibbusbildung möglichst vorzubeugen durch 
eine frühzeitige Immobilisierung, (rechtzeitige Gypsverbände, Lorenz’sches 
Schwebebett). — Lorenz (Wien) glaubt, dafs ein ankylosierter Gibbus 
nicht Gegenstand der Calot’schen Verfahrens, sein kann, nur ein nach¬ 
giebiger Buckel vertrage die Redression. Lordosierung der Wirbelsäule 
wird schon lange angestrebt. Er expliziert seinen für diesen Zweck an¬ 
gegebenen Apparat. Er vermeidet ebenfalls einen starken Druck auf 
den Buckel. Vulpius (Heidelberg) meint, dafs theoretische Bedenken 
nicht von der praktischen Prüfüng des Calot’schen Verfahrens, das aller¬ 
dings noch besserungsbedürftig sei, abhalten dürften. Von der gleich- 
mäfsigen Extension, die so lange innegehalten werden müsse, bis der 
Gypsverband hart sei, hänge sehr viel ab. Er demonstriert einen von 
ihm zu diesem Zwecke angebenen Apparat. — Wullstein (Halle): Die 
Todesfälle in Folge des C.’schen Verfahrens mehren sich. Die grofsen 
Nachteile des forcierten Redressements sind: Zerreifsung von Pleura 
und Lunge, Blutungen in Pleura und Mediastinum, Rupturen des Rücken¬ 
marks, Entstehung von Diastasen der Wirbelkörper etc. Der Schwer- 


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punkt beruht darauf, dafs beim Redressement keine Diastase entsteht, 
was nur bei allmähligem Vorgehen möglich ist. W. hat zu diesem Be- 
hufe ein Extensionsbett konstruiert, das er demonstriert. — Länderer 
(Stuttgart) legt die Abscesse und nekrotischen Knochen in Fällen, die 
dem Redressement nicht mehr zugänglich sind, auf operativem Wege 
blos und gelingt es dann durch Resektion der Querfortsätze, Kauteri¬ 
sation des Heerdes mit Paquelin etc. oft grofse Abszesse zu entfernen und 
die schweren Fälle zu bessern, ja vereinzelte auch zur Heilung zu 
bringen. — In der sich anknüpfenden ausgedehnten Diskussion, die in 
chirurgische Details eingeht, wird allgemein betont, dafs die Indikationen 
für die C.’sche Methode erheblich eingeschränkt werden müssen. — Sehr 
ausgedehnt waren die Verhandlungen über die Chirurgie des Thorax, 
der Pleurahöhle und der Lunge. — Jordan (Heidelberg) berichtet 
über die guten Resultate ausgedehnter Rippenresektionen und der 
Schede’schen Thoracoplastik auf der Czemy’schen Klinik zu Heidelberg, 
wobei besonders hervorzuheben wäre, dafs das kindliche Alter keine 
Kontraindikation zu derartig ausgedehnten Operationen ist, im Gegen¬ 
teil, der Ausgleich erfolg!; hier sogar viel günstiger als bei Erwachsenen ; 
ebenso schliefst die Tuberkulose die Operationen nicht aus, nur ist der 
Allgemeinzustand zu berücksichtigen. — Perthes (Leipzig) bespricht 
die Behandlung des Empyems, wie sie auf der Trendenlenburg sehen 
Klinik gehandhabt wird. Namentlich für veraltete Empyeme ist nach 
der Rippenresektion dafür zu sorgen, dafs die Lunge ihre möglichste 
Ausdehnungsfähigkeit wieder erlangt und hat P. zu diesem Zwecke einen 
Apparat konstruiert, der eine dauernde Aspiration auf den Thorax aus¬ 
zuüben gestattet, wodurch die zusammengefallene Lunge ausgedehnt und 
die halbseitige Schrumpfung des Thorax verhindert wird. Ferner werden 
durch seine Methode ausgedehnte Rippenresektionen vermieden und der 
Krankheitsverlauf wird abgekürzt. — Karewski (Berlin) spricht ein¬ 
gehend über Lungen- und Pleurachirurgie. Seine Erfahrungen erstrecken 
sich auf 18 Fälle, von denen er, trotzdem es sich um grofse Thorax¬ 
resektionen — tünf Mal waren dabei Lungenkomplikationen — handelt, 
nur einen verlor. Selbst bei ausgiebiger Entfernung von Rippen erfährt 
das Skelett kaum erhebliche konsekutive Beeinträchtigung. Dafs grofse 
Thoraxresektionen auch bei Kindern nicht zu Deformitäten führen, 
demonstriert K. an drei Fällen. 

In der eingehenden Diskussion über das Thema stellten sich die 
meisten Redner auf einen mehr konservativen Standpunkt gegenüber 
der ausgedehnten Entfernung der Rippen und stimmen demgemäfs mehr 
für die Methode von Perthes. — Die Vorträge und Debatten über Magen¬ 
chirurgie bewegten sich zum grofsen Teil auf einem Gebiete, das 
für die Kinderheilkunde weniger Interesse bietet, so diejenigen über Magen¬ 
resektionen, operatives Vorgehen bei Magenkrebs u. a. Zu erwähnen wäre 
hier folgendes: Walzberg (Minden) berichtet über Darmeinklemmung, 
veranlafst durch denDuktus omphalo-mesaraicus, v.S tubenrau ch (München) 
über Darmeinstülpung, hervorgerufen durch ein Mechel’sches Diver¬ 
tikel, das umgestülpt war. In der Diskussion wurden von Sprengel (Dresden) 
u. A. mehrere Fälle von Erkrankung des Mechelschen Divertikels, die 
Blinddarmentzündungen vortäuschen können, erwähnt, v. Zoege-Man- 
teuffel (Dorpat) spricht über Axendrehung des Coecum. Diese 


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kann nur zu Stande kommen, wenn ein Mesenterium ileocoecale vor¬ 
handen ist, das eine ziemlich seltene Bildung ist. In vielen Fällen ist 
die Entstehungsursache unklar. Ein Patient bekam die gefährliche Darm¬ 
vorlegung beim Lawn-Tennisspiel. Die Diagnose ist gewöhnlich sehr 
schwer zu stellen. Bei Erscheinungen von akutem Darmverschlufs mit 
fühlbarem Tumor mufs man an die Krankheit denken. Wenn der 
Zustand des Darms es erlaubt, mufs durch Laparotomie die Darm¬ 
verschlingung gelöst werden. Bei Darmgangrän Resektion des Darms. 
Häckel (Stettin) hat einen Volvulus des Sromanum mit totaler 
Gangrän eines grofsen Darmstückes repariert und zur Heilung gebracht. 
Da die Gangrän sehr weit nach unten ging, so konnte eine Vereinigung 
der Darmenden nicht vorgenommen und mufste ein anus praeternaturalis 
angelegt werden. — Müller (Aachen) demonstrierte eine Cyste der 
Ilecoecalgegend, die er zwischen den 2 Blättern des Mesenteriums 
enukleirt hatte. Graser (Erlangen) demonstriert das Präparat einer 
eigenartigen Form von Darmstenose, wobei die Darmwandungen 
enorm verdickt waren. Diese Verdickung bestand aus einer Anzahl 
dichtest nebeneinander gelagerter Divertikel und kolossaler Muskelhyper¬ 
trophie. Die Divertikel waren wahrscheinlich angeboren. — Lauenstein 
(Hamburg) bringt ein neues operatives Verfahren für alte fixirte 
Nabelhernien zum Vorschlag. — 

v. Bramann (Halle) spricht über primäre und sekundäre 
Darmresektion bei gangränösen Hernien. Die Gefahr der 
Darmgangrän liegt nicht nur in der Inanition, sondern namentlich auch 
in der durch die Gangrän bedingten Sepsis. Häufig kommen auch 
Lungenkomplikationen dabei vor, meist auf kleinen aus dem infektiösen 
Material des Darmes stammenden Embolien herrührend. Es mufs daher 
für schnelle Entleerung des infektiösen Materiales gesorgt werden, was 
nur durch Magen- und Darmausspülungen und Anlegen eines anus 
praetem. geschehen kann. Nach der Entleerung des Darmes stellt 
sich auch die Peristaltik des Magens wieder her, die bei Füllung des 
Dünndarmes auf hört, was für die Ernährung wichtig ist. — Damit waren 
die ausgedehnten Verhandlungen über Darmchirurgie, soweit sie für die 
Pädiatrie Interesse haben, erschöpft. — Krön lein (Zürich) sprach über 
die Resultate der Heilserumtherapie bei Diphtherie. 
K. verfügt über ein sehr grofses, genau beobachtetes, besonders auch 
bakteriologisch untersuchtes Material, über ca. 1300 Fälle. Während 
in der Vorserumperiode bei seinem Material 39 °/ 0 starben, ist die 
Mortalität in der Serumtherapie auf 12 °/ 0 gesunken. Von den Operierten 
(Tracheotomie und Intubation) starben in der Vorserumperiode G6°/ 0 , 
in der Serumperiode nur 35%. Von nicht operierten Fällen starben in 
der Vorserumperiode 14%, in der Serumperiode 5%. K. fafst seine 
Resultate in folgendem zusammen: Die Mortalität an Diphtherie im 
Kanton Zürich ist seit der Einführung des Serums beträchtlich gesunken, 
obgleich die Zahl der Erkrankungsfälle nicht zurückgegangen ist ; diese 
Thatsache gilt auch von den im Krankenhaus beobachteten bakterio¬ 
logisch untersuchten Fällen. Das Ergebnis erstreckt sich auf alle 
Altersklassen, ferner auf Operierte und nicht Operierte. Endlich kommen 
in der Serumperiode weniger Patienten zur Operation als früher. Klinisch 
traten seit Anwendung des Serums folgende Merkmale hervor: Rasche 


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Besserung des Allgemeinbefindens, prompter Abfall des Fiebers, Lösung der 
Membranen und Aufhören der Nasensekretion, Rückgang der Drüsen¬ 
schwellung, Verhinderung des Weiterschreitens des Prozesses auf Kehl¬ 
kopf und Trachea, Verhinderung der Stenose, Fehlen der Wund¬ 
diphtherie bei der Tracheotomie, schnelleres Decanulement. — Kümmel 
(Hamburg) stellt eine Reihe von Lupuskranken vor, die durch Be¬ 
strahlung mit Röntgenstrahlen günstig beeinflufst worden sind. — Salz¬ 
wedel (Berlin) empfiehlt, besonders bei infizierten Wunden, dauernde 
Spiritusverbände. 

Doyen (Paris) teilt ein neues Verfahren der blutigen 
Reposition der angeborenen Hüftgelenkluxation mit. — 
Barth (Danzig) spricht über Operation des Stirnhöhlenempyems, 
Ludwig (Hamburg) über Operationen bei Otitis media chron., 
Löw(Köln) über eine Modifikation der Rhinoplastik. — v. Hacker 
(Wien) tritt für die etwas stiefmütterlich behandelte Oesophagos- 
kopie ein. Sie hat ihm namentlich bei der Entfernung von ver¬ 
schluckten Fremdkörpern sehr wertvolle Dienste geleistet und Eingriffe 
mit dem Messer erspart. — Vulpius (Heidelberg) berichtet über die 
Behandlung von Lähmungen durch Sehnenüberpflanzung. 
Die Operation bezweckt, gelähmte Muskeln und Sehnen durch Naht¬ 
verbindung mit gesunden zur Funktion zu bringen, was auch vön Franke 
(Braunschweig) als sehr aussichtsvoll bezeichnet wird. — Sprengel 
(Braunschweig) berichtet über die traumatische Lösung der 
oberen Femur-Epiphyse und über das Verhältnis zur 
Coxa vara. — Kolcker (Leipzig) demonstriert ein Präparat von 
erworbenem Hochstand der Scapula durch Rhachitis, wobei 
ein Apparat mit elastischem Zug zur Besserung führte. Ueber Refraktur 
der Patella sprach Rosenberger (Würzburg), Dührssen (Berlin) 
über die Anwendung des Dampfes zur Blutstillung, Krüger 
(Erlangen) über multiple Knorpel- und Knochenbrüche im An- 
schlufs an drei Beobachtungen. 


Referate. 

Heilserumtherapie und Diphtherietod. Von Kretz. (Nach einem 
Vortrage in der k. k. Gesellschaft der Aerzte vom 13. März 1898). 

K. führt aus, dafs es keinen pathologisch-anatomischen Befund 
giebt, welcher mit Sicherheit auf eine vorher vorgenommene Serum¬ 
therapie gedeutet werden könnte. Der Tod tritt bei Diphtherie in den 
verschiedensten Stadien auf und zwar giebt es Fälle, wo kroupöse und 
gangraenöse Exsudate für sich allein den Exitus herbeiführen, weiter 
solche, wo sich Kroup in den oberen Luftwegen entwickelt. Bei der 
zweiten Gruppe besteht neben der Lokalaffektion sekundäre Erkrankung 
(lobuläre Pneumonie, Mediastinalphlegmone, akute Tuberkulose, Nephritis). 
Bei einer dritten Gruppe tritt der Tod bei Diphtherie nach Ablauf der 
Lokalerkrankung als postdiphtheritischer Herztod, bezw. Marasmus ein. 


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Die statistischen Tabellen des Vortragenden ergaben, dafs die Serum¬ 
therapie ein Absinken der Diphtheriemortalität hervorgerufen hat und 
dafs in der Zeit ohne Serum der Hauptanteil der Diphtherietode in 
einem frühzeitigem Stadium der Diphtherie erfolgte, während zur Zeit 
der Serumperiode relativ mehr Patienten an der postdiphtheritischen 
Periode zu Grunde gingen. Auf die Häufigkeit und Art der Kompli¬ 
kationen hat die Serumtherapie keinen deutlichen Einflufs ausgeübt. 
Ausgesprochen ist die relative Zunahme der Häufigkeit des Herztodes 
bei der Serumtherapie, wahrscheinlich, weil die Lebensdauer der Kranken 
verlängert wurde, dem postdiphtheritischen Marasmus hat K. früher 
keine Aufmerksamkeit geschenkt. Besondere schädliche Nebenwirkungen 
des Serums kamen nicht zur Beobachtung. Als postdiphtheritische 
Todesursache kann auch Hydrocephalus auftreten. Zum Schlufs weist 
K. den unzweifelhaften Heilwert des Serums nach. 

Dr. Goldbaum-Wien. 

Neue diagnostische Merkmale bei Masern. Von Koplik. (Med. Rec. 

1898. — Klinisch-therapeutische Wochenschrift No. 19 1898). 

K. beschreibt ein Symptom der Masern, welches 24—72 Stunden 
an der Wangen- und Lippenschleimhaut vor Ausbruch des Hautexanthems 
auftritt, bei dessen Erscheinen es seinen Höhepunkt erreicht und dann 
verschwindet. Das Symptom besteht in dem Auftreten kleiner irregulärer 
Flecke von glänzend roter Farbe. Im Centrum dieser Flecke findet sich 
ein bläulich-weifser Punkt. Dieser Befund, welcher für Masern absolut 
pathognomonisch ist, kann manchmal nur bei sehr günstiger Beleuchtung 
festgestellt werden. Die Flecke sind leicht von Soor zu unterscheiden, 
sie sind streng an die Lippen- und Wangenschleimhaut gebunden und 
zeigen keine Neigung zu Confluenz. Durch energische Ausspülung des 
Mundes können die Flecke zum Verschwinden gebracht werden. Nach 
dem Auftreten der Hauteruption erscheint die betroffene Mundschleim¬ 
haut intensiv diffus gerötet und mit zahllosen weifs-bläulichen Punkten 
übersäet. Mit dem Ausbruch des Hautexanthems verschwindet die 
eigentümliche Mundhöhleneruption allmählich. Das Symptom ist bei 
beginnenden Masernepidemien sehr wertvoll, weil es die Isolierung der 
Patienten zu einer Zeit ermöglicht, wo das typische Krankheitsbild noch 
nicht zum Ausbruch gekommen ist. Auch wird dadurch eine sichere 
Differentialdiagnose gegenüber Rötheln, Erythema multiforme, Scharlach, 
Arzneiexantheme und Aphthen ermöglicht. Die Wahrnehmung der 
bläulich-weifsen Flecke auf rotem Grund ist nur bei hellem Tages¬ 
licht möglich, dabei mufs man mit Hilfe des Fingers oder Spatels die 
Lippen- und Wangenschleimhaut möglichst hervorstülpen. 

Dr. Goldbaum-Wien. 

Ueber die Bauchfelltuberkulose der Kinder. Von Schmitz. (Jahrbuch 

für Kinderheilkunde Bd. 44. 3/4.) 

Verf. berichtet über seine an 32 Fällen von Bauchfelltuberkulose 
bei Kindern im Kinderhospital des Prinzen Peter von Oldenburg ge¬ 
machten Erfahrungen, von den 15 männliche und 17 weibliche Individuen 
betrafen. Bei 4 secirten Mädchen fand sich 2 mal hochgradige primäre 
Genitaltuberkulose, ca. 8 überhaupt secirte Kinder hatten aber eine 


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primäre tuberkulöse Darmaffektion. Unter den 32 klinischen Fällen 
sollte die Erkrankung 4 mal akut begonnen haben. Bei der Beschreib¬ 
ung des klinischen Bildes der Erkrankung weist Verf. auf den durch 
genaue Palpation (wobei er die Narkose empfiehlt) zu gewinnenden 
Nachweis gewisser charakteristischer Härten und Tumoren in der Unter¬ 
leibshöhle hin, von denen der eine Teil ein Darmconvolut ist, dessen 
Schlingen fest mit einander verwachsen und von Tuberkelknoten bedeckt 
sind, der andere dagegen das aufgerollte verdickte Netz. Aber auch 
da, wo sich keine Härten im Unterleib herausfühlen lassen, und wo man 
unter Umständen geneigt sein könnte, eine einfache primäre chronische 
Peritonitis anzunehmen, hat man das Recht, eine Tuberkulose des Bauch¬ 
fells vorauszusetzen und dementsprechend therapeutisch vorzugehen. 
Wichtig für die Diagnose ist auch die Vallin sehe »inflammation pöriom- 
bilicale«. Die Prognose hängt häufig davon ab, ob bereits ein käsiger 
Zerfall der Tuberkelknoten eingetreten ist (Kotabszesse, Eiterherde), in 
welchem Falle trotz der Operation ein ungünstiger Ausgang zu erwarten 
ist. Verf. hat in seinen 32 Fällen nur 8 mal operieren lassen (Eröffnung 
des Abdomens durch langen Schnitt, vorsichtige Lösung frischer Ad¬ 
häsionen behufs Ablassung etwaigen Exsudats, feste Vereinigung der 
Wunde nach Jodoformeinstreuung): 3 dieser Kranken, bei denen die 
Erkrankung erst kurze Zeit bestanden hatte, genasen und zwar dauernd, 
Zerfall der Tuberkelknoten war noch nicht eingetreten, die anderen 5, 
bei denen letzteres bereits der Fall gewesen, endeten letal. Was die 
Therapie betrifft, so stellt er für dieselbe folgende Grundsätze auf: Fehlen 
die Zeichen des Zerfalls der Käseknoten, d. h. besteht weder eine Fistel 
noch irgend ein Verdacht auf Abszessbildung, so kann der Versuch 
einer nicht operativen Behandlung gemacht werden, darf aber nur, wenn 
sich bald deutliche Besserung zeigt, dauernd fortgesetzt werden. In 
diesem Falle spricht er der internen Verabreichung von Kreosot das 
Wort, wovon er sowohl bei operierten, wie nicht operierten Kindern 
gute Erfolge gesehen habe, aufserdem wurde noch Guajacol innerlich, 
sowie Einreibungen mit Schmierseife angewandt. 

Klautsch, Halle a. S. 

Zur Kasuistik der durch Pneumokokken bedingten eitrigen Osteo¬ 
myelitis. Von Perutz. (Münch, med. Wochenschr. No. 3. 1898.) 

Verf. berichtet über einen Fall, wo bei einem 11 monatlichen 
Knaben im Anschlufs an eine mehrfach rezidivierende linksseitige 
katarrhalische Pneumonie eine akute Osteomyelitis am oberen Ende 
des linken Humerus an der Grenze zwischen Diaphyse und Epiphyse 
auftrat. Das Schultergelenk war stark kugelig geschwollen und be¬ 
sonders in den vorderen Partien gerötet. Die Rötung und Schwellung 
war sowohl an der hinteren Gegend des Schultergelenkes als auch in 
der Achselhöhle vorhanden. Oedem der Haut erstreckte sich über 
Ober- und Unterarm bis auf den Handrücken. Bei der Operation er¬ 
wies sich die Gelenkkapsel in grofser Ausdehnung zerstört, die Höhle 
stark erweitert, der Gelenkkopf aufsen schalenförmig 2 cm lang und 
fast ebenso breit zerstört, im Centrum bis zu einer Tiefe von 5 mm 
ausgehöhlt. Der knorpelige Ueberzug zeigte nur Spuren einer leichten 
Unebenheit. Ein 1,5 cm langes Stück der Humerusdiaphyse war rauh 


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und zerstört. — Der in der Gelenkhöhle leicht bewegliche Kopf wurde 
entfernt, ebenso ein 1,8 cm langes Diaphysenstück des Humerus. Jodo¬ 
formgazetamponade, Drainage, Sekundämaht. — Die mikroskopische 
Untersuchung des Eiters zeigte in grofser Menge den Fränkel-Weichsel- 
baum’schen Diplokokkus, ebenso fand sich derselbe in den erkrankten 
Knochen- und Gelenkteilen. Kulturverfahren und Tierversuch bestätigten 
den Befund. Der Wundverlauf war sehr gut: der Arm heilte mit guter 
aktiver Beweglichkeit aus. 

Es handelte sich in diesem Falle also um eine typische akute 
Knochenmarkentzündung, verursacht durch den Fränkel-Weichselbaum- 
schen Diplokokkus. Verf. ist der Ansicht, dafs der Ausgang der 
Knochen- und Gelenkerkrankung das Knochenmark war; das Gelenk 
kann auf keinen Fall primär erkrankt gewesen sein, denn der knorpelige 
Gelenkkopf war intakt. Schon früher sind Knochenerkrankungen (Ostitis 
und Peritonitis) hervorgerufen durch Pneumokokken beschrieben worden. 
(Fischer und Levy, Lannelongue und Achard etc.); in den letzten Jahren 
sind auch Knochenerkrankungen direkt im Anschlufs an Pneumonien 
beobachtet. Die meisten Fälle betrafen Kinder im ersten und zweiten 
Lebensjahre; der Verlauf war im allgemeinen ein günstiger. 

Klautsch, Halle a. S. 

Ein Fall von Leukämie beim Neugeborenen. Von Poll mann. (Münch, 
med. Wochenschrift 1898 No. 2.) 

Dieser Fall, welcher in der med. Poliklinik zu Erlangen beobachtet wurde, 
und was Jugendlichkeit betrifft, wohl bis an die äufserste Grenze gehen 
dürfte, beweist, dafs höchstwahrscheinlich schon der Foetus das Krank¬ 
heitsbild der Leukämie darbieten kann. Gleich bei der Geburt fiel der 
Hebamme auf, dafs das Kind an der Stirn und den Unterschenkeln rote, 
stecknadelkopfgrofse Flecke hatte und dafs es überhaupt einen kränklichen 
Eindruck machte. Es trank nicht viel, nahm infolgedessen nicht ordent¬ 
lich zu und lag meist vollkommen apathisch im Bettchen. Die roten 
Flecke mehrten sich und traten auch bald an anderen Stellen auf. 
Der Nabel war vollkommen normal. Leber und Milz waren stark ver- 
gröfsert, die Leber reichte rechts bis an die crista ossis ilei herab. Die 
subkutanen Lymphdrüsen waren nicht geschwollen. Temperatur 38,8°. 
Die Blutuntersuchung ergab eine starke Vermehrung der Leukozyten, 
ihr Verhältnis zu den roten Blutkörperchen war 1 : 8. Die Petechien 
nahmen stark zu, Dyspnoe stellte sich ein, die Temperatur stieg auf 
41,5°, dann Exitus. Die Sektionsdiagnose lautete: verrucöse Endo¬ 
karditis der Tricuspidalis, Hypertrophie des r. Ventrikels, offenes 
foramen ovale, offener ductus art. Botalli, Leber- und Milztumor, 
Schwellung der mesenterialen und retroperitonealen Lymphdrüsen, Em¬ 
physem der linken Lunge, ausgebreitete Atelektase der rechten Lunge. 
Die mikroskopische Untersuchung ergab, dafs es sich entweder um eine 
lienale oder medulläre Form oder um eine Kombination beider handelte. 
Da das Kind schon mit Petechien geboren wurde, so bestand die Ur¬ 
sache resp. der Beginn der Leukämie sicher schon in der foetalen Zeit. 
Die bei der Sektion gefundene Endocarditis weist darauf hin, dafs höchst 
wahrscheinlich trotz nicht nachweisbarer Erkrankung der Mutter eine 
Infektion des Foetus stattgefunden hat, wodurch die Endocarditis dann 


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bedingt wurde. Die Einwirkung der Infektion kann aber frühestens im 
4. Schwangerschaftsmonat erfolgt sein, da sonst ein Defekt entstanden 
wäre. Die Symptome dieses Falles, die hämorrhagische Diathese und 
das Fieber gehören zum gewöhnlichen Bilde der akuten Leukämie. 

Klautsch, Halle a. S. 

Ueber die durch die Milch der an Kakke (Beriberi) leidenden Frauen 
verursachte Krankheit der Säuglinge. Von Z. Hirota. (Central¬ 
blatt f. inn. Med. No. 16. 1898.) 

Die Beriberikrankheit, die besonders in Japan und im indischen 
Archipel verbreitet ist und Störungen der Herzthätigkeit, Cyanose, Dyspnoe, 
Oedeme, Verminderung der Hammenge, Aphonie, Erbrechen, Uebelkeit, 
oft auch motorische und sensible Störungen in ihrem Gefolge hat, war 
bisher authentisch nur an Erwachsenen und älteren Kindern beobachtet 
worden. Verf. konnte zuerst dieses Leiden bei Kindern im Alter von 
1—13 Monaten konstatieren. Die Kinder boten dieselben Symptome, 
wie die Erwachsenen, nur dafs Indican im Ham seltener nachzuweisen 
war, und auch Obstipationen nicht bestanden; Prüfungen des Nerven¬ 
systems konnten natürlich nicht vorgenommen werden. Sämtliche Kinder 
waren von Müttern resp. Ammen gesäugt, die an Beriberi litten. Wenn 
die Nahrung geändert wurde, trat in einigen Tagen Genesung ein; in 
vorgeschrittenen Fällen half Nahrungswechsel ebensowenig, als medika¬ 
mentöse Behandlung. H. kommt zu dem Schlüsse, dafs die betreffende 
Erkrankung der Säuglinge durch die Milch der an Beriberi leidenden 
Frau verursacht werde und nichts anderes sei, als eine Intoxikation durch 
dieselbe. Kornblum, Wiesbaden. 

Wasserdiät bei der akuten Gastro-Enteritis der Säuglinge. Von 
P. Galli. (Gaz. degli osped. — Klinisch-therapeutische Wochen¬ 
schrift N. 23, 1898.) 

Bei der akuten Gastro-Enteritis der Säuglinge kommen 3 Momente 
in Betracht. 

1. Störungen der Verdauung. 

2. Reichliche Entwickelung der Darmbakterien als endogene 
Ursachen, sowie der mit der Milch eingefuhrten Bakterien als 
exogene Ursache. 

3. Die Resorption der gebildeten Toxine. 

Für die Therapie ergeben sich daraus 3 klare Indikationen: 

1. Die Wiederherstellung der Verdauungsthätigkeit. 

2. Die Einschränkung der Entwickelung und die Herabsetzung der 
Virulenz der Bakterien. 

3. Die Beförderung der Ausscheidung der Bakterientoxine. 

Die in solchen Fällen gebräuchliche Therapie ist teils kausal 

(Darmantiseptika), teils symptomatisch (Adstringentien). Sowohl die 
Darmantiseptika, unter welchen besonders das Kalomel gerühmt wird, 
als die Darmadstringentien, z. B. Tannalbin und Milchsäure, erfüllen 
nicht die in sie gesetzten Erwartungen und können unter Umständen 
sogar Schaden anrichten. Die rationellste und wirksamste Behandlung 
der akuten Gastroenteritis der Säuglinge ist die exklusive Wasserdiät 
(S. Kinderarzt Heft 101, S. 107, 1898). Durch den Wegfall jeder andern 


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Nahrungzufuhr werden die abnormen Fermentationen beseitigt, während 
das gekochte Wasser sowohl auf die lokalen als auf die Allgemein¬ 
erscheinungen eine entschieden günstige Wirkung ausübt. Es wirkt zu¬ 
nächst mechanisch, indem es den gesamten Magendarmtrakt gründlich 
reinigt, es setzt ferner den Reizzustand der Zellen und Nervenplexus 
herab, bekämpft die Austrocknung des Organismus, fördert die Re- 
sorptionsthätigkeit der Darmschleimhaut. Der Blutdruck wird erhöht, 
was in Besserung der Herzthätigkeit und der Qualität des Pulses seinen 
Ausdruck findet, es wird weiter die Sekretionsthätigkeit der Nieren und 
der Haut angeregt, und Irritabilität des Nervensystems zur Norm zurück- 
gefiihrt. Durch die Steigerung der Zirkulation der Darmschleimhaut 
werden infolge gesteigerter Diapedese und Phagocytose die entzünd¬ 
lichen Prozesse daselbst bekämpft, die Funktion der Leber wird angeregt 
und die Stühle nehmen eine normale Beschaffenheit an. In dieser 
Weise entspricht die exklusive Wasserdiät allen 3 therapeutischen In¬ 
dikationen, indem sowohl die Verdauungsstörungen beseitigt, als auch 
durch Entziehung geeigneter Nährmedien Entwickelung und Virulenz 
der Bakteiien beschränkt und durch Anregung der sekretorischen Funk¬ 
tionen die Ausscheidung der Toxine befördert wird. Die Säuglinge 
vertragen die Nahrungsabstinenz sehr gut, da es nicht so sehr auf die 
Milch, als auf die Zufuhr von Flüssigkeit ankommt, und die exklusive 
Wasserdiät je nach der Schwere der Fälle nur für eine Zeit von 12 bis 
48 Stunden zur Anwendung kommt. Das Wasser mufs gut ausgekocht 
sein und darf nicht zu kalt verabreicht werden, selbstverständlich ist 
auf absolute Reinheit der Gefäfse, Löffel etc. zu achten. Es wird eine 
Menge von 1—l 1 ^ Liter pro die in V 2 stündigen Pausen verabreicht. 
Nach eingetretener Besserung mufs die Rückkehr zur Milchdiät mit 
Vorsicht erfolgen. Es empfiehlt sich zunächst die Milch mit Wasser 
oder Gersten- bez. Reisabkochung zu verdünnen, Eiweifswasser darf 
jedoch, da es die Darmfäulnis steigert, zur Verdünnung nicht angewendet 
werden. — Dr. Gold bäum, Wien. 

Verdauungsrückstande bei der Ernährung mit Kuhmilch und ihre Be¬ 
deutung für den Säugling. Von W. Knöpfelmacher. Wien 
und Leipzig, Wilh. Braumüller, 1898. Preis 1 Mk. 50 Pf. 

Die Versuche, einen vollwertigen Ersatz der Frauenmilch zu be¬ 
schaffen, kämpfen durchweg mit der Schwierigkeit, einen Eiweifskörper 
von den Eigenschaften des Frauenkaseins zu finden. Die chemische 
Differenz des letzteren von dem Kuhkasein ist erwiesen 1. durch die 
Elementaranalyse, 2. durch ihr verschiedenes Verhalten gegen Lab und 
Reagentien, 3. durch sein Verhalten bei der künstlichen und 4. bei der 
natürlichen Verdauung. Nachdem K. die ersten zwei Punkte mehr ein¬ 
leitungsweise abgehandelt hat, bespricht er ausführlich und in kritischer 
Weise die einzelnen Arbeiten über die Resultate der künstlichen Kasein¬ 
verdauung. Aus denselben geht hervor, dafs Kuh- und Frauenkasein 
sich hierbei sehr ungleich verhalten, indem ersteres nur unter Anwendung 
besonderer Mafsregeln, letzteres aber sehr leicht vollständig gelöst wird. 
Den letzten und umfangreichsten Abschnitt bildet die Besprechung der 
verschiedenen Veröffentlichungen über die Rückstände (ihre Menge, 
Art etc.) bei der natürlichen Verdauung von Kuhmilch, und die ein- 


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schlägigen, sorgfältigen Untersuchungen des Verf.’s, über deren Einzel¬ 
heiten jedoch das Original nachgelesen werden mufs. 

Als Endergebnis seiner Untersuchungen stellt K. folgende Leitsätze 
auf: 1. Stickstoff und organisch gebundener Phosphor sind im Meconium, 
und daher in den Verdauungssäften, in einem Verhältnis von etwa 250:1 
vorhanden. 

2. In einem ähnlichen Verhältnisse findet sich Stickstoff und organisch 
gebundener Phosphor auch im Kothe der Frauenmilchkinder. Da¬ 
raus ist der Schlufs berechtigt, dafs ein Verdauungsrückstand des 
Frauenmilchkaseins bei natürlich ernährten gesunden Säuglingen nicht 
existiert. 

3. Bei Kuhmilchkindem, sowohl Säuglingen als älteren ist das 
Verhältnis von Stickstoff zu organisch gebundenem Phosphor im Mittel 
164 : 1. Der verhältnismäfsig hohe Gehalt des Kuhmilchkotes an 
organischen Phosphor ist zum gröfsten Teile durch Reste des eingeführten 
Kuhkaseins bedingt. 

4. Der Verdauungsrückstand im Kuhmilchkote ist das Pseudo¬ 
nuklein des Parakaseins. 

5. Aus der bekannten Höhe des N.-gehaltes im Kuhmilchkote, aus 
den mittleren Kotmengen der Kinder sowie aus dem gefundenen Ver¬ 
hältnisse N: P im Kote und der berechneten Kaseinmenge der Nahrung 
läfst sich der Schlufs ziehen, dafs ungefähr 6—12 °/ 0 des Kaseinphosphors 
bei Kuhmilchnahrung in den Faeces wieder erscheinen. 

6. Der Vergleich zwischen der Menge organisch gebundenen Phos¬ 

phors, welche das Frauenmilchkind in seiner Nahrung erhält mit der 
des Kuhmilchkindes führt dazu, den neuerdings von Hempel unter¬ 
breiteten Vorschlag aufzunehmen und der sonst entsprechend zu- 
bereiteteten Milch Eidotter hinzuzufügen; dazu führt auch der geringe 
Eisengehalt der verdünnten Milch, welcher durch das Eisen des Eidotters 
sehr gesteigert wird. C. Baron, Dresden. 

Ueber die Grundprinzipien der Säuglingsemährung. Von Otto Klemm. 

(Jahrbuch für Kinderheilkunde. Bd. 47. Heft 1, 1898). 

Während früher an die körperliche, seelische und moralische 
Qualifikation einer stillenden Frau hohe Anforderungen gestellt wurden, 
sind diese in den letzten Jahren mehr und mehr herabgesetzt worden. 
In dem gewifs berechtigten Wunsche, dafs jede Mutter ihr Kind selbst 
nähren solle, ist man schliefslich soweit gegangen, nur Tuberkulose als 
Kontraindikation anzusehen. Insbesondere meinen Baumm und Illner, 
dafs in der Regel eine dem Säugling bekömmliche Milch produziert 
werde, unabhäungig von der Nahrung der Amme; weder Menses noch 
physische Erregung, Fieber, Mastitis, Nephritis, Magendarmkatarrh könnten 
die Milch derart verändern, dafs sie für den Säugling unzuträglich werde. 
Diesen Anschauungen gegenüber hebt Verf. hervor, dafs zwar Mutter¬ 
milch ohne Zweifel das normale Ernährungsmittel für Säuglinge sei, 
aber nur eine solche, die von einer gesunden Mutter stamme und ein 
gesundes Kind normal heranwachsen lasse. Wenn die Milch trotz an¬ 
scheinend guter chemischer Zusammensetzung so häufig nicht vertragen 
werde, so müsse daran gedacht werden, dafs Aenderungen der Milch¬ 
beschaffenheit subtilerer Natur vorliegen könnten, die erst durch feineer 


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Untersuchungen erkennbar seien. Bisher seien diese Verhältnisse durch¬ 
aus noch nicht klargestellt Was den Eiweifsgehalt der Milch betreffe, 
so sei eine Bestimmung des Gesamt-N, resp. Gesamt-Eiweifses, wie sie 
bisher immer nur geübt wurde, zur Beurteilung der Güte einer Milch 
absolut unzureichend. Unter Rubrik »Eiweifs» in der Milch werde kein 
einheitlicher Körper verstanden, sondern verschiedene Proteinstoffe, vor¬ 
zugsweise Kasein und Albumin. Wie sehr das Verhältnis zwischen 
diesen beiden letzteren schwanke, gehe hervor besonders aus den Ana¬ 
lysen von J. Schmidt und Decaisne. Verf. selbst fand bei zehn ver¬ 
schieden alten (I.—VI. Mon.) Milchen im Durchschnitt : 

Kasein 0,717=48,7<>/ 0 
Albumin 0,753=51,3% 

Für den I.—III. Monat: 

Kasein 0,759=55,5% 

Albumin 0,607=44,5% 

Für den ID.—VI. Monat: 

Kasein 0,676=42,8% 

Albumin 0,90 —57,2% 

Abgesehen von diesen Schwankungen, die für die Bekömmlichkeit 
der Milch von Wichtigkeit seien, sei auch noch völlig unbekannt, in 
welchem Verhältnis die anderen N-haltigen Körper, wie Kreatin, Krea¬ 
tinin etc. zu einander stehen, ob sie immer nur in Spuren oder ge¬ 
legentlich auch in gröfseren schädlichen Mengen auftreten. 

Hinsichtlich des Fettes sei zu bemerken, dafs die Resorptions¬ 
fähigkeit eines solchen um so gröfser sei, je niedriger sein Schmelz¬ 
punkt. Diesen fand Verf. in 12 Fällen zwischen 30% und 40° C 
schwanken. Es sei wahrscheinlich, dafs das verschiedene Fett der Mutter¬ 
milch teils durch die Nahrung, teils durch den veränderten Stoffwechsel 
entstehe, und dann wohl verständlich, dafs der Säugling auch durch die 
Frauenmilch ein ihm nicht konformes Fett erhalten könne. Der Milch¬ 
zucker steige mit der Dauer der Laktation mehr oder weniger an ; 
neben ihm scheinen aber noch andere Kohlehydrate vorzukommen, 
nicht als Extraktivstoffe, sondern in so grofser Menge, dafs sie als 
Nahrungsstoffe aufzufassen seien. Als letzter organischer Körper trete 
endlich Zitronensäure auf, die immerhin beachtenswert sei, weil sie den 
Kalk in Lösung halten helfe. Ueber die Zusammensetzung der Milch 
in Abhängigkeit von der Nahrung, von der Rasse und den äufseren 
Lebensbedingungen, über die Salze, über die Gase der Frauenmilch 
seien die Ansichten noch so wenig geklärt, dafs man aus dem wenigen 
Bekannten keine Schlüsse ziehen dürfe, sobald diese zui klinischen Er¬ 
fahrung in Gegensatz treten. Der Behauptung Heubner’s, dafs eine 
Milch vom 14. Tage an während der ganzen Dauer der Laktation stets 
dieselbe Zusammensetzung habe, ständen die entgegengesetzten Re¬ 
sultate der Untersuchungen anderer Autoren gegenüber. Den Haupt¬ 
wert legt Verf. auf die Gesundheit der Mutter. Aus den zirkulierenden 
Bestandteilen des Blutes und der Lymphe, unter Mitarbeit der Drüsen- 
zellen, werde die Milch gebildet, aber unter eminenter Anforderung 
an die Zellthätigkeit, der schwächliche Frauen nicht gewachsen seien. 
Verf. glaubte deshalb in der Untersuchung des Eisengehaltes der Milch, 
neben ihren organischen Bestandteilen eine Handhabe für ihre Be- 


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urteilung finden zu können. Er fand bei Gesunden in der ersten Milch 
den höchsten Eisengehalt und ein langsames und stetiges Sinken des¬ 
selben in der folgenden Zeit, in der Milch von Müttern Rachitischer 
oder von Frauen, die aus anderer Ursache geschwächt waren, eine 
rasche und frühzeitige bedeutende Verminderung desselben. Wenn auch 
die Gesundheit der Milchproduzentin das Wesentliche sei, so seien doch 
auch Zufälligkeiten, wie Uebergang schädlicher Nahrungsstoffe, psychische 
Alterationen etc. durchaus nicht gering anzuschlagen. Wie die Psyche 
Einflufs habe auf die Sekretionsthätigkeit der Speicheldrüsen, des Magens, 
so auch der Brustdrüse. So versieche mitunter die Milch nach plötz¬ 
lichem Schreck, und nach Aufregung der Stillenden seien in gewissen 
Fällen Veränderungen im Befinden des Säuglings zu beobachten, wenn 
man auch nicht im Stande sei, die Aufregungsprodukte nachzuweisen, 
welche man sich nur als endogen entstandene erklären könne. Die 
komplizierten Erscheinungen vieler Anämien und Neurasthenien, z. B. 
die oft mit fötiden Stühlen einhergehenden Durchfalle bei Nervösen und 
Neurasthenikern, nach besonderen Erregungen, könnten ebenfalls nur 
als Autointoxikationen angesehen werden. Es komme also nicht nur 
auf die Drüsen, sondern auf den Gesamtorganismus der Stillenden an. 
Im übrigen hält Verf. eine Milch für ein Produkt alternder resp. schwäch¬ 
licher Zellenthätigkeit und für nicht vollwertig, wenn sich dem Monats¬ 
durchschnitt gemäfs neben niedrigerem Eiweifs (zu niedrigem Kasein- 
und zu hohem Albumingehalt?) und höherem Zuckergehalt, auch wenn 
die Grenzwerte noch nicht überschritten sind, eine Verminderung der 
Eisenmenge findet. Beikost in richtiger Wahl scheine der Weiter¬ 
entwickelung der Rachitis hinderlich zu sein. 

Von der Kuhmilch gelte dasselbe wie von der Frauenmilch. Wenn 
die Kuhmilch auch im Allgemeinen konstanter zusammengesetzt sei, so 
sei doch auch hier sorgsame Pflege, Rasse etc. von wesentlicher Be¬ 
deutung. Die übertriebenen Hoffnungen, die man auf den Soxhlet sehen 
Kochtopf gesetzt habe, seien fehlgeschlagen. Auch die Frauenmilch 
gelange keineswegs keimfrei in den Säugling. 

Kornblum, Wiesbaden. 

Ueber eine künstliche Milch. Von Meyer. Aus der inneren Ab¬ 
teilung des städtischen Krankenhauses zu Frankfurt a. M. (Berliner 
klin. Wochenschr. 1898, N. 19.) 

Während man bei den früheren Präparaten davon ausging, durch 
Eindickung, durch Verdünnung, durch Zentrifugierung, durch Mischung 
fettreicher und fettarmer Milchsorten etc. eine Milch von bestimmter 
Zusammensetzung zu gewinnen, nimmt die Darstellung der künstlichen 
Milch ihren Ausgangspunkt von den Einzelstoffen, die in der Milch vor¬ 
handen sind: Eiweifskörper, Milchzucker, Butterfett, Salze, Wasser. Diese 
werden in bestimmtem Verhältnis zu einander gemischt und so ergiebt 
sich eine in ihren wichtigsten Eigenschaften der Frauenmilch in sehr 
weitgehendem Mafse sich nähernde Komposition. Verf. hat mit dieser 
Milch praktische Ausnutzungs-Versuche über mehrere Monate hindurch 
angestellt und resumirt: Bei gesunden Säuglingen, die Kuhmilch gut 
vertragen, liegt im allgemeinen kein Bedürfnis vor, von der Ernährung 
mit natürlicher Kuhmilch nach erprobten Regeln gehandhabt, abzugehen. 


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Doch giebt es nicht wenige Kinder, gesund oder krank, welche die 
Kuhmilch schlecht vertragen, die häufig erbrechen und unregelmäfsige 
Stuhlentleerungen haben, selbst wenn man mit der gröfsten Vorsicht 
und mit den besten Methoden der Säuglingsemährung die Aufgabe zu 
lösen sucht. In diesen Fällen hat man sich zu erinnern, dafs man in 
der künstlichen Milch ein Präparat besitzt, das in seiner Zusammen¬ 
setzung der Frauenmilch gleichsteht, und dem vor allem die so wichtige 
Eigenschaft der Frauenmilch zukommt, feinflockig zu gerinnen. Bei 
zahlreichen atrophischen schwächlichen Kindern im Alter von wenigen 
Wochen und Monaten, einige Male auch bei neugeborenen Kindern, hat 
Verf. die Milch angewendet, und konnte ausnahmslos feststellen, dafs 
sie sehr gut vertragen wurde, häufig besser als Kuhmilch in verschiedener 
Zubereitung. Mehrere Fälle von schwerem Magendarmkatarrh im Säuglings¬ 
alter sind allein unter ihrer Anwendung geheilt, ohne dafs andere Mittel 
angewandt wurden. Wir haben in der künstlichen Milch ein Milch¬ 
präparat, dessen Zusammensetzung je nach Bedürfnis willkürlich variiert 
werden kann, und welches die Möglickeit gewährt, wichtigen thera¬ 
peutischen Indikationen gerecht zu werden. 

Klautsch, Halle a. S. 

Beitrag zu den Störungen der Harnentleerung bei Kindern und ihrer 
Behandlung. Von Kuttner. (Berl. klin. Wchenschr. 1898, 19.) 

Die beiden Fälle, über welche Verf. berichtet, sind zwar in ihrer 
Art Unika auf dem Gebiete der Störungen der Harnentleerung bei 
Kindern, allein trotz ihrer Seltenheit dürften sie von praktischem In¬ 
teresse sein, weil sie, weniger deutlich als hier ausgeprägt, leicht zu 
Fehldiagnosen und zu unrichtigen therapeutischen Mafsnahmen ver¬ 
leiten können. In beiden Fällen handelt es sich um eine funktionelle 
Anomalie der Schliefsmuskulatur der Blase, bestehend aus einem 
chronischen Spasmus des Sphincter vesicae, die zu schweren Störungen 
der Blasenentleerung Veranlassung gab. 

Der erste Patient, ein 8-jähriger Knabe, zeigte ähnlich wie bei 
angeborener Enge oder erworbener Striktur mehrmals Harnverhaltungen 
von verschiedener Dauer, später tropfenweise, stark schmerzende Harn¬ 
entleerung. In dem zweiten Falle (7-jähriges Mädchen) dagegen bestand 
Hamträufeln der Art, dafs alle 2 —3 Stunden unfreiwillige Urinentleerung 
erfolgte. Beiden Fällen gemeinsam war eine beträchtliche Ueberdehnung 
der Blasenwandungen und dementsprechend Stauungsham. In dem 
letzterwähnten Falle erklären sich die Erscheinungen auf folgende Weise: 
Zwischen der Kraft der Schliefsmuskulatur des Sphinkter und dem 
Tonus, bezw. der Elastizität der distentierten Blasenwandungen bestand ein 
Antagonismus; durch den Krampf des Schliefsmuskels wurde zunächst 
der Urinaustritt gehindert Nunmehr wurden die in Folge der Urinstauung 
allmählig ohnehin schon gespannten und gereizten Blasenwände durch 
den sich ansammelnden Ham noch weiter ausgedehnt; sobald die Grenze 
der Aufnahmefähigkeit der Blase erreicht war, überwand die Blasen- 
muskulatur die Kraft des krampfhaft kontrahierten Sphinkter und prefste 
ein Quantum Ham heraus. War hiernach der intravesikale Druck ver¬ 
ringert worden, so gewann der Sphinkter wieder das Uebergewicht und 
stellte aufs neue einen kompleten Verschlufs der Blase her. Dieses 
Wechselspiel trat alle 2—3 Stunden ein. 


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Für die richtige Beurteilung dieser Erscheinungen ist das wichtigste 
Kriterium der Nachweis von dauerndem Residualham mit oder ohne 
Distension der Blase, resp. Hervorwölbung der Blasengegend. Dieser 
Nachweis wird nur sehr selten durch die äufsere Palpation gelingen, 
meist wird man zu der instrumenteilen Untersuchung seine Zuflucht 
nehmen müssen, bei der es darauf ankommt, zu ermitteln, ob ein Stein, 
eine angeborene Striktur oder eine Anomalie der Schliefsmuskulatur die 
eigentliche Ursache der Störung bildet. In beiden Fällen trat durch 
allmählige Dilatation und Einlegen von Metallsonden Heilung ein. 

Klautsch, Halle a. S. 


Gesundheitspflege. 

Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, dafs es erforderlich 
sei, die Zähne der Schulkinder unter fachmännische Aufsicht zu stellen. 
Diese Notwendigkeit wird neuerlich durch die Resultate bewiesen, die 
der Zahnarzt Stieren durch Untersuchung der Zähne von 1318 
Schulkindern von 2 Bürgerschulen in Wiesbaden erhalten hat. 
Die Kinder befanden sich im Alter von 6—14 Jahren. 97,3°/ 0 derselben 
hatten kranke Zähne und zwar zusammen 7964; durchschnittlich fast 
jedes Kind unter 22 Zähnen immer 6 kranke, 17 Zähne waren bereits 
entfernt, 2000—3000 mulsten noch entfernt werden, aber ungefähr 5000 
wären durch geeignete Behandlung noch zu retten, während bisher nur 
17 erhalten worden waren. — 

Die Schularztfrage beginnt jetzt in den verschiedensten deutschen 
Staaten in ein sehr erfreuliches Stadium zu treten. In Nürnberg, Wiesbaden, 
Darmstadt, Offenbach, Worms, Königsberg etc. geht man mit der Anstellung 
von Schulärzten vor. Prinzipiell scheint man sich in den meisten Städten 
mehr der Ansicht zuzuneigen, dafs es praktischer sei, eine Anzahl von 
Schulärzten anzustellen, als einem einzigen die gesamte sanitäre Aufsicht 
über die Schulen zu übertragen. Von Interesse waren in dieser Richtung 
besonders die Verhandlungen, die im Königsberger Stadtrat hierüber 
geführt wurden. Prof, von Esmarch, der das Referat hatte, schlug vor, 
nur einen Schularzt mit Assistenten anzustellen, der bei Verbot der 
Ausübung von Privatpraxis die diesbez. Untersuchungen auszuführen hätte. 
In der Diskussion wurde zu Gunsten der Anstellung mehrerer Schulärzte 
u. A. darauf hingewiesen, dafs die Erkennung gewisser wichtiger Leiden, wie 
adenoider Wucherungen des Nasenrachenraumes, hochgradiger Refraktions¬ 
anomalien etc. für den praktischen Arzt nicht leicht sein dürfte, besonders 
bei der kurz bemessenen Zeit der ersten Untersuchung der Kinder. Prof. 
Esmarch betonte demgegenüber, dafs es gar nicht darauf ankomme, sofort 
eine richtige Diagnose in den einzelnen Spezialgebieten zu stellen, sondern 
nur darauf zu achten resp. den Lehrern die nötigen Anleitungen zu geben, 
ob etwas bei den Kindern nicht in Ordnung sei und die Betreffenden 
dann zu einer genauen Untersuchung zu veranlassen. — Man entschied 
sich bei der Abstimmung für die Anstellung von 10 gleichberechtigten 
Schulärzten, denen in ihren betreffenden Bezirken die erste Untersuchung 
der Schulrektuten, sowie periodische Inspizierungen und Revisionen, ferner 
die theoretische Anleitung der Lehrer in Form von Kursen obliegen 
solle. S. 


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Rezensionen. 

Verhandlungen der 14. Versammlung der Gesellschaft für 
Kinderheilkunde in der Abteilung für Kinderheilkunde 
der6 9. Versammlungder Gesellschaft Deutscher Natur¬ 
forscher und Aerzte in Braunschweig 1897. Herausge¬ 
geben von Sanitätsrat Dr. Emil Pfeiffer. Wiesbaden, J, F. Berg¬ 
mann, 1898. Preis 5 Mark. 

Das 240 Seiten starke Buch enthält die gesamten Sitzungsberichte 
der Gesellschaft für Kinderheilkunde und zwar wird berichtet über 
folgende Vorträge: 

Ueber Pfund’s Säuglingsemährung. Von W. Hesse—Dresden. 
Ueber die Stoff- und Kraftbilanz eines jungen Brustkindes. Von 
0. Heubner—Berlin. 

Der Schularzt. Von Domblüth—Rostock. 

Ueber Pneumonie im Kindesalter. Referat von Aufrecht-Magdeburg. 
Correferat von Dürck-München. 

Ueber Keuchhusten. Von Theodor-Königsberg. 

Entzündungen des Mittelohres im frühen Kindesalter und deren 
allgemein-pathologische Beziehungen. Von Ponfick-Breslau. 

Ueber das Collessche Gesetz und die Frage des Chok en retour. 
Von Hochsinger-Wien. 

Ueben den diagnostischen Wert der Herzgeräusche im Kindesalter. 
Von Soltmann-Leipzig. 

Ueber die Gefahren der rituellen Beschneidung. Von Pott-Halle. 
Das prophylaktische Krankenzimmer für Infektionskrankheiten. Von 
Steinmeyer-Braunschweig. 

Ueber die Behandlung skrofulöser Kinder. Von Ritter-Berlin. 
Demonstration eines primären malignen Lebertumors von einem 
13jährigen Mädchen. Von Jöröme Länge-Leipzig. 

Ueber den jetzigen Stand der Säuglingsemährung mit Milch und 
Milchpräparaten. Referat von Biedert-Hagenau. Correferat von Schlofs- 
mann-Dresden. 

Ueber die Ernährung der Kinder mit Voltmer’s Muttermilch. Von 
Drews-Hamburg. 

Spina bifida mit vollständiger Doppelteilung des Rückenmarks (Diaste- 
matomyelitis). Von Theodor-Königsberg. 

Wie kann sich der Impfarzt vor wirklichen und angeblichen Impf¬ 
schädigungen schützen? Von Schlolsmann-Dresden. 

Ein Fall von mit Lumbalpunktion behandeltem chronischen Hydro- 
cephalus. Von Bauermeister-Braunschweig. 

Beitrag zur Lehre von Spasmus nutans. Von Jöröme Länge-Leipzig. 
Da in dieser Zeitschrift bereits ausführlich über die Vorträge 
referiert worden ist, so müssen wir es uns versagen, auf Einzelheiten 
einzugehen. Vielfach sind ganz neue Gesichtspunkte in die Diskussion 
geworfen worden, so in der Säuglingsemährung, der Ernährung skrofu¬ 
löser Kinder u. s. w. Die Anschaffung des Buches ist zu empfehlen. 

E i c h h o 1 z, Kreuznach. 

Jahresbericht über die Fortschritte der Diagnostik im 
Jahre 1897. Herausgegeben von Oberstabsarzt Dr. E. Schill. 


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4. Jahrgang. Leipzig, Verlag des Reichs-Medizinal-Anzeigers 
B. Konegen, 1898. Preis 4 Mark 50 Pf. 

Der schon zu verschiedenen Malen in dieser Zeitschrift 

günstig beurteilte Sch.’sche diagnostische Jahresbericht verdient 
auch in dem vorliegenden neuen Bande, der über das Jahr 1897 
berichtet, alles Lob. Der Herausg. versteht es, in Bezug auf Vollständigkeit 
des Inhalts und eine klare, eingehende, der Wichtigkeit des jeweiligen 
Gegenstandes entsprechende Darstellung die Leser durchaus zufrieden 
zu stellen. S. 

Leitfaden der physiologischen Psychologie in 15 Vor¬ 

lesungen. Von Prof. Dr. Th. Ziehen. 4. Aufl. Jena, Gustav 
Fischer, 1898. Preis 5 Mark. 

Der vorliegende Leitfaden über das für ärztliche Kreise so 
aufserordentlich wichtige Kapitel der physiologischen Psychologie ist 
im Anschlufs an die Vorlesungen entstanden, die der berühmte 
Jenenser Physiologe an der Universität seit mehreren Jahren über das 
betreffende Fach hält. Der Verf. gibt uns in dem Buche in 
ausgezeichneter Darstellungsweise ein eingehendes Bild über alle 
seelische Thätigkeiten, indem er sich dabei eng an die sog. Associations¬ 
psychologie der Engländer anschliefst. Ein eingehendes Studium des 
allerdings nicht leicht zu fassenden Buches dürfte Aerzten von grofsem 
Interesse sein. S. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— In der k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien demonstrierte 
Ebstein in der Sitzung vom 27. Mai 1. J. ein 3^ jähriges Kind, welches 
Kalilauge getrunken hatte, worauf schwere Deglutitionsstörungen auf¬ 
traten. Die entstandene Oesophagusstriktur konnte auch nicht mit 
den engsten Sonden entriert werden. Zum Zwecke der Untersuchung 
des Kindes liefs E. ein entsprechend dünnes Oesophagoskop anfertigen. 
Die Oesophagoskopie gelang leicht und es gelang noch, in die central 
eingestellte Striktur einen Laminariastift einzuführen; in sechs Sitzungen 
konnte bis zu Nr. 18 der Charri&rschen Skala gestiegen werden. Der Fall 
bietet deshalb besonderes Interesse, weil er zeigt, dafs man selbst 
Kinder in so zartem Alter oesophagoskopieren und an die Oesophagos¬ 
kopie direkt die Behandlung anschliefsen kann. Auch bei Fremdkörpern 
sollte zunächst die Oesophagoskopie versucht werden. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

— Behandlung von atrophischen Kinder mit Glandulae 
Thymi sicc. pulv. Von Stoppato. 

Die wichtige Funktion, welche die Thymusdrüse während des 
foetalen Lebens und des ersten Kindesalters ausübt, berechtigt zu der 
Annahme, dafs sich diese Drüse gegen bestimmte Kinderkrankheiten 
mit Aussicht auf Erfolg verwenden lasse, dies bewog S., deren Verab¬ 
reichung gegen Atrophie der Kinder zu versuchen. Die rohe Drüse 
wurde anfänglich in Dosen von 2 gr., späterhin in allmählig steigenden 
Gaben bis zu 20,0—40,0 gr. verordnet, und es gelang damit bei neun 
atrophischen Kindern eine wesentliche Besserung des Ernährungszustandes 


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zu erzielen. Weniger deutlich war die Hebung des Befindens bei 
rhachitischen und anämischen Kranken; skrophulöse Patienten wurden 
hierdurch gar nicht beeinflufst. (Klin.-therap. Wochenschr. 98.) 

Dr. Goldbaum, Wien. 

— Alkalische Wasserdiät bei Kinderdiarrhöen. Von 
R. Larger. 

Die starke Acidität der Stühle bei Kinderdiarrhöen veranlafste L. 
alkalische Wässer anzuwenden nnd zwar läfst er Vichywasser (Cölestins) 
von Zimmertemperatur aus dem Glase oder bei Säuglingen aus der 
Trinkflasche trinken. Die sehr durstigen Kinder trinken das Wasser 
gern und absorbieren täglich mehrere Liter. Es läfst sich genau nach- 
weisen, dafs die Stühle bei dieser Behandlung alkalisch werden; in 
demselben Mafse als dies geschieht, tritt auch Heilung ein. Erst nach 
2—3 Tagen, nachdem die Stühle deutlich alkalisch sind, kann man das 
Wasser mit etwas Milch versetzen. Aufser dem Vichywasser, das ebenso 
gut durch jedes andere alkalische Wasser ersetzt werden kann, ver¬ 
wendet L. nur noch Watteeinwicklungen, Wärmeflaschen u. s. w. Die 
Resultate dieser Behandlung sind glänzende. (Bull. med. 98.) 

Dr. Goldbaum, Wien. 

— Zur Bakteriologie der Pertussis. Von Koplik. Verf. gelang 
es, aus dem Sputum Keuchhustenkranker ein Bakterium zu isolieren und 
in Reinkultur zu züchten, welches dem von Czaplewski und Hensel beschriebe¬ 
nen identisch zu sein scheint. Dasselbe zeichnet sich wie der Influenzabazillus 
Pfeiffers oder der Koch'sche Bazillus der Mäusesepticämie durch seine 
Kleinheit aus. Die besten mikroskopischen Bilder liefert die Loefflersche 
alkalische Metylenblautärbung. Den Bazillus in den dem Stadium 
convulsivum vorangehenden Perioden zu isolieren, gelang jedoch nicht. 
(Johns Hopk.-Hosp. Bull. 98.) 

Klautsch, Halle a. S. 

— Chorea minor. Fremdkörper im Ohr. Heilung. Von Breitung. 
Bei einem 13 jährigen, seit zwei Jahren an Chorea leidenden Mädchen fand 
Verf. ein Stück Blei aus einem Schraubenbleistift im Ohr, welches seitens 
des Gehörorganes keine Symptome gemacht hatte. Durch Ausspritzen 
wurde der dem Trommelfell beweglich aufsitzende Fremdkörper entfernt, 
worauf die Chorea verschwand. Dieser Fall ist ein Beitrag zu den Be¬ 
obachtungen über die vom Gehörorgan ausgelösten allgemeinen und 
lokalen Reflexerscheinungen. (Ctlbl. f. in. Med. 98.) 

Klautsch, Halle a. S. 

— Der klinische Wert der Verabreichung des Diphtherie¬ 
antitoxins per os. Von Jakorsky. Verf. hat bei neun Fällen von 
Diphtherie das Heilserum intern per os verabreichen lassen, mit dem 
Erfolge, dafs in sämmtlichen Fällen Heilung innerhalb 72 Stunden ein¬ 
trat. In eben derselben Weise wurde bei 42 Fällen zur Erzeugung der 
Immunität vorgegangen, und nur in einem einzigen Falle trat nach 12 Stunden 
Diphtherie auf. Auf Grund dieser Beobachtungen kommt Verf. zu dem 
Schlufs, dafs die Wirkung des Antitoxins bei der Verabreichung per 
os dieselbe ist, wie bei der subkutanen Einverleibung, nur mit dem 
Unterschiede, dafs die Wirkung bei der internen Verabreichung etwas 
langsamer eintritt. (New-York med. Journal 98.) 

Klautsch, Halle a. S. 




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168 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Rp. Guajacetin 0,2—0,5. Rp. 

D dos. XXX. in pulv. (oder 
pastil.) 

S 3 Mal tgl. 1 P. 1 j 4 Std. nach 
dem Essen 

Rp. 

oder: 

Rp. Guajacetin 10,0 
Aq. q. s. ad solut. 

Vin. Tokayens ad 200,0 
MDS. 3 mal tgl. x / 2 Efsl. Rp. 

x / 4 Std. nach dem Essen. 
Tuberkulose (in den ver¬ 
schiedensten Formen). 

Rp. 

Rp. Solacetol 0,1—0,2 
Mf. pulv. 

DS. tagsüber 4—5 P. 
Rheumatism. articul. 

(Bougt). 


Alumin. salicyl 20,0 

DS. zu Einblasungen in die 

Nase. 

Ozaena. (Heymann). 

Kal. bromat. 1,0 
Mosch. 0,1 
Aq. Tü. 

Syr. aa. 70,0 

MDS. 1 /j stdl. 1 Theel. (Simon). 

Hydrat Chloral 0,6—1,5 

Aq. destillat 80,0 

DS. zu2Klystieren. (Salomon). 

Zinc. oxydat. 0,1 
Extract Hyoscyam. 0,2 
Sacch. 5,0 

Mf. pulv. Div. in dos. X. 

DS. 2 stdl. 1 P. 

Eclamps. infant. 


Kleine Mitteilungen. 

— Einen Occlusiv-Verband für Impfpocken (nach Fürst) 
stellt die Verbandstoff-Fabrik von Paul Hartmann in Heidenhain a. B. 
her. Derselbe besteht aus einem Oval von perforiertem Kautschuckheft- 
pflaster, in dessen Mitte sich ein flacher, von Dermatolgaze umhüllter 
Bausch von Holzwolle befindet. Dieser Verband erreicht in recht ein¬ 
facher und billiger Weise (für jede Impfung sind 2 Verbände nötig, die 
30 Pf. kosten) den Zweck, die Impfpusteln vor Druck, Verletzung und 
Sekundär-Infektion zu schützen, etwa herausfliefsenden Pockeninhalt zu 
absorbieren und die Pocken rascher zum Vertrocknen zu bringen. Der 
Verband ist für private Impfungen sehr zu empfehlen. — Eine weitere 
Neuerung auf dem Gebiete der Impftechnik sind die Impfmesserchen 
nach Wiedemann, welche von F. Soennecken’s Verlag in Bonn verfertigt 
werden. Sie sind aus Stahlblech gestanzt und haben in der Mitte eine 
Rinne, um das Instrument standfester zu machen und die Lymphe auf¬ 
zunehmen. Das Messerchen läfst sich leicht desinfizieren durch Kochen 
in l°/ 0 Sodalösung und kann zwischen keimfreien Wattelagen in Blech¬ 
oder sonstigen Gefäfsen bis zum Gebrauch aufbewahrt werden. Man kann 
auf diese Weise viele dieser kleinen Instrumente mit sich führen. Der 
Preis stellt sich für 100 Messerchen auf 4 Mark. 


Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

herftusgegeben 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 8836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 104. Leipzig, 5. August 1898. IX. iahrg. Heft 8. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Kühner, Wesen, Aetiologie, Typen und Therapie der 
pädagogischen Pathologie. (169). — Referate: Slawyk, Masern (179). — Finger, 
Syphilis (180). — Kaposi, Kriechkrankheit (182). — Steffen, Ernährung im Kindes¬ 
alter (182). — Jakubowitch, Verdauungsfermente (184). — Cattaneo, Obstipation (184). 

— Baginsky, Blutentziehungen (185). — Schmidt, Tanninhaltige Milch-Somatose (186). 

— Dollinger, Oberschenkeltrakturen (186). — Gesundheitspflege: Borei, Ueber 
die Dauer der Ansteckungsfähigkeit des Scharlach (188). — Rezensionen: Moritz, 
Grundzüge der Krankenernährung. (189). — Freyberger, The Pocket formulary for 
the treatment of disease in children (190). — Kurze Notizen aus der Praxis und 
Wissenschaft (190). — Rezeptformeln für die Kinderpraxis (192). — 
Kleine Mitteilungen (192j. 


Wesen, Aetiologie, Typen ond Therapie der pädagogischen Pathologie. 

Von Dr. A. Kühner, Koburg. 


Wir leben im Zeitalter der exakten Forschung. Die Bakteriologie 
und ihre wunderbaren Ergebnisse haben den Blick grofser Männer ge¬ 
blendet, sodafs das Gesichtsfeld ein nur beschränktes bleibt für Er¬ 
fahrungen, die sich nicht in das Gewand der gangbaren Theorien und 
geläufigen Lehren kleiden. Wenn in dieser Erwägung die Aufgabe erwächst, 
unsere Augen aufzuheben aus dieser Welt im Kleinen und der Mensch¬ 
heit im Grofsen zuzuwenden, so hat unser Beginnen gewifs zum Vor¬ 
teil aller Beteiligten zu gelten der Jugendbildung. Ihr positiver 
Teil, die Erziehung, die harmonische Ausbildung aller individuellen An¬ 
lagen des Kindes ist in unserem Zeitalter Gegenstand eifrigster Für¬ 
sorge und auch der negative Teil der Erziehung, die Verhütung kör¬ 
perlicher Schädigungen durch den Unterricht ist gerade in der Gegen¬ 
wart mit emsiger Sorgfalt in Bezug auf Ursache und Folgeerscheinungen 
erforscht, Abhilfe mit grofser Opferwilligkeit zugesichert und dargeboten 
worden. Die Bestellung von Schulärzten ist ein Fortschritt unserer Zeit. 
Während indefs die aus dem Schulbesuch erwachsenden Schäden für 

Dar KMar-Arxt Haft 7. 1898. 


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170 


die körperliche Gesundheit des Kindes vorangestellt, zugestanden und 
bekämpft werden, haben Pädagogen darauf aufmerksam gemacht und um¬ 
sichtige Aerzte bestätigt, und zwar um so mehr bestätigt, je mehr sie 
dem Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zugewendet, dafs durch den bei 
der gangbaren Unterrichtsmethode unumgänglichen Zwang der Erziehung, 
bei dem nach Alter und Tageszeit frühzeitigen Beginn des Unter¬ 
richts, bei der ganz verschiedenen Ausbildung seelischer und körper¬ 
licher Eigenschaften der Kinder zum Beginn und im Laufe der Schule grofse 
Gefahren für die freie, lebensfrische Entwicklung im Seelen leben des 
Kindes zu fürchten sind. Nach Veröffentlichungen kompetenter Sach¬ 
verständiger und nach unseren Erfahrungen bildet gerade das Seelen¬ 
leben, das grofse breite Gebiet, welchem durch Hemmnis des selbstän¬ 
digen freien Aufschwungs Fesseln angelegt oder andererseits durch 
vorzeitige, selbst einseitige Förderung geistiger Anlagen Bedrohnisse 
erwachsen. Von diesen Gefahren, ihrem Wesen, ihren Aeufserungen, 
ihrer Verhütung und Heilung soll im nachfolgenden die Rede sein. 

Begriffsbestimmung. 

Die pädagogische Pathologie bez. Therapie ist die Lehre 
von dem Wesen, den Ursachen, Erscheinungen, sowie von der Ver¬ 
hütung, event. Linderung und Heilung der Schwächen, Fehler und 
Mängel, welche sich bei dem Erziehungsobjekte dem heranbildenden 
und belehrenden Einflüsse entgegenstellen. Insoferne diese Fehler auch 
den körperlich ausbildenden Einflufs berücksichtigen, umfafst diese von 
Prof. Ludwig Strümpell*) in Leipzig (1890) begründete Lehre weitere 
Grenzen, als die im übrigen das gleiche Thema behandelnde Schrift 
von Koch, Direktor der Staatsirrenanstalten in Zwiefalten über Psycho¬ 
pathische Minderwertigkeiten«. Hören wir Dr. Kochs Begriffs¬ 
bestimmung mit seinen eigenen Worten**): 

»Unter diesem Ausdruck »psychopathische Minderwertigkeit« fasse 
ich alle, seien es angeborene oder erworbene, den Menschen in seinem 
Personenleben beeinflussenden psychischen Regelwidrigkeiten zusammen, 
welche auch in schlimmen Fällen zwar keine Geisteskrankheiten dar¬ 
stellen, welche aber die damit beschwerten Personen, auch im günstigen 
Falle, nicht als im Vollbesitz geistiger Normalität und Leistungsfähigkeit 
erscheinen lassen.« 

DieserMangel an geistiger Normalität und Leistungsfähig¬ 
keit ist nur an der Person des psychopathisch Minderwertigen 
zu messen und darf daher nicht in ein proportionales Verhältnis ge¬ 
rückt werden mit der psychischen Unversehrtheit anderer. Psychopathische 
Minderwertige können, trotz der vorhandenen Schädigung nach dem 
ganzen Werte ihrer Persönlichkeit über andere normale Menschen mit 
»rüstigem Gehirn« 1 2 3 ) weit emporragen. 

1 ) Berühmter Pädagog, Vater des Klinikers. 

2 ) Dr. J. L. A. Koch hat diese Lehre in folgenden Schriften niedergel tt gt: 
Die psychopatischen Minderwertigkeiten, 3 Abteilungen in einem Band, Preis Mk. 10, 
geb. Mk. 12. Leitfaden der Psychiatrie Mk. 3,60 und Das Nervenleben des Menschen. 
Zur Belehrung, zu Rat und Trost Mk. 3 (Gemeinverständlich). Sämtliche vorgenannte 
Schriften erschienen im Verlag von Otto Maier, Ravensburg. 

3 ) Ein Ausdruck von S c h ü 1 e, Direktor der Irrenstalt Illenau. Citiert nach 


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171 


Am deutlichsten und gemeinverständlichsten bezeichnet die Auf¬ 
gabe, die uns hier beschäftigt, die meines Wissens zuerst von Trüper 4 ), 
Direktor der Heilerziehungsanstalt auf der Sophienhöhe bei Jena vor¬ 
gebrachte Benennung »Kinderfehler.« Dafs dieser Gegenstand für 
Aerzte, Lehrer, Eltern, kurz für alle bei dem edelen Werke der Er¬ 
ziehung Beteiligten von grofsem allseitigen Interesse, beweist die That- 
sache, dafs bereits im dritten Jahrgang eine besondere Zeitschrift 5 ) dieser 
Frage sich widmet. 


Literatur. 

Eine erschöpfende Wiedergabe des sich mit unserer Aufgabe be¬ 
schäftigenden, bei derJBearbeitung benutzten Materiales ist innerhalb der 
uns hier gesteckten Grenzen unmöglich, um so mehr, als die massen¬ 
hafte Literatur nicht in pädagogischen Blättern, Sonderschriften und 
Sammelwerken verborgen liegt und nur Aerzten, die sich mit Heraus¬ 
gabe von schulhygienischen Zeitschriften befassen, zugänglich wird. 

Chr. Ufer, der sich mit grofser Kenntnis und meisterhaftem 
Geschick der pädagogischen Pathologie 6 ) angenommen, zählt bei einer 
Besprechung nur eines Anteils dieser Lehre bereits vierzehn Seiten in- und 
ausländischer Literatur 7 ). Wir werden im Laufe unserer Betrachtung 
noch einige besonders wichtige literarische Erscheinungen benamen. 

Allgemeines. 

Die Menschenseele verhält sich wie eine Pflanze. Sowie diese 
mit zahlreichen Wurzeln im Boden sich ausbreitet, zu einem Stamm 
heranwächst, der in volle Blüthen ausbricht, die alle Zweige bedecken, 
ebenso viel verzweigt sind die Wurzeln, Verästelungen und Früchte im 
Seelenleben. Sowie aber bei der Pflanze es nicht genügt, nur zu säen 
um zu ernten, sondern nur eine gehörige Zubereitung des Bodens, Ab¬ 
räumen, Säubern und Reinigen, eine sorfältige Pflege Früchte trägt, so¬ 
wie im Pflanzenleben die Aufgabe erwächst, den falschen Trieben vor¬ 
zubeugen, Kränkliches, Schadhaftes und Schädliches zu entfernen, sowie 
hier eine scharfe Grenze nie zu ziehen zwischen Gesundheit und Krank- 


Ph. Burkhard, Die Fehler der Kinder. Eine Einführung in das Studium der 
pädagogischen Pathologie mit besonderer Berücksichtigung der Lehre von den psycho¬ 
pathischen Minderwertigkeiten. Karlsruhe. Verlag von Otto Nemnich, 1898. Preis 
M. l,8 n , eleg. geh. M, 2,60. (Sehr übersichtlich und empfehlenswerth!) 

4 ) Der Verf. hat sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen über 
diesen Gegenstand ausgezeichnet. 

5 ) Die Kinderfehler, Zeitschrift für Pädagogische Pathologie und Therapie 
in Haus. Schule und sozialem Leben, Herausgegeben von Dr. med, J. L. A. Koch, 
Direktor der königl. Staatsirrenanstalt Zwiefalten, Ohr. Ufer, Rektor in Altenburg, 
Dr. theol. et phil. Zimmer, Professor der Theologie und J. Trüper, Direktor in 
Jena. Langensalza, Hermann Beyer & Söhne, 

6 ) Sehr lesenswert sind zwei auch den medizinischen Anteil voll und ganz be¬ 
rücksichtigende bei J. F. Bergmann in Wiesbaden erschienene Schriften von Ohr. 
Ufer: Nervosität und Mädchenerziehung in Haus und Schule, ferner Geistesstörungen 
in der Schule. 

*) Dietrich Tiedemann's Beobachtungen über die Entwickelung der Seelen¬ 
fähigkeiten bei Kindern. Mit Einleitung sowie mit einem Literaturverzeichnis znr 
Kinderpsychologie herausgegeben. Altenburg, Oskar Bonde, 1897. 


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heit, sowie im Pflanzenleben die Blüthe erst aus dem Verständnis der 
Keime erschlossen wird, ebenso müssen wir vom Boden angefangen, in 
welchem das kleine formlose Ding, das wir Kind nennen, gewachsen, 
studieren, durch welche Stufen dieses zarte, entwickelungsfähige Wesen 
nicht nur körperlich, sondern auch geistig eine vollkommene oder eine 
mehr oder weniger unvollkommene Gestalt und einen dem Lebensalter, den 
in Haus, Schule und Leben gestellten Anforderungen entsprechenden 
Umfang angenommen hat. Sowie aber das Pathologische immer nur 
im Anschlufs und unter dem Licht des Normalen erkannt werden kann, 
sowie für die Pathologie, die Physiologie und die gesamte Naturwissen¬ 
schaft, als Richtschnur dienen mufs, sowie die Anatomie die Kenntnis 
der Embryologie voraussetzt, ebenso handelt es sich beim Menschen um 
die Aufgabe, eine Normallehre des Werdens und Wachsens, der ge¬ 
deihlichen Förderung als Fundament klar zu stellen und festzuhalten, 
um etwaige Abweichungen in ihrem Anbeginn, in ihrer Begründung, ihrem 
Ablauf zu verstehen, geeignete Mafsregeln zu ihrer Verhütung und Be¬ 
handlung zu ergreifen. Dieselbe Wifsbegier, welche den Geologen an¬ 
treibt, die ersten Stufen im Aufbau des Planeten zu entdecken oder den 
Biologen veranlafst, die ursprünglichen Formen des Lebens zu erforschen, 
steht im Begriffe, durch sorgfältige Untersuchung der Kindheit die Art 
und Weise zu entdecken, in welcher das menschliche Leben seine 
charakteristischen Formen anzunehmen beginnt. Dieses Forschungsgebiet 
ist von Aerzten, von Vätern und anderen, welche zu dem Kinde Zutritt 
haben, erschlossen und weiter bebaut worden. Wir nennen hier nur 
die bekannten Veröffentlichungen von Darwin 8 ), Preyer 9 ), Tiede- 
mann 10 ), vor allem Sully-Stimpfl 11 ). 

Kind erpsychologie. 

Das Kind bietet als Naturobjekt dem Biologen, Arzt, in wissen¬ 
schaftlicher und einfacher, schlichter Beobachtung die interessantesten 
Gesichtspunkte dar. Das auffallendste Merkmal des neugeborenen 
menschlichen Spröfslings ist sein Mangel an Vorbereitung für das Leben. 
Vergleiche mit dem Tierreich zeigen, dafs das Kind im hohen Grade 
hülflos, schwach und ungeschickt ist. Dasselbe gleicht in der That 
einem öffentlichen Gebäude, welches an einem bestimmten Zeitpunkt 
eröffnet werden soll, und wenn der Tag der Eröffnung ankommt, in 


8 ) Biographische Skizze eines Kindes. 

9 ) Das Seelenleben des Kindes. 

10 ) Bereits benannt. Der Herausgeber dieser Schrift hat in dieser die ganze In- 
und Ausländische Litte:atur, wie erwähnt, znsammengestellt und sich durch anderweitige 
Beiträge über diesen Gegenstand, insbesondere in der auch vorbenamten Zeitschrift „Die 
Kinderfehler“ grosse Verdienste erworben. In einem dieser Beiträge heisst es: „Wir 
Deusche stehen hinsichtlich der Kinderforschung durchaus nicht in erster Reihe. Es 
fehlt aber nicht an Anzeichen, dass sich auch bei ans die Dinge wesentlich bessern“. 

u ) Untersuchungen über Kindheit. Psychologische Abhandlungen für Lehrer 
und gebildete Eltern von Dr. James Sully, Prof, der Philosophie und Pädagogik, 
Deutsch von Dr. S timp fl, Leipzig, Ernst Wunderlich 1897, Preis Mk. 4 geb. M. 4,80, 
Fundamentalwerk. Schlichte, aber schwungvoll vorgetragene Beobachtungen über die Ent¬ 
wickelung des Seelenlebens des Kindes, enthält das von jedem Kinderarzt gebildeten 
Frauen zu empfehlende farbenprächtige Buch von Prof. Semmig, Das Kind. Tagebnch 
eines Vaters, Leipzig 1876. 


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173 


einem demütigenden Zustand der Unvollständigkeit angetroffen wird. 
(Sully-Stimpfl.) 

Man fordert mit Recht, dafs die Erziehung naturgemäfs sei. Ver¬ 
nünftiger Weise kann das nur bedeuten: Die Erziehung hat unter steter 
Beachtung, des nach der Kultur und dem besonderen Zweck zu be¬ 
stimmenden Zieles die natürliche Entwickelung des Kindes fördernd, 
nach Umständen auch hemmend, ja in gewissem Sinne sogar heilend 
zu beeinflussen durch solche Mittel, die der jeweiligen Beschaffenheit 
des kindliches Geistes angemessen sind und daher im besonderen Grade 
den gewünschten Erfolg versprechen. Zur Lösung dieser Aufgabe ge¬ 
hört von Seite des Erziehers eine möglichst genaue Kenntnis des natür¬ 
lichen geistigen Entwickelungsganges, der geistigen Bildungsgeschichte des 
Kindes. Diese Kenntnis lehrt die Psychologie. Chr. Ufer 12 ) dem wir diese 
Worte entnehmen, erklärt gleichfalls an einer anderen Stelle 18 ), »man sagt 
zwar, die Pädagogik habe es nicht mit dem anormalen, sondern mit 
dem normalen Kinde zu thun, hiervon ist in der That soviel richtig, dats 
pädagogische Systeme nur mit Rücksicht auf das normale Kind ent¬ 
worfen werden können. Bei der Anwendung aber tritt die Indi¬ 
vidualität mit allen ihren Forderungen auf und es wird sich schwer¬ 
lich eine Kindesnatur finden, von der man sagen kann, sie sei in jeder 
Beziehung geistig normal, gerade wie auch die körperliche Natur des 
Kindes in den seltensten Fällen völlig einwandfrei dasteht. Es versteht sich 
also von selbst, dafs derjenige, welcher der allgemein anerkannten For¬ 
derung, die Individualität zu berücksichtigen, entsprechen will, sich auch 
mit den geistigen Regelwidrigkeiten des Kindesalters einigermafsen 
vertraut machen mufs, um das Kind richtig beurteilen und behandeln 
zu können. Denn abgesehen von dem Unrechte, dafs man im anderen 
Falle dem Kinde leicht zufügen kann, sind viele geistige Uebel der 
Art, dafs sie bei richtiger Behandlung auf ein Minimum herabsinken, 
ja verschwinden, während sie bei falscher Verfahrungsweise eine 
Steigerung erfahren, die für die ganze Lebenszeit von Folgen sein kann.« 

Schon aus dieser Betrachtung ergiebt sich und wird sich des 
weiteren ergeben, dafs sich die Aufgabe der Erschliefsung, Verhütung 
und Behandlung sogenannter psychopathischer Minderwertigkeiten auf 
Eltern Lehrer, Aerzte und alle bei der Erziehung Beteiligte verteilt und 
nur durch gemeinsames einheitliches Vorgehen gelöst werden kann. 

Gebrechliche Kinder. 

Das Verständnis der pädagogischen Pathologie wird wesentlich 
gefördert werden, wenn wir den jedem Arzt ihrer Wesenheit nach be¬ 
kannten Inbegriff der Gebrechen in ihren Beziehungen zum Seelenleben 
voranstellen, gleichsam die niederste Stufe der psychopathischen Minder¬ 
wertigkeiten und zum Verständnis von deren Klassifikation sehi geeignet. 

Nicht ein Arzt, sondern ein Pädagoge von Fach äufsert sich über 
diese Beziehungen folgendermafsen, Ausführungen, welche, wie dies beim 
Studium der einschlägigen pädagogischen Literatur zum Zweck der 

12 ) Ueber Kinderpsychologie, Vortrag etc., abgedrnckt in der Zeitschrift: Die 
Kinderfehler etc., Jahrg. 3, Heft 3. 

**) Kritik von Scholz, Die Charakterfehler des Kindes. 2. Anfl., Leipzig 1896. 


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174 


Anfertigung des vorliegenden Beitrages vielfach von mir geschehen, die 
Beachtung und Achtung des Arztes in hohem Grade herausfordem. 14 ) 

»In erster Linie stehen Skropheln, welche namentlich eine Menge 
von Gelenkkrankheiten bedingen und bei welchen ein irritabler und torpider 
Charakter des Leidens zu unterscheiden ist. Der letztere zeigt sich in 
einem geistig stumpfen, mürrischen, verdriefslichen Wesen, reagierend 
gegen schmerzhaftes Angreifen, um nicht in der Ruhe gestört zu werden. 
Die irritable Form dagegen zeigt ein fein markiertes Gepräge, hübsche 
Gesichtchen mit zarter Haut und zarten Gliedern. Solche Kinder ver¬ 
raten früh grofse Geistesanlagen, sind frühe witzig, empfindlich gegen 
äufsere Eindrücke und Ereignisse. 

Eine zweite Reihe von Gebrechen ist begründet in rachitischen 
Leiden. Auch diese sind in der Regel kluge, aufmerksame, lernbegierige, 
aber eher schweigsame als gesprächige Kinder. Besonders hervorzu¬ 
heben ist die Kyphose. Buckelige Kinder zeigen oft besondere An¬ 
lagen, durch die sie oft zu einer eigenartigen Eitelkeit gereizt werden. 
Die Skoliose kommt auch bei den beschränktesten Geistesanlagen vor. 

Im weiteren Sinne gehören zu den Gebrechlichen: die Blinden, 
Taubstummen, Geistesschwachen im engeren Sinne, Idioten 
und Kr et ine. 

Von diesen Gebrechen heben sich die psychopathischen Minder¬ 
wertigkeiten ab, indem diese die Stufe jener bald überschreiten. Die 
psychopathischen Minderwertigkeiten sind Psychopathieen, welche 
die Persönlichkeit pathologisch beeinflussen. Sie liegen also nicht in 
der Breite der geistigen Gesundheit. Gleichwohl sind sie keine Psycho¬ 
sen im eigentlichen Sinne. »Nicht zwischen Gesundheit und Krankheit 
stehen sie mitten inne als etwas, das weder ganz das eine, noch ganz 
das andere wäre; solche Mitteldinge giebt es nicht. Nein sie sind, wie 
die Geisteskrankheiten, der Ausdruck pathologischer Vorgänge und Zu¬ 
stände im Gehirn; sie sind Krankheiten, nur speziell Geisteskrankheiten 
sind sie nicht. Man kann aber in einem gewissen Sinne sagen, dafs 
sie ein Zwischenreich bilden zwischen der geistigen Normalität und den 
Psychosen. Und zwar bilden sie es in der Art, dafs sie sich auf der 
einen Seite ganz unmerklich in die Breite der geistigen Ge¬ 
sundheit verlieren, sowie sie sich auf der anderen Seite durch ganz 
unmerkliche Uebergänge an die Geisteskrankheiten anschliefsen. 
Dadurch haben sie an jedem Ende ihres Reichs ein Grenzgebiet, 
eines, dafs sie mit der geistigen Gesundheit, ein anderes, das sie 
mit den Psychosen verbindet. (Koch) 15 ). Dort heifst es weiter 16 ): 
»Ueberall ist das Gehirn des psychopathisch Minderwertigen zunächst 
minderwertig an ihm selbst gemessen, nicht aber gemessen an 
dem Gehirn eines anderen, und ferner 17 ): Die psychopathischen Minder¬ 
wertigkeiten sind weitaus die häufigsten Nervenleiden unserer Tage. 
Manchen Menschen ängstigen sie, manche Sorge und Beschwernis 
schaffen sie, oft erkannt, öfter noch unerkannt und verkannt. Sie 
drücken vielfach unserer Zeit einen besonderen Stempel auf und schlielsen 
auch manche ernste Gefahren für sie ein. 

14 ) Dr. G. Veesenmeyer, Art. Gebrechlichen. K. A. Schmidts Pädagog. 
Encyklopädie. 

15 ) Das Nervenleben des Menschen p. 62. 16 ) p. 64. 17 ) p. 65. 


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175 


Klassifikation der Kinderfehler. 

Das ärztliche Wissen und Können setzt die Kunst des Individuali¬ 
sieren voraus, eine Kunst, deren Ausübung überall Schwierigkeiten 
bietet. Das Bedürfnis, über die verschiedenen Krankheitsverhältnisse 
in der Sprache ohne Schwerfälligkeit und rasch sich zu verständigen, 
führt die Notwendigkeit herbei, ihnen Namen beizulegen. Diese noso¬ 
logische Nomenklatur und Systematik ist aber etwas ungemein 
unvollkommenes und gezwungenes. Die Natur kennt keine Einteilung, 
sondern nur Uebergänge. Wenn in der Botanik und Zoologie die Fort¬ 
pflanzungsfähigkeit ein Kriterium für die Bestimmung der Spezies ab- 
giebt, die wenigen Ausnahmsfälle von Vermischung verschiedener Spezies 
leicht zu überwinden sind, so fehlt in der Pathologie und noch mehr in 
der pädagogischen Pathologie dem ganze Gerüst eine feste Basis. Die 
Kriterien, nach welchen wir im Stande sind, die Identität der Fälle zu 
bestimmen, sind: Die Uebereinstimmung und Aehnlichkeit der äufseren 
Erscheinunngen, die Gleichheit der Ursache des Erkrankens, die Gleich¬ 
heit des Organes, das der Sitz der Erkrankung ist und die Ueberein¬ 
stimmung und Aehnlichkeit der Veränderungen und Vorgänge in diesem 
Organe. 

Eine Klassifikation der psychopathischen Minderwertigkeiten wird 
neben diesen in der Natur der Krankheitseinheiten liegenden zahllosen 
Uebergängen sehr erschwert dadurch, dafs unmerkliche Uebergänge vom 
Normalen, Psychologischen, Physiologischen zum Abnormen, Patho¬ 
logischen ungemein oft Vorkommen und kaum zu trennen sind, und wir 
Aeizte, insoferne wir nicht Psychiater von Fach, gewohnt sind, die Krank¬ 
heitsfälle nach der Uebereinstimmung und Aehnlichkeit der äufseren Er¬ 
scheinungen zu gruppieren, während der Pädagoge dem geistigen Leben 
der heranwachsenden Jugend mit ganz anderen Gedanken entgegentritt. 
Wir werden uns einen eigenen Weg der Klassifikation wählen, indem 
wir der Forderung des Arztes, das Geistige zunächst aus dem Materiellen 
zu konstruieren, entsprechen. 


Prinzipieller Unterschied zwischen der medizinischen und 
pädagogischen Pathologie. 18 ) 

Während der Arzt hauptsächlich mit dem in der Form der Materie 
in die Erscheinung tretenden Körper sich beschäftigt, die körperliche 
Gesundheit erstrebt, setzt der Pädagoge dieselbe voraus und blickt, in¬ 
dem er das Kind mit allen seinen psychischen Fehlern und guten 
Eigenschaften in Betracht zieht, in das gesetzliche Naturwirken der im¬ 
materiellen Seele hinein, um den psychischen Mechanismus und die 
Keime der freien Kausalitäten einer sich immer mehr steigernden Ver¬ 
vollkommnung entgegen zu führen. Mit kurzen Worten: Der Arzt be¬ 
urteilt das Kind nach dem Begriffe der Gesundheit, der Pädagoge 
dagegen nach dem Gesichtspunkte der Bildsamkeit. 


18 ) Wir folgen hier Ph. Burkhard, „Die Fehler der Kinder“ und es wird sich 
bei der Aufstellung unserer Klassifikation sogleich dieser prinzipielle Unterschied ergeben. 




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176 


Klassifikation der »Kinderfehler« vom pädagogischen 

Standpunkt. 

Wir können uns innerhalb der hier gesteckten Grenzen nicht in 
pädagogische Lehren vertiefen. Sowie deren Grenzen vielfach mit den 
medizinischen zusammenfallen, sowie die Aufgaben des Pädagogen und 
Arztes sich vielfach bei der Erziehung decken und nur ein gemein¬ 
schaftliches Schaffen zum Wohle des Ganzen erspriefsliche Erfolge ver¬ 
spricht, ebenso geben wir die Klassifikation der Kinderfehler im päda¬ 
gogischen Sinne nach einem Arzt und zwar, weil uns diese die kürzeste 
und praktischste scheint. 

Dr. Scholz giebt in seiner »Erziehungslehre für Schule und Haus« 
folgende Klassifikation der »Charakterfehler des Kindes». 

1. Kinderfehler auf dem Gebiete des Fühlens und Empfindens: 
das traurige, empfindliche, launenhafte, ängstliche, verlegene; das über¬ 
mütige, hochmütige, eigensinnige, eitle, vorlaute; das indolente, rühr- 
seelige, leidseelige, romantische, schadenfrohe Kind. 

2. Kindesfehler auf dem Gebiete der Vorstellung: das dumme, 
zerstreute, flüchtige, faule; das frühreife, phantastische, phantasielose, 
neugierige, heimlichthuende, unordentliche, unreinliche, pedantische Kind. 

3. Kindesfehler auf dem Gebiete des Wollens und Handelns: 
das unruhige, linkische, alberne; das begehrliche, sammelnde, be¬ 
trügerische, diebische, ungefällige, neidische; das boshafte, grausame, un¬ 
keusche, zerstörungssüchtige, lügende Kind. 

Auch hier wiederum die mannigfachsten Uebergänge. 

Unsere eigene Klassifikation. 

Wir Aerzte wissen, dafs in Bezug auf das körperliche Leben des 
Menschen so viele Individualitäten als Köpfe existieren. Und gerade 
so verhält es sich mit dem Seelenleben des Erwachsenen, noch mehr 
des in Bildung begriffenen Kindes. 

Hörstörungen. 

Während indefs Aerzte und Lehrer die Sehschärfe der Kinder zum 
Gegenstand eifriger Prüfung machen, kurzsichtige Kinder in Bezug auf 
Platzeinnahme, Leistung berücksichtigen, erfährt die normale Hörschärfe 
keine Beachtung und doch kommt in der Schule alles auf das Hören 
an. Hier eröffnen sich für den Schularzt dankbare Aufgaben. Wir 
verlangen, dafs jedes Kind beim Eintritt in die Schule auf seine Hör¬ 
fähigkeit geprüft werde und zwar in Gegenwart des Lehrers im besetzten 
Klassenraume, um in diesem einen geeigneten Platz angewiesen zu 
erhalten und eine gerechte, dem Hörfehler entsprechende Behandlung 
zu erfahren. Eine aufmerksame Prüfung wird ergeben, dafs dieser 
Kinderfehler ungemein häufig vorkommt und die Hörfähigkeit selbst auf 
dem einen Ohr von der des anderen sehr abweicht. Solche nicht 
normalhörige Kinder werden oft als flüchtig, unaufmerksam, gedanken¬ 
los, zerstreut selbst als faul betrachtet und ganz ungerecht von ihren 
Kommillitonen behandelt. Man kann sagen, dafs in der Schule die 
Schwerhörigen geringeren Grades, deren Leiden unbemerkt bleibt, übeler 


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daran sind, als die höheren Grades, bei denen es berücksichtigt wird. Die 
Untersuchung auf Hörfahigkeit durch den Schularzt mufs insbesondere 
tn zweifelhaften Fällen wiederholt werden, da dafs Uebel bisweilen erst 
während des Schulbesuches entsteht. Wir erinnern hier nur an die 
durch Schnupfen entstehende zeitweise oder bleibende Schwerhörigkeit, 
eine Form, die selbst den Uebergang bilden kann zu schwerer Otitis 
interna mit allen ihren Folgeerscheinungen. 19 ) 

Behinderung der Nasenathmung. 

Mit der im vorliegenden Schlufssatz gekennzeichneten Form der 
Schwerhörigkeit haben wir bereits einen der häufigsten und den Aerzten 
bekanntesten »Kinderfehler« beregt, die Beeinflussung der psychischen 
Entwicfcefung durch die Verlegung des Nasenluftwegs. Wenn mir ein 
Kind eine Antwort giebt, die von Unaufmerksamkeit zeugt, untersuche 
ich gleich seine Nase 20 ), pflegte ein Lehrer zu sagen, und wir fügen als 
Vervollständigung hinzu, — das Gehör, ht der That, die psychischen 
Anomalien in Folge von Gehörstörungen und behinderter Nasenathmung 
sind die häufigsten. Wir unterlassen hier eine Wiedergabe der unge¬ 
mein reichen Literatur dter Schriften von Bresgen, Chappel, Hack, 
Kafemann und Anderen und beschränken uns darauf, folgende 
Gruppierungen 21 ) der hier in Betracht kommenden Kinder zu geben. 

1. Solche, bei denen nur in leichtem Grade und kurze Zeit Be¬ 
hinderung der Nasenathmung bestand, bei denen die Folgen von selbst 
schwinden*, die also keiner besonderen Behandlung bedürfen. 

2: Kinder, bei denen, ohne dafs besondere Intelligenzdefekte sich 
zeigen, die vorhandenen Sprachstörungen eine besondere Behandlung 
erheischen. 

3. Kinder, die an hochgradigen Verlegung der Nase oder an ge¬ 
ringerer, aber von früher Kindheit bestehender gelitten haben, die hin¬ 
sichtlich ihrer Intelligenz zu den Schwach begabten, geistig Zu¬ 
rückgebliebenen zu zählen sind. 

Sprachstörungen. 22 ) 

Das Sprechenlernen beginnt eigentlich schon beim ersten Schrei 
das Schreien wird aber erst zur Sprache des Kindes durch bestimmte 
Willensäufserungen. Diese ersten Anstrengungen der kleinen Person 
beim Sprechen gewinnen uns durch eine gewisse Anmuth, durch den 
heilsamen, von ihnen geoffenbarten Trieb, uns geistig näher zu kommen 
und in den vollen Genufs des menschlichen Verkehrs einzutreten. 

19 ) Rein sachlich werden Aerzte, Lehrer und Eltern hingewiesen anf den von Frfr. 
v. Ketelhodt in Rudolstadt anf Grund eigener Angaben entworfenen „Hörhelfer“, das einzig 
wirklich brauchbare Instrument bei Schwerhörigkeit geringeren Grades, welches dem Träger ge¬ 
stattet, die Hände frei zu halten, zn schreiben, zn zeignen n. s. f., für alle Fälle der 
Schwerhörigkeit geeignet, die durch Vorhalten der Ohrmuschel gebessert werden. 

**) Behinderte Nasenatmung als Hemmnis der Entwickelung des Kindes. Von Chr. 
Ufer in <fer Zeitschrift „Kinderfehler“, Jahrg. 1, Heft 2. 

21 ) Beiträge zur pädagogischen Pathologie in Verbindung mit Pädagogen und 
Aerzten, hesaasgegeben von Arno Fuchs, Heft ä. Behinderung der Nasenathmung 
(pädagogische) von Brauckman.n; Anatomie nnd Symptomatologie (Medizinisch) von 
Dr. med. Bett mann. 

22 ) Bei diesem Kapitel folge ich namentlich den bekannten Ausführungen von 
Smlly-StimpfP, Knssnranl, GMitzmann und. Treitel, 


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Dieses pathetische, humoristische Interesse, welches der kleine Anfänger 
in uns durch die ersten Versuche der Sprachübungen erweckt, birgt 
zugleich grofse Gefahren. Kufsmaul sagt: Ist die Umgebung thöricht 
genug, dieses Lallen nachzuahmen, mit dem kleinen Geschöpfe in gleich 
mangelhaften Lauten und Wörtern zu verkehren, so behält es auch, 
grofs geworden, oft noch lange, ja zeitlebens eine kindisch lallende 
Sprache, die einem Erwachsenen immer schlecht ansteht. In dieser 
Weise entsteht eine der häufigsten Sprachstörungen, das Stammeln. 
Dasselbe wird nur in seltenen Fällen durch mangelhafte Ausbildung 
der beim Sprechen in Betracht kommenden Organe bedingt. 

Das Stottern und Poltern sind weitere Sprachstörungen, die 
man selten vor dem vierten Jahre antrifft. Das Poltern, dem man 
auch bei Erwachsenen häufig begegnet, entsteht, wenn die Gedanken 
den Worten voraneilen, bisweilen auch, wenn man das, was man zu 
sagen hat, nicht vollkommen überdacht hat und sich mit dem ersten 
Teil seiner Rede beeilt, um den zweiten noch schnell überlegen zu 
können. 

Aehnlich verhält es sich mit dem Stottern, das eigentlich mehr 
eine Krankheit der Stimme, als der Sprache ist, indem die meisten 
Stotterer nicht stecken bleiben, wenn sie leise sprechen. Das Stottern ist 
ein nervöses Leiden, das hauptsächlich aus dem Poltern entsteht 
oder durch Nachahmung. 

Was nun die Einwirkung der Schule auf diese Fehler betrifft, 
so nimmt das Stammeln in der Schule ab, wird manchmal durch 
die Schule vollständig geheilt. Aber die Fehler, welche die Koordination 
der Silben und Worte betreffen, das Stottern und Poltern nehmen, 
wie statistisch nachgewiesen (Berckhahn) in der Schule zu, ja sie 
können während der Schulzeit erst entstehen. Somit leuchtet ein, dafs 
das Poltern in der Schule, das Stottern aber, wenigsten anfangs, 
aufserhalb der Schule behandelt werden mufs. Gutzmann 
unterscheidet anstatt dieser absichtlich mehr gemeinverständlich ge¬ 
haltenen Einteilung der Sprachstörungen, 1. peripher impressive 
Hemmungen, 2. zentrale Hemmungen, 3. peripher expressive Hemmungen. 
Der höchste Grad der Hemmung ist die absolute Sprachlosigkeit. 
Nimmt man als normale Grenze das dritte Lebensjahr an, so kann man 
Kinder, die nach diesem noch zu sprechen anfangen, als Hörstumme 
bezeichnen. Die weiblichen (!) Kinder lernen leichter sprechen; die 
Artikulationswerkzeuge des weiblichen Geschlechts zeichnen sich durch 
gröfsere Stärke vor den männlichen aus. (Gutzmann). 

Reizbare Schwäche. 

Die Grenze für unser Arbeitsgebiet soll in den Formen der Ab¬ 
normitäten liegen, die sich zwischen ausgesprochener Krankheit (Ge¬ 
brechen der Kinder vgl. oben, Psychosen, Idiotie, Hörunfähigkeit, 
Blindheit u. s. w.) und geistiger Gesundheit bewegen. Nicht die dem 
Arzte und Laien in ihrer Form hervorstechenden groben Erkrankungen, 
sondern mehr in der Stille verlaufende krankhafte Erschwernisse und 
Anfechtungen haben wir hier im Auge. 

Den Boden für eine Menge bald in der Stille verlaufender, bald 


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grober Krankheiten bildet die reizbare Schwäche, die Krankheit 
unserer Zeit und bei den Kindern in zahlreichen Wurzeln aus der Tiefe 
entspringend und ihre Verzweigungen überallhin ausbreitend. Die reiz¬ 
bare Schwäche wird charakterisiert durch frühzeitige Erschöpfbarkeit, 
die Unfähigkeit, eine bestimmte körperliche oder geistige Arbeit an¬ 
dauernd und wiederholt zu vollführen und durch die gesteigerte Reiz¬ 
barkeit des Nervensystems, in den graduell und individuell von Kindern 
gewöhnlichen Schlages ganz verschiedenen Reaktionen auf geringfügige 
und heftige Reize im Seelenleben und selbst in somatischer Beziehung. 
»Trotz schimmernder Geistesgaben lauert die Schwäche im Hintergründe 
und tritt um so schneller und überraschender ein, je mehr die Thorheit 
eitler Eltern und Lehrer an dem minderwertigen Kinde hetzt.« 

Die reizbare Schwäche bildet den Boden, dem bei geeigneter Ver¬ 
anlagung und ungeeigneter Behandlung zahlreiche Fehler, Mängel, Krank¬ 
heiten und Gebrechen im Seelenleben erwachsen, so zahlreich und ver¬ 
schiedenartig, das wir uns hier einer weiteren Betrachtung enthalten 
und unser vorstehendes Exposö, das sich nur auf die Wiedergabe 
unserer Aufgabe in grofsen Umrissen beschränken mufs, mit folgendem 
Schema beschliefsen : 


Schema: 


Psychopathische Minderwertigkeiten, 
flüchtige andauernde 

angeborene erworbene 


körperliche 
Krankheitszeichen 
anatomische Verbildungen 
funktionelle Anomalien 

Ursa 


geistige 

Symptome 

Disposition 

Belastung 

Degeneration 

chen. 


■■ ^ 

körperliche geistige. 


Referate. 

Ueber das von Koplik als Frühsymptom der Masern beschriebene 
Schleimhautexanthem. Von Slawyk. (Aus der Klink für Kinder¬ 
krankheiten am Charite-Krankenkause zu Berlin. Deutsch, med. 
Wochenschr. 1878, N. 17.) 

Dezember 1896 beschrieb der New-Yorker Arzt Koplik als erster 
ein Schleimhautexanthem, welches mit Beginn der Prodrome, also zu einer 
Zeit, wo Masern gewöhnlich noch nicht sicher zu diagnostizieren sind, 
einsetzt und welches in jedem Falle das spätere Auftreten des Haut- 


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ausschlags gewährleistet. Das Exanthem,, lediglich auf der Waugeß- 
schleimhaut lokalisiert, besieht aus glänzend roten Flecken, welche in 
ihrer Mitte kleinste, bläulieh-weifse Efflorescenzen tragen. Letztere, bei 
keiner anderen Krankheit auftretend und mit keiner anderweitigen Mund¬ 
affektion zu verwechseln, seien für Masern pathogaomisch. 

Im Winter 1897 wurde bei einer Epidemie in der Charitd zuerst 
auf die Koplik sehen Flecke geachtet und ergab sich dabei folgendes: Von 
52 Fällen, welche der Station überwiesen wurden, hatten 45 die Flecke, 
die während der Hausepidemie beobachteten 32 Fälle zeigten 31 mal 
die gleiche Affektion. Die Flecken bestehen aus bläuUch-weifeen, leicht 
erhobenen^ 0,2—0,6 mm im Durchmesser haltenden, rundlichen Efflo¬ 
rescenzen, welche sich meist im Centrum von linsengpofsen, geröteten 
Schleimhautpartieen befinden. Die Zahl der Flecken ist meist eine 
mäfsige (auf jeder Seitq 6—20), doch wurden in einzelnen Fällen auch 
mehrere Hundert beobachtet; bisweilen sitzen die Flecken nur auf einer 
Seite. Die Flecken koaflerieren fast niemals. Von anderen Mund¬ 
affektionen ähneln sie am meisten dem Soor, unterscheiden sich aber 
von diesem durch ihre Farbe und gleichmäfsig rundliche Gestalt 

Die Koplik’schen Flecken lassen sich mit der Pinzette, ohne 
Schmerz oder Blutung zu erzeugen, herausholen. Mikroskopisch repräsen¬ 
tieren sie sich als dicke Konvolute grofser, zum Teil verfetteter Mund- 
epithelien. 

Die Flecken sind ein absolut sicheres diagnostisches Merkmal für 
Masern. Bei anderen Krankheiten, besonders bei Rubeolae, wurden sie 
niemals beobachtet. 

Die Flecken erscheinen gewöhnlich am ersten oder zweiten Tage 
der Prodrome. Bis zum Auftreten des Hautexanthems nehmen sie viel¬ 
fach an Zahl zu, bleiben 3—4 Tage bestehen und verschwinden dann. 
Ihre durchschnittliche Dauer beträgt demnach 6—7 Tage, in einem Falle 
wurden sie 9 Tage beobachtet. Gewöhnlich sind sie im Verschwinden, 
wenn das Hautexanthem eben anfängt abzublassen. Belästigungen werden 
durch die Affektion anscheinend nicht veranlafst. In einigen Fällen, in 
denen sich Stomatitis ulcerosa an die Masern anschlofs, fehlten die Flecken. 

Die Flecke haben für die Prognose keine Bedeutung, da sie so¬ 
wohl bei ganz leichten, wie bei schweren Fällen zur Beobachtung kamen. 

Eines therapeutischen Eingriffs, aulser dem der gewöhnlichen 
Mundpflege, bedarf die Affektion nicht. Schnell, Egeln. 

Die Vererbung der Syphilis. Von E. Finger, Wiener Klinik. Band 
XXIV. Hft 4. und 5. 1898. Wien, Urban & Schwarzenberg, Preis 
1 Mark 80 Pf. 

Gelegentlich des dem Autor übertragenen Referates über diese 
Frage auf der Braunschweiger Naturforscherversammlimg kam er in die 
Lage, das ganze Material der Vererbungsfrage der Syphilis zu sammeln, 
zu sichten und unbefangen zu ordnen. F, behandelt nun die einzelnen 
Fragen in den verschiedenen Abschnitten und zwar zunächst die, ob 
die Vererbung der Lues von den Eltern auf die Kinder eine obligatorische 
oder nur eine fakultative sei. Er beantwortet sie in letzterem Sinne, 
indem er als Beweis Belege aus der Litteratur dafür beibringt, dafs so¬ 
wohl Väter als auch Mütter mit florider, unbehandelter Syphilis gesunde 


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Kinder erzeugten, und dafs bei ZwilHngsgeburten das eine Kind luetisch 
war, das andere daneben frei iblieb. Er erklärt diese Erscheinungen aus 
dem Umstande, dafs die Vererbung der Syphilis kein von der Infektion 
verschiedener Vorgang, sondern im Grunde genommen auch nur eine 
Ansteckung sei, dafs es also davon abhänge. ob den von den syphilitischen 
Organismen herstammenden Ei- oder Samenzellen mechanisch beige¬ 
mengtes Virus anhaftet oder nicht. Die zweite Frage ist die der 
patemellen Vererbung der Syphilis, d. h. ob der Vater allein, falls er 
luetisch ist, die Mutter aber der Infektion entgeht, seine Krankheit auf 
die Nachkommen vererben könne. Diese Frage wird in bejahendem 
Sinne dadurch entschieden, dafs 1. ein nachweislich syphilitischer Mann 
sait einer nachweislich gesunden Frau ein syphilitisches Kind erzeugte, 
und % dafs Ehen, in welchen vorher syphilitische Kinder geboren 
wurden, gesunde Kinder entsprossen, nachdem der Vater allein sich 
antiiuetischer Therapie unterzogen hatte. Von der mütterlichen Ver¬ 
erbung handelt der 3. Abschnitt. Dieser wurde im Gegensatz zu der 
paternellen von fast allen Autoren anerkannt, obgleich sie nicht mehr 
erwiesen ist, als die erstere. Auch für diesen Punkt führt F. zahlreiche 
Beweise aus der Litteratur an, und zwar erstens dafür, dafs eine 
syphilitische Frau mit mehreren gesunden Männern stets syphilitische 
Kinder erzeugte, und zweitens für den gewichtigen und einwandfreien 
Beweisgrund der reinen postconceptionellen Syphilisübertragung (50 Fälle). 
Durch letzte*e ist erwiesen, dafs von einer syphilitischen Mutter per 
placentam Syphilisvirus auf das Kind übergehen kann; nicht bewiesen 
werden kann aber, obwohl per analogiam mit der erwiesenen paternen 
spermatischen Vererbung sehr wahrscheinlich, die ovuläre Uebertragung, 
d. h. der Vorgang, dafs an dem Ei haftendes Syphilisvirus die Syphilis 
der Mutter auf das Kind überträgt. 

kn 4. Kapitel behandelt der Verfasser die Frage: Welche Ein¬ 
wirkung hat der vom Vater her syphilitische Foetus auf die Mutter? 
und mit ihr die Möglichkeit der Retroinfektion oder des Choc en retour 
(Syphilis conceptionelle) und der Erwerbung der Imunität gegen 
Lues seitens der Mutter, das sog. Colles’sche Gesetz. Bezüglich des ersten 
Punktes ist zu unterscheiden zwischen der frühzeitigen konceptionellen 
Syphilis (S. concept. pröcoce), die sich darin äussert, dafs die Mutter 
des ex pafcre syphilitischen Foetus während der Gravidität ohne Initial- 
affekt, unvermittelt, an sekundären Symptomen erkrankt, und der kon- 
eeptkmaUen tardiven Syphilis, d. h. den Fällen, in welchen die Mutter 
während der Gravidität mit dem syphilitischen Kinde und auch später 
noch lange Zeit sich gesund fühlt, keine Zeichen von Lues darbietet 
und sich erst spät, meist erst im Klimakterium, die ersten Erscheinungen 
einer a priori auftretenden unvermittelten tertiären Syphilis entwickeln. 
F. gelangt hinsichtlich der Syph. concept. pr£coce zu dem Schlüsse, 
dafe sie theoretisch durchaus möglich, aber klinisch bisher weder 
wissenschaftlich exakt erwiesen, noch weniger wissenschaftlich widerlegt 
sei. Doch erscheint es zweifellos, dafs ein Teil der hierhergehörigen 
Mütter, insbesondere jene, wo die Lues der Mütter frühzeitig in der 
Gravidität auftrat, ihre Lues eher (durch spermatische Infektion) dem 
Manne, als dem Foetus zu danken habe. (Schlufs folgt.) 


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Hyponomoderma oder Kriechkrankheit. Von Kaposi. 

In der Sitzung der Gesellschaft der Aerzte vom 15. April 1898 
demonstrierte Prof. K. ein kleines, ungefähr 2 1 / 2 Jahre altes Mädchen 
mit einer eigentümlichen Hautaffektion, für welche er den Namen Hypo¬ 
nomoderma vorschlägt, vor mehreren' Jahren hat Radcliff Crocker schon 
diese Krankheit unter den Namen »Creeping disease« Kriechkrankheit 
beschrieben. Vor 6 Wochen bemerkte die Mutter des Kindes, dafs in 
der obersten Zwischenschulterregion ein roter, etwas elivierter, juckender 
Fleck entstanden war, von welchem alsoald ein feiner, gradliniger, scharf 
begrenzter Streifen in der Richtung zur linken Schulter ausging. Dieser 
Streifen hat sich nun seither von Tag zu Tag etappenweise fort¬ 
schreitend zur linken Schulter und längs der hinteren Axillarlinie teils 
in geraden, teils zickzackförniig scharf oder bogenförmig sich da oder 
dort abbiegend oder mehrfach umkehrend und verschlingend, dem 
Stamm entlang nach abwärts fortgesetzt bis über den linken Hüftbein¬ 
kamm, wo sie derzeit mehrfache Querschlingen bildet mit einem nach 
vorne gerichteten, scharf abgesetzten geradlinigen Streifen. Die ältern 
Stellen sind bräunlich, das vorrückende Ende von einer thalergrofsen 
Rötung umgeben. In der rechten Schenkelbeuge befindet sich ein aus 
mehrlachen Schleifen solcher roter, erhabener Streifen gebildeter Herd, 
an der Vorderseite des rechten Oberschenkels ein dritter solcher Herd, 
welche untereinander und mit den erst beschriebenen keinen Zusammen¬ 
hang durch ältere und blasse Streifen erkennen lassen. Man kann die 
Erscheinung nicht anders deuten, als durch die Annahme, dafs ein 
Schmarotzertier sich fortschreitend in der Cutis einen Gang bohrt, 
stundenlang inne hält, dann wieder gradlinig und im Zickzack fortgräbt 

Aehnliche Fälle sind von russischen Aerzten wiederholt in den 
letzten Jahren beschrieben worden, es ist einigen derselben gelungen, 
den Parasiten am Ende des roten Streifens aufzufinden und als Larve 
von Gastrophilus equi zu diagnostizieren. Gewöhnlich wurde im Gegen¬ 
sätze zu dem vorgestellten Falle nur ein Exemplar beim Menschen be¬ 
obachtet. Eiterungen wurden bei der Affektion niemals beobachtet, 
wohl aber Pusteln und Bläschen. Therapeutisch gedenkt K. Styrax 
oder Bals. peruv. extern anzuwenden. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber Ernährung im kindlichen Alter jenseits der Säuglingsperiode. 

Von Steffen. Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. XLVI, Heft 3 u. 4. 

Im allgemeinen präcisiert S. seinen Standpunkt dahin, dafs er bis 
zum 2. Lebensjahre einer vorwiegend animalischen, später einer ge¬ 
mischten Kost, in der die stickstoffhaltigen Substanzen reichlich ver¬ 
treten sind, den Vorzug, giebt. Im speziellen giebt er folgende Vor¬ 
schriften : 

Nach der Entwöhnung, die im 9. oder 10. Monat stattzufinden 
hat, soll das Kind neben der Milch, die jetzt und auch noch fernerhin 
mit die Hauptnahrung bilden mufs, Fleisch erhalten und zwar zunächst 
gebratenes zartes Kalb-, Hühner- oder Taubenfleisch, das ganz klein 
geschnitten oder gewiegt wird, mit etwas kräftiger Sauce. Haben sich 
die Kinder an Fleisch gewöhnt, so kann man ihnen schon in diesem 
Alter dasselbe zweimal verabreichen und zwar abwechselnd einmal 


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warmes und einmal kaltes Fleisch, (fein geschabten rohen Schinken oder 
mild geräucherte Mettwurst). Vom. Genufs rohen Fleisches ist abzu¬ 
raten. Aufserdem kann man den Kindern, wenn dieselbe keine Abneigung 
dagegen haben, Fleischbrühe und Ei geben, von letzterm zunächst ein 
halbes, später ein ganzes Gelbei, ganz weich gekocht, etwa 2—3 Min., 
mit Salz. Von Fleischbrühen läfst man ganz klare Bouillon von Kalb, 
Huhn ohne Taube, ohne Grünes gekocht und ohne Einlage nehmen. 
Aufser den genannten verbietet man bis zum Ablauf des ersten Lebens¬ 
jahres jede andere Speise, insbesondere Brot, Kartoffeln, Schleimsuppen 
und alle Süfsigkeiten. 

Im ersten Lebensjahre kann man ein ganzes Ei geben und eine 
halbe Buttersemmel mit Schinken oder Wurst. Von Fleischsorten kann 
jetzt auch Filet und Roastbeef gegeben werden, ebenso ist unter Um¬ 
ständen etwas Pflaumen- oder Apfelmus am Platze. 

Mit dem zweiten Jahre erweitert sich das Menu etwas mehr, in¬ 
dem jetzt auch zartes Schweinefleisch, Hammel und Wild, eine ganze 
Semmel, etwas Kartoffelpüree und junges grünes Gemüse (Spargel, Spinat, 
Blumenkohl) in dasselbe aufgenommen werden können, auch mag die 
bisher klare Bouillon durch Einlage von Reis, Gries oder Nudeln etwas 
kompakter gemacht werden. — Je älter das Kind wird, desto reich¬ 
haltiger gestaltet sich die Speisekarte. Nach 3 Jahren sind fernerhin magerer 
Gänsebraten, etwas Brot, von Gemüsen Kohlrabi, Rüben, Schleimsuppen, 
ein wenig nicht zu süfse Mehlspeisen, leicht verdauliches frisches Obst 
gestattet. 

Vom vierten Jahre an lasse man die Kinder, natürlich unter Be¬ 
vorzugung einer animalischen Kost, anfangen allmählich alles mitzuessen, 
z. B. auch Fische und von Gemüsen Erbsen, Bohnen, Linsen, doch sollen 
alle sauren, stark gewürzten, fetten und schweren Speisen absolut ver¬ 
boten werden. Ebenso' ist der Alkohol in jeglicher Gestalt von der 
kindlichen Nahrung in diesem Alter noch völlig auszuschliefsen, und 
nur für Kranke und einer besonderen Stärkung bedürftige schwächliche 
Kinder zu verwenden. Kaffee und Thee dürfen nur in geringem Mafse 
gegeben werden. Chokolade ist nur ausnahmsweise gestattet und dann 
mit Milch. Ein Glas frischen Brunnenwassers zum Mittagessen ist sehr 
gesund. 

Für den letzten Abschnitt der Kindheitsperiode, vom 8.—15. Lebens¬ 
jahre ist im grofsen und ganzen dieselbe Kost geboten. Das nötige Ei- 
weifs soll vorwiegend aus den animalischen Nahrungsmitteln entnommen 
werden, da eine zu sehr aus Vegetabilien bestehende Kost noch bei 
Kindern dieses Alters allgemeine Ernährungsstörungen hervorruft, wie 
man dies besondes bei Mädchen, welche sich der Pubertät nähern, beob¬ 
achten kann, wo die Chlorose nur zu häufig als die Folge einer Ueber- 
ladung des kindlichen Organismus mit Kohlehydraten auftritt. Auch 
jetzt sind saure, stark gewürzte, tette und schwere Speisen, desgleichen 
alle Delikatessen thunlichst zu vermeiden. Von Getränken ist älteren 
Kindern leichter Kaffee in etwas gröfserer Quantität und etwas leichtes 
Bier zu gestatten, dagegen sind Weine streng zu verbieten. 

Künstliche Nährmittel sind für gesunde Kinder nicht nötig. 

Schnell, Egeln. 


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Zu der Lehre über die Funktion der Verdauungs-Fermente bei Kindern 

bei verschiedenen Erkrankungen. Von W. F. Jakubowitch, 

(Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 47, Heft 2 u. 3.) 

In diesem interessanten und lesenswerten Aufsatz berichtet Verf. 
über Versuche, die er bei 53 an den verschiedensten Krankheiten in 
der Akademischen Kinderklinik in St. Petersburg gestorbenen Kindern 
im Alter von 5 Tagen, bis zu 12 Jahren :ausgefuhrt hat Er kommt 
zu folgenden Schlüssen: 

1. Die Verdauungs-Fermente behalten nach dem Tode des kind¬ 
lichen Organismus ihre Funktionen noch einige Zeit bei. 

2. Bei verschiedenen Kindererkrankungen wird das zuckerbildende 
Ferment am wenigsten in, seiner Wirksamkeit geschwächt. 

3. Das zuckerbildende Ferment der Bauchspeicheldrüse erwies sich 
in allen beobachteten Fällen wirksamer, als dasselbe Ferment der Magen¬ 
schleimhaut. 

4. Das peptonisierende Ferment des Magens und des Pankreas 
erwies sich bei allen Krankheiten als geschwächt, obgleich nicht in dem¬ 
selben Grade. 

5. Das auf die Fette wirkende Pankreas-Ferment erwies sich m 

x / 3 aller Fälle als völlig unwirksam, in den übrigen Fälle dagegen als 
mehr oder weniger geschwächt. Korn bl um, Wiesbaden. 

Bauchmassage bei habitueller Verstopfung der Säuglinge. Von 

C. Cattaneo, (Klinisch-therapeutische Wochenschrift No. 23. 1898). 

C. rühmt die Wirkung der Bauchmassage bei habitueller Ver¬ 
stopfung der Säuglinge. Während diese Behandlung bei der Stuhl¬ 
verstopfung der Erwachsenen sich bereits eingebürgert hat, wird sie in 
der Kinderpraxis nur sehr wenig geübt. C. übt die Bauchmassage 
bei Kindern nach dem in der Heubner'schen Klinik gebräuchlichen 
Verfahren aus. Zunächst wird die Haut des Bauches mit der mit 
Vaselin befetteten Hand in grofsen Falten abgehoben, welche sanft 
zwischen den Fingern geknetet werden, dann wird die Knetung der 
musculi recti, hierauf der musculi transversi ausgefuhrt, diesen folgen 
zirkuläre Streichungen im Dünndarm in dem Raume zwischen Nabel 
und Schambein, den Schlufs der Sitzung bildet eine tiefe Knetung des 
Colon in seiner ganzen Ausdehnung. Vor der 1. Sitzung wird der 
Darm mittelst eines Abführmittels oder einer Irrigation entleert, um 
eine etwaige Verletzuug des Darms während der Massage durch die 
zu harten Faekalmassen zu vermeiden. Die ersten Sitzungen dauern 
2—4 Minuten, später kann man auch 6—10 Minuten massieren, fti 
den Fällen, in welchen der Bauch zu hart und gespannt ist, thut man 
gut, vor Beginn der eigentlichen Massage eine leichte zirkuläre Streichung 
auszuführen, um auf diese Weise die Bauchwand nachgiebiger zu 
machen. Die erste spontane Entleerung tritt nach 2—3 Sitzungen ein, 
die Verstopfung schwindet definitiv nach 4—6 wöchentlicher Behandlung. 
Kontraindiziert ist die Bauchmassage bei kleinen Kindern nur dann, wenn 
ein Entzündungszustand der Bauchorgane besteht, oder wenn, was noch 
viel seltener vorkommt, die BauchwancJ eine erhöhte Sensibilität auf¬ 
weist Dr. Goldbaum, Wien. 


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Ueber allgemeine und örtliche Blutentziehungen in der Kinderheilkunde 

von Baginsky. (Berl. klin. Wochenschrift 1898. No. 21). 

Verf. hat in einigen Fällen überraschende, lebensrettende Erfolge 
von dem Aderlafs bezw. der örtlichen Blutentziehung (Blutegel) gesehen. 
Der Aderlafs bewährte sich besonders in je einem Falle von Mitral- 
insufficienz, Lungenschrumpfung mit Bronchiectasien und endlich in einem 
Falle von schweren Masern. In dem letzteren war die Venaesection 
gar nicht mehr möglich, es wurde die Arteriotomie gemacht und zwar 
mit ausgezeichnetem Erfolge. Die entleerte Menge betrug stets 80 bis 
100 ccm. Verf. hält daher auf Grund seiner Erfahrungen die Venae- 
sektion für erlaubt und sogar für geboten, in den Fällen, in denen durch 
mechanische Hemmnisse im Blutkreislauf, Lähmung des überfüllten 
Herzens droht, wo es sich also um mechanische Entlastung des Kreis¬ 
laufes handelt. Für die örtliche Blutentziehung nimmt er bei der Eklampsie 
und zwar der einfachen, ganz besonders aber bei der urämischen, gleich¬ 
falls dimechanische Behinderung der Zirkulation im Schädel als 
Indikation. Wenn die Zirkulationsstörung im Gehirn so beträchtlich ist, 
dafs die üblichen Mittel, wie warme Bäder mit kalten Uebergiefsungen, 
Chloroform, Chloral u. s. w. im Stiche lassen, dann ist es angezeigt und 
eigentlich geboten, zur Anwendung von Blutegeln (1—2 am Kopfe) zu 
greifen, dann wird auch der Erfolg derselben noch ein günstiger sein 
können. Kl aut sch-Halle a. S. 

Ueber tanninhaltige Milch-Somatose. Von Schmidt. (Aus der medi¬ 
zinischen Klinik und Poliklinik zu Bonn. Münchn. med. Wochen¬ 
schrift 1897, N. 47.) 

Die Milch-Somatose macht, wie die Fleisch-Somatose, in grösseren 
Mengen genommen, Diarrhoe und zwar anscheinend noch etwas leichter 
und regelmäfsiger als die Fleisch-Somatose. Um nun die Milch-Soma¬ 
tose für die Verwendung bei Kindern und Patienten mit schwachen und 
erkrankten Verdauungsorganen geeignet zu machen, ist sie von den 
Fabrikanten (Farbenfabrik vorm. Fr. Bayer & Co. in Elberfeld) mit 
einem niedrigen Tanninzusatz (5 Proz.) versehen worden, derart, dafs 
das Tannin in chemischer Bindung darin vorhanden ist. Das so dar¬ 
gestellte Präparat löst sich glatt und vollständig in heifsem Wasser. 
Als zweckmäfsig hat sich erwiesen, etwa 1—2 Theelöffel das Präparates 
in heifsem Wasser gelöst und mit etwas Fleischextrakt versetzt als 
Bouillon zu geben. 

Das hauptsächlichste Wirkungsgebiet der tanninhaltigen Somatose 
sind die verschiedenen chronischen Erkrankungen des Verdauungstraktus, 
und zwar in erster Linie die auf atonische Zustände der Magendarm¬ 
muskulatur zurückzuführenden Verdauungsstörungen bei Enteroptose 
und Anämie. Bei Gebrauch von täglich 3 Theelöffel des Präparates 
hat Sch. ausnahmslos gute Erfolge gesehen, derart, dafs sich vor allem 
der Stuhlgang regelte, womit gewöhnlich die übrigen Beschwerden gleich¬ 
zeitig erheblich nachliefsen. 

Bei chronischen Enterititen katarrhalischer Natur konnte neben 
der Aufbesserung der motorischen Darmthätigkeit wiederholt eine 
günstige Beeinflussung der pathologischen Schleimabsonderung konstatiert 
werden. 


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Als ein erfolgreiches adstringierendes Nährpräparat hat sich ferner 
die tanninhaltige Somatose bei den auf tuberkulöser Basis beruhenden 
Enteritiden bewährt, sofern diese noch nicht allzuweit vorgeschritten 
waren. — 

Ausschliefslich zu styptischen Zwecken soll man das Mittel wegen 
seines geringen Tannningehaltes überhaupt nicht anwenden. Insbe¬ 
sondere bei akuten Darmkatarrhen ist sie wirkungslos, ebenso bei 
heftigen Diarrhoen chronischer Art, namentlich bei solchen, die auf 
nervöser Basis oder im Gefolge chronischer Nephritis auftreten. Es 
hindert das aber nicht die Anwendung in solchen Fällen, wo gleich¬ 
zeitig die Hebung der Gesamternährung indiziert ist. Aufser den bereits 
besprochenen Zuständen kommen in dieser Hinsicht noch in Betracht: 
der Typhus und die chronischen, mit Störungen der Darmthätigkeit ein¬ 
hergehenden Zehrkrankheiten der Kinder. Bei Typhus wurde die Soma¬ 
tose auch auf der Höhe der Erkrankung fast stets gut vertragen, und 
zwar selbst in Dosen von 3 Efslöffeln täglich. — Von den Zehrkrank¬ 
heiten des Kindes ist namentlich die Rhachitis, bei den Diarrhoen be¬ 
kanntlich eine häufige Komplikation bildend, ein geeignetes Feld für den 
Gebrauch der tanninhaltigen Somatose. Gute Erfolge wurden besonders 
bei gleichzeitiger Behandlung mit Phosphor-Leberthran gesehen. 

Schnell, Egeln. 

Heilung der Oberschenkelfrakturen bei Säuglingen und kleinen Kindern. 
Von Dollinger. (Ung. med. Presse No. 23. — Klinisch-therapeu¬ 
tische Wochenschrift No. 27. 1898.) 

Die bisher gebräuchlichen Behandlungsmethoden dieser Frakturen 
waren folgende: 

1. Methoden, welche einen Körperteil des Kindes als Schiene be¬ 
nutzen, wobei entweder der frakturierte Oberschenkel zum gesunden 
fixiert oder der Oberschenkel nach Auspolsterung der Inguinalbeuge 
flektiert und an den Bauch befestigt wird. Das erste Verfahren kann 
nur dort in Frage kommen, wo keine Verkürzung besteht und hat den 
Nachteil, dafs es unmöglich ist, das Kind rein zu halten. Die Be¬ 
festigung des Oberschenkels an den Bauch läfst wohl die Reinhaltung 
zu, bietet jedoch für eine Heilung ohne Verkürzung keine Garantie. 

2. Methoden, bei welchen zirkuläre Kontentivverbände oder 
Schienen angewendet werden. Auch diese Verfahren sorgen für eine 
Heilung ohne Verkürzung nicht vor. 

3. Heilung mittelst Streckgewicht. Diese ist mit Rücksicht auf die 
Reinhaltung bei kleinen Kindern mit grofsen Schwierigkeiten verbunden. 

Professor D. in Budapest wendet daher ein Verfahren an, welches 
diese Nachteile nicht hat und in folgendem besteht: 

Bekanntlich kommt bei Neugeborenen und kleinen Kindern eine 
Fraktur des Oberschenkels zumeist an der Grenze zwischen dem oberen 
und mittleren Drittel zu Stande, wobei das proximale Bruchende vom 
Ileopsoas emporgehoben, das untere von den Adduktoren medianwärts 
gezogen wird, so dafs der frakturierte Knochen an der Bruchstelle einen 
mit der Spitze nach vorne und aufsen gewendeten Winkel bildet. Wird 
diese Winkelstellung aufgehoben, so entsteht im Folge des Ueber- 
einandergleitens der Knochenenden eine Verkürzung um l 1 ^ b IS 2 x / 2 cm. 
Nach Aufhebung der Winkelstellung und Verkürzung mufs der Ober- 


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Schenkel derart fixiert werden, dafs er bis zur Heilung in der gleichen 
Stellung verbleiben kann. Aufserdem mufs auch das Säugen, Reinhalten 
und das Hinaustragen ins Freie ermöglicht sein. Diesen Anforderungen 
entsprechen am besten gut angepafste Schienen. Die Annäherung der 
frakturierten Knochenenden geschieht dadurch, dafs man den Ober¬ 
schenkel auf ca. 100° flektiert. In dieser Stellung bieten sich folgende 
Stützpunkte: Vorne die zwischen Spina anterior superior und dem 
horizontalen Aste des Schambeines befindliche Furche, hinten die vordere 
Fläche der unteren Aeste des Sitz- und Schambeines. Zur Gegen¬ 
extension wird die ganze hintere Fläche des Unterschenkels benutzt. 
Damit die Schiene sich sämtlichen Unebenheiten genau anpafse, macht 
man sie am besten aus plastischem Material, welches an die genannten 
Körperteile angelegt sich härtet und dazu ist Gips am entsprechendsten. 
Die Schiene hat vor dem zirkulären Verband den Vorteil, dafs sie 
täglich entfernt und wieder angebracht werden kann. Sie reicht am 
Rumpf bis ungefähr 5—6 cm oberhalb des Nabels hinauf und geht von 
da der Extremität entlang bis zum Fufs. Die gleiche Länge hat auch 
die hintere Schiene. Beide werden aus mit den feinsten Alabasterpulver in- 
prägnierten, 6—8 cm breiten, in warmem Wasser befeuchteten und etwas 
ausgedrückten weichen Mullbinden hergestellt. Die Binde wird in der 
erwünschten Länge bei Neugeborenen 6—8, bei gröfsern Kindern auch 
mehrfach derart zusammengelegt, dafs die einzelnen Schichten des dem 
Unterschenkel auf liegenden Teiles sich vollkommen decken, dieselben 
aufwärts allmählig auseinandergehen, so dafs die Schienen am Rumpfe 
ungefähr doppelt so breit sind, als am Unterschenkel. Die Schichten 
werden durch Glätten fest aneinandergeklebt, die der Extremität zuge¬ 
kehrte Fläche mit einem dünnen Wattelager ausgepolstert und die 
ganze Schiene mit 1—2 Lagen gipslosen Organtins umwickelt. Zuerst 
wird die vordere Schiene angelegt. Die frakturierte Extremität wird im 
Hüft- und Kniegelenk auf 90—100° flektiert, die Schiene im weichen 
Zustande angebracht und mit weicher Orgatinbinde fixiert, damit sich 
dieselbe überall dem Körper anlege. Nun wird mit dem Daumen der 
einen Hand die Schiene fest in die unterhalb der spina anterior superior 
befindliche Furche gedrückt, während die unter das Knie geschobene 
andere Hand das distale Knochenende in der entsprechenden Extension 
hält, bis die Schiene vollkommen erhärtet. Hierauf wird die /weite 
Schiene fertiggestellt, gleichfalls an den Rumpf und die Extremität be¬ 
festigt und während des Hartwerdens an die vorderen Flächen der 
unteren Sitz- und Schambeinäste gedrückt. Nach vollständiger Erhärtung 
wird diese noch für einen Moment abgenommen, um die die vordere 
Schiene fixierende weiche Mullbinde behufs Verhütung einer eventuellen 
Strangulation zu entfernen, sodann wieder angelegt und mit Organtin 
an die vordere Schiene befestigt. Der damit fertige Verband wird vor 
Verunreinigung am zweckmäfsigsten derart geschützt, dafs man die 
ganze Extremität samt Verband in eine weiche Windel pakt und eine 
zweite zusammengefaltet zwischen die Schenkel des Kindes legt, die 
dann so oft gewechselt werden kann, als nötig. Der Verband wird 
täglich untersucht. Ist derselbe durchnäfst, so wird vorerst die eine 
Schiene abgenommen, mit frischer Watte ausgepolstert und im Kamin 
getrocknet, während unterdessen die andere Hand die Extremität redres- 


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siert hält, dann wird mit der zweiten die nämliche Prozedur vorge¬ 
nommen. Gewöhnlich werden die Schienen in 8—10 Tagen unbrauch¬ 
bar und müssen erneuert werden. Zumeist genügen 2, selten 3 Schienen¬ 
paare bis zur vollständigen Heilung. Dr. Goldbaum, Wien. 


Gesundheitspflege. 

— Ueber die Dauer der Ansteckungsfähigkeit des 
Scharlachs von Borei. Die Engländer bezeichnen mit dem Aus¬ 
druck >return cases« die Fälle von Scharlach, welche in einer Familie 
oder Wohnung auftreten ohne andere Infektionsquelle als die Rückkehr 
eines Scharlachkranken aus dem Spital. B. berichtet über die Literatur 
dieses Gegenstandes in England, Amerika, Norwegen und Dänemark 
und bringt selbst Fälle aus dem Trousseauspital von 500 Scharlach¬ 
kranken in den letzten Jahren, eine kleinere Zahl als aus England be¬ 
richtet. Von diesen Kindern hatten 6 keine Abschuppung mehr, alle 
waren gebadet und abgerieben vor dem Verlassen des Spitals und die 
Zimmer waren desinfiziert worden. Diese Zahl von 5 auf 500 Fälle 
ist geringer als der von England gemeldete Prozentsatz. 

James Niver zählt in einer interessanten Statistik die Häuser, in 
denen 2 Fälle im Verlaufe von 6 Wochen sich ereigneten und teilt sie 
in 2 Kategorien: 1. in solche, wo kein Kranker Aufnahme gefunden hatte 
nach dieser Zeit; 2. in solche, wohin gerade in dieser Zeit ein Scharlach¬ 
kranker aus dem Spital zurückgekehrt war. 

Im Jahre 1894 traten in der ersten Reihe Häuser 
5 Fälle in der 7. Woche auf 
2 » » » 8 . * > 

2 > » » 9. » * 

Bei der zweiten Reihe Häuser (Niver zählt hier die Tage vom Be- 

Beginn der Krankheit und 10 Tage nach der Rückkehr des Kranken) 

traten: 

5 Fälle am 51—60. Tage auf 
i » » 61—70. » » 

5 * » 71—80. » » 

Diese Zahlen zeigen besser als alle Argumente, dafs die »return 
cases« nicht zufällig sind. Bei den Beobachtungen von Borei betrug 
der gröfste Intervall zwischen dem - Beginn der ersten Krankheit und 
dem Auftreten der zweiten 51 Tage. In einer Statistik von Usturdt 
findet sich eine Ansteckung nach 81 Tagen. 

Es kann also trotz der abgelaufenen Desquamation und trotz aller 
Vorsichtsmafsregeln der Desinfektion noch nach einer Isolierung von 
40 Tagen eine Ansteckung mit Scharlach stattfinden, wie auch Olivier 
in seinem Bericht an die Akademie der Medizin 1888 angenommen hat. 
Die Uebertragung kann stattfinden durch die Athemluft, Sachen, Kleider, 
durch Abschuppungsprodukte, Rachen- und Nasensekrete, durch patho¬ 
logische Zustände in der Rekonvaleszenz, endlich durch Urin und Eiter. 

B. schlägt deshalb vor, bei gewöhnlichen Scharlachfallen die 


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Isolierung 50 Tage oder gar 8 Wochen durchzuführen und auf die Des¬ 
infektion aller von Kranken bewohnten Räume, auf die Waschungen 
und Bäder, die Antisepsis und Desinfektion des Mundes, Rachens und 
der Nase der Rekonvaleszenten die gröfste Sorgfalt zu verwenden. Bei 
komplizierten Fällen mit Nephritis oder Eiterungen mufs man die 
Kranken bis zur vollständigen Heilung isolieren. (La m6d. mod. 1897, 81). 

Drews, Hamburg. 


Rezensionen. 

Grundzüge der Krankenernährung. Einundzwanzig Vorlesungen 
für Studierende und Aerzte. Von Prof. Dr. Moritz. Stuttgart, 
Ferdinand Enke, 1898. Preis Mk. 9. — 

Dafs in der modernen Klinik die Therapie oft zu kurz kommt, 
läfst sich nicht leugnen. Die Entwickelung der pathologischen Anatomie 
und der Bakteriologie hat dahin geführt, dafs die Besprechung der 
Aetiologie und der Pathogenese einen breiten Raum in dem klinischen 
Unterricht einnimmt und die Diagnose den Kernpunkt desselben bildet. 
Die Zeit, die für die Erörterung der Therapie übrig bleibt, ist gewöhn¬ 
lich knapp bemessen, und wenn diätetischer Mafsnahmen dabei über¬ 
haupt Erwähnung gethan wird, so beschränken sie sich meist 
darauf, dem Studierenden einzuschärfen, welche Speisen bei der be¬ 
treffenden Krankheit vermieden werden müssen. Positive Rat¬ 
schläge, in welcher Weise das diätetische Regime im einzelnen Fall an¬ 
zuordnen ist, erhält der Studierende viel zu wenig. 

Die Ueberzeugung, dafs dem jungen Arzt in seiner Praxis die 
sichere Handhabung der Diätetik ebenso noth thut wie ausreichende 
Erfahrung mit der medikamentösen Therapie, hat sich erst in neuester 
Zeit Bahn gebrochen. Die vorliegenden Vorlesungen von M. tragen ihr 
zum ersten Mal gebührend Rechnung. Sie eignen sich in der That 
zu systematischer Lektüre und nicht blofs zu gelegentlichem Nach¬ 
schlagen und bieten darin wohl gewisse Vorzüge gegenüber der treff¬ 
lichen Bearbeitung, die der gleiche Stoff in viel umfassenderer und ein¬ 
gehender Weise, ja schon in »Munck-Ewald’s Ernährung des gesunden 
und kranken Menschen« gefunden hat. In flotter Sprache nieder¬ 
geschrieben fassen sie in ihrem allgemeinen Teil kurz die Gesichtspunkte 
zusammen, von welchen aus die moderne Ernährungslehre behandelt 
sein will und geben im speziellen Teil in präziser Darstellung eine 
Uebersicht über Nahrungsmittel und Nährpräparate und ihre Verwendung 
am Krankenbett. 

Durch das ganze Buch weht der moderne Zug, die quantitativen 
Verhältnisse neben den qualitativen recht zu betonen. Wo es irgend 
angeht, ist der Calorienwert der betreffenden Nahrungsmittel angegeben 
und damit dem Faktor Rechnung getragen, durch den sich die rationelle 
Emährungstherapie von heute von der früheren nur empirisch fun¬ 
dierten entschieden vorteilhaft unterscheidet. Dadurch wird dem 
Studierenden das Verständnis für die Diätetik ungemein erleichtert und 


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dem jungen Arzt werden in grofser Zahl wertvolle Anhaltspunkte an 
die Hand gegeben, auch in ökonomischer Beziehung seine diäte¬ 
tischen Mafsnahmen zweckentsprechend zu treffen. So kann der Erfolg 
des Buches nicht ausbleiben. Für jeden der seinen Inhalt beherrscht, 
ist die daraus geschöpfte Kenntnis praktisch verwertbarer Vorschriften 
eine heilsame Ergänzung des therapeutischen Wissens, mit dem er sich 
in seiner Studienzeit vollgepfropft hat. Vielleicht entnimmt auch mancher 
jüngere Dozent und klinische Assistent dem Buche die Anregung und 
Anleitung, praktische Kurse der Diätetik und Krankenemährung für 
die Studierenden an der Universität abzuhalten. 

Weintraud. 

Pocket formulary for the treatment of disease in children by 
Ludwig Freyberger. London, The Rebman Publishing Company, 
1898. Preis 6 s. 6 d. 

Das vorliegende, in praktischem Ledereinband gebundene, für die 
Tasche berechnete Buch giebt in der Art der Rabow’schen Arzneiverord- 
nungen eine Uebersicht über die bei den Krankheiten der Kinder gebräuch¬ 
lichen Medikamente und enthält eingestreut viele erprobte Rezept¬ 
formeln. Die Ausstattung des Buches ist dieselbe praktische und elegante 
wie die aller englischen Bücher, von denen unsere deutschen Verleger 
noch sehr viel lernen können. Drews, Hamburg. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Zur Therapie des Keuchhustens. Von Weinberger. 

Während einer Keuchhustenepidemie zog Verf. bei seinen eigenen 
4 Kindern alle nur erdenklichen Mittel in Anwendung, aber stets ohne 
Erfolg. Schliefslich kam er auf den Gedanken, einen Versuch mit der 
Einatmung der Dämpfe des Pistyaner Thermalwassers zu machen. In 
einer Badekabine liefs er eine Wanne mit quell warmem Thermal wasser 
(45 °R) füllen und hier die Kinder eine Stunde Vor- und Nachmittags 
sich authalten. Der Erfolg war vorzüglich. Während des Aufenthaltes 
und in der Regel auch 2—3 Stunden nachher traten keine Anfälle auf, 
die Nächte waren ruhiger. Nach längerer Fortsetzung der Einatmungen 
wurden die Anfälle immer milder und seltener. Auch später hat sich 
das Verfahren durchaus bewährt. Verf. glaubt, dafs das Pistyaner 
Thermalwasser, welches überallhin in beliebiger Quantität versendet wird, 
gegen Tussis convulsiva sich bewähren würde, auch wenn man es in 
warmem Zustande mittelst eines Inhalationsapparates zerstäuben nnd je 
eine Stunde Vor- und Nachmittags die kranken Kinder einathmen liefse. 
Unter Umständen könnte sogar während der Nacht der Inhalationsapparat 
ein bis zwei Stunden in Thätigkeit gesetzt werden. (Win. klin. Wochen¬ 
schrift 98.) v. Boltenstern, (Bremen) 

— In der Gesellschaft der Aerzte in Krakau demonstrierte Lewkowicz 
einen 11-jährigen Knaben, bei welchem ein Solitärtuberkel im 
linken Parietallappen diagnostiziert wurde. Pat. leidet seit acht 


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Monaten an Schwindelanfällen und seit 4 Monaten gesellte sich Parese 
der rechten oberen Extremität hinzu. An der rechten oberen Körper¬ 
hälfte trat Beeinträchtigung des Tast-, Gefühls- und Temperatursinnes 
auf. Dazu traten Nystagmus und Schmerzhaftigkeit beim Perkutieren 
des Schädels in der Gegend des linken Parietallappens hinzu. Andere 
Erscheinungen wurden nicht beobachtet; die Muskeln zeigen keine Ent¬ 
artungsreaktion, sowie auch keine gesteigerten Reflexe beobachtet 
werden konnten. Lues konnte ausgeschlossen werden, da Jodkali keinen 
Einflufs auf den Verlauf der Krankheit ausübte, für Tuberkulose hin¬ 
gegen spricht der skrophulöse Habitus. (Klin. therap. Wchschr. 18U8.) 

Dr. Gold bäum, Wien. 

Ueber einige Störungen im Okulomotoriusgebiet nach 
Masern. Von Drei sch. Lähmungen im Gefolge von Masern, die 
im Allgemeinen als ungefährliche Krankheit auftreten, sind äufserst 
selten; überhaupt sind Nachkrankheiten von Masern, soweit sie nicht 
Affektionen der Schleimhäute des Mittelohrs, der Bronchien, des Darmes 
sind, wenig zu erwähnen. Gelegentlich einer im Frühjahr vorigen Jahres 
in Ansbach und Umgegend aufgetretenen, sehr ausgebreiteten Masern¬ 
epidemie bekam Verf. 8 Fälle von Lähmungen im Bereiche des Oku- 
lomotorius zur Behandlung, welche im Gefolge von Masern aufgetreten 
waren und die nach einiger Zeit vollkommen geheilt wurden. 

Eine Erklärung für das Zustandekommen der Accomoditions- 
lähmungen nach Masern oder Ophthalmoplegia externa läfst sich nur 
in Analogie der bei Diphtherie und anderen Infektionskrankheiten her¬ 
stammenden Lähmungen geben. Wenn es auch nicht gelungen ist, den 
spezifischen Erreger für Masern zu finden, so darf doch wohl sicherlich 
ein Mikroorganismus als solcher angesehen werden, der durch seine 
Stoffwechselprodukte entzündungserregend auf die Nervensubstanz wirkt. 
(Münchn. med. Wochenschr. 98). Kl autsch, Halle a. S. 

Ueber die Möglichkeit der Bildung von Diphtherietoxin 
aus Eiweifskörpern und auf Zucker enthaltendem Nährboden. 
Von Ferdinand Blumenthal. 

Diphtherietoxin wird aus Eiweifskörpern nicht gebildet. Auch in 
Peptonbouillon, welche bekanntlich die günstigsten Bedingungen für 
Wachstum und Toxinbildung bietet, unterbleibt letztere nach Zucker¬ 
zusatz. Dasselbe geschieht in reinen Zuckerlösungen, obgleich hier im 
Wasser und im Stickstoff der Luft die für die Bazillen zum Wachstum 
notwendigen Stoffe vorhanden sind. Dafs Zucker den Toxinstoffwechsel 
aus der Lebensthätigkeit des Diphtheriebazillus auszuschalten vermag, 
hat folgende Gründe: erstens verliert der Bazillus durch die stärkere 
Vermehrungsfähigkeit, welche er durch den Zuckerzusatz gewinnt, die 
Fähigkeit, Toxine zu bilden, ein zweites Moment liegt in der stärkeren 
Säurebildung der Bazillen aus Kohlehydraten, als aus N-haltigen Körpern, 
welche sich freilich durch stärkere Alkalisierung beseitigen läfst. Das 
wichtigste ist aber die Beschränkung des Bazillus auf den Kohlehydrat- 
stoftWechsel, welcher beim Diphtheriebazillus ohne nennenswerte Gift¬ 
bildung stattfindet. (Deutsche med. Wochenschr. 1898). 

Stern, Bad Reinerz. 


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192 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Tannin 0,6 

Acid. lactic. 2,0 
Aq. dest. 60,0 

Syr. simpl. 30,0 

MDS. 1 Theel. vor jeder Mahlzeit. 
Darmkatarrh. (V ariot). 

Rp.*) 

Kal. bromat. 1,0 

Chloralhydrat. 0,5 

Muc. gum. arab. 50,0 

MDS. zu einem Klysma. 
Gehäufte Anfälle 
von Laryngospasmus. 

Rp. 


Rp. Pilocarpin 

0,02 

Ammon, carb. 

2,0 

Kal. chloric. 

3,0 

Cognac. 

20,0 

Syr. Seneg. 

30,0 

Aq. dest. 

170,0 

MDS. stdl. 1 Kaffee- 

bis Efslöffel 


bis zum Schweifsausbruch. 
Angina diphtherit. (Frühwald). 


Rp. 

Spir. äther. 

Liq. Ammon, anis. aa 5,0 
DS. 1 / 2 —1-stdl. 5—10 Tropfen. 
Analepticum. 


Strychnin, nitric. 0,01—0,02 
Aq. dest. steril. 10,0 

DS. 1 Spritze subkutan zu in¬ 
jizieren. 

Beginnende Herzlähmung. 


Pilocarpin. 0,3—0,5 

Aq. dest. 90,0 

Acid. mur. dil. gtt. XV. 

Syr. simpl. 10,0 

MDS. 1-2 stdl. V* Efsl. 
oder: 

*) Die nachfolgenden Rezepte sind den soeben erschienenen »Vor¬ 
lesungen über spez. Therapie innerer Krankheiten« von Dr. N. Ortner 
(Wien und Leipzig, Wilh. Braumüller) entnommen. 


Kleine Mitteilungen. 

Unter dem Namen Thiocol (orthoguajakolsulfosaures Kalium) 
und Sirolin (eine Lösung von Thiocol in Orangensyrup) werden von 
der chemischen Fabrik F. Hofmann, La Roche & Cie. in Basel zwei an¬ 
geblich ungiftige Guajacolverbindungen dargestellt, die angenehmen oder 
schwach bitteren Geschmack besitzen, vollständig wasserlöslich sind 
und eine sehr grofse Reduktionsfahigkeit haben. Nach den bisherigen 
Versuchen kann man mit diesen Präparaten grofse Erfolge in der 
Behandlung Tuberkulöser erwarten. Es werden die Appetit er¬ 
regenden Eigenschaften, Besserung des Kräftezustandes, Erleichterung 
des Hustens, Zunahme des Körpergewichtes bei den damit Behandelten 
hervorgehoben. Weitere ausgedehnte Versuche müssen lehren, ob wir 
die neuen Präparate den bisher gegen die Tuberkulose angewandten er¬ 
probten Präparaten Guajakol, Guajacetin etc. zu substituieren Veran¬ 
lassung haben. 

Druck von Frz. Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Ehnder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

horftusgegeben 

von 

Dr. med. Sonnenberger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. S836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 105. Leipzig, 2. September 1898. IX. Jahrg. Heft 9. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Originalien: Friedmann, Zur Behandlung der chronischen Obstipation 
im Kindesalter. (193). — Referate: Hennig, Chronische Diphtherie (196). — 
Kassowitz, Diphtherieheilserum (197). — Berg, Diphtherieheilserum (198). — 
Strisower, Masern (200). — Köppen, Masern (201). — Behla, Keuchhusten (201). — 
Finger, Syphilis (Schlufs) (202). — Testloin, Gesichtserysipel (203). — Guinon, 
Colitis (203). — Keller, Eiweifsüberemährung (204). — Baron, Barlow’sche Krank¬ 
heit (204). — Strübing, Laryngospasmus (205). — Babeau, Rhachitis (206). — 
Sänger, Funktionelle nervöse Erkrankungen (207). — Seifert, Adenoide Vegetationen 
(208). — d*Astros, Hydrocephalus (210). — Thiry, Allgemeine progressive Paralyse 
(211). — Schenk, Einflufs auf das Geschlechtsverhältnis (212). — Gesundheits¬ 
pflege: Lewy, Gefährliches Spielzeug (213). — Rezensionen: Bernheim, Ueber 
die Pathogenese und Serumtherapie der schweren Rachendiphtherie (214). — Dolega, 
Zur Pathologie und Therapie der kindlichen Skoliose (214). — de Jager, Die 
Verdauung und Assimilation des gesunden und kranken Säuglings nebst einer 
rationellen Methode der Säuglingsemfthrung (214). — Kurze Notizen aus der 
Praxis und Wissenschaft (215). — Rezeptformein für die Kinder¬ 
praxis (216). — Kleine Mitteilungen (216j. 


Zur Behandlung der chronischen Obstipation im Kindesalter. 

Von Dr. Friedmann, Beuthen O.-S. 

Noch mehr als beim Erwachsenen bedarf die chronische Ver¬ 
stopfung des Kindes einer rationellen und prompten Behandlung; es ist 
begreiflich, dafs in einem Lebensalter, in welchem die Funktion der 
vegetativen Organe vor allen anderen für das Gedeihen und Wachstum 
den Ausschlag giebt, jede auch noch so geringe Störung derselben, wenn 
sie erst chronisch wird, nachteilige Folgen äufsert. Hierfür sehen wir 
gerade in der Verstopfung ein beredtes Beispiel, viel deutlicher als in 
ihrem allerdings nur äufserlichen Gegenstück — denn häufig ist die Eine 
die Folge der Anderen — der Diarrhöe. Der durch diese zu Tage 
tretende Schaden ist doch meist zu augenfällig und alarmierend und 

Dar KM«r-Arzt Haft 9. 1898. 


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194 


treibt die Mutter zum Arzt*). Nicht so bei der Obstipation, besonders, 
wenn sie mäfsigen Grades ist. Es mag da wohl der aufaaesksamen 
Mutter auffallen, dafs das Kind nur einmal in einem oder zwei Tagen 
mehr oder weniger harten Stuhl macht, dafs es dabei stark preist, dafs 
es viel schreit, da aber trotzdem noch eine erträgliche Zunahme zu 
verzeichnen ist, hält es die Mutter und häufig auch der Arzt nicht für 
geboten, einzugreifen. Gleichwohl kann es nicht zweifelhaft sein, dafs 
schon diese leichten Fälle bestimmte Schädigungen für den wachsenden 
Organismus nach sich ziehen, dafs sie zum mindesten infolge gesteigerter 
Fäulnis der Darmkontenta die Aufnahme von Ptomainen in den Kreis¬ 
lauf begünstigen und die Assimilation schwächen. Diese Zustände finden 
fernerhin ihren Ausdruck darin, dafs die Kinder, obgleich nicht aus¬ 
gesprochen krank, sich nicht mit der hinreichenden Frische entwickeln, 
sondern welk und schlaff werden. 

Treten erst die schweren und hartnäckigen Formen des Leidens 
ein, äufsert sich das Unlustgefühl der Kinder allzu stürmisch, kommt es 
zu Fieberattaquen, nervösen Erscheinungen, Anomalien der Blutbildung 
u. s. w., dann tritt an uns die Aufgabe heran, zu helfen. 

Die Behandlung mufs auf die Aetiologie zurückgreifen; die Krank¬ 
heitsfälle scheiden sich hiernach in zwei Gruppen, die zwar hier und 
da Uebergänge aufweisen, im ganzen aber bestimmt von einander zu 
sondern sind. Einmal entsteht die Verstopfung — und hier kommt 
vornehmlich die Säuglingsperiode und das frühe Kindesalter bis etwa 
zum Ende des zweiten Lebensjahres in Betracht — durch unzweck- 
mäfsige Ernährung. Erkranken können sowohl solche Kinder, die zu 
stark verdünnte oder quantitativ unzureichende Nahrung erhalten, weit 
häufiger aber diejenigen, die von der besorgten Mutter oder Wärterin 
weit über das gebührende Mafs hinaus gefüttert werden. Diese Kinder 
haben sich nicht nur mit dem schwer verdaulichen Kasein der Kuhmilch 
abzufinden, es werden ihnen auch noch alle möglichen Mehle und Breie 
verabreicht, die der schwache Säuglingsdarm unmöglich verarbeiten kann 
und denen gegenüber er über kurz oder lang insuffizient werden mufs. 

Ein zahlreiches Kontingent hierher gehörige Fälle liefern ferner 
Kinder aus der kritischen Zeit der Entwöhnung. Auch hier wird des 
Guten meist zu viel gethan. Was nur übereifrige Zärtlichkeit und Nach¬ 
giebigkeit auf der einen Seite, Indolenz und Beschränktheit anderer Seite 
sündigen kann, das gelangt hier zur Wirkung. Der Verdauungskanal 
des Kindes soll nicht nur so ziemlich alles das verarbeiten, was dem 
Erwachsenen häufig genug Beschwerden macht, es werden ihm auch 
die Ruhepausen vorenthalten, die er zur Verdauung und Assimilation 
nötig hat. So sehen wir unter den mannigfachen Störungen, die sich 
nur zu bald einstellen, die Verstopfung eine nicht geringe Rolle spielen. 

Die Behandlung dieser Gruppe von Obstipation ergiebt sich aus 
dem Entwickelten. Wir werden in den meisten Fällen sicher und 
dauernd helfen, wenn wir die Diät dem Alter angemessen gestalten. 
Nur vereinzelt und vorübergehend wird die Behandlung auf Klystiere, 

*) Sehr oft auch nicht! Der hierzulande unter Müttern und Hebammen weit ver¬ 
breitete Glaube von den „Zahndiarrhoen“, die vorteilhaft für das Gedeihen der Kinder 
seien, verschuldet sehr viele schwere Darmkatarrhe, namentlich des Säuglingsalters, die 
öfters einen tödtlichen Ausgang nehmen. Anm. d. Eedakt. 


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195 


Zäpfchen oder milde Abführmittel zurückgreifen. Entschieden zu warnen 
ist aber vor der leider auch bei Aerzten vielfach verbreiteten Gepflogen¬ 
heit, das Schwergewicht auf Verabreichung von Abführmitteln zu legen. 
Dadurch verschafft man sich nur einen augenblicklichen, billigen Erfolg, 
von dauernder Heilung kann aber nicht die Rede sein, im Gegenteil, 
die Trägheit und Schlaffheit des Darmes steigert sich, das Uebel kehrt 
immer hartnäckiger wieder. 

Mehrfach und erst neuerdings wieder in einer Arbeit aus der 
Heubner’schen Klinik von Cattaneo*) ist auf den Wert der Bauchmassage 
bei Obstipation der Kinder hingewiesen worden. C. führt eine 
Reihe von überwiegend dem Säuglingsalter angehörigen Fällen an, in 
denen er neben Regulierung der Diät die Massage ausgeführt hat oder 
von den Angehörigen der Kinder hat ausführen lassen und häufig schon 
nach wenigen Tagen dauernden Erfolg erzielt hat. So sehr ich die 
Bauchmassage bei älteren Kindern schätze — ich komme unten aus¬ 
führlicher darauf zurück —, so kann ich doch nicht glauben, dafs sie 
bei Säuglingen jemals sonderlich in Aufnahme kommen wild. Um durch 
Massage ein chronisch erkranktes Organ dauernd umzustimmen, dazu 
gehören nicht Tage, sondern Wochen und Monate, und darf sie nicht 
Laienhänden überlassen werden, sondern ist Sache des hierfür ge¬ 
schulten Arztes, der allein die erforderliche Zartheit, Vorsicht und Sach¬ 
kenntnis besitzt. Ist schon die Bauchmassage beim Erwachsenen schwierig, 
so ist sie es noch in höherem Grade beim Säugling, der selbst bei vor¬ 
sichtiger Ausführung unter Geschrei seine Bauchmuskeln derartig anspannt, 
dafs sie sich bretthart anfuhlen und die Fortsetzung der Manipulationen 
nur unvollkommen gestatten. Gerade die schnellen Erfolge, die C. 
erzielt hat, sprechen dafür, dafs er sie weniger der Massage, als der 
Diät zu verdanken hat, und ich schöpfte aus seiner Kasuistik von Neuem 
die Ueberzeugung, dafs man die Obstipation der Säuglinge lediglich durch 
Diätvorschriften heilen kann und soll. 

Die zweite Gruppe der chronisch obstipierten Kinder umfafst die¬ 
jenigen, bei denen das Leiden auf eine mangelhafte Konstitution des 
Darmrohres zurückzuführen ist. Das Säuglingsalter ist hiervon so gut 
wie ausgeschlossen. Meist handelt es sich um Kinder, bei welchen in¬ 
folge von Rhachitis, Anämie, allgemeiner Nervenschwäche und ähnlicher 
atrophischer Zustände die Muskulatur und Innervation der Darmwand 
gelitten hat, so dafs die Peristaltik nicht rege genug ist, um die Kontenta 
weiter- und herauszubefördern. Leichtere Fälle auch dieser Gruppe 
werden wir hier und da dadurch heilen, dafs wir bestimmte, durch 
längere Ruhepausen getrennte Speisestunden innehalten lassen und den 
Nahrungsmitteln durch Verabreichung von Obst, Honig, Pfefferkucken, 
Gemüse eine Begleitung mit auf den Weg geben, die ihnen die Passage 
durch das Darmrohr erleichtert. In den schweren Fällen aber, besonders 
wenn die oben erwähnten Konstitutionsanomalien zu Grunde liegen, tritt 
neben der kausalen Behandlung als ausgezeichneter und noch viel zu 
wenig gewürdigter Faktor die Bauchmassage im Verein mit aktiver 
und passiver Heilgymnastik in ihr Recht. Wer sich freilich damit be¬ 
gnügt, ihre Ausführung Laien zu überlassen und in wenigen Tagen 


*) Jahrbuch für Kinderheilkunde XLVII Band. 


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Erfolg zu versprechen, der wird keinen befriedigenden Erfolg erzielen. 
Die Massage ist und bleibt Sache des Arztes und es mufs den Ange¬ 
hörigen des Patienten eröffnet werden, dafs ein nachhaltiger Erfolg der 
Kur nur bei mindestens sechswöchentlicher Dauer gewährleistet werden 
kann. Lassen sich diese Bedingungen nicht erfüllen, so ist es besser, 
die Kur nicht erst zu beginnen, da sonst kein anderes Resultat heraus¬ 
kommen wird, als eine Diskreditierung der Massage. Erst in der be¬ 
zeichnten Frist vermag der Masseur die Thätigkeit der nervösen und 
muskulösen Elemente des Darmrohrs und der Bauchwand derartig an¬ 
zuregen, dafs sie nachhaltig wirkt und eventuell auch einmal eine Mehr¬ 
belastung zu bewältigen vermag. 

Meine Arbeit erhebt auf Vollständigkeit keinen Anspruch. Es 
kam mir hauptsächlich daraut an, hervorzuheben, dafs wir bei einem 
durchaus nicht gleichgiltigen Leiden des Kindesalters durch einfache 
und natürliche Mafsnahmen helfen können, ohne uns gleich in den 
Schoofs der allein seeligmachenden Pharmacie zu flüchten. 


Referate. 

Ueber chronische Diphtherie. Von Hennig. Volkmann’s Sammlung 
klin. Vorträge. Neue Folge N. 187. Leipzig i 897. Breitkopf & Härtel. 
Einzelpreis 75 Pf. 

Während die Diphtherie gewöhnlich ganz akut verläuft, giebt es 
doch auch nicht selten chronische Fälle, in denen eine Tendenz zur 
Bildung neuer diphtherischer Produkte länger als 3 Wochen besteht. 
Von diesen chronischen Diphtherien unterscheidet H. zwei grofse Gruppen, 
erstens die Fälle, in denen die chronische Diphtherie direkt an eine akute 
anschliefst, und zweitens die, die schleichend, fast symptomlos einsetzt. 
Die Kranken der zweiten Gruppe befinden sich durch Exacerbation der 
Lokalprozesse und durch plötzliches Auftreten schwerer Allgemeiner¬ 
scheinungen in steter Lebensgefahr und bilden für ihre Umgebung eine 
dauernde Ansteckungsgefahr und werden nicht selten der Ausgangs¬ 
punkt schwerer Familien- und Hausepidemien. 

Verf. zählt fünf Momemente auf, welche geeignet sind, einer Diph¬ 
therie den chronischen Charakter zu verleihen: l. Der Sitz der Er¬ 
krankung, indem als Prädilektionsstellen der chronischen Diphtherie der 
Nasopharynx, das Rachendach, der hintere Nasenabschnitt und die tief¬ 
liegenden Lakunen der Rachen- und Gaumenmandeln anzusehen sind; 
2. gewisse Grundkrankheiten, ererbte und erworbene, wie Tuberkulose, 
Lues, Skrophulose und Rhachitis; 3. akute Krankheiten, wie Scharlach 
und Masern; 4. die Disposition und zwar die individuelle, die zeitliche 
und örtliche; 5. die chronischen Katarrhe der oberen Luftwege und 
ihre Folgezustände. Bakteriologisch kommt Verf. auch bezüglich der 
chronischen Diphtherie zu dem Schlufs, dafs die Bedeutung der Löffler¬ 
bazillen für die Diphtherie bestritten werden mufs. 

Schmey, Beuthen. 


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Ueber Heilserumtherapie und Diphtherietod. Von Kassowitz. 

(Vortrag in der k. k. Gesellschaft der Aerzte am 27. März und 
3. Juni 1898). 

K. betont einleitend, dafs der Umstand, dafs eine Heil¬ 
methode allgemein anerkannt ist, noch nicht deren Richtigkeit beweist, 
wie sich das bei seiner Zeit allgemein acceptierten, jetzt gänzlich auf¬ 
gegebener Heilmethoden zeigt z. B. Venaesektion bei Pneumonie, Skari- 
fikation des Zahnfleisches bei Konvulsionen des Säuglingsalters. Wenn 
man nach den Ursachen forscht, warum das Serum anerkannt wurde, 
so stöfst man auf grofse Verschiedenheit der Auffassung. Schon die 
theoretischen Grundlagen der Serumtherapie sind anfechtbar, da die 
spezifische Natur des Löffler sehen Bazillus jetzt vielfach angezweifelt 
wird, auch würde die vollständige Exaktheit der experimentellen Grund¬ 
lage nicht an und für sich den Erfolg in der Therapie verbürgen, wie 
sich dies bei Tetanus, Pest etc. zeigt. Mafsgebend ist nur die Erfahrung, 
wo allerdings sich die grofse Majorität der Autoren günstig äufsert. 
In der Statistik wird nicht die Gesamtsterblichkeit, sondern die perzen- 
tuelle berücksichtigt, was durchaus unzulässig ist, denn es läfst sich viel 
leichter aussagen, dafs jemand an Diphtherie gestorben ist, als dafs er 
an Diphtherie gelitten hat. Es hat sich ferner gezeigt, dafs selbst bei 
Injektionen in den ersten 3 Tagen der Erkrankung viele zu Grunde 
gingen (42°/ 0 der trotz Serumbehandlung Gestorbenen). Durch die 
frühzeitige Aufnahme ins Spital wird das Material wesentlich besser 
gemacht, es kommen Kinder mit den leichtesten Aflfektionen ins Spital. 
Ferner wird jetzt mit Belägen einhergehende Rachenaffektion, wo sich 
der Löffler sehe Bazillus findet, als Diphtherie bezeichnet; es werden 
selbst ganz leichte Fälle als Diphtherie erklärt und injiziert. Seit Ein¬ 
führung des Serums ist die Zahl der in die Diphtherieabteilungen auf¬ 
genommenen Kinder enorm gestiegen, das gleiche gilt für die Zahl der 
angezeigten Fälle. Die jetzige Statistik darf mit der früheren absolut 
nicht verglichen werden. Aus dem angeführten ergiebt sich logischer¬ 
weise die Abnahme des Mortalitätsprozentes. Auch ist zu berücksichtigen, 
dafs vor der Serumtherapie die Diphtheriesterblichkeit thatsächlich nicht 
so hoch war, als man jetzt gewöhnlich angiebt. Weiter wird durch die 
Abrechnung der moribunden, septischen, mit Bronchialcroup einher¬ 
gehenden Fälle in künstlicher Weise das Mortalitätsprozent gebessert. 
Mafsgebend ist nur die Gesamtsterblichkeit. Zeitweiliges, beträchtliches 
Absinken der Jahressterblichkeit an Diphtherie wurde auch früher be¬ 
obachtet. Andrerseits zeigte sich in Petersburg, Triest etc. enormes 
Ansteigen der Gesamtsterblichkeit während der Serumperiode. 

Zu den klinischen Beobachtungen übergehend, meint Vortragender 
dafs, wenn sich das Serum bewährt hätte, die absolute Zahl der Todes¬ 
fälle abgenommen haben müfste. Beobachter eines grofsen Materiales 
(Brown, Rose) behaupten, sie seien zur Ueberzeugung der Wirkungs¬ 
losigkeit des Serums gelangt. Wenn das Serum das Diphtheriegift un¬ 
schädlich mache, so müfsten wir mit Bestimmtheit erwarten, dafs die 
postdiphtherischen Lähmungen und die Nierenaffektionen nicht oder nur 
in geringem Grade aufträten; davon ist aber keine Rede. Ferner müfste 
viel häufiger der absteigende Croup vermieden werden; thatsächlich er- 


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liegt die gröfste Mehrzahl der Kinder diesem Fortschreiten des Prozesses. 
Betreffs des Fiebers hat Behring angegeben, dafs dasselbe 24 Stunden 
nach der Injektion abfalle; eigenen Beobachtungen und Beobachtungen 
anderer Autoren haben aber ergeben, dafs dies in vielen Fällen auch 
ohne Injektion der Fall ist. Von einer günstigen Wirkung auf das 
Allgemeinbefinden hat selbst Prof. Escherich, ein Anhänger des Serums, 
nicht gesehen. Baginsky konstatiert eine günstige Beeinflussung des 
Lokalprozesses, dessen Assistent Dr. Schatz behauptet auf Grund des¬ 
selben Beobachtungsmaterials das Gegenteil. 

Bei Operierten kam auch die vorhergegangene Injektion die diph- 
theritische Erkrankung der Tracheötomiewunde nicht verhindern. 

Seit in der letzten Zeit der Löffler’sche Bazillus auch bei Scharlach¬ 
diphtherie und virulente Bazillen auch bei Gesunden gefunden werden, 
mufs man mit Recht zweifeln, ob dieser Bazillus der eigentliche Erreger 
der Diphtherie ist. 

Der Einwand, dafs der Bazillus nur auf lädierter Schleimhaut¬ 
pathogen wirke, ist nicht stichaltig, denn man hat ihn auch bei ein¬ 
fachen Anginen, in Tonsillotomiewunden, bei Aphthen, Stomatitis ulcerosa 
gefunden, Fälle, bei denen man gewifs nicht von intakter Schleimhaut 
reden kann. Der Löffler’sche Bazillus läfst sich nach Ablauf der Diph¬ 
therie wochen- oder monatelang nachweisen. Einen Typhus recurrens 
betrachten wir als geheilt, wenn im Blute keine Spirillen nachzuweisen 
sind. Warum sollte bei Diphtherie, wenn der Löffler’sche Bazillus der 
Erreger ist, nicht ähnliches der Fall sein? 

Die bakteriologische Forschung hat aufserordentliches geleistet und 
wird gewifs noch Vieles leisten. Doch bleibt es ihr noch Vorbehalten, 
den wahren Erreger der Diphtherie zu entdecken. 

Goldbaum, Wien. 

Ueber die nach Antitoxinbehandlung der Diphtherie auftretenden Exan¬ 
theme, deren Pathogenese und Prophylaxe. Von H. W. Berg. 
Nach einem Vortrage der New-York Academy of Medicine. (Klin. 
therap. Wochenschr. N. 29, 1898). 

Von der Ueberzeugung durchdrungen, dafs die Serumtherapie der 
Diphtherie allen anderen Behandlungsmethoden an Wirksamkeit weit 
überlegen ist, und die Thatsache der herabgesetzten Mortalität keiner 
weiteren statistischen Beweise bedarf, hat B. den Nebenwirkungen 
des Serums seine besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Unter diesen 
nehmen die nach Seruminjektion auftretenden Exantheme eine besonders 
wichtige Stellung ein. Diese Serumexantheme können unter verschie¬ 
denen Formen auftreten, indem sie bald der Urticaria, bald Erythemen, 
bezw. Masern- und Scharlachexanthemen ähnlich sind. Hinsichtlich ihrer 
Lokalisation und Dauer zeigen sie grofse Verschiedenheiten, auch könn.m 
bei demselben Patienten verschiedene Formen nebeneinander bestehen. 
Die Exantheme nach Diphtherieseruminjektion sind ein sehr häufiges 
Vorkommen. 

Die Exantheme sind klinisch wegen der Differentialdiagnose von 
Masern und Scharlach wichtig. Im allgemeinen führen sie nicht zur 
Verschlimmerung des Allgemeinzustandes, doch kommen auch Fälle vor, 


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wo mit dem Auftreten der Exantheme auch Komplikationen von Seite 
lebenswichtiger Organe sich einstellen. 

Alle Serumexantheme sind kongestiv-hyperämischer Natur und 
lassen sich in folgende Gruppen sondern: 

1. Einfache Erytheme. 

2. Masemartige Erytheme: 

a) ohne, 

b) mit Desquamation. 

3. Scharlachartige Erytheme: 

a) ohne, 

b) mit Desquamation. 

4. Fälle, die dem multiformen Erythem oder urticariaähnlich sind. 

Der Lokalisation nach können die Exantheme lokalisiert oder 

generalisiert sein. Der Form nach ist die Gruppe 1 und 4 am häufigsten 
vertreten. Prodromalsymptome sind bei den Serumexanthemen nicht 
immer vorhanden, weit häufiger wird Temperatursteigerung mit dem 
Ausbruche der Exantheme beobachtet. Die Temperatur sinkt meist 
rasch ab, nachdem das Exanthem seine Acme erreicht hat, doch kommen 
auch Fälle vor, wo das Fieber durch längere Zeit andauert, namentlich 
bei morbilliformen und skarlatiniformen Exanthemen, bei diesen kommen 
auch entzündliche Komplikationen von Seiten der inneren Organe — 
Nephritis, Bronchopneumonie, Otitis — zur Beobachtung, ferner poly- 
arthritische Symptome. Das Auftreten morbilliformer Exantheme nach 
Seruminjektion kann im allgemeinen als prognostisch ungünstiger Faktor 
gedeutet werden. Die Exantheme sind häufiger cirkumskript, als gene¬ 
ralisiert, sie können ganz entfernt von der Injektionsstelle auftreten; die 
an der Injektionsstelle selbst bald nach der Einspritzung auftretenden 
Exantheme sind ein Ausdruck der örtlichen Reizwirkung des Serums. 
Die skarlatiniformen und morbilliformen Exantheme sind häufiger gene¬ 
ralisiert. Die Zeit des Auftretens der Exantheme ist eine variable, meist 
erfolgt dasselbe in den ersten Tagen nach der Injektion, manchmal aber 
auch erst nach Wochen, wobei die Diphtherie schon abgelaufen sein 
kann. Am frühesten treten die dem Erythema multiforme ähnlichen 
Exantheme auf, später die skarlatiniformen, noch später, meist 9 bis 
14 Tage nach der Injektion die morbilliformen. Die Dauer der Exan¬ 
theme variiert von einigen Stunden bis zu einigen Tagen, oft kommen 
Rezidive vor, die in ihrem Bilde nicht immer dem ersten Exanthem 
gleichen. Desquamation nach den Seruminjektionen ist nach den Be¬ 
obachtungen B.’s ein nicht seltenes Vorkommnis. Die Serumexantheme 
verschwinden auf Fingerdruck, ein Beweis ihrer rein kongestiven Natur, 
nur die dem multiformen Erythem ähnlichen zeigen einen exsudativen 
Charakter, , 

Bei den letzteren Fällen findet man auch Hautjucken. Die zur 
Gruppe des multiformen Erythems gehörigen Exantheme zeigen mannig¬ 
fache Formen, papulär, annulär, urticariaähnlich etc. Von Wichtigkeit 
ist die Differentialdiagnose der morbilliformen und skarlatinoformen 
Serumexantheme gegenüber Masern und Scharlach. Bei ersteren ist 
auf das Fehlen der katarrhalischen Prodromalsymptome, ferner auf das 
Fehlen der Gleichmäfsigkeit der Eruption und deren unregelmäfsige 


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Verteilung Gewicht zu legen. Beim skarlatiniformen Exanthem ist die 
Differentialdiagnose mit Rücksicht auf die gleichzeitig bestehende Rachen¬ 
affektion schwieriger. Hier kommt das Fehlen von Erbrechen, die un- 
regelmäfsige Verteilung, das frühzeitige Auftreten von Gelenkschmerzen, 
die kürzere Eruptionsdauer gegenüber dem echten Scharlach in Betracht. 

In pathologischer Hinsicht sind die Sei umexantheme auf Cirkulations- 
störungen in der Haut zurückzuführen. Meist handelt es sich um blofse 
Hyperämie, seltener um Exsudationsvorgänge. Von Wichtigkeit ist die 
Feststellung der Pathogenese der Serumexantheme, dieselben kommen 
zweifellos durch die Einführung des Diphtherieantitoxins in den Kreis¬ 
lauf zu Stande. Nach Versuchen mit der Injektion normalen Pferde¬ 
serums bei gesunden Individuen haben gezeigt, dafs die Erzeugung der 
Exantheme dem Serum an sich und nicht dem dem Antitoxin zuzu¬ 
schreiben ist, indem auch unter diesen Verhältnissen Exantheme auf¬ 
traten. Die Injektionsexantheme sind zu erklären: 

1. Aus einer direkten Reizwirkung auf die vasomotorischen Nerven 
und Gefäfse an der Injektionsstelle. 

2. Nach Uebergang in die Blutbahn Wirkung auf die vasomotorischen 
Centren, im Sinne einer Reizung oder Lähmung. 

3. Die Wirkung kann bei der Ausscheidung des Antitoxins durch 
die Hautkapillaren und Schweifsdrüsen zu Stande kommen, und zwar 
durch örtliche Reizung. 

Letzterer Modus scheint der bei weitem häufigste zu sein. Es 
scheint auch eine Erklärung der Hauteruptionen bei den akuten infek¬ 
tiösen Exanthemen in gleicher Weise denkbar. 

Zum Schlüsse bespricht B. die Methoden der Serumgewinnung 
und jene Bestrebungen, welche dahin gehen, ein Serum darzustellen, 
welches keine Exantheme hervor ruft. Da das Serum der Träger der 
Exanthem erzeugenden Wirkung ist, so soll man vor allem möglichst 
grofse Antitoxinmengen in kleinen Serummengen applizieren d. i. ein 
möglichst hochwertiges Serum an wen den. Da ferner beim filtrierten 
Serum weniger Exantheme auftreten, so soll man nur filtriertes Serum 
an wenden. Der antitoxische Wert wird durch die Filtration nicht ge¬ 
schädigt, auch ist keine neuerliche Sterilisation notwendig. 

Gold bäum, Wien. 

Behandlung der Masern. Von Strisower. (Klin.-therap. Wochen¬ 
schrift N. 27, 1898). 

Verf. wendet mit Erfolg bei Masern Ichthyolsalbe an. Er 
läfst morgens und abends die ganze Hautoberfläche mit einer Salbe, be¬ 
stehend aus 30 g Ichthyol auf 90 g Axungia, einreiben. Wenn man 
diese Behandlung gleich im Beginne zu einer Zeit einleitet, wo das 
Exanthem noch auf die Rachenschleimhaut beschränkt ist, so kann man 
einen vollständig abortiven Verlauf erzielen. Es tritt dann keinerlei 
Hautexanthem, auch kein Fieber auf, und die Kinder werden rasch ge¬ 
sund. Wendet man das Ichthyol zu einer Zeit an, wo das Exanthem 
schon ausgebrochen ist, so sieht man schon nach 1—2 Einreibungen 
die Temperatur abfallen und das Exanthem rasch nachlassen und ver¬ 
schwinden. Nach 4—f) Tagen tritt immer vollständige Heilung ein, 


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worauf man den Kranken ein warmes Bad nehmen läfst, um die Salbe 
von der Haut zu entfernen. Goldbaum, Wien. 

Bolognini’s Masemsymptom. Von A. Koppen. (Centralbl. f. innere 
Med. No. 26. Iö98.) 

Das von Bolognini beschriebene Masemsymptom besteht darin, 
dafs, wenn man einem Masemkranken in Rückenlage und bei ent¬ 
spannten Bauchmuskeln beide Hände auf den Leib legt und mit den 
Spitzen der drei mittleren Finger abwechselnd rechts und links einen 
leichten, allmählich sich steigernden Druck auf die Bauchwand ausübt, 
man die Empfindung eines leichten Reibens hat. Dieses Symptom soll 
eine der frühesten Prodromalerscheinungen sein, insbesondere noch vor 
dem Schleimhautexanthem im Rachen sich zeigen. Verf. hat 316 
masernkranke Kinder daraufhin untersucht und kommt zu dem Resultate, 
dafs das von Bolognini entdeckte Symptom bei Masern sehr häufig 
vorkomme, dafs es aber nicht als pathognomonisch für Masern anzu¬ 
sehen sei, da es der hierbei fast immer veränderte Darminhalt sei, der, 
mehr oder weniger flüssig, mit feinverteilter Luft gemischt, durch die 
entspannten Bauchdecken hindurch fühlbar, das Bolognini’sche Symptom, 
übrigens kein Reiben, sondern ein Knistern, gebe. 

Kornblum, Wiesbaden. 

Zur Aetiologie der Tussis convulsiva. Von Behla. (Deutsche med. 

Wochenschrift 1898 No. 19). 

Die Zeiten sind vorüber, wo man den Keuchhusten als einen ein¬ 
fachen Katarrh, als eine Neurose etc. betrachtete; das ganze Wesen, die 
Ansteckungsfahigkeit und der epidemische Charakter sprechen für eine 
Infektionskrankheit. Unzweifelhaft haftet das Virus dem Auswurfe an; 
in diesem hat man von jeher nach dem Träger des Ansteckungsstoffes 
gesucht. Während aber die einen einen Hyptomyceten und Schizo- 
myceten dafür verantwortlich machen, haben andere niedrigste Tiere 
als solchen angesehen. 

Infolge von Untersuchungen in allen Stadien der Krankheit, regel- 
mäfsiger täglicher Kontrolle einzelner Fälle, des Verfolgens künstlich 
bei Körperwärme gehaltenen Sputums in Präparatengläsern und unter 
dem Deckglas, ist Verf. zu der Ansicht gekommen, dafs der Erreger der 
Pertussis ein Mikroorganismus nicht bakterieller Natur ist, der sich weder 
im Blut noch im Epithel findet und kein intracelluläres Wachstum be¬ 
sitzt, sondern dafs derselbe, wie auch Deichler und Kurloff meinen, den 
Protozoen angehört. Sein ganzes Verhalten spricht dafür, dafs er eine 
Amöbe ist, die neben der Vermehrung durch Teilung auch Sporenbildung 
aufweist. Im katarrhalischen Stadium ist der Parasit noch spärlich anzu- 
treflfen; hier sieht man mehr die amöboiden Formen — auf der Höhe des 
Hustens, im konvulsivischen Stadium überwiegen neben vegetativen Zu¬ 
ständen, die runden, ovalen, glänzenden Körperchen — im letzten Stadium 
nehmen die Parasiten an Zahl wieder ab, beim letzten Abklingen des 
Hustens fehlen sie. Der Prädilektionssitz des Parasiten ist die Luftröhren¬ 
schleimhaut von der unteren Trachea an. 

Bezüglich der Parasitenuntersuchung rät Verf. dazu, das durch- 


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sichtig-schleimige Sputum aus dem ersten Stadium in einem erwärmten 
Glare aufzufangen und sofort in ungefärbtem Zustande auf einem er¬ 
wärmten Objektglas im Wärmemikroskop zu untersuchen. Das Trocken¬ 
präparat verwischt das Bild. 

Therapeutisch ist Bromoform und Antipyrin entschieden anfalls¬ 
mildernd; doch sind dies nur symptomatische Mittel; das bislang beste 
antiparasitäre Medikament ist und bleibt Chinin. 

Klautsch, Halle a. S. 

Die Vererbung der Syphilis. Von Finger. (Schlufs von Seite 181). 

Bezüglich der tardiven konzeptionellen Syphilis steht F. auf dem 
Standpunkte, dafs für deren Vorhandensein zwar eine Reihe von sehr 
auffälligen Beobachtungen zu sprechen scheint, dafs sie aber noch nicht 
ein wandsfrei erwiesen wurde, während auf der anderen Seite auch die that- 
sächliche Widerlegung der tardiven konzeptionellen Lues bisher noch 
nicht gelang. In Bezug auf das Colles’sche Gesetz äufsert sich F., dafs 
erfahrungsgemäfs die weitaus gröfste Zahl der gesund bleibenden Mütter 
ex patre syphilitischer Kinder durch die Gravidität eine Immunität gegen 
Syphilisinfektion erwirbt, welche Immunität aber mit Syphilis der Mutter 
nicht zu identifizieren ist. In einer 8. Gruppe von Fällen endlich bleibt 
zwar die Mutter von jeder Einwirkung ihres ex patre syphilitischen 
Kindes in utero verschont, sie bleibt gesund wird aber auch nicht immun 
und kann nach der Geburt des syphilitischen Kindes von diesem oder 
in anderer Weise syphilitisch infiziert werden. (Ausnahmen vom Colles- 
schen Gesetz). 

Einen weiteren wichtigen Punkt erörtert Finger im folgenden Ab¬ 
schnitte: wie verhalten sich die trotz Syphilis der Eltern gesund ge¬ 
bliebenen Kinder einer späteren Syphilisinfektion gegenüber? Im all¬ 
gemeinen geht nun die Ansicht dahin, dafs diese Kinder eine Immunität 
gegen Syphilis erwerben (Profetasches Gesetz), doch giebt es auch 
zweifellos bewiesene Mafsnahmen hiervon, und es ist daher unsere Auf¬ 
gabe, falls wir in einer Familie gesunde Kinder syphilitischer, noch mit 
kontagiösen Erscheinungen belasteter Eltern finden, die Mafsnahmen 
der Prophylaxis für den gesunden Teil nicht aufser Acht zu lassen. 

Bezüglich der Syphilis tarda, d. h. der Möglichkeit, dafs Kinder 
syphilitischer Eltern gesund zur Welt kommen, lange Zeit auch gesund 
bleiben und erst später, meist in der Pubertätsperiode oder noch nach 
dieser Zeit an rein tertiären Erscheinungen erkranken, verhält sich der 
Verf., obwohl er die theoretische Möglichkeit zugiebt, ablehnend, da ihm 
bisher noch keine einwandsfreien Fälle bekannt geworden sind, d. h. 
solche Fälle, in denen die Konstatierung der Syphilisfreiheit des Kindes 
von Geburt an bis zum Ausbruch der tertiären Erscheinungen auf dem 
Wege einer ständigen ärztlichen Ueberwachung möglich war. F. erklärt 
das unvermittelte Auftreten der tertiären Lues als durch die Toxine des 
Syphilisvirus hervorgerufen und führt besonders auch als beweisend 
für seine Hypothese die Nichtkontagiosität der tertiären Formen, welche 
mit der Anwesenheit des Virus in Widerspruch stehen würde, an. 

Der letzte Abschnitt behandelte ausführlicher noch den Anteil der 
Plazenta an der Möglichkeit der Uebertragung. Dieselbe kann a) durch¬ 
lässig sein für das Virus, b) undurchlässig für das Virus, aber durchlässig für 
die immunisierenden Toxine und c) absolut undurchlässig sowohl für 


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Toxine. Unter welchen Umständen und Bedingungen aber die Plazenta 
sich bald durchlässig bald undurchlässig erweist, entzieht sich bisher 
unserer Einsicht. Baron, Dresden. 

Behandlung des Gesichts-Erysipels. Von Dr. Testloin. (Klinisch¬ 
therapeutische Wochenschrift No. 27, 1898.) 

T. behandelt den Gesichts-Erysipel mit Umschlägen von Infusum 
floris genistae. 100—150 gr dieser Blume werden mit 1 Liter kochendem 
Wassers übergossen und etwa 10 Minuten aufgekocht. Nach Erkalten 
setzt man 5 °j w Salizylsäure hinzu und filtriert. Sterilisierte Gazekom¬ 
pressen werden nun mit dieser Flüssigkeit getränkt und auf die erkrankte 
Stelle gelegt, darüber ein wasserdichter Stoff. Die Umschläge, welche 
die erkrankte Partie überragen müssen, werden 2 mal täglich erneuert. 
Die Kranken geben nach Anwendung dieser Umschläge an, dafs sie 
sich wohler fühlen und weniger Schmerzen haben. 95 so behandelte 
Fälle wurden sämtlich geheilt, obgleich mancher von ihnen schwere 
Komplikationen wie: Albuminurie, hohes Fieber mit Delirien, Gelenk¬ 
rheumatismus, Abszesse u. s. w. aufwiesen. Diese Umschläge üben 
offenbar eine analgetische Wirkung infolge des in den flores genistae 
enthaltenen Sparteins, andererseits haben sie offenbar eine antiseptische 
Wirkung infolge des Salizylzusatzes. Dr. Goldbaum, Wien. 

Formes et traitement de la colite chez l’enfant. Von L. Guinon. 
(Gaz. hebd. de m6d. et de chir. 1898, 27). 

Die Versuche, einzelne Formen der Erkrankungen des Digestions- 
traktus bei Kindern zu isolieren, sie in diesem oder jenem Darmabschnitt 
zu lokalisieren, können immer nur zu dem Resultat einer künstlichen, 
keiner anatomischen Einteilung führen, weil der kindliche Magendarm¬ 
kanal ein einheitliches Ganzes darstellt, und zwar um so mehr, je 
jünger die Kinder sind, weil« bei Erkrankungen des Darmes auch stets 
der Magen beteiligt ist. Wohl können hier oder da gastrische oder 
intestinale Symptome vorwiegen. Wenn das letztere der Fall, ist die 
symptomatische Unterscheidung einer Colitis oder Enterocolitis, welchen 
Ausdruck Verf. der Enteritis follicularis oder catarrhalis als zutreffendere 
vorzieht, gerechtfertigt zumal bei älteren Kindern, obwohl auch hier oft 
gastrische Symptome (Erbrechen, belegte Zunge u. s. w.) nicht mangeln. 
Akute Colitis — Verf. beschreibt eingehender eine schwere, eine 
leichte, eine lokalisierte oder partielle und eine dysenterische Form, — 
wird am zahlreichsten bei Kindern unter drei Jahren, zuweilen 
in epidemischer Verbreitung beobachtet. Ursache ist Aufnahme ver¬ 
dorbener Nahrungsmittel oder anderer reizender Stoffe: rohes Obst, ver¬ 
dorbene Milch, zu hohe Calomeldosen, Klystiere von Reizmitteln etc. 
Sie kann eine Enteritis komplizieren, ihr folgen, an einen Typhus in¬ 
folge eines Diätfehlers, an Masern, an Brechdurchfall sich anschliefsen 
oder, wie Verf. beobachtet, an Stelle eines Asthmaanfalles auftreten. 
Bei älteren Kindern liegt meist neuro-arthritische Heredität vor. — Die 
chronische Colitis, von welcher Verf. eine indolente, eine enteralgische, 
eine mit einfachen und eine mit dysenterieformen Paroxysmen erörtert, 
wird meist nach dem 4. Lebensjahr beobachtet, manchmal im Anschlufs 


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an akute Colitis. Häufig besteht die Ursache in einer auf intestinaler 
Atonie beruhende, andauernde Obstipation, welche unter Umständen 
mit allerhand reizenden Mitteln zu bekämpfen versucht wurde. Die 
genaue Beschreibung der einzelnen klinischen Formen, sowie die Zu¬ 
sammenstellung der in Betracht kommenden therapeutischen Mafsnahmen 
wolle man im Original einsehen, besonders da die letztere nicht wesent¬ 
lich Neues bietet. Sehr richtig legt Verf. grofses Gewicht auf hygienisch¬ 
diätetische Vorschriften und auf Hydrotherapie. 

v. Boltenstern, Bremen. 

Zur Frage der Eiweifsüberemährung beim Säugling. Von Arthur 

Keller. (Centralbl. f. inn. Medizin N. 21, 1898). 

Wenn auch auf Grund exakter Stoffwechsel versuche bisher noch 
nicht nachgewiesen werden konnte, weshalb die Ueberfütterung des 
magen-darmkranken Säuglings mit Eiweifs schädlich wirkt, so lehrt 
doch die klinische Erfahrung zweifellos, dafs es infolge dieser Ueber- 
ernährung häufig zur Entwickelung von chronischen Stoffwechsel-Störungen 
kommt. Um festzustellen, wieviel Stickstoff bei verschieden grofser 
Menge von eingeführtem Stickstoff resorbiert und wie derselbe aus¬ 
genutzt wird, hat Verf. an 3 Kindern Stoffwechselversuche ausgeführt, 
aus denen er den Schluls zieht, dafs die Eiweifskörper der Kuhmilch 
im Darm des Säuglings gut resorbierbar sind und unter bestimmten 
Bedingungen auch vom kranken Säugling fast vollständig resorbiert 
werden. Da nun möglicherweise eine Mehrzufuhr von Stickstoff des¬ 
wegen dem Organismus keinen Nutzen bringt, weil ein Teil des Stick¬ 
stoffs nicht bis zu den normalen Endprodukten verbrannt wird, so 
hat Verf. an 2 Kindern bei steigender Zufuhr von Eiweifs in der Nahrung 
untersucht, ob die relative Gröfse der Ausscheidung von Harnstoff, dem 
normalen Endprodukte der Eiweifszersetzung, dieselbe bleibt oder nicht. 
Dabei hat er gefunden, dafs mit steigender Gesamtstickstofifausscheidung 
im Ham auch die Hamstoffmenge in demselben Verhältnis wächst; 
auch die absoluten wie die relativen Werte für die Ammoniakaus¬ 
scheidung im Harn werden durch die Mehrzufuhr von Eiweifs in der 
Nahrung nicht beeinflufst. Trotzdem es also dem Verf. nicht gelungen 
ist, die durch die Eiweifsüberemährung hervorgerufenen Schädlichkeiten 
nachzuweisen, und obwohl dieselbe auf die Stickstofifretention im Orga¬ 
nismus günstig zu wirken scheint, da bei vermehrter Zufuhr mehr Stick¬ 
stoff retiniert wird, zweifelt er doch nicht an der Thatsache, dafs die 
Ueberernährung mit Eiweifs wirklich schädliche Wirkungen auf den Säug¬ 
ling ausübt. Kornblum, Wiesbaden. 

Zur Frage der Möller(Barlow)'sehen Krankheit Von Baron. 

(Münchn. med. Wochenschr. 1898, N. 18 u. 19). 

Verf. erörtert im Anschlufs an 6 Fälle von Barlow(Möller-)’scher 
Krankheit, deren Krankengeschichten er im Auszug mitteilt, und welche 
bez. des objektiven Befundes und des Verlaufes keine wesentlichen Ab¬ 
weichungen von dem durch frühere Schilderungen bekannten Krankheits¬ 
bilde zeigen, die Frage nach der Natur der Erkrankung. Verf. vertritt 
die Ansicht, dafs die Möller’sche Krankheit nicht skorbutischer Natur 


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ist, sondern dafs, wie auch Baginsky in seinem Lehrbuch der Kinder¬ 
krankheiten sagt: »kaum etwas anderes als ein spezifisches Agens als die 
Ursache der Erkrankung angenommen werden könne.« Sie sei eine Krank¬ 
heit sui generis, welche der skorbutischen Affektion zum mindesten viel 
näher stehe als der Rhachitis. Welcher Art nun aber die Infektions¬ 
erreger seien, dafür fehlen allerdings noch die Beweise; allein es er¬ 
scheint nicht undenkbar, dafs sie dem von Kolb und Finkeistein ge¬ 
schilderten Bazillus hämorrhagicus verwandt sind, resp. dafs sie dem 
von Babes gefundenen spezifischen Erreger skrobutischer Erkrankungen 
nahestehen. 

Für die Berechtigung dieser Annahme einer Infektion, von welcher 
anämische, rhachitische, oder durch sonst eine andere Ursache geschwächte 
Kinder besonders leicht befallen werden, sprechen zunächst die häufig 
wenn nicht vielleicht sogar regelmäfsig im Beginn der Erkrankung auf¬ 
tretenden Fiebererscheinungen, die meist nach einiger Zeit wieder nach¬ 
zulassen pflegen; ferner die bei einer grofsen Anzahl von Fällen ganz 
deutlich ausgesprochene Milzvergröfserung, die nach Ablauf einer ge¬ 
wissen Zeit wieder verschwindet, und endlich der Eiweifsgehalt des 
Urins. — 

Mit der Annahme einer Infektionskrankheit würden die verschiedenen 
therapeutischen Erfolge recht gut in Einklang zu bringen sein, so z. B. 
die günstige Wirkung des Salol, der an Pflanzensäuren reichen Frucht¬ 
säfte (Citronen- und Orangensaft) und endlich die der frischen Bierhefe 
(3 mal täglich einen Theelöffel). Die Darreichung von grünem Gemüse 
ist in Rücksicht darauf, dafs die in ihnen enthaltenen Salze in ihrer 
Totalzusammenstellung derjenigen des normalen menschlichen Blutes sehr 
ähnlich sind, therapeutisch wirksam, aber sehr wohl auch deshalb bei¬ 
zubehalten, da sie zu einer gewissen Abwechslung in der Kost beitragen. 

Klaut sch, Halle a. S. 

Der Laryngospasmus (Spasmus glottidis, respiratorischer Stimmritzen¬ 
krampf), seine Genese und seine Beziehungen zu inneren Er¬ 
krankungen. Von Strübing. (Bresgen’s Sammlung klin. zwangl. 
Abhdlgen. Bd. III, Heft 9 u. 10. Preis 1,50). Halle a. S. 1897. 
Karl Marhold. 

Die kurze, aber inhaltreiche Schrift wird ihrer Aufgabe, eine Brücke 
zu schlagen zwischen einer Spezialdisziplin und der allgemeinen Medizin, 
vollkommen gerecht. Verf. giebt zunächst ein Bild von dem Wesen des 
Glottiskrampfs, erörtert sodann die Aetiologie, soweit Fremdkörper in 
den Luftwegen, Hyperästhesie derselben auf allgemein nervöser bezw. 
hysterischer Basis, Druck auf einen Recurrens oder beide seitens ver¬ 
schiedenartiger Geschwülste (Aortenaneurysmen, Thymushypertrophie) — 
entzündlicher Affektionen des Recurrens selbst in Betracht kommen, 
gedenkt sodann der laryngospastischen Erscheinungen im Gefolge gewisser 
balbärer und cerebraler Affektionen sowie eine Anzahl Necrosen, der 
Neurasthenie, Chorea, der Tetanie und des Tetanus. Als die klinisch 
wichtigste Form bezeichnet er mit Recht den Laryngospasmus, an welchem 
Kinder etwa bis zum Alter von zwei Jahren leiden. Hier streiten, jeder 
an der Hand eines gewichtigen Materials, nicht weniger als drei bedeut¬ 
same Gegner um die Palme. Kassowitz vertritt die bereits im Jahre 


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1843 von Elsässer ausgesprochene Ansicht, wonach die rhachitische 
Craniotabes die Anfalle durch Reizung des corticalen Zentrums der 
Stimmlippenadductoren hervorrufen solle. Diesen Zusammenhang leugnet 
hinwiederum Escherich, nach welchem der Laryngospasmus nicht 
sowohl auf dem Boden der Rhachitis, sondern auf jenem der Tetanie 
erstehe. Cassel und Lange beschuldigen sowohl die Rhachitis mit 
ihren Ernährungsstörungen als die Tetanie. Die Quintessenz des ganzen 
Streites ist schliefslich: 

1. Der Zusammenhang des Laryngospasmus mit der Rhachitis ist 
ein engerer, wie jener mit der Tetanie, 

2. Alle drei Krankheiten haben zu einander gewisse Beziehungen. 

3. Die Rhachitis als solche steht in engerer Beziehung zum 
Spasmus glottidis, wie die Craniotabes. 

4. Beim Spasmus glottidis der Kinder ebenso wie bei der Rhachitis 
und Tetanie spielen auch Darmstörungen eine gewisse Rolle. 

Dementsprechend mufs sich auch die Therapie gestalten, welche 
auf die Behandlung der Rhachitis mit Phosphor-Leberthran, auf die Be¬ 
seitigung von Verdauungsstörungen, auf die Bekämpfung auch einer 
gewissen neuropathischen Veranlagung hinausgehen mufs, während der 
einzelne Anfall vor allem mit Chloral und Bromkali zu behandeln ist 
Verf. empfiehlt: 


Chloral. hydrat 

1.0 

Kal. bromat. 

4,0 

Aq. dest. 

60,0 

Syrup. simpl. 

20,0 


2, 3, 4 Mal tgl. 1 Theel., je nach der Häufigkeit und Stärke der Anfalle. 
Oder: Tinct. Ambr. e. Mosch. 4—8 Tr. mehrere Male am Tage. 

Von den sonst empfohlenen Mitteln hat Verf. nie Erfolg gesehen. 
Dafs unter besonderen Umständen auch chirurgische Maasnahmen wie 
die Intubation und die Tracheotomie in Betracht kommen können, ist 
selbstverständlich. 

Die Schrift verdient wegen ihrer kurzen, klaren und umfassenden 
Darstellung die Aufmerksamkeit jedes Praktikers. Wolff, Metz. 

Des difförents modes d’ölimination de la chaux chez lez rachitiques 
et des diverses pöriodes du rachitisme. Von J. Babeau. (Gaz. 
des höpit. 1898. 35.) 

Rachitischen Veränderungen können in der Mehrzahl der Fälle 
2 Arten der Kalkausscheidung zu Grunde liegen. Excressive Aus¬ 
scheidung durch den Harn wird bedingt durch Kalkauflösung, welche 
die Zusammensetzung des Knochengerüstes betrifft, solche durch die 
Fäces durch mangelhafte Kalkresorption, während gleichzeitig die im 
Harn ausgeschiedene Menge normal oder subnormal sein kann. — Verf. 
unterscheidet bei der Rachitis 3 Perioden: pöriode rachitisante, im 
Laufe deren excressiv viel Kalk durch Ham oder Fäces ausgeschieden 
wird; ausgebildete Rachitis, die Rachitis im eigentlichen Sinne, in 
welcher der Kalkverlust auf Deformationen und spontane Knochenbrüche 
hinausläuft; und eine Nachperiode, in welcher weder Fäces noch Urin 
abnorme Kalkausscheidung aufweist, aber Deformationen, als Reste einer 


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voraufgegangenen rachitischen Periode Testieren bei einem Individuum, 
dessen Ernährung wieder die Norm gewonnen hat. — Gewisse rachi¬ 
tische Deformationen bilden nach Verf. einen besonderen pathogene¬ 
tischen Prozefs, welcher in Wucherungen und Verbildungen durch Vo¬ 
lumzunahme der Knochen besteht. Natur und Ursache sollen augen¬ 
blicklich vorgenommene Untersuchungen aufklären. 

v. Boltenstern, Bremen. 

Ueber funktionelle nervöse Erkrankungen im Kindesalter. Von Sänger. 
Vortrag im ärztlichen Verein in Hamburg. (Münchn. med. Wochen¬ 
schrift 1898, No. 6). 

Vortragender hält in Uebereinstimmung mit Bruns, Arndt und A. 
das Vorkommen von Hysterie und noch mehr der Neurasthenie bei 
Kindern für durchaus keine seltene Erkrankung, wie dies z. B. noch 
in neuester Zeit von Sachs in New-York behauptet wurde. Das 
Material, auf welchem seine Ausführungen basieren, entstammt einer grofsen 
Privatpraxis und einem enormen, während der letzten 8 Jahre an der 
Augenpoliklinik des alten allgemeinen Krankenhauses St. Georg zur Be¬ 
obachtung kommenden Publikum. Auffallend war im Laufe der Unter¬ 
suchungen, dafs die Mehrzahl der neurasthenischen Kinder wegen Seh¬ 
störungen die Poliklinik aufsuchte, die als »nervöse Asthenopie« an- 
sprochen werden mufsten. 

Ohne scharfe Grenzen gehen die 4 Krankheitsgruppen, in die 
S. das Material eingeteilt hat, in einander über: 1. Neurasthenie, 
2. Hysterie, 3. Hystero-Neurasthenie, 4. hereditäre Neuro¬ 
pathie (psychopatische Minderwertigkeit). 

Die Symptome der einzelnen Gruppen sind folgende: 

ad 1. Meist Anämie, Labilität des psychischen Gleichgewichtes, 
Aengstlichkeit, rasche Ermüdbarkeit, Klagen über Herzklopfen, Schwindel, 
Präkordialangst, erhöhte vasomotorische Erregbarkeit, Unlustgefühle, Ob¬ 
stipation, Schlaflosigkeit (schweres Einschlafen, pavor nocturnus) oft 
Zittern der Lider bei leichtem Augenschlufs; zuweilen echte Phobien. 

ad 2. Gröfsere Intelligenz als bei den Neurasthenischen, lauernder, 
beobachtender, schlauer Gesichtsausdruck, Stigmata, wie bei Hysterie 
Erwachsener, monosymptomatische Erscheinungen: Aphonie, Kontrak¬ 
turen, Extremitätenlähmungen, Husten, Tremor, Haltungsanomalien (hyste¬ 
rische Skoliosis, Torticollis); Blepharospasmus, Ptosis, Hemichorea; in 
seltenen Fällen Amaurosis. Krampfanfalle kommen vor, ebenso Zustände, 
welche an Hypnose erinnern. 

ad 3. Die häufigste bei Kindern zur Beobachtung kommende Form 
mit vielgestaltenen Symptomen und interessanten, vielfach kombinierten 
Komplexen, nur geringe Intelligenz; Gleichgiltigkeit; Kopf- und Augen¬ 
schmerzen, nervöse Asthenopie, Lichtscheu, Gesichtsfeldeinschränkung, 
Fehlen des Conjunctivalreflexes, Fehlen des Rachenreflexes, Enuresis noc¬ 
turna, Nachtwandeln, Hallucinationen. 

ad 4, Erbliche Belastung; in den ersten Lebensjahren häufig Kon¬ 
vulsionen, später bösartige Zustände in Form von Grimassenschneiden 
und choreaartigen Bewegungen. Grofse Empfindlichkeit und Empfind¬ 
samkeit, Eigensinn, Jähzorn, Furcht vor Alleinsein, triebartige Ungezogen- 


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heiten, Bösartigkeit, starke egoistische Anlagen, Qualen von Mensch und 
Tier. Häufig bei körperlichem Zurückgebliebensein einseitige Begabungen. 
Sie bieten im Grofsen und Ganzen das Bild der psychopathischen 
Minderwertigkeiten und bilden die Vorstufen für die späteren verfehlten 
Existenzen. 

Knaben und Mädchen verhalten sich der Zahl nach in allen Gruppen 
gleich. Das meist betroffene Alter ist das zwischen dem 10. u. 14. Jahre, 
ein kausal wichtiges Moment, welches den ungünstigen Einflufs der 
heutigen Lern- und Schulverhältnisse darzuthun scheint. 

Die Prognose ist bei den ersten 3 Gruppen günstig, günstiger 
als bei Erwachsenen, bei der 4. dagegen besonders bei früher Entwicklung 
ungünstig. 

Therapeutisch verwendet S. je nach der Art des Falles; all¬ 
gemein neurasthenische Behandlung, Douchen, kalte Abreibungen, Bäder, 
Elektrizität, Verbot des Schulbesuches, Besserung der Ernährung, Gelegen¬ 
heit zur Erholung, energische Wachsuggestionsbehandlung, niemals 
Hypnose, Schutzbrillen oft mit dunklen Gläsern. Schwere Hysterien und 
Neuropathieen bedürfen der Anstaltsbehandlung. 

Hinsichtlich der theoretischen Auffassung von Hysterie und 
Neurasthenie resümiert sich S. dahin, dafs es keine scharfe Grenze 
zwischen den beiden Erkrankungen giebt, und daher die alte Definition 
der Hysterie von Moebius, wonach hysterisch alle diejenigen krankhaften 
Veränderungen des Körpers sind, welche durch Vorstellungen bedingt 
sind, nicht mehr zu Recht bestehen könne. Stigmata, Gesichtsfeldein¬ 
schränkungen, Reflexanomalien lassen sich, wie dieser Autor selbst zu- 
giebt, absolut nicht als durch solche Vorstellungen bedingt annehmen. 
Nach der Ansicht S. s. haben wir es bei der Hysterie nicht mit einer 
Psychose, sondern einer Neuropsychcse zu thun. Die Ursachen dieser 
krankhaften Zustände sucht S. in den mangelhaften Lebensbedingungen, 
der oft erzwungenen geistigen Frühreife, dem kindlichen Ehrgeiz, der 
SchulüDerbürdung und der frühen Heranziehung, namentlich der Kinder 
der ärmeren Schichten, zur Arbeit bei mangelndem Schlaf und Erholung. 
Aerztliche Beaufsichtigung der Schulen durch Schulärzte, die gründliche 
Kenntnis besitzen von dem kindlichen Leibes- und Seelenorganismus 
könnte hier aufserordentlich günstig einwirken. 

Klautsch, Halle a. S. 

Ueber die Operation der adenoiden Vegetationen. Von Seifert. 

(Die ärztl. Praxis 1898, N. 6). 

Es giebt kaum eine andere Krankheitsform, bei welcher sowohl 
in Bezug aut die Operationsmethoden als in Betreff der Wahl eines 
Anästhetikums die Ansichten so sehr auseinandergehen, als bei den 
adenoiden Vegetationen. Eine Anzahl von Autoren spricht sich mehr 
oder weniger scharf gegen die Anwendung eines Anästheticums aus, 
denen eine stattliche Zahl von unbedingten Anhängern gegenübersteht. 
Verf. hat sich schon im Jahre 1890 für die Chloroformnarkose aus¬ 
gesprochen und hält auch jetzt noch an derselben fest. Die Diagnose 
wird bei kleineren Kindern, die nicht zu rhinoskopieren sind, durch die 
Digitalexploration festgestellt, bei älteren Kindern mit Hilfe des rhino- 


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skopischen Spiegels, und wenn irgend möglich wird der Untersuchung 
sogleich die Operation angeschlossen. Das Kind wird dazu von einem 
Gehülfen auf den Schoofs genommen und gut fixiert gehalten. Die 
Narkose mit Chloroform Anschütz wird von einem hinter dem Ge¬ 
hülfen stehenden Assistenten nur bis zum Beginn der ersten Excitations- 
erscheinungen ausgedehnt, und darf nur eine ganz leichte Halbnarkose 
sein. Der Assistent führt alsdann seinen mit einem metallenen Finger¬ 
schützer bewaffneten rechten Zeigefinger vom rechten Mundwinkel aus 
zwischen die Zahnreihen ein, aber nur soweit als zum Auseinanderhalten 
notwendig erscheint. Der vor dem Kinde stehende Operateur führt nun 
mit der linken Hand einen Gaumenhaken ein, um den weichen Gaumen 
nach vorne zu ziehen, und geht mit dem Gottstein’schen Messer hinter 
den weichen Gaumen ein, um die adenoiden Vegetationen in den 
Ausschnitt des Ringmessers zu bekommen. Ist dies geschehen, so giebt 
er rasch den Gaumenhaken weg, legt selbst die Hand auf den Scheitel 
des Kindes, um besser die Kraft der Messerführung kontrollieren zu 
können, und schneidet durch Zug von oben nach unten mit leichten 
Drehungen nach rechts und links die Vegetationen ab. Durch rasches 
Ausziehen des Ringmessers werden, da der Assistent während dieses 
ganzen Vorganges den Mund offen zu halten hat, die abgeschnittenen 
adenoiden Vegetationen herausgeschleudert; danach wird der Kopf des 
Kindes stark nach vorne gebeugt, um das Blut in eine vorgehaltene 
Schale abfliefsen zu lassen. Nachdem die Hauptblutung zum Stehen 
gekommen ist, geht der Operateur nochmals mit dem Zeigefinger ein, 
um nachzufühlen, ob alles hypertrophische Gewebe entfernt ist. Sollte 
noch etwas stehen geblieben sein, so mufs nochmals mit dem Messer 
eingegangen werden. Falls ein Assistent nicht zur Hand ist, wird die 
Operation nur unter dem Beistände eines einigermafsen geschickten 
Heilgehülfen vorgenommen. 

Von irgend welcher lokalen Nachbehandlung wird abgesehen; 
die Kinder werden nach der Operation zu Bett gebracht und möglichst 
ruhig gehalten, sodafs sie für einige Stunden zum Schlafen kommen. 
Am Abend des Operationstages sind die unangenehmen Nebenwirkungen 
des Chloroforms soweit beseitigt, dafs man den Kindern schon feste 
Speisen erlauben kann. Am folgenden Tage dürfen sie das Bett ver¬ 
lassen und am dritten Tage auch in das Freie, falls die Witterung nicht 
zu ungünstig ist. Länger als 3—4 Tage brauchen die Kinder nicht vom 
Schulbesuch femgehalten zu werden. 

Irgend welche unangenehmen Erscheinungen vom Chloroform hat 
Verf. bei der grofsen Zahl der von ihm ausgefuhrten Operationen niemals 
gesehen. Stärkere Nachblutungen sah er nur zweimal, in beiden Fällen 
war die Tamponade des Nasenrachenraumes mit Jodoformgaze vom 
Munde aus notwendig. 

Ein Punkt der Nachbehandlung darf schliefslich nicht unerwähnt 
bleiben, nämlich die Wiederherstellung der normalen Nasenatmung. 
Kinder unter 4 Jahren lernen sehr rasch wieder durch die Nase atmen, 
wenn die Mutter oder Pflegerin angewiesen wird, dem Kinde tagsüber 
bei fortdauernder Mundatmung den Mund zuzuhalten. Wenn dann die 
Kinder den Mund tagsüber geschlossen halten, so hört auch die nächt¬ 
liche Mundatmung, das Schnarchen, der pavor noctumus und sonstige 


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von der nächtlichen Mundatmung abhängigen Störungen auf. Bei älteren 
Kindern müssen direkte Anleitungen zur Wiederherstellung der Nasen¬ 
atmung gegeben werden, indem man das Pflegepeisonal anweist, mit dem 
Patienten täglich zweimal x / 4 Stunde lang Atemgymnastik, natürlich mit 
fest geschlossenem Munde zu treiben. Kl autsch, Halle a. S. 

Les Hydrocephalies. Par Löon dAstros. Paris, G. Steinheil, 1898. 

Preis 8 Mk. 

Autor bezeichnet als Aufgabe dieser Monographie die pathologischen 
Erscheinungen des Hydrocephalus zu studieren und den Nachweis zu 
führen, dafs den verschiedenen Ursachen dieser Affektion auch ver¬ 
schiedene klinische Formen entsprechen. Nach einer kurzen historischen 
Einleitung bespricht er in grofsen Umrissen den Unterschied zwischen 
akutem und chronischem Hydrocephalus und bezeichnet als charak¬ 
teristisch den durch die Flüssigkeitsansammlung hervorgerufenen Druck 
im Innern der Schädelkapsel. Als weitere Unterabteilungen unterscheidet 
A. den Hydrocephalus interus (ventriculaire) und extemus (meningäe 
sus-arachnoidienne). Die Menge der in den Ventrikeln befindlichen 
Flüssigkeit ist sehr schwankend (100 g bis 3 u. 5 Liter), doch kann 
man dann von einem H. sprechen, wenn die Menge der Flüssigkeit da¬ 
zu hinreicht die Ventrikel zu dilatieren. Der Druck der Flüssigkeit ist 
im normalen Zustande stets höher als der atmosphärische Drück, aber 
der Unterschied beträgt nur einige Millimeter Hg. (nach Frangois Frank 
und Pitre 7—8 mm Hg.). Im pathologischen Zustande sind die gröfsten 
Druckhöhen beobachtet bei der Meningitis tuberculosa (250—800) da¬ 
nach folgt der chronische Hydrocephalus, (120—400) sodann die Him- 
wassersucht bei Tumoren (40—600) etc. Jedoch ist der Druck nicht 
proportionell der Intensität der Krankheitssymptome. 

Die physikalisch-chemische Untersuchung ergiebt ein spez. Gewicht 
nicht über 1010 und einen Wassergehalt von 987, an Albumin 1,1, 
Fetten 0,09, Cholestearin 0,21, Extrakte (alkohol. und wässrige) ^,V5, 
Chloride 6,14, Phosphate 0,1, Sulfate 0,2. Bezüglich der Frage, ob in 
der Zusammensetzung der Flüssigkeit Unterschiede existieren, die den 
verschiedenen pathologischen Zuständen entsprechen, führt A. aus, dafs 
bei tuberkulöser Meningitis der Albumingehalt nicht unter l 0 /^ sinkt, 
bei akuten Exsudaten steigt er bis 2°/ 00 , bei durch Stauung infolge von 
Hirntumoren bedingtem Hydrocephalus sind die Befunde sehr ungleich 
(0,4—7°/ 00 ). Autor beschreibt sodann die Veränderungen, die das Ge¬ 
hirn beim Hydrocephalus erleitet und weist in einer Tabelle nach, dafs 
das Hirn Hydrocephalischer meist an Gewicht den normalen Individuen 
nachsteht. 

Das nächste Kapitel widmet er dem hydrocephalischen Schädel, 
welcher meist dem Gehirn entsprechend vergröfsert ist, mit Ausnahme 
jener seltenen Fälle, in denen vorzeitige Ossifikation diese Vergröfserung 
verhindert (latenter H.), doch findet sich auch angeborene Schädelver- 
gröfserung infolge Hydrocephalus (H. congenital, s. präcox.). A. be¬ 
schreibt alsdann die Verschiedenheit der hydrocephalischen Schädel, je 
nachdem der Wasserkopf vor oder nach der Verknöcherung der Suturen 
entstanden ist. Letztere ist zwar auch nach dem 30. (nach Parchappe 


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sogar 60.) Jahre noch nicht vollständig, allein es tritt nach einem ge¬ 
wissen Alter die tödtliche Hirnkompression auf, ehe es zur Trennung 
der Nähte kommt. Trotzdem findet sich H. auch noch im Jünglings¬ 
alter (bis 17 Jahr) meist infolge von Himgeschwülsten. Kommt der 
Prozefs zum Stillstand, dann verknöchert die Schädel in seinen Nähten 
wie ein normaler und besitzt dann exzessive Dimensionen. 

Das vierte Kapitel behandelt die Art des Auftretens der Erkrankung, 
ihre prämonitorischen Erscheinungen, ihre Symptome und Verlauf. Die 
Möglichkeit einer spontanen Heilung hält A. für etwas aufserordentlich 
seltenes. Weitere Abschnitte sind den Fragen Infektion und Hydro- 
cephalus, Rachitis und H., Meningitis serosa, H. als Symptom von Hirn¬ 
tumoren, Tuberkulose und H. gewidmet. Die interessanten Ausführungen, 
deren Einzelheiten sich nicht zum Referate eignen, sind durch zahlreiche 
instruktive Krankengeschichten und verschiedene Abbildungen ergänzt. 
Den Schlufs des Werkes bildet die Differentialdiagnose und ein Kapitel 
über die Behandlung des H. A. schränkt hierbei die Indikationen für 
eine chirurgische Behandlung des Wasserkopfes auf das geringste Maafs 
ein, ohne dieselbe jedoch ganz zu verwerfen. Bezüglich der nichtchirur¬ 
gischen Behandlung fügte er dem bisherigen therapeutischen Rüstzeuge 
etwas Neues nicht hinzu, betont aber am Schlüsse mit grofsem Nach¬ 
drucke, dafs jene Individuen, bei denen der Prozefs zum Stillstand ge¬ 
kommen ist, einer ganz besonderen hygienischen und erzieherischen 
Fürsorge bedürfen, da bei denselben mehr noch wie bei jedem anderen 
Kinde Aufregungen und kongestive Zustände von grofsen Nachteile sein 
können. C. Baron, Dresden. 

La paralysie generale progressive dans le jeune äge (ävant 20 ans). 

Von Chr. Thiry. (Gaz. hebd. de m6d. et le chir. 1898, 45). 

67 aus der Literatur seit 1877 gesammelten Fällen von allgemeiner 
progressiver Paralyse vor dem 20. Lebensjahre fügt Verf. 3 neue hinzu. 
Die klinischen Symptome unterscheiden sich durch Nichts von denen bei 
Erkrankungen im späteren Alter. Pathologisch-anatomische Unter¬ 
suchungen liefern durchaus identische, charakteristische, cerebrale und 
medulläre Erscheinungen. Natürlich spielt die individuelle Prädisposition 
keine Rolle, um so mehr die erbliche Belastung (Geisteskrankheit, 
Syphilis). Zum mindesten entstammen die kranken Kinder hochgradig 
neuropathischen Familien, in welchen Syphilis einen wesentlichen Anteil 
an der Dystrophie und Degeneration hat. Das Studium der Antecedentien 
der kleinen Patienten, des Beginnes der Erkrankung und ihres Verlaufes 
gestattet die genaue Differenzierung der Paralyse von anderen Affek¬ 
tionen. Die Prognose ist insofern viel ernster, als mehr weniger an¬ 
dauernde Remissionen, wie sie in späteren Lebensjahren häufiger sind, 
im Kindesalter nicht Vorkommen. Therapeutisch giebt es keine speziellen 
Indikationen. Noch mehr aber als in späteren Jahren kann bei Kindern 
eine antisyphilitische Behandlung von Erfolg sein, sei es nun, dafs nur 
Syphilis der Eltern nachweisbar oder heriditäre Syphilis vorliegt. 
Selbstverständlich kann sie nichts mehr erreichen bei paralytischer 
Demenz. v. Boltenstern, Bremen. 


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Theorie Schenk. Einflufs auf das Geschlechtsverhältnis. Von Prof. 

Dr. Leop. Schenk. Magdeburg, Schallehn & Wollbrück. 1898. 

Preis 3 Mark. 

Prof. Schenk hat unter obigem Titel das Ergebnis seiner Studien 
veröffentlicht. Er bespricht zunächst alle bis jetzt existierenden Theorien 
über den Einflufs auf die Erzeugung einer männlichen oder weiblichen 
Frucht. U. A. berührt er die Lehre von der gekreuzten Geschlechts¬ 
vererbung, derzufolge die kräftigere Mutter ihr entgegengesetztes Ge¬ 
schlecht, also ein männliches Kind hervorbringt. Ich übergehe die über 
mehr als ;‘)0 Seiten sich erstreckenden wissenschaftlichen Ausführungen 
in dieser Richtung und erwähne nur die Thurysche Theorie, weil sie 
der Theorie Schenk in gewisser Weise als Stütze dient. Ist das Ei in 
einem vorgeschrittenen Reifestadium, wenn es befruchtet wird, so ist 
nach dessen Theorie ein männliches Individuum zu erwarten. Doch 
konnte Thury keinen Mafsstab für die Reife des Eies aufstellen. 
Sch. knüpft nun an die Thatsache an, dafs sich während der 
Gravidität die Frau in einem Zustande regeren Stoffwechsels be¬ 
findet; das zeige nachgewiesenermafsen eine geringe Temperatur¬ 
erhöhung (Winckel), besonders aber die Ausscheidungsprodukte der 
schwangeren und von diesen wiederum die Kohlehydrate, der Trauben¬ 
zucker. Sch. nimmt an, dafs es Personen giebt, die sämtliche 
eingeführte Kohlehydrate so vollständig verbrennen, dafs nicht die min¬ 
deste Spur von Zucker im Harn ausgeschieden wird. Steht nun eine 
Frau auf dieser möglichst günstigen Emährungsstufe ihres Körpers, so 
wird auch anzunehmen sein, dafs das in diesem Stadium zur Befruchtung 
gelangende Ei die höchste Reife erlangt hat, sich also zu einem 
männlichen Individuum ausbildet. Andererseits finde sich eine physio¬ 
logische Glykosurie (d. h. eine wenn auch noch so geringe Ausscheidung 
von Zucker) häufiger. Es sei das ein physiologischer Fehler des mensch¬ 
lichen Organismus. Diesem Fehler mufs abgeholfen werden. Es ist 
daher, um männliche Nachkommenschaft zu erzielen, nach Sch. 
unsre Aufgabe, eine Frau, wo dies gewünscht wird, so zu ernähren, 
dafs auch die geringsten Mengen Zucker aus dem Harn verschwinden. 
Das ist besonders wichtig vor einer zu erwartenden Befruchtung und 
während der ersten Schwangerschaftsmonate. Hierzu führt Sch. 
einige interessante Belege an. Der Anlafs zu seinen Forschungen war 
folgender: es fiel ihm bei einer plötzlich an Diabetes erkrankten Frau 
auf, dafs dieselbe mehrmals nacheinander weibliche Kinder gebar resp. 
abortierte, während sie vorher nur Knaben geboren hatte. 

Die Frage nach der Möglichkeit einer Beeinflufsung in der Richtung 
auf weibliche Nachkommenschaft berührt Sch. nur kurz und sagt, 
wir besitzen kein Mittel dazu bei einer Frau, deren Stoffwechsel so vor 
sich geht, dafs wir nach seiner Theorie ein männliches Individuum er¬ 
warten müssen. Sollte man aber dann nicht auch einen geeigneten 
Ernährungszustand (künstliche Glykosurie) herbeiführen können, zufolge- 
dessen die Gewähr für ein weibliches Kind geleistet würde? Noch 
erübrigt hinzuzufügen, dafs Sch. zur Zuckerbestimmung die ganz 
diffizile Probe mittels Phenylhydrazin wählt und zwar eine komplizierte 
Modifikation der bekannten, die im Original nachzulesen ist. 

Beyer, Schlachtensee. 


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Gesundheitspflege. 

— Unter der Ueberschrift »Gefährliches Spielzeug« veröffent¬ 
licht Dr. E. Lewy im »Intern. Wien. Extrabl,« sehr beachtenswerte Mit¬ 
teilungen über eine sehr beliebte Spielgerätschaft: der Kinder, die öfters 
sogar als Tumapparat von Aerzten empfohlen wird, nämlich über die 
Springschnur. In erster Linie ist es nach L. der Fufs des Kindes, 
dessen Gesundheit durch die Benützung der Springschnur gefährdet 
wird. Das stundenlange Hüpfen auf einer Stelle verbreitert und ver¬ 
flacht die gewölbte Form des Fufses, schwellt die Knöchel und verstärkt 
eine üble Einwirkung der von so vielen Kindern getragenen straffen Strumpf¬ 
bänder in erheblicher Weise. Das in gewöhnlicher Weise unterhalb des Knies 
mäfsig fest angelegte Strumpfband wird, wenn das Kind die Spring¬ 
schnur eine Zeitlang gehandhabt hat, tief ins Fleisch einschneiden und 
rotblaue Furchen geben. Nächst den Füfsen ist es die Lunge, welche 
durch die Springschnur bedroht wird durch den Staub, welcher bei 
diesem Vergnügen meist massenhaft eingeatmet wird; ebenso droht dem 
Kinde die Gefahr der Erkältung nach der so gewaltsam erzeugten Ueber- 
hitzung. — Unmittelbarer noch droht die Gefahr dem Verdauungssystem. 
In Folge des Springvergnügens treten öfters Appetitstörungen ein; die 
Kinder klagen nach jeder Mahlzeit, der Magen sei wie geschwollen, sie 
magern ab, werden kraftlos und matt.. Geradezu furchtbar erscheint 
auf diesem Gebiete die Möglichkeit, dafs die Durchschüttlung der Ein¬ 
geweide eine Darmverschlingung ermöglicht mit ihren furchtbaren Kon¬ 
sequenzen. — Auch auf das Centralnervensystem machen häufige Spring¬ 
schnurübungen ihren schädlichen Einflufs geltend. Die häufigen Stöfse 
der Füfse gegen den harten Boden werden sich zunächst an zwei Stellen 
fühlbar machen: einmal durch Schmerzen am Kreuze und dann durch 
solche im Kopfe, also durch unangenehme Empfindungen in jenen 
Gegenden, welche dem Rückenmarke und Gehirn entsprechen. Durch 
fortwährende kleine Zerrungen werden die feinsten Nervenfasern in ihren 
Verbindungen gelockert. Es sind Fälle konstatiert worden, in denen 
sich in Folge häufiger derartiger Uebungen chronische Gehirnerschütter¬ 
ungen eingestellt haben, die, anfangs kaum erkennbar, mit der Zeit eine 
Abstumpfung der Sinnesorgane bewirkten, die Sehkraft schwächten und 
das Gehör verminderten, wobei die Aufmerksamkeit auf die Dinge der 
Umgebung abnahm. Bei zärteren, empfindlicheren Kindern tritt dann 
bald zuweilen die Gehirnentzündung rasch in der furchtbarsten Form 
auf. Die Eltern geben dann allem Möglichen an der Erkrankung ihres 
früher so blühenden Kindes Schuld — die Wohnung, das Kindermädchen 
welches das Kind gewifs einmal hatte fallen lassen, der Arzt, der es 
nicht richtig behandelt hatte ; — die wahre Ursache aber war doch nur 
— die Springschnur. — 

Es mag sein, dafs der Verf. etwas übertrieben hat, so will uns 
namentlich die Springschnur als ätiologisches Moment für Meningitis 
nicht recht einleuchten. Aber dafs viel Beherzigenswertes und Wahres 
an den L. sehen Beobachtungen ist, das mufs zugegeben werden. 


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214 


Rezensionen. 

lieber die Pathogenese und Serumtherapie der schweren 
Rachendiphtherie. Von Dr. G. Bernheim. Leipzig u. Wien, 
Franz Deulicke, 1898. Preis 2 Mk. 

Auf Grund seiner eigenen Untersuchungen und der Ergebnisse 
anderer Forscher kommt Verf. zu dem Resultate, dafs bei der schweren 
(sog. septischen) Diphtherie der Streptokokkus eine entscheidende Rolle 
spielt, und das hierauf das häufige Versagen der Behring’schen Serum¬ 
therapie in solchen Fällen zu beziehen ist. Die bakteriologischen Unter¬ 
suchungsmethoden (Verf. bevorzugt den Agar als Nährsubstanz) finden 
eingehende Darstellung; das untersuchte Material ist tabellarisch über¬ 
sichtlich geordnet. Eine Literaturübersicht und eine Anzahl von Tem¬ 
peraturkurven von schweren Diphtheriefällen schliefsen die Arbeit ab, 
die einen wertvollen Beitrag zu der so lebhaften Diskussion der Serum¬ 
therapie liefert. Guttmann, Breslau. 

Zur Pathologie und Therapie der kindlichen Skoliose und 
über die Unterscheidung einer habituellen und kon¬ 
stitutionellen Form derselben. Von Privatdoc. Dr. Dolega. 
Mit 72 Abbildungen. Leipzig, F. C. W. Vogel, 1897. Preis 6 Mk. 

Das vorliegende Buch welches zum Verfasser den durch zahlreiche 
wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gebiete der Wirbelsäulenverkrümmung 
bekannten Inhaber der vorm. Schreber-Schildbach’schen orthopädischen 
Anstalt in Leipzig hat, ist aus der Praxis heraus fiir die Praxis ge¬ 
schrieben und bezweckt, den weiteren ärztlichen Kreisen einen Ueber- 
blick über den Stand eines Kapitels der Knochenpathologie zu geben, 
das in seinen allgemeinen Kernpunkten wenig gekannt und zum Teil 
recht falsch beurteilt wird, zu_em in den klinischen Vorlesungen nicht 
allzu ausführlich behandelt zu werden pflegt. Daher kommt es auch, 
dafs der praktische Arzt über dieses für ihn so wichtige Kapitel so 
wenig eingehende Kenntnisse besitzt, insbesondere die feineren 
anatomischen Details, die bei der Skoliose vorliegen und für die 
Deutung ihrer Entstehung von ausschlaggebender Wichtigkeit sind, sind 
der Mehrzahl der praktischen Aerzte vollkommen unklar, dementsprechend 
auch die Vorstellungen, wie und was die Therapie leisten will und 
kann. — Der Verf. hat, gestützt auf seine eminenten Erfahrungen auf 
dem Gebiete der Skoliose, seinen Zweck in vollkommener Weise erreicht 
und kann das Buch jedem Arzt zum eingehenden Studium nicht dringend 
genug empfohlen werden. S. 

Die Verdauung und Assimilation des gesunden und kranken 
Säuglings, nebst einer rationellen Methode der Säuglings¬ 
ernährung. Von Dr. L. de Jaeger. Berlin, Oskar Coblentz, 
1898. Preis 1 Mk. 

Nach einleitenden allgemeinen Bemerkungen über Verdauung und 
Assimilation des Säuglings schildert Verf. eine namentlich früher in 
Holland ausgeübte Methode der Säuglingsemährung, die er wieder auf¬ 
gegriffen hat, nämlich diejenige mit Buttermilch. 

Die Darlegungen des Verf.’s $ntbehr$tt nicht eines gewissen In- 


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215 


teresses für die Frage der Säuglmgsemährung, dürften wohl aber nicht 
geeignet sein, der Methode der Buttermilchernährung der Säuglinge 
unter den ärztlichen Kreisen Anhänger zu werben. S. 

Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Un cas d’infection staphylococcique du sang et du 
liquide c^phalorachidien. Von Lesnö. 

Der Fall einer Staphylokokkeninfektion des Blutes und der Cere¬ 
brospinalflüssigkeit bei einem halbjährigen Kinde ist interessant, weil sie 
nachweisbar war ohne Pyämie. Nachdem innerhalb 2 1 / 2 Monaten durch 
Asepsis und Antisepsis der Haut und durch hygienische Mafsnahmen 
die Affektion geheilt war, erkrankte das Kind nach 14 Tagen an Masern 
und starb an einer Bronchopneumonie. Die Obduktion ergab nichts, 
was auf die erste Erkrankung sich bezog. Schwierig ist die Feststellung 
der Infektionsquelle. Ebenso wie der Digestions- oder Inspirationstraktus 
als Ausgangspunkt absolut ausgeschlossen sind, scheinen es fast Haut¬ 
affektionen werden zu müssen, weil zu Beginn der Erkrankung irgend 
welche Erscheinungen seitens der Haut fehlten. Aber wenn die exogene 
Infektion ausreicht, um oberflächliche Hautsuppurationen, wie Furunkeln 
und Pusteln zu erzeugen, kann vielleicht der hämatogene Ursprung in 
den tiefen Abszessen der Lumbalregion und der behaarten Haut ge¬ 
sucht werden, v eiche langsam sich ausbildend mit der Höhe der 
Allgemeininfektion ovincidierlen. (Gaz. hebd. de möd. et de chir. 9^j. 

v. Boltenstern, Bremen. 

Weitere Beiträge zur Serumtherapie bei Diphtherie nach 
Beobachtungen im Kaiser und Kaiserin Friedrich Kinder-Krankenhause. 
Von Baginsky. 

Die bis Anfang Juli fortgesetzten Beobachtungen führten Verf. 
zu folgenden Endschlüssen: In genügender Quantität und möglichst früh¬ 
zeitig angewendet hat sich das Heilserum als ein ganz sicher wirkendes 
Heilmittel gegen Diphtherie erwiesen. Auf eine systematische Immuni¬ 
sierung der der Infektion exponierten Geschwister etc. der erkrankten 
Kinder kann man, in der Privatpraxis wenigstens, mit Rücksicht auf 
die sichere Heilwirkung des Serums verzichten; dieselbe ist nur auf 
Pflegeanstalten und Krankenhäuser zu beschränken. Vor allem wendet 
sich der Vf. noch gegen die Unhaltbarkeit der durch die Serumanwendung 
verursachten »plötzlichen Todesfälle.« (Arch. f. Kinderkrankheiten 98). 

Klautsch, Halle a. S. 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Rp. 

Bismutan .♦) J ,5—2,5 

Mixtur gummös. 80,0 

DS. 2stdl. 1 Theel. 
(Enteritis, Gastroenterit.) 

(Bion). 


Rp. 

Argent. nitr. 2,0 

Aq. dest. 50,0 

DS. Zum Bepinseln. 

Rhinitis blennorrhoica. 

(Salomon). 


*) Eine Verbindung von Wismuth, Resorcin und Tannin. 


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216 


Rp. 


Asa. foetid. 

7.0 

ter. c. 


Liq. Ammon, acet. 

25,0 

Aq. Menth, pip. 

60,0 

Syr. Croc. 

20,0 

MDS. 1—2 stdl. 1 

Theel. 

Spasm. glottid. 

(Miller.) 

3 . 

Tct. Eucalypt. 


Syr. Chloroform. 

aa 25,0 


01. Eucalypt. e. fol. gtt. 2ö 
MDS. 3 mal tgl. 1 Theel. 
Leukämie. (Mosler.) 


Rp. 

Alumnol 
But. Cac. q. s. 
ut. f. bacil. 3% 
magnitud. 6 cm. 

DS. jeden 3. Tag einzulegen. 
Vulvo-Vaginitis. 

(Wittkamp). 

Rp. 

Oxymell. scill. 10,0 

Tct. Belladonn. gtt. X. 

Aq. destillat. 40,0 

Syr. simpl. 10,0 

MDS. 2 stdl. 1 Kinderl. 
Bronchitis, Pertussis. 
(5 jähr. Kind). 

(Comby). 


Kleine Mitteilungen. 

— Die Gesellschaft für Kinderheilkunde hält ihre dies¬ 
jährige Versammlung gelegentlich der 70. Versammlug deutscher Natur¬ 
forscher und Aerzte in Düsseldorf (v. 10. bis 24. September d. J.) im 
städt. Gymnasium daselbst ab. Als Hauptvortragsthemata sind vom 
Vorstande dei Gesellschaft bestimmt worden: 1. Ueber die Vorteile und 
Nachteile der Ernährung der Säuglinge mit sterilisierter Kuhmilch. 
Referenten: Dr. Carstner (Leipzig) und Prof. Dr. von Starck (Kiel). 
2. Ueber die Anämie im frühen Kindesalter. Referenten: Privatdocent 
Dr. Fischl (Prag) und Privatdocent Siegert (Strafsburg). Aufserdem 
ist noch eine grofse Reihe von Vorträgen aus dem Gebiete der 
Kinderheilkunde angemeldet worden. 

Unter der Redaktion von Kreisphysikus Dr. Dietrich in Merseburg 
und Dr. P. Jacobsohn in Berlin erscheint jetzt als Fachzeitschrift für 
die Interessen des Krankenpflegerberufes die »Deutsche Kranken¬ 
pfleger-Zeitung.« Die erste vor Kurzem erschienene Nummer enthält 
als Originalartikel: 1. »Brauchen jwir männliche Pfleger? 2. Ueber den 
therapeutischen Unterricht in der Krankenpflege. 3. Die Aufgabe des 
Pflegepersonals in der Volksheilstätte für Lungenkranke in Berlin.« 
Aufserdem finden sich in der Nummer noch amtliche, statistische Mit¬ 
teilungen u. A. 


Druck von Frz. Volkmann, Leipzigj-E\itritzsch. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

h e rm u igege bea 

vo* 

Dr. med. Sonnenberger tn Worxna. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
PoBtanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgogen. 


Heft 106. Leipzig, 7. Oktober 1898. IX. Jahrg. Heft 10. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Tauchaerstr. 26 . 


Inhalt. Referate: Cerioli, Diphtherieheilserum bei Keuchhusten (217). — 
Katzenstein, Syphilis (218). — Antonielli, Syphilis (219). — Wolters, Scabies (219). 

— Zimmermann, Pseudocroup. (220). — Heermann, Adenoide Wucherungen des 
Nasenrachenraums (220). — Vergely, Gastroenteritis ( 221 ). — Koeppe, Salzgehalt 
der Milch (222). — Moro, Diastatisches Enzym (224). — Johanessen und Wang, 
Emährungsphysiologie (224). — Lewin, Pleuritis (225). — Soltmann, Herzdiagnose 
(226). — Dezirot, Morbus Addisonii (227) — Escherich, Röntgenverfahren (229), — 
Hoffa, Gliederstarre (280). — Eve, Kinderlähmungen (232). — Schanz, Kongeni¬ 
tale Hüfteverrenkung (232). — Schanz, Congenitale Kontrakturen (233). — Fajio, 
Antipyrin und Lactophenin (234). — Eberson, Ichthyol (234). — Reinach, Bromoform- 
vergiitung (235). — Landau, Somatose (236). Combe, Alkoholismus (236). — 

— Gesundheitspflege: Li£vin u. Finger, die Bekämpfung der Granulöse (238). 

— Rezensionen: Liebmann, Vorlesungen über Sprachstörungen 1 u. 2. Heft 
(238). — Piper, Der kleine Sprachmeister (239). — Cromer, Grundrifs der internen 
Therapie (239). — Rezeptformeln für die Kinderpraxis (239). — Kleine 
Mitteilungen (240j. 


Referate. 

Diptherieheilserum bei Keuchhusten. Von Cerioli. (Gaz. degli. osped. 

1898. Klin. ther. Wchschr. 32, 1898). 

Gelegentlich einer schweren Keuchhustenepidemie verordnete C., 
nachdem alle anderen Heilmethoden versagt hatten, Diptherieheilserum 
in 15 schweren Keuchhustenfällen an. Sämtliche Fälle waren sehr 
schwere, bei allen bestanden Komplikationen, und trotzdem wurden alle 
geheilt. Besonders auffallend war die Raschheit, mit welcher die 
Besserung bezw. Heilung eintrat. In einem Falle war dieselbe 
schon nach 4 Stunden nach der ersten Injektion zu konstatieren, in den 
übrigen trat sie nach 10 Stunden bis 3 Tagen ein, blos in einem Falle 
trat die Wirkung des Serums nicht mit solcher Raschheit zu Tage. 
Das Serum bekämpft nicht nur den Keuchhusten, sondern auch die 

Dar KMwr-Arst Hift 9. 1898. 


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218 


Komplikationen von Seite der Bronchien und der Lunge, indem« es den 
Krankheitsverlauf abkürzt. Die angewendete Dosis betrug 5—10 ccm, 
eine Wiederholung der Injektion war mit Rücksicht auf die Raschheit, 
mit welcher die Besserung eintrat, meist nicht mehr erforderlich, wahr¬ 
scheinlich wäre bei Anwendung gröfserer Dosen noch bessere Wirkung 
erzielt worden. Auch in der Litteratur liegen Mitteilungen vor, dafs in 
solchen Fällen, wo gleichzeitig Diphtherie und Keuchhusten* vorhanden 
waren, nach der Injektion des Diphtherieheilserums beide Krankheits¬ 
prozesse günstig beeinflufst wurden. Jedenfalls ist zu betonen, dafs das 
Diphtherieheilserum an Wirksamkeit allen andern bei Keuchhusten 
empfohlenen Medikamenten überlegen ist, wenn auch bis jetzt der Mechani¬ 
smus dieser Heilwirkung nicht genügend aufgeklärt ist; möglicher¬ 
weise wäre an eine Analogie zwischen den Erregern der Diphtherie 
und des Keuchhustens zu denken. Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber die parasyphilitischen Erscheinungen der kongenitalen Lues 
im ersten Kindesalter. Von Katzenstein. (Münchn. med. 
Wchschr. 1898, 35). 

Die aus syphilitischer Ehe hervorgegangenen Kinder, bei welchen 
die bekannten Symptome der ausgesprochenen Syphilis fehlen, zeigen 
eine ganze Reihe von Erscheinungen, deren Kenntnis zur Stellung einer 
richtigen Diagnose und infolgedessen zur Einleitung einer erfolgreichen 
Behandlung unerläfslich sind, umsomehr, als sich oftmals grofse Schwierig¬ 
keiten bei der Erhebung einer eingehenden Anamnese ergeben. Was 
zunächst die einzelnen Symptome angeht, so ist das am meisten be¬ 
obachtete, am häufigsten vor kommende Symptom zunächst die Anämie. 
Die Kinder sehen zuweilen blafs aus und diese Blässe hat einen ge¬ 
wissen Schimmer in’s Gelbe. In hochgradigen Fällen nimmt diese gelb- 
weifse Färbung einen so hohen Grad an, dafs alles Blut aus den Adern 
verschwunden zu sein scheint. Als sehr konstante Begleiterin der syphi¬ 
litischen Anämie ist die Anschwellung der Leber und der Milz 
zu beobachten. Diese Hypertrophien gehen unter einer antiluetischen 
Kur gleichfalls mit der Anämie zurück. Im Anschlufs an eine grofse 
Leber war mehrmals deutlicher Ascites nachweisbar; niemals fehlt jedoch 
eine gleichmäfsige Aufgetriebenheit des Abdomens. Solche blutarme 
Kinder können im Uebrigen sehr wohl genährt sein, manche haben so¬ 
gar einen sehr kräftig ausgebildeten Panniculus adiposus. 

Vielfach leiden Kinder mit Parasyphilis an chronischen Darm¬ 
katarrhen. Diese sind dadurch ausgezeichnet, dafs sie den bekannten 
Mitteln gegen Darmkatarrh heftigen Widerstand entgegensetzen, dafs 
aber eine spezifische Therapie sie in kürzester Zeit beeinflufst. Häufig 
tritt auch bei syphilitischen Kindern Bronchialkatarrh auf, bei 
welchen ebenso wie bei den parasyphilitischen Darmkatarrhen keine 
spezifische Erkrankung vorliegt. Durch die infolge der latenten Syphilis 
wirkenden Kachexie entsteht eine gröfsere Empfindlichkeit der Schleim¬ 
häute, welche zu den hartnäckigsten Entzündungen derselben 
führen. Auch diese Bronchitiden sind meist von andern parasyphi¬ 
litischen Symptomen begleitet und führen nur dann rasch zur Heilung, 
wenn mit der symptomatischen eine kausale Behandlung verbunden wird. 
Höchst selten wird der chronische Schnupfen, das mehr oder 


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219 


weniger starke Schnüffeln parasyphilitischer Kinder vermifst. Ein Teil 
der parasyphilitischen Kinder wird vor der Zeit mit zu leichtem Ge¬ 
wichte geboren. Diese bleiben in ihrer körperlichen und später auch 
in ihrer geistigen Entwickelung zurück. Ein anderer Teil wird zwar 
zur rechten Zeit und normal schwer geboren, die Störungen treten 
später auf und die Entwickelungsstörungen zeigen sich erst später. Das 
sind vielfach die Kinder, welche atrophisch zu Grunde gehen, ohne 
dafs man im Stande ist, die eigentliche Ursache der Atrophie zu er¬ 
kennen. Zwei wichtige Entwickelungshemmungen werden 
schliefslich noch häufig bei mit Syphilis behafteten Familien beobachtet: 
Spina bifida und der chronische Hydrozephalus. 

Die Prognose behandelter parasyphilitischer Kinder ist eine 
günstige, vorausgesetzt, dafs die Behandlung eine sehr langdauernde ist, 
da bei Unterbrechung der Behandlung früher oder später zweifellos 
syphilitische Erkrankungen noch zum Vorschein kommen. Die Therapie 
besteht einmal in der Behandlung der vermuteten resp. mit Gewifsheit 
diagnostizierten Parasyphilis des betreffenden Kindes durch Calomel in 
kleinsten Dosen und Jodkali und zweitens in der Prophylaxis der 
Krankheit etwa zu erwartender Kinder, durch eine antiluetische Kur 
des Vaters oder der Mutter. Kl autsch, Halle a. S. 

Ueber Syphilis der Kinder. Von Antoniell i. (Annales des mödicine 
et Chirurgie infantiles, 12, 1898). 

Verf., ein Augenarzt, hält nach seinen Erfahrungen die angeborene 
Syphilis doch für weit häufiger als gewöhnlich angenommen wird und 
glaubt, dafs besonders der Augenspezialist neben dem Hautspezialisten 
in der Lage sei, dies zu konstatieren. Bei der angeborenen Syphilis 
sind fast immer, wenn nicht immer, Veränderungen im Augenhinter- 
grunde (Neuritis optica, Chorioretinitis etc.) vorhanden, die sich schon 
im Uterus oder in der allerersten Kindheit entwickeln und immer 
ophthalmoskopisch sichtbare Spuren hinterlassen. Die Mehrzahl der 
Fälle von ererbter Syphilis sind jedoch gutartiger Natur und bei recht¬ 
zeitiger Behandlung heilbar. Von den 3 Hutchinsonschen Zeichen fand 
Verf. am konstantesten die das Auge betreffenden (Keratitis parenchy- 
matosa etc.). Die Veränderungen des Augenhintergrundes bilden für 
ihn das wichtigste Merkmal, um die ererbte Syphilis zu konstatieren 
oder in zweifelhaften Fällen die Diagnose zu sichern. 

Klautsch, Halle a. S. 

Endermol und seine Anwendung bei Scabies. Von Wolters. (Therap. 
Monatsh. 1898, Heft 8). 

Das Endermol, ein Präparat, das von der chemischen Fabrik Dr. 
L. C. Marquart in Beul a. Rh. in den Handel gebracht wird, ist salizyl- 
saures Nikotin; es ist leicht in Wasser und den meisten organischen 
Lösungsmitteln löslich und hat einen leicht brenzlichen Geruch. 

Behandelt wurden 67 Scabieskranke. Nach einem vorausgegangenen 
Seifenbade genügte bei 64 Patienten eine einmalige Einreibung, um das 
Jucken völlig und dauernd zu beseitigen, bei 3 war es auch nach der 
2. Einreibung noch nicht völlig geschwunden. Mit Ausnahme dieser 3, 
welche 6 mal eingerieben wurden, fand eine viermalige Anwendung der 


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220 


Salbe statt. Die Patienten wurden am 3. Tage, einige auch schon am 
2. Tage geheilt entlassen und blieben es auch. — Kinder wie Erwachsene, 
Männer wie Frauen ertrugen die Behandlung ohne Beschwerden und 
ohne das Auftreten irgendwelcher Intoxikationserscheinungen. Die be¬ 
gleitende Dermatitis heilte prompt ab, und nur in wenigen Fällen war 
eine Verabreichung von Puder notwendig. 

Die weiteren Vorzüge des Mittels sind, dafs es nicht reizt, dafs es 
keine Albuminurie erzeugt und dais es sich durch seinen Geruch nicht 
bemerkbar macht. Dabei schmiert die Salbe nicht und greift die Wäsche 
nicht an. Auch ist es nicht teurer als die sonst gebräuchlichen Präparate. 

Schnell, Egeln. 

Zur Aetiologie des Pseudokroup. Von Zimmermann. (Münchn. 
med. Wchenschr. 1898, N. 29). 

Der Pseudokroup stellt sich stets und unter allen Umständen gleich 
als eine inspiratorische Dyspnoe dar, die bei ganz gesunden, 
jüngeren Kindern plötzlich in der Nacht mit heiserem, bellendem Husten 
einsetzt und trotz des gefahrdrohenden Aussehens glatt und spontan in 
Heilung übergeht; doch becteht Neigung zu Rezidiven. Die meisten 
Autoren suchen die Ursache der Erkrankung im Larynx. Nach Ansicht 
des Verf., der innerhalb zwei Jahren 16 Fälle von Pseudokroup zu sehen 
bekam, besteht ein Zusammenhang zwischen adenoiden Vegetationen des 
Nasenrachenraumes und Pseudokroup. Den Modus, wie adenoide Vege¬ 
tationen einen Pseudokroupanfall hervorrufen, könne man sich zwanglos 
so vorstellen: der Schleim aus dem Nasenrachenraum kann besonders 
leicht in der Bettruhe den Larynxeingang passieren und hier, analog 
dem Glottiskrampf bei Kehlkopfpinselungen, ein krampfhaftes Anein¬ 
anderlegen des Taschenbandes auslösen; durch einen Hustenstofs, der 
durch das Ueberhängen der Taschenbänder seinen bellenden Bei¬ 
klang erhält, wird der Abschlufs gesprengt, aber nur vorübergehend, mit 
dem Aufhören des Hustens ist der Abschlufs wieder da, noch ehe Zeit 
zu einer tiefen Inspiration gegeben ist, und es liegt das Bild des durch 
Sauerstoffmangel hervorgebrachten Erstickungsanfalles in typischer Weise 
vor. Erst wenn infolge der Kohlensäureintoxikation, die Taschenband¬ 
kontraktur nachläfst, dann ist die freie Atmung wieder hergestellt. Dieser 
Modus, als richtig angenommen, würde vielleicht auch die Handhabe 
bieten zu dem Befund der subchordalen Schwellungen; diese wären 
nicht das Primäre, sondern eine in extremen Fällen sekundär durch 
eine Hyperämie ex vacuo stattgehabte Transsudation in das lockere 
submuköse Zellgewebe. Dafs der Pseudokroup keine selbständige 
Krankheit, sondern nur ein Symptom vorhandener Wucherungen im 
Nasenrachenraum ist, wird dadurch erhärtet, dafs mit Fortnahme der 
adenoiden Vegetationen die Pseudokroupanfalle auf hören. 

Kl autsch, Halle a. S. 

Die adenoiden Wucherungen des Nasenrachenraums mit besonderer 
Würdigung der Gründe für die häufige Wiederkehr dieser Bil¬ 
dungen bei ein und demselben Individuum. Von Heermann. 
(Therap. Mon. 1898 Heft 8). 

H, unterscheidet zwei Arten von adenoiden Wucherungen: primäre, 


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welche wegen der tuberkulösen Belastung des Individuums entstehen, ein 
Atmungshindernis darstellen und auch zu einer Mitbeteiligung der Nase 
fuhren können. Ihre Entfernung führt zur Heilung, wenn sie gründlich 
war. Zweitens sekundäre adenoide Vegetationen, welche H. sich folgender- 
mafsen entstanden denkt: Der Kranke acquiriert einen Schnupfen, der 
chronisch wird, es kommt zu einer längere Zeit, vielleicht jahrelang 
dauernden Schwellung der Nasenmuscheln. Die Nase ist für die Luft 
nicht oder nur ungenügend wegsam. Geringe Ventilation und Stauungen 
des Sekrets mögen nun die Veranlassung abgeben, dafs die Rachen¬ 
mandel zu hyperplasieren beginnt. Damit ist ein neuer Faktor gegeben, 
der einengend auf den Atmungsweg wirkt, und dieser wird schliefslich 
gänzlich verlegt. Werden in einem solchen Falle die adenoiden Wucher¬ 
ungen entfernt, so hat man dem Kranken nicht geholfen, und die 
Wucherungen bilden sich wieder, da man doch unmöglich alles adenoide 
Gewebe aus dem Nasenrachenraum entfernen kann. 

Für die Praxis ergiebt sich hieraus der notwendige Schlufs, dafs 
man in erster Linie die Nase einer Behandlung unterwerfen und ihren 
Schwellungskatarrh beseitigen mufs. Dabei hat sich folgendes Verfahren 
bewährt: Pinselung der Nase mit 1 / 2 °/o Kokainlösung und Einblasung 
von Natrium sozojodolicum 3,0 auf Acidum boricum 12,0 oder von 
letzterem allein. In besonders hochgradigen Fällen mufs die Kokain¬ 
pinselung mehrmals am Tage wiederholt werden, in einfachen Fällen 
genügt eine einmalige Applikation. Nach ca. 8 Tagen sieht man meist 
den Erfolg. Manchmal hat sich die Hyperplasie der Rachenmandel schon 
so zurückgebildet, dafs man ihre Exstirpation messerscheuen Patienten 
ersparen kann. In der Regel mufs sie jedoch entfernt werden. Der 
Operierte bleibt nun 2 Tage zu Bett, bekommt nur kühle Milch, dann 
kann er wieder ausgehen. Die Behandlung der Nase wird fortgesetzt. 
Man kommt nun mit einfachen Pulvereinblasungen aus. Selten wird 
man zu Aetzungen der Muscheln z. B. mit Trichloressigsäure gezwungen. 
Etwa nötige Nachbehandlung des Ohres ist nicht vor Ablauf der zweiten 
Woche nach der Operation zu machen. Bei der Operation benutzt H. 
die Jurasz’sche Zange und das Kirstein’sche resp. Gottstein’sche Messer. 
Die Narkose wird von ihm prinzipiell verworfen. 

Schnell, Egeln. 

Ueber Gastroenteritis mit Acetonurie bei Kindern. Von P. Vergely. 

(Rev. mens, des mal. des l’enfance 1, 18U8). 

V. hat die Gastroenteritis bei Kindern zum Gegenstände einer 
eingehenden Studie gemacht und hat folgendes beobachtet: Nach dem 
klinischen Bilde lassen sich zwei Gruppen von Erscheinungen unter¬ 
scheiden : 

a) nervöse und 

b) gastrische. 

Die nervösen äufsern sich durch Stimmungswechsel, Reizbarkeit, 
Aufregung, Schlaflosigkeit. Hingegen treten nie Konvulsionen oder 
Schmerzen auf. In fast allen Fällen bestand eine gewisse Mattigkeit, 
welche die Kinder veranlafste, das Bett aufzusuchen. 

Die gastrischen Erscheinungen bestanden in Appetitlosigkeit, 
Erbrechen von Nahrungsmitteln und Schleim. Die erbrochenen Massen 


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222 


riechen nicht nach Aceton, hingegen hat die ausgeatmete Luft stets 
einen ausgesprochenen Geruch von Reinette-Aepfeln, der zuweilen so 
stark wird, dafs das Zimmer mit demselben vollständig getränkt ist. 
Die Zunge ist weifs oder gelb belegt, der Magen erscheint nicht durch 
Gase ausgedehnt und zeigt weder Schwappen noch Gurren. In fast 
allen Fällen bestand Stuhlverstopfung, die Milz war nicht geschwollen, 
hingegen zeigte die Leber eine deutliche Vergröfserung. In manchen 
Fällen war der Verlauf ganz fieberlos, in anderen traten vorübergehende 
Temperatursteigerungen ein. — Bei einem 12-jährigem Kinde, welches 
10 Tage hindurch einen Fieberverlauf ähnlich dem beim Abdominal¬ 
typhus aufwies, bei dem aber weder Diarrhoe noch Milzschwellung be¬ 
standen und welches Appetit hatte und sich so wohl befand, dafs es 
nicht im Bette bleiben wollte, ergab die Harnuntersuchung deutliche 
Acetonurie, wodurch die Diagnose sicher gestellt wurde. 

Diese Studien machte V. bei solchen Kindern im Alter von 

1— 12 Jahren, bei welchen im Harne Aceton, Acetefsig und Oxybutter- 
säure gefunden wurden. Die Acetonurie spielt eine erhebliche Rolle in 
der Pathogenese der vorliegenden Erkrankung, die wahrscheinlich durch 
eine Autointoxikation durch Produkte abnormer Darmgährung entsteht 

ln allen Fällen trat in wenigen Tagen Heilung ein. Die Be¬ 
handlung war eine diätetische und medicamentöse. Was die Diät be¬ 
trifft, so zeigte sich, dafs Eier, Milch, Fleisch und Fische die Verdauungs¬ 
störungen steigern. Man giebt am besten Bouillon, gezuckerte Bisquits 
mit wenig Butter und etwas Thee mit Milch, als Getränk am besten 
ein alkalisches Wasser. Der Uebergang zu substanzieller Nahrung darf 
nicht ein zu rascher sein. Medikamentös verabreicht man am besten 
Abführmittel, u. zw. Calomel in fraktionierten Dosen von 0,05—0,15 

2— 3 Tage hindurch. Mit Vorteil bedient man sich auch eines gährungs- 

widrigen Mittels bestehend aus 0,20—0,30 Natr. hyposulf. in 100 g 
Wasser mit Syrup versetzt. Dr. Goldbaum, Wien. 

Vergleichende Untersuchungen über den Salzgehalt der Frauen- und 
Kuhmilch. Von Ko epp e. (Jahrb. f. Kinderheilkde. XLVII. 
Hft. 4, 1898). 

Der Verf. hat sich das Ziel gesetzt, mit Hülfe der physikalischen 
Chemie über das Verhalten und die Bedeutung der Salze in der Milch, deren 
Wichtigkeit für die Ernährung zwar anerkannt und bewiesen, deren 
Funktionen jedoch bislang unbekannt, Aufschlufs zu erhalten. Hierzu 
dienen die Methoden der Bestimmung der Gefrierpunktemiedrigung 
und der Bestimmung der elektrischen Leitfähigkeit. (Als Anhang 
werden die Untersuchungsmethoden und -Protokolle mitgeteilt). Nach 
van t’Hoffs »Theorie der Lösungen« wird aus der Gefrierpunkts¬ 
erniedrigung die Anzahl der Gramm-Moleküle gelöster Substanzen (Molen) 
und weiterhin der osmotische Druck berechnet; nach der »Theorie der 
elektrolytischen Dissociation« von Arrhenius wird aus der elektritschen 
Leitfähigkeit auf den Gehalt der Flüssigkeit an Jonen geschlossen. 
Beide Werte werden der Hauptsache nach durch den Gehalt der Milch 
an Milchzucker und Salzen bedingt. 

Im I. Teil des Aufsatzes werden die Resultate der Bestimmungen 
von Gefrierpunktserniedrigung und elektrischer Leitfähigkeit einerseits 


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der Kuhmilch, sowohl als Mischmilch als auch als Milch einzelner Kühe 
(und Ziegen), andererseits der Frauenmilch mitgeteilt. Die Mischmilch 
zeigt geringe Schwankungen der einzelnen beiden Werte; ebenso die 
Frauenmilch und zwar nicht nur die Milch verschiedener Individuen, 
sondern auch die Milch desselben Individuums an verschiedenen Tages¬ 
zeiten desselben Tages. Bei den einzelnen Tieren wurde auch gezeigt, 
dafs die Milch zu Anfang und zu Ende desselben Gemelkes ver¬ 
schieden ist. 

Im II. Teile werden die Untersuchungsresultate mit Berücksichtigung 
der chemischen Analysen besprochen. Hier kommt der Verf. zu dem 
Schlufs, dafs in der Kuhmilch ein gröfserer Teil der Salze zwar osmotisch 
wirkend, aber in neutraler Form, den elektrischen Strom nicht leitend, 
also wahrscheinlich organisch gebunden vorhanden ist. Betreff der 
Frauenmilch geht hervor, dafs in derselben mehr osmotisch wirkende 
Moleküle vorhanden sind, als nach der chemischen Analyse aus dem 
Asche- und Milchzucker-Gehalt berechnet werden kann, und dafs von 
den anorganischen Salzen ein Teil in neutralen, den elektrischen Strom 
nicht leitenden, wahrscheinlich auch organisch gebundenen Molekülen 
vorhanden ist. 

Der im III. Teile angestellte Vergleich zwischen der Kuh- und 
Frauenmilch zeigt in einem Punkte die Übereinstimmung beider: Milche, 
nämlich im osmotischen Druck. Dies hat darin seinen Grund, dafs trotz 
des verschiedenen Gehaltes bei der Milch an Milchzucker und Salzen 
doch ein bestimmtes Wechsel Verhältnis zwischen beiden Substanzen be¬ 
steht. Dagegen ist der Durchschnittswert für die Leitfähigkeit der 
Kuhmilch fast noch einmal so grofs als der für die Frauenmilch; doch 
ist der relative Gehalt der Kuhmlich an Jonen kleiner als der der Frauen¬ 
milch. Aufserdem aber ergiebt sich noch die wichtige Thatsache, dafs 
in der Frauenmilch Substanzen unbekannter Art von wahrscheinlich 
organischer Natur und sicher osmotischer Wirksamkeit vorhanden sein 
müssen, welche, wenn überhaupt in der Kuhmilch gegenwärtig, dann 
bestimmt in viel kleinerer Zahl da sind. 

Im IV. Teil sucht Verf. die Untersuchungsresultate zu Betrachtungen 
über die künstliche Ernährung der Säuglinge zu verwerten. Hiernach 
rät er von starker Verdünnung der Kuhmilch ab und zeigt, dafs die 
Heubner sehe 2 / 3 Milch plus 12°/ 0 Milchzucker mit den theoretisch ge¬ 
wonnenen Gesichtspunkten am besten übereinstimmt. Diesen entspricht 
nicht so sehr die Gärtner’sche Fettmilch. Schliefslich wird noch der 
Unterschied der landläufigen künstlichen Ernährung von der natürlichen 
hervorgehoben, welcher in der bei ersterer peinlich vollführten Gleich- 
mäfsigkeit der Nahrung und der dadurch bedingten Einseitigkeit der 
Ernährung besteht. — Die Wichtigkeit der Befunde rechtfertigen die 
eingehende Besprechung derselben. Sie zeigen, dafs mit der Korrektur 
einzelner Unterschiede bei den in Betracht kommenden Milchen nichts 
gewonnen ist, da wir, solange beide Milche nicht nach allen Richtungen 
erforscht sind, nicht wissen können, ob wir nicht, wie der Verf. be¬ 
merkt, was wir in dem einen Punkt verbessern, in einem anderen ver¬ 
schlimmern. Das Problem der künstlichen Ernährung wird, je mehr 
sich unsere Kenntnisse erweitern, desto schwierig zu lösen sein. Vorläufig 
erscheint es dem Verfasser geboten, in der Erfindung neuer Ausgleiche- 


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mittel Halt zu machen. Die Frage der künstlichen Ernährung mufs 
auf anderem Wege der Beantwortung zugeführt werden. 

Koppen, Norden. 

Untersuchungen über diastatisches Enzym in den Stühlen von Säug¬ 
lingen und in der Muttermilch. Aus d. k. k. pädiatr. Klinik des 
Prof. Escherich in Graz. Von Ernst Moro. (Jahrb. für Kinder¬ 
heilkunde 1898, XLVII, Heft 4). 

In den Säuglingsstühlen fiel das Vorhandensein eines intensiv 
diastasierenden Fermentes auf. Der Verf. stellte sich die Aufgabe die 
Herkunft dieses Fermentes zu ermitteln. 

Zunächst wurden die normalen Darmbakterien auf die Produktion 
von Amylase (= diastasierendes Ferment) geprüft. Zu den Versuchen 
wurden frisch bereitete Reinkulturen von Bakt. lactis aerogenes und Bakt. 
col. com. und Gemische dieser Arten angewendet und zwar sowohl aerob 
als anaerob. Als Nährboden wurde sowohl eiweifshaltige als reine Stärke¬ 
lösung benutzt. Die klaren Filtrate wurden nach verschiedenen Zeit¬ 
räumen in Gährkölbchen gefüllt und mit Prefshefe beschickt; nach 
48 Stunden war noch keine Gasbildung nachweisbar. 

Weiterhin wurden Versuche mit Pankreasextrakt angestellt, welches 
durch 18—24 stündiges Ausziehen der zerkleinerten Drüse mit Thymol- 
Wasser gewonnen war. Sogar bei Verwendung des Pankreas von Neu¬ 
geborenen fand sich in den Extrakten Amylase. 

Schliefslich wurde noch Frauen- und Kuhmilch nach der Methode 
von Pavy auf die Anwesenheit von Amylose untersucht und zwar mit 
positiven, im zweiten mit negativem Ergebnis. 

In 4 von 40 Fällen hatte die Amylose in den Faeces gefehlt. Es 
handelte sich um atrophische künstlich ernährte Kinder, bei denen das 
Fehlen des Enzyms nicht übersehen ist. 

Auf Grund seiner Untersuchungen kommt Verf. zu diesen Sätzen: 

1. Der Darminhalt und Kot des Säuglings enthält in der Regel 
schon von der Geburt an diastatisches Enzym, das in den ersten Lebens- 
wochen rasch an Menge zunimmt. 

2. Dieses diastatische Enzym wird von den drüsigen Organen des 
Darmes abgesondert, und zwar lassen sich Spuren desselben schon im 
Pankreasextrakte des Neugeborenen nachweisen. Dagegen sind die 
Bakterien an der Entstehung desselben nicht beteiligt. 

3. Die Frauenmilch enthält normaler Weise ein intensiv sacchari- 
fizierendes Enzym, das in der Kuhmilch nicht vorhanden ist. 

4. Dieses Enzym ist auch in den Stühlen von Brustkindern nach¬ 
weisbar und bedingt die erheblich stärkere diastasierende Wirkung 
derselben. 

Mit Recht weist der Verf. auf die Bedeutung dieser Funde für 
die Frage der künstlichen Ernährung hin. Koppen, Norden. 


Studien über die Ernährungsphysiologie des Säuglings. Von Axel 
Johanessen und Erwin Wang. (Zeitschr. f. physiol. Chemie 
XXIV 5. 6. 1898.) 

Zweck der Untersuchungen war, einen Beitrag zur Kenntnis 


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über die Ernährung des normalen Säuglings sowohl in Bezug auf das 
normale Quantum als auch auf die chemische Zusammensetzung (Nahrungs¬ 
wert) zu liefern. Hierzu dienten 4 durchaus gesunde Säuglinge gesunder 
Eltern im Alter von 4—5 Monaten. Die Kinder wurden zwischen 
6 Uhr morgens und 9 Uhr abends jede dritte Stunde und einmal in der 
Nacht, also 7 mal im Ganzen gestillt. 

Die Dauer der einzelnen Säugungen betrug 19 bis 21,1 Minuten 
durchschnittlich, am häufigsten 15 bis 20 Minuten. Unter genauer Be¬ 
rücksichtigung der perspiratio sensibilis wurde das jedesmalige Milch¬ 
quantum festgestellt, wobei sich sehr verschiedene Werte ergaben; so 
bei einem Kinde 233 g Maximum, bei einem anderen 53 g Minimum. 
(Immerhin ist ein gewisses Verhältnis erkennbar, indem die Kinder mit 
kleinstem Minimum auch durchgängig das kleinste Maximum zeigen. Ref.). 

Zur Feststellung der chemischen Zusammensetzung der Milch 
wurden die Kinder an die Brust gelegt, und Proben der Milch vor dem 
Stillen, während desselben und nach demselben entnommen. Die Einzel¬ 
proben wurden gemischt und daraus 1. der Totalstickstoff nach Kjeldahl; 
Albumingehalt nach Hammarsten und Sebelin, wobei die N-haltigen 
Extraktivstoffe als Kasein berechnet wurden; 2. das Fett mit dem 
Gerber’schen Acid-Lacto-Butyrometer, 3. der Zucker nach Ritthausen 
ermittelt. — 

Es zeigte sich, dafs der Zucker im allgemeinen am konstantesten 
vorkam 5,9—6,3 °/ 0 , dann der Stickstoff 1—1,3 °/ 0 , die unbeständigsten 
Werte lieferte die Fettbestimmung mit 2,8—4,6 °/ 0 , wobei allerdings bei 
einem und demselben Individuum der Unterschied nicht gröfser als 
1,2 °/ 0 war. — Der Zuckergehalt war in der Mitte des Brustgebens am 
höchsten, niedriger zu Ende als zu Anfang; Eiweifs und Fett in der 
Regel am niedrigsten zu Anfang und am höchsten am Ende des 
Säugens. 

Es werden am Schlüsse noch die Anzahl der Calorien für jedes 
Kind in 24 Stunden und für 1000 g der betreffenden Milch, sowie die 
Ausnutzung der Calorien inbezug auf die Körpergewichtszunahme mit¬ 
geteilt. — 

Zwei Tafeln geben graphische Darstellungen der Nahrungsbestand¬ 
teile vor dem Säugen, in der Mitte derselben und nach demselben; ferner 
der aufgenommenen Nahrungsmenge in 24 Stunden und zu den ver¬ 
schiedenen Tageszeiten; schliefslich des Gewichtverlustes durch per¬ 
spiratio sensibilis. A Koppen, Norden. 

Ein Beitrag zur hämorrhagischen Pleuritis bei Kindern. Von Lew in. 
Aus Dr. Cassels Poliklinik für Kinderkrankheiten in Berlin. (Jahrb. 
f. Kinderheilkde. Bd. XLVII, Heft 14). 

Unter 50 Fällen von Pleuritis exsudativa ergab die Probepunktion 
in 4 Fällen ein hämorrhagisches Exsudat. Es waren dies Kinder im 
Alter von elf Monaten bis 5 Jahren, darunter ein Mädchen und drei 
Knaben. Der Ausgang ist in einem Falle unbekannt geblieben, dreimal 
erfolgte Heilung. 

Was die ‘ätiologischen Momente anbetrifft, welche für diese Fälle 
in Frage kommen, so liefsen sich bei diesen Kindern weder Tuberkulose, 
noch Lues, Sarkom, Karzinom, hämorrhagische Diathese oder Herz- 


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krankheiten nachweisen. Ein Trauma ist dem hämorrhagischen Ergufs 
ebenfalls nicht vorangegangen, auch enthielt der Urin niemals Albumen. 
Von den akuten Infektionskrankheiten, welche gern zu Hämorrhagien 
Veranlassung geben, war gleichfalls keine vorangegangen. Von den 
letzteren kommen hauptsächlich in Betracht Scarlatina, Masern, Variola, 
Influenza, Polyarthritis, Skorbut. Von allen diesen konnte für die 
Aetiologie obiger Fälle nur die Influenza nicht völlig ausgeschlossen 
werden, insofern als die katarrhalische Form derselben, nament¬ 
lich wenn schwerere Erscheinungen von Seiten der Respirationsorgane 
in den Vordergrund treten, in vielen Fällen keine sicheren Anhaltepunkte 
für eine präcise Diagnose bietet. 

Bezüglich der Diagnose der hämorrhagischen Pleuritis ist zu be¬ 
merken, dafs sich dieselbe klinisch durch kein Zeichen von den übrigen 
Formen der exsudativen Pleuritis unterscheidet. Anämie kommt wohl 
stets bei der Pleuritis der Kinder vor. Die Prognose des Leidens ist 
für das Kindesalter ebensowenig eine absolut schlechte als bei Er¬ 
wachsenen. 

Die Therapie hat sich in erster Linie gegen die Blutung zu richten. 
Zu diesem Zwecke ist absolute Bettruhe noch mehr erforderlich als bei 
den übrigen Formen der Pleuritis. Alkoholika und sonstige Exzitantien 
sind auf das äufserste Mafs zu beschränken, doch wird man dieselben 
bei Neigung zu Collaps nicht ganz entbehren können. Von der inneren 
Anwendung typischer Mittel darf man sich bei der UnSicherheit ihrer 
Wirkung nicht viel versprechen. — Bei hohen Temperaturen bedient 
man sich am besten der hydropathischen Umschläge. Antipyietica meide 
man ganz, da sie bei fiebernden Kindern leicht Collaps hervorrufen; 
allenfalls kann man bei rheumatischer Ursache einen Versuch mit Salizyl¬ 
säure machen. Da es sich meist um sehr geschwächte Patienten handelt, 
wird es am zweckmäfsigsten sein, nach Feststellung des hämorrhagischen 
Ergusses sogleich mit einer ausschliefslich roborierenden Behandlung 
zu beginnen. Die reichliche Anwendung tonisierender Mittel, ein China- 
decoct, verbunden mit kräftigender Diät, späterhin Eisenpräparate führen 
aufserdem in den günstigen Fällen meist zum Ziel. 

Von den operativen Eingriffen kommt nur die Entleerung durch 
Punktion in Frage. Es ist jedoch für dieselbe ein möglichst langes Ab¬ 
warten geboten, da sie bei fortdauernder Blutung den Blutverlust nur 
steigern würde. Schnell, Egeln. 

Zur Herzdiagnose. Von Soltmann. (Jahrbuch für Kinderheilkunde 
XLVIII. Bd. 1898). 

In knapper und prägnanter Form weist Verf. auf die Auskultations¬ 
phänomene am Kinderherzen in ihren Besonderheiten gegenüber dem 
Erwachsenen hin. Das bekanntlich bis gegen das 12. Lebensjahr un- 
verhältnismäfsig starke Volumen Wachstum des kindlichen Herzens kommt 
im wesentlichen der Muskulatur zu Gute und bedingt im Verein mit 
der gröfseren Weite der Aorta und Pulmonalis den günstigen Verlauf 
insbesondere der Klappenfehler. Diese physiologischen Daten hat man 
bisher bei der Verwertung der Auskultationsergebnisse nicht genügend 
berücksichtigt, man hat, obgleich letztere für die Diagnose wesentlicher 
sind, sich mehr an die Perkussion gehalten. 


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Verf. erörtert hier Zunächst die Systolischen Geräusche. Dieselben 
scheiden sich in 

1. accidentelle anämische Geräusche: 

In den ersten drei Lebensjahren fehlend (daher ist hier ein systo¬ 
lisches Geräusch immer organisch) und bis zum 8. Lebensjahre selten, 
traten sie besonders bei anämischen Kindern zur Zeit der Pubertät auf. 
Hierfür giebt S. folgende Erklärung: Die Geräusche entstehen nicht 
an der Mitralklappe, sondern an der Pulmonalis und zwar nach Geigel 
dadurch, dafs der bei Anämischen vorhandene geringe Gefäfs- 
druck dem übermächtigen systolischen Ventrikeldruck nicht Stand hält 
und daher das Blut mit grofser Gewalt in das verhältnismäfsig enge 
Gefäfslumen geräuschvoll einströmt. Die Schwäche des Ventrikels bei 
weitem Gefäfslumen im zarten Kindesalter bedingt daher das Fehlen 
von anämischen Geräuschen, dagegen der kräftige Ventrikeldruck bei 
verhältnismäfsiger Gefäfsenge zur Pubertätszeit ihr häufiges Entstehen. 

2. Cardiopulmonale (Herzlungen-) Geräusche. 

Sie entstehen vom 2. Lebensjahre ab und zwar durch Uebertragung 
der Herzkontraktion auf die bei In- und Expiration komprimierte resp. 
gedehnte Lunge. Infiltrate, R6tr6cissement, überhaupt alle die Schall¬ 
leitung begünstigenden Momente verstärken diese Geräusche. Besonders 
deutlich sind sie über der lingula und den grofsen Gefafsen. Charak¬ 
teristisch für das Herzlungengeräusch ist der häufige Wechsel seines 
Schallcharakters, seine Verstärkung bei tiefer Atmung, sein Schwinden 
bei Atmungssuspension. 

3. Endokarditische Geräusche. 

Die Diagnose der Mitralinsufficienz ist viel schwieriger als beim 
Erwachsenen. Der zweite Pulmonalton ist bei der gröfseren Weite des 
Gefäises nur selten pathognomonisch verstärkt, die Verbreiterung nach 
rechts bei der grofsen Reservekraft der Ventrikelmuskulatur viel seltener 
ausgesprochen, die Verbreiterung nach links hat bei der schon physio¬ 
logisch mehr nach aufsen gerückten Grenzlage des Spitzenstofses auch 
nur bedingten Wert. Die Diagnose wird sich daher meist nur auf das 
konstante reine systolische Geräusch und den hebenden Charakter des 
Spitzenstofses stützen. 

4. Myokard iale Geräusche. 

Ihre Diagnose erhält eine Stütze durch die sich bald einstellenden 
Kreislaufsstörungen und subjektiven Beschwerden. Sie sind nicht nur 
an der Spitze, sondern häufig noch deutlicher an der Basis hörbar. 
Die Myodegeneration begünstigt die Erschlaffung und daher Verbreiter¬ 
ung nach rechts und links. Sie treten auf nach Infektionskrankheiten, 
besonders nach Diphtherie. Dr. Friedmann, Beuthen. 

Morbus Addisonii bei Kindern. Von DezirQt. (Klinisch-therapeut. 
Wchschr. N. 38, 1898). 

Die Addison’sche Krankheit gilt als seltenes Vorkommnis bei 
Kindern. D. konnte jedoch im Verlaufe eines Jahres drei Fälle 
beobachten. Bei dieser Gelegenheit sammelte er die in der Litteratur ver¬ 
öffentlichten Fälle, insgesamt 48, welche Kinder im Alter von 7 Tagen bis 14 ! / 2 
Jahren betrafen. Bei Kindern ist fast immer die Tuberkulose der 
Nebennieren die Ursache der Erkrankung. Der Beginn wird häufig 


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übersehen, und die ersten Symptome treten schleichend auf. Zunächst 
stellt sich eine allgemeine Schwäche, Müdigkeit ohne wahrnehmbare 
Ursache ein. Die Kinder spielen nicht, sondern sind apathisch und 
kraftlos. In anderen Fällen beobachtet man anfänglich Magen-Darm¬ 
erkrankungen, Uebelkeiten, Erbrechen, Diarrhoe und Verstopfung. Dieser 
Anfang scheint namentlich bei Kindern vorzukommen. In diesem Stadium 
sind noch keine Schmerzerscheinungen wahrnehmbar. Nur selten wurde 
schon im Beginne die Verfärbung der Haut beobachtet. Da in vielen 
Fällen der Addisonsche Symptomenkomplex im Verlaufe einer Tuber¬ 
kulose sich einstellt, so findet man nicht selten eine Lokalisation der 
Tuberkulose in der Lunge, in der Niere, in den Drüsen, Gelenken oder 
Knochen. Schliefslich kann auch der allmäliche Beginn ganz ausbleiben 
und die Krankheit rasch eine rapide Form annehmen, ähnlich einer 
Vergiftung, sodafs in wenigen Monaten der charakteristische Symptomen¬ 
komplex; die Asthenie, die Magen-Darmerkrankungen, die Schmerzen 
und Hautfärbung vollständig ausgebildet ist. 

Die Asthenie ist das wesentlichste Merkmal der Erkrankung, es 
fehlt fast nie. Die Intelligenz bleibt intakt, aber der Kranke fürchtet 
so sehr die Ermüdung, dafs er auf die an ihn gerichteten Fragen kaum 
antwortet. Er liegt zumeist ausgestreckt im Bette, ohne sich zu be¬ 
wegen, trotzdem keinerlei Lähmungserscheinung vorhanden ist. Be¬ 
merkenswert ist, dafs diese Prostration nur selten mit Abmagerung und 
Anämie einhergeht. Die Magen-Darmerscheinungen sind im Kindesalter 
sehr wichtig. Zunächst nimmt der Appetit ab, die Kinder haben einen 
Widerwillen gegen gewisse Speisen, namentlich gegen Fleisch. Bald 
kommen Uebelkeit und Erbrechen, ähnlich den bei Urämie, hinzu. 
Seitens des Darmes beobachtet man Verstopfung, namentlich aber 
Diarrhoe. Das Erbrechen und die Diarrhoe scheinen mit einer Exa¬ 
cerbation der durch die Nebennierenerkrankung bedingten Intoxikation 
zusammenzufallen. Weniger konstant sind die Schmerzen. Dieselben 
treten zumeist spontan auf und sitzen im Rücken, den Lenden, dem 
Bauche, zuweilen in den Hypochondrien oder im Epigastrium. Die 
Hyperästhesie des Bauches kann so stark sein, dafs man an eine Perito¬ 
nitis denkt. In manchen Fällen wurden sehr heftige Kopf- und Glieder¬ 
schmerzen beobachtet. Was die Hautverfärbung betrifft, so wird die¬ 
selbe nicht selten übersehen und die Eltern glauben, dafs das Kind ab¬ 
gebrannt ist. Zuweilen wird die Verfärbung als Gelbsucht gedeutet. 
Die Körperoberfläche ist gänzlich pigmentiert und zwar in mehr oder 
weniger gleichförmiger Weise, seltener ist die Pigmentierung nur eine 
partielle. Die Hautfarbe ist an den der Luft und dem Lichte exponierten 
Stellen, wie im Gesicht, am Hals, an den Händen, eine dunklere. Eben¬ 
so an jenen Stellen, die normaliter viel Pigment enthalten, wie die Areole 
der Brustwarzen, Nabel, Achselhöhle, Genitalien etc. Aehnlich wirken 
äufsere Reize. So wird z. B. die Färbung eine dunklere an den Stellen, 
welche einem häufigeren Drucke ausgesetzt sind, wie z. B. durch 
Kleidung (Gürtel, Strumpfband etc.). Die Verfärbung betrifft selten die 
behaarte Kopfhaut, hingegen sehr häufig das Haar selbst. Dieses wird 
immer dunkel, blondes wird braun, braunes schwarz. Die Conjunctiva 
bleibt intakt. Ebenso entgehen zumeist auch die Nägel der Verfärbung. 
Die Schleimhäute zeigen fast immer disseminierte, bräunliche Flecken, 


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welche zumeist so charakteristisch sind, dafs sie ein pathognostisches 
Symptom, wenigstens bei Kindern bilden. 

Aufser diesen Cardinalsymptomen des Morbus Addisonii kommen 
noch, namentlich bei Kindern, andere Erscheinungen zur Beobachtung, 
so z. B. Fieber als Ausdruck einer bestehenden Tuberkulose, be¬ 
schleunigter Puls, auch ohne Temperatursteigerung infolge der Gefäfs- 
asthenie, Konvulsionen, epileptiforme Anfälle. Allmählich nehmen die 
Symptome an Schwere zu, und entweder stellt sich Cachexie ein oder 
aber die Kinder werden durch eine interkurrente Erkrankung hinweg¬ 
gerafft. In manchen Fällen tritt auch ein plötzlicher Tod ein, eine 
Thatsache, deren Kenntnis von Wichtigkeit ist und auf welche die An¬ 
gehörigen aufmerksam gemacht werden müssen. Der Verlauf der Er¬ 
krankung zeigt zuweilen Remissionen und Exacerbationen. Die Re¬ 
missionen werden nicht selten für Heilung gehalten, ja selbst die Melano¬ 
dermie kann zeitweilig verschwinden, bald aber stellen sich die Symp¬ 
tome mit um so gröfserer Heftigkeit wieder ein. Die Betrachtung der 
bis nun bekannten Fälle bei Kindern ergiebt, dafs durchschnittlich in 
2 von 3 Fällen der Exitus in weniger als einem Jahre eintrat, während bei 
Erwachsenen dies im Verhältnis von 1:2 erfolgt. Der Verlauf scheint 
demnach im jugendlichen Alter ein rascherer zu sein. Die Behandlung 
ist bis nun eine illusorische. Nur in einem Falle wurde durch Injektion 
von Nebennierenextrakt ein Stillstand erzielt. — 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Die diagnostische Verwertung des Röntgen-Verfahrens bei Unter¬ 
suchung der Kinder. Von Escherich. (Separatabdruck aus den 
»Mitteilungen des Vereins der Aerzte der Steiermark« 1898, No. 2) 
Ein rhachitischer, der Phosphorbehandlung unterzogener Knabe 
wurde öfters durchleuchtet, jedoch war selbst nach zwei Monaten von 
einem nennenswerten Fortschreiten des Verknöcherungsprozesses nichts 
zu bemerken. Der Fall zeigt, dafs man selbst in einem günstig ge¬ 
legenen Falle nicht ei warten darf, innerhalb einer sonst für die Heilung 
der Rhachitis als ausreichend angegebenen Zeit durch die Phosphor¬ 
therapie stärkere, im Röntgenbild erkennbare Veränderungen der Knochen¬ 
substanz hervorzubringen. Interessant gestaltete sich in einem Falle von 
postdiphtherischer Zwerchfelllähmung die Beobachtung des abnormen 
Hochstandes der rechten Zwerchfellkuppe, sowie die auffällige Steil¬ 
stellung des Herzens. Bei mehreren an Bronchitis und Atelektase 
schwer erkrankten Kindern war hingegen der auffällige Tiefstand und 
die Abflachung des in Inspirationsstellung befindlichen Zwerchfells be¬ 
merkenswert. Hervorzuheben ist noch die mittelst Durchleuchtung kon¬ 
statierte abnorme Verschieblichkeit, welche das Herz bei gewissen 
Formen postdiphtheritischer Herzlähmung aufzuweisen pflegt; sie wird, 
begleitet von Galopprythmus, besonders in jenen Fällen gefunden, in 
denen nach Schwund der lokalen Erscheinungen im Rachen am 12. bis 
14. Tage plötzlich durch Synkope der Exitus eintritt. Das Symptom 
ist also von sehr ungünstiger prognostischer Bedeutung. E. hat es unter 
ca. 400 Diphtheriefällen 13 mal beobachtet; neun dieser Patienten sind 
an plötzlichem Herztod gestorben. Ueberhaupt bietet der Herzschatten 
das Auffällige dar, dafs er von allen Thoraxgebilden, Knochen mit ein- 


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geschlossen, am deutlichsten hervortritt. Wie E. sich überzeugen 
konnte, ist dies durch das Blut, beziehungsweise den Wassergehalt des 
Blutes bedingt. Ein trockener Schwamm giebt kaum einen Schatten am 
Schirm, mäfsig angefeuchtet jedoch einen sehr deutlichen. So dürfte die 
auffällige Helligkeit der Lungen zum Teil auf die relative Trockenheit 
dieses Gewebes zu beziehen sein. Herz- und Nierenkranke mit ge¬ 
dunsener Haut und Oedemen geben wenig differenzierte Bilder, während 
magere Kinder, atrophische Phthisiker die besten Demonstrationsobjekte 
bilden. Die merkwürdige Undurchleuchtbarkeit des Abdomens dürfte 
in erster Linie durch den Flüssigkeitsgehalt des Dünndarmes bedingt sein. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber die angeborene spastische Gliederstarre und ihre Behandlung. 
Von Hoffa. (Münchn. med. Wochenschrift 1898 No. 15). 

Die erste genauere Kenntnis der Krankheit stammt aus England, 
wo Little, in der Mitte der vierziger Jahre diese Afifektion als Krank¬ 
heit sui generis beschrieb. Die Little sehe Erkrankung ist nicht gerade 
sehr selten; sie ist gleich häufig bei Knaben und Mädchen. Nicht immer 
wird sie sofort nach der Geburt erkannt, und die Aufmerksamkeit der 
Angehörigen wird gewöhnlich erst rege in der Zeit, wo die Kinder 
gehen lernen sollen; deshalb gelangen die meisten Fälle auch erst in 
diesem Alter in die Behandlung der Aerzte. 

Das Symptomenbild ist folgendes: Die unteren Extremitäten sind 
immer und annähernd gleich stark befallen, und stets stärker aflfiziert 
als die oberen, die auch ganz frei bleiben können. Bei Kindern stehen 
die Beine meist nach innen rotiert und stark adduziert, so dafs sie sich 
oft kreuzen; bei Erwachsenen ist dies nicht so stark ausgeprägt, ja die 
starke Einwärtsrotation kann ganz fehlen. Hüft- nnd Kniegelenke sind 
leicht' gebeugt. Meist ist ein doppelseitiger Pes equino-varus vorhanden, 
doch kommt es auch relativ oft vor, dafs man auf der einen Seite 
einen Pes equino-varus, auf der anderen einen Pes equino-valgus findet. 
Bei ganz jungen Kindern zeigen die Füfse in der Ruhe meist eine 
normale Gestaltung, und die erwähnten Stellungen pflegen sich erst bei 
den ersten Gehversuchen einzustellen und werden durch die Spannung 
der Wadenmuskeln hervorgerufen. — Der Rumpf wird steif und vorn¬ 
über gehalten. Alle Bewegungen erscheinen ungeschickt. Der Schritt 
ist kurz und hastig. Der aufgehobene Fufs schleift auf der Spitze über 
den Boden hin und wird beim Aufsetzen vor oder jenseits des anderen 
geschleudert. Beim Gehen streifen sich die Kniee. Auch zeigen sich 
in ausgeprägten Fällen sehr deutlich seitliche Rumpfbewegungen und 
Schwankungen mit dem Kopf. In den meisten Fällen sind die Patienten 
gezwungen, sich beim Gehen einer Stütze zu bedienen, oder können 
überhaupt nicht allein gehen. — Sind die oberen Extremitäten afflziert, 
so liegen gewöhnlich die Oberarme dem Rumpf fest an; das Ellenbogen¬ 
gelenk ist flektiert; die Hände proniert, palmar- und ulnarwärts flektiert; 
die Finger werden gestreckt, auch überstreckt gehalten. — Auch auf 
die Kopfnicker und auf die Nacken- und Gesichtsmuskulatur kann die 
Krankheit übergreifen, manchmal kommt Schielen vor. Zuweilen ist 
auch die Sprachmuskulatur betroffen, die Kinder lernen erst spät sprechen. 

Der Verlauf der Krankheit ist ein sehr chronischer, regressiver 
oder stationärer. Die Kraft der Muskeln, die elektrische Erregbarkeit 


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derselben, die Sensibilität, alles ist vollständig erhalten, nur der Muskel¬ 
tonus ist abnorm gesteigert. Die betroffenen Muskeln sind in der Mehr¬ 
zahl der Fälle gut entwickelt, ihre Kraft ist nicht erheblich vermindert. 
Bei Nichtgebrauch können sich leicht Kontrakturen bilden. — Die 
Sehnenreflexe sind erhöht. Die Intelligenz bleibt mehr oder weniger 
intakt. Konvulsionen treten vornehmlich in der ersten Zeit auf, gewöhn¬ 
lich im ersten Monat, fast immer noch im ersten Jahr, kehren zeitweilig 
wieder, werden dann immer seltener, verschwinden entweder ganz oder 
können auch das ganze Leben hindurch dauern. 

Die Ursache dieser Krankheit ist nach Little fast durchweg in 
frühzeitiger, schwerer oder asphyktischer Geburt zu suchen. Auch bei 
H.’s sämmtlichen Fällen ergab die Anamnese frühzeitige bezw. schwere 
Geburt. Beckenenge der Mutter, Nabelschnurvorfall, Erstgeburt etc. 
können hierfür die Ursache abgeben. Es kommt hierbei zu einer trau¬ 
matischen Meningealblutung durch Zerreifsung der Venen im subarach- 
noidealem Gewebe. Weitere ätiologische Momente sind auch intracerebrale 
Blutungen, durch Berstung, Thrombosierung oder Embolie entstanden. 

Die Prognose ist eine schlechte. Spontane Besserungen sind be¬ 
obachtet. Eigentliche Verschlimmerung pflegt nirgends einzutreten; im 
schlimmsten Falle bleibt das Leiden stationär. Am günstigsten sind immer 
jene Fälle, die allerdings nur selten beobachtet sind, bei denen die 
Muskeln, die vom Becken zum Ober- und Unterschenkel ziehen, wenig 
ergriffen sind. Haben bereits Kontrakturen, beträchtliche Muskelver¬ 
kürzungen und Atrophie Platz gegriffen, so sind Erfolge nur durch die 
gröfste Mühe zu erzielen. 

Die Behandlung kann nur eine symptomatische, sein. Wir müssen 
eine Stärkung der Muskelerregbarkeit durch Uebung und Schulung zu 
erreichen suchen. Man kann die Kranken so weit bringen, dafs sie sich 
ohne fremde Hilfe fortbewegen können. — Um das gestörte Gleichge¬ 
wicht zwischen Flexoren und Adduktoren und ihren Antagonisten wieder- 
herzustellen, mufs man die Extensoren und Abduktoren zu kräftigen, 
die Flexoren und Adduktoren dagegen zu schwächen suchen. Ersteres 
erreichen wir durch Massage und gymnastische Uebungen. Die Muskeln 
werden täglich zweimal kräftig durchgeknetet. Sodann läfst man längere 
Zeit gymnastische Uebungen machen. — Die Schwächung der betreffenden 
Muskeln erreichen wir durch ein energisches Tapotement der Sehnen¬ 
enden oder wenn das nicht genügt, durch die Tenotomie resp. Tendek» 
tomie. Die Adduktoren, die Muskeln in der Kniekehle und die 
Achillessehnen kommen hierbei in Frage, und zwar empfiehlt es sich, 
alle diese Operationen in einer Sitzung auszuführen und dann nach 
Ausführung derselben die Gelenke in überkorrigierter Stellung einzu¬ 
gipsen. Nachdem sie 4—6 Wochen in diesem Verbände gelegen haben, 
werden die Patienten zweimal täglich massiert und müssen jedesmal zwei 
Stunden auf einem Lagerungsapparat liegen, mit Hilfe dessen die Beine 
nach Belieben abduziert, die Kniegelenke gestreckt und die Beine beliebig 
weit nach aufsen dabei rotiert werden können. 

Haben die Patienten ihre bestimmte Zeit in dem Lagerungsapparat 
gelegen, so machen sie Gehübungen, zunächst im Heusner’schen Lauf¬ 
stuhl, dann an 2 Stöcken und schliefslich ganz allein. Nach den Geh- 


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Übungen folgen wieder gymnastische Uebungen, die vor allem bezwecken, 
die Muskeln wieder dem Willen der Patientin unterthänig zu machen. 

H. hat in den letzten 10 Jahren 16 Fälle Little scher Krankheit 
auf die geschilderte Weise mit Erfolg behandelt. 

Schnell, Egeln. 

Sehnentransplantationen bei Kinderlähmungen. Von Eve. (Nach 
einem Referate in der klin.-therap. Wchschr. N. 22, 1898) 

In der Sitzung der Clinical Society of London vom 29. April 98 
stellte E. 3 Fälle vor, die er wegen Deformitäten, die sich im Anschlüsse 
an Kinderlähmung entwickelt hatten, mit Sehnentransplantation behandelte. 
Die Operation geschah in der Weise, dafs die Sehne des paralysierten 
Muskels der Länge nach gespalten und in die Spalte die Sehne eines 
gesunden Muskels fixiert wurde. Ein höherer funktioneller Wert kommt 
dem Verfahren nur dann zu, wenn die Sehne eines antagonistisch 
wirkenden Muskels überpflanzt wurde. In einem Falle von Lähmung 
der Peronei und Strecker spaltete E. den M. tibialis posticus nahe 
seiner Ansatzstellfe und implantierte die Sehne des Extensor digitorum 
longus, dann legte er die Achillessehne blofs, löste einen Teil derselben 
ab und pflanzte denselben in die Sehne des Peroneus longus ein. In 
einem Falle von extremen Spitzfufs nach Kinderlähmung wurde einerseits 
die Achillessehne operativ verlängert, andererseits die Sehne des tibialis 
posticus abgerundet und in die Sehne des Extensor digitorum longus 
eingepflanzt. Es gelang auf diese Weise, die Difformität nahezu voll¬ 
ständig zu beseitigen. Dr. Gold bäum, Wien. 

Die Aetiologie taer angeborenen Hüftverrenkung. Von Schanz, 
(Zeitschr. f. orthop. Chirurgie, V. Bd. 1898). 

Nachdem dtarch Hoffa die Therapie und mittelbar die patho¬ 
logische Anatomie der angeborenen Hüftverrenkung eine mächtige 
Förderung erfahren hat, ist es an der Zeit, auch die Aetiologie zu be¬ 
leuchten. Dieselbe ist seit Hippokrates zahllosen Theorieen unterworfen 
gewesen. Folgende sind die Hauptgruppen: 

I. Die Entstehung durch Trauma während der Schwanger¬ 
schaft oder der Geburt. Notwendig müfste dabei, um dem luxierten 
Kopfe den Durchtritt zu gestatten, ein Kapselrifs erfolgt sein, der 
aber noch niemals nachgewiesen worden ist. 

2. Die Voraussetzung einer primären Erkrankung des Ge¬ 
lenkes, analog der consecutiven Luxation bei Coxitis widerlegt sich 
durch den negativen anatomischen Befund. Nie finden sich hier die 
Spuren einer vorausgegangenen Entzündung. Die nicht ausbleibenden 
Formveränderung^n der Gelenkkonstituentien sind sekundär, nicht 
entzündlich, daher um so ausgesprochener, je älter der Fall. 

3. Die durch Erkrankungen des Centralnervensystems, 
wie Porencephalie, hervorgerufene Muskelparalyse und Muskelretraktion 
kann zu kongenitaler Luxation führen, doch giebt diese an sich schon 
seltene Erkrankung nicht das wohlcharakterisierte Bild der eigentlichen 
angeborenenen Hüftgelenksverrenkung. 

4. Eine Entwickelungshemmung in dem Sinne, dafs der 
Kopf verhindert wurde, in die Pfanne einzutreten, mufs ausgeschlossen 
werden, da nach Petersen feststeht, dafs die Gelenke nicht durch An- 


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einandertreten zweier getrennter Teile, sondern durch Trennung einer 
gemeinsamen Anlage entstehen. Es müfste daher selbst bei fehlender 
Pfanne der Kopf so lange an seiner ursprünglichen Stelle stehen bleiben, 
bis er durch eine Kraft von dieser weggedrängt wird. 

Welches ist nun diese Kraft? 

Die beim Gehen und Stehen wirkende Körperkraft kann es nicht 
sein, denn wir finden erstlich die Luxation schon bei Föten, zweitens 
müfste bei dieser Entstehungsart die Luxation nach vorn und oben 
gehen. — Die natürlichste Erklärung ergiebt die mechanische 
Theorie: Im intrauterinen Leben stehen die Schenkel in Flexion, 
Adduktion und Innenrotation. Bei Fruchtwassermangel forciert nun die 
Uteruswand durch kontinuierlichen Druck diese Stellung und drängt 
unter Ausweitung der Kapsel nach hinten und unten hier den Kopf 
heraus. Die Kapsel setzt natürlich dem andrängenden Kopfe einen ge¬ 
wissen Widerstand entgegen und so erklärt sich — zugleich eine weitere 
Stütze dieser Theorie — die typische Abbiegung des Schenkelhalses 
nach vom und unten. 

Dafs das lig. teres entweder langgedehnt oder abgerissen oder 
hypertrophiert gefunden wird, entspricht gleichfalls dem gekennzeichneten 
Vorgänge. 

Eine weitere Stütze findet die mechanische Theorie in der That- 
sache, dafs fast regelmäfsig verrenkte Hüftgelenke bei Individuen mit 
multiplen intrauterinen Belastungsdeformhäten gefunden werden, die ja 
allermeist durch Uterusdruck bei Fruchtwassermangel entstehen. Ins¬ 
besondere bemerkt man häufig zwei von den Schultern nach dem sternuni 
konvergierende seichte Rinnen, die der Lage der angeprefsten Arme 
entsprechen. 

Weshalb die angeborene Hüftgelenksverrenkung ganz vorwiegend 
bei Mädchen vorkommt, darauf bleibt freilich auch die mechanische 
Theorie die Antwort schuldig. Dr. Friedmann, Beuthen. 

Ein Fall von multiplen kongenitalen Kontrakturen. Von A. Schanz, 

(Zeitschr. f. orthop. Chir. V. Bd.). 

Der in dieser Reinheit fast als Unikum dastehende Fall kann als 
Paradigma der intrauterinen Belastungsdeformitäten gelten. Pat. ist ein 
4-jähriger Knabe. Die inneren Organe sowie das zentrale und periphere 
Nervensystem sind normal. Die äulseren Körperformen erscheinen wie 
durch einen anhaltenden konzentrischen Druck geformt oder mifsformt 
derart, dafs diese Deformität, am Rumpfe am wenigsten ausgesprochen, 
sich distalwärts stetig steigert. Der Schädel, hinten abgeflacht, steigt 
steil in die Höhe, die Ohren liegen eng an. Die Kontraktur des Kiefer¬ 
gelenkes gestattet das Auseinandersperren der Zähne nur bis 2 cm Ab¬ 
stand. Die Halswirbelsäule ist in ihrer Beweglichkeit stark beschränkt, 
ebenso der Brust- und Lendenteil. 

Die Extremitäten erreichen weder an Form, noch an Umfang 
normale Gröfse. Die Kontrakturen ihrer Gelenke sind an den Fingern 
resp. Zehen am deutlichsten ausgesprochen. Der Klumpfufs rechts und 
der Plattfufs links passen genau aufeinander und erweisen sich dadurch 
als typische intrauterine Belastungsdeformitäten. In gleichem Sinne ist 
der ganze Fall zu deuten als entstanden durch Druck seitens der Uterus- 


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wand infolge von Frucht Wassermangel. Die später aufgenommenfc 

Anamnese bestätigte diese Annahme. 

In einem analogen Falle von Jul. Wolff fehlten gleichwohl die 
Kontrakturen der Wirbelsäule und des Kiefergelenks. 

Die Behandlung der unteren Extremitäten bestand in Redressement 
mit nachfolgendem Gipsverband. Später Massage. 

Friedmann, Beuthen. 

Antipyrin und Lactophenin in der Kinderpraxis. Von Fajio. (La 
Pediatria N. 5, 1898. Wiener med. Blätter 30, 1898). 

Nach einer Reihe von Versuchen ist der Vf. zu folgenden Schlufs- 
folgerungen gelangt: 

Bei apyretischen Kindern rufen die zwei genannten Arzneimittel 
eine Herabsetzung der Temperatur, welche manchmal recht beträchtlich ist 
(bis 2,0 C. nach Antipyrin, 1,9 nach Lactophenin) hervor. Die Temperatur¬ 
abnahme erfolgt nach mäfsigen Dosen Lactophenin sicherer und rascher, 
als nach Antipyrin. Die niedrigen Temperaturen dauern bei Anwendung 
des einen wie des anderen Arzneimittels bis zu sechs Stunden bei fort¬ 
gesetzter Anwendung; dann steigt die Temperatur wieder langsam, 
ohne Schüttelfröste. Gleichzeitig mit den Temperaturveränderungen 
macht sich der Einflufs des Mittels auf den Puls und Atmung be¬ 
merkbar. 

Antipyrin erzeugt, bei einem geringen Grade von Hypothermie, 
Störungen seitens der Atmung, des Kreislaufes und des Nervensystems, 
so dafs man im Ganzen das Bild eines Kollapses hat. Dasselbe kann 
man nach Lactophenin beobachten, bei diesem Mittel ist es aber not¬ 
wendig, gröfsere Dosen, als diejenige, welche genügen, um die Hypo¬ 
thermie hervorzurufen, anzuwenden, um solche Collapssymptome zu be¬ 
obachten, welche übrigens stets leichteren Grades sind. 

Die klinischen Symptome, welche die Intoleranz des Arzneimittels 
anzeigen, sind: Allgemeine Niedergeschlagenheit, Puls schwach, frequent; 
Herztöne schwach, Atem frequent, Blässe des Gesichtes, profuse Schweifse, 
Schläfrigkeit, Apathie, Mydriasis, Appetitlosigkeit. 

Seitens des Verdauungssystems sind keine Störungen beobachtet 
worden, ebenso keine Hautaffektionen. Im Harne ist nur ein einziges 
Mal, nach Anwendung einer hohen Lactophenindose, Albumen nach¬ 
gewiesen worden. Dagegen hat Lactophenin immer einen geringen Grad 
von Hämoglobinurie hervorgerufen, welcher jedoch nach 12 Stunden 
wieder verschwand. Als Maximaldosis für Lactophenin ist bei Kindern 
unter einem Jahre 0,10—0,40, bei älteren Kindern bis 0,80, immer 
jedoch weniger als 1 Gramm anzusehen. Von Antipyrin kann man etwas 
gröfsere Dosen anwenden. 

Schliefslich gelangte F. zu dem Resultate, dafs in der Kinder¬ 
praxis Antipyrin als Analgeticum und Anästheticum, Lactophenin als 
Antipyreticum vorzuziehen sei. Dr. Gold bäum, Wien. 

Ueber die Anwendung des Ichthyols bei Augenkrankheiten. Von 
Eber so n. (Aerztl. Rundschau 1898, No. 20). 

Bei verschiedenen Augenaffecktionen zieht E. die Ichthyolbehand¬ 
lung allen anderen vor: es erspart dem Leidenden unnötige Schmerzen, 
stört die Berufsthätigkeit nicht und wild gut vertragen, so dafs diese 


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2S5 


Behandlung angenehmer für Arzt und Patienten und humaner ist, als 
die gebräuchlichen Kuren mit Lapis, Cuprum, Jod etc. E. hat als erster 
das Ichthyol zur Behandlung des Trachoms empfohlen. Er verwendet zu 
diesem Zwecke eine 50°/ 0 wässerige Lösung mit geringem Zusatze von 
Glyzerin, das die Lösung in derselben Konzentration erhält und bei 
der Pinselung der Conjunctiva besser anhaftet als eine Lösung ohne 
diesen Zusatz. 

Auf Grund zweijähriger Erfahrungen bei mannigfachen Augen¬ 
affektionen kommt E. zu folgenden Schlüssen: 

1. Das Ichthyol ist ein sicheres Mittel für Beseitigung des Trachoms, 
indem es den Verlauf dieser Krankheit bedeutend abkürzt und eine 
glatte Heilung herbeiführt. 

2. Diese Behandlung ist besonders bei Kindern warm zu empfehlen. 

3. Das Ichthyol bringt Bindehautkatarrhe mit und ohne Kompli¬ 
kationen seitens der Hornhaut in kürzester Zeit zur Heilung. 

4. Das Ichthyol ist ein wichtiges Mittel zum Aufhellen von Narben¬ 
bildungen der Kornea. Schn eil-Egeln. 

Zur Kasuistik der Bromoformvergiftungen. Von Re in ach. (Therap. 

Monatsh. 1898, Heft 7). 

Verf. stellt 16 Fälle, fast die gesamten in der Litteratur publizierte 
Kasuistik der Bromoformvergiftungen zusammen. Das Alter der Patienten 
schwankte zwischen «3 Monaten und ö 1 ^ Jahren, während die Menge 
des auf einmal genommenen Giftes sich zwischen 15 Tropfen und (> g 
bewegte. Sämtliche Kinder bis auf eines sind genesen. Die Dauer der 
Narkose schwankt zwischen 10 Minuten und 5 Stunden, jedoch läfst 
sich kein direkter Zusammenhang zwischen der Dauer der Narkose und 
den eingenommenen Bromoformmengen, welche die Vergiftungssymptome 
auslösen, erkennen. 

Die Vergiftungssymptome sind: Kurze Zeit nachdem das Bromo- 
form in den Magen gelangt ist, tritt Störung des Bewufstseins ein, die 
Kinder fangen an zu taumeln, der Kopf fällt schlaff auf die Brust herab; 
die Gesichtsfarbe wird blafs, die Lippen cyanotisch. Die Pupillen ver¬ 
harren in starrer Myosis, ohne jede Reaktion. Die Muskulatur erschlafft 
völlig; Kopf, Arme, Beine hängen kraftlos herunter, nur die Masseteren 
sind gewöhnlich stark kontrahiert. Die Haut des Körpers fühlt sich 
kühl an, die Reflexe, ebenso Sensibilität und Schmerzempfindung sind 
völlig erloschen. Die Atmung ist oberflächlich, frequent, zeitweise aus¬ 
setzend; in einzelnen Fällen bestanden Trachealrasseln und bronchitische 
Geräusche. Die Herzthätigkeit ist in schwerer und gefahrdrohender 
Weise beeinflufst. Der Radialpuls ist kaum oder gar nicht fühlbar; die 
Herztöne sind schwach, unregelmäfsig, beschleunigt, kaum hörbar. Der 
Exspirationsluft ist intensiver Bromoformgeruch beigemischt. Der Urin 
giebt Bromreaction. 

Der erste und nachhaltigste toxische Einflufs findet also auf das 
Sensorium statt, dann wird das Respirationszentrum in Mitleidenschaft 
gezogen und erst zuletzt scheint sich die Wirkung auf das Herz geltend 
zu machen. Als Hauptangriftspunkte des Bromoforms sind demnach 
zuerst das Grofshirn und dann das verlängerte Mark zu betrachten. 

Dementsprechend mufs bei der Behandlung der Bromoformver¬ 
giftungen in erster Linie die Aufmerksamkeit auf Herz und Lunge ge- 


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236 


richtet sein. Die sonstigen therapeutischen Mafsnahmen haben sich nach 
den jeweiligen Symptomen zu richten. 

K1 a u t s c h, Halle a. S. 

Somatose in der Kinderpraxis. Von Landau. (Heilkde. 12 Hft. 1898). 

Landau versuchte bei 37 Kindern im Alter von 1 Monat bis zu 
9 Jahren Somatose und gelangte zu folgendem Schlüsse: 

1. Die Somatose kann als ein Nährmittel par excellence betrachtet 
werden, da sie in kleinen Quantitäten viel Nährstoff enthält, also bei 
Krankheiten mit bedeutendem Verluste sehr gute Dienste leistet. 

2. Die Somatose wirkt nur, wenn sie in richtiger Weise zubereitet 
wird, und zwar mufs das Pulver vollständig gelöst sein. 

3. In keinem Falle wurde nach Verabreichung der Somatose 
Durchfall beobachtet und umgekehrt regelt dieselbe den Stuhl bei 
Darmkrankheiten der Kinder. 

4. Sie ist geruch- und geschmacklos, wird also von Kindern in 
jeder Form gerne genommen. 

5. Einen Einflufs auf den Verlauf des rhachitischen Prozesses 
übt dieselbe nicht aus. 

6. Der allgemeinen Verwendung derselben steht nur der hohe, für 
die ärmeren Patienten unerschwingliche Preis im Wege. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Der Alkoholismus bei Kindern. Von Combe. (Annal. de med. 
et chir. infant. No. 10. — Klinisch-therapeutische Wochenschrift 
No. 36, 1898). 

Bei Kindern hat der Alkohol eine relativ stärkere Wirkung als 
bei Erwachsenen, da das Nervensystem bei Kindern sehr entwickelt ist, 
ferner schon kleine Dosen von aufserordentlich schädlicher Wirkung 
sein können. Was zunächst den Alkoholismus der Säuglinge betrifft, 
so ist derselbe viel häufiger, als man zu glauben geneigt ist. Bekanntlich 
aber geht der Alkohol in die verschiedenen Sekrete und auch in die Milch*) 
über. Da nun im Publikum das Vorurteil herrscht, dafs eine Amme, 
um viel Milch zu haben, auch Wein und Bier trinken müsse, so ist die 
Folge davon, dafs häufig in Folge des Mifsbrauches von Alkoholicis der 
Alkohol in die Milch übergeht. Da ist die häufigste Ursache für den 
Alkoholismus der Säuglinge zu suchen. Eine zweite Ursache ist in 
dem Gebrauche des Saugers zu suchen, der häufig behufs Reinigung in 
alkoholischer Flüssigkeit abgespült wird, um dann dem Kinde in den 
Mund gesteckt zu werden. Bei häufiger Wiederholung dieser Mani¬ 
pulation bekommt das Kind eine ganz beträchtliche Dosis von Alkohol 
in irgend einer Form verabreicht. Der akute Alkoholismus bei Säug¬ 
lingen entsteht durch Zufuhr relativ grofser Mengen von alkoholisierter 
Milch oder von Alkohol in Wasser gelöst. Die akute Alkoholintoxikation 
ist durch Konvulsionen charakterisiert. 

Die chronische Intoxikation ist viel schwerer zu diagnostizieren. 
Dieselbe kann nur eine sehr leichte sein, insbesondere dann, wenn die 
Amme nur mäfsig Alkohol zu sich nimmt und namentlich dann, wenn 

*) Dieselbe ist nach neueren Anschauungen nicht bloss ein Sekret, sondern zum 
Teil auch ein Exkret. Anm. d. Red. 


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237 


sie bereits früher an Alkohol gewöhnt war. Ist dies aber nicht der 
Fall, dann scheint eine gröfsere Menge von Alkohol in die Milch über¬ 
zugehen. Die Kinder werden erregt, leiden an Schlaflosigkeit, haben 
schlechten Stuhl und nehmen nicht in normaler Weise an Körpergewicht 
zu. Läfst man in solchen Fällen den Alkohol aussetzen, so tritt sofort 
eine Besserung im Befinden des Kindes ein. Wenn aber die Amme 
gröfsere Mengen Alkohol zu sich nimmt, dann bekommt die Milch 
toxische Eigenschaften durch ihren Alkoholgehalt und wirkt aufserdem 
erregend. Solche Kinder kommen sehr herab und bieten das Aussehen 
von an chronischen Darmkatarrhen leidenden Säuglingen. Sie sind 
immer schlecht aufgelegt, schlafen schlecht, schreien viel und leiden oft 
an Konvulsionen. 

Aus dem Vorausgehenden ergeben sich folgende Schlüsse: 

1. Eine Amme, welche gewöhnt ist, Wein zu sich zu nehmen, 
kann auch während des Stillens ohne Nachteil diesen trinken. 

2. Eine Amme, die nicht gewöhnt ist, Alkoholica zu sich zu nehmen, 
soll auch während des Stillens keinen bekommen. 

3. Eine alkoholische Mutter darf ihr Kind nicht stillen. 

Was den Alkoholismus bei Kindern betrifft, so ist derselbe sehr 
häufig und wird oft die Ursache schwerer, ernstlicher Erkrankung, die 
wie durch Zauber zur Heilung gebraucht wird, sobald der Alkohol unter¬ 
drückt wird. Akuter Alkoholismus wird bei Kindern nicht selten be¬ 
obachtet. Auch sind einige Fälle von schwerem letal endendem Rausch 
bekannt. Chronischer Alkoholismus tritt bei älteren Kindern ein, wenn 
sie täglich eine gröfsere Menge Alkohol zu sich nehmen. Man findet 
in solchen Fällen die gleichen Veränderungen, wie bei Erwachsenen. 
Der schädliche Einflufs des Alkohols äufsertsich bei Kindern zunächst durch 
eine Hemmung des Wachstums. Solche Kinder sind ferner schwach, aufser- 
ordentlich erregbar, leiden an Pavor noctumus. In manchen Fällen 
entsteht auch Chorea, in anderen Fällen wieder tritt Diabetes infolge 
von chronischem Alkoholismus auf, ferner werden manche Kinder 
epileptisch. Aus seinen Beobachtungen und Studien zieht Verf. folgende 
Schlüsse: 

1. Nervöse Kinder und solche, die an Erkrankungen des Nerven¬ 
systems leiden, dürfen absolut keine geistigen Getränke zu sich nehmen. 

2. Kleinen Kindern soll man keine alkoholischen Getränke ver¬ 
abreichen mit Ausnahme der Fälle von akuten Erkrankungen, bei welchen 
der Alkohol indiziert ist. 

3. Die totale Abstinenz hat wenigstens bis zum 6. Lebensjahre, 
anzudauern. Vom 6.—12. Jahre dürfen Kinder nur sehr selten und sehr 
wenig (gewässerten) Wein trinken. 

4. Bei älteren Kindern, deren Erziehung schwierig ist, die zerstreut, 
faul sind, kein intensives Gedächtnis haben, ist vollständige Abstinenz 
angezeigt. 

Schliefslich macht C. auf den hereditären Alkoholismus auf¬ 
merksam, der zu Idiotie, Epilepsie, Geisteskrankheiten u. s. w. führt. — 

Dr. Goldbaum, Wien. 


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288 


Gesundheitspflege. 

— In der Kammer für Westpreufsen berichteten Lievin 
und Finger über die Bekämpfung der Granulöse (Trachom). 
Die von beiden aufgestellten Sätze lauteten folgendermafsen: 
1. Das Trachom ist eine chronisch, häufig schleichend und fast 
fast unbemerkt verlaufende, ansteckende Krankheit, welche hauptsächlich 
in der ärmeren Bevölkerung verbreitet ist. 2. Die Uebertragung findet 
durch die Absonderung der erkrankten Augen statt. Enges Zusammen¬ 
wohnen, mangelhafte Lüftung der Wohnungen, Unsauberkeit begünstigt 
dieselbe. 3. Die erhebliche Ausbreitung der Krankheit macht eine 
allgemeine Bekämpfung derselben zur Nothwendigkeit, die vom Staate 
geleitet werden mufs. Die eingeleiteten Mafsregeln müssen möglichst 
allgemeine und dauernde sein. 4. Die Bevölkerung ist zu dem Ende 
durch mündliche Belehrung auf die Krankheit selbst, ihre Gefahren und 
die Art ihrer Uebertragung aufmerksam zu machen. Als Grundlage der 
mündlichen Belehrung ist eine gedruckte Anweisung an die Orts- und 
Amtsbehörden, Geistlichen und Lehrer etc. zu verteilen und wiederholt 
in geeigneten Organen zu veröffentlichen; in gröfseren Orten kann sic 
durch öffentliche Vorträge in Bildungs- und ähnlichen Vereinen gefördert 
werden. 5. Die Schule und ihre Zöglinge sind einer regelmälsig wieder¬ 
kehrenden, sachverständigen Untersuchung, die Erkrankten sachgemäfser 
Behandlung zu unterziehen. Erstere geschieht am zweckmäfsigsten durch 
Schulärzte, letztere nach Anweisung dieser durch ein Hilfspersonal; 
Lehrer, Diakonen etc., sofern nicht ärztliche Behandlung möglich oder 
notwendig ist. fi. Der Lehrer und die übrigen Bewohner der Schul¬ 
häuser, sowie die Hausgenossen erkrankter Schulkinder sind durch 
die revidirenden Aerzte, soweit thunlich ebenfalls zu untersuchen 
und, falls erkrankt, zu veranlassen, sich sachverständig behandeln 
zu lassen. 7. Die Behandlung mufs für die Erkrankten eine 
unentgeltliche sein, auch die etwa notwendige Krankenhaus¬ 
behandlung. 8. Sie mufs, um die wirtschaftliche Schädigung für 
die Betroffenen möglichst gering zu gestalten, an thunlichst zahlreichen 
Punkten stattfinden können. Daher ist allen Aerzten der Provinz Ge¬ 
legenheit zu geben, sich mit dem Wesen und der Behandlung der 
Krankheit in Fortbildungskursen vertraut zu machen, auch sind sämt¬ 
liche Krankenhäuser, soweit sie nicht Spezialzwecken dienen, zur Auf¬ 
nahme derartiger Kranken herzurichten. 9. Gegen den Zuzug russischer 
Wanderarbeiter, die an Trachom leiden, ist staatlicherseits einzuschreiten. 
10. Von einer Anzeigepflicht für das Trachom ist ein Nutzen nicht 
zu erwarten. 11. Die Kosten der unter 4 bis 9 angegebenen Mafs¬ 
regeln werden aus öffentlichen Mitteln gedeckt. S. 


Rezensionen. 

Vorlesungen über Sprachstörungen. Von Dr. Albert Lieb¬ 
mann. 1. und 2. Heft. Berlin, Oskar Coblentz, 1898. Preis 
2 Mark 40 Pfg. 

Der als Spezialist für Sprachstörungen rühmlichst bekannte Verf 


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289 


— der ja auch den Lesern unserer Zeitschrift als Mitarbeiter derselben 
bekannt ist — behandelt in den beiden ersten vorliegenden Heften seines 
Werkes die Pathologie und Therapie des Stotterns und Stammelns. 
Bekanntlich hat Verf. seine eigenen Theorien über eine Reihe von 
Sprachfehlern, insbesondere des Stotterns, aufgestellt und daraufhin eine 
äufserst erfolgreiche Therapie gegründet. In eingehender und klarer 
Darstellungsweise führt er uns die gesamte Pathologie des Stotterns und 
Stammelns vor Augen, stellt dabei seine eigenen Theorien in den 
Vordergrund, unterwirft aber auch diejenigen anderer Autoren einer 
Revue. Es sind überaus wichtige Gebiete für den praktischen Arzt, 
die hier behandelt werden und mufs daher das Werk zum eingehenden 
Studium dringend anempfohlen werden. S. 

Der kleine Sprachmeister. Ein Lehr- und Bilderbuch. Von Piper. 
Berlin, Karl Siegismund, 1897. Preis 3 Mk. 

Dieses Büchlein soll dem jungen Kinde eine Hilfe werden zur 
richtigen Aussprache der Vokale und Konsonanten, sowie deren Ver¬ 
bindungen. Dasselbe giebt auch den Eltern Anweisungen, wie sie ihre 
Kinder dazu anhalten können, ihre Sprachwerkzeuge richtig zu ge¬ 
brauchen und Sprachfehler resp. Sprachunarten zu vermeiden. Die Kinder 
werden dabei stets aufmerksam sein, da die schönen Abbildungen ihr 
Interesse anreizen und wach erhalten. 

So bildet das Buch eine passende Ergänzung zu der ersten Lese¬ 
fibel, mit der der Lehrer Unterricht erteilt. Es dürfte die Beschaffung 
des Buches für diejenigen namentlich zweckmäfsig sein, in deren 
Familien Stottern und Stammeln beobachtet wird, oder in deren Um¬ 
gebung mit solchen Gebrechen behaftete Kinder sich befinden. 

Schnell, Egeln. 

Grundrifs der internen Therapie. Für Aerzte und Studierende 
Von Dr. Wilhelm Croner. Leipzig, H. Hartung und Sohn. (G 
M. Herzog), 1898. Preis 2 Mk. 80 Pf. 

Im vorliegenden Werkchen will der Verf., welcher Assistenzarzt 
an der Berliner Universitäts-Poliklinik ist, Aerzten und Studierenden einen 
Wegweiser für die interne Therapie mit Einschlufs des diätetisch¬ 
physikalischen Heilverfahrens geben. Er hat sich dabei darauf be¬ 
schränkt, nur bewährte Methoden aufzunehmen und von neueren weniger 
erprobten nur solche erwähnt, welche nach bestimmter Hinsicht eine 
Garantie für ihren Wert bieten. Im Grofsen und Ganzen ist der Verf. seiner 
Aufgabe gerecht geworden und hat ein sehr brauchbares Werkchen für 
die Praxis geliefert. S. 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 

Kp. Rp. 

Jodipin.*) 100,0 Difluordiphenyl. 2,5 

DS. 3 mal tgl. 1 Theel. bis 1 Efsl. Terr. silic. 22,0 

Syphilis u. Skrophulose. D. Streupulver. 

(H. Wintemitz). oder: 

*) Jodipin ist ein Jodadditionsproduct des Sesamöls. 


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240 


Rp. 

Jodipin 50,0 

Vitell. ov. recent. Nr. 1. 

Pulv. Cac. 

Sacch. alb. aa. 

Ol. Cinnamom. aeth. gtt. I. 

M. f. 1. a. electuar. 

DS. tgl. 1—2 Kaffeel. 

Syphilis. 

(H. Winternitz). 
Rp. 

Guajacol. valerianic. 

Spir. Menth, piper aa 10,0. 

DS. 3—5 mal tgl. 2—15 Tropfen. 
Tuberkulose. 

(Rinck). 
Rp. 


Rp. 

Difluordiphenyl. 5,0 

Vaselin 45,0 

Mf. unguent. 

DS. äufserlich. 

Ulcer. syphilit. 

(Thimm). 


Rp. 

Hydrargyr. sozojodolic. 0,5 
Ol. Olivar. 5,0 

Lanolin. ad 50,0 

Mf. ungt. DS. äufserlich. 
oder: 


Kal. sozojodol. 3,0 
Amyl. 27,0 

DS. Streupulver, 
Eczema. 


Kleine Mitteilungen. 

-- Die Dr. Klein’sche Fleischsaftpresse — fabriziert vom 
Alexanderwerk A. von der Nahmen in Remscheid — dürfte einen 
grofsen Fortschritt in der Krankenernährung bedeuten. Sie ermöglicht 
es jeder Haushaltung, ihren Kranken die Wohlthat des Genusses frischen 
Fleischsaftes zuteil werden zu lassen. Der frische Fleischsaft übertrifft infolge 
seiner ausgezeichneten, Kraft und Appetit erregenden Eigenschaften bei 
leichtester Verdaulichkeit und gutem Geschmack alle künstlichen Extrakte 
zu Stärkungs- und Genesungszwecken bei Kranken und Genesenden. 
Im Kindesalter hat er sehr guten Erfolg bei künstlich ernährten, ver¬ 
dauungsschwachen, atrophischen Säuglingen, bei Brechdurchfall, 
Rhachitis, Skrophulose, nach schweren und erschöpfenden Krankheiten. 
Seiner allgemeinen Anwendung stand bisher die geringe Haltbarkeit 
und die umständliche Art der Gewinnung in den Apotheken entgegen, 
Umstände, die durch die Fleischsaftpresse beseitigt werden. Der Preis 
derselben ist 15 Mk. — 


Pruck von Frz, Volkmann, Leipzig-Eutritzsch. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

hermusgegeben 

Pr. med. Sonnenberger in Worms. 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. -- Vorauszubezahlender Preis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen. 


Heft 107. Leipzig, 4. November 1898. IX. iahrg. Heft II. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Reudnitzerstr. 21 . 


Inhalt. Originalien: Koppen, Ueber Orphol (241). — Zillessen, Original¬ 
bericht über die Verhandlungen der Abteilung für Kinderheilkunde der 70 Ver¬ 
sammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Düsseldorf (244): Escherich, Ueber 
die Rolle der Bakterien in der Aetiologie der Darmerkrankungen der Säuglinge; 
Keller, Einflufs der Kohlehydrate auf den Stoffwechsel des Säuglings; Fürst, 
537 Fälle von Geschwülsten des kindlichen Alters bis zum 14. Jahre; Schlofs- 
mann, Wohnungsdesinfektion vermittelst Glycotormal; Carstens und v. Starck, 
über die Vor- und Nachteile der Ernährung der Säuglinge mit sterilisierter Milch; 
d’Espine, über einen Fall von generalisierter Vaccine?; Schmidt-Monnard, 
über die Nahrungsmenge normaler Flaschenkinder; Keller und Gregor, über 
eine künstliche Ernährung kranker Säuglinge und Erfolge in der Poliklinik. — 
Referate: Hörschelmann, Variola (252). — Woodhead, Postdiphtherische 

Lähmungen (253). — Abel, Stomatitis ulcerosa (263) — d’Astros, Herzpalpitationen 
(254). — Freyberger, Incontinentia urinae. (264) — Sehwald, Wiederbelebung 
scheintoter Neugeborner (255). — Villa, Subkutane Eiseninjektionen (256). — 

Landau, Tannoform(257). — Fischer, Pertussin (267). — Lange, Skoliose (258). — 
Bittner, Fremdkörper im Bronchus (258). — Sutils, Regelmäfsige Wägungen (259). 
— Gesundheitspflege: Laaser, Einige schulhygienische Betrachtungen (260). — 
Rosenfeld, Arbeitsschulen für Verkrüppelte (260). — Rezensionen: Gillet, 

Formulaire d’hygtene infantile individuelle, hygtene de l’enfant ä la maison (261). — 
Lazarus, Krankenpflege (262). — Mantegazza-Teuscher, Physiologie des Weibes 
4 . Aufl. (262). — Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft (262). 
Rezeptformeln für die Kinderpraxis (263). — Kleine Mitteilungen (264j. 


Ueber Orphol. 

Von Dr. A. Köppen-Noorden. 

In dieser Zeitschrift *) wurde das Orphol als ein ideales Heilmittel 
bei diarrhoeischen Krankheiten empfohlen. Dieses Mittel hat des ameri¬ 
kanischen Verfassers Erstaunen und Entzücken wegen des fast 

*) Orphol (Betanaphthol-Wismuth). ein ideales Heilmittel bei diarrhoeartigen 
Krankheiten. Von E. S. Whinna. M. D. Philadelphia. Arzt a. d. Philadelphia-Heim 
für Kinder. Uebers. a. „The Hahnemannian Monthly u No. 3. 1898. 

Diese Zeitschrift 1898, Heft 7, 1 . Juli. 

Dar KMar-Arst Heft 11. 1898. 


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242 


spezifisch günstigen Einflusses erregt, welchen es auf die bezeichneten 
Zustände auszuüben vermag, einmal wegen seiner desinfizierenden, ander¬ 
mal wegen seiner adstringierenden Wirkung. Dabei soll es auch als 
Beruhigungsmittel sich erweisen. Von allen im Gebrauch befindlichen 
Wismuthpräparaten soll sich keines auch nur annähernd mit dem Orphol 
messen können. 

Wenngleich ich mit meiner bisherigen Therapie bei Magen-Darm- 
Erkrankungen der Kinder nicht unzufrieden war, glaubte ich doch, ein 
so warm empfohlenes Mittel trotz des Mangels genauerer Krankenge¬ 
schichten versuchen zu müssen. 

Darm-Erkrankungen bei Kindern sind zwar hier nicht so häufig, 
wie in gröfseren Städten, doch trat infolge der plötzlichen starken Nach¬ 
sommer-Hitze auch hier eine kleine Epidemie auf. Einzelne Fälle hatte 
ich schon, bevor das Orphol eintraf, in gewohnter Weise in Behandlung 
genommen und der Heilung bezw. der Besserung soweit zugeführt, dafs 
ich von der Verwendung des Orphols Abstand nahm. Für einige weitere 
Fälle folgen die Krankengeschichten. 

Vorausschicken möchte ich noch, dafs das Orphol ungemein fein¬ 
trocken ist und durchaus kein Wasser annimmt, auch nicht zu Boden 
sinkt, sondern auf der Oberfläche treibt. 

Zunächst drei chronische Fälle**). 

N. I. Kind Js., 2 Jahr, weibl., zo g sich eine Infektion der Impfpusteln zu, 
welche zu grossen Geschwüren führte und Wochen lang zur Heilung brauchte. Am 
4. V. akute Gastro-Enteritis mit Krämpfen bis 18. V. Hieran schloss sich eine Inter- 
mittens-Infektion, weswegen am 28. V. letzte Verordnung. Darauf Wohlbefinden bis 
Anfang August. 

6 . VIII. Stuhlgang nach Konsistenz und Frequenz unregelmässig. Appetit 
gering, keine Zunahme des Körpergewichts. 

Keine Rhacbitis, Aufgetriebenheit des Leibes, kein Ascites. 

Diätvorschriften. 

15. Vm. Stetiger Durchfall. Abnahme. 

Calomel. Hafer-Kakao. Letzteren verweigert das Kind und trinkt nur Wasser 
und Reisschleim. Dabei war der Stuhlgang besser geworden. 

7. IX. Plötzliche Verschlimmerung, infolgedessen das Kind zwar hinfällig wurde, 
jedoch noch keinen absolut verzweifelten Eindruck machte. 

Orphol 0,3 5 mal tgl. 1 P. (schwer beizubringen). Exitus lethalis am Abend 
desselben Tages. 

N. II. Kind C., 2 J. männlich, machte im Sommer 97 angeblich Krup durch. 
Bald danach traten häufige Erstickungsanfälle auf, weswegen ich am 26. IV. gerufen 
wurde. Diagnose; Spasmus glottidis. Therapie: Phosphor-Leberthran. Heilung nach 
ungefähr 12 Monaten. Danach gutes Gedeihen und völliges Wohlbefinden. Am 
30. August begann bei dem Kinde ein Darmkatarrh, auf welchen die Eltern anfänglich nicht 
Gewicht genug legten. Zwar wurde ich in den ersten Tagen dreimal consultiert, dann 
bis zum 18. IX. nicht wieder. Als ich dann das Kind besuchte, war das Leiden schon 
ein hartnäckiges geworden, welches mit wechselndem Erfolg behandelt wurde. 

25. XII. 97. Masern mit folgender Otitis media perforativa dextra und Ver¬ 
schlimmerung des Darmleidens. In der Folgezeit wechselnde Intensität desselben. 

18. V. 98. Bronchitis, aus welcher sich am 21 V. eine beiderseitige Broncho- 
Pneumonie entwickelte. 

23. V. Beginnende Besserung der letzteren. 

8 . VIII. Wieder Verschlimmerung des Darmleidens unter Erbrechen. Besserung 
dieser und der späteren Anfälle zweimal durch Calomel und Wismuth. Angemessene 
kräftige Diät. Trotz besseren Appetits Gewichtsabnahme. 

1 . IX. Wiederum akuter Anfall wie früher. 

Orphol 0,25. 4—5 mal tgl. 1 P. 


*) Es werden nur die Haupt-Daten mitgeteilt. 


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9. IX. Keine Besserung, 

Orphol 0,3. 4—5 mal tgl. 1 P. 

10 . IX. Exitus lethalis. 

N. III. 17. IX. Kind Nm. 14 Tage alt, weibl. Von Stunde der Geburt an 
nach Aussage der Mutter Durchfall. Künstlich ernährt, erst mit Milch: Wasser 1:3, 
später nur mit Haferschleim. Stetige Abnahme des Körpergewichts, seit letzter Nacht 
Erbrechen. Stühle von fauligem Geruch. 

Orphol, Sacch. lact. aa 0,1. 4 mal tgl. 1 P. 

19. IX. Keine Aenderung zum Besseren. Täglich etwa 10 abwechselnd grüne 
und braune, dünne, stinkende Stühle und häufig Erbrechen. Die Mutter kann dem 
Kinde das Pulver nicht anders beibringen, als dass es dasselbe in die Flasche mit der 
Schleimnahrung giebt. 

Orphol 0,2. No X. 3 mal tgl. 1 P. 

22 . IX. Zahlreiche Durchfalle wechseln mit Erbrechen. Grosse Unruhe. 

Therapie: Dieselbe. 

24. IX. Wenigstens 8—9 dünne, stinkende, schleimige Stühle in 24 Stunden. 
Das Kind ist sehr unruhig; es hält die Daumen eingeschlagen. bohrt mit dem Hinter¬ 
kopf in die Kissen, verdreht die Augen. 

Bismut. subnitr. Sacch. lact. aa 0,1, No. X, 4 mal tgl. 1. P. 

Hafer-Kakao. 

26. IX. Am Nachmittag ausgesprochene Krämpfe; Opisthotonus. Kein Erbrechen 
mehr; Stühle fester, jedoch noch recht häufig. 

Bstdl. laue Bäder mit kühlen Uebergiessungen. 

27. IX. Mehr Ruhe als gestern: am Morgen noch einmal Krämpfe, bis zum 
Mittag noch nicht wieder. Stühle noch frequent, jedoch nicht eigentlich durchfällig; 
kein Erbrechen. 

Bismut. subnitr. 0,05. Gummi arab. 0,1, N. X, 4 mal tgl. 1 P. 

Die Bäder mit Uebergiessungen werden fortgesetzt. 

28. IX. Fällt sehr ab fliegt meist ruhig hier, zeitweise durch Krämpfe unterbrochen, 
Stühle von senfartiger Konsistenz. Schlucken erschwert und unwillig. 

29. IX. Morgens 7 U. Exitus lethalis. 

Die folgenden Fälle betreffen akute Erkrankungen. 

N. IV. 3. IX. Kind A. H., 10 Monat, weibl.. leidet seit längerer Zeit an 
Pustulosis und Furunculosis der Haut und hat währenddem stetig an Körpergewicht 
abgenommen, trotzdem es pure Kuhmilch bislang gut vertragen und auch genügend 
genommen. Seit drei Tagen Brechdurchfall, weswegen die Mutter schon Kuhmilch 
und Wasser aa gegeben. 

Therapie: Oalomel 0,0075 N. II. Abend und gegen Nacht 1 P. Hafer-Kakao, 

Reisschleim. 

5. IX, Kein Erbrechen mehr, die Stühle noch dünn und häufig. Die Haut¬ 
erkrankung ist im Bessern begriffen. 

Orphol 0,1 5 mal tgl. 1 P. 

8 . IX. Stuhlgang noch nicht normal. Schwere Darreichung des Pulvers. 

Orphol 0,25 3 mal tgl. 1 P. 

11 . IX. Stühle sind fest. Die Hauterkrankung ist bis auf einzelne Nachschübe 
abgeheilt; sie wird wie früher weiter behandelt. Im übrigen Diät-Vorschriften für die 
nächste und Folge-Zeit. 

N. V. 16. IX. Abends. Kind J., 3 / 4 Jahr, weibl., künstlich ernährt, bislang 
immer gesund. Zeichen von leichter Rhachitis. 

Hat seit der letzten Nacht öfter gebrochen und häufig dünnen, übelriechenden 
Stuhl gehabt. Das Allgemeinbefinden bat sich seitdem verschlechtert, jetzt Hinfällig¬ 
keit und Fieber. 

Oalomel 0,005, N. H, Abends und gegen Nacht 1 P. Schleim. 

17. IX. Zustand wenig verändert. 

Oiphol 0,3, No. X, 4 mal tgl. 1 P. 

22 . XL Starke Unruhe, besonders in der Nacht. Täglich sechs dünne, blutige, 
schleimige Stühle. 

Bismut subnitr. 0,25, N. X. 4mal tgl. 1 P. Hafer-Kakao. 

24. IX. Fünfmal täglich festeren und weniger schleimigen Stuhl ohne Blut, 
von jedoch noch etwas üblem Gerüche. Das Allgemeinbefinden ist besser, mehr Ruhe, 

27. IX. Gestern erfolgte einmal normaler Stuhl, bis heute Morgen noch nicht, 
Ziemliches Wohlbefinden und Verlangen nach Nahrung. 


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Vorschriften für die nächste Zeit. Behandlung abgeschlossen. 

N. VI. 18. IX. Kind N., weibl., 1 Jahr alt, künstlich ernährt, hat bis vor 
einem halben Jahr an chronischem Magen-Darm-Katarrh gelitten, von dem es völlig 
geheilt worden, sodass in den letzten Monaten tadellose Verdauung und normale Körper¬ 
gewichts-Zunahme statthatte. Keine Bhachitis. 

Seit kurzem unbedeutender Husten; seit drei Tagen täglich zwei diarrhoeische 
Stühle von säuerlich-fauligem Geruch. Die Mutter hat seit Beginn des Durchfalls jede 
Milch fortgelassen und giebt Haferflocken-Abkochungen. Das Allgemeinbefinden nicht 
gestört. 

Calomel 0,01, N. II, 2 mal tgl. 1 P. 

19. IX. Es sind einige dünne, schleimige Stühle von unangenehmen saurem Gerüche 
und von golbgrüner Farbe erfolgt. Kind verdriesslich. 

Orp hol 0,2, N. X. 6 mal tgl. 1 P. 

21 . IX. Durchfall schlimmer als je. Täglich acht dünne, schleimige Stühle von 
verstärktem Geruch und abwechselnd dunkler und grüner Farbe. Es hält sehr schwer, 
dem Kinde das Pulver beizubringen. 

Bismut subnitr. 0.2, No. X, 5 mal tgl. 1 P. 

22 . IX. In der verflossenen Nacht noch einmal tüchtigen, durchfalligen Stuhl, 
seitdem nicht wieder. 

23. IX, Morgens noch kein Stuhl wieder erfolgt, Husten verschwunden; völliges 
Wohlbefinden. Diät-Vorschriften. Keine weitere Behandlung. 

N. VII. 19. IX. Kind H., 1 Jahr alt, männlich. Seit 14 Tagen massiger 
Durchfall, welcher auf Zahnung geschoben wird. 

Calomel 0,01 Sacch. lact. p. 0,2, No. III, 3 mal tgl. 1 P. 

Schleim, Hafer-Kakao. 

20 . IX. Das Kind nimmt sehr wenig zu sich, den verordnten Hafer-Kakao gar nicht. 

Orphol 0,3, 4 mal tgl. 1 P. 

21 . IX. Starke Unruhe in der Nacht; Fieber. Durchfall noch stärker, häufiger, 
mit viel Schleim. 

22 . IX. In der letzten Nacht allein dreimal durchfälliger Stuhl. Gestörtes Allge¬ 
meinbefinden. Nur unter den grössten Anstrengungen gelingt es, dem Kinde das 
Pulver beizubringen. Es soll fortan in sehr wenig Honig gegeben werden. 

Orphol 0,3, 4 mal tgl. 1 P. 

23. IX. Allgemeinbefinden schlecht. Sehr unruhige Nacht, während derselben zwei¬ 
mal Durchfall. 

Orphol 0,3, 4 mal tgl. 1 P. 

25. IX. Keine Aenderung, weder des Allgemeinbefindens noch des Darmleidcns. 

Bismut. subnitr. 0,2, 5 mal tgl. 1 P. 

27. IX. Allgemeinbefinden bedeutend besser, ruhige Nacht. Einmal in den letzten 
24 Stunden ist fester Stuhl erfolgt. Bekommt Hunger. 

Bismut. subnitr. 0,2 4 mal tgl. 1 P. 

29. IX. In 28 Stunden ein- oder zweimal fester Stuhl. Wegen dos zunehmenden 
Hungers wird der Speisezettel erweitert und zur Vorsicht nochmals : 

Bismut. subnitr. Sacch. lact. aa 0,2. 4mal tgl. 1 P. 

(Schluss folgt.) 


Bericht über die Verhandlungen der Sektion für Kinderheilkunde der 70 . Ver¬ 
sammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Düsseldorf. 

(19. bis 24. September 1898). 

Von Dr. R. Zillessen, Düsseldorf. 

Herr Oberstabsarzt Dr. Bungeroth (Düsseldorf) eröffnet 
die Sektion mit kurzen Worten der Begrüfsung an die er¬ 
schienenen Gäste. Er macht darauf aufmerksam, dafs die Sektion, 
welche bereits eine stattliche Anzahl von Mitgliedern aufweist, heute 
das Fest ihres 30-jährigen Bestehens feiern könne. Von den Gründern 
§ei ein Teil bereits verstorben, ein anderer erfreue sich jedoch noch 


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heute reger Mitarbeit. Die Hauptthemata der Verhandlungen wurden 
für Dienstag und Donnerstag bestimmt. 

I. 

Das Wort ergreift sodann Prof. Escherich (Graz): Ueber die 
Rolle der Bakterien in der Aetiologie der Darmerkrankungen 
der Säuglinge. 

Die bakteriologische Untersuchung der Darmausleerungen er- 
giebt unter normalen Verhältnissen ziemlich konstante eigentümliche 
Bakterienvegetationen, welche sich bei Darmerkrankungen ganz anders 
gestalten. Was führt nun zu einer Aenderung dieser Bakterienvege¬ 
tationen in dem Sinne, dafs daraus eine Erkrankung des Darmkanals 
resultiert ? 

Die Untersuchung der Kuhmilch auf pathogene Bakterien und 
Toxine hat bisher nur wenig ergeben. In derselben findet man meist 
nur die gewöhnlichen Gährungserreger, welche durch das Sterilisations- 
verfahren getötet werden. Indessen kann die sterilisierte Milch und 
auch die aus der Brust getrunkene noch endogen infiziert werden. 
Streptokokken und andere Eitererreger, welche den Darmwandungen 
oder inneren Organen entstammen, sind in der Kuhmilch sowie in der 
Mundhöhle der Kinder gefunden worden. Der von französischen Autoren 
aufgestellten Behauptungen, dafs das Bacterium coli commune als 
spezifischer Erreger von Säuglingsdiarrhöen, insbesondere der Cholera 
infantum anzusehen sei, trat Vortragender näher. Seine Untersuchungen 
bei den verschiedensten Krankheitsfällen fielen in dieser Hinsicht negativ 
aus mit Ausnahme von drei Fällen einer ruhrähnlichen Erkrankung, bei 
welchen fast nur Colibazillen in den Entleerungen enthalten waren. Da 
schon früher an seiner Klinik viele ähnliche, epidemisch auftretende 
Fälle beobachtet worden waren, auch andere Forscher ähnliches be¬ 
richtet hatten, so kann man wohl annehmen, dafs das Bacterium coli 
zu ihnen in ätiologischer Beziehung stehe, dafs man es mit einer be¬ 
sonderen Form von infektiöser Colitis, einer Coli-Colitis zu thun habe. 

In therapeutischer Beziehung hat sich eine Desinfektion durch 
Medikamente nicht bewährt, wohl Aenderung der zuzuführenden Nahrung, 
wie sie der Vortragende vorgeschlagen hat. Die Kohlehydrate sind 
wegzulassen, da diese einer sauren Zersetzung unterliegen. Zu einer 
eigentlichen Eiweifsfäulnis komme es seltener. Die Nähe eiternder 
Wunden und septischer Stoffe ist zu vermeiden, im Spital die Trennung 
der Gesunden und Kranken anzustreben. Bis jetzt sprechen alle Er¬ 
fahrungen dafür, dafs ein grofser Teil der Darmerkrankungen echte 
Infektionskrankheiten sind. Von jenen ist die Streptokokken — Enteritis 
die häufigste und wichtige. Sie charakterisiert sich klinisch in leichteren 
Fällen durch einen serösen Darmkatarrh, der sich mit hohem Fieber 
und Konvulsionen verbinden kann. In den schwersten Fällen ist der 
Prozefs im Dickdarm lokalisiert, die Kokken treten dann über in den 
Harn, das Blut, die Lymphgefäfse und die verschiedensten Organe. 

Diskussion. Heubner (Berlin) hebt hervor, dafs die interessanten Mit¬ 
teilungen Escherichs wohl als Anfang der Erforschung eines Gebietes zu be¬ 
trachten seien, auf welchem noch vieles unaufgeklärt sei. Seine eigenen 
Untersuchungen hätten ähnliche Resultate ergeben. Auch er betont die 


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Notwendigkeit der Isolierung eines erkrankten Kindes, da nach seinen 
Erfahrungen ein Fall von Cholera infantum sich fast unfehlbar auf die 
Nachbarschaft verbreite. Sodann tritt er warm für die Milchsterili¬ 
sierung ein. 

Czerny (Breslau) betont dem Vortragenden gegenüber, dafs er 
früher nicht behauptet habe, dafs im Darminhalt der erkrankten Säuglinge 
kein Gift nachweisbar sei, sondern dafs er nur Säure gefunden habe, 
welche er für Gift halten müsse. Escherich habe bisher nicht bewiesen, 
dafs Bakteriengifte im erkrankten Säuglingsdarme gebildet würden. 
Ferner könne das Vorkommen in den diarrhoeischen Entleerungen nicht 
als genügender Grund für die Ansicht dienen, dafs dieselben die 
Krankheitserreger sind. Er weist hin auf das bedeutungslose Vor¬ 
kommen von Infusorien im diarrhoeischen Stuhl. 

Escherich will die Milchsterilisation durchaus nicht missen, da 
unter Umständen Streptokokken in der Milch sein können. 

Fischl (Prag) macht darauf aufmerksam, dafs man aus den Tier¬ 
versuchen nur sehr vorsichtig auf das Verhalten des Säuglingsdarmes 
schliefsen müsse, da Tiere, spez. Kaninchen, nur wenig Prädisposition 
für Magen- und Darmerkrankungen besitzen. Die von ihm aufgestellte 
gastro-intestinale Sepsis sei keine Darminfektionskrankheit, sondern eine 
oft anders woher ausgehende septische Infektion, die klinisch unter dem 
Bilde des Brechdurchfalls verlaufe. 

Ritter (Berlin) fragt den Vortragenden, wie man sich das event. 
Virulentwerden des Bacterium coli vorzustellen habe. Eine solche 
plötzliche Veränderung der Natur eines Mikroorganismus widerspreche 
doch eigentlich allen bisherigen bakteriologischen Erfahrungen. 

Me inert (Dresden) macht darauf aufmerksam, dafs in Dresden 
epidemische Säuglingsdurchfalle im Winter öfter mit bakteriellen Ver¬ 
unreinigungen des Trinkwassers zusammengetroffen seien. Er glaubt 
jedoch, dafs die Theorie der bakteriellen Infektion für die Erkrankungen 
des Säuglingsdarmes nicht immer zutreffend sei, es gebe sicherlich auch 
andere Entstehungsursachen. 

II. 

Dr. Keller (Breslau): Ueber den Einflufs der Kohlehydrate 
auf den Stoffwechsel des Säuglings. 

Keller hat eine Reihe von Untersuchungen an magendarmkranken 
Säuglingen angestellt zwecks Bestimmung des für die Säuglingsemährung 
geeignetsten Kohlehydrates. Er kam zu dem Ergebnisse, dafs Maltose 
das geeignetste Kohlehydrat sei. Durch den Zusatz derselben zur 
Nahrung werde eine Eiweifserspamis erzielt. 

Zur Diskussion bemerkt Czerny auf eine Anfrage Escherichs, dafs 
die Untersuchungen über Säurebildungen bei Kohle hydraten darum 
von Wichtigkeit seien, weil sie uns ermöglichen, eine Wahl zu treffen, 
wenn es sich darum handelt, eine für kranke Säuglinge geeignete Nahrung 
zusammen zu setzen. 

III. 

Sanitätsrat Dr. Fürst (Berlin) berichtet über 537 aus der 
Literatur gesammelte Fälle von Geschwülsten des Kindes¬ 
alters bis zum 14. Jahre. 

Fürst fand unter obigen Fällen 271 des uropoetischen Systems 


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(darunter 109 primäre Sarkome der Nieren), 41 der Verdauungsorgane, 

29 der drüsigen Organen und der Lymphbahnen, 20 der Haut, Muskeln 
und Knochen, 94 der Sexualorgane, 67 des Auges, 2 des Nervensystems. 
Der Vortragende hofft noch eine Anzahl von Fällen zusammenzustellen, 
um der Versammlung im nächsten Jahre eine vollständig gesicherte und 
zuverlässige Kasuistik des Gebietes vorlegen zu können. 

IV. 

Dr. Schlofsmann (Dresden): Ueber Wohnungsdesinfektion 
vermittelst Glycoformal. 

Der Vortragende demonstriert den Lingner’schen Desinfektions¬ 
apparat in Thätigkeit. Derselbe verbreitet einen Nebel von Glyco¬ 
formal, einer Kombination von Glyzerin, Formaldehyd und Wasser. 
Die Desinfektion mittelst dieses Apparates ist nach Schlossmann absolut 
sicher, wenig Zeiterfordernd und relativ billig. 

V. 

Referent Dr. Carstens (Leipzig): Ueber die Vorteile 
und Nachteile der Ernährung der Säuglinge mit sterilisierter 
Milch. 

Vortragender zeigt an der ; Hand von zahlreichen Tabellen die 
Erfolge, welche er mit der sog. Streit’schen Milch erzielt hat. Er hat 
auf dem bei Leipzig gelegenen Rittergute Medewitz (Freiherr v. Stieit) 
eine Sterilisieranstalt eingerichtet, welche nach Soxhlet sterilisierte, für 
alle Lebensmonate trinkfertige, mit 6%iger Milchzuckerlösung ver¬ 
sehene Milch liefert. Grofser Wert wird bei der Produktion auf die 
Anwendung des Reform-Melkeimers, ferner auf saubere Melkung und 
sofortige örtliche Sterilisierung in sterilen Flaschen gelegt. Redner ver¬ 
breitet sich sodann noch über Krankheitserscheinungen, welche bei aus- 
schliefslich mit sterilisierter Milch ernährten Kindern beobachtet wurden 
(Barlow sehe Krankheit, Anämie, Rhachitis) und tritt für relativ frühe 
Anwendung gemischter Kost ein. Bei den mit Streit’scher Milch er¬ 
nährten Kindern seien Fälle von Barlow’scher Krankheit nicht vorge¬ 
kommen. Er fafst seine Ansichten in folgende 10 Thesen zusammen: 

1. Die Milch der gesunden und während der Laktation gesund 
bleibenden Mutter ist das beste Nahrungsmittel für den Säugling. 

2. Wenn sauber gemolkene, frische, in sauberen Gefäfsen trans¬ 
portierte Milch zur Verfügung steht, ist die einfache Abkochung bezw. 
die kurz (etwa 10 Min.) dauernde Sterilisation im Hause der Verwendung 
von fabrikmäfsig sterilisierter Milch vorzuziehen. 

3. Der Reformeimer garantiert eine wesentlich reinlichere Melkung 
als die bisher üblichen Eimer. 

4. Die im Grofsstadtbetrieb hergestellte Kuhmilch ist, wenn die 
ganze Herstellung dauernd kontrolliert wird, als Ersatz für Frauenmilch 
gut zu gebrauchen. 

5. Es darf nur sauber und frisch gemolkene Milch bei der 
Sterilisation zur Verwendung kommen, und die Flaschen müssen leer 
sterilisiert werden. Molkereimilch eignet sich zur Sterilisation im 
Grofsen nicht. 

6. Die Sterilisation kann ohne Schaden für den Konsumenten 

30 Minuten dauern. 


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7. Die Milch mufs am Orte der Produktion für die verschiedenen 
Lebensmonate trinkfertig hergestellt werden. 

8. Die Drittel-Mischung ist in der Hauptsache für den ersten 
Lebensmonat nur abnorm kleiner Kinder bestimmt, vom 2. Monat an 
kann man zu stärkeren Konzentrationen übergehen. Stets mufs das 
Individuum berücksichtigt werden. 

9. Die ausschliefsliche Ernährung mit sterilisierter Milch über den 
9.—10. Monat hinaus ist zwar oft nicht schädlich, aber doch nicht zu 
empfehlen. 

10. Fällt der 9.—10. Monat in die heifse Jahreszeit, so ist es rat¬ 
sam, neben der sterilisierten Milch Suppe, Zwieback, Gries, Reis, frische 
Gemüse etc. zu geben; fällt jener Monat in die kühle Jahreszeit, so 
tritt an Stelle der sterilisierten Milch möglichst die nur abgekochte 
Milch in ihre Rechte. 

VI. 

Correferent Prof. v. Starck (Kiel): Ueber die Nachteile der 
Milchsterilisierung. 

Da nach Ansicht des Vortragenden nur eine grofse Reihe von 
Einzelerfahrungen und Beobachtungen, nicht die Erfahrungen weniger 
Aerzte oder selbst sorgfältige Stoflfwechselversuche an einzelnen Kindern 
in der Säuglingsernährung zu einem richtigen Urteil führen können, 
so hat er an die Aerzte der Provinz Schleswig-Holstein 400 Frage¬ 
bogen versandt, von welchen er 300 beantwortet zurückerhielt. Er be¬ 
tont, dafs man in den letzten Jahrzehnten den verschiedenartigsten 
Ersatz für die Muttermilch angewandt hat, dafs viele Wege zum Ziele 
führen und doch keiner absolut sicher sei. Die gröfste Verbreitung 
habe die im Hause nach Soxhlet sterilisierte Milch gefunden. Die bei 
dem Gebrauche derselben beobachteten Nachteile beziehen sich wesent¬ 
lich auf ausschliefsliche, viele Monate durchgeführte Ernährung mit 
45 Minuten oder länger, d. h. nach der ursprünglichen Vorschrift ge¬ 
kochter Milch. Von den befragten Aerzten gaben 28% Schädlichkeit 
an und zwar: 24 mal schlechteres Gedeihen, Anämie, Dyspepsie, 17 mal 
Rachitis, 10 mal hartnäckige Obstipation, Ein Arzt spricht geradezu 
von Soxhlet-Erkrankungen. Dieselben Aerzte berichten über 14 Fälle 
Barlow’scher Krankheit. 

Von den besonders präparierten, sterilisierten Milcharten ist die 
Gärtner’sche Fettmilch am meisten verbreitet. Viele Aerzte waren sehr 
zufrieden damit, doch sahen einige ungenügende Entwickelung, Anämie, 
Rachitis nach ihr, 2 Fälle Barlow'scher Krankheit wurden beobachtet. 
Gegen letztere schützten auch das Biedert’sche Rahmgemenge und 
Backhausmilch nicht. Mit Voltmers künstl. Muttermilch waren die 
Aerzte zum Teil zufrieden. Fälle von Barlow wurden noch berichtet 
nach Somatose-Milch 1, nach Riethscher Albumosenmilch 12, nach 
Pfund’scher Fettmilch 1. 

Die berichteten Nachteile kommen fast nur von Stadtärzten, die 
meisten Landärzten berichteten, dafs sie stets nur frische Milch an¬ 
gewandt hätten. Es ist somit erwiesen, dafs weder die sterilisierte 
Milch noch die besonders präparierten sterilisierten Milcharten mehr 
leisten als die gewöhnlichen Kuhmilchverdünnungen. Im Ganzen ergab 
die Umfrage 67 neue Fälle von Barlow’scher Krankheit. 


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Das nach Soxhlet vorgeschriebene langdauernde Erhitzen der Milch 
kann Veränderungen derselben als Säuglingsnahrung nicht unwesentlich 
beeinflufsen. Mit der Säuglingsernähmng mit sterilisierter Milch ist 
aufserdem eine grofse Einseitigkeit der Nahrung verbunden. Während 
die Frauenmilch und auch die Milch der einzelnen Kuh eine beständige 
Abwechslung bezüglich des Gehaltes an Eiweifs, Fett und Milchzucker 
bieten, fällt dieses Moment bei der einer Anzahl von Kühen entstammen¬ 
den Mischmilch fort. Dieser Nachteil der sterilisierten Milch ist vielleicht 
wichtiger als man glaubt. Es spricht dafür die Beobachtung, dafs eine 
Aenderung der Ernährung die Symptome der Barlow sehen Krankheit 
zum Verschwinden bringen kann. 

Indessen können wir trotz der erwähnten Nachteile vorläufig nicht 
auf die Sterilisation der Milch verzichten, da wir eine krankheitskeim¬ 
freie Milch nötig haben. Für den gröfsten Teil der Bevölkerung wird 
einfach aufgekochte Kuhmilch der richtige Ersatz für Muttermilch bleiben. 
Dieselbe giebt, wenn sie sauber geliefert und behandelt und gut kon¬ 
serviert wird, vollkommen befriedigende Resultate. Der Vortragende 
kommt dann zu folgenden Thesen: 

1. Die fortgesetzte und ausschliefsliche Ernährung der Säuglinge 
mit sterilisierter Milch in ihren verschiedenen Formen führt bei einer 
erheblichen Zahl von Kindern zu Ernährungsstörungen, welche sich als 
starke Anämie, Rachitis, Skorbut etc. äufsern. 

2. Neben den physikalischen und chemischen Veränderungen der 
Milch mufs besonders die unvermeidliche Einförmigkeit der Ernährung 
dafür verantwortlich gemacht werden.. 

3. Solange die Beschaffung reiner, krankheitskeimfreier, roher 
Milch nicht möglich ist, bedarf die Mich zur Säuglingsernährung des 
Erhitzens. 

4. Der Grad und die Dauer des Erhitzens soll sich richten nach 
der Beschaffenheit der Milch und nach der Möglichkeit, sie zu kon¬ 
servieren. 

5. Für bestimmte Verhältnisse ist die Sterilisation unentbehrlich. 

6. Frische, saubere, aufgekochte Milch giebt gleich gute Resultate 
wie sterilisierte Milch, ohne die Nachteile, welche letztere mit sich 
bringen kann. Sie bleibt demnach zur Zeit der normale Ersatz der 
Frauenmilch. 

In der Diskussion über die nachstehenden Vorträge ergreift zu¬ 
nächst das Wort Heubner und betont, dafs die Vorträge zu seiner 
Freude ergeben hatten, dafs einfach verdünnte gute Kuhmilch mindestens 
dasselbe leiste wie die mit grofser Reklame der Welt angepriesenen 
künstlichen Nährmittel. Er macht ferner auf die Fortsetzung der bereits 
im vorigen Jahre hier erwähnten Stoffwechselversuche an einem ziemlich 
gesunden Flaschenkinde und einem atrophischen Kinde aufmerksam, 
welche einmal mit verdünnter Milch, später mit Mehlnahrung ernährt 
wurden. Aus diesen Versuchen habe sich ergeben, dafs das N-Be- 
dürfnis beim einzelnen Individuum ein verschiedenes sei, dafs die Ei- 
weifsausnutzung und der Ansatz wesentlich abhängig sei von der Menge 
der N-freien Nahrungsbestandteile, welche neben dem N gereicht werden. 
Gesunde Kinder vertragen relativ grofse Eiweifsmengen gut. Letztere 
hält er immerhin noch für besser als zu grofse Mengen von Flüssigkeiten. 


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Schlol'smann scheint aus den Vorträgen hervorzugehen, dafs man 
jetzt die verschiedenen Arten von Eiweifskörpern m der Milch anzu¬ 
erkennen scheine, während vor 2 Jahren die Meinungen darüber noch 
sehr geteilt waren. Eine tägliche Eiweifsaufnahme von 6 g hält er für 
den Säugling für ausreichend. Er wendet sich gegen die allzugrofse 
Verdünnung der Milch im 1. Monat. Der Preis der Streit’schen Milch 
erscheint ihm zu teuer. Die Ziege sei nicht frei von Tuberkulose, wie 
v. Starck glaubt. 

Czerny warnt, aus der einen oder anderen Beobachtung irgend 
welche Normen für die Säuglingsernährung aufzustellen. Dals manche 
gesunde Säuglinge grofse Eiweifsmengen vertragen, dürfen uns noch 
nicht veranlassen für eiweifsreiche Säuglingsnahrung einzutreten. Er 
betont die Notwendigkeit bei der Besprechung der Ernährungsfrage das 
gesunde vom kranken Kinde zu unterscheiden. 

Knöpfelmacher (Wien) hält daran fest, dafs die verschiedenen 
Resultate bei Frauen- und Kuhmilchernährung auf der verschiedenen Be¬ 
schaffenheit der Eiweifskörper beruhen. 

d’Espine (Genf) hat in der Schweiz nie Barlo w’sche Krankheit 
gesehen, er tritt für einfach sterilisierte Milch ein. 

Koppe (Giefsen) betont nochmals die Bedeutung der Salze 
in der Milch. 

v. Ranke (München) hat in M., wo wohl am meisten Soxhlet 
gebraucht wird, bisher nur 5 Fälle von Barlow gesehen. Er hält für 
das Auftreten dieser Krankheit auch lokale Verhältnisse von Einfluis. 

Lange (Leipzig), der ebenfalls nur vereinzelte Fälle von Barlow 
gesehen hat, hält die Streit’sche Milch im allgemeinen für zu teuer. 
Er empfiehlt das Aufkochen der Milch im Flügge’schen Kochtopf. 

Me inert hebt die guten Erfahrungen hervor, welcheer mit roher 
Milch gemacht habe, und betont die Notwendigkeit weiterer Versuche. 

Escherich hat mit Gärtnerscher Milch gute Erfolge und nie 
Barlow gesehen. Erstere sei auch kein eigentliches künstliches Nähr¬ 
präparat. Er regt ferner die Frage an, ob nicht die gute Verdaulichkeit 
der rohen Milch auf der Anwesenheit von Fermenten beruhe, welche 
allerdings für die Kuhmilch bisher noch nicht nachgewiesen seien. 

Carstens (Schlufswort) hebt hervor, dafs er nur von gesunden 
Kindern gesprochen habe. Er gebe im 1. Monat ! / 3 Milch, würde diese 
vertragen, so gehe er bald zu höherer Konzentration über Der Preis 
der Streit’schen Milch sei allerdings teuer, 20—24 Mk. monatlich, doch 
hätten auch arme Leute die Milch angewandt, indem eine 1 / 3 1 Flasche 
durch Hinzufügung von versüfster und durch Butterzusatz schmackhafter 
und nahrhafter gemachter Mehlabkochung verdünnt wurde. 

v. Starck (Schlufswort) glaubt, wie v. Ranke, dafs lokale 
Einflüsse für Barlow’sche Krankheit mafsgebend seien. Rohe Milch 
wende er nur unter ganz bestimmten Verhältnissen an. 

VII. 

Prof. d’Espine (Genf) berichtet über einen Fall von generali¬ 
sierter Vacccine, welchen er in Genf an einem 11 monatlichen 
Mädchen beobachtete. 

Es handelte sich um eine Ausbreitung der Pusteln über den 


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ganzen Körper bei vorher intakter Haut. Ekzem bestand nicht. Die 
Eruptionen traten am 8. Tage nach der Impfung auf. Bei anfangs ge¬ 
ringem Fieber und gutem Befinden des Kindes war die Erkrankung am 
20. Tage beendet. 

Siegert (Strafsburg) hebt hervor, dafs diese Eruptionen des 
Variola sehr ähnlich seien. Die Lymphe sei gewonnen durch Ver¬ 
impfung von Variola auf das Kalb und wiederholte Umzüchtung. 

VIII. 

Dr. Schmid-Monnar d (Halle a. S.): Ueber die Nahrungs¬ 
mengen normaler Flaschenkinder. 

Der Vortragende berichtet über seine Erfolge bei der Ernährung 
von Kindern mit frischer Kuhmilch und deren Mischungen mit Zucker, 
Wasser und Rahm, welche er über ein Jahr hinaus anstellte. Er richtete 
sein Augenmerk dabei besonders auf Volum, chemische Zusammen¬ 
setzung und Brennwert der Nahrung und die dadurch erzielte Körper¬ 
gewichtszunahme. Es zeigten sich dabei wie bei Brustkindern Schwank¬ 
ungen am Nahrungsbedarf um das doppelte. Das tägliche Calorien- 
bedürfnis indessen blieb sich stets gleich, es war dieses bei Flaschen¬ 
kindern wesentlich gröfser als bei Brustkindern. Die Gewichtszunahme 
verhielt sich durchschnittlich ähnlich wie bei Brustkindern, doch be¬ 
standen unter den verschieden genährten Flaschenkindern grofse Unter¬ 
schiede. Seine Beobachtungen führten zu dem Resultat, dafs es der 
Nahrung der Flaschenkinder bisher an Fett und Kohlehydrate mangele, 
während Eiweifs genügend darin vorhanden sei. Die zweckmäfsige 
Ernährung der Zukunft sei für kräftige Kinder von einem halben Jahr 
1 / 2 oder 2 / 3 Milch mit Kohlehydratzusatz, für schwächere Milch mit 
Kohlehydrat- ev. mit Rahmzusatz. 

In der Diskussion erwiedert der Vortragende auf eine diesbezüg¬ 
liche Anfrage von Czerny, dafs Stoffwechseluntersuchungen nicht 
gemacht worden seien, sondern nur die Einnahme bestimmt und dann 
festgestellt worden sei, welcher Ansatz stattgefunden habe. — 

IX. 

Dr. Keller (Breslau): Über eine künstliche Ernährung 
kranker Säuglinge und Erfolge in der Klinik. 

Keller demonstriert an Körpergewichtskurven die recht guten 
Erfolge der Ernährung mit Malzsuppe an 33 schwer kranken Säug¬ 
lingen in der Klinik. Bei magendarmkranken Säuglingen besteht eine 
gesteigerte Bildung und Ausscheidung saurer Stoffwechselprodukte. Da 
es bei der Säureintoxikation zu einem Verlust des Organismus an fixen 
Alkalien kommt, so hielt er eine alkalienreiche Nahrung für den kranken 
Säugling für notwendig. Bei Vermeidung einer grofsen Menge von 
Milch, Eiweifes und Fett vermehrt er den Nährwert der Nahrung durch 
Zugabe gröfserer Mengen von verbrennbaren Kohlehydraten (Malz). 

X. 

Dr. Gregor (Breslau): Ueber eine künstliche Ernährung 
kranker Säuglinge und Erfolge in der Poliklinik. 

Der Vortragende berichtet an der Hand von 74 vollkommen ab¬ 
geschlossenen Beobachtungen über die Resultate derselben Ernährungs¬ 
weise in der Poliklinik. Auch er hat recht erfreuliche Erfolge erzielt, 


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jedenfalls gingen die Resultate weit über dasjenige hinaus, was bisher 
unter ähnlichen Verhältnissen mit einer anderen Ernährung erreicht 
worden war. 

In der Diskussion bemerkt Heubner, dafs er an seiner Klinik die 
von Keller empfohlene Mischung bisher in 19 Fällen schwerer Darm- 
erkrankung angewandt habe und zwar schon bei Kindern in der 1. und 
2. Lebenswoche. Auch er war mit den Erfolgen bisher wohl zufrieden. 

Escherich freut sich der Empfehlung der alten Liebig’schen Suppe, 
die er selbst stets und gerne angewendet. Er fürchtet nur, dafs die 
Schwierigkeiten der Herstellung und ihr Preis der allgemeinen Ein¬ 
führung im Wege steht. 

Keller: Die Malzsuppe unterscheide sich von der 
ursprünglichen Liebig sehen Suppe durch ihren geringeren Gehalt an 
Milch und Mehl und den gröfseren Gehalt an Malzextrakt. Die Her¬ 
stellung der Suppe daure nur 15—20 Minuten. Eine geringe abführende 
Wirkung der Malzsuppe hat K., ebenso wie Prof. Escherich ebenfalls 
beobachtet. 

Gregor erwiedert auf eine Anfrage Heubner’s, dafs 
er in der Poliklinik 23 Kinder unter */ 4 Jahr, von denen keins unter 
4 Wochen alt war und welche alle chronisch magendarmkrank waren, 
mit gutem Erfolge ernährt habe. Er empfiehlt für solche Kinder eine 
Verdünnung von 750 g Suppe und 150 g Wasser. 

Czerny bemerkt noch, dafs jeder Pädiater, der über Säuglings¬ 
ernährung vortrage, dieselbe sehr gut zu verstehen scheine, während 
die bisherigen Erfolge in sämtlichen Säuglingsspitälern in schrecklichem 
Gegensätze dazu ständen. Wenn man gute Resultate in der Klinik 
erzielt habe, so sei das immerhin ermutigend, auf diesem Wege fort¬ 
zuschreiten. Um die Zukunft der Malzsuppe ist ihm nicht bange, wie 
Herr Escherich meinte. (Schlufs folgt). 


Referate. 

Zur Behandlung der Variola mit Ichthyol. Von Hörschelmann. 

(St. Petersb. med. Wchschr. 20. Aug. 1898.) 

In therapeutischer Hinsicht unterscheidet sich die Variola von den 
anderen akuten Exanthemen, Morbillen und Scarlatina dadurch, dafs bei 
ihr auch die Hautaffektion einer Behandlung bedarf. Die Hauptgefahr 
erwächst dem Patienten durch das Suppurationsstadium, dessen Ein¬ 
schränkung oder vollständige Unterdrückung die Gefahr der Variola 
wesentlich herabsetzen würde. Zu diesem Zwecke wurde eine Reihe 
von äufseren Mitteln angegeben, z. B. Ung. einer., Collodium, Lapis, Jod, 
Carbolsäure u. s. w., die sich aber alle nicht bewährten. Auf Empfehlung 
Kolbafsenkos wendete H. Ichthyol bei Variola mit sehr günstigem 
Erfolge an. Die Wirkung besteht darin, dafs das Jucken beim Auf¬ 
treten der Papeln und Pusteln gering ist, auch die Empfindlichkeit der 
befallenen Hautpartien sehr gering erscheint. Das Fieber im Eiterungs¬ 
stadium ist ebenfalls gering, unter 39,5°, die Eiterung wird unterdrückt, 
das Stadium der Eiterung und Abstofsung der Borken um 3—4 Tage 


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reduziert, stärkere Entzündung des Unterhautzellgewebes kommt nicht 
zur Beobachtung. Die Einpinselungen des ganzen Körpers werden auch 
von Kindern gut vertragen. Kolbafsenko wendet eine Salbe aus 10 
Teilen Ichthyol auf 80 Teile Vaselin, bezw. Lanolin und Ol. amygd. 
dulc. an. H. benutzte statt dieser Salbe Ichthyol-Collodium zur Be¬ 
handlung eines leichteren Variolafalles bei einem Kinde. Es zeigte sich, 
dafs 24 Stunden nach der Ichthyolapplikation die damit eingepinselten 
Pusteln ihren gewöhnlichen Verlauf nahmen. Auch fand die Abstofsung 
der dünnen pergamentartigen Schuppen sehr schnell und ohne Hinter¬ 
lassung entzündlich veränderter Stellen statt. Die Abschuppungsstellen 
waren stets trocken und mit zarter, rötlicher Epidermis bedeckt. Mit 
Rücksicht auf diese Erfahrung kann das Ichthyol zur Behandlung der 
Variola durchaus empfohlen werden. Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber postdiphtherische Lähmungen. Von Woodhead. Vortrag 
gehalten in der Versammlung der British Medical Association in 
Edinburgh 27.—30. Juli 98. — (Münchn. med. Wchschr.No. 33, 1808). 

Von 494 Fällen von Lähmung betrafen 185 den Gaumen, 197 die 
oculomotorischen Muskeln, 10 andere Muskeln und 102 waren Herz¬ 
lähmungen. Die Gaumenlähmungen traten gewöhnlich zwischen dem 
5. und 15. Tage ein, niemals vor dem 4., die Augenmuskellähmungen 
meist zwischen dem 4. und 17. Tage, niemals früher. Die Lähmungen 
anderer Muskeln wurden meist zwischen dem 10. und 14. Tage be¬ 
obachtet, nie vor dem 10. Die Herzlähmungen traten zuweilen schon 
am 2. Krankheitstage auf, meist zwischen dem 5. und 10. Tage. 

Die Toxine wirken wahrscheinlich zuerst auf die Nervenzellen, die 
entweder sich regenerieren oder zu Grunde gehen; später degenerieren 
die Nerven, denen diese Zellen als trophische Centren dienen und dann 
tritt die Lähmung in Erscheinung. Aus diesem Grunde tritt auch die 
Herzlähmung am frühesten auf, aufserdem ist der Herzmuskel der am 
meisten angestrengte Muskel, der am wenigsten Ruhe hat. 

Die Antitoxinbehandlung mufs möglichst frühe beginnen, wo¬ 
möglich vor dem Einsetzen degenerativer Veränderungen in den ner¬ 
vösen Organen; die Anfangsdosis mufs möglichst grofs sein, um die 
verschiedenen Wirkungen der Toxine zu centralisieren. Die Wirkungen 
sind vierfach und beruhen auf verschiedenen Substanzen, die im Diph¬ 
theriegift enthalten sind: 1. einer Substanz, die letale Wirkung hat, 
2. einer Substanz, die lokale Reizerscheinungen hervorruft, 3. Albumosen, 
welche die Körpertemperaturen beeinflussen und 4. einer Substanz, 
welche spezifisch auf die Nervenzellen ein wirkt 

Klautsch, Halle a. S. 

Zur Bakteriologie der Stomatitis und Angina ulcerosa. Von Abel. 
(Centralbl. f. Bakt. etc. 1898. XXIV. N. 1). 

Bemheim hatte im Bd. XXIII des Centralbl. f. Bakt. etc. unter 
dem Titel »Ueber einen bakteriologischen Befund bei Stomatitis ulcerosa« 
darauf aufmerksam gemacht, dafs die St. noch häufig mit einer Angina 
ulcerosa — meist auf einer Tonsille — vergesellschaftet ist, und hatte 
aus dem identischen bakteriologischen Befunde geschlossen, dafs beide 


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identische Krankheitsprozesse darstellen. Der Vert. betont nun unter 
Besprechung ähnlicher Befunde anderer Autoren und unter Mitteilung 
eigener Fälle die Wichtigkeit dieser Erkrankung: sofern diese nur die 
Tonsille befällt, kann sie leicht mit Diphtherie verwechselt werden; 
davor vermag aber der bakteriologische Befund zu schützen, welcher 
keine Diphtheriebazillen, sondern zwei Arten von Bakterien, dem D.-Baz. 
ähnliche, jedoch gröfser als dieser, an beiden Enden zugespitzt und 
mehr weniger gekrümmte, sowie eine feine Spirochaete zeigt. Züchtung 
derselben auf den gebräuchlichen Nährböden mifslangen. 

Koppen, Norden. 

Die Herzpalpitationen bei Kindern. Von L. d’Astros. (Annales de 
medicine et Chirurgie infantiles 1898, No 12) 

Während bei Erwachsenen sehr häufig aufserhalb des Herzens 
liegende Ursachen Herzklopfen verursachen, sind es bei Kindern oft 
latente oder halblatente Herzaffektionen, welche sich Jahre hindurch nur 
durch einfache Palpationen kundgeben; dahin sind die chronische 
Endocarditis, die reine Mitralstenose etc. zu rechnen. Aufser wirklichen 
Herzleiden, auf welche in erster Linie sorgfältig zu achten ist, können 
aber ferner bei Kindern Herzpalpitationen in hohem Grade Verdauungs¬ 
störungen (Eingeweidewürmer) verursachen, aufserdem beginnende 
(latente) Lungentuberkulose, bei jungen Mädchen im Alter von 12 bis 
15 Jahren der Beginn der Menstruation, auch Chlorose und zuweilen 
Hysterie. Dieselben stellen sich ferner ein besonders infolge von 
physischer Ueberanstrengung (Velocipedfahren), von Masturbation etc. 
Erst nach Ausschlufs aller dieser Ursachen kann man zur Diagnose, 
nervöses Herzklopfen übergehen. 

Die Therapie mufs natürlich in erster Linie soweit als möglich 
gegen die Ursache gerichtet sein, bei nervösen Palpationen sind 
Ueberanstrengung bei jeder Art von geistiger und körperlicher Uebung 
(Velocipedfahren) zu vermeiden und Hydrotherapie in mäfsigem Grade, 
nicht zu kalt und von mäfsiger Dauer, anzuwenden. Neben den sehr 
wichtigen hygienischen Vorschriften sind die wichtigsten Medikamente 
Bromnatrium in der Dosis von 0,5—1,0 g zweimal täglich und Baldrian¬ 
lösung täglich 2—3 Kaffeelöffel. Kl aut sch, Halle a. S. 

Ueber die Wirkung des Fluidextraktes der Rhus aromaticä bei 
Incontinentia urinae der Kinder. Von Freyberger. (Treatment 
No. 5, 1898. Klinisch-therapeutische Wochenschrift No. 40, 1898.) 

F. rühmt auf Grund von Erfahrungen an 30 Fällen die Wirkung 
der Rhus aromatica bei Incontinentia urinae der Kinder. Die Behand¬ 
lungsdauer betrug durchschnittlich 40 Tage, 35 bei Knaben und 45 bei 
Mädchen. Die Besserung beginnt gewöhnlich schon am 7. Tage nach 
Einleitung der Behandlung, und durchschnittlich schon nach 33 tägiger 
Behandlung ist die Heilung eine dauernde. Zuweilen stellt sich eine 
Verschlimmerung der Incontinenz ein, wobei die Kinder nicht nur 
2—3 mal in der Nacht Harn lassen, sondern auch die Harnmenge eine 
gesteigerte und der Harn sehr blafs ist und ein geringes spez. Gewicht 
hat. Es empfiehlt sich daher, die Möglichkeit einer solchen Ver¬ 
schlimmerung, die einige Tage anhält, den Eltern vorauszusagen, zumal 


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man mit der gröfsten Wahrscheinlichkeit eine darauf folgende Besserung 
in Aussicht stellen kann. Man giebt Kindern im Alter von —5 Jahren 
5—10 Tropfen, solchen von f> —10 Jahren 10—15 und über das Alter 
von 10 Jahren hinaus 20 Tropfen des Fluidextraktes. Man verordnet 
am besten: # 

Rp. 

Extr. fluid. Rhois aromaticae gutt. X 

Syrup. aromat. gutt. XX 

Ap. destill. ad. 4,0 

DS. 3 se lche Dosen täglich zu nehmen 

Dr. Gold bäum, Wien. 

Das Abnabeln und die Wiederbelebung Scheintotgeborener. Von 

Sehwald. (Dsch. med. Wchschr. 1898, No. 36). 

Verf. wendet sich in diesem Aufsatz gegen das zu frühe Ab¬ 
nabeln der Neugeborenen. Ueberläfst man die Vorgänge bei einer 
normalen Geburt ganz der Natur, so verlaufen sie folgendermafsen : 
Sobald das Kind durch die Wehen ausgetrieben ist, fängt es mittels 
Schreien tief zu atmen an. Hierbei entfaltet sich die Lunge des Kindes 
und saugt sich voll Blut, das durch die Nabelgefäfse dem Kinde zu¬ 
strömt. Schliefslich ist fast das ganze kindliche Blut aus der Plazenta 
durch die Lungenthätigkeit in das Kind übergepumpt, und der Puls 
der Nabelschnur erlischt. Bis der Puls der Nabelschnur aufhörf, gehen 
nicht etwa nur 1 — 2 Minuten hin, sondein in der Regel eine halbe 
Stunde; bei schlecht atmenden Kindern und bei schwachen Nachwehen 
pulsiert die Nabelschnur noch weit länger fort. Nabelt man die Kinder 
nun zu frühzeitig ab, so verhindert man den vollständigen Uebertritt 
des Blutes in den kindlichen Organismus und macht die Neugeborenen 
auf diese Weise blutarm. Dafs thatsächlich viel Blut in das Kind über¬ 
geht, solange es noch mit der pulsierenden Nabelschnur zusammen¬ 
hängt, beweist die Wägung. In einem vom Verf. beobachteten Falle 
betrug die Gewichtszunahme des Kindes in dieser Zeit 85 g, in einem 
anderen P'alle sogar 118 g. Aber auch mit blofsem Auge kann man 
wahrnehmen, wie in der Zeit, in der die Nabelschnur noch pulsiert, mit 
jeder Minute die Haut und die Schleimhäute des Kindes sich immer 
mehr rot färben, wie die vorher dünnen und mit faltiger Haut ver¬ 
sehenen Gliedmafsen anschwellen, sich runden, und wie das Gesicht 
voller und dicker wird. Die Pflicht eines jeden Arztes und jeder 
Hebamme ist es daher, nie die Abnabelung eher vorzunehmen, als bis 
der Puls der Nabelschnur mehrere Minuten lang vollständig aufgehört 
hat. Auch für die Herausbeförderung der Nachgeburt ist dieses Warten 
recht vorteilhaft; denn die Nachgeburt löst sich viel besser, wenn sie 
sich erst dadurch verkleinert hat, dafs sie von dem kindlichen Blute 
befreit wurde. 

Am allerwichtigsten aber ist es für scheintot geborene Kinder, 
dafs sie nicht gleich nach dem Verlassen des Mutterleibes abgenabelt 
werden. Und doch behaupten die Lehrbücher, dafs man scheintot 
geborene Kinder nicht schnell genug abnabeln könne, um mit ihnen 
die künstliche Atmung vorzunehmen. Auf diese Weise bekommt man 
sicher ein sehr blutarmes und damit lebensschwaches Kind, da noch 


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keine Atmung erfolgt war, die doch am meisten von dem kindlichen 
Blut aus der Nachgeburt in das Kind überführt. Aber auch die Wieder¬ 
belebung Scheintotgeborener gelingt bei sofortigem Abnabeln herzlich 
selten; denn das belebende Element, das Blut, fehlt so gut wie ganz, 
namentlich fehlt es dem Atemcentrum und der Lunge. Scheintoten 
Kindern würde man gern Menschenblut transfundieren, wenn man es 
könnte. Dadurch, dafs man sie mit der pulsierenden Nabelschnur 
Zusammenhängen läfst, geht diese Transfusion in der schönsten und 
ausgiebigsten Weise vor sich. Auch wenn der Puls der Nabelschnur 
zeitweise unterbrochen war, wie bei schwierigen Beckenendlagen, stellt 
sich doch der Puls in den gegen Schädigung durch Druck so geschützten 
Nabelgefäfsen wieder ein. Scheintot geborene Kinder dürfen daher nie 
sofort nach dem Verlassen des Mutterleibes abgenabelt werden, sondern 
zuvor mufs man ihre Blutzirkulation, namentlich am Herzen und am 
Herz- und Atmungscentrum, durch warme Umschläge aufs Herz und 
ins Genick anregen und dann bei pulsierender Nabelschnur die künst¬ 
liche Atmung mittels Armbewegungen vornehmen, Auf diese Weise 
saugt man in der schönsten Weise das kindliche Blut aus der Nach¬ 
geburt in die Lunge und die Wiederbelebung ist bald von Erfolg ge¬ 
krönt; selbst in den Fällen, die nach gewöhnlichem Verfahren eigentlich 
hoffnungslos waren, erzielte Verf. auf diese Weise vollen Erfolg. 

Klaut sch, Halle a. S. 

Subkutane Eiseninjektion bei anämischen Kindern. Von Villa. (La 
clin. med. ital. 1898. Klinisch-therap. Wchschr. No. 9, 1898). 

Mit Rücksicht darauf, dafs Eisenpräparate bei interner Darreichung 
sehr oft Reizerscheinungen von Seiten des Magens und Darms hervor- 
rufen, hat V. Versuche mit subkutanen Eiseninjektionen bei 
Kindern angestellt, die an primären oder sekundären Anämien litten. 
Zur Injektion wurde eine Lösung verwendet, welcher zur Vermeidung 
örtlicher Schmerzen Antipyrin zugesetzt war, und zwar: 

Rp. Ferr. pyrophosph. 

Natr. citr. aa 1,0 
Aq. dest. 

Aq. Laurocer. aa 20,0 
Antipyr. 2,0 

Davon wurden 2— 2 l j 2 g pro die, zunächst jeden 2. Tag, dann 
jeden Taginjizirt. Es ergab sich, dafs die subcutane Eisenapplikation 
allen anderen Darreichungsformen an Raschheit und Sicherheit der 
Wirkung überlegen ist. Die Injektionen werden am besten direkt in 
die Muskeln (Glutäalgegend) appliziert. Die Besserung tritt schon nach 
den ersten Injektionen zu Tage, später sind die Fortschritte weniger 
augenfällig. Man nimmt die Injektionen behufs Schonung des 
Nierenepithels zunächst jeden 2. Tag vor, später täglich. Durch den 
Antipyrinzusatz wird die lokal irritierende Wirkung des Eisens auf¬ 
gehoben. Das Auftreten von Temperatursteigerungen nach der In¬ 
jektion erfordert an sich nicht das Aussetzen der Behandlung, dies ist 
erst dann gerechtfertigt, wenn auch nach Herabsetzung der Dosen und 
bei in gröfseren Zwischenräumen gemachten Injektionen noch Temperatur- 
Steigerungen auftreten. Dr. Gold bäum, Wien. 


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Tannoform in der Kinderpraxis. Von Landau. (Klinisch-therapeu¬ 
tische Wochenschrift No. 40, 1898.) 

L. stellte in seiner Kinderabteilung Untersuchungen mit Tannoform 
an und kam zu folgenden Schlüssen; 

1. Das Tannoform ist ein ausgezeichnetes Darmadstringens, da es die 
Eigenschaft eines Adstringens und Antiseptikum verbindet. 

2. Wegen der Geruch- und Geschmacklosigkeit eignet es sich be¬ 
sonders für die Kinderpraxis und kann auch wegen des niedrigen 
Preises in der Armenpraxis Verwendung finden. 

3. Das Tannoform wird 3—5 mal täglich gereicht in Dosen von 0,25— 
0,40. (Die Dosis 0,25 nur bei Neugeborenen.) 

4. Das Mittel verdient besondere Beachtung in Fällen von akutem 
Darm- und Magendarmkatarrh und bei Enteritis follicularis; in 
Fällen von chronischem Darmkatarrh bleibt die Wirkung zuweilen 
aus. (Es mufs aufmerksam gemacht werden, dafs in manchen 
Fällen vor der Anwendung des Tannoforms ein Laxans verabreicht 
werden mufs.) 

5. In Fällen von Kopf- und Gesichtsekzem ist die Wirkung nicht 
besser, als bei Anwendung der Hebra’schen Diachylonsalbe. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Ueber Pertussin, Extractum thymi saccharatum. Von Fischer. (Dtsch. 
med. Wchschr. 1898, No. 27). 

Als F.’s 5 Kinder im Sommer 97 an Keuchhusten erkrankten, gab 
er ihnen zunächst Tussol, mit geringem Erfolge. Dann versuchte er 
das Pertussin (von Apotheker Täschner in Berlin) und sah davon über¬ 
raschende Wirkung. Das Mittel wird fertig zum Einnehmen in Flaschen 
von 200 g in den Handel gebracht, es hat bräunliche Farbe, Syrup- 
konsistenz, einen aromatischen Geruch nach Quendel und denselben 
keineswegs unangenehmen Geschmack. Die Kinder nehmen es gern. 
Es wird kaffee- bis efslöffelweise verabreicht. Die Anfälle werden dar¬ 
nach milder, der Schleim so locker, dafs das Erschreckende des 
Keuchhustens, das Blauwerden und die drohende Erstickung wegfallen. 

Um die Frage zu lösen, ob das Pertussin ein Spezifikum gegen 
den Keuchhusten ist oder ob es auch bei anderen Krankheiten der 
Respirationsorgane eine günstige event. heilbringende Wirkung ausübt, 
gab F. das Mittel einer gröfseren Zahl von Kranken mit folgendem 
Erfolge: 

a) Bei akuten und chronischen Katarrhen des Kehlkopfes und der 
Bronchien machte sich nach dem Gebrauch des Pertussin stets eine be¬ 
deutende Einwirkung auf die Schleimabsonderung in der Weise geltend, 
dafs der Schleim ohne jegliche Anstrengung expectoriert wurde. Das 
Präparat dürfte sich auch für solche Fälle von Lungentuberkulose 
empfehlen, in welchen die Patienten mit zähen Schleimmassen zu thun 
haben uud wo Gefahr von Lungenblutungen besteht. 

b) Bei Emphysematikern, besonders bei hochbetagten Individuen 
mit den Erscheinungen von Engigkeit und Hustenbeschwerden, liefs mit 
Gebrauch des Pertussin vom ersten Tage an die quälende Beengung 
auf der Brust erheblich nach, verschwand zeitweise ganz und den 
Kranken wurde das Gehen, Treppensteigen etc. wieder leicht. Sie konnten 
gleichfalls den Schleim bequem ohne Anstrengung loswerden. 


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258 


Da dem Pertussin wesentlich eine krampfmildernde und eine 
schleimlösende Wirkung zuzuschreiben ist, so dürfte dasselbe sich im 
Stadium der Lysis bei Pneumonieen, ferner auch zur Erleichterung der 
Abstofsung croupöser und diphtherischer Membranen in den Luft¬ 
wegen empfehlen, so dafs es unter Umständen die Wirkung des Heil¬ 
serums in solchen Fällen wesentlich unterstützen kann. 

Schnell, Egeln. 

Zur Aetiologie der Skoliose. Von Christen Lange. (Zeitschrift für 
orthopäd. Chirurgie, V. Bd.) 

Die Beobachtung von 6 Fällen, die gleichzeitig von Skoliose und 
bedeutender Vergröfserung des Herzens litten, führt Verf. zu dem 
Schlüsse, dafs die Herzhypertrophie auf mechanischem Wege die 
Ursache der Skoliose werden kann. Besonders prägnant sind die beiden 
letzten Fälle. Beide Kinder wurden mit schweren Herzfehlern und 
starker Herzerweiterung aufgenommen. Beide wurden alsbald auf 
Skoliose untersucht; der Befund war negativ. Nach drei Monaten wurde 
schliefslich bei beiden eine unzweifelhafte, wenn auch nicht sehr be¬ 
deutende Skoliose von etwas eigentümlicher Form gefunden. Es be¬ 
stand eine rechtsseitige Convexität vom 1.—9. Brustwirbel bei schwach 
ausgeprägter Lendenkrümmung nach links; Rotation der Wirbel stark 
ausgesprochen. Der Thorax zeigte die der Herzerweiterung ent¬ 
sprechende Rippenvorwölbung und, wie bei allen Skloliosen, vorn rechts 
und hinten links Abflachung. Bei den ersten vier Kindern war die 
schon länger bestehende skoliotische Deformität stärker ausgesprochen. 
Das Primäre war bei allen Kindern das Herzleiden. 

Der Zusammenhang der beiden Afifektionen ist als ein rein mecha¬ 
nischer so zu erklären, dafs die durch den systolischen Stofs des dilatierten 
Herzens nach vorn und links gedrängten linken Rippen zugleich einen 
Zug an den ihnen zugehörigen Querfortsätzen der betreffenden Wirbel 
ausüben und dadurch dieselben allmählig nach rechts herum torquieren. 

Dr. Friedmann, Beuthen O.-S. 

Fremdkörper im Bronchus. VonBittner. (Demonstration im Verein 
deutscher Aerzte in Prag. Nach einem Referate in der Heil¬ 
kunde, No. 8, 1898). 

Im Verein deutscher Aerzte in Prag stellte B. ein Kind vor, das 
sich beim Spielen eine Glasperle in die Nase gebracht hatte. Es gelang 
einem Arzte sehr leicht, dieselbe mittelst einer Pinzette zu entfernen. 
Doch machte das Kind dabei eine rasche Bewegung, so dafs die Perle 
aus der Pinzette dem Kinde in den Mund kam und alsbald verschwand. 
Ein sofort eintretender Erstickungsanfall liefs keinen Zweifel darüber, 
dafs die Perle aspiriert worden und in den Bronchialbaum gelangt war. 
B. beobachtete nun das Kind einen Tag lang und konstatierte zunächst, 
ohne Linderung des Perkussionsschalles, abgeschwächtes Athmen in der 
linken Lungenspitze. Nach einem Hustenstofs War diese Erscheinung 
verschwunden, dafür trat aber abgeschwächtes Athmen in der rechten 
Spitze auf. Man muiste daher annehmen, dafs sich die Perle in einem 
Bronchus befunden hatte und bei einem Hustenstofs in einen anderen 
gelangt war. B. entschlofs sich daher zur Tracheotomia inferior und 


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259 


ging mit einer Sonde ein. Dabei tastete er die Perle ganz deutlich in 
dem rechten Hauptbronchus und zwar eingekeilt in der oberen Wand 
desselben. Er nahm an, dafs die Perle in dem Bronchus, und zwar an 
seiner Abgangsstelle vom Hauptbronchus stecke. Nach einigen ver¬ 
geblichen Extraktionsversuchen wandte er nun ein kombiniertes Manöver 
an. Während er nämlich mit einer Drahtschlinge, mit der er die Perle 
lockern wollte, einging, suchte er in demselben Momente durch Ammoniak 
einen Hustenstofs auslösen, damit die gelockerte Perle herausbefördert 
würde. Dies gelang auch, indem die Perle in weiten Bogen herausflog. 
Die Wundheilung verlief nun glatt, hingegen trat atn Tage nach der 
Operation eine Scarlatina auf. Das Kind hatte sich also bei der 
Operation im Inkubationsstadium einer Scarlatina befunden. Auch 
diese heilte ohne jede Komplikation, namentlich ohne eine solche von 
Seiten der Athmungsorgane ab, sodafs das Kind jetzt völlig geheilt 
erscheint. Dr. Gold bäum, Wien. 

Ueber Anwendung regelmäfsiger Wägungen bei Kindern im frühesten 
Lebensalter. Von Sutils. (Allgem. med. Zentral-Ztg. No. 33, 1898). 

Verf. kommt auf Grund seiner zahlreichen Kinderwägungen zu 
folgenden Schlufsfolgerungen: 1. Es giebt einen Mittelwert der regel- 
mäfsigen monatlichen Zunahme der Kinder in ihrer Gesamtheit; und 
es giebt ferner verschiedene Mittelwerte je nach der Ernährung des 
Kindes an der Brust oder mit der Flasche. Die letzteren Mittelzahlen 
sind nicht identisch. 2. Gesunde Kinder nehmen in einer diesen Mittel- 
zahlen entsprechenden Weise an Gewicht zu. Leichte Zwischenfälle modi¬ 
fizieren die Kurven nicht wesentlich. 3. Alle Zwischenfälle von einiger 
Bedeutung finden ihren Ausdruck an der Gewichtskurve, und zwar ent¬ 
weder gleichzeitig mit dem Zeitpunkt ihres Eintrittes, oder was ganz be¬ 
sonders wertvoll, bisweilen schon einige Zeit zuvor. Oft würden solche 
Störungen im gesundheitlichen Verhalten der Kinder oder auch der 
Amme ganz unbemerkt vorübergehen, wenn die Wägung nicht darauf 
hinwiese. 4. Eine abnorm hohe Gewichtszunahme, wenn sie nicht etwa 
nach einer Krankheit auftritt, findet sich in den erfeten Monaten bei 
Kindern, die sehr schwächlich zur Welt gekommen sind, sei es in Folge 
einer schlechten Schwangerschaft oder Krankheit der Mutter, sei es in 
Folge zu früher Geburt. Nach Krankheit steigt die Kurve abnorm stark 
an, bis sie bei Rückkehr völliger Gesundheit ihren früheren Standpunkt 
erreicht oder gar überschritten hat. 5. Gewichtsabnahme oder Stehen¬ 
bleiben des Gewichts, ohne dafs eine Krankheit nachweisbar, deutet 
auf einen Zahnungsvorgang hin, bisweilen auch auf eine im Incubations- 
zustand sich befindende Krankheit und mahnt zur Vorsicht; oder 
schliefslich auf einen veränderten Zustand im Befinden der Ernährerin 
beim Brustkinde (erneute Schwangerschaft, Eintritt der Regel, Krankheit). 
6. Die Tiefe des Kurvenabfalls bei Krankheit läist einen Schlufs zu auf 
den Grad und die Heftigkeit der Störungen, unter denen das Kind zu 
leiden hatte. 7. Die stärkste Gewichtszunahme beobachtet man im 
Monat Oktober nach dem Aufhören höherer Sommertemperaturen, unter 
denen die Kinder immer mehr oder weniger zu leiden haben, am 
wenigsten stark ist der Anstieg der Kurve in den heifsen Sommer¬ 
monaten. 8. Die regelmäfsigsten Kurven finden sich bei den Brust- 


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2ßO 


kindern, auch sind bei ihnen die kleinen Störungen in der Gesundheit 
lange nicht so deutlich ausgeprägt, wie bei Flaschenkindern. Bei letzteren 
finden sich übrigens manchmal ganz erstaunlich hohe Kurven (wohl bei 
sehr reichlicher Nahrungsaufnahme), die schliefslich die Mittelwerte weit 
überragen können. Andererseits pflegen oft niedrige Kurven immer 
tiefer unter die Mittelwerte herabzusinken. 

Klautsch, Halle a. S. 


Gesundheitspflege. 

— Einige schulhygienische Betrachtungen. Von Dr. 
L a a s e r. (Zeitschr. f. Schulgesundheitspflege 1898, 7). 

Der nachteilige Einflufs der adenoiden Vegetationen im Rachen 
auf die geistige nicht weniger als auf die körperliche Entwickelung der 
Kinder wird seitens der Aerzte und Lehrer noch zu wenig gewürdigt. 
Es handelt sich hier um ein Kapitel von einschneidender Wichtigkeit 
und somit verdient jede Arbeit volle Beachtung, die dasselbe weiter zu 
beleuchten und zu popularisieren strebt. L. weist zunächst auf die all¬ 
gemeinen Umrisse des Leidens hin, die schon dem Laien auffallen 
müssen: die tonlose, fast »tote« Sprache, die Gewohnheit, den Mund 
offen zu halten, im Schlafe zu schnarchen und häufig aufzuschrecken, 
die mangelnde Fähigkeit, in der Schule mitzukommen, weshalb solche 
Kinder so häufig mit bitterem Unrecht als denkfaul und unaufmerksam 
schweren Züchtigungen unterliegen. 

Die weiteren Schädigungen werden dann näher erörtert. Infolge 
Behinderung der Nasenatmung sinkt der Blutdruck im Gehirn, daher 
wegen unterwertiger Ernährung des Organs die geistige Schlaffheit. Am 
Skelett treten Deformitäten auf: der Schädel wächst unsymmetrisch, das 
Gaumendach wölbt sich in die Höhe, der Oberkiefer tritt vorn heraus, 
die Wirbelsäule verkrümmt leicht. Als weitere sehr bemerkenswerte 
Folgeerscheinung ist das Auftreten von Gehörstörungen zu verzeichnen, die 
häufig zu dauernder Taubheit führen. In neuerer Zeit wird mehrfach 
darauf hingewiesen, dafs die hypertrophierte Gaumentonsille häufig der 
Sitz latenter Tuberkulose ist, die von da aus verschleppt sich in anderen 
Organen, besonders in Kehlkopf und Lunge, manifestiert. 

Die neuerdings immer dringender auftretende Forderung, dafs 
Schulärzte angestellt werden sollen, die u. a. jedes in die Schule ein¬ 
tretende Kind auf seine körperliche und geistige Qualifikation unter¬ 
suchen sollen, mufs gerade mit Rücksicht auf dieses verbreitete und 
gefährliche Leiden nachdrücklichst unterstützt werden. 

Dr. Friedmann, Beuthen O.-S. 

— Arbeitsschulen für Verkrüppelte. Von Dr. Leonhard 
Rosenfeld. (Zeitschr. f. Schulgesundheitspflege 1898, 1). 

Der Gedanke, körperlich verkrüppelte Kinder, ähnlich wie Idioten, 
Blinde, Taubstumme in Anstalten zu verpflegen und zu erziehen, ist vor 
25 Jahren zuerst von dem dänischen Pfarrer Hans Knudsen angeregt 
worden. Er gründete 1872 in Kopenhagen einen, »Verein, der sich ver¬ 
krüppelter Kinder annimmt«, aus dessen Mitteln zunächst die poli- 


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261 


klinische Behandlung solcher Kinder und die Beschaffung orthopädischer 
Apparate bestritten wurde. 1875 stiftete der Verein eine »Schule für 
Einhändige und Gelähmte«, in der die Kinder gewisse Handfertigkeiten 
erlernten, vermöge deren sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. 
Für auswärtige Zöglinge wurde ein Internat errichtet, dafs ihnen für 
sehr mäfsigen Entgelt Unteikunft bot. Die Mittel wurden beschafft 
durch Mitgliederbeiträge, Spenden und staatliche Subvention. In den 
vom Verein gegründeten »Arbeitsstuben« endlich werden die aus¬ 
gelernten Zöglinge beschäftigt. Den Vertrieb der von ihnen gefertigten 
Artikel leitet der Verein, der Ueberschufs über die Vewaltungskosten 
kommt ihnen zu Gute. 

Derartige Krüppelheime wurden in den nordischen Reichen bald 
zahlreich gegründet. 

Während sonst in Deutschland dahin zielende Bestrebungen nirgends 
hervortraten, besteht in München schon seit dem Jahre 1832 die 
»Königliche Anstalt zur Erziehung und Bildung krüppelhafter Kinder.« 
Anfangs in Privatbesitz wurde sie bald staatlich. 1876 verfügte sie über 
77 Freiplätze. 

Bezüglich der Einzelheiten der inneren Einrichtung und des Unter¬ 
richtsbetriebes mufs auf das Original verwiesen werden. Als besonders 
nachahmenswert ist die in der Anstalt geltende Tageseinteilung anzu¬ 
sehen, die einen sehr zweckmäfsigen Wechsel zwischen Bewegung im 
Freien und Unterricht in den Elementar- und technischen Fächern vor¬ 
sieht. Für genügende Entwickelung der körperlichen Fähigkeiten sorgt 
der vorzüglich organisierte Turnunterricht. Die orthopädische Behand¬ 
lung der Zöglinge liegt in den Händen eines Universitätsdocenten. # 

Die aus der Anstalt Entlassenen werden noch weiterhin durch 
Geldspenden, sowie durch Arbeitsnachweis, Abnahme ihrer Produkte etc. 
unterstützt. 

Die segensreiche Thätigkeit der Anstalt erhellt am besten daraus, 
dafs in den ersten 50 Jahren ihres Bestehens 567 Kinder ausgebildet 
wurden, von denen nur 8% später der Armenpflege anheimfielen. 

Aehnliche Institute sind in Dresden und Leipzig im Entstehen 
begriffen. Zu weiterer Thätigkeit auf diesem Gebiete kann nicht 
warm genug angefeuert 'werden. 

Dr. Fried mann, Beuthen O.-S. 


Rezensionen. 

Formulaire d’hygiöne infantile individuelle, hygiene de 
l’enfant ä la maison par Dr. H. Gill et, ancien interne des 
höpitaux de Paris, chef du Service des maladies des enfants ä la 
policlinique de Paris. Avec 59 figures intercules dans le texte. 
Paris, J. B. Bailliöre et fils, 1898. Preis 3 Mark. 

Das kleine handliche Werkchen erfüllt sehr gut die Absicht des 
Verf., ein Buch zu liefern, aus dem sich der Leser eine treffende kurze 
Antwort holen kann auf alle die Hygiene des Säuglings betreffenden 
kragen. Verf. beherrscht nicht nur die französische paediatrische 
Litteratur vollständig, sondern auch die deutsche und giebt nicht nur 


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262 


in interessanter Weise die Ergebnisse seiner grofsen Erfahrung und der 
Litteratur, sondern führt auch dieselbe vollständig unter dem Text an. 
Das Buch zerfällt in folgende Teile: 1, Hygiene % des Verdauungsappa¬ 
rates (natürliche und künstliche Ernährung mit Entwöhnung); 2, Hygiene 
des Cirkulationsapparates (Kleidung, Bett, Couveuse); 3, Hygiene des 
Atmungssystems (Kinderzimmer, Ausgehen in die frische Luft); 4, Hygiene 
der Haut; 5, Hygiene der Kopfhaut; 6, Hygiene des Nervensystems; 
7, Hygiene der Muskeln; 8, Hygiene der Sinnesorgane; 9, Hygiene der 
allgemeinen Ernährung und Entwickelung. Die in den Text eingefügten 
Bilder erleichtern das Verständnis. Das Buch verdient nicht nur dem 
praktischen Arzte, sondern auch jungen Müttern warm empfohlen zu 
werden. Drews, Hamburg. 

Krankenpflege Handbuch für Krankenpflegerinnen und Familien. 
Von San.-R. Dr. Julius Lazarus. Berlin, Julius Springer, 1897. 
Preis 4 Mk. 

Das vorliegende Handbuch ist hervorgegangen aus Vorträgen, 
welche der Verf. in seiner Eigenschaft als Chefarzt am Krankenhause 
der jüdischen Gemeinde zu Berlin als theoretische Ergänzung des prak¬ 
tischen Unterrichts zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen hielt. Es 
soll das Verständnis für Krankenpflege fördern und allen denen — also 
vor allem Krankenpflegerinnen und Familien — dienen, welche von 
dem Bestreben erfüllt sind, Krankenpflege praktisch auszuüben. Der 
Inhalt ist ein aufserordentlich reichhaltiger und belehrender. Das Buch 
sollte von den Aerzten lebhaft empfohlen werden, namentlich auch für 
* unsere jungen Frauen, denen es auf dem Gebiete der Krankenpflege 
leider oft an nichts weniger als an allen Kenntnissen mangelt. S. 

Die Physiologie des Weibes. Von Prof. Paul Mantegazza. 
Uebersetzt von Dr. R. T e u s c h e r. 4. Aufl. Jena, Herrn. Coste- 
noble, 1897. Preis 3 Mk. 

Gelegentlich der Besprechung einer früheren Auflage haben wir 
des vorliegenden Werkes als einer populär-wissenschaftlichen, interessant 
'geschriebenen Lektüre gedacht. Auch der Arzt wird manches ihm 
Neue von Interesse darin finden. S. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Untersuchungen über die Dosierung und Schutzeinj- 
wirkung der Diphtherieantitoxin-Injektionen. Von G. Merrill. 

Die Untersuchungen betreffen *000 Fälle, die im Kinderhospital zu 
Boston behandelt wurden. Verf. kommt zu folgenden Schlüssen: Die 
Injektion einer Dosis von 100—250 Immunisierungseinheiten mindestens „ 
24 Stunden vor der Infektion gewährt einen Schutz für 10 Tage, die 
Anwendung einer höheren Dosis 250 Einheiten für ein Kind von zwei 
Jahren, bis 500 für Kinder von 8 Jahren verlängert die Immunität bis 
zu 3 Wochen. Bei absoluter Reinheit des Serums treten weder bei 
gesunden noch anderweitig erkrankten Kindern Nebenerscheinungen auf. 
Durch das Heilserum kann das Auftreten einer nicht spezifischen Folli- 


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263 


culatangina nicht verhindert werden. (The Boston Medical and Surgical 
Journ. 1898.) Drews, Hamburg. 

— Zur Behandlung der Diphtherie mit Guajakol. Von 
Chateaubourg. 

Verf. behandelte ein Kind mit hohem Fieber (40°), Dyspnoe, Kopf¬ 
schmerzen, Erbrechen, leicht gerötetem Rachen ohne weifse Punkte und 
Dämpfung der ganzen rechten und der oberen Hälfte der linken Lunge 
in der Meinung eine akute Tuberkulose vor sich zu haben, mit sub¬ 
kutane Injektionen von Guajakol 5,0, Eucalyptol 14,0, Jodoform 1,0 
und Olivenöl 100,0. Erst am 6. Tage der Erkrankung zeigten sich 
Pseudomembranen am Gaumensegel und an der Uvula, deren Unter¬ 
suchung Diphtheriebazillen und zahlreiche Streptokokken ergab. Die 
Pseudomembranen wurden mit der Lösung gepinselt. Nach der 4. In¬ 
jektion waren Fieber und Dämpfung verschwunden und einen Tag später 
die Pseudomembranen. Seitdem hat Verf. 3 weitere Fälle von Diphtherie 
mit dem gleichen Erfolg behandelt. Diese Injektionen von Guajakol und 
Eucalyptol bewirken eine energische Antisepsis, wie Verf. seit 5 Jahren 
bei 6000 Tuberculösen kennen gelernt hat, wo stets Staphylokokken und 
Streptokokken sehr rasch vor den Koch’schen Bazillen aus dem Aus¬ 
wurf verschwanden, die Pinselungen wirken lokal-antiseptisch. Ferner 
bewirken die Injektionen nach der Ansicht von Constantin Paul durch 
das injizierte Oel Hebung der Kräfte. 

Verf. empfiehlt auf Grund dieser Erfahrungen die Behandlung der 
Diphtherie mit Guajakol besonders, wenn kein frisches Serum zu erlangen 
ist. (La möd. moderne 97). Drews, Hamburg. 

— Bonnet beschreibt einen Fall von Tuberkulose bei einem 
im 4. Lebensmonat gestorbenen und zur Sektion gekommenen 
Kinde; in der Lunge waren so alte käsige Herde, dafs an eine In¬ 
fektion post partum, abgesehen von den dazu auch nicht angethanen 
äufseren Lebensbedingungen, nicht gedacht werden konnte. Da nun 
die Mutter des Kindes an Phthise 2 Monate nach der Geburt des 
Kindes gestorben war, so glaubt B. hier es mit einem Falle von here¬ 
ditärer Tuberkulose zu thun zu haben. (Lyon medical. 1898). 

Klaut sch, Halle a. S. 


Rezeptformeln für die Kinderpraxis. 


Rp. Rp. 


Natr. borac. 

4,0 

Oxymell. Scill. 

10,0 

Tct Myrrh. 

8,0 

Tct. Belladonn. 

gtt. X. 

Syr. moror. 

60,0 

Aq. dest. 

40,0 



Syr. simpl. 

10,0 


MDS. 2 stdl. 1 Kinderl. 
Bronchitis, Pertussis 
(5-jähr. Kind). 

(Comby). 


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264 

oder: 

Rp. 


Borac. venet. 

4.0 


Tct. Benz. 

2,0 


Aq. destill. 

10,0 


Syr. mell. 

20,0 


oder: 


Rp. 

Rp. 


Menthol. 0,5 

Calc. chlorat. 

3.0 

Salol. 

Mell. 

20,0 

Ol. Olivar. aa 1,0 

MDS. 4—5 mal mit tgl. einem Pinsel 

Lanolin. Liebreich, aa 100,0 

zu bestreichen. 


Schrunden der Hände. 


Stomatit. aphthös. (Medic.) 

(Therap. d. Ggwt.) 


Rp. 

Acid. salicyl. 

Ol. Terebinth. aa 4,0 

Lanolin 10,0 

Axung. porc. ad 50,0 

Mf. unguent. DS. Zum Einreiben auf die 
affizierten Gelenke. 

Rheumatism. articul. (Sterling). 


Kleine Mitteilungen. 

— Wir möchten an dieser Stelle auf 2 Davoser Schul¬ 
sanatorien hinweisen, von denen uns Berichte vorliegen. Das eine 
ist das jetzt 20 Jahre bestehende Pensionat und Schulsanatorium 
für Mädchen der Frl. A. u. B. Dickes, das andere das 1878 gegründete 
Schulsanatorium Fridericianum für Knaben, gegründet von Geh. Hofrat 
Dr. Perthes, fortgeführt von H. Mühlhäuser. Beide nehmen auf 
beliebig lange Zeit solche jugendliche Individuen im Schulalter auf, 
denen von ärztlicher Seite ein längerer Aufenthalt im Hochgebirge 
empfohlen ist. Ausgeschlossen sind Patienten, deren vorgeschrittene 
Krankheit ein Zusammenleben mit anderen verbietet. Auch passen 
solche Kranke nicht in derartige Sanatorien, die an inkompensierten 
Herzfehlern, Nephrit, chronic., Epilepsie, Leukämie leiden. 

— Zur Desinfektion der Fäces in Krankenzimmern wird 
folgende Mischung sehr empfohlen: Zinksulfat 100 g, Schwefelsäure 
5—10 g, Mirbanöl 2 ccm, Indigoblau 0,15 g (letzteres nur zur Kennzeich¬ 
nung). 5 g vor dem Gebrauche des Nachtgeschirrs in dasselbe verteilt, heben 
den üblen Geruch der Fäces (und des Urins) völlig auf und halten die 
Zersetzungsvorgänge hintan, sodafs der Stuhl am nächsten Tage noch 
mikroskopisch untersucht werden kann. 


Druck von Frz. Volkmann, Schönefeld b. Leipzig, Dimpfelstr. 


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Der Kinder-Arzt. 

Zeitschrift für Kinderheilkunde 

unter Mitwirkung hervorragender Fachärzte 

herautgeffben 

Dr. med. Sonnenberger in Worin». 


Erscheint am ersten Freitag eines jeden Monats. — Vorauszubezahlender Treis für das ganze Jahr 6 Mark, 
direkt unter Kreuzband 6 M. 50 Pf., einz. Hefte 1 Mark. — Bestellungen nimmt jede Buchhandlung und 
Postanstalt (Post-Zeitungs-Catalog No. 3836) sowie auch die Verlagsbuchhandlung jederzeit gern entgegen 


Heft 108. Leipzig, 12. Dezember 1898. IX. Jahrg. Heft 12. 


Verlag des „Reichs-Medicinal-Anzeigers“ B. Konegen, Leipzig, Reudnitzerstr. 21 . 


Inhalt. Originalien: Koppen, Ueber Orphol (Schluss) (265). — Zillessen, 
Originalbericht über die Verhandlungen der Abteilung für Kinderheilkunde der 
70. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Düsseldorf (Schluss) (268): 
Fi sc hl, Zur Kenntnis der Encephalitis beim Säugling (268); Bend ix, Ueber den 
Einfluss der Menstruation auf die Laktation (268); v. Ranke, Ueber die Ver¬ 
knöcherung der Hand unter Röntgenbeleuchtung (269); Lange, Behandlung der 
Spondylitis (269); Fuchs, Ueber Posticuslähmung bei Diphtherie und Intubation 
(270); Pfaundler, Ueber serodiagnostische Fragen in der Pädiatrie (271); Knöpfei- 
m a c h e r, Zur Lehre von der Milchverdauung (272); F i s c h 1 und S i e g e r t, Ueber die 
Anämien im frühen Kindesalter (273); Zappert, Ueber das Vorkommen von De¬ 
generationen im kindlichen Centralnervensystem (275); Siegert, Ueber typische 
Osteomalacie im Kindesalter (276): Pfaundler, Ueber Lumbalpunktion bei 
Kindern (277); Ritter, Der Zopf in unserem Desinfektionsverfahren (278); Lange, 
Ueber Myxödem im frühen Kindesalter (278); Levy-Biedert, Ueber das Ver¬ 
hältnis der Tuberkulose zur Kindersterblichkeit (278). — Referate: Fournier, 
Syphilis 279) — Grosch, Infektiöse Magendarmkrankheiten (283; — Gesund¬ 
heitspflege: Schmidt-Monnard, Ueber den Einflufs der Schule auf Körperent¬ 
wicklung und Gesundheit der Jugend (284) — Rezensionen; Monti, Kinderheil¬ 
kunde in Einzeldarstellungen, Heft 3—5 (285) ; — Jacobi-Reunert, Therapie des 
Säuglings- und Kindesalters 2. Aufl. (285). — Kurze Notizen aus der Praxis 
und Wissenschaft (286). — Rezeptformeln für die Kinderpraxis (287). 
— Kleine Mitteilungen (288j. 


Ueber Orphol. 

(Schlufs.) 

Von A. Köppen-Norden. 

Von den sieben mitgeteilten Fällen betrafen drei chronisch-darm¬ 
kranke Kinder, von denen das eine noch am Tage der Orphol-Dar- 
reichung starb. Wenn eine Beeinflussung des Krankheitszustandes 
durch das Medikament nicht bemerkt werden konnte, so will ich es 
für diesen Fall demselben nicht sehr zum Vorwurf machen, trotz der 
ihm nachgerühmten idealen Wirkung. Bei dem zweiten Kinde hatte 
ich bislang noch jedesmal bei akutem Aufflackern eine Minderung der 

D«r KIMtr-ArzL H«ft 12. 1898. 


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266 


Symptome erzielen können. Durch Orphol wurde nichts erreicht. Auch 
Fall III, welcher gleich den vorigen tödtlich endete, bietet für den Erfolg 
des Orphols keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil hielten das Erbrechen 
und die starken Durchfälle unvermindert an, während nach Aussetzen 
des Orphols und Darreichung von Wismuth das Erbrechen aufhörte 
und die Stühle fester wurden. 

Aus der Reihe der akuten Erkrankungen läfst Kind A. H. (N. IV.) 
anscheinend einen günstigen Einflufs des Orphols erkennen. Hier liegt 
aber die Sache so, dafs infolge der Hauterkrankung das Kind immer 
mehr heruntergekommen war, wodurch die Verdauungsorgane selbst¬ 
verständlich in Mitleidenschaft gezogen wurden und die bisherige Nahrung 
nicht mehr zu bewältigen vermochten. Dadurch trat eine Ueberfütterung 
ein, welche zum Magen-Darmkatarrh führte. Nachdem der Verdauungs¬ 
schlauch durch Calomel entleert war, zeigte sich schon Besserung, 
welche wahrscheinlich durch noch einige Tage dauernde Milch-Ent¬ 
ziehung allein zur Heilung geführt hätte, umso eher, als die Haut¬ 
erkrankung eine günstige Wendung nahm. Bei den drei noch übrigen 
Fällen tritt uns völlige Erfolglosigkeit des Orphols entgegen, wodurch 
ich gezwungen wurde, dasselbe gegen Wismuth zu vertauschen, welches 
sofort einen Umschwung zum Bessern herbeiführte. 

Nach dieser Betrachtung kann man unmöglich zu einem auch nur 
halbweges günstigen Urteil über den Nutzen des Orphols bei kind¬ 
lichen Darmerkrankungen gelangen. Eine Beeinflussung des Leidens 
trat nicht hervor und von sedativer Wirkung liefs sich nichts verspüren. 
Ich erachte es auch gar nicht nicht für notwendig, dafs ein Präparat zur 
Bekämpfung katarrhalischer Zustände des Magen-Darmkanals diese Eigen¬ 
schaft auf weist; wenn es nur seinen Hauptzweck erreicht, folgt die Be¬ 
ruhigung ganz von selbst, sofern eine unaufhaltsame Autointoxikation 
nicht allen therapeutischen Bemühungen ein Ziel setzt. 

Man wird mir vielleicht entgegen halten, dafs das Orphol zu kurze 
Zeit gegeben sei, als dafs es hätte wirken können. Darauf ist zu er¬ 
widern, dafs bei den chronischen Fällen (N. 1 etwa ausgenommen) mit 
anderen Mitteln in derselben Weise immerhin etwas erreicht wurde, 
mit Orphol dagegen nichts. Bei den akuten Fällen zeigt ein Vergleich 
mit solchen, welche kurz vor, während und nach der Orphol-Darreichung 
— dieselben hier mitzuteilen, würde zu weit führen — behandelt 
wurden, dafs der Genius epidemicus kein allzu schwerer gewesen. Da 
nun aber auch die mit Orphol behandelten Fälle nach Aussetzen des¬ 
selben und Gebrauch von Wismuth sich sofort besserten und in kürzester 
Zeit heilten, liegt zu der Annahme, dafs diese besonders schwerer Art 
gewesen seien, kein Grund vor. 

Auch auf den Einwand, dafs die Anzahl der Fälle zu klein sei, um 
ein Urteil zu erlauben, bin ich gefafst. Ich kann darauf nur antworten, 
dafs eine kleine Zahl gut beobachteter Fälle schwerer wiegt, als ein ganzes 
Hundert weniger gut beobachteter. Mir sind die mitgeteilten Fälle 
absolut beweisend, einmal wegen des möglichen Vergleiches mit gleich¬ 
zeitig behandelten und andermal wegen der Probe, welche durch vor¬ 
herige oder nachfolgende anderweitige Medikation aufs Exempel ange¬ 
stellt werden konnte. Es lag ja in meiner Hand, die Anzahl der Fälle 


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267 


zu vermehren, doch glaubte ich nach den gemachten Erfahrungen die 
Verantwortung dazu nicht übernehmen zu dürfen. 

Wie aus den Berichten weiterhin hervorgeht, ist mit der An¬ 
wendung des Orphols aufserdem noch ein Uebelstand verknüpft, welcher 
keineswegs aufser Acht zu lafsen ist. Es zeigt sich, dafs das Orphol 
wegen seiner physikalischen Eigenschaften nur unter den gröfsten 
Schwierigkeiten den Kindern mit Wasser verabreicht werden kann. Das 
eine Mal war deswegen das Pulver von der Mutter mit der Nahrung, 
das andere Mal war auf meine Veranlassung dasselbe mit ein wenig 
Honig vermischt gegeben worden, beides nicht zu lobende Notbehelfe, 
weil man sich bei einem Verfahren wie im ersteren Falle der Gefahr 
aussetzt, dafs die nahrungs- und besonders wasserbedürftigen Kinder 
überhaupt nichts mehr zu sich nehmen wollen, wenn sie einmal das 
Pulver in der Nahrung gewittert haben, und weil in anderem Falle ein 
Vehikel gewählt werden mufste, welches neben ähnlichen am besten 
vermieden wird. 

Was die Dosierung anbelangt, so habe ich mich unter Modifikation 
bei ganz kleinen Kindern nach der gegebenen Vorschrift gerichtet. Ich 
habe der Tagesdosis die Angabe zu Grunde gelegt, nach welcher 
Orphol 80°/o Wismuth und 20% Betanaphthol enthalten soll; danach 
habe ich in der Regel mit dem Orphol noch gröfsere Dosen Wismuth 
gegeben als beim Verschreiben von purem Wismuth. Die Dosen »so 
oft als nötig zu wiederholen,« ist meiner Ansicht nach keine zulässige 
Art der Verschreibung, da jede Grenze fehlt. Dafs aber die Verab¬ 
reichung des Orphols nicht ins Ungewisse hinein erfolge, ist mit Rück¬ 
sicht auf die Hämoglobinurie erzeugende Eigenschaft des Naphthols 
durchaus geboten. 

Weshalb zeigt nun das Orphol in den mitgeteilten Fällen keine 
Wirkung? Soll diese eintreten, so setzt sie eine Spaltung in die beiden 
Komponenten voraus. Diese Spaltung ist entschieden ausgeblieben, wie 
ich auch daraus schliefse, dafs die Stühle nach Orphol-Gebrauch eine 
früher nicht bemerkte braune Farbe annahmen und bei Aussetzen des¬ 
selben verloren, bezw. dafs die Stühle abwechselnd dunkel (braun) und 
hell (grün) waren, je nach An- oder Abwesenheit des Orphols in den¬ 
selben, die sich nach der Darreichung richtete. 

Die Richtigkeit meiner Erwägung vorausgesetzt, so wird dadurch 
auch eine Erklärung für das abweichende günstige Urteil von Whinna 
gegeben, dafs es nämlich bei ihm sich um leichtere Fälle gehandelt 
hat, welche durch Ricinusöl oder Calomel schon anfänglich derart günstig 
beeinflufst werden konnten, dafs infolge der verlangsamten Peristaltik 
das Orphol lange genug im Darm verweilte, gespalten und wirksam 
wurde, wobei die richtige Diät und eine bessere als die gewohnte 
Pflege auch nicht wenig dazu beigetragen haben mögen. 

Um mein Urteil zusammen zu fassen, so hat sich mir das Orphol 
bei der Behandlung von katarrhalischen Darm-Erkrankungen der Kinder 
teilweise unwirksam, teilweise dem Wismuth nachstehend erwiesen. 
Sollte das Orphol, wie aus theoretischen Erwägungen und Fall IV nicht 
unwahrscheinlich, sich bei leichtesten Fällen heilsam zeigen, so liegt 
deswegen kein Grund vor, von dem Wismuth abzuweichen, um so 
weniger, als die Darreichung des Orphols mit grofsen Schwierigkeiten 


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268 


verknüpft ist und Nebenwirkungen desselben wegen seines Naphthol- 
Gehalt in Anbetracht des zarten kindlichen Organismus nicht mit Sicher¬ 
heit ausgeschlossen werden können. 


Bericht über die Verhandlungen der Sektion für Kindei hcilkunde der 70. Ver¬ 
sammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Düsseldorf. 

(19. bis 24. September 1898). 

(Schluss). 

Von Dr. Zillessen, Düsseldorf. 

XI. 

Docent Dr. Rudolf Fischl (Prag): Zur Kenntnis der Ence¬ 
phalitis beim Säugling. 

Der Vortragende bestreitet, dafs die von Virchow aufgestellte und 
von anderen Autoren bestrittene Encephalitis interstitialis congenita die 
einzige Form von Gehirnentzündung beim Säugling sei. Er hat schon 
früher einen Fall von Encephalitis beschrieben, bei welchem ein Zu¬ 
sammenhang mit der von Virchow beschriebenen Affektion nicht nach¬ 
zuweisen war. Nach genauem Studium der im Säuglingsalter vor¬ 
kommenden Formen kommt Fischl zu dem Resultat, dafs die disse- 
minierte Encephalitis (Virchow) eine echte Entzündung ist, der diffusen 
Encephalitis Virchows dagegen glaubt er ihre Existenzberechtigung ab¬ 
sprechen zu müssen. Für alle von ihm untersuchten Fälle glaubt 
Fischl der septischen Infektion resp. Intoxikation eine wichtige Rolle 
zuweisen zu müssen, da sämtliche von ihm untersuchten Kinder im 
Bereiche der übrigen Organe septische Veränderungen darboten. Redner 
bespricht dann noch andere Formen, deren scharfe Trennung bisher 
noch nicht möglich ist, da mitunter ein Ineinandergreifen plastischer und 
degenerativer Veränderungen die Grenzen verwischt. Im weiteren Ver¬ 
folge seiner Studien hofft Fischl auch ätiologische Aufschlüsse bringen 
zu können. 

XII. 

Dr. B. Bendix (Berlin) Ueber den Einflufs der Menstruation 
auf die Laktation. 

Vortragender untersuchte an einem Material von 140 stillenden 
F rauen und deren Kindern, wobei er eine Reihe von chemischen Milch- I 
analysen vomahm, welche sich auf Eiweifs, Zucker, Fett, Asche und 
Trockensubstanz bezogen, die Frage, ob die Menstruation das Stillen 
resp. Weiterstillen der Kinder verbiete oder nicht. 

Folgende Sätze geben das Resultat der Untersuchungen Bendix 
wieder: 

1. Ein grofser Teil der Frauen, welche stillen, bekommt regelmäfsig 
ihre Menstruation (60% des ganzen Materials). 

2. Der Eintritt und die regelmäfsige Wiederkehr der Menstruation 
gab nur selten einen Grund zum Absetzen des Kindes. Als wichtig 
kommen naturgemäfs nur die Fälle in Betracht, wo die Menstruation 
schon wenige Wochen oder in 1—2 Monaten post partum auftrat. 

3. Quantitative Mischungen in der Milch waren nur äufserst selten 


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nachzuweisen. Qualitativ waren Veränderungen von Bedeutung nur für 
das Fett nachzuweisen. 

4. Ein Einflufs auf das Befinden und den Stuhl des Kindes durch 
den Eintritt der Menstruation konnte nur in wenigen Fällen konstatiert 
werden. — 

Man soll daher niemals auf Grund der Thatsache der eingetretenen 
Menstruation das Kind absetzen lassen. Vorübergehende Veränderungen 
im Befinden des Kindes gleichen sich meist nach der Menstruation 
wieder aus. Auch bei der Amme ist die eingetretene Regel, vor¬ 
ausgesetzt, dafs keine dauernde Herabsetzung der Milchmenge eingetreten 
ist, kein Hinderungsgrund für Engagement. 

In der Diskussion glaubt Schmid-Mon aard (Halle), dafs es vor¬ 
teilhaft sei, in den Tagen der Menstruation etwas Beinahrung zu geben. 

Fischl bemerkt, dafs in Böhmen nur unter dem Einflufs einer 
psychischen Depression seitens der Mutter in Folge des Schreckens 
über den Wiedereintritt der Periode ein Einflufs auf das Kind zu be¬ 
merken sei und auch nur in den besseren Ständen. Er glaubt die 
qualitative Verändeiung der Milch auf die durch den Blutverlust bedingte 
Wasserentziehung zurückführen zu müssen. 

XIII. 

Prof. v. Ranke (München) Ueber die Verknöcherung der 
Hand unter Röntgenbeleuchtung. 

An einer grofsen Anzahl ausgezeichneter Röntgenphotographien 
demonstriert der Vortragende den Beginn und das Fortschreiten der 
Verknöcherung der Hand- und Handwurzelknochen nebst der unteren 
Enden der Unterarmknochen vom Neugeborenen bis zum 14. Lebensjahre. 

XIV. 

Docent Dr. Lange (München) Behandlung der Spondylitis. 

Nach einer kurzen Besprechung der Wirbelerkrankung selbst und 
der Entstehung des Gibbus, sowie der bisherigen Therapie erwähnt 
Vortragender, dafs letztere durch Calot in ein neues Stadium getreten 
sei! Er selbst empfiehlt jedoch nicht die Calot’sche Distraktion, welche 
den lästigen Calot sehen Rumpfverband erfordert. Nach Lange sind bei 
der Behandlung 2 Stadien zu unterscheiden: 1. dasjenige, in welchem 
die Wirbelsäule vollkommen ruhig gestellt werden mufs. Diese Ruhig¬ 
stellung mufs eine dauernde sein. Es sind dabei feste Verbände, die 
Bewegung etc. gestatten, allen abnehmbaren Apparaten überlegen. Die 
Probe für einen gut sitzenden Verband, der die erkrankten Wirbelkörper 
entlastet, ist stets schnell eintretende Schmerzlosigkeit. Der II. Teil 
der Behandlung bezweckt nach Ausheilung der Wirbelkörperentzündung 
die normale Beweglichkeit und Biegungsfahigkeit der Wirbelsäule 
möglichst wiederherzustellen. Dieses erfordert neben der Gymnastik 
der Rückenmuskeln eine extreme Lordosierung zur Verdeckung des 
primären Gibbus, welche er unter Anwendung von leichten, abnehm¬ 
baren, dabei starren und unverschiebbaren Celluloid-Corsets erreicht. 

Der sehr interessante Vortrag wird ausführlich in der »Wiener 
klinischen Wochenschrift * veröffentlicht werden. 


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XV. 

Dr. Fuchs (Witkowitz) Ueher Posticuslähmung bei Diphtherie 
nach Intubation. 

Die Posticuslähmung charakterisiert sich durch erhaltene Phonation, 
ungestörte Exspiration und' erschwerte Inspiration, Symptome, welche 
die Diagnose ohne Anwendung des Kehlkopfspiegels sichern. Nach An¬ 
wendung der Intubation hat Vortragender bei 13 dadurch geretteten 
Kindern in 2 l j 2 Jahren dreimal Posticuslähmung beobachtet. 

In 2 Fällen waren die Symptome so intensiv, dals nach der recht¬ 
zeitigen Extubation sofort laryngostenotische Beschwerden eintraten, 
weshalb nach 3 wöchentlichem vergeblichem Versuche die Tube weg¬ 
zulassen die Tracheotomie gemacht werden mufste. Bei einem der 
Kinder wurde wegen vermeintlicher Granulationen und Decubitusnarben 
die Laryngofissur gemacht, später eine Dauerfistel angelegt — ohne 
Erfolg, die Kanüle konnte nicht mehr entfernt werden. 

Fuchs ist der Ansicht, dafs mechanische Hindernisse (Granulationen 
und Verengerungen der Luftwege) die Extubation und das Decanulement 
erschweren können, glaubt jedoch, dafs dieselben, wenn nicht mit Post- 
Lähmung kompliziert, in den seltensten Fällen zur Asphyxie führen. In 
der Literatur hat er viele Belege für seine Anschauung gefunden. Vor¬ 
tragender resümiert seine Auseinandersetzungen in folgenden Punkten: 

1. Bei der Larynxdiphtherie treten neben anderen Lähmungen 
auch Posticuslähmungen auf. 

2. In den meisten Fällen, in welchen, sei es nach Intubation sei es 
nach Tracheotomie die stenotischen Beschwerden anhalten, ist P. L. die 
Ursache der Beschwerden. 

3. Man verhalte sich in solchen Fällen zuwartend und greife nur 
nach Intubation erst dann ein (Tracheotomie), wenn die stenotischen 
Beschwerden einen lebensgefährlichen Charakter angenommen haben. 

4. Man hüte sich in solchen Fällen vor stärkeren Eingriffen wie 
Liryngofissur etc., da dieselben die Stimmbildung, die bei P L. er¬ 
halten ist, beeinträchtigen. 

5. Man halte sich vor Augen, dafs die durch Diphtheritis verur¬ 
sachten Lähmungen (Gaumensegel-, Schlinglähmung etc.) in der Regel 
spontan schwinden. Warum sollte dieses bei der P. L. nicht der Fall 
sein? Bei der P. L. tritt allerdings der Umstand ein, dafs bei der Ueber- 
zahl und Uebermacht der Antagonisten der musc. crico-aryt. post, der 
einzige Erweiterer der Stimmritze, im Nachteile ist, woraus die lange 
Dauer der Lähmung resultiert. 

In der Diskussion erwiedert der Vortragende auf eine Bemerkung 
Czerny’s, dafs der Vortrag nichts Neues enthalte, dafs seines Wissens 
der P. L. nach Diphtheritis sowohl in Lehrbüchern als auch in klinischen 
Berichten höchst selten Erwähnung gethan würde, gewifs nicht mit dem 
Nachdrucke, den die Häufigkeit des Auftretens dieser Diphtheritis- 
Komplikation erfordere, um Mifsgriffe im Bestreben, diesen Zustand zu 
beheben, hintanzuhalten. 

Escherich bemerkt, dafs diese Erscheinungen bekannt seien. Er 
führe dieselben jedoch auf das Trauma der Operationen zurück und 
halte diese Lähmungen für traumatische Lähmungen, der Beweis, dafs 


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es sich um eine diphtheritische Lähmung handle, sei nicht erbracht. 
Die lange Dauer der L. spreche gegen die diphtherische Natur derselben. 

Hierzu bemerkt der Vortragende, dafs der Beweis, dafs es sich 
um diphtherische Lähmungen handele, seiner Ansicht nach dadurch er¬ 
bracht werde, dafs in 2 Fällen Lähmungen der Epiglottis und Anästhesie 
der Kehlkopfschleimhaut vorhanden waren. Zweitens haben wir es mit 
zwei verschiedenen Operationen (Tracheotomie und Intubation) bei 
einer Krankheit zu thun, es ist nicht einzusehen, warum für die steno¬ 
tischen Erscheinungen zwei grundverschiedene Operationen und nicht 
diejenige Krankheit verantwortlich gemacht werden soll, bei welcher 
diese Erscheinungen auftraten. Als Beweis, dafs P. L. nach Diphtheritis 
vorkommt, citiert Vortragender die Abhandlung von Dr. Max Laehr 
(»Klinische Beiträge zur Frage der P. L.« Deutsche med. Wochenschrift 
45, 1893), wonach an der medic. Klinik zu Giefsen postdiphtherische 
P. L. neben anderen diphtherischen Lähmungen beobachtet wurde. Die 
Dauer der Lähmung spricht nicht gegen die diphtherische Natur, da 
erstens die Dauer der Lähmung in ihrer Art begründet ist. Endlich 
finden wir Fälle von postdiphtheritischen Gaumensegel- und Acco- 
modationslähmungen angeführt, die sich durch eine besonders lange 
Dauer auszeichneten. 

XVI. 

Dr. Pfaundler (Graz): Ueber serodiagnostische Fragen in 
die Pädiatrie. 

Der Vortragende versuchte bei infektiösen Darmprozessen der 
Säuglinge durch systematische Untersuchung der Stuhlbakterien auf 
Serumproben die Erreger dieser Krankheitsformen zu finden. Er fufste 
dabei auf den günstigen Erfahrungen, welche man an der Grazer pädia¬ 
trischen Klinik mit der diagnostischen Probe von Gruber-Widal bei 
Abdominaltyphus gemacht hatte. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem 
bacteriuin coli commune gewidmet. 

Die Untersuchungen ergaben: 

1. Dafs das saprophytische bact. coli aus dem gesunden Darm in 
keinem Falle auf das Serum reagiere. 

2. Dafs in gewissen Fällen von kontagiöser Colitis eine spezifische 
Agglutination des bact. coli zu Stande komme. 

3. Dafs dieselbe Reaktion auch in manchen Fällen auftrete, in 
welchen das bact. coli nicht am primären Darmprozesse, wohl aber 
an gewissen Folgezuständen desselben (Peritonitis, Cystitis) beteiligt ist. 

Aufser mit dem bact. coli wurden auch mit anderen Darmbakterien 
einzelne positive Resultate der Serumreaktion gewonnen; namentlich 
ist das positive Ergebnis von Serumproben mit Streptokokken be¬ 
merkenswert. Vortragender bespricht dann das Phänomen der Faden¬ 
bildung, über welches er im Vorjahre als Erster berichtet hatte. Es 
ist dieses ein ausgesprochen individuelles Phänomen, welches beweist, 
dafs die parasitär lebenden Stämme des bact. coli (und anderer ver¬ 
wandter Arten) im Körper gewisse, auf das betreffende Individuum ab- 
gepafste Eigenschaften gewinnen, deren Ausdruck die Fadenbildung ist. 
Ein anderes Phänomen ist die zuweilen beobachtete totale Lösung der 
Bakterienleiber durch das stark verdünnte Blutserum. 


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XVII. 

Dr. Knöpfelmacher (Wien). Beiträge zur Lehre von der 
Milch Verdauung. 

Bei der Kuhmilchernährung der Säuglinge erscheint ein Abspaltungs¬ 
produkt des Parakaseins in den Faeces das Pseudonuklein, mit welchem 
ein Teil des organisch gebundenen Eiweifsphosphors verloren geht. 
Vortragender stellte an 3 Knaben im Alter von 7, 8 und 11 Jahren 
neue Versuche an, um den Versuch an letzterem quantitativ zu be¬ 
stimmen. Es ergab sich ein Verlust durch die Faeces von 4—5°/ 0 . 
Hiervon mufs jedoch der den Darmsäften und Epithelien angehörende, 
echte Nukleinphosphor, dessen quantitative Bestimmung dem Vor¬ 
tragenden bisher wegen der Schwierigkeiten bei der Kotabgrenzung 
noch nicht gelungen ist, abgerechnet werden. Er kommt schliefslich zu 
dem Resultat, dafs der Säugling das Kuhmilchkasein etwas schlechter 
ausnutzt als der Erwachsene. — 


Vor der festgesetzten Tagesordnung am 22. September finden 
folgende Demonstrationen statt: 

1. Prof. Escherich (Graz) zeigt Photographien eines von ihm 
sogenannten Falles von Pseudotetanus vor. Er hat bisher 5—6 
Fälle beobachtet, welche sich durch andauernde, typische tonische Kon¬ 
trakturen und hochgradigen Trismus ausgezeichneten, gerade wie beim 
echten Tetanus. Sie verliefen jedoch ohne Fieber und heilten sämtlich 
nach einigen Wochen. 

2. Prof. Heubner (Berlin) zeigt die Photographien eines 4^ Jahre 
alten Knaben, der die Gröfse eines 8-jährigen erreicht hatte. Der 
Knabe hatte auffallend stark entwickelte Unterextremitäten, abnorme 
Gröfse des Penis und Skrotums, reichlich Schamhaare, zugleich machten 
sich Erscheinungen der Stauungspapille und leichte Lähmungserschein¬ 
ungen bemerkbar. Der Knabe starb nach wenigen Wochen. Die Sektion 
ergab einen Tumor der Glandula pinealis. 

Sanitätsrat Dr. Rehn (Frankfurt a. M.) demonstriert eine Anzahl 
von Röntgenphotogramme aus dem ersten Kindesalter, welche sich auf die 
gröbere Knochenstruktur bei Rhachitis und Lues congenita, be¬ 
sonders auch auf das Verhalten der Knochen-Knorpelgrenze, die Wachs¬ 
tumszone, beziehen. Im Anschluss hieran zeigt derselbe noch Auf¬ 
nahmen (Negative und Positive) von den Extremitätenknochen eines 
durch 2 Monate mit Phosphor behandelten rhachitischen Kindes, in 
welchen in der That die Wachstumszone eine stärkere Kalkablagerung 
und die Kompakta eine auffallende Verbreiterung zeigen. 

Prof. Escherich bemerkt zu diesen Demonstrationen, dafs er 
denselben Weg zur Kontrolle der Phosphortherapie eingeschlagen habe. 
In den von ihm wiederholt untersuchten Fällen konnte eine eklatante 
günstige Wirkung des Phosphors nicht beobachtet werden. Negative 
Resultate seien in diesen Fällen wichtiger als positive. 


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XVIII. 

Priv.-Docent Dr. Rudolf Fischl (Prag) als Referent: Ueber die 
Anämien im frühen Kindesalter. 

Die Referenten glaubten ihre Aufgabe am besten zu erfüllen, indem 
sie ihre Untersuchungen in diagnostischer und prognostischer Richtung 
an gefärbten Deckglastrockenpräparaten anstellten. Sie formulierten 
sieben Fragen, von welchen der Referent 4, der Correferent 3 zu be¬ 
antworten übernahm. 

1. Ist es möglich, aus in einfacher Weise hergestellten und ge¬ 
färbten Deckglaspräparaten vom Blute die Diagnose der im betreffenden 
Falle vorliegenden Blutkrankheit mit halbweger Sicherheit zu stellen? 
Da es für das frühe Kindesalter kein charakteristisches, histologisches 
Blutbild für diese oder jene Form von Anämie giebt, so kann daher 
die Diagnose der vorliegenden Form auch nicht gestellt werden. Wohl 
kam man aus dem Studium der Zellelemente auf das Vorhandensein 
und den Grad einer Anämie schliefsen. 

2. Aus welchen Momenten bei der histologischen Untersuchung 
des lebenden Blutes können wir die Erkrankung dieses oder jenes 
Teiles der blutbildenden Apparates entnehmen ? In Anbetracht der 
Thatsachen, dafs im fötalen Leben blutbildende Organe ihre Thätigkeit 
noch in den ersten Lebensmonaten fortsetzen können, ferner die übrigen 
Blutbildungsstätten beim Säugling noch nicht ihre definitive Entwickelung 
erreicht haben und ein vielfaches Ineinandergreifen ihrer Funktionen 
aufweisen, erscheint ein Rückschlufs aus Befunden von sonst vielleicht 
nach dieser Richtung charakteristischen Elementen auf Alteration be¬ 
stimmter Teile des blutbildenden Apparates im frühen Kindesalter 
nicht zulässig. 

3. Auf die dritte Frage, welchen Wert in Bezug auf Diagnose und 
Prognose die Zahl und Art der gefundenen Erythroblasten, Polychro- 
matophilie und Poikilocytose haben, antwortet Referent, dafs aus dem 
Auftreten dieser Erscheinungen eine mehr oder weniger grofse Störung 
des Blutbildungsprozesses, die vorliegende Blutkrankheit selbst aber 
nicht zu diagnostizieren sei. 

4. Die Antwort darauf, was aus Leichenbefunden in Bezug auf die 
vorhanden gewesene Blutkrankheit zurückzuschliefsen sei und wie sich 
das Verhältnis zu den intravital gemachten und mikroskopischen Blut¬ 
befunden gestalte, ist die, dafs die Sektion nur ausnahmsweise die vor¬ 
gelegene Blutkrankheit am Sektionstische bestätigen könne, und dafs 
eine Beziehung zwischen intravitalem und postmortalem Befund oft ver- 
mifst werde. 

Eine Reihe von Präparaten illustriert die Ausführungen des 
Redners. — 

XIX. 

Dr. Siegert (Strafsburg) als Correferent beantwortet die 5. Frage 
nach der Möglichkeit des Ersatzes der exakten Blutuntersuchungs¬ 
methoden durch das gefärbte Deckglaspräparat dahin, dafs dieses 
wenigstens für den Arzt unter Anlehnung an das klinische Bild einen 
ausreichenden Begriff von dem Grade einer bestehenden Anämie biete. 

6. Aus dem gegenseitigen Verhältnis der relativen Werte der ein- 


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zelnen Leukocytenformen zu einander kann man keine diagnostischen 
Schlüsse betreffs der Ursache der Lokalisation einer Anämie ziehen. 
Wohl kann man 

7. den Erfolg oder Mifserfolg therapeutischer Einflüsse auf 
Grund der Untersuchung gefärbter Deckglaspräparate beurteilen, indem 
sich Besserung oder Verschlimmerung der Anämie durch ein Schwinden 
oder eine Zunahme des pathologischen Befundes des Blutbildes doku¬ 
mentieren. 

In der Diskussion spricht zunächst 

Escherich und betont, dafs die Anämien durch die verschieden¬ 
sten Ursachen hervorgerufen und deshalb auch in der Erscheinung sehr 
verschieden seien. Bei ätiologischer Einteilung liefsen sich vielleicht 
eher bestimmte Gesichtspunkte finden. 

Fischl: Man gelangt bei längerer Beschäftigung mit hämato- 
logischen Fragen allmählig zu einer gewissen Resignation, so ist es mir 
ergangen. Je mehr man untersucht, desto unsicherer wird man in der 
Deutung der einzelnen Blutbilder und überzeugt sich, dafs speziell im 
frühen Kindesalter durch ein Hineinspielen verschiedener von mir er¬ 
wähnter Momente die beim Erwachsenen vielleicht vorhandenen scharfen 
Grenzen verwischt werden. 

Heubner: Da mein Name genannt wurde, so möchte ich nur 
darauf aufmerksam machen, dafs die vielen neuen Gedanken des in 
diesem Sommer erschienen Buches von Ehrlich und Lazarus, die von 
den beiden Herren Referenten wohl noch nicht eine genügende Nach¬ 
prüfung aus Mangel an Zeit finden konnten, die Beachtung der Kinder¬ 
ärzte verdienen und zu einer Inangriffnahme dieser Untersuchungen an¬ 
regen sollten. 

Koeppe (Giefsen): die Beobachtung, dafs bei Behinderung des 
Lymphstromes der zu- und abführenden Lymphwege der Lymphdrüsen 
die Zellenbildung in denselben beeinflufst wird, desgleichen auch durch 
Unterbindung der Blutgefäfse der Drüsen (Arch. f. Anat. u. Phys. 1890) 
weist darauf hin, dafs noch mechanische Momente bei dem Auftreten 
von Leukocytose einwirken können. 

Meinert (Dresden) macht als auf eine Hauptquelle der schon 
im frühen Kindesalter so aufserordentlich verbreiteten Blutarmut, auf 
das erst kürzlich wieder, wenn vielleicht auch etwas zu drastisch, be¬ 
schuldigte, (D. med. Wchschr. 1898, 36) seit dem Cred^’schen Hand¬ 
griff ganz allgemein eingerissene vorzeitige Abnabeln der Neugeborenen 
aufmerksam. 

Knoepfelmacher (Wien): Die schweren Anämien des Kindes¬ 
alters werden wohl meist in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres 
und später beobachtet. Das könnte mit der Ernährung Zusammenhängen. 
Bunge hat auf den geringen Eisengehalt der Milch hingewiesen. Es 
ist darum für die zweite Hälfte des Säuglingsalters eisenreichere Bei¬ 
kost zu empfehlen. 

Fischl (Schlufswort): Die Leukocytosen konnten, da sie nicht in 
den Rahmen unseres Themas gehören, keine Berücksichtigung finden, 
doch möchte ich darauf aufmerksam machen, dafs Lymphocytosen bei 
Säuglingen überhaupt relativ häufig und besonders oft nach Darmaffek¬ 
tionen auftreten, sodafs die Erklärung derselben durch aktives Hinein- 


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treiben von Lymphzellen in den Kreislauf durch die Hustenstöise, wie 
z. B. beim Keuchhusten, keine allgemeine Geltung besitzen kann und 
auch für die Pertussis nicht recht plausibel erscheint. 

Siege rt (Schlufswort) betont, dafs die vermifste Berücksichtigung 
der Aetiologie der Anämien und die unterlassene Bearbeitung der 
sekundären Veränderungen des Centralnervensystems durch die Kürze 
der zur Bearbeitung gebotenen Zeit gerechtfertigt erscheine. 

Heubner bemerkt noch persönlich, dafs es ihm fern gelegen habe, 
einen Vorwurf zu erheben, er habe lediglich auf einen der nicht zur 
Sprache gekommenen Gesichtspunkte aufmerksam machen wollen. 

XX. 

Dr. Zappert (Wien) bespricht das Vorkommen von Degene¬ 
rationen im kindlichen Centralnervensystem. 

Mittelst der Marchimethode konnten an einer grofsen Reihe 
kindlicher Rückenmarke, die ohne Auswahl zur Untersuchung gelangten, 
Degenerationen in den vorderen Wurzeln, im nerv, accessorius, in den 
von den Clarke’schen Säulen ausgehenden, zur Kleinhirnseitenstrangbahn 
sich umbiegenden Fasern sowie, wenn auch weniger deutlich, in den 
hinteren Wurzeln aufgefunden werden. Namentlich die Veränderungen 
in den vorderen Wurzeln waren recht variabel, fehlten hie und da völlig, 
erreichten aber in anderen Fällen eine hohe Intensität. Vortragender 
spricht sich dafür aus, dafs, wenigstens in den deutlich ausgeprägten 
Fällen, die Veränderungen den Charakter einer pathologischen Degene¬ 
ration besitzen, und weist auf deren grofse Aehnlichkeit mit den von 
Katz und Heilbronner beschriebenen Marchibildern bei diphtherischer 
und alkoholischer Neuritis hin. In der Medulla oblongata fanden sich 
gleichfalls Degenerationen der motorischen Hirnnerven, besonders die 
Augenmuskelnerven und der motorische Trigeminus waren hiervon stark 
betroffen. Ganglienzellenuntersuchungen des Rückenmarks ergaben hin¬ 
gegen keine so deutlichen Resultate, wie es die anfängliche Vermutung 
des Vortragenden und die neuere Mitteilung von Müller und Manicatide 
hatten erwarten lassen. Nur in wenigen Fällen zeigten sich die Vorder- 
homzellen verändert, meist waren sie normal. Vortragender will 
darauf nicht eingehen, ob die Inkongruenz der noch recht unklaren Be¬ 
deutung entspricht, welche den Ganglienzellenveränderungen für ana¬ 
tomisch-klinische Untersuchungen zugeschrieben werden mufs oder ob 
etwa im Sinne von Versuchen Riedls eine zeitliche Differenz zwischen 
Ganglienzellenerkrankung und Vorderwurzeldegeneration besteht. 

Vortragender berührt ferner auch die klinische Bedeutung der vor¬ 
liegenden Untersuchungen. Anscheinend besteht eine Beziehung zwischen 
schweren Darmkatarrhen und Sepsis und der Intensität der Vorder- 
Wurzeldegeneration. Möglicherweise sind die eigentümlichen Muskel¬ 
spasmen, die man gelegentlich bei schweren Säuglingserkrankungen findet, 
der klinische Ausdruck dieser anatomischen Veränderungen. Schliefslich 
weist Vortragender auf 2 klinisch und anatomisch interessante Fälle hin. 
Der eine war eine Tetanie bei Darmkatarrh und zeigte starke Ver- 
ängerungen der Vorderhornzellen des Halsmarks sowie der Vorder¬ 
wurzeln, der andere, der mit den Erscheinungen des Tetanus eingesetzt 
hatte, später dauernde Muskelspasmen und endlich tetanieähnliche An- 


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fälle darbot, wies gleichfalls sehr hochgradige Wurzelveränderungen auf. 
Vortragender hofft, dafs auf diesem Wege noch manche der rätselhaften 
Nervenerscheinungen bei Säuglingen ihre Deutung erfahren können. 

Hierzu bemerkt Heubner, dafs die von seiner Klinik aus durch 
Müller und Manicatide auf diesem Gebiete veröffentlichten Verändei ungen 
absolut sicher seien, über ihre Deutung bestehe volle Uebereinstimmung 
mit dem Vortragenden. 

XXI. 

Dr. Siegert (Strafsburg) Ueber typische Osteomalacie im 
Kindesalter. 

Vortragender berichtet aufser über einen selbst beobachteten Fall 
von Osteomalacie über 3 in der Literatur erwähnte und verbürgte Fälle 
von typischer Osteomalacie im Kindesalter. Die eigene Beobachtung 
betraf einen Knaben, der bei gänzlich infantilem Habitus im 19. Jahre 
starb u. zur Sektion kam. Diese 4 Fälle erbringen den sicheren 
Beweis, dafs die typische Osteomalacie trotz aller gegenteiligen Be¬ 
hauptungen nicht nur am fertigen, sondern auch am wachsenden Skelet 
vorkomme. Damit sei aber von Neuem die Diskussion der Erweichungs¬ 
prozesse der Knochen bei schwerer Rachitis oder gänzlich unabhängig 
von dieser im frühen Kindesalter im Sinne ihrer Auffassung als echter 
Osteomalacie eröffnet. Vom Ausgang derselben sei das Schicksal der 
Phosphortherapie abhängig, welche gegen die Osteomalacie geradezu 
spezifisch wirke, während sie gegen die eigentliche Rachitis macht¬ 
los sei. — 

Heubner bemerkt. Nach meiner Ansicht ist der Phosphor auf 
die rachitische Ernährung gänzlich aussichtslos, Einflufs besitzt er auf 
die Atrophie, welche mit der Rachitis einhergeht. Einen eigentlichen 
Erweichungsprozefs giebt es bei Rachitis überhaupt nicht, es handelt sich 
um ein Weichbleiben (Nichtverkalken) der Knochen. Ein atrophischer 
Prozefs besteht nebenbei. 

Siegert: Herrn Geheimrat Heubner gegenüber stehe ich auf dem 
prinzipiell und diametrial entgegengesetzten Standpunkt, dafs mir die 
Kalkberaubung schon verkalkter Knochen, wie bei den erwähnten Fällen 
infantiler Osteomalacie, auch im ersten Kindesalter durchaus erwiesen 
scheint, bei gleichzeitiger Rachitis sowohl, wie bei einem gänzlichen 
Fehlen derselben. Und gerade in der Sklerosierung der Kalkberaubten 
früher schon verknöcherten Teile bei mit Osteomalacie komplizierter 
Rachitis nach Anwendung von Phosphor sehe ich einen Beweis für die 
die osteomalacische Natur der betreffenden Prozesse. Denn, wie ja 
wiederholt angegeben, ist der Phosphor ein Spezifikum gegen Osteo¬ 
malacie, wirkungslos dagegen gegen den rachitischen Prozefs. Betonen 
möchte ich ferner, dafs wir in Strafsburg alle für die Osteomalacie der 
Erwachsenen als charakteristisch angegebenen makroskopischen wie mik¬ 
roskopischen Befunde wiederholt in den ersten Lebensjahren konstatieren 
konnten, wo jede rachitische Veränderung durchaus fehlte. Es erscheint 
deshalb dringend notwendig, das Dogma von der Osteomalacie als einer 
Erkrankung nur des fertig entwickelten Skelettes endlich fallen zu lassen. — 

Herr Schlofsmann (Dresden) demonstriert einen Milchflaschen- 
verschlufs nach Hempel-Hesse. 


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XXII. 

Dr. Pfaundler (Graz): Ueber Lumbalpunktion bei Kindern. 

Der Vortragende berichtet über die Erfahrungen, welche nahezu 
200 in den letzten Jahren an der Grazer pädiatrischen Klinik ausgeführte 
Lumbalpunktionen gezeitigt haben. 

Die Lumbalpunktion kommt in diagnostischer und therapeutischer 
Beziehung in Betracht. In diagnostischer Beziehung ist besonders der 
Subarachnoidealdruck von Wichtigkeit. An einer grofsen Zahl von aus¬ 
geführten Messungen gewann er einen Einblick in die physiologischen 
und pathologischen Druckverhältnisse im Subarachnoidealsack. Die Höhe 
des Druckes sowie manche Eigenschaften der entleerten Cerebrospinal¬ 
flüssigkeit namentlich Aussehen, Sediment-, Zucker- und Eiweifsgehalt 
sind diagnostisch wichtig. So ergab sich z. B. für Meningitis tuberculosa 
eine sehr charakterische Druck- und Eiweifskurve. 

Tuberkelbazillen wurden in der Cerebrospinalflüssigkeit am Leben¬ 
den in 90°/ 0 , an der Leiche in 100 °/ 0 gefunden. Es liefsen sich ferner 
die Erreger der epidemischen Genickstarre aus ihr züchten, welche 
letzteren sich als Diplokokken aus verschiedenen, nahe verwandten 
Arten erwiesen. Zwei ‘Typen ragen besonders scharf charakterisiert 
hervor, die als der Weichselbaum’sche und Heubnersche bezeichnet 
werden können. 

In therapeutischer Beziehung kommt die Punktion dann in Be¬ 
tracht, wenn manifester Himdruck das Leben bedroht. Symptomatisch 
erzielte Vortragender öfters Erfolge bei Kopfschmerz, Hyperästhesie, 
Benommenheit, Konvulsionen, Aufregung und Delirien. In kausal¬ 
therapeutischer Beziehung glaubte er die Punktion bei Hydrocephalie 
empfehlen zu müssen. Der Eingriff sei leicht und nicht gefährlich und 
daher auch den Praktikern sehr zu empfehlen. 

Diskussion: 

Siegert hat lange nicht so häufig Tuberkelbazillen in der Cere¬ 
brospinalflüssigkeit gefunden. Er empfiehlt warm frühzeitige Punktion 
bei eitriger Meningitis. 

Lange glaubt, dafs die L.punktion sich unter den Aerzten nicht 
viele Freunde erwerben würde. Für die tuberkulöse Meningitis sei in 
diagnostischer Beziehung nicht viel zu erwarten, da die Diagnose klinisch 
meist früher gestellt würde. Der therapeutische Nutzeffekt sei gleich Null. 

Ritter (Berlin) fand unter 6 Fällen nur 2mal Tuberkelbazillen. 
In Berlin wurde die Punktion von den Praktikern nur selten angewandt, 
da sich die klinische Diagnose ja meist eher als die bakteriologische 
stellen lassen. 

FischL Ich glaube nicht, dafs wir der Lumbalpunktion eine grofse 
Zukunft vindizieren dürfen; ihre Einführung in die allgemeine Praxis 
halte ich direkt für gefährlich. Die therapeutischen Leistungen sind 
zweifelhaft, der diagnostische Wert steht nicht im Verhältnis zur ange¬ 
wandten Mühe. Ich möchte noch erwähnen, dafs Langer in Prag einen 
Teil der Flüssigkeit in eine Eprouvette einschmilzt, in den Brutofen 
bringt und darin auswachsen läfst, um so den Nachweis eventuell darin 
vorhandener Mikroben leichter führen zu können. 

Pfaundler: Durch Lageveränderungen, besonders durch Bauch- 


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läge, können, wie im Vortrage auch erwähnt, Schwankungen im Suba- 
rachnoidealdruck Vorkommen. Die Ausflufsgeschwindigkeit kann nicht 
als Mais für den Druck gelten, da sie aufser von diesem auch vom 
Lumen der Austrittsöffnung abhängt. Früher, als aus dem Bazillen¬ 
befunde sei die Diagnose bei Meningitis tuberculosa aus den anderen 
angeführten Merkmalen der Flüssigkeit zu stellen. Den pessimistischen 
Standpunkt des Herrn Fischl kann Pfaundler in keiner Beziehung teilen. 

XXIII. 

Dr. Ritter (Berlin): Der Zopf in unserem Desinfektions¬ 
verfahren. Vortragender verbreitet sich über die mangelhafte Art, 
wie in Berlin das Desinfektionsverfahren gehandhabt wird. Er könne 
hunderte von Fällen anführen, wo die Desinfektion der desinfizierten 
Sachen und Wohnungen erst nach 3—6 Wochen stattgefunden hätte. 
Dadurch würde die Desinfektion geradezu illusorisch, das Publikum gebe 
sich einem falschen Sicherheitsgefühle hin und die Verbreitung der 
Krankheiten würden statt verhindert, in vielen Fällen geradezu befördert. 

In der Diskussion bemerken Werther (Breslau) und Selter 
(Solingen), dafs es in Breslau und im Rheinland mit den sanitären Ein¬ 
richtungen besser bestellt sei und die Desinfektion prompt ausgefuhrt 
werde, Schlofsmann hebt jedoch hervor, dafs es in Dresden 
wohl noch schlimmer sei, und daher die Aerzte der Desinfektionsfrage 
einmal energisch näher treten müfsten. 

XXIV. 

Dr. J. Lange (Leipzig): Ueber Myxödeme im frühen 
Kindesalter. 

Nach kurzem historischem Ueberblick berichtet Lange über zwei 
Fälle von Myxödem, die in der Leipziger Kinderpoliklinik zur Be¬ 
obachtung kamen. Bei beiden Kindern war die Thyreoidea nicht pal- 
pabel. Die eingeleitete Therapie — Thyreoidinum siccum Löwe-Leipzig 
— besserte bald alle pathologischen Erscheinungen. Die Haut wurde 
feucht, die ödematöse Verdickung derselben schwand allmählig, das 
Colorit wurde ein gesunderes, die geistigen Fähigkeiten erwachten. Die 
vorher subnormale Temperatur erhob sich zur Norm, der anfangs ver¬ 
langsamte Puls erhob sich zu normaler Frequenz. Die Dosierung war 
0,05, beim gröfseren Kinde 0,1 des Präparates tgl. oder einen um den 
andern Tag. Gröfsere Mengen verursachten regelmäfsig Unruhe, starke 
Pulsbeschleunigung und sogar Fieber. 

Die Behandlung war eine intermittierende und wird es, wenigstens 
beim kleineren Kinde, wohl bleiben müssen. 

Beide Fälle sind auch insofern interessant, als der eine schon beim 
Neugeborenen entwickelt war, der andere beim Brustkiride auftrat, eine 
Thatsache, die den Anschauungen mancher Autoren direkt widerspricht, 
dafs nämlich Kinder erst erkranken können, wenn sie der Mutterbrust 
entwöhnt sind. In diagnostischer Beziehung ist zu bemerken, dafs aus¬ 
gesprochene Fälle kaum zu verkennen sind, sie gleichen sich alle. 

Die atypischen Formen allerdings, die formes frustes der Franzosen, 
bieten Schwierigkeiten, sie können mit Rachitis verwechselt werden. 
Beiden Krankheitsbildern gemeinsam ist offenbleiben der grofsen Fonta- 


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nelle, sehr verspäteter Zahndurchbruch, spätes Sitzen- und Laufenlemen, 
die gelblich-blasse Hautfarbe und die Neigung zur Obstipation. Wirk¬ 
liche Rachitis, d. h. Rosenkranz, Epiphysenschwellungen, Verdickung 
der Stirnhöcker finden wir beim Myxödem nicht. 

Ein gutes diagnostisches Hülfsmittel bietet die Durchleuchtung 
mit Röntgenstrahlen. Nach dem Vorgänge von Hertoghe ist am ge¬ 
eignetsten hierfür die Hand. Während beim normalen und rachitischen 
Kinde einzelne Handwurzelknochen nach dem ersten Lebensjahre deulich 
nachweisbar sind, zeigt das Skiagramm der Hand des 2 1 / 5J jährigen 
Kindes noch keine Spur derselben. Hierdurch ist uns eine gute diag¬ 
nostische Handhabe geboten, und werden sich vielleicht die Beobacht¬ 
ungen besonders atypischer Formen häufen. 

Diskussion: 

Siegert: Im Namen von Herrn Prof. Dr. Kohts möchte ich Ihnen 
beifolgenden Fall — resp. seine Photographie — herumgeben, der wegen 
des prompten Erfolges der Therapie — Schilddrüsentabloids B., W. & Cie., 
— wie des eingetretenen und wieder beseitigten Rezidivs ein grofses 
Interesse verdient. Die Folgerungen für die Notwendigkeit der fort¬ 
gesetzten Therapie bedürfen danach keiner weiteren Ausführung. 

XXV. 

San.-R. Dr. Levy (Hagenau i. E.) für Prof. Biedert. Ueber 
das Verhältnis der Tuberkulose zur Kindersterblichkeit und 
Tiertuberkulose. 

Der Vortragende weist an einen grofsen im Königreich Bayern 
gesammelten statistischen Material die Richtigkeit des von Biedert auf¬ 
gestellten Satzes nach, dafs nur soviel Geborene übrig bleiben, als die 
Existensbedingungen in einem bestimmte Bezirke zulassen, dafs z. B. 
da, wo in Folge verbreiteten Selbststillens unter 1 Jahr wenig Kinder, 
auch bei grofser Armut der Bevölkerung, sterben, dafür nun aber die 
Sterblichkeit, besonders auch die an Tuberkulose, in den nächsten Jahren 
um so höher werde. Ferner weist er nach, dafs die Häufigkeit des 
Auftretens der Menschentuberkulose mit der der Rindviehtuberkulose 
durchaus nicht korrespondiert, dafs im Besonderen bei Säuglingen die 
Infektion mittelst Kuhmilch vom Magendarmkanal aus für die Entstehung 
der Tuberkulose gänzlich zurückzutreten scheint. 


Der Vorsitzende der letzten Sitzung Dr. Fischl schlofs 
darauf die Versammlung mit Worten des Dankes für die Er¬ 
schienenen und sprach die Hoffnung aus, sämtliche Herren im nächsten 
Jahre in München wohl und munter wiederzusehen. 


Referate. 

Ueber erworbene Kindersyphilis. Von Fournier. (Le monde medical 
deutsche Ausgabe No. 6 u 7, 1898. Klinischer Vortrag.) 

F. stellte ein junges Mädchen vor, das an einem Beine sehr inter¬ 
essante Veränderungen zeigt, nämlich eine sehr harte Infiltration, 


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wodurch das Bein hart wie Holz erscheint, über welchen der Haut¬ 
lappen gangränes wurde : Dieses nimmt den dritten Teil der Extremität 
ein und hat den Typus eines Gumma syphiliticum. Woher stammt 
diese Syphilis? Auf den ersten Gedanken würde man annehmen, dafs 
dies ein Fall hereditärer Syphilis ist; aber dem ist nicht so, da beide 
Eltern zur Zeit der Geburt des Kindes vollkommen gesund waren; die 
Mutter jedoch hat ein syphilitisches Kind gesäugt, Syphilis dadurch er¬ 
worben und so ihrem eigenem Kinde übertragen. Wir haben es also 
hier mit einer erworbenen Syphilis im frühesten Alter zu thun, welches 
nicht selten ist. Der Ursprung dieser Syphilis ist verschieden: Man 
kann im Allgemeinen 4 grofse Infektionsquellen annehmen: 

1. Die Säugung. 

2. Die Aufziehung. 

3. Verbrecherische Attentate. 

4. Aerztliche Infektion. 

1. Die Säugung ist für das Kind eine häufige Quelle der 
Infektion, entweder trägt die Amme selbst die Schuld oder sie ist 
schuldig; oder sie nimmt ein Kind an die Brust, wird von diesem 
syphilitisch und überträgt nun die Syphilis auf andere Kinder ; hier ist 
sie erst Opfer und dann schuldig. Solche Fälle sind sehr zahlreich. 

2. Die Aufziehung. Das Kind kann durch Aufziehung infiziert 
werden wenn 

a. die Mutter syphilitisch ist und zwar durch Küsse, welche 
speziell Infektionswege sind. 

b. Seltener vom Vater, denn dieser kommt mit dem Kinde nicht 
oft in Berührung. 

c. Durch Mägde, Bonnen und anderen dem Kinde zugethane 
Personen ist die Infektion ziemlich häufig. 

d. Kann auch ein Kind für das andere eine Infektionsquelle 

werden, durch Papeln; die schwer sichtbar, im Munde sich 
befinden können. 1 

e. Infektion der Familie selbst durch Fremde. Die Uebertragung 
geschieht auch hier durch Kufs. 

f. Infektion durch Gebrauch gemeinschaftlicher Gegenstände, 
wo die Unkenntnis der Gefahr mitspielt wie z. B. durch ein 
Glas, Schwamm oder gemeinschaftliches Bett. 

3. Verbrecherische Attentate, indem Kinder von Er¬ 
wachsenen mifsbraucht werden. Es existiert nähmlich in der Praxis 
der Aberglauben, dafs man von Syphilis geheilt wird, wenn man sie 
einem jungfräulichen Organismus mitteilt. 

4. Aerztliche Infektion sind häufige Infektionsquellen, wie z. B. 
der Katheterismus der Tuba Eustachii und die rituelle Circumcision, 
Impfung von Hand zu Hand u. s. w. 

Was die Aetiologie, Verlauf und Symptomatologie der im Kindes¬ 
alter erworbenen Syphilis betrifft, so entspricht diese ganz genau der 
Syphilis der Erwachsenen. Sie beginnt 

1. mit einem Schanker. 

2. Tritt sie nach einer gewissen Zeit in eine Periode, die durch 

heilbare Erscheinungen charakterisiert ist — sekundäre 

Periode. 


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3. Nach einer gewissen Zeit tritt eine ernstere Periode ein; welche 
durch eine Serie sklerosierender, ulcerierender Prozesse 
charakterisiert ist — tertiäre Periode. 

Es giebt jedoch einen Unterschied, der sich auf dem Sitz des 
Schankers bezieht: beim Erwachsenen tritt die Infektion an den Geni¬ 
talien auf; beim Kinde dagegen sind sie häufig extragenital; auch be¬ 
steht ein Unterschied, dafs beim Erwachsenen die venerische Infektion 
Regel, während beim Kinde eine Ausnahme ist. Welches ist nun die 
Prognose der erworbenen Syphilis der Kinder im Vergleiche mit der 
hereditären Syphilis? Die letztere ist eine schreckliche, denn nach der 
im Krankenhause aufgestellten Statistik kann man eine 70—80 °/ 0 
Mortalität annehmen, dagegen bei der erworbenen Syphilis ist die 
Mortalität sehr gering. 

Die Symptomatologie besteht in: 

1. Schanker. 

2. Nässende Papeln im Munde. 

3. Syphiliden der Schleimhäute. 

4. Haarausfall. 

5. Drüsenanschwellung. 

Der Allg uneinzustand ist gut, nach der Infektion bleibt das Kind 
in der Regel so blühend wie zuvor. Manchmal jedoch verträgt das 
Kind nicht die Syphilis, es treten nach einiger Zeit schwere Komplika¬ 
tionen zu Tage und das Kind stirbt nach einigen Monaten an progres¬ 
siver Entkräftung. 

Die erworbene Syphilis ist sehr gefährlich bei Kindern im Alter 
von einigen Tagen und fast gänzlich gefahrlos, wenn das 2., 4, oder 10. 
Jahr überschritten ist. Also je älter das Kind, desto leichter die Syphilis. 
Manchmal aber treten, trotzdem das Kind die Syphilis leicht ertragen 
hat, nach 5, 10, 15 Jahren tertiäre Erscheinungen auf. Diese sind: 
gummöse Syphiliden, Gumma, sehr häufig Knochenläsionen, osteo-articu- 
läre Verletzungen, gummöse Glofsitis, Gumma des Palatum molle, des 
Rachens, Läsionen der Nasenhöhle mit Perforation, Ozaena, spezifische 
Encephalopathie, phagedaenische Läsionen. Diese gefährliche Er¬ 
scheinungen treten meistens auf, wenn sie übersehen und nicht behandelt 
werden. Fast immer verkannt, stellten alle diese Knochen- und Haut¬ 
läsionen ihr Kontingent zu der sogenannten Skrofulöse, treffen sie das 
Gehirn, so kommt es zu lethalem Ausgange. 

Die Gründe des Verkennens dieser Krankheit sind verschieden: 

1. Die im Kindesalter erworbene Syphilis ist immer eine Ueber- 
raschung für Jedermann. 

2. Ist sie den Eltern meistens nicht bekannt, da sie die Syphilis 
nicht einmal den Namen nach kennen z. B. eine junge Frau 
verliert ihren Gatten, unter dem Einflüsse des Schmerzes ver¬ 
siegt ihre Milch; sie nimmt eine Amme in Sold und das Kind 
bekommt einen Schanker, wir sehen uns gezwungen der Mutter 
die Krankheit zu gestehen; nicht einmal der Namen war ihr 
bekannt. 

3. Häufig wird Syphilis verkannt, weil sie nur wenig ernste Er¬ 
scheinungen zu Tage fördert; die Roseola kann betrachtet werden 


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als ein Ausschlag, den man der Milch zuschreibt, die nässenden 
Papeln als eine Folge des Zahnens. 

Was die Differentialdiagnose zwischen angeborener und erworbener 
Syphilis anbelangt, so hat man zu beobachten: 

1. Den Zeitpunkt des Erscheinens; dieser ist verschieden. 
Die erbliche Syphilis tritt auf einige Tage nach der Geburt, die er¬ 
worbene Syphilis zeigt sich dagegen in jedem Alter. 

2. Die Art und Weise des Auftretens ist ebenfalls verschieden. 
Erbliche Syphilis tritt auf mit sekundären Erscheinungen; erworbene 
jedoch kündigt sich durch ein lokales Symptom, den Schanker an, 
welchem erst nach Wochen sekundäre Erscheinungen folgen. 

3. Die Physiognomie ist in beiden Fällen verschieden. Bei 
erblicher Syphilis kommt das Kind zu früh und ungenügend entwickelt 
zur Welt; häufig ist es nur ein kleines schwächliches, kraftloses, zu¬ 
sammengeschrumpftes Wesen, welches einem Greise in Miniatur gleicht, 
mit gefurchter Stirne; es bietet das Bild einer ergreifenden Abgelebt¬ 
heit, einer bedauernswerten Altersschwäche dar; sein ganzes Ansehen 
kommt dem des Affen gleich. Dagegen gleicht ein Kind mit erworbener 
Syphilis den andern Kindern. 

4. Die Läsionen und eigentümliche Symptome der 
Heredo-Syphilis. Solche Läsionen wie Schädeldeformationen, auf¬ 
gedunsene, sich vorwölbende Stirne, der Parot'sche crane natiforme 
sind nur der angeborenen Syphilis eigen. Aufserdem besitzt die erb¬ 
liche Syphilis drei Symptome, welche wir bei der erworbenen nicht vor¬ 
finden, nähmlich 1. Schnupfen, 2. Pemphigus, Blasenausschlag an den 
Extremitäten und 3. die Parotsche Pseudoparalyse, hervorgebracht durch 
einen Bruch, eine Disjunktion der Epiphyse und der Diaphyse. Dieses 
Symptom leitet sich von Knochenmifsbildungen aus der Embryoperiode 
her. Wenn wir also alle diese Symptome zur Verfügung hätten, wäre 
die Diagnose leicht, leider ist dies häufig nicht der Fall. Es ist also 
daher manchmal sehr schwer einen mit erworbener Syphilis behafteten 
Kranken von einem mit erblicher Syphilis belasteten zu unterscheiden. 
Wie kommt man nun dazu erklären zu kennen, ob man ein Kind mit 
erworbener oder erblicher Syphilis vor sich hat? 

1. Durch Untersuchung des Kranken und 

2 durch eine in der Familie angestellte Untersuchung. 

Sind die Zähne schlecht geformt, glaubt man auf ererbte Syphilis 
schliefsen zu können, aber dies ist nicht immer der Fall; denn nicht 
nur Syphilis kann diese Mifsbildungen hervorrufen, sondern auch jede 
auf den Fötus reagierende Krankheit; auch die intestielle Keratitis, 
welche nach Hutchinson ein unträgliches Zeichen der ererbten Syphilis 
sein solle, hat man auch schon bei erworbener Syphilis begegnet; 
auch Läsionen des Ohres, als Taubheit, Ausflufs trifft man sowohl bei 
ererbter, als auch bei erworbener Syphilis an. Man glaubte ferner, dafs 
ein charakteristisches Symptom ein absolut syphilitisches Schienbein ist, 
jedoch kann auch Osteomyelitis und die Paget’sche Krankheit solche 
erzeugen. Die Untersuchung des Patienten kann also hier und da ge¬ 
nügen um die Diagnose zu stellen, jedoch bleibt es meistens zweifelhaft, 
erst die Untersuchung der Familienmitglieder kann uns die kostbarsten 


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Aufschlüsse geben. Man mufs also versuchen, Licht in folgende Fragen 
zu bringen: 

1. Besteht Syphilis in der Familie? 

2. Gestehen die Eltern? 

3. Thun sie dies nicht, aber tragen sie in ihrem Körper syphiliti¬ 
sche Stigmata? 

4. Hat Syphilis sich gezeigt durch Polymortalität der Kinder, durch 
Abortus, frühzeitige Geburt, durch kurze Zeit nach der Geburt 
eingetretene Todesfälle oder aufgetretene nervöse Erscheinungen, 
Eklampsie, Krämpfe etc. 

Bei der Untersuchung lasse man die Bleivergiftungen nicht aus 
dem Auge, welche die Kinder in erheblicher Zahl dahinrafft, sowie auch 
die Tabakvergiftungen, denn es ist bekannt, dafs Tabakarbeiterinnen 
nicht bis zu Ende der Schwangerschaft austragen können, wenn sie ihre 
Arbeit nicht unterlassen. 

Er stellt sich hiermit die Differentialdiagnose zwischen ererb¬ 
ter und erworbener Syphilis. 

1. selten, durch die Natur der Erscheinungen 

2. hier und da, durch Untersuchung des Kranken und 

3. häufig, durch Untersuchung der Familie. 

Dr. Goldbaum, Wien. 

Tinctura Jodi simplex bei akuten infektiösen Magen-Darmkrankheiten. 

Von Grosch. (Berl. klin. Wochenschr. No. 25 1899). 

Verf. wendet die Jodtinktur überall da an, wo sich die Anwesen- 
von septischen Stoffen im Magendarmkanal durch Fieber, Erbrechen, 
Durchfall und Gliederschmerzen verrät. Er hält das Mittel für relativ 
gefahrlos bei vorsichtiger Dosierung und für eine Arznei von ziemlich 
sicherer Wirkung bei einigen Formen von akuter infektiöser Erkrankung 
des Verdauungskanales. Diese sind folgende: 

I. Typhus abdominalis. Die Jodtinktur wirkte geradezu koupierend 
beim Kindertyphus. Gegeben wurde alle 8 Stunden 2—4 Tropfen in 
Zuckerwasser und dies meist nur 3 Tage lang. Obgleich die Fälle 
deutliche, zum Teil schwere Typhusfälle waren und die Krankheit alle¬ 
mal schon tagelang bestanden hatte, genasen die Kinder überraschend 
schnell, längstens in einer Woche. Das Mittel wurde von allen Kindern 
gern genommen und gut vertragen. Das Fieber fiel schnell, in einigen 
Tagen zur Norm herab. Das Bewufstsein wurde dabei klar. Der Durch¬ 
fall schwand, der Appetit kehrte bald zurück, die Rekonvaleszenz verlief 
trotz Befriedigung des Appetits ungestört. — Beim Typhus Erwachsener 
wurden 3—4 mal täglich 6 Tropfen gegeben, bis ungefähr 3—5—7 g 
verbraucht waren. Die Genesung trat sehr schnell in leichten Fällen, in 
mittelschweren erst nach 2—4 Wochen ein, die Gefahr schien aber 
verringert. 

II. Infektiöser akuter Magendarmkatarrh mit hohem Fieber oder 
mit protrahiertem Verlaufe und mäfsig typhösen Erscheinungen heilte 
sicher und schnell bei folgender Dosierung: 

Rp. Tinct. jodi simpl. gtt. XV—XVIII 
Syr. spl, 20,0 

Aq. destill. ad 150,0 


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M.D.S. 1—2 stdl. 1 Efslöffel oder auf 3 mal binnen 
12 Std. zu nehmen (je nach der Heftigkeit des Falles). 

Oefters wurde auch das Mittel angewandt bei akuter Gastroente¬ 
ritis der äSuglinge (3 mal 1 Tr.). Erbrechen und grünliche stinkende 
Durchfälle liefsen meistens nach. 

III. Bei akutem Duodenalkatarrh mit Ikterus, Meteorismus, 

IV. Bei Influenza mit gastrischen Erscheinungen, 

V. Im allerersten Anfang der Perityphlitis, wenn Erbrechen, Durch¬ 

fall und Ileocoecalschmerz auf die erst entstehende Infiltration hinweisen, 
war die Wirkung der Jodtinktur eine günstige und kann zur Nach¬ 
prüfung empfohlen werden. Schnell-Egeln. 


Gesundheitspflege. 

Ueber den Einflufs der Schule auf Körperentwicklung 
und Gesundheit der Jugend kommt Dr. Schmidt-Monnard in 
einer Arbeit, in welcher er seine Resultate von mehrjährigen Unter¬ 
suchungen an etwa 16000 Schulkindern (von Realschulen bis zu Gym¬ 
nasien) verwertet, zu folgenden Schlüssen: 1. In der ersten Schulzeit tritt 
eine Verminderung der Zunahme an Körpergewicht und Körperlänge 
ein. 2) Krankheiten unter Schülern zeigen sich da mehr, wo unge¬ 
nügende Beleuchtungs- und Lüftungseinrichtungen in Schulen vorhanden 
sind. Die VentilationsVorrichtungen in letzteren sind gröfstenteils völlig 
unzureichend. 3) Langwierige (chronische) Krankheit tritt in höherem 
Grade bei Mädchen als bei Knaben auf. Die ersteren erscheinen daher 
schonungsbedürftiger. 4) Die chronische Kränklichkeit ist verschieden 
häufig in verschiedenen Schulen. Sie tritt besonders da auf, wo der 
Unterricht über den ganzen Tag verteilt ist und wo den Schülern wenig 
oder gar keine Zeit bleibt, um genügend an die Luft zu kommen. In 
einzelnen höheren Knabenschulen mit stärkeren Arbeitsleistungen und 
ungünstiger Tageseinteilung übertrifft die Zahl der Kränklichen, besonders 
der Nervösen, sogar die der Mädchen aus gleichen Familien, obwohl doch 
die Mädchen als die zärteren und empfindlicheren gelten müssen. 5) 
Die chronische Kränklichkeit geht nicht nur Hand in Hand mit der 
Arbeitslast und ungünstigen Verschiebung der Schularbeit (Nachmittags¬ 
unterricht und infolgedessen Vernachlässigung der Freiluftspiele), sondern 
auch mit Verkürzung der Schlafdauer und mit Vermehrung der frei¬ 
willigen Ueberarbeit, (Musikstunden). 6) Im 13.—14. Lebensjahre findet 
bei mit wenig Hausarbeit belasteten Knaben und Mädchen ein normaler 
Rückgang chronischer Kränklichkeit statt. Dieselbe fehlt auf höheren 
Mädchen- und Knabenschulen mit stärkeren geistigen Anforderungen. 
7) Man findet in höheren Knabenschulen mit gröfserer Kränklichkeit der 
Schüler bis zu 11 Stunden obligatorischer Tagesarbeit. 8) Die Schlaf¬ 
dauer ist bei den Besuchern höherer Knabenschulen vielfach ungenügend, 
sie beträgt oft nur 5—7 Stunden mit Zubettgehen um 11, 12 Uhr und 
später. 9) Neben reichlicher obligatorischer Schularbeit findet sich bei 
Schülern mit chronischer Kränklichkeit auch viel freiwillige Nebenarbeit 
(weibliche Handarbeiten mit Musik teilweise 10—11 Stunden wöchentlich), 
— Als allgemeinen sehr beachtenswerten Schlufssatz stellt Verf. folgenden 


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auf: Die geistige Leistungsfähigkeit unserer Schuljugend nimmt nach dem 
Ausspruch erfahrener Pädagogen im Vergleich mit früheren Generationen 
ab. Der Grund ist der, dafs in manchen höheren Schulen ein über- 
grofser geistiger und damit auch körperlicher Kräfte verbrauch stattfindet. 
Wenn wir den Schülern nicht mehr Zeit für Schlaf, Ruhepausen und 
Freiluftspiele lassen, so erzielen wir ein für den Kampf ums Dasein 
wenig tüchtiges Geschlecht, dessen Nachkommen kraft des Erfahrungs¬ 
gesetzes der Vererbung noch widerstandsunfähiger und nervöser sein 
werden. Der geistige Gewinn aus der Ueberbürdung ist nicht die 
zweifellose Einbufse an körperlicher Rüstigkeit wert. (Schw. Blätter f. 
Ghtspfl). 


Recensionen. 


Kinderheilkunde in Einzeldarstellungen. Vorträge gehalten an der 
allgemeinen Poliklinik von Prof. Dr. Alois Monti, Direktor der allgem. 
Poliklinik in Wien. Heft 3—5. Wien u. Leipzig, Urban u. Schwarzen¬ 
berg, 1897. Preis Heft 3. 3 Mk. 75 Pf. Heft 4. 3 Mk. 75 Pf. 

Heft 5. 1 Mk. 50 Pf. Heft 3: Die Erkrankungen der kindlichen Ver¬ 
dauungsorgane I. Mund, Rachen, Speiseröhre und Magen. Nebst 
Anhang: Die im Kindesalter am häufigsten vorkommenden Vergift¬ 
ungen. 

Heft 4: Die Erkrankungen der kindlichen Verdauungsorgane. 
II. Magen- und Darmkrankheiten. Mit 11 Holzschnitten. 

Heft 5: Die Krankheiten des Peritoneums, der Leber, der Milz 
und des Pankreas. Nebst Anhang: Diabetes insipidus und Dia¬ 
betes mellitus. 

Die vorliegenden Hefte behandeln in didactischer Weise auf Grund 
der reichen Erfahrung des Verf. die praktisch wichtigsten Kapitel der 
Kinderheilkunde. Heft 3 und 4 bringen in ausführlicher Weise die 
Krankheiten der kindlichen Verdauungsorgane und Heft 5, diejenigen 
der Verdauungs-Hülfsorgane. Verf. schöpfte überall aus dem Schatze 
seiner reichen Erfahrung und giebt daher einen Ueberblick über die 
Ergebnisse der heutigen Forschung. Ein Referieren der einzelnen Kapitel 
kann ich mir wohl ersparen, da es allgemein bekannt ist, dafs 
gerade M. berufen ist, dem angehenden Kinderärzte und dem praktischen 
Arzte einen objektiven Leitfaden der Kinderheilkunde an die Hand zu 
geben. Wir sehen mit grofsem Interesse den weiteren »zwanglosen 
Heften« entgegen. Drews, Hamburg. 


Therapie des Säuglings- und Kindesalters. Von Prof. Dr. S 
Jacobi. Uebersetzt aus dem Englischen von Dr. O. Reunert 
2. Aufl. Berlin, Julius Springer, 1898. Preis 10 Mk. geb. 

Der Verf. hat versucht, auf einem verhältnismäfsig knapp bemessenen 
Raume nicht nur eine Therapie des Säuglings- und Kindesalters zu 
liefern, sondern auch eine Diätetik und Hygiene der Säuglinge zu bieten 


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und die Diagnose, Prognose und den Verlauf der einzelnen Krankheiten 
in den Rahmen seiner Betrachtungen zu ziehen. Da nun sämtliche 
Krankheiten auf allen Gebieten der Medizin Erwähnung finden, so ist 
es erklärlich, dafs vieles nur mit kurzen Worten abgethan wird, der 
Inhalt und Wert der einzelnen Kapitel sehr ungleichmäfsig ausfällt und 
das Buch selbst nur in den Händen des Fortgeschrittenen Verwendung 
finden kann. Einige Kapitel, wie I) die Ernährung des kranken Kindes, 
II) Allgemeine Therapie, III) Behandlung des neugeborenen Kindes ver¬ 
dienen besonders hervorgehoben zu werden, während zahlreiche andere 
beinahe nur eine Aneinanderreihung von Krankheitsnamen darbieten. 
Nichtsdestoweniger zeigt sich in dem ganzen Buche der erfahrene und 
menschenfreundliche Kinderarzt und kein Leser wird dasselbe ohne eine 
Bereicherung seiner Kenntnisse bei Seite legen. Wenn Verf. in dem Kapitel 
von den Krankheiten des Blutes anrät, für eine Beschränkung der Schul¬ 
stunden zu sorgen und eine Ueberfüllung der Schulzimmer zu verhüten 
und dabei sagt: »Es giebt Gesetze, um die Fabrikarbeit und das Auf¬ 
treten der Kinder auf der Bühne zu verhindern, aber keine, um sie vor 
den ebenso verderblich wirkenden Schulstunden in geschlossenen Räumen 
ohne Bewegung im Freien zu schützen«, so können wir ihm von ganzem 
Herzen beistimmen. Nicht minder, wenn er in dem Kapitel über 
Skrophulose schreibt. »Die moderne Therapie legt den Hauptwert auf 
die Prophylaxe, ein Grundsatz, der für die Skrophulose nicht häufig 
genug geltend gemacht werden kann. Wie manche derartige Erkrank¬ 
ungen wären zu vermeiden, wenn unser Denken und Fühlen, unsere Ge¬ 
setze und Gewohnheiten nicht vom krassesten Egoismus diktiert würden! 
So lange aber der Einzelne nicht seine eigenen Interessen dem Wohle 
der jetzigen und künftigen Generation zum Opfer bringen wird, so lange 
wird es auch nicht möglich sein, die Eheschliefsung skrophulöser, tuber¬ 
kulöser oder syphilitischer Personen und die Fortpflanzung ihrer ver¬ 
derblichen Krankheiten zu verhindern. Nicht wie die alten Spartaner 
wollen wir die kranken neugeborenen Kinder töten, wohl aber jene be¬ 
dauern, die von ihren eigenen Eltern mit der unheilvollen Erbschaft der 
Krankheit bedacht sind. Wir müssen uns darüber klar werden, dafs 
wir als Bürger eines Staates für die physische und psychische Gesundheit 
der Allgemeinheit verantwortlich sind.» Im ferneren seien noch die 
Kapitel über Infektionskrankheiten und über die Krankheiten des Nerven¬ 
systems einem eingehenden Studium empfohlen. 

Ehrlich, Neisse. 


Kurze Notizen aus der Praxis und Wissenschaft. 

— Einen Fall von Retropharyngealabscefs mit ganz un¬ 
gewöhnlichen Komplikationen beschreibt Franklin. Patient, ein 
7 jähriges Kind, bekam plötzlich einen Kollaps und begann aus Mund 
und Nase zu bluten. Die Quelle der Blutung schien in der Gegend 
der beiden Tonsillen zu liegen. Das Kind erholte sich zunächst. Am 
andern Tage aber bestand vollständige Aphasie und komplete Lähmung 
der rechten Körperhälfte, sowie Anästhesie derselben. Allmählich erholte 
sich das Kind wieder und behielt nur eine Parese des Armes und einen 


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287 


Pes equino-varus zurück. Verf. glaubt, dafs der Abszefs in die Carotis 
interna durchgebrochen ist und dafs von hier aus eine Embolie der 
linken Hemisphäre entstand. Er stützt sich auf einen ähnlichen in der 
Litteratur beschriebenen und letal verlaufenen Fall, in welchem die 
Section obigen Befund ergab. (Medical News Febr. 1898.) 

Klautsch, Halle a. S. 

— Ueber die mutmafslichen Schicksale des Mehles im 
Darme junger Säuglinge. Von Schlofsmann. Heubner und 
Carstens erbrachten den Beweis, dafs entgegen der Angabe der meisten 
Lehrbücher auch schon in den ersten Lebensmonaten der Darm des 
Säuglings einen Teil des eingeführten Mehles verdaue. Hingegen wendet 
sich Verf. auf Grund von Reagenzglasversuchen, und behauptet: Die 
Hauptaufgabe jeder Therapie im Säuglingsalter bleibt stets, den Patienten 
möglichst rasch auf entsprechend verdünnte, überfettete oder gezuckerte 
Milch ohne jeden Mehlzusatz zurückzuführen. Gegen den jetzt unter 
den Kollegen üblichen Schematismus, reflektorisch Calomel und Mehl¬ 
suppe zu verordnen, kann nicht energisch genug Front gemacht werden. 
Hingegen wendet sich Heubner in seinen scharfen antikritischen Be¬ 
merkungen: Säuglingsdarm und Me hl Verdauung und weist in 
energischer Weise die heute nur allzu sehr geübte Art, auf rein theore¬ 
tische Vermutungen und Reagenzglas- und Brutschrankversuche hin alte, 
durch die praktische Erfahrung festgestellte Thatsachen leugnen zu 
wollen. (Jahrb. f. Kdhlkd. 98.) Klautsch, Halle a. S. 


Rezeptfonnein für die Kinderpraxis. 


R P . 


Ammon, acet 

1,0—2,0 

Natr. benzoic. 

2,0 

Oxymell. Scill. 

10,0 

Syr. Ceras 

30,0 

Aq. destillat. 

110,0 

MDS. stdl. 1—2 Theel. 
Pneumonie. 

(Perier). 


Rp. 

Balsam, peruv. 10,0 

Spir. aeth. 50,0 

DS. zum Einreiben. 

Ped iculi. 

(Ther. Monatsh.) 


Rp. 


Jod. pur. 0,06 

Kal. jodat. 0,12 

Tct. op. spl. 1,2 

Glycerin 120,0 


MDS. 2 mal tgl. die Mandeln zu 
bepinseln; aufserdem ! / 2 Theel. 
auf 1 Glas Wasser zum Gurgeln. 
Ma ndel hypertrophie. 

(Ctrbl. f. d. ges. Ther.) 


Rp. 


Adip. lan, 

5,0 

Vaselin. 

10,0 

Aq. destillat 

20,0 


Mf. ungt DS. Kühlsalbe. 
Eczema. 

(Leistikow). 


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288 


Rp. 

Jodvasogen 6 °/ 0 in suflf. quant. 

DS. zum Einreiben, tgl. 1 — x / 2 gr. 
Lues. 

(Leistikow). 


Rp. 


Phenacetin 

4,0 

Pulv. acac. 

8,0 

Pulv. amygd. 

4,0 


Mf. pulv. DS. Schnupfpulver. 
Rhinitis mit profuser 
Sekretion. 


(Woodruff). 


Kleine Mitteilungen. 

— Dr. W e i c h e r t hat sich zu Impfzwecken eine sog. Impf- 
m e n s u r konstruiert. Dieselbe stellt einen mit Millimeterscala, sowie 
einer sich erweiternden und vertiefenden Rinne versehenen Nickelwürfel 
dar. Die Rinne fafst 0,5 Lymphe. Ist sie gefüllt, so bleibt je nach der 
Eintauchstelle an den Nickelimpfspateln mehr oder weniger Lymphe 
haften, und zwar 


entsprechend d. 

i 

mm 

Teilstrich 

i 

mg 

< 

» 

5 

» 

» 

2 

» 

» 

> 

10 

» 

» 

3 

» 


» 

15 

» 

» 

3,5 

» 

> 

» 

20 

» 


4 

> 

> 

» 

29 

» 

> 

4,9 

» 


Zwecks ganz genauer Dosierung der Lymphe sind gewisse Vor- 
sichtsmafsregeln erforderlich: sorgfältiges Nachfüllen von Lymphe nach 
5—10 Impfungen und vorheriges Durchziehen der blanken Instrumenten¬ 
scheiden durch die Spiritusflamme, wodurch jene für einige Stunden 
die nicht nur die sorgfältige Dosierung, sondern auch das Verimpfen 
so störende Eigenschaft aller glänzenden Metallflächen, sich nur schwierig 
mit Flüssigkeit benetzen zu lassen, verlieren. Die Impfmensuren sind zu 
beziehen von O. Seyffart in Altenburg. 

— Nach der »Zeitschr. f. Krkpfl.« ist zur Füll un g von Spuck- 
näpfen wesentlich geeigneter als die bisher bevorzugte Karbolsäure 
der Holzessig, welcher innerhalb 6 Stunden den Auswurf sicher des¬ 
infiziert. 


Druck von Frz. Volkmann, Schönefeld b. Leipzig, Dimpfelstr. 


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